Als ich klein war – Erinnerungen an früher

Als ich klein war, wohnten wir im alten Haus. 1976 ließen meine Eltern es abreißen, bauten dort ein modernes Geschäftshaus. So groß bauten sie (und die Bank), dass sie es sich gerade noch trauten. Sie haben sich viel Geld geliehen, und mehr Geld noch haben sie zurückgezahlt, wegen der Zinsen. Unser Haus ist Teil einer belebten Straße mit Geschäften. Natürlich haben sich Straße und Städtchen seit damals verändert.

Als mein Vater klein war, war Krieg. Das alte Haus wurde von einer Brandbombe getroffen. Aber mein Papa kam dabei nicht in Gefahr. Es war ja damals das Haus von einem Opa. Erich war als Kind Schafe hüten in Friedrichskoog auf dem Bauernhof eines Onkels. Sein Wohnhaus stand in Hamburg direkt am Michel. Es wurde total weggebombt, und weil man das schon kommen sah, waren Lina (seine Mutter) und er rechtzeitig an die Nordsee verfrachtet worden. Unser altes Haus war also das Haus von Opa Werner. Damit ist ein Großvater von meinem Vater gemeint, und der ist im Keller gewesen, als die Ölfabrik angegriffen wurde.

Eine englische Brandbombe traf nicht die Mobil-Oil, sondern die Badewanne von Opa Werner. Dort ist sie ertrunken! So kam es nicht zur Zündung. Werner stieg aus dem Keller die Treppe hoch, räumte auf und flickte nach dem Krieg das Dach. Dieses reparierte Dach, wie ich es als kleiner Junge im Hintergrund unsrer Spiele im Garten noch immer in Erinnerungen vor mir sehe, war rot, fast orange. Es leuchtet wie damals in der Sonne für mich, wenn ich nur kurz die Augen schließe. Ja, es geht mit offenen Augen, dann aber weine ich.

Ein Drittel vom Dach war schwarz. Dort schlug damals die böse Bombe hin. Eingeschlagen hat 1976 auch die große Betonkugel, die an eine Kette des noch größeren Menck-Bagger-Kranauslegers angetakelt war. Die hat gleich das Ganze umgehauen: Unser Küchenfenster, den Dachüberstand darüber mit den Nestern der vielen, kleinen Schwalben, deren Wiederkommen ich im Frühjahr stets so sehnlich erwartet hatte. Die weiß gekalkten Mauern mit ihrem kleinstädtischen Charme, alles weg, ab, runter. Immer wieder ließ der unbarmherzige Baggerführer das Ding, diese riesengroße Kugel, wie ein Mörderpendel in die Wände schlagen, bis nur noch ein großer Haufen Schutt lag. Er hat sicher Geld dafür bekommen. Bagger fahren ist ein Beruf.

Nachbar Frank, nur zwei Jahre älter, hat alles mit Kamera festgehalten auf Super-8-Film. Ich war sechs Wochen in Berchtesgaden. Angeblich wog ich zu leicht. Sie haben dort einen Berg mit zwei Spitzen, Watzmann heißt er, und einen Königssee mit einer kleinen Kirche. In Sicht unsres Barmer-Ersatzkasse-Kinderheims war der Unterberg. Er ist lang dahin gestreckt, eckig. Ich stehe wohl immer noch an der Schaukel im Garten des Kinderheims und schaue hinauf zum Berg: Weiße Wolken ziehen langsam und ganz weit oben entlang seiner grauen Kanten, Vorsprünge – und der Himmel darüber ist tief dunkelblau.

Ich sollte, um vor den anderen Kindern in einer Mutprobe zu bestehen, ein Mädchen küssen. Da ich bis zu diesem Tag noch keine Freundin gefunden hatte an diesem Ort für verschickte Kinder (elf Jahre war ich alt), überredete ich just vor diesem Abend – eindringlich, beschwörend, wie nötig es sei, dabei zu sein – ein noch etwas jüngeres, schüchternes und sehr blondes Mädchen, der das Ganze recht suspekt war. Sie hat aber mitgemacht, und dafür bin ich ihr bis heute dankbar.

Ich überstand das Heim. Als ich nach Hause kam, war dort kein Haus mehr und kein Garten. Der Birnbaum, der große Birnenbaum, der mir der Baum vom Kalle Blomquist gewesen war, war weg. Ich lag nie detektivisch kombinierend drunter wie Kalle, aber unter seinen Zweigen stand doch immer der grüne Kadett von Herrn von Holt. Seine Frau war bei uns Verkäuferin. Wo würde der nun parken?

