Menschen lügen
Menschen lügen – weil es möglich ist. Wir können beklagen, dass Menschen lügen und uns empören, lauthals schimpfen, eine Anklage starten, aber das Lügen als solches können wir nicht abschaffen. Ebenso die Nichtaussage, das Weglassen von Information, stellt eine kommunikative Möglichkeit des Sprechenden da. Jemand schweigt, obwohl er weiß. Ein Jurist hat damit so seine Probleme. Aus einer Gerichtsverhandlung wurde zitiert, das las ich mal, der Angeklagte habe „wissentlich“ gelogen. Kann man unwissentlich lügen? Das habe ich mich seinerzeit gefragt, mich über die sprachliche Blüte geärgert. Zu lügen ist ein Regelbruch der Kommunikation. Man überfährt – absichtlich – eine rote Ampel gewissermaßen, glaubt damit durchzukommen. Mein Sohn zitiert dazu seinen Fahrlehrer: „Rot heißt, die anderen fahren.“ Übertragen auf die verbale Unwahrheit, kann man sich ausrechnen, dass zu lügen gegebenenfalls Gefahr bedeutet für denjenigen, der lügt? Kommt auf die Schwere an, würde ich sagen und wie oft; der Kontext spielt eine Rolle. Eine rot werdende Ampel noch gerade mitzunehmen, das heißt einen Vorteil haben zu wollen, und so ist es mit dem Lügen: Man verspricht sich was davon, eine Art von Gewinn.
Wo nicht Einzelne gelegentlich lügen, sondern ganze Gesellschaften, größere Gruppen jedenfalls Menschen zu manipulieren trachten, wird dieses Verhalten zum Studienobjekt für einen, den es angeht. Mich, den Künstler, geht es an, so einer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Es ist eine Aufräumarbeit für Gesellschaftspfleger. Wir sind viele. Das wollen auch unsere öffentlich rechtlichen Nachrichtensender gerne tun, uns Zuschauern aufzeigen, wie etwa die amerikanischen Wähler weiter zu ihrem Präsidenten halten, der doch offensichtlich immer wieder die Unwahrheit sagt.
„Heute“, mit Mitri Sirin, thematisiert die Hardliner. US-Zwischenwahlen in einer Woche, Sirin moderiert an:
„Für Trump und seine Republikaner steht eine knappe Mehrheit in beiden Kongresskammern auf dem Spiel. (…). Viele republikanische Wähler sind wegen gebrochener Versprechen stinksauer, aber es gibt sie noch: die „Trump-Ultras“ – einige hat Claudia Bates getroffen.
Das ZDF zeigt Amerika heute.
Wir sehen einen Parkplatz, Büsche, dunstiger blauer Himmel, weiße Schönwetterwolken im Hintergrund. Ein rotbraunes Gebäude aus Holz mit zwei Giebeln ist links im Bild. Rechts davor parkt ein weißer Pickup.
Die Stimme der Journalistin kommt aus dem Off:
„Die Kneipe ,Embers Grill‘ in Clarkrange im ländlichen Tennessee. Hier treffen wir den örtlichen Republikaner-Vorsitzenden und seine Freunde. Für sie geht es bei der Wahl nicht um die Tagespolitik, sondern um unerschütterliche Grundüberzeugungen.“
Gezeigt wird ein Burger mit Pommes, dann rückt ein Mann ins Bild. Sein Name wird eingeblendet: Troy Hardy. Er ist schon älter, hat wenige, kurz rasierte, weiße Haare, sonst Glatze. Schneeweiße Augenbrauen, wasserhelle Augen, blasse Haut, helblaues T-Shirt – das dürfte der Chef der Republikaner vor Ort sein. Er spricht mit Pathos:
„Man darf eine Waffe tragen, so steht es in der Verfassung.“
Gezeigt wird seine Pistole, die der Republikaner rechtsseitig, als wäre das vollkommen normal, am Hosengürtel trägt, während dieser Mann doch bloß am Tisch eines Grillrestaurants mit Freunden zum Essen sitzt.
