Eine kurze Geschichte der Politik
Für die kleine Titelzeichnung habe ich mir ausgedacht, meine erste Lesefibel aus der Schule rauszukramen. Den Titel „Fangt fröhlich an!“ borgte ich mir und das uralte Auto, das eigentlich abgebildet ist, mit dem die Kinder im Buch durch alle Kapitel unterwegs sind, konnte man digital wegradieren. Damit ließ sich ein anregender Fond ausdrucken, und das musste ich zwei Mal machen. Beim ersten Versuch fand ich meine drei Spitzenleute nicht so gut gelungen. Damit sind Angela Merkel, Olaf Scholz und Friedrich Merz gemeint. Das sind welche, die sich bei Amtsantritt freudig wie Schulkinder gegeben haben. Tatsächlich: Ich habe Fotos gefunden, wo alle auf diese, dieselbe Art winken. Dem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne. Später geht manches schief. Wir lernen auch nach der Schule bestenfalls. Deswegen stört mich wenig, ein zweites Mal zeichnen zu müssen, wenn es mal nichts wird. Ich kann das. Ich kann Kunst, aber nicht Kanzler, sollte dies hier auch heißen! Sich trauen und Vertrauen gehören zusammen. Deutschland ist gestört diesbezüglich. Immer ein Thema. Kunst ebenfalls ist nicht leicht. „Man macht unheimlich viel für den Papierkorb“, wusste mein Professor uns im Studium zu unterrichten, zu trösten. Den lieben Otto Ruths erwähne ich gern bis heute. „Wer seine Vergangenheit nicht kennt, erlebt eine relativ dürre Zukunft“, meinte er häufiger: Gelegentlich habe ich schon angedeutet, ich bin der Sohn vom Fischmann in Wedel. Meine Eltern sind tot, davon schrieb ich genauso, und ich habe unseren Laden nicht übernehmen sollen:
„Da riechst du immer nach Fisch und kriegst nie ’ne Freundin.“
# Der Fisch stinkt vom Kopf
Wir haben schon auch über Politik geredet in der Familie, meine Eltern waren Unternehmer und beklagten manche soziale Errungenschaft, spotteten anders als die Angestellten. Wir hatten gegensätzliche Themen im Vergleich zur Mehrheit im Land. Mein Vater konnte nichts anfangen mit dem seinerzeit modernen Wort vom „Arbeitsplatz“. Er schimpfte: „Noch nie hat eine Firma Arbeitsplätze geschaffen. Die Leute werden angestellt, weil das Unternehmen sie braucht. Eine Firma gründet sich nicht, um Arbeit zu schaffen. Das verdreht die Realität.“
Wir sahen auch die Seite des Vermieters, weniger die rote politische Sicht war unsere. Das kollidierte mit den Ansichten meiner Lehrer in Hamburg, wo ich ein Fachabitur schaffte, und auch alle Professoren an der Armgartstraße, wo ich anschließend studierte, machten keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Konservativen.
Ich erlebte zunächst vier Bundeskanzler bewusst. Willy Brandt wurde 1969 Bundeskanzler. Ich war im August fünf geworden, als Brandt im Herbst gewählt wurde. Mein Vater zitierte Plakate: „Willy wählen!“ stand als Slogan darauf, und er hielt nichts davon. Er spottete auch über den historischen Politiker Kurt Schumacher, der nicht Bundeskanzler wurde nach dem Krieg (die erste Wahl in der neuen Demokratie knapp verloren hatte). Mein Vater begeisterte sich für Adenauer. Mein Professor an der Armgartstraße, den ich mochte, umgekehrt spottete über „den Alten“ – seine Stimme, seine Elefantenaugen. Ein Problem für mich.
Nach Brandt kam Schmidt. Brand stolperte über Guillaume. Sein Name wurde aber „Gulli-aume“ ausgesprochen, teils aus Spott über Brandt, glaube ich. Wir konnten zudem kein Französisch. Hamburger sagen ja auch Pallmalje zu ihrer Prachtstraße Palmaille in Altona.
