Gesellschaft und Haltung

Als junger Erwachsener habe ich viel von Max Frisch gelesen. Das kam durch „Homo Faber“, wir hatten es als Projekt in der Schule. Ich las auch: „Mein Name sei Gantenbein“. Während der leicht lesbare Stoff vom reisenden Ingenieur Faber noch eine typische Struktur aufweist, muss man sich im anderen Roman auf Besonderes einlassen. Nach einer durchgängigen Geschichte sucht der Lesende zwischen den Protagonisten Gantenbein, Enderlin, Svoboda und Lila vergeblich. Obschon das Geschehen in vielen Szenen Zusammenhänge suggeriert, man irgendwie ein Gesamtbild verinnerlicht, bleibt uns der Roman seine eigentliche Erzählung schuldig. Das ist provokante Absicht. Im Buch wiederholt sich der Satz: „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu“. Was das soll, habe mich seinerzeit gefragt? Inzwischen genieße ich selbst einige Lebenserfahrung, bin alt geworden, sehe anders auf viele Themen. Ich denke, es geht manches nicht hinzuschreiben, ohne absichtliche Formen zu kreieren. Ein wenig Theater ist immer dabei, wenn man schreibt.

„Alles ganz eitel“, wusste schon Salomo, der Prediger, ein alter Bibeltext.

Gläubige hoffen auf einen Vater im Himmel, der sie durchs Leben geleitet, an die Hand nimmt, zuhört beim Gebet. So erwarten die Leser vom Roman einen Autor, der ihnen seinen Stoff verständlich macht, weiß, wovon er redet, über allem steht? Im wirklichen, alltäglichen Erleben wurde kein Buch geschrieben nur für uns, kennt niemand alle Zusammenhänge, die Motive der anderen Menschen und bleibt auf Annahmen angewiesen. Die Erfahrung, von der dieser erwähnte, ein wenig unscharf bleibende Erzähler im „Gantenbein“ berichtet, um dessen Geschichte er ringt, sie hinzubringen und es doch vermeiden muss, allzu genau zu werden, dürfte bitter sein: Das Leben zeigt uns seinen Sinn nicht. Um dennoch einen höheren Zweck anzunehmen, muss man üben, das beschworene Sosein auch tatsächlich zu sehen, sich manches einreden. Eine Wäsche des Gehirns führt erst zur sauberen Interpretation des Geschehens und nivelliert alle Widersprüche verkorkster Rituale. Man kann jede Konfession in Frage stellen. Es ist möglich, den erlernten Glaube aufzugeben, ohne dass ein Allmächtiger hernieder fährt, es bestraft. Damit begreift einer, dass unser Dasein auch ohne verborgenen, höheren Zweck so sein könnte, wie es eben ist. Es könnte ein Fehler sein. Dann wären wir unerwünscht? Wer an einen lieben Gottvater glauben möchte, muss sämtliche Zeit ausblenden, die man allein, auf sich selbst gestellt bleibt, die Nase voll hat vom Leben und nichts als wartet, hofft –.

Nüchtern dazu Aristoteles:

„Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich.“

Mehr als dreihundert Jahre vor Christus erkannte er die Notwendigkeit von sozialen Grenzen und überhaupt das Lieblose unseres Daseins zu akzeptieren. Sein Wort gilt weiter und findet seine Gegendarstellung in der Idee vom Herrn, der über alles Leben wacht, mit einem lieben Blick den führt, der sich darauf einlässt im Gebet. Damit stehen sich zwei Erklärungsprinzipien gegenüber, und es bleibt die Interpretation des Menschen, wie er sich ausrichtet. Texte lesen und zu lernen, eigene Gedanken zu denken, hilft. Man kann den nüchternen Aphorismus des alten Griechen auch als Aufruf verstanden wissen, sich nach Möglichkeit liebend einzubringen, wo das geht, den Hass zu überwinden. Das Prinzip Hoffnung vereint unseren Gedanken vom Allmächtigen, der uns das Leben schenkt, uns deswegen liebt, mit der oft bitteren Realität, eine vergiftete Packung annehmen zu müssen. Zu straucheln wäre so Teil der Wegstrecke und mal zur einen, dann rüber zur anderen Seite zu düngern normal. Selbstbewusstsein bedeutet nur Stärke, wenn uns diese Schwäche zu irren, zu stolpern und fehlzugehen vertraut ist. Vertrauen kann sich nur regenerieren, wenn wir Fehler zulassen – bei uns und bei anderen.

# Bücher sind Brot

Lesen hat heute einen anderen Stellenwert als zu meiner Jugend. Das kommt durch unsere digitale Realität. Mir schenkte früher, als ich klein war, eine Tante irgendwann „Moby Dick“ von Melville, und zwar als besondere Ausgabe für die Jugend. Das machte aus dem Klassiker einen in seinen äußeren Abmessungen großen Band, mit großen Buchstaben, außen in leuchtend blauer Gestaltung. Der Titel zeigt eine poppige Illustration; Wal schießt auftauchend Fangboot in die Luft, Leute fliegen raus, Segelschiff schemenhaft erkennbar im Hintergrund. Buntes Malzeugs, Kitsch, würde ich heute sagen. Wir armen Kinder. Kindgerecht, beinahe kindisch klingt auch die umgemodelte Sprache in diesem Werk: „Ich heiße Ismael.“ So beginnt das für die Jugend frisierte Buch. Ich muss nicht nachschauen. Es steht noch irgendwo im Regal bei uns. Das Original ist sensibel übersetzt. Das ist ebenfalls bei uns im Schrank. Als ich älter war, habe ich es gelesen. Es heißt dort bekanntlich anfangs:

„Man nenne mich Ismael.“

Leichte Sprache oder seichte Kost? Menschen werden verdooft von Menschen, die damit verdienen, das zu tun. Ich denke: Mein Name „sei“ Gantenbein; Max Frisch bleibt aktuell.