„Die Wirtschaft, meine christlichen Werte. Sind die Kandidaten Christen, glauben sie dasselbe wie ich?“
Wir sehen einen lackierten hölzernen Tisch im Grill. Drei Männer und zwei Frauen haben Burger gegessen. Es liegt noch Besteck. Zusammen geschoben sind aber schon die Teller; Essensreste, zerknüllte Papierservierten. Große Senf- und Ketchupspender aus Kunststoff stehen da mittig auf dem Tisch. Rote Coca Cola Becher sind teilweise gefüllt. Farmbilder mit Rindern (im Vordergrund) und kulissenhaft Bergspitzen (im Abendlicht) hängen an der Wand. Links zum Fenster hin sind noch andere Gäste. Man redet über Dinge, die das republikanisches Weltbild bedeuten, die Donald Trump für sie verkörpert.
Bates kommentiert: „Dafür sehen sie über vieles hinweg, z.B. Trumps gebrochene Versprechen, keine neuen Kriege.“ Die Frau im roten T-Shirt links verteidigt ihren Präsidenten:
„Ja, das hat er gebrochen, aber es musste sein.“
Bates moderiert das Geschehen für uns: „Oder die Nähe zu Russlands Präsidenten Putin.“
Die einfach argumentierende Frau mit dem roten Shirt, ihr Name wird eingeblendet, Karen Hardy, blickt schlau. Sie versteht Donald Trump. Für sie ist er nur konsequent. Eine notwendige Kriegslist? Die Republikanerin erklärt:
„Hab’ deine Freunde im Blick und deine Feinde noch mehr!“
Claudia Bates, die Auslandskorrespondentin, meint abschließend: „Trumps treue Basis steht weiterhin zu über neunzig Prozent zum Präsidenten, aber viele traditionelle Republikaner rücken von ihm ab. Die hohen Preise für Lebensmittel, für Benzin. Trumps Zustimmungswerte unter Wechselwählern sind historisch niedrig.“
(Heute-Nachrichten um 19 Uhr, 27.10.2026).
Was mich an diesem Beitrag fasziniert – ich habe es gestern live gesehen und heute in der Mediathek abgerufen für eine detailierte Schriftform – ist das widersprüchliche Denken dieser Wähler, ihre offensichtliche Treue zu einer Politik, die uns in Europa nur schockiert. Ein blassgesichtiger Amerikaner pocht auf christliche Werte, die sein Präsident für ihn verkörpert und verweist auch auf das verfassungsgemäße Recht des amerikanischen Bürgers, eine Waffe offen zu tragen. Zum Schießen? Christus war gerade deswegen so revolutionär in seiner Forderung des Gewaltverzichts, dass man sich nur wundern kann. Dann diese Frau links am Tisch: Das Schönreden des idiotischen Krieges mit dem Iran oder die Unfähigkeit, den Krieg in der Ukraine zu beenden in einer Woche, wie versprochen, das menschenverachtende Chaos weiter als Klugheit zu interpretieren – kindisch.
Das ZDF hat es leicht, uns solche Menschen als einfältige Ausländer darzustellen, die doch wirksames Wahlvolk bedeuten, diese europafeindliche Politik am Leben zu erhalten. Hier schafft es die Trump-Regierung offensichtlich, ihre Nation zumindest hälftig so weit zu manipulieren, dass die unsäglichen Entscheidungen der Führung täglich weitergehen dürften. Eine verlogene, korrupte Politik – das kann vielfach belegt werden, und es gibt durchaus amerikanische Bürger, die das mitbekommen – wird getragen von naiven Wählern, die an ihr eigenes Gutsein fest glauben. Da haben wir tatsächlich und so gesehen Lügner, die gar nicht wissen wollen, dass sie öffentliche Falschaussagen mittragen, ja erst möglich machen. Sie lügen unwissentlich mit, weil sie es besser wissen könnten, aber ausblenden, was geschieht. Solche Menschen wollen den sozialen Druck, der sie bestimmt, nicht wahrhaben. Sie katalysieren daraus Stärke, können erhebliche Schlagkraft entwickeln für eine menschenverachtende Idee oder Denkweise, der sie gern folgen. Sie genießen den Verbund mit anderen und hofieren den Chef – egal wohin die Reise geht.