Wo der Garten gewesen war, lag Sand aus dem Loch der Baugrube, ein großer Berg. Lehm, gelber Sand und Schutt türmten sich vornan. Schwarzer Mutterboden gipfelte dahinter, zusammen ein kleiner Watzmann. Drum herum glotzend wir vier: Meine Eltern freuten sich wie närrisch, so Großes taten sie doch wohl gerade!

# Als ich klein war, zweiter Teil

Als ich ungefähr drei Jahre alt war, trugen Handwerker zwei große, weiß lackierte Holztüren durch unser gewundenes Treppenhaus nach oben in die Wohnung. Wie diese Männer schnaufend den Bogen der Treppe aufwärts nehmen und mit diesen Türen von unten aus näher kommen, das ist meine früheste Erinnerung. So bekam ich ein Kinderzimmer. Diese Türen wurden zu einer Doppeltür montiert. Damit konnte das Wohnzimmer abends gegen meins geschlossen werden, ich ungestört schlafen, die Eltern noch reden.

Dann lag ich heimlich lauschend an der Ritze unter der Tür. Was mochte geschehen, wo so interessant gelblich-golden auf den alten lackierten Holzdielen das Licht schimmerte und ein Gemurmel von Stimmen später Besucher zu mir drang? Vorher war der Durchbruch zwischen den beiden Räumen einfach offen gewesen. Große Fenster blickten auf die Bahnhofstraße. Über den Flur, der eine eigene Tür jeweils zu meinem und dem Wohnzimmer hatte, kam man geradeaus in das kleine Bad, wo mein Vater in Eigenarbeit viel verändert hatte. Rosa war es gekachelt, schweinchenrosa mit weißen Fugen. An die Dusche mauerte mein Vater einen kleinen Deich gegen das Zimmer hin, eine selbst gemachte Duschwanne entstand, und darin wurde ich gebadet.

Bog man am Ende des Flurs links, war dort das Elternschlafzimmer mit dem Ehebett. Es gab auch einem kleinen Balkon. Die Fenster der Balkontür trugen im Winter die schönsten Eisblumen auf ihrem Glas. Das sehe ich heute nie mehr. Ein weiteres Fenster ging zur Gartenseite. Da konnte man leicht auf das Dach des Anbaus klettern. Dieser Anbau hatte Flachdach mit Teerpappe und ging über die volle Breite vom Haus. Rechte Seite Flurende, hier war die Küche, eine Speisekammer ging noch ab.

An der Tür zur Speisekammer habe ich immer gepumpelt. Was das ist? Wenn morgens das große Müllauto kam, sprangen an jedem Haus die auf dem Tritt mitfahrenden Männer ab und hängten die Tonnen in die Vorrichtung des Fahrzeugs. Sie schwangen die Mülleimer schwungvoll mit der am Auto eingebauten Mechanik aufwärts, ließen sie dann einige Male auf und ab und gegen den Anschlag dengeln, bis sie vollständig leer waren. Das machte ich mit unsren Milchkannen an der Tür zur Speisekammer nach, und das ist pumpeln.

In der Küche wurde auch gegessen. Ich bin mir unsicher, wie das bei uns mit dem Herd war. Wir hatten eventuell einen Gasherd. Später jedenfalls kochte meine Mutter elektrisch, anfangs beheizten wir alles mit Kohlen. Das sind Koks, Brikett und Eierbrikett gewesen. Im Kachelofen im Wohnzimmer nahm man die Koks. Die kleinen wie Eier gerundeten Kohlen wurden in der Küche für den Herd verwendet. Auch erinnere ich die schmalen, eckigen Brikett dort. Alles lagerte in Kisten im Keller, wo es auch eine Kartoffelkiste gab und wurde immer hoch getragen.

Aber auf jeden Fall oben in der Wohnung unter dem Dach mit schrägen Wänden, wo Oma Lina wohnte, war ein Küchenherd mit diesen Eisenringen in den Feuerlöchern. Je nach Bedarf wurde die Hitze angepasst. Durch Herausangeln eines Rings mit dem Haken konnte man die flammende Öffnung jeweils um den entsprechenden Radius erweitern. War es zu heiß, legte man einen oder zwei Ringe passgenau in die Mitte, bis es wieder stimmte. Meine Oma wohnte mit im Haus und kochte oft das Mittagessen für alle. Dann aber nicht unter dem Dach, sondern in der geräumigen Küche unsrer Wohnung, wo sich das tägliche Leben abspielte. Regelmäßig kam noch mein Uropa zum Essen vorbei. Der Großvater meiner Mutter wohnte im Möllerspark über ihren Eltern. Opa „Bur“ ist neunzig Jahre alt geworden. Er lebte lange genug, dass ich mich gut an ihn erinnere.