Das habe ich mitbekommen, gerade erscheint „Stiller“ als Film im Kino. Die Rezessionen scheinen aber negativ auszufallen, wenn man googelt. Es dürfte herausfordernd sein, aus dem Stoff einen Film zu drehen, das überhaupt zu wagen. Ich bin tatsächlich kaum noch im Kino gewesen in den letzten Jahren. Früher habe ich’s geliebt und auch viel gelesen. Seit einiger Zeit entdecke ich zu schreiben für mich selbst. Das ist anders als lesen, was konsumieren bedeutet, sich einlassen. Musik hören ist ebenfalls nicht gleichbedeutend damit, welche zu machen, sie tatsächlich zu verstehen. Das Sammeln von Bildern macht uns nicht zum Künstler; eine Anmerkung von David Hockney, und sie stimmt. Für welche Materie wir uns interessieren, bestimmt auch, worüber wir denken, schreiben. Was einer liest, sich anschaut, formt schließlich die besondere Persönlichkeit. Ich bin nebenbei ein wenig bewandert im Geschehen rund ums Krankenhaus und drinnen am Bett, was da zu tun ist, gebe ich zu, kenne mich aus. Ich habe tatsächlich „Heldin“ im Kino gesehen, und es hat mich berührt. Etwas weniger dick aufgetragen an mancher Stelle wäre der Film oskarreif geworden. Regie ist wesentlich, nicht nur ein guter Plot oder fähige Darsteller machen alles zum Geniestreich. Ein guter Trainer kann den Fußballverein an die Spitze bringen. Ein besonderer Arzt rettet unser Leben, ein anderer ruiniert es vollkommen. Was schreiben? Man findet sein Thema, und das Geschehen kommt ja auch zu uns, drängt sich auf, darüber zu berichten.

„Heldin“, meine Frau wollte das unbedingt sehen. Das passte ganz gut ins Programm eines Besuchs bei Verwandten (nahe Stuttgart) für einen ungestörten Abend zu zweit. Es ist noch nicht so lange her, der Film lief seit einiger Zeit hier und da. Man konnte es mitbekommen. Wir nahmen also Platz im roten Plüsch eines kleinen Kinos in einem kleinen Städtchen im Ländle. Das kann ich schreiben. Weiter wäre zu berichten, dass hinter uns mutmaßlich die Pflege einer Station irgendeines Krankenhauses aus der Umgebung saß, drei, vier Frauen, die fachsimpelten. Schräg links vor uns ähnlich, drei Frauen aus der Pflege. Man hörte es raus, wenn sie leise tuschelten. Rechts von mir kamen noch zwei jüngere Frauen, setzten sich in die Reihe und schienen ebenfalls Ahnung zu haben von der Arbeit im medizinischen Bereich.

Ich war der einzige Mann im Kino.

Mehr Publikum erschien nicht.

Weniger als ein Ratgeber ist diese Sammlung meiner Texte also Erfahrung in Form von Anekdoten. Meine jungen Jahre nach dem Studium sind geprägt von zumeist hilflosen Versuchen, im Leben Fuß zu fassen. Als hochgelobter Student der Illustration mochte ich geglaubt haben, es ginge später im Beruf so weiter mit der Anerkennung durch die Wichtigen? Es kam anders. Das ging jedenfalls voll in die Hose, mein Leben, kann ich sagen. Kurz nachdem meine „Diplomarbeit“ fertig war, so hieß das seinerzeit an der „Armgartstraße“, und ich diesen Zoo für Begabte in die raue Wirklichkeit verlassen hatte, wurde ich krank, aber richtig. Es ist bitter, in Ochsenzoll aufzuwachen, und Piet sitzt da, fragt:

„Was machst du für Sachen, Johnny?“

Heute, einige Episoden später, verstehe ich den Frisch besser. Schreiben hilft schon mal. Das ist ein Thema: Meiner Auffassung nach verzettelt sich die Psychiatrie und hilft der Gesellschaft insgesamt, ein grundsätzliches Theater aufrecht zu erhalten. Die Ärzte beschädigen dafür ihre Patienten nachhaltig, um selbst Anwürfen standzuhalten, die es möglicherweise geben könnte, wenn sich jemand, den sie betreuen, vorsichtig gesagt, daneben benimmt.

# Die einfachsten Dinge sind kompliziert

Es stimmt nicht, dass man krank ist und die Psychiater gute Helfer sind. Das Ganze ist komplizierter und einfacher zugleich. Es ist üblich, alles zu verdrehen in dieser Realität der Worte, die welche wie ich noch nicht so ganz verstehen. Mancher, der so tut als ob, versteht das Leben genauso wenig. Es ist Glück dabei, sich schlau zu fühlen und es doch nicht zu sein. „Das Peter-Prinzip“ will uns darauf hinweisen, wie angehen kann, dass Inkompetenz regiert und der „Dunning-Kruger-Effekt“ probiert darzustellen, wie Menschen mehr von sich halten, als gut ist. Nicht alle werden krank, die sich selbst verfehlen. Mir geht es um Erkenntnisse, die nützen könnten, sich gesünder zu fühlen, also nicht angepasster (aus der Sicht der Allgemeinheit), sondern selbstbestimmter. Wir schlagen uns rum mit einer Vielzahl von Diagnosen in der Medizin. Das könnte nachteilig für die Patienten sein, weil es die Verallgemeinerung von Beschwerden bedeutet und einen von sich selbst entfernt.

Im Pinneberger Tageblatt findet sich ein ganzseitiger Artikel vornan. Eine Frau wird porträtiert. Die Überschrift lautet: „Ich will der Migräne keinen Raum geben“, und den Rest kann man sich denken. Es ist nicht nötig weiterzulesen. Da wird von einem Leben mit Schmerzen berichtet, zum Schluss ein bestimmtes Medikament beworben. Dieses Denken passt zur Aussage eines Freundes, die dieser wie nebenbei in einer Mail machte, es gebe Tage, da habe ihn „Mr. Parkinson“ voll im Griff. Die Migräne und Mr. Parkinson, da fehlt nur noch eine schmerzliche Liaison und endlich eine Hochzeit unter Tränen? Mein Arzt erklärte seinerzeit ähnlich: „Wir wollen verhindern, dass die Psychose wiederkommt.“ Hier werden Begriffe personifiziert. Wie anfassbare Leiden bekommen bloße Etiketten ihre handfeste Gestalt.

Das ist falsch.

Wer so denkt, verewigt seine Probleme, die Schmerzen. Schmerz etwa (eine beliebte Floskel führt in die Irre) kann man nicht bekämpfen, weil es keinen Schmerz gibt ohne den Menschen, der diesen Schmerz an sich erlebt. Meine Schmerzen sind nicht die anderer, wie auch jede spezielle Erinnerung nicht korrekt auf Fremde übertragen werden kann, obwohl wir vom Gedächtnis reden. So gesehen dürfte die Seele nicht erkranken, wenn es keine Seele gibt. Die Kirche ist schuld an mancher Blödheit, und dieses Wort von der sogenannten Seelsorge ist eine. Körper und Geist, das kann man hinschreiben, aber nur deswegen, weil wir das eine anschließend dem anderen sagen können. Dieser Verbund lässt sich real nicht trennen. Wer so therapiert, arbeitet mit seinem Werkzeug wie einer, der bloß Luftgitarre spielt. Man kann gar keine Psychotherapie machen, weil keine Psyche solo herumläuft.