# Die Guten lügen gern
Kriminelle lügen gelegentlich. Sich für gut haltende Menschen lügen aber immer. Das ist eine Behauptung, und ich möchte mich einschießen auf die als Gutmenschen verspotteten Zeitgenossen unter uns: Solche wollen von sich nie wissen, dass sie selbst der längere Arm einer jeweils kriminellen Verbindung sind. Das kennt man, Verschwörungsideologen, bigotte Eiferer oder fanatische Ökowähler präsentieren dem Gemäßigten die Uneinsichtigkeit ihrer festgefahrenen Denkweise. Das Beispiel Amerika zeigt, die Wähler dort tragen ihre böse Politik voran. Das sind Gutgläubige, die gern ignorieren, auf diese Weise die Werte abzuschaffen, für die sie angeblich stehen. Auf Populisten kann man hereinfallen. Wir sehen ein buntes Plakat und glauben dem schönen Gesicht darauf. Es werden Sicherheit, Gerechtigkeit und Fortschritt versprochen. Jede Regierung gibt sich „entschlossen“ – wozu auch immer. „Der Staat sorge für Stabilität, arbeite für sein Land“, sagt so in etwa (überall auf der Welt) die Politik, unsere gesellschaftliche Verwaltung (und ihre Polizei). Man „schaffe Ordnung“, eine Partei behauptet, sie sei „christlich“ usw.
Das große System begegnet uns auch im Kleinen. Niemand ist allein. Jeder Nächste lebt wie wir selbst in Beziehungen und entsprechenden Verpflichtungen, Abhängigkeiten und muss die eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Geflecht einer Struktur integrieren. Damit gewinnt die Frage nach dem Wahr oder Falsch der Umgebung erhebliche Bedeutung in einer Welt, die uns im Ganzen bekannt ist, uns fordert als Planet mit vielen Gesichtern, deren Motive und Geschehen wir im Einzelnen aber niemals nachprüfen können. Wir sind angewiesen auf verlässliche Kommunikation. Es hat für mich ein wenig gedauert zu begreifen, dass Menschen, mit denen ich in Beziehung lebe – im weitesten Sinne also alle irgendwie Bekannten – ihre jeweiligen Aktivitäten immer aus der individuellen Lebenssituation heraus und im Geflecht ihrer eigenen Beziehungen beginnen. Niemand ist frei, ganz allein zu entscheiden, was er sagt. Was jemand also tut, geschieht immer aus seiner Beziehungslage heraus. Damit kommunizieren nie zwei unabhängige Personen, wenn sie sich positionieren. Ein Gegenüber wird innerlich bewertet. Das gewonnene Bild gleicht man ab mit dem, was andere von diesem Partner halten würden. So gesehen ist jeder Gesprächspartner, dem wir uns gegenüber sehen, nur die Spitze des Eisbergs zu erwartender Reaktionen und kann sogar eine (missbräuchlich in Fahrt gesetzte) Waffe, eine Speerspitze anderer sein.
Das wären Leute, die wir im Hintergrund nur ahnen könnten.
Donald Trump allein, um das Beispiel USA erneut zu nutzen, könnte nichts gestalten, aber als gewählter Präsident schickt so einer Soldaten in den Krieg, belegt andere Staaten mit irrationalen Zöllen und vieles mehr. Dafür benötigt dieser politische Führer seine Unterstützer. Genauso funktioniert auch Machtausübung im Kleinen. Die Weltliteratur hat da einiges zu bieten. Lesen lohnt sich, und auch Filme, das ursprünglichere Theater und letztlich die Kunst insgesamt wollen uns anschaulich machen, was der Philosoph, der Psychologe erforscht.
Der chamäleongleiche Long John Silver aus der „Schatzinsel“ ist ein gutes Beispiel, wie jemand es schaffen kann, Menschen für sich einzunehmen, aber immer mit dem Hintergedanken, bloß die eigenen Ziele zu erreichen.
# Der manipulative Charakter
John Silver ist eine der faszinierendsten Figuren der Weltliteratur für manipulativen Charme und opportunistische Anpassungsfähigkeit. Robert Louis Stevenson hat mit ihm die Blaupause des „sympathischen Schurken“ geschaffen. Silvers Erfolg beruht auf psychologischen Strategien, die ihn zu einem meisterhaften Manipulator machen. Er besitzt die Fähigkeit, genau die Rolle einzunehmen, die sein Gegenüber sehen will. Für den jungen Jim Hawkins wird er zur charismatischen Vaterfigur, zum Mentor und Beschützer. Für den naiven Trelawney gibt er den pflichtbewussten, ehrlichen und unterwürfigen Schiffskoch. Für die meuternde Crew ist er aber der kalte, Respekt gebietende Anführer.