Unsere „Küchenoma“ Lina schien mit ihrer geblümten Kittelschürze immer gleich angezogen zu sein. Kurzärmlig zu jeder Jahreszeit und am Herd zugange traf man sie für gewöhnlich an. Steckrübeneintopf oder Bohnen mit Speck dampften, und es roch so gut. Ihre Oberarme, das waren dicke Walzen wie die Beine anderer Leute, so kräftig, und sie schwitzte stark. Die alten Frauen trugen auf der Straße Kopftuch, zuhause Haarnetz. Lilli vom Zigarettenladen, Tante Berta vom Restaurant „Scharpe Eck“ nebenan wussten Bescheid über alles, was in der Nachbarschaft vor sich ging. Diese Menschen hatten den Krieg überstanden; nicht ohne Spott kommentierten sie moderne Ansichten. Das Wirtschaftswunder war in voller Fahrt unterwegs. Noch gab es die Ölkrise nicht, den Kalten Krieg ignorierte man als Sache der Politik da oben. Alle wussten gute Butter zu schätzen, und man wollte Geschäfte machen. Die „schlechte Zeit“ war oft ein Thema, aber der Krieg vorbei.

Für mich gab es keine frühe Kita wie es heute normal ist. Ich spielte allein oder mit den Nachbarskindern. Meine Oma übernahm die Erziehung, weil sie immer im Haus gewesen ist und wir irgendwo auf dem Gelände. Es fuhren nicht so viele Autos. Es war üblich, dass alle Kinder quer durch die Nachbargärten rasten, mit ihren wichtigen Unternehmungen beschäftigt. Es verging Zeit, bis meine Schwester geboren wurde, sieben Jahre lang wuchs ich als Einzelkind auf. In meiner Erinnerung spielt unsere große Küche eine prägende Rolle. Ich machte meine ersten Zeichnungen! Dazu verwendete ich Buntstifte. Ich griff sie einzeln oder bündelweise mit der Faust. Dann setzte ich auf brutale Weise ihre Spitzen auf das Papier und nagelte, mit aller Gewalt Kreise kritzelnd, meine Farbstürme darauf. Das missfiel meiner Oma, und immer wieder kritisierte sie: „Wenn du die Stifte wie einen Besenstil anfasst, wird nie etwas aus dir.“

Wedel war zunächst kaum mehr als ein Dorf gewesen, aber mit guter Zukunft westlich von Hamburg. Die Menschen dachten traditionell. Tratsch bestimmte, was man von den anderen hielt. Einfache Leute waren wir der Herkunft nach, aber Opa Werner, den ich nicht mehr kennengelernt habe, hatte sich als „Galoppschuster“ einen Namen gemacht und konnte jedem seiner drei Kinder ein Grundstück mit Haus vererben. Von den Kollegen seiner Zunft wurde er verspottet (und beneidet), seine Reparaturen würden schnell aber nicht nach Art guten Schuhmacherhandwerks gemacht. Sein Schwiegersohn Willi war als Kapitän im Hamburger Hafen anerkannt. „He kunt reknen un srieven mit sien Sleper.“ In Wedel amüsierten sich die Nachbarn: „Dor kümmt Kaptein Drejschreet mit sien Söhn“, wenn Erich mit den langen Schritten seines Vaters kämpfte. Der Seemann schimpfte unverblümt und lautstark über Adolf Hitler: „Dat gift Kriech!“ und wurde mit monatelanger Lagerhaft bestraft.