Sich wichtig tun, die kausale Kette erklären, erhebt den Sprechenden nach ganz oben. Der Arzt kennt die Ursache? Er ist der Kommissar, der einen Fall löst, und so möchte der Doktor im weißen Kittel gesehen werden. Die Bildzeitung und ihre Leser sind das Niveau dieser Denkweise. Unzählige billige Fernsehproduktionen zeigen, wie unsere Gesellschaft tickt. Der „Tatort“ ist Kult, aber auch vor dem Abend passiert dasselbe. Von „Waschpo Berlin“ über „Rosenheim-Cops“ bis zu „Notruf Hafenkante“ oder nebenan rüber ins „Großstadtrevier“ zappt der Interessierte und weiter in „Die jungen Ärzte“, „In aller Freundschaft“, alte Folgen der „Schwarzwaldklinik“ oder „Bettys Diagnose“. Schön auf der Suche nach dem Täter, der Ursache, ist unsere Methode, sind wir unterwegs, die Welt zu verstehen.

Man kennt es so.

Die Bildzeitung bringt eine Serie zum Thema Schlaf: „Das passiert bei zu wenig Schlaf“. Von der Macht des Schlafs ist die Rede und dass viele sie unterschätzen. Es ist anzunehmen, eine Reihe von Erkrankungen werden auf Schlafmangel zurückgeführt? Genauso könnte man sagen, dass eine Menge Krankheiten das Symptom Schlafmangel verursachen. Das nützt nur dem, der so etwas sagt. Wer’s glaubt, kann bald die unzähligen Pillen probieren, die ebenfalls vor acht angepriesen werden. Ein „Pflaster“ für den Darm, gäbe es, wird behauptet, „Neurex-Soundso“ fürs Schlafen wird empfohlen oder „Harnstopp-Sonstwas“ fürs Nachts-Nichtpissen und mehr davon. „Zefa-Gefasel“ für neurotische Weiber und Salben für rheumathische Senioren, dazu Ginko zum Erinnern, was man einkaufen wollte? Das ist unsere Konsumgesellschaft. Sie zeitigt unendlich viele Zivilisationskrankheiten.

Mir hat vor Jahren ein Chi-Gong-Lehrer gesagt, meine Migräne käme vom Magen. Bald wurde ich von ihm auch einige Male mit chinesischer Medizin, Akupunktur behandelt. Das hat gar nichts verändert. Im Gruppengeschehen mit jungen Schülerinnen und Schülern wie mir (damals) zeigte der (kaum ältere) Kursleiter uns die Macht des Chi. Er formte seine Hand zur Zeigefinger-Pose, wie man die Pistole imitiert. Damit wies er erst bei sich, um es vorzumachen, und dann bei anderen von uns auf die Handinnenfläche der fremden Hand. Da blieb ein kleiner Abstand der Fingerspitze zum gegenüberliegenden Handteller. Trotzdem fühlten wir, die einen mehr, die anderen weniger überzeugt, eine Art Berührung. Das gab den scheinbaren Strahl einer mysteriösen Energie, die eine punktuelle Empfindung in der hingehaltenen Hand erzeugte. Damit konnte dieser sympathische Mann Eindruck machen, uns das zu zeigen – auch bei den Mädchen im Kurs. Das zu begreifen, was er selbst von allem hatte, hilft mir heute mehr als irgendwelche Nadeln (die vermeintliche Spiritualität, dieser ganze Teetrinker-Blödsinn der gruppenweise sich versammelnden Auf-einem-Bein-Steher).

# Die Medizin spricht ihre eigene Sprache

Die vielen Bezeichnungen von Krankheiten nützen dem Arzt. Dem Kranken helfen diese Worte wenig. Im Bereich der „richtigen“ Krankheiten erzielt der Internist oder auch ein Chirurg gute Ergebnisse. Heilung heißt in solchen Fällen, die Struktur direkt zu korrigieren. Die Konstruktion als Gebilde ihrer funktionellen Bauteile wird korrigiert und repariert, heil gemacht wie ein beschädigtes Möbel, gewartet, eingestellt wie das defekte Fahrzeug in einer Werkstatt. Bei psychischen Erkrankungen muss aber die Funktionalität im Alltag verbessert werden, das laufende Verhalten. Das erreicht ein Helfer nur, der auch weiß, dass gerade dies möglich gemacht werden muss. Da wachsen keine Knochen zusammen, und dann ist jemand heil. Bei psychischen Erkrankungen gibt es auch kein Virus, das behandelt wird, bis es nicht mehr im Körper nachweisbar ist oder eine bakterielle Verunreinigung, die weg muss, einen Tumor, den wir zerstören. Dem Psychiater steht nicht die Operation eines falsch arbeitenden Gehirns zur Verfügung als eine Möglichkeit, jemanden direkt „zu heilen“. Die Gabe von Psychopharmaka heilt das Gehirn nicht. Im Gegenteil, diese Mittel betäuben. Das ist wie einen Gips an den gebrochenen Knochen formen, eine Krücke befehlen, einen Fuß zu versteifen, weil man meint, dass sonst nichts mehr geht. Wenn das die Dauerlösung sein soll, bedeutet es die Kapitulation der Medizin, und dann redet man es noch schön.

Das Naheliegende zu tun und den besseren Weg einzuschlagen, übersieht eine am Goldstandard angekommene und auf ihre etablierte Behandlung versessene Gesellschaft. Wollte man tatsächlich heilen, müsste man das Gehirn direkt korrigieren, das doch fehlerhaft zu arbeiten scheint bei einer psychischen Erkrankung. Wir haben begriffen, dass es schon Sinn macht, solche – früher Geisteskrankheiten genannten, heute besser als „Störungen“ definierten – falschen Schaltungen, könnte man sagen, diagnostisch abzugrenzen und präzise zu erkennen, sind aber therapeutisch im Begrifflichen steckengeblieben. Wir behandeln quasi Worte, die wir uns als Platzhalter der tatsächlichen Probleme angewöhnten und merken nicht, dass wir dabei das Individuum keinesfalls respektieren mit seiner Macke. Wenn wir alle, die sich in einer Weise ähnlich verhalten, beschreiben: „Sie haben Soundso“, heißt dies nicht, dass dabei genügt, mit den Leuten zu diskutieren, zu probieren, sie verbal zu manipulieren, sie pharmazeutisch wegzudröhnen auf eine Art, wie die Kollegen es eben machen, von denen man lernte als Arzt.