Einer, der keine Schwäche duldet.
„Long“ Silver gewinnt Menschen nicht durch Zwang, sondern durch Zuneigung und Anerkennung. Indem er Jims Vertrauen erlangt, schafft sich der lange John einen emotionalen Schutzschild. Als seine Bösartigkeit ans Licht kommt, fällt es Jim und auch uns Lesenden schwer, ihn völlig zu verabscheuen. Seine Zuneigung zu Jim ist teilweise echt. Sie hält ihn aber nie davon ab, eiskalt den Vorteil zu suchen. Sobald seine Maske fällt, zeigt sich die wahre Natur des Böslings! Er zögert keinen Moment, treue Seeleute zu ermorden, die sich der Meuterei nicht anschließen wollen. Jede seiner Handlungen ist so: Menschen sind für ihn bloß Werkzeuge. Haben sie ihren Zweck erfüllt oder stehen sie ihm im Weg, werden sie fallengelassen, beseitigt. Was Silver modern macht, ist sein ideologischer Leerlauf. Er kämpft weder für die Piraten noch für die Krone. Er kämpft für sich selbst. Als die Meuterei scheitert, wechselt er sofort wieder die Seiten. John schmeichelt sich beim Kapitän ein und schafft es am Ende sogar, mit einem Teil des Schatzes zu entkommen. Stevenson zeigt durch Silver, dass die gefährlichsten Menschen nicht die sind, die finster und abweisend wirken, sondern jene, die uns das Gefühl geben, unser bester Freund zu sein.
# Der falsche Freund
Solche eleganten Zeilen, wie das eigentlich noch war mit dem langen John, ein Buch, das wir damals gelesen haben, fasst uns in Sekundenschnelle die künstliche Intelligenz, der beste Freund jedes Schreibenden, zusammen. Hier und da ein wenig anpassen, ein anderes Wort, einen eigenen Satz hinein, und schon kann man klug daherschreiben. Das nutze ich so gern! Man muss aber aufpassen. Die Suchmaschine ist eine programmierte. Und man kennt es ja inzwischen vom Computer, er tut nur intelligent. Das kann der größte Idiot sein? Jeder Kollege im Büro nebenan wird uns belehren, wenn wir auf das Ding schimpfen:
„Der Idiot bist du selber.“
Programme, die nun selbst loslegen, nennen wir „Künstliche Intelligenz“ – aber wie das mit der Intelligenz so ist: Die einen haben scheinbar mehr, die anderen weniger davon. Es kommt auf den Einzelfall an. Der Suchvorgang mit leicht abgewandelter Frage offenbahrt die vielen Wahrheiten, die da lauern im Netz.
John Silver, der falsche Koch, übt seinen Einfluss auf den Schiffsjungen Jim direkt aus. Wird der Jugendliche zum Werkzeug seiner Pläne? Mein Freund Google – mithilfe seiner künstlichen Klugheit – antwortet auf die Frage wie folgt: Silver nutzt seine charismatische, väterliche Art, um Jims Vertrauen zu gewinnen. Durch dieses Vertrauen bewegt sich Jim frei an Bord und im Lager der Piraten. Silver nutzt Jims Unschuld und Loyalität aus, um Informationen zu sammeln und sich vor den ehrlichen Seeleuten (Dr. Livesey, Kapitän Smollett) als verlässlicher Schiffskoch zu inszenieren. Das habe ich als Roman selbst gelesen und es ist lange her. Ich erinnere den spannenden Stoff.
Ein weiteres Detail hätte ich selbst gewusst und soll hier nicht fehlen. Es kam mal irgendwo, und deswegen war es gerade einfach, sich zu vergewissern, wie es mit der „Schatzinsel“ losgegangen war für den Schriftsteller:
Google: „Im verregneten Sommer 1881 zeichnete Stevenson zusammen mit seinem jungen Stiefsohn Lloyd Osbourne eine detaillierte, farbige Karte einer fiktiven Insel. Beim Betrachten der Karte kamen ihm sofort die Ideen für die Charaktere und die Handlung. Er sagte später selbst, dass die Form der Insel seine gesamte Geschichte bestimmte.“
Wir Künstler.