Schmidt musste gehen in einem dramatischen Abstimmungsdebakel. An diesem Tag besorgte unser Politiklehrer einen Fernseher. Wir waren live dabei im Unterricht. Das war der Unterricht an diesem Tag, dass wir das schauten. Dafür bin ich noch heute dankbar. Auf Schmidt folgten 16 Jahre Kohl. Eine ganze Generation junger Menschen kannten nur ihn als Bundeskanzler. Mein Professor – der, der Adenauer nicht mochte – hasste auch Kohl. Zu der Zeit hieß der amerikanische Präsident Ronald Reagan. Er hatte Jimmy Carter abgelöst. Als meine Tante aus Kalifornien bei uns zu Besuch gewesen war, fand sie nicht lustig, dass ich mit einer Jimmy-Carter-Maske herumlief, um sie zu erschrecken. Diese Tante wählt immer rechts. Ich bin naiv gewesen (und vielleicht bin ich es weiter). Noch als Student verhielt ich mich wie ein Kind und wohnte zu Hause bei meinen Eltern.
# Von Freunden umzingelt
Die Sowjetunion zerbrach, alle bewunderten Michail Gorbatschow, und Helmut Kohl nannte man den Kanzler der Einheit, als die neuen Bundesländer integriert wurden in die Bundesrepublik Deutschland. Das schreibe ich, obwohl es alles bekanntes Zeug ist, weil ich noch erzählen möchte, wie ich mich über die Wahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler freute, und weil ich schließlich thematisieren will, dass sich meiner Meinung nach anschließend der Kanzlerschaft von Schröder etwas geändert hat in Deutschland. Die Wahl von Gerd Schröder fand statt zur Preisverteilung der Alsterregatta im Herbst beim Hamburger Segelclub. Ich kann mich an unser Rumsitzen in den Ledersesseln des Clubs erinnern. Man ging nicht nach Hause mit seinem Preis, sondern schaute gemütlich beim Bier dem historischen Wahlgeschehen zu.
Die SPD gewann die Bundestagswahl am 27. September 1998 mit 40,9 Prozent der Stimmen, weiß Google.
In die Amtszeit von Schröder fällt auch 9/11, und jeder weiß, was er an diesem Tag machte.
Schröder verlor krachend gegen Merkel und wollte es nicht wahrhaben. Er wollte als ein Macho gelten, und es war so doof.
# Zeitenwende
Ich habe Angela Merkel bewundert von diesem Wahlabend an. Ich habe sie sogar gewählt, für ihre Coolness habe ich sie gemocht, und die Entscheidung in der Flüchtlingskrise fand ich großartig. Damit aber wendete sich das Bild der Deutschen, es war die erste Zeitenwende wie später, als Olaf Scholz diesen Begriff geprägt hat.
Merkel machte eine andere Politik in einer anderen Zeit, es war eine andere Zeit geworden, und das meine ich überhaupt. Bis zu Gerd Schröder waren unsere Bundeskanzler Männer gewesen, und ihre Gegenüber in der Politik im In- und Ausland waren ebenfalls vornehmlich männliche Partner oder Gegenspieler. Mit Merkel etablierte sich ein neuer Stil, aber mangelnden Respekt hielt man ihr beispielsweise aus dem Ausland niemals entgegen. Angela Merkel hatte noch einiges von ihren Vorgängern an Selbstbewusstsein, wenngleich man schon sagen kann, dass Schmidt oder Kohl buchstäbliche Schwergewichte waren (in meinen Augen) und sich weder vor den Amerikanern oder Russen verstecken mussten. Erst mit Olaf Scholz bekamen wir einen Bundeskanzler, der bei weitem nicht so punkten konnte im Auftreten gegenüber den Mächtigen der Welt. Immerhin traute er sich, Wladimir Putin mehrmals anzurufen, und dem Russen zu sagen, was man sagen muss.
Und Friedrich Merz?
Ich bin einfach nur enttäuscht von diesem Mann und freue mich allenfalls, dass ich nie mehr jemanden wähle, seitdem ich weiß, wie diese Leute tatsächlich sind.
Ich glaubte, mit einer Bürgermeisterin befreundet zu sein. Wie doof von mir. Und ja, ich bin noch immer naiv. Aber ich gehe nie wieder wohin und stimme für irgendwen ab. Das ist erlaubt in Deutschland. Noch. Mein Opa erzählte mir, dass damals alle in die NSDAP eingetreten sind. Das machte man.
„Wat Heinz – wodrum büst du nich inpedd? Dat mok man! Wi sün jümmers all inpedd.“
Jetzt gibt es ja eine Datei, wo jeder seine Vorfahren diesbezüglich prüfen kann, und manche erschrecken und meinen, ihr Großvater wäre – doch – Nazi gewesen. Ich kann mich nur kaputtlachen. Die andern scheinen mir noch viel naiver, als ich selbst es bin!
🙂