Unsere Psychiatrie betreibt nur Moderation. Sie geht wie der Biologe durch Wald und Wiese: „Das da ist Diesundjenes, da drüben wächst Dasunddas, und hier haben wir – usw.“ Dann spricht der Arzt mit dem Patienten, wie der Waldschrat glaubt, mit Tieren reden zu können? Man teilt ein in Pflanze und Unkraut, bezeichnet Vogel, Fisch, Fleisch. Anschließend Dünger oder doch Roundup? Die Schlachtbank ist nie weit! Die moderne Medizin unserer Zeit steht auf den Füßen einer freiheitlichen Demokratie. Diese ist bedroht: Als „Alternative“ scharrt der Unmensch mit den Hufen, will regieren, remigrieren – und vergasen wie einst. Das ist meine Meinung über diese Leute, die ich als Gegner fürchten muss, wie jeder nur irgendwie Fremdartige in ihren Augen. Schon die gutmenschliche Jetztzeit bleibt theoretisch fragwürdig und erreicht im Ergebnis kaum mehr, als ihre schön geredete Verachtung der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Man ist heute nicht so wesentlich weiter als zu den Zeiten, wo Ärzte offen Versuche mit Hilflosen machten, weil man mittelalterliche Hexenjäger und spätere Nazimonster nicht stoppte.

# Kritik ist schnell gesprochen, besser zu werden schwierig, aber zurück geht’s schnell – schlimmstenfalls

Positive Entwicklungen sind bloß bei den akuten Fällen zu bemerken. Die Notfallmedizin der Psychiatrie ist modern. Es gibt heute gute Möglichkeiten zu helfen, menschenwürdige Behandlung der schlimmsten Eskalationen. Tatkräftige Ärzte und überhaupt Pflegekräfte sind aktiv zur Stelle bei vollkommenen Entgleisungen. Wir Kranken werden aufgefangen, betreut durch bestens entwickelte Pharmazie, insgesamt gut ausgebildetes Klinikpersonal und ihre Zusammenarbeit mit den Helfern draußen auf der Straße. Das habe ich erlebt und bin dankbar. Schon nach wenigen Tagen auf Station erlebt ein Patient dann seine Verwahrung. Das macht mir heute wenig aus als Betroffener, der seine Rechte kennt, Möglichkeiten der Selbsthilfe hat (ich bin erwachsen geworden), aber die Leben von Generationen junger Menschen werden weiter weggeworfen.

Man kanalisiert die psychisch Kranken, dass sie neben den anderen mitschwimmen, abgespalten im Seitenarm des Wassers, das die normale Gesellschaft als aktives Fahrwasser erkennt. Viele Behandelte werden nie so vollkommen gesund, dass sie den Helfern Adieu sagen können, ohne Therapie, ohne Medikamente klarkommen wie ich. Und ich werde alt, wo ich das hier schreibe. Mein Leben ist so gesehen vorbei. Ich musste vieles allein lernen, mich wehren lernen gegen die Familie, Nachbarn, die gewöhnlichen Nächsten, auch gegen Polizei und Ärzte musste ich mich entscheiden, ihren Forderungen zu trotzen. Mancher Manipulation musste ich mich stellen. Böse Menschen erlebe ich überall! Wenige couragierte Leute haben tatkräftig gegengehalten! Nur einige erkannten, wie ähnlich ich ihnen doch bin und eben kein Alien, Aussätziger, dem man noch den Tritt gibt:

„Raus!“

Ich fordere Medizin, Training und ehrlichen Respekt anstelle allgemeiner Systemschwäche, theoretischer Steinzeit bei der psychiatrischen Erforschung unseres Krankheitsbildes mit – zugegeben – all seinen Unterformen. Wir sind ganze Menschen mit Armen und Beinen, einer individuellen Historie, die so anders nicht ist als die der Gesunden. Ich möchte eine Medizin, die nicht bloß Seelsorge, Seelenklempnerei betreibt, behandelt. Ich wünsche mir Ärzte, die anders als unsere etablierten helfen, die scheinbar nicht verstehen, dass Gehirne nie für sich allein unterwegs sind und immer wieder ausblenden, wie groß die Chancen wären, bei der Funktion anzusetzen, wie einer sich bewegt.

Eine Gesellschaft muss sich weiterentwickeln, damit sie nicht inzüchtig am eigenen Wiederholen kollabiert. Es genügt auch keinesfalls, die individuelle Geschichte in Gesprächen herauszuarbeiten oder verschüttete Erinnerungen durch die Raffinesse einer Fragestellung sichtbar werden zu lassen, wenn wir fortfahren zuzulassen, dass der als krank erkannte Denkapparat des Patienten seine gewohnten Programme anwendet und sollten besser dieses System direkt neu einspielen. Das könnte der Kranke auch mit Unterstützung sehr wohl alleine tun, wenn man ihm zugestünde, weniger ein Patient zu sein, sondern ihm begreiflich machte, er könne klügere Dinge tun als bisher. Davor scheut ein Arzt zurück, seinem Gegenüber zu sagen, es sei nicht krank, sondern doof, und das geht ja auch nicht, so barsch zu behaupten, aber wenn einer erst selbst erkennt, was anderen selbstverständlich ist, muss so jemand keine Dummheiten mehr machen. Erkennen bedeutet merken, und das heißt fühlen, also überhaupt Notwendiges spüren können. Stattdessen wird uns gesagt, wir seien extra vulnerabel, hochsensibel, und das stimmt nicht. Es ist eine falsche Interpretation von nicht koordinierter Erregung. Gezieltes Handeln geht nur bei genauer Lokalisation der Aufgabe und setzt also Sensibilität voraus. Es ist eine Qualität und kein Fehler, Dinge aufmerksam zu registrieren. Wo Menschen unter Medikamenten trübe tapsen, ist das nur eine Lösung für Schwerkranke, sich zunächst zu beruhigen.

Therapie möchte Hilfestellung sein, aber man sollte nicht von Kranken reden, die gesund werden müssten, wenn treffender von Schule auszugehen ist. Jemanden zu unterrichten, bedeutet ihm Wissen und die Fähigkeit zur Anwendung beizubringen. Wer krank ist, braucht Schonung und liebevolle Zuwendung, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wo einer kein Erkenntnisdefizit hat, aber Probleme mit der Umsetzung der daraus folgenden (und von ihm angenommenen) Anforderungen sein Verhalten kennzeichnen, hilft kaum, ihm Hochsensibilität anzudichten – als sei so jemand gleichzeitig großartig wie krank –, weil er so viel merkt. Gute Koordination heißt eine Reihenfolge von Aktionen zu beschließen als Ökonomie des Geforderten und auf der Basis von besonderen Wahrnehmungen. Viele Reize geordnet zu verarbeiten, ist gesund, aber hektisches Gezappel macht denjenigen letztlich zum Kranken, weil einer nicht Ordnung schaffen kann bei den unweigerlich eintrudelnden Reizen. Da ist doch immer viel los draußen! Dazu kommt, die eigenen Fehler zu bemerken! Jede Menge Probleme zu haben, ist doch vollkommen normal. Eine individuelle Lösung ist jeweils gefragt. Wer sich nicht für Musik interessiert, hört Lärm, der ihn nur stört bei dem, was ihm gerade wichtig ist. Das hängt auch von der Situation ab. Ein Beispiel aus meiner praktischen Arbeit: Wenn ich eine Skizze in der Natur mache und mich konzentriere, mich nicht zu verzeichnen, lenken Halbstarke mit Motorrädern unerfreulich ab. Das ist ja klar. Sie machen Lärm. Falls neben mir aber eine Bühne aufgebaut wird, und die Musiker beginnen, ihre Instrumente zu proben, ist das (für speziell mich) nicht weniger scheiße in diesem Moment, ihre Geräusche auszublenden. Abends gehe ich auf ihr Konzert – und bin glücklich.

Niemand käme auf die Idee, einem Virtuosen einfaches Tun zu unterstellen bei seiner Musik, die ihm höchste Sensibilität abverlangt. Ein Umsetzungsdefizit kann der Systemfehler sein. Gegen vorgeblich zu viele Reize anzugehen, ist das Schlagen gegen die Flügel von Windmühlen in der Landschaft, an denen andere friedlich vorbeigehen und noch sagen: „Sieh, wie schön die Mühle dreht!“ Die einen merken nichts und müssten lernen, zu spüren. Andere empfinden viel und sollten draufhaben, sich selbst angesichts dieser Vielfalt der Eindrücke gezielt auf eine Aufgabe hin zu sammeln, die ihnen gemäß wäre. Von generell zu hoher Empfindsamkeit als kritisch und dem typischen Krankheitsmerkmal erhöhter Verletzlichkeit auszugehen, ist theoretisch unhaltbarer Blödsinn. Ich muss eine Burg mit Zugbrücke sein, die den Eingang kontrolliert, kann aber nicht als Typ herumlaufen, der sich seinen Eimer über den Kopf stülpt und dabei wie ein Vogel Strauss vermeintlich in Deckung geht. Es ist ja klar, dass ein überreiztes Gehirn seine Pharma benötigt. Aber nach einiger Zeit muss der Verstand gefordert sein, sonst ist vollkommene Verblödung das Ergebnis. Wollen wir das?

# Der Körper ist mehr als ein Anhang des Gehirns

Der Weg ins erfüllte Leben kann nur über die Körperlichkeit verstanden werden. Der Körper mit dranhängenden Gliedmaßen befindet sich im Besitz und Zugriff des Patienten, der damit individuell spürt. Der Arzt in der Regel geht von sich selbst aus und bekommt gar nicht mit, wie dem vor ihm Sitzenden geschieht. Jedes Gehirn bildet eine Einheit mit seinem Körper, den es lenkt. Spürte ein psychisch Kranker, was genau sein Denkapparat wie und wohin bewegt, welchen Muskel und worin sein typisches Muster insgesamt besteht, die Dinge zu tun, könnte er das eigene Verhalten auch ändern, aber die Bewusstheit seines Tuns hat so einer kaum. Es steht ihm die Denkgewohnheit im Wege, seine Angst genau genommen, und das zunächst ist nicht krank. Jeder von uns handelt entsprechend seiner bekannten Erfahrungen. Die einen machen das ein wenig besser, andere weniger gut. Die armen Schweine sind also welche, die über einen noch zu definierenden Kipp-Punkt hinweg den Anschluss verpassten und die normale Vernunft der Selbstkorrektur nicht oder nicht mehr drauf haben. Es sind Menschen, die schließlich in den Keller der Psychiatrie abgestürzt sind.

Dort macht man sie ganz fertig.

Psychiatrie sieht sich als abgekoppelt von der Orthopädie, und das ist ein Fehler. Der Mensch bestimmt seine Wege mit dem Gehirn, aber einer geht los mit seinen Füßen. Es ist nicht ganz einfach, praktische Beispiele in dieser Sache zu geben. Ich bin kein Arzt. Mein Vorteil ist aber, gelernt zu haben, gesund, und zwar psychisch gesund zu leben als ein Betroffener, dem man voraussagte, weiter und immer wieder auch in Zukunft schubweise zu erkranken. Das ist heute jedoch keine Angst mehr, die mich noch groß beschäftigt. Arztbesuche oder überhaupt Therapie interessieren mich schon viele Jahre nicht die Bohne, dass ich mich gepflegt lustig mache über Mitmenschen, die weiter zum Psychiater rennen. Ich halte diese Fachärzte für überfordert und oft auch sehr dumm. Mir tut weh, wie viele in diesem System geradezu untergehen und ihr Leben zugedröhnt erleben, weiter sozial absteigen.

Jetzt die praktischen Beschreibungen, die ich leisten kann. Nehmen wir diese Frau, die ich eben zufällig sah. Ich probiere, die Alte zum plastischen Bild werden zu lassen beim Lesenden mit meinen Worten; auch wenn sich’s nicht gehört, so über andere zu reden. Das war eine eher kleine Seniorin. Sie war korpulent und mir unbekannt, unterwegs zwischen den Touristen eines Ferienortes. So eine dicke Oma, die latscht, wie sie’s eben tut. Jeder kennt solche Menschen, die bei jedem Schritt seitlich ihre Schaukelbewegung machen, als müsste es sein. Da stelle man sich eine kleine Frau fortgeschrittenen Alters vor (mit großem Busen). Sie schnauft durch den Alltag. Sie hat, das sieht man gleich, feste Überzeugungen. So gesehen könnte sie schon resolut auftreten und sich Platz verschaffen in einer Warteschlange beim Metzger. Die ist psychisch stabil, wage ich zu behaupten. Das Hin- und Herschaukeln mag ihr die Diagnose Arthrose einbringen. Dann erhält sie ein künstliches Hüftgelenk (oder zwei), und alles passt wieder. Sie muss nicht zum Psychiater, steuert ihr Schifflein durch dick und dünn mit dieser blöden Angewohnheit zu schaukeln, als wäre da ein heftiger Wind von der Seite, und entsprechend Seegang zu rollen. Sie hätte viel attraktiver als junges Mädchen sein können, wenn sie schlanker, größer gewesen wäre, aber das ist Utopie. Das Schaukeln aber ist ihrer Weise zuzurechnen, wie sie dem Leben begegnet, und ich wage zu behaupten, dass da kein Gen sie festlegte, weil beispielsweise schon ihre Mutter so eierte. Das ist eine armselige Methode voranzumachen, und die hat sie nie hinterfragt und eben das Gehen schlecht gelernt.

Dann dieser Opa auf dem Fahrrad. Noch so jemand, denke ich. Er sitzt wie ein Teddybär im Sattel. Grader Rücken, steif, ein wenig fett, Helm. Elektrisch verstärktes Rad: Pedelec.

Das haben solche Menschen heute.

Ein Lieferant kann nicht gleich in die Fahrbahn einbiegen, weil sich unerwartet der Verkehr staut.

Der quer zur Fahrrichtung des Seniors Stehende blockiert kurz den Radweg. Der Rentner, er kommt von links aus meiner Sicht – ich schaue auf die Szene mit Blick auf das Heck vom Kastenwagen, der nach rechts in die Straße einbiegen will –, könnte anhalten. Der Opa muss ansonsten hinten rum, was übrigens problemlos geht bei dem breitem Fußweg und ohne dort befindliche Menschen in diesem Augenblick. Er umfährt den Autofahrer auch (der ihn gar nicht sieht), ohne zu bremsen. Der Kleintransporter ist vorn bereits auf der Straße, und sein Fahrer schaut eben nach rechts, wo plötzlich ein Problem alles ausbremst.

Der alte Radler schüttelt den Kopf.

Ich überlege: Was hat er denn?

Bis mir klar wird, der ärgert sich über den Lieferwagen auf „seiner“ Spur – dem angezeigten Weg für die Radfahrer!

So wie dieser Senior sind viele.

Sie sind alt, aber sie machten immer, behaupte ich an dieser Stelle, was man ihnen sagte und hinterfragen ihre Ansichten, ihre Gefühle grundsätzlich nicht. Ihre Welt scheint übereinzustimmen mit dem Wahrgenommenen. Die Wahrheit ist für sie unteilbar. Andere machen nicht, was sich gehört! Diese Senioren schimpfen auf alles Falsche, auf alles sowieso! Das ist ihre Weise, das Leben, das sie meinen, verstanden zu haben, zu nehmen, der Realität notwendigerweise zu begegnen.

Ich habe ein pauschales Szenenbild vor mir, das mir gefällt zu beschreiben: Diese heutigen Senioren, die ich meine, traten als Jugendliche nach einer Ausbildung das Arbeitsleben an – und waren immer Angestellte. Sie haben die SPD gewählt. Wenn es tarifliche Streitigkeiten gab, machten sie, was ihre Gewerkschaft von ihnen wollte, nahmen eine Rassel oder Tröte, gingen auf die Straße, tröteten. Jetzt sind solche Rentner. Manche machen später eine ehrenamtliche Tätigkeit und verhalten sich, wie sie sagen, altersgemäß. Sie haben ihr tatsächliches Leben vollkommen verpasst. Da sie nicht wissen, wie viele Möglichkeiten größerer Lebenswirklichkeit sie übersahen, halten sie sich für glücklich – wenn gerade nichts schmerzt. Sie verhätscheln ein Enkelkind. Passiert es doch häufiger, das die typischen Leiden kommen, verstopfen sie die Wartezimmer. Sie gehen zu mehreren Ärzten. Sie nehmen mehrere Pillen am Tag, und wenn das eine Zeit geht, nehmen sie den Rollator, weil man ihnen sagt, das sei gut für sie.

Die hocken beim Physiotherapeuten, der eigentlich Sportmedizin machen wollte wie der berühmte Dr. Hans-W. Müller-Wohkfahrt beim FC Bayern München.

Aua!

Es scheint eine Sache der Orthopädie allein zu sein, aber blicken wir auf die andere Diagnose „Skoliose“, die auch eine Aufgabe für diese Fakultät bedeuten kann nach unserer Lehrmeinung. Das betrifft alle Alter. Ich glaube schon, dass man sich’s angewöhnte, wenn man seitlich verbogen lebt, aber auch in diesem Fall werden Hartnäckige bestreiten, dass jemand selbst was dafür kann. Nun, ich bin so einer, der sich rechtsseitig zusammenzieht, aber nicht die ganze Zeit gleich doll. Ich lernte, mich dort locker zu machen. Ich glaube auch, dass meine Atmung freier wird, spüre jedenfalls deutlich mehr Volumen rechts, wenn ich das gewohnte Kneifen abstelle. Das ist es nicht allein. Während ich mir also auferlege, zum alltäglichen Sein rechts zu krümmen, ziehe ich gleichzeitig links die Schulter hoch und empfinde entsprechend Spannung in der Halsmuskulatur. Das scheint daran zu liegen, dass mir wichtig ist, mein Gesicht links zu verkürzen, um ein Lächeln mit dem linken Mundwinkel hinzubekommen. Ich mache es dauernd. Das zieht meine Wange links zum Auge hin. Damit es möglich wird, kompensiere ich alles mit dem Zusammenkneifen des rechten Mundwinkels. Mein Mund ist immer ein wenig asymmetrisch z.B. auf Passfotos. Ich habe Bücher gelesen, Trainings besucht und viel über mein Verhalten gelernt. Es ist besser geworden: Ich konnte mich ändern. Es zeitigt Resultate. Ich hatte jahrelang Migräne. Das ist längst vorbei. Ich wurde schubweise immer wieder psychisch schwer krank. Das ist vorbei. Und ich sage, es kommt, weil ich lernte, mich zu entspannen. Entspannen ist hier kein bloßes Gerede. Es bedeutet mir, eine Methode anzuwenden, mich selbst zu erforschen und Einfluss auf mein System insgesamt zu nehmen.