Einen Roman als Jugendbuch geschenkt zu bekommen, zu lesen in diesem Alter des Heranwachsenden, führt schwerlich sofort dazu, diesen anspruchsvollen Stoff gleich als Werkzeug nutzen zu können, das eigene Leben damit auszuloten. Das sollen wir aber. Darum wurde das geschrieben. Niemand denkt sich Charakterzüge aus. Stevenson findet nur einen fiktiven Ort für uns, um letztlich seine Geschichte zu erzählen. Schenefeld, meine heutige Heimat, kann der Ort sein wie jeder andere auch, wo man zwischen die Räder einer Entwicklung gerät und das Falsche um sich herum erst einmal nicht bemerkt. Wer nur ahnt, dass da etwas nicht stimmt, dürfte paranoid zu denken beginnen! Mir ist es so ergangen, und ich war nicht ganz unschuldig daran: Ich wollte das erleben, so war der verrückte Plan – ich gebe es zu!
Die Vergangenheit auf den Plan zu rufen, um die eigene schizophrene Erkrankung aufleben zu lassen, die Mechanismen diesmal bewusst mitbekommen, das wollte ich. Mit dem Psychiater konnte man es nicht besprechen. Mein Arzt hat die Idee seinerzeit gar nicht begriffen. Der Fachmann wusste wohl, dass man „Psychose“ nicht selbst machen kann, wie ich es als notwendiges Projekt der Selbsterkenntnis formulierte. Ich aber war voller Begeisterung, dass mir das vorschwebte hinzubekommen!
Man braucht eine Umgebung als notwendige Bühne.
Stichwortgeber sind nötig für eine paranoide Denke. Der Arzt wird gewusst haben, was mir als Patienten nicht klar war. Der liebe Doktor dürfte sich vor den Konsequenzen auch für ihn selbst gefürchtet haben: Ein Patient, der absichtlich krank werden möchte? Das hatte der Gute sicher noch nie erlebt.
Es hat funktioniert, könnte man meinen, aber eine Rosskur war das allemal. Jeder Text hier will ein Mosaikstein sein. Das Motiv bleibt ein wenig unscharf. Mein Spiegelbild ist da noch erkennbar das besondere Mädchen, dass sich nackig macht für einen guten Onkel, der sie prostituiert zum Selbstzweck. Die Jugendliche, die nicht merkt, dass sie als naiver Köder verheizt wird: Ich habe so eine kennengelernt. Der unterbelichtete Forrest Gump zerrt seine nackte Freundin von der Bühne, aber ich habe das Tollhaus im Dorf erst richtig angeheizt. Dafür könnte sich einer schämen? Fällt mir nicht ein! So halte ich dagegen, nachdem mir klar geworden ist, wie das Böse daherkommt – als netter Onkel eben oder zwei, drei von dieser Sorte.
# Die Kunst hat die Pflicht …
… Idioten bloßzustellen. Niemand darf sich gefallen lassen, dass ihm sein Menschsein abgesprochen wird, weil er eben verrückt sei, gefährlich irre, vernarrt. Besonders, wenn ihm diese Einsicht kommt, dass genau das geschieht und er, weil er ja noch klar denken kann, eben in der Lage ist, sich normal, zivilisiert zu verhalten, also in Wahrheit das Opfer von Rufmord wurde. Diese seine Wahrheit kann einer gegenüber dem Staat nicht gelten machen, wenn es der Staat selbst ist oder dessen Helfershelfer sich aufschwingen, ihn mit Dreck zu bewerfen, um sagen zu können:
„Seht her, was das für ein Schmutzfink ist!“
So ein Staat ist kein Rechtsstaat. Da kann man nicht zur Polizei gehen und selbst eine Anklage führen, gegen einen Apparat, der verdeckt den Lauschangriff startet einerseits, aber nebenbei lauthals verkündet, was dabei an Furzen zusammenkommt. Merkt man als der Observierte, was für ein Pack durchs Schlüsselloch schaut, ist es wohl das wenigste, einen Spiegel dort hinzustellen? Das kann Kunst leisten! Wer sich noch für einen Polizisten hält, der – aus seiner Machtposition heraus – nur widerlich agiert, darf nun gern erleben, selbst vollkommen lächerlich abzukacken beim Versuch, hier irgendwas zu gewinnen, überhaupt „Beute zu machen“ für den pervertierten Laden.