Mein Vater erzählte, was er von der Nazizeit mitbekommen hatte. Etwa, dass die Mutter der Nachbarn ins Konzentrationslager verschleppt wurde. Die abstoßenden Gräuel schockierten, aber es wurde auch erzählt, dass Lina mit ihm als Baby in einen Hauseingang flüchten musste. Kommunisten lieferten sich Straßenkämpfe mit den Nazis. Am Kinderwagen fand man Einschusslöcher, mein Vater hatte knapp überlebt. Er war der festen Überzeugung, die chaotischen Verhältnisse in der Weimarer Republik hätten das Unheil zwingend herbeigeführt. Damit widersprach er dem Unterricht meiner Schule, der allgemeinen Berichterstattung. Als Zeitzeuge vertrat er die Auffassung, man wolle Hitler im Nachhinein als allein schuldig dämonisieren, aber die Massen hätten dem Diktator zugejubelt. Dieser „konnte im offenen Wagen durch Berlin fahren“, betonte Erich, um deutlich zu machen, dass man nicht verdrängen dürfe, wie breit die Zustimmung der Deutschen zum Gesamtverbrechen gewesen war. Mein Vater wusste, wie Männer der SS die Babys der Juden getötet hätten. Dazu imitierte er, wie man ein kleines Kind oberhalb der Füßchen mit derben Händen ergreift – und „Zack!“ dessen winziges Köpfchen gegen eine Mauer schlägt. Es wirkte, als hätte Erich das selbst gesehen. Er gab nur Bilder seines Vaters weiter, der Furchtbares erlebt haben mochte. Dessen Laufbahn als Kapitän eines Hafenschleppers fand ein jähes Ende. Das Straflager zu seiner Umerziehung verminderte den Widerspruchsgeist des Inhaftierten. Gut möglich, dass aufschneiderische Beschreibungen mit Schleppfahrten vor La Spezia und Luftangriffen auf seinen Begleitkonvoi übertrieben gewesen sind und „der Alte“, wie Erich seinen Vater nannte, ein gebrochener Mann war. Mehr als ein Jahr lebte Willi in Spanien bei Verwandten. Nicht unwahrscheinlich, dass es ein Versteck darstellte.

Nach dem Krieg vagabundierte der Seemann mit seinem Sohn an Bord eines schäbigen Kutters auf der Elbe. Die beiden fischten gemeinsam und machten Tauschhandel, um zu überleben. Zahlreiche Geschichten weiß ich noch. Etwa die von der Plünderung einer großen Schute, wo sie im Dunkel der Nacht das eigene Beiboot längsseits festmachten. Die raffinierten Schipper mischten sich unauffällig unter einige Bauern, welche regulär mit der Entladung beschäftigt waren. So klauten sie den ahnungslosen Landmännern säckeweise von ihrer kostbaren Fracht. Das amüsante Bordleben mit dem Alten, der seinen Sohn wütend rund um das kleine Steuerhaus jagte, bis er, der starke Raucher, erschöpft aufgeben musste, wurde zu einer gern gehörten Gutenachtgeschichte. Der Zorn, dass Erich einen Topf samt gekochter Kartoffeln versenkt hatte, endete im gemeinsamen Lachanfall, als die beiden sich ihrer Blödheit bewusst wurden. Dem jugendlichen Koch war beim Abgießen der Deckel abgerutscht, als er sich am heißen Wasser verbrühte. Dabei plumpste dieser unersetzliche Topfdeckel vom einzigen Kochtopf, der sich überhaupt an Bord befand, in die Elbe und versank. Sein Vater war außer sich: „Du Idiot! Da kannst du den Topf noch hinterher schmeißen.“ Das hatte der Gescholtene wörtlich genommen. Anders als meine Mutter, die nur spärlich von zerbombten Straßen berichtete, weil sie zu jung gewesen ist, erzählte mein Vater auch vom Kohlenklau mit vielen Kindern, die sämtlich auf die Güterwagen am Kraftwerk kletterten, wenn der Zug kurz stoppte. Manche nahmen einen Sack mit rauf, aber andere schaufelten bloß wie doof mit den Händen lose Koks runter, die unten von noch kleineren Jungs aufgesammelt wurde – eine Jugend und Zeit, die für mich wie ein unfassbares Abenteuer daherkam.

Durch die Heirat konkurrierte mein unbedarfter und humoriger Vater mit einer Welt studierter Bildung. Er hatte, aus einfachen Verhältnissen stammend, während der Kriegszeiten nur spärlichen Unterricht genossen. Greta hingegen erreichte beinahe das Abitur, war nach der elften Klasse abgegangen. Ihr Großvater, Lehrer und Rektor einer Schule, galt als Kommodore eines angesehenen Segelvereins. Heinz, der Vater meiner Mutter, fuhr erst zur See und leitete später ein Büro. Tatsächlich haben meine Eltern sich beim Segeln auf der Elbe kennengelernt. Schwiegermama Anni und der Patentierte auf großer Fahrt (mit Segelkommodore im Gepäck) erwiesen sich bald als ganz normale Menschen. Wenn wir diese Großeltern besuchten, gab es Tee in dünnen Tassen von Zwanck. Ein großer Bücherschrank stand im Wohnzimmer und eine Schreibmaschine auf dem zweiten Tisch am Fenster. Opa Heinz schrieb maritime Sachbücher. Er hatte als junger Mann eine Reise mit der Pamir gemacht. Sein Buch darüber und weitere Abhandlungen dieser Zeit sind geschätzte Zeitdokumente. Mein Großvater erkannte früh die Ernsthaftigkeit in meinem Talent zu zeichnen. Die ersten Aufträge, Artikel zu illustrieren, kamen von ihm. Opa Heinz reflektierte sensibel, sprach englisch, pflegte weltweite Korrespondenz. Der für mich wesentliche Kontakt zu einem Hamburger Grafiker und dem Sachbuchverlag, wo ich bereits während meines Studiums erste Arbeiten machte, kam durch seine Bemühungen zustande. Auch das Interesse am Schreiben habe ich von ihm.

Heinz hatte das Kapitänspatent. Er ist jedoch in der Regel als einer der Offiziere unterwegs gewesen, die unentbehrlich für den geordneten Ablauf an Bord sind, aber die Verantwortung insgesamt nicht tragen müssen. Eine zweite Reise mit einem Großsegler „Admiral Karpfanger“ kam nicht zustande. Buchstäblich im letzten Moment vor der Ausreise ging der als Zweiter Offizier gemusterte Heinz von Bord. Es gab einen weiteren Seemann in dieser Position, mit dem mein Großvater befreundet war, und der ist mit dem Schiff verschollen. Im Michel gibt es eine Gedenktafel. Unüberwindbare Differenzen mit dem Ersten Offizier, der erst kurz vor der Abfahrt in Hamburg an Bord gekommen war, brachten ihn zu dieser haarsträubenden Aktion. Das mochte als Kurzschlusshandlung interpretiert werden, war es aber nicht. Mir hat es imponiert. Karpfanger versank 1938 (meine Mutter wurde drei Jahre später geboren). Bei uns hieß es, nicht nur, dass mein Opa nicht in „die Partei“ eingetreten wäre, als alle das taten, auch diese Reiseverweigerung im letzten Moment, habe ihm die Karriere bei der Hapag versaut. Er fuhr weiter, etwa auf „Milwaukee“ und anderen Hapagschiffen, bis er an Land blieb und beim Deutschen-Hydrographischen-Institut oberhalb der Landungsbrücken beschäftigt war. Ich erinnere Opa Heinz nur als Rentner. Meine Großeltern kauften sich eine Eigentumswohnung in einem Neubau an der Bahn. Hoch oben im Haus konnte man weit über die Marsch bis zur Elbe schauen. Die beiden wurden alt und sind mir, über viele Jahre vertraut, noch in guter Erinnerung. Meine Oma Anni, die ihren Mann einige Jahre überlebt hat, spielte Blockflöte, hatte zahlreiche Freundinnen, pflegte Kontakte bis ins Alter. Ich war oft im Möllerspark, als ganz kleines Kind und weiter bis vor nicht so langer Zeit, als ich bereits verheiratet gewesen bin. Bei diesen Besuchen spielte die Küche kaum eine Rolle; Anni war die „Stubenoma“.

Der Vater von meinem Vater war gestorben. Oma Lina ist Witwe gewesen seit der Zeit kurz vor meiner Geburt. Da hatte ich zwei Omas und nur einen Opa. Heinz mochte gern „Großvater“ genannt werden: Ich hielt mich aber nicht daran. Dann, der Vollständigkeit halber erwähnenswert, gab es noch Onkel Karl und Tante Janneke. Das ist eine Schwester vom verstorbenen Großvater Willi gewesen, ihre Tochter war meine Patentante Gretel. Die wohnten jeweils im Einfamilienhaus, hatten politisch geschickt navigiert. Gretel und Otto gönnten sich eine Hollywoodschaukel für den Garten! Otto arbeitete im Rathaus auf dem Bauamt. Schon damals bekamen Verwaltungsangestellte auf Wunsch von der Post eine „Geheimnummer“, ein Festnetztelefon, das nur Eingeweihten bekannt war, und so war es bei Ihnen. Wir machten uns darüber lustig. Bei ihrