Schuld sind die anderen

„Das Wir gewinnt“ ist der Slogan der Aktion Mensch, bei der Rudi Cerne als Moderator die wöchentlichen Gewinnzahlen im ZDF präsentiert. Die Aktion Mensch ist die größte deutsche Soziallotterie und private Hilfsorganisation. Sie setzt sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung sowie für Kinder und Jugendliche ein. Mit den Einnahmen aus ihren Lotterielosen fördert sie jeden Monat tausende soziale Projekte in ganz Deutschland. Soweit Google, wenn man die Begriffe abfragt.

Wo das Wir, das System gewinnen kann, ein Nichtnullsummenspiel angenommen werden soll, kann ein solches Kollektiv auch Verlierer sein: Um jede Gruppe (oder eine Gesellschaft überhaupt) können wir abschließlich eine Grenze ziehen. Draußen sind andere. Die gewinnen auch oder verlieren mit ihrem eigenen Wirsein, und wenn „wir“ beispielsweise Ökoziele erreichen – was tun andere Staaten? So können wir fragen. Zu kurz gedacht, ist halb gemacht. Wer vom Gewinnen redet, darf dieses Wort nicht ohne sein Gegenteil nutzen, auch wenn Rudi Cerne so tut, als wäre diese „Aktion“ eine insgesamt tolle Sache. Letztlich ist es der Slogan einer Werbekampagne. Man möchte Geld und wirbt, Geben sei mehr als Nehmen:

„Du bist ein Gewinn!“

# Fokussiert, aber insgesamt blind

Gerade haben aber wieder alle verloren: Am Ende der Nachrichten aus unserer näheren Vergangenheit steht der Tod von Abdul Ballout. Der Islamist und mutmaßliche Täter des Amoklaufs beim CSD Berlin wurde von der Polizei in einer Gartenlaube aufgespürt und bei der darauffolgenden Auseinandersetzung mit den Beamten erschossen. Die Nachrichten kulminierten am gestrigen Sonntag Abend im finalen Schuss: In Berlin ist bei einem mutmaßlichen Anschlag am Rande des Christopher Street Day eine Frau getötet worden. Eine Person fuhr mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge. Die Polizei fahndete nach dem Fahrer des Wagens und stellte den Verdächtigen schließlich.

Der Täter ist tot.

Nicht zum ersten Mal, möchte man schreiben, ist ein polizeibekannter Mann auf eine Gruppe losgegangen, und scheinbar zu Recht empören sich viele. Wer hat nun versagt? Der Polizist Manuel Ostermann warnt: „Die innere Sicherheit erodiert.“ Die Kriminalstatistiken explodierten, Polizisten würden zwischen Politik und Gesellschaft aufgerieben, sagt der Gewerkschafter. Dann hat also die Politik schuld? Gehen wir in den Nachrichten nur wenige Stunden zurück, vor den CSD Berlin, dann erfahren wir vom Kabinettsumbau des Bundeskanzlers. Und seinem verstolperten Neustart. Er schasst seinen Verkehrsminister offenbar, ohne einen Nachfolger präsentieren zu können. Der vorgesehene Neue sagte kurzfristig ab, heißt es. Schauen wir noch einige Tage rückwärts, erinnern wir uns an die Personalie „Spahn“.

„Jens Spahn tritt als Unionsfraktionscchef zurück. Er zieht damit Konsequenzen aus der Debatte um eine Leihmutterschaft in den USA“, schreibt der „Deutschlandfunk“ am 18. Juli 2026, wie man googeln kann.

Der Rücktritt, der ihm vermutlich vom Kanzler direkt nahegelegt worden war, machte einen Umbau an der Führungsspitze der CDU notwendig.

# Weiter hinten, aber unvergessen

Wenn wir sogar einige Wochen zurückschauen, ist da ja ein großes Ereignis für unsere Gesellschaft: Das Scheitern der deutschen Fußballnationalmanschaft und die anschließend vollzogenen Personalentscheidungen.

Jürgen Klopp wird Bundestrainer.