Ich habe jetzt immer zu tun.
Danke!
# You Can’t Hurry Love
Männer sehen sich in Konkurrenz immer anderen Männern gegenüber und dürfen nicht der Verwechslungsgefahr auf den Leim gehen, die ihnen widerfährt, wenn sie glauben, eine Frau zwingen zu wollen, dass diese sich verliebt. Die Liebe ist kein Gegner. Künstler verarbeiten Wahrheiten, auch Musiker sind Kreative. Der Welthit von Phil Collins war eigentlich ein Remake aus den Sechzigern. Ich hörte den Song während meiner Zeit am Steinhauerdamm zum ersten Mal; zwei Jahre Fachoberschule waren nötig zum anschließenden Studium für mich. „You Can’t Hurry Love“, da habe ich wohl nicht aufgepasst. Mein schlechtes Englisch könnte schuld sein? Wir können nicht erfolgreich um die Liebe einer Frau kämpfen als Mann! Wer immer hinrennt zum Mädchen, scheitert sogar an ihrer Mutter. „The Twisting of the Rope“ (eine alte irische Melodie) erzählt vom Tölpel, der nichts merkt. (Man kann auch das googeln). So wie wir nicht erfolgreich gegen uns selbst einen Kampf gewinnen, müssen wir als Mann begreifen: Der tatsächliche Gegner ist immer ein Mann.
Es ist der andere Mann, ein Freund oder ein Kollege in der Firma, der Vater, aber jedenfalls ein Mann. Jemand ist auch in sie verliebt, ein Nebenbuhler, oder einer gibt den beschützenden Onkel. Ein Bruder stellt sich vor seine Schwester, was weiß ich? In meinem Fall denkbar, man instrumentalisiert meine Vergangenheit: Der Mann bei der Kripo zieht den vermeintlich kranken Spinner – das soll ich ja wohl sein (und bleiben) für den Staat – aus dem Verkehr, oder eben der Vater des Mädchens will den Bewerber nicht usw. Das Mädchen, die Frau selbst sucht den Mann aus.
Nur so herum funktioniert es.
Ich musste das lernen, und zu lange habe ich gebraucht dafür: Meine Furcht vor Menschen, Gestalter in unsrer patriarchalischen Welt sind immer noch Männer, hat mich krank gemacht! Die Notwendigkeit einer Karriere als Basis für Anerkennung verstand ich nicht. Das Vorankommen setzt soziale Kompetenz aber voraus. Die Arbeit an sich ist weniger wichtig, als eine Leistung hinzubekommen. Arbeit ist nur Fleiß. Leistung ist Arbeit in Relation zur Zeit, und das heißt liefern können. Psychotisches Denken ist also das Ergebnis des Nichtbegreifens einer größeren kommunikativen Konstruktion. Wir müssen über ein eigenes Netzwerk verfügen, um den Platz im Leben zu definieren. Das kommt nicht von ungefähr. Wer keine soziale Kompetenz lernen konnte unter der gegebenen Macht seiner Abhängigkeit als Kind, hat es schwer. Die Psychiatrie kann in der Folge nicht mal eben korrigieren; was ihr aber aufgetragen wird. Das ist solchen Ärzten oft gar nicht bewusst.
Schade!
Es tut weh, die ganze Lebenszeit drangeben zu müssen für diese Erkenntnis. Angst ist soweit normal, dass wir alle sie erleben. Damit etwas anzufangen, wenn uns das Übel packt, können wir nur, wenn uns klar ist, ein Risiko einzugehen. Wer blindlings lossegelt, muss wenigstens – auch ohne Wetterbericht – seinen Kahn beherrschen. Auszuprobieren, das nicht draufzuhaben im selbst angefachten Orkan, wird dem Kenner alle Alarme schrillen lassen. Sei’s drum.
Mir geht’s gut heute.
🙂