Warum das wichtig ist: Mir war früher als junger Mann nicht klar, oft Angst zu haben. Heute weiß ich, wie ich hinbekam, die vielen paranoiden Befürchtungen auszublenden (die einer aus der Vielfalt der Eindrücke konstruieren kann), um handlungsfähig zu bleiben. Die Vulnerabilität, die mir eine Theorie zuschreibt in einem Buch, das mir der behandelnde Arzt seinerzeit gab, besteht darin, dass mein Selbstschutz eine hohe Qualität erreicht, mir aber der Abwehrmechanismus keine Rückmeldung gibt, wie hart seine Aktivitäten momentan sein müssen. Man kollabiert, weil man nicht weiß, dass man verkrampft. Die Muskulatur gibt plötzlich auf – und mit dieser spontanen Freiheit klarzukommen, voll zu atmen, kommt der Apparat nicht klar. Wer das in einer stressigen Ausgangslage einige Tage an sich erlebt, powert seinen Dopaminspiegel nach oben. Dann schläft man nicht mehr usw. Durch das Zusammenkneifen der Rippen rechts wird einiges erreicht, das der Gabe von hochpotenten, antipsychotischen Medikamenten ähnlich ist. Man merkt nix. Wer immer ein wenig alle Leute die ganze Zeit anlächeln will und dafür gewollt eine Grundspannung ins Gesicht zieht genauso, so einer wie ich will sich schützen mit einer freundlichen Maske. Leider bleibt man selbst hinter seiner Fassade auch zurück. Der links verkrampfte Gesichtsmuskel macht, jedenfalls bei mir ist es so, das Fühlen von Emotionen unmöglich. Die dagegen ausgerichtete Kompensation rechts mit dem eingekniffenen Brustkorb verunmöglicht die freie Atmung. Das hilft, Angst nicht zu spüren, gräbt dem Menschen aber die Vitalität gewohnt ab. Wer nun nachts mal wachliegt, wird unweigerlich andere Haltungen verwenden, als einer, der draußen im Alltag herumspaziert. Nachts im Bett können Ängste und Fantasien, schwere Träume uns erschüttern. Dazu muss einer erwachsen werden, mit sich klarkommen lernen. Und gerade ich als älterer Jugendlicher wollte auch da nicht locker lassen, mit später fatalen Folgen, behaupte ich. Schweres Atmen, bis man sich wieder einkriegt, ist gutes Krisenmanagement! Das muss jeder Gesunde lernen auszuhalten!

Warum musste ich erst weit über der Mitte des Lebens kommen, das zu begreifen, und warum können andere es mit sich erleben, ohne zu wissen, dass und wie sie’s tun, und warum fällt den Fachärzten so schwer, über den Ereignishorizont ihrer Fakultät zu schauen? Das darf ich, klug geworden, fragen – ohne die Antwort zu kennen, wie genau wir besser werden könnten als Mediziner, als Gesellschaft, weil ich weiß, wie ich Einzelner besser wurde. Ich kenne jeden Muskel und seine Gewohnheiten bei mir heute und habe auch methodisch gelernt, mich selbst umzuprogrammieren. Dafür ist die allerbeste Voraussetzung meine Empfindsamkeit, und vulnerabel ist nur jemand, der nicht selektiert, was aufkommt. Damit ist das blaue Buch, das mir der Arzt gab, eine gute Beschreibung von Problemen, aber keine Theorie steht dahinter, mit der einer arbeiten könnte. Eine Skizze der Medizin. Mehr ist es nicht.

Das reicht nicht.

Die Mehrheit ist mittelmäßig. Das wird immer so sein. Teilt man die Gesellschaft in drei Gruppen, sind Führungskräfte, Spitzensportler und Künstler (grob gesagt) die Gruppe der intelligenten Menschen, eine zahlenmäßig kleine Menge. In der Breite der Normalität finden sich vergleichsweise einfache Mitläufer als größte Gruppe. Bleiben schließlich als dritter Block welche, die überall mitgenommen werden müssen, sozialschwache, ungebildete, Kranke usw.

Meine Kritik: Es kann doch nicht sein, dass sogenannte Hochsensible als krank gelten, weil das Maß der Dinge ein stumpfer Normalo ist? Wenn Menschen, deren soziale Stärke ihnen ihr dickes Fell bedeutet (mit dem niemand wirklich Kreatives leistet), über uns eine Doktorarbeit fabrizieren, haben wir, denen man als „Macke“ Empfindsamkeit aufstempelt, selbst schuld, uns das gefallen zu lassen! Eine Behandlung, die uns medikamentös einstellen möchte, bis auch wir stumpf wie die „normale“ Masse traben, kann nicht funktionieren. Es geht ja auch regelmäßig schief: Menschen setzen ihr Zeug eigenmächtig ab. Sie werden erneut krank und man verpflichtet sie, härtere Schikane mitzumachen.

Weil die Psychiatrie es nicht besser hinbekommt.

# Was sich lohnen würde für eine moderne Gesellschaft

Wir müssen hinnehmen, die Wege des Erkrankten zu analysieren, die dieser beknackterweise einschlägt (zum Schaden seiner Person und anderer), können anschließend probieren, sein Verhalten zu korrigieren. Manchmal gelingt es. Man redet. Viel mehr ist’s ja oft nicht, dazu Pillen schlucken. Bitter, wenn Gewalt im Spiel ist. Die möchten wir als Gesellschaft verhindern. Die psychiatrischen Gutachten bei Tätern etwa, deren zukünftige Verbringung entschieden werden muss, bleibt das Lesen von Kaffeesatz, der Blick in die Glaskugel, wie man es auch nennt.

Psychiatrische Erkrankungen sind von zwei Polen dominiert. Es gibt Überreaktionen und Erschöpfung andererseits. Die Vernachlässigung der eigenen Belange geschieht durch zwanghafte Anpassung an die Umgebung. Die Strukturen innerhalb nötiger Beziehungen zu anderen sind in jedem Fall problematisch. Daraus resultieren vielfältige Krankheitsbilder. Ginge man dazu über, soziale Störungen als Psyche wie Physis gleichermaßen betreffende Probleme anzusehen, wären wir weiter. Behandlungen sollten auf die Intelligenz der Betroffenen bauen und fragen, wie nötige Klugheit wiederbelebt werden könnte bei den Kranken. Die Annahme, dass der eigentliche Störenfried die Gesellschaft selbst ist, die ihre Kranken erschafft durch Anforderungen, denen manche nicht gewachsen sind, die dann ein Trauma erleben, spricht schon aus der Diagnose „Anpassungsstörung“. Das Wort selbst ist ein Stempel, der erdrückend erfahren werden kann. Es bedeutet, ein Stigma zu erleben.