Was so eine haarsträubende Vermengung von aktueller Geschichte soll? Nun, wenn „das Wir“ gewinnen kann, kann es auch verlieren. Dann gibt es keine eindimensionale Kausalität nach dem Motto „der Islam ist schuld“ oder so. Dann treibt ein Brei. Alle köcheln die Suppe gemeinsam, die wir auslöffeln. Das ist Aalsuppe, plattdeutsch: Dor is aalns bin, „alles“ drin – nicht Edelfisch also. So fallen Tore im Spiel, alles bewegt sich, und erst in der Zeitlupe sehen wir, in ihrer Wiederholung, wie es „wirklich“ geschah. Nur in den Geschichtsbüchern finden sich solche Sätze: „Das Attentat von Sarajevo war der Auslöser für den Ersten Weltkrieg.“ Man könnte meinen, der kausale Zusammenhang erkläre das damalige Geschehen vollständig? Das stimmt so nicht. Dann müsste es im Fußball immer heißen: „Weil der Torwart den Ball nicht hielt, fiel das Tor, kam es zum Endstand soundso.“ Kausale Erklärungen machen nicht selten blind für eine größere Wirklichkeit.

Da ist nicht einer allein aktiv oder einer, der versagt.

# Gefährder

Als Gefährder gelten Menschen, die sich radikalisiert haben. Es gibt keine statische Gefährlichkeit, die man hat oder nicht in soundso heftiger Konsistenz, sondern das mögliche Verhalten möchte man ausdrücken mit dem Begriff. Ehrlicherweise ist zunächst anzuerkennen, dass Ärger normal ist, menschlich. Jeder wird zornig. Wem es nie geschieht, der ist nicht gesund. Wir können das Normalverhalten ungefähr beschreiben. Menschen erkennen den Unterschied extrovertierter Haltung ganzer Nationen zu gemäßigten Kulturen. Als Bastian Schweinsteiger vom wilden Spiel der afrikanischen Fußballer sprach, dachte er sich nichts dabei, aber schnell warf man ihm Stereotype oder gar Rassismus vor. Was dem einen noch als normal gilt, ist für andere kritikwürdig. Wo Menschen nicht nur verbal angegriffen werden, sondern körperliche Attacken passieren, ist für die allermeisten eine Grenze überschritten. Wir möchten die Zivilisation und nicht Selbstjustiz. So gesehen lässt sich ein Prozess erkennen: Wer allmählich immer gewaltbereiter reagiert, hat sich auf eine schiefe Ebene begeben. Was zunächst noch sozial passen könnte, kollidiert zunehmend mit der umgebenden Gesellschaft; dann reden wir vom Extremismus.

So weit so gut – oder eben so schlecht begriffen, macht die breite Normalität doch den Fehler, dem Extremisten seine Haltung allein schuldhaft zuzuschreiben, nimmt sich das Recht zu strafen mit dem Argument, mit demjenigen stimme etwas nicht (weil er uns alle in Lebensgefahr bringt). Damit blendet der Ansatz von Menschen, die eine angenehme Ordnung halten möchten und sich verpflichten, Sicherheit für alle zu garantieren, aus, dass kein Kind als Extremist geboren wird. Menschen werden wütend und unter Umständen wütender. Das ist ganz sicher dann der Fall, wenn man ihnen sagt, sie seien erkanntermaßen gefährlich und würden – deswegen – vorsorglich heimlich überwacht.

Davon bin ich überzeugt: Man schafft sich die tickenden Zeitbomben selbst mit den Methoden, die doch alle schützen sollen. Die „Gefährderansprache“ ist das absolut dümmste, das je ein System sich ausdachte und erreicht sicher das umgekehrte Ziel: Tod. Das ist auch keine unüberlegte Einzelmeinung meinerseits. Zu oft schon haben Nachrichten ähnliches berichtet. Man muss sich’s nur vorstellen, da kommen ein paar wichtige Tanten zu einem erwachsenen Mann und sagen ihm: „Du, du, du! Du böser, böser Mann. Du Böser! Wenn du weiter – dann! Dann aber.“ Leichte Sprache, Ha ha. Wer so blöde Drohungen nötig hat? Dann erst recht, denkt sich ein Erwachsener, der gescholten wird wie ein Kind. Nun reißt sich so einer absichtlich zusammen, bis Ruhe einkehrt und die Maßnahmen zurückgefahren werden.

Was sonst?

Wir erleben da keine Aliens oder eine andere Gattung, die sich spontan gegen die Mehrheit stellt. Es sind nicht Tiger oder Löwen unterwegs, und wir wären dagegen schützenswerte Schafe oder Pferde; aber so vereinfacht das modische Wort vom „Gefährder“ das Bild – die Lage, die Sichtweise.

Aus einem Pferd wird kein Löwe, kein historischer Säbelzahntiger.

Menschen und Tiere? Darf man vergleichen?

Nichtsdestotrotz gibt es brave Hunde und aggressive scheinbar. Die einen gehen brav Gassi mit, und andere beißen. Genau wie Hunde, die mit der Zeit bösartig werden, verändern sich Menschen, die zunehmend zorniger reagieren, sich schließlich bewaffnen. Wo Kulturen durchmischt existieren, ist die Unterscheidung gegeben, was als richtiges Verhalten zu gelten hat. Und nur da liegt der theoretisch kluge Ansatz, die Probleme zu beschreiben, dass wir auch Lösungen erdenken können.

Die erlernten Auffassungen einer Gruppe – die in sich stimmen mögen, so lange diese Leute homogen agieren – bringen ihre Spitzen nach draußen, wenn diese besonderen Menschen denselben Boden bevölkern wie eine gegensätzlich ausgerichtete Gesellschaft.

Ein Gedankenspiel, weil es gern heißt, ein Mensch oder sein Verhalten sei aus der Zeit gefallen:

Ohrfeigen zum Ziel der Erziehung von Kindern waren normal und sind es nicht mehr. Die Menschen, die früher den Umgang mit Sklaven ganz richtig fanden, die Wale jagten (und gegessen haben, verwertet), hielten sich für gläubige Christen. Nähme man eine größere Anzahl von ihnen aus der damaligen Zeit und beamte sie zu uns ins Heute, dürften sie mehr als nur anecken. Ein einzelner geschichtlicher Mensch könnte sich verstörend verhalten, müsste dieser bei uns heute existieren mit seinem Weltbild, dass wir ihm gleich sagten, er „habe eine Störung“, sei womöglich gefährlich.

Gesellschaften mischen sich, wandeln sich und müssen streiten um den richtigen Weg. Menschen als Islamisten und Terroristen zu erkennen, darf nicht heißen, leichtfertig auf solche zu schießen. Das wird eine Polizei immer bestreiten, dass die Schusswaffe mal eben so genutzt wurde, aber man muss auch annehmen, dass ein solcher Verdächtiger, der mutmaßlich gerade Menschen überfahren hat in seiner Attacke, kaum noch eine humane Verteidigung für sich einfordern wird. Insofern ist da immer ein Unterschied. Und so kann ich Heiko Teggatz zitieren, den Vorsitzenden der deutschen Polizeigewerkschaft, auf die Frage des Moderators, ob er, Teggatz, verstünde, warum die Überwachung des Täters zurückgefahren wurde?

Der Polizist:

„Nun, man muss dabei natürlich auch berücksichtigen, dass das Amtsgericht in Tiergarten den Knaben ja nur zu einer Freiheitsstrafe „auf Bewährung“ verurteilt hat, gegen, wegen des Vorwurfs, und insofern – ähm – hat der, hat das LKA vermutlich entschieden, die Maßnahmen zurückzufahren, dennoch – äh – bei einer Überwachung mit einer Kamera zu bleiben. Äh – das ist also eine unterschwellige Überwachung, wie sie normalerweise beim Gefährder üblich ist.“

(RTL-Aktuell, 27.07.2026).

„… den Knaben.“

# Ein Tausch ist undenkbar?

Dieser Gewerkschafter der Polizei spricht oft im Fernsehen. Sein Gesicht ist das vertraute eines Beißers im Selbstverständnis der gestellten Aufgabe. Sein Gegenüber in diesem Fall, der Islamist, wirkt unreif – vergleichsweise, ist aber vom drängenden Hass motiviert. Anfangs zeigt das Fernsehen solche Menschen ja unverpixelt, bis sie erschossen wurden durch die Selbstjustiz unserer Beamten, die, vom Korps geschützt, einiges machen dürfen und mehr machen würden nach dem Vorbild der ICE in den aktuellen USA?

Falls wir uns dahin gesellschaftlich pervertieren, wie es von vielen gewünscht ist?

Der Schritt hin zur SS und SA der braunen Zeit ist klein.

Es ist wohl undenkbar, dass diese beiden Männer, der Polizist Teggatz und sein Widerpart Ballout, der inzwischen verpixelt auch in Schriftform nur noch „B.“ heißen darf, ihre Rolle tauschen? Gefährlich sind beide. Darf ich das sagen? Das sind nicht Rollen, ihre Existenzen, es sind sie so, wie sie sein müssen. Ihre Ansichten sind aus der jeweiligen Herkunft entwickelte Haltungen. Die Aufgabe einer Gesellschaft, die beide auf ihrem Boden beheimatet, ist, entweder einen zum Terror bereiten Menschen nicht im Land zu dulden, der die Mehrheit gefährdet oder ihn wirksam anzupassen, dass seine Terrorabsichten für ihn sinnlos werden, und genauso haben wir die Pflicht, den Beamten auszubremsen, wie wir ja auch eine Schusswaffe mit dem Sicherungshebel unwirksam machen, in den Waffenschrank weglegen nach Gebrauch.

Nur durch Lernen und Disziplin können wir uns insgesamt schützen. Eine alberne Drohung, denn nichts anderes ist so eine „Gefährderansprache“ und die für ihn latent spürbare Überwachung, die Absicht, solche Leute heimlich zu manipulieren – ist so was von kontraproduktiv! Wo man immer wieder keine Haft durchsetzt, Ausreisepflichtige nicht aus dem Land bekommt, macht sich ein Land lächerlich und extra angreifbar. Und eine Polizei, die wir zwischen den Fronten einer woken Denke und den realen Gefahren, denen die Beamten tagtäglich ausgesetzt sind, einkeilen, wird ebenso bösartige Züge annehmen wie jeder Terrorist sie entwickelt und einübt.

Wir können nur alle gemeinsam lösen, was alle angeht.

# Im Bogen gedacht

Die Politik ist schuld, wird gesagt. Gibt es bessere, und sind Politiker verfügbar, die uns eine gut passende Umgebung schaffen können, Sicherheit, Wohlstand erhalten, Wohnraum, Arbeit neu gestalten, die Bürokratie abbauen, die Schulen verbessern, Rente und Pflege garantieren? Wo wir Bürger und Bürgerinnen doch selbst nichts dafür können, für die Probleme, meinen ja viele. Im Bundesland Sachsen-Anhalt ist Anfang September, in Mecklenburg-Vorpommern Mitte September Landtagswahl, und auch in Berlin wählen die Menschen das Abgeordnetenhaus. Bei jeder nächsten Wahl wird man die Regierenden grundsätzlich abstrafen und sich eine Alternative suchen.

Das meine ich.

Da scharren die neuen Rechten mit den Füßen und freuen sich schon. Gelungener kann kein Start-up loslegen, denn hier wurden ja Extremisten erkannt, die gesichert anders sind! Die Wähler können nichts Besseres tun: Man wäre schön blöd, weiterzumachen wie bisher, bei dieser Medienlage, die manche als Realität einfach glauben. Die Umfragen machen es leicht. Jeder weiß scheinbar Bescheid und kann sein Kreuz dort machen, wo er sich hinterher wohlfühlen möchte. Schließlich bestens informiert, wie die Masse tickt, kann man bequem dazugehören und ist vorab gut informiert.

Danke dafür.

Dass hier Geschichten erzählt werden, die sich gut machen zu lesen, in der Presse, wissen wir, aber das hält uns nicht ab. Mal sehen, was morgen kommt? Wir wissen schon, wohin die Soße schwappt! Niemand stellt eine Kerze auf für Abdul, das scheint mir sicher! Aber ich weiß, was Ausgrenzung ist!

Ich weiß, wie sich’s anfühlt.

Und ich bin weder Islamist noch überhaupt Ausländer – oder schwul. Hier im Dorf sind Hetzer gegen mich unterwegs. Das ist ein Fakt, und die halten sich für normal und mich nicht. Meine Perspektive kann nur diese sein: Die Gesellschaft ist selbst schuld, wenn man sie angreift, denke ich.

Noch darf ich’s sagen.

🙂