Ideen leben weiter

Krieg und Frieden, so heißt ein berühmter Roman, und so ist die Welt: Krieg und Frieden. Einen ewigen Frieden wünschen sich manche, das Ende aller Gewalt, aber es bleibt eine Utopie. Christus lehrt uns, nicht zurückzuschlagen bei einem Angriff. Einen Schlag besser hinnehmen sollen wir, statt mit ähnlicher Reaktion zu kontern. Den Kreislauf von Angriff und Vergeltung durchbrechen, wird oft gefordert!

Wer in der dummen Lage ist, ein paar Gegner fürchten zu müssen, eine Gruppe hat sich gebildet, und man weiß nicht recht, was als nächstes passieren wird vonseiten dieser Menschen, dürfte nie ganz unschuldig am Konflikt sein. Der Begriff Schuld lässt sich aber dehnen und auch missbrauchen. Die angeblich notwendige Ausgrenzung von Fremden ist Rassismus. Man trägt keine Schuld, weil die Hautfarbe anders ist, als wäre verboten, falsche Kleidung zu tragen. Man kann das Opfer der Idee von unerwünschter Andersartigkeit sein. Anders zu sein, ist keine Schuld. Anders als eine Mehrheit zu sein, beinhaltet aber die Wahrheit der tatsächlichen Unterscheidungsmöglichkeit. Wenn ein Mann in den Bereich des femininen Waschraumes eindringt, wird er zurückgewiesen werden und dass ist keine verwerfliche Ausgrenzung.

# Der, der weg muss!

Gefährlichkeit heißt anders zu sein als die Zivilgesellschaft. Die Masse geht einfach so arbeiten und überhaupt ihrer Wege. Den Gefährder als solchen kennen wir aber namentlich erst, seitdem alle dieses Wort mögen. Das ist auch eine Zuschreibung, weniger statisch gleichbleibende Wahrheit. Menschen könnten sich zum Besseren hin entwickeln, aber wenn man sie offen Gefährder nennt, ist das Gegenteil wahrscheinlich. Man erschafft die Bestie geradezu selbst, die schließlich nur noch durch dauernde Standortübermittlung, dass alle sich darauf einstellen können, kontrolliert wird. Das ist das Vollversagen einer Gesellschaft und nicht ein Phänomen des Einzelnen, der eben anders ist. Die Durchmischung der Kulturen und die Transparenz des Internets sowie die Armseligkeit einer hilfesuchenden Masse, die sich selbst nicht versteht, ergeben die moderne Situation.

Wer in einer Auseinandersetzung der Böse sein soll, kann unterschiedlich bewertet werden. Mancher Staat erklärt Menschen zu Terroristen, die sich selbst als legitimen Widerstand definieren. Ob und wie Frieden nachhaltig geschaffen werden kann, darüber wurde schon viel nachgedacht. Wie umgekehrt Krieg aus scheinbar nichtigem Anlass losbricht, darüber muss niemand lange grübeln. Streit kommt schnell auf. Frieden bedeutet zähes Ringen darum – mit oft nur trügerischer Ruhe.

# Angenommen, eine Partei hält sich schließlich zurück?

Man verzichtet aufs Kämpfen, möchte etwas tun, die Spirale der gegenseitigen Attacken nicht weiter drehen zu lassen und bewahrt grundsätzlich Ruhe? Das muss nicht zwingend heißen, auf diese Weise sofort oder doch gleich, mindestens bald Frieden zu schaffen. Falls die Gegenseite solche scheinbare Schwäche auszunutzen weiß, kann das eigene Nachgeben einen schlimmen Übergriff vom Gegner erst möglich machen. Jedenfalls ist ein Streit nicht automatisch zu Ende, wenn eine Seite nicht mehr mitstreitet. Ein guter Anfang ist, bewusst zu pausieren mit den typischen Reaktionen reflexhaften Zurückschlagens, sich nicht zu wiederholen. Das schafft ein Vakuum gegenüber, aber eine Garantie für dauerhaften Frieden kann niemand bieten, weder durch Gewaltverzicht noch durch den Versuch, sämtliche Gegner zu beseitigen.

Wo es ein Motiv gibt, eine Idee, ein Narrativ, das andere gegen uns ins Feld führen können, wir durch bloß irgendetwas gekennzeichnet sind, einen Unterschied (im allerweitesten Sinne), gibt es keine Sicherheit für grundsätzlichen Frieden mit der anderen Partei, die diese Unterschiedlichkeit neuerlich ins Feld führen kann.

„Er war schon früher im Knast, er ist Psycho, das ist so einer, einer von dieser Sorte, diese Nachbarn haben immer gelogen, uns seit Generationen betrogen etc.“

Eine Idee lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Wenn sie einmal gedacht wurde, kann sie auch von welchen, die davon nicht wissen, anderswo, jederzeit aufs Neue kreiert werden. Gegner können gebunden, in Schach gehalten, getötet werden, von selbst aufgeben, wegziehen, eines natürlichen Todes sterben – Narrative sind unsterbliches Material, können immer wieder neu zum Motiv erklärt werden und frische Anhänger finden. Dann beginnt der Krieg von neuem.

Das „Europa der Vaterländer“, eine Forderung der Neuausrichtung, die man jetzt häufiger hört, ist im Brexit tatsächlich vollzogene Trennung und der erste Schritt, Grenzen wichtiger zu nehmen. Die smarte Floskel kann ein kleiner Schritt in Richtung künftiger Konflikte sein. Abgrenzung kann sinnvollen Schutz bedeuten – man schließt die Haustür ab – oder doch Motivbildung und der Versuch, bei den Leuten eine insgesamt bösartige Sicht auf den Nachbarn zu etablieren. Dann gilt einer, der die Gefahr plausibel darstellen kann, vermeintliche Lösungen im Gepäck hat, als Retter des Systems und möchte tatkräftiger Führer sein. Schließlich ist solche Grenzüberwachung auch die Vorbereitung auf eigene Angriffe gegen das Drumherum. Attacken lösen kaum die Probleme: Der Frieden in Nahost wird durch den aktiven Krieg nicht wahrscheinlicher. So auch die Konfrontation zwischen dem Iran und den USA. Die angespannte Situation hat den Erfindungsreichtum des vermeintlich militärisch schwachen Landes beflügelt. Mit der Beherrschung der Wasserstraße von Hormus entdeckte die Regierung dort einen Hebel zur Macht, wie man ihnen es nie zugetraut hätte. Das ist auch an der Grenze von Europa nach Osten hin so. Wir erleben einen Rüstungsboom und feste Fronten. Vom baldigen sicheren Frieden zwischen Russland und der Ukraine gehen wenige aus. Eine Liste schwelender Konflikte, die jederzeit an Dynamik gewinnen könnten, ließe sich leicht finden. Das Fazit für den, der sich nach Frieden sehnt, kann nur sein, sich der Risiken neuer Konfrontation immer bewusst zu bleiben. Wehrhaft und stark müssen wir sein! Unnötige Attacken bringen nichts. Abwarten ist noch nicht schwach sein, aber naiv darf keiner träumen, der schon den Zorn einer blöden Meute aushalten musste. Blöde gibt es immer genug.

Im kleinen Alltag mag das Ziel des Stigmatisierten sein, eigene Rechte offensiv einzufordern, Hinterhältige bloßzustellen, sie schließlich loszuwerden.

# Unkraut vergeht nicht

Das Narrativ, man verdiene sich die Gegnerschaft durch bleibende Andersartigkeit, belebt sich selbst immer wieder neu. Fremd zu sein und es zu bleiben, kann als bloße Zuschreibung ein wirksames Argument bedeuten. Der Gegner mag ein zunächst einzelner Feind sein? Er kann sich aber vervielfältigen mit der verbalen Waffe. Verschworene Logik gebiert nach dem Prinzip der stillen Post Kinder ihrer selbst und das schneller als jede Gewehrfabrik. Ein geschickter Anstifter erlebt seine Vermehrung zur ganzen Armee des Bösen, falls eine entsprechende Idee auf fruchtbaren Boden fällt. Das Paradoxe dabei ist, sich stets als Verteidiger eigener Werte darzustellen, um einen Angriff zu rechtfertigen: Es ist die Polizei, die einen potentiellen Täter ködert, lockt und provoziert, bis dieser unter ihren Augen „auf frischer Tat“ ertappt wird. Wir kennen den Staat, der sich umliegende Landstriche einverleibt mit dem Argument, dort wohnten gefährliche Terroristen. Dein Nachbar ist so unterwegs und einer, der dich überall schlechtredet, um damit zu glänzen, dich als möglicherweise Bösen enttarnt zu haben!

Frieden mit anderen muss immer umsichtig gepflegt werden wie ein Gemüsebeet umsorgt, damit Parasiten keine Chance haben: Das aber ist das identische Motiv jeder Seite leider. Linke wie rechte Extremisten bedeuten eine Gefahr für die Gemäßigten. Ihre Ideen lassen sich nicht verbieten und ihre Haltung zum Staat ist dieselbe, seitdem es Staaten gibt. Mit der Erfindung des Schlagwortes vom „Vaterland“ war der Weltkrieg erst möglich geworden. Diesen Begriff neu mit Leben füllen zu wollen, ist der erste Schritt, eine neue „Generation Hass“ zu bilden, zu formen, an die Front zu befehlen.

Wer Vielfalt möchte und sich für diese einsetzt, ist der erklärte Feind derer, die Ängste zu schüren verstehen, um eine Partei anzuführen. Das betrifft alle Lebensbereiche von Verschiedenartigkeit, schwarz und weiß, Mann und Frau usw. Die Jagd auf sogenannte Verrückte, die vermeintlich Amok begehen könnten, ist eröffnet von Menschen, die sich für geistig gesund halten. Damit haben wir den Krieg im eigenen Land und dazu das Motiv, der Konflikt sei durch die bestehende Politik verschuldet, die zu viele Ausländer hinein gelassen habe. Das ist ein Narrativ und befruchtet sich mit jeder Tat, die ein psychisch Kranker begeht, der nur irgendwie im Bereich Migration verordnet wird. Über vermeintlich „biodeutsche“ Täter berichtet die Presse weniger laut. Wir waren Naziland. Wir wurden Demokraten. Wir sind wieder an der Schwelle, haben die Tür zur Hölle geöffnet!

🙂