Ist man erst einmal krank gewesen, geht es weiter. Die anderen stören weiter. Sie lassen uns nicht selbstbestimmt leben. Sie wollen helfen, ob wir das wollen oder nicht. Immer wenn wir nervös werden, setzen die besseren Menschen noch einen drauf. Man gilt als auffällig und soll es bleiben. Die Umgebung schaut extra hin. Das lenkt von eigenen Problemen ab, wenn man die Nöte anderer sichtbar macht. Schafft einer wie ich, längere Zeit die Ruhe zu bewahren, ist das Folgende einfach unglaublich. Niemand ruft an. Es kommen keine E-Mails außer Spam. Wer kein WhatsApp macht, Facebook oder Insta, was weiß ich, wie’s alles heißt, wo immer ganze Gruppen in Rudeln sich gegenseitig bestätigen, ist so was von weg. Wenn ich selbst etwas möchte, stellt sich jede Anfrage anderswo als langwieriges Geduldsspiel heraus. Umgekehrt bedeutet alle Lobhudelei, die vielleicht im Postfach eintrudelt, dass das Gegenüber eigentlich etwas für sich erreichen will. Die netten Phrasen sind stets Phishing. Ich werde immer angelogen so gesehen, ausgebremst. Nie hilft ein Engel, ein Gott oder sonst wer uneigennützig. Man muss alles selbst anschieben. Noch nie sagte mir jemand etwas konkret Reflexives zu meinem Befinden, wie ich selbst es spüre, hier kommuniziere. Menschen lesen nicht, was andere schreiben. Sie lesen, was sie rauslesen wollen. Sie hören nicht zu. Das ist ganz normal.

Man kann es so machen und lebt besser anschließend.

Arbeit ist Arbeit, aber Leistung ist Arbeit in Relation zur Zeitspanne, in der diese Tätigkeit erbracht wurde. Eine Maschine hat ihr Tempo, das sie erbringen kann und ein Mensch hat individuell seines. Der Bediener einer Maschine muss darauf achten, dass ein Motor nicht heiß läuft. Ein Mensch muss auf sich selbst achtgeben, wie viel er bereit ist einzusetzen für seinen Erfolg, seine Bedürfnisse. Das zeigt wieder die untrennbare Einheit des Menschen, er ist sein eigener Bediener. Ein Mensch macht durch Fehlentscheidungen seinen funktionalen Apparat kaputt. Das ganze System ist betroffen bei psychischen Störungen. Der ganze Mensch könnte korrigiert werden durchs Begreifen, dass man genauso an den Füßen beginnen kann, statt am Kopf herumzudoktern. Solange wir das Gehirn eines psychisch Kranken nicht direkt in Ordnung bringen können, ist das Haltungsbild zu verbessern ein absolut vielversprechender Ansatz. Psychopharmaka können das Gehirn niemals so effektiv optimieren, wie uns das die Hersteller dieser Mittel weismachen. Die nötige Dosis Dopamin etwa, die gesundes Funktionieren im Kopf bedeutet, ist immer variabel, der Situation entsprechend, die spontan geschehen kann.

# Medikamente nehmen vs Erfahrungen machen

Man kann keine „Erhaltungsdosis“ geben, den Patienten „einstellen“. Das ist vollkommender Quatsch. So spricht der Arzt, der einer sein will. Das ist wie der Staatsanwalt oder Kommissar, der erzwingen möchte, dass das Gericht seine Version der Geschichte glaubt. Unser Erleben als Patient ist mehr als jeder Plot. Wir fühlen. Leistung erbringen, von der einer fälschlicherweise annimmt, diese würde wie angenommen erwartet, kann sowohl erschöpfen wie auch zu neurotischer Überreaktion führen. Und danach zu trachten, eine solche Neurose in jedem Fall effektiv vor anderen zu verbergen, dürfte eine weitere Vielzahl von Erkrankungen erklären, die alle der hilflose Versuch sind, Angst zu kaschieren. Ärzte aber werden sich hüten, das Ausleben von Angst bei ihren Patienten zu befürworten. Ein neuerlicher Schub der dem Patienten typischen Reaktion dürfte wahrscheinlich sein. Also geht man in die gegenteilige Richtung und tüncht die Probleme der Armen einfach über mit dem Medikament.

Mich erschöpft meine Selbsterforschung nachhaltig. Ich habe bereits Überreaktionen gebracht, die einige schockieren. Ich genieße, mich zu erholen. Wie das geht, habe ich gelernt, das meiste davon aus Büchern. Lesen, Schreiben, Malen: Es hat sich gezeigt, dass das kreative Probieren, was ich mit mir anstelle, erlaubt ist zu tun (im modernen Deutschland). Das ist ein Fortschritt. Fatalismus kennzeichnet meine Einstellung, die immer miteinbezieht zu gehen, wenn’s nicht mehr auszuhalten ist oder Hilfe anzunehmen. So frei ist unser Wille nicht. Es kann eng werden. Da mache sich niemand was vor. Wer mit großer Klappe richten möchte und erklärt, was alles hier solle auf Erden, dürfte feststellen, wie es anders kommt. Das blödeste Kamel wagt und bekommt sogar hin, durchs Nadelöhr abzuhauen. Ein Dickkopf scheitert am Brett vor dem eigenen Kopf. Geben und schließlich zugeben, wo wir fehlgehen, macht uns reich an Einsicht, überhaupt findig zu sehen. So spricht unsere menschliche Natur. Ich bin bereit, meine Existenz anzunehmen und erfahre jeden Tag, dass diese Haltung besser ist.

# Papier ist geduldig und solche Sachen

„Die Karte ist nicht das Land“, heißt es. Nun, ich habe unzählige Info-Karten gezeichnet für Verlage, navigierte mein kleines Boot schon nach mancher Seekarte, kenne das Metier. Ich nutze Abbildungen überhaupt für vieles, male, bin im Bild sozusagen auch selbst unterwegs. Einige halten mich für verrückt? Sie sollten sich korrigieren. Ich konnte ein ganzes Dorf ein ganz klein wenig verrücken auf ihrer Karte, nach der sie hier leben.

Manche haben das auch gemerkt.

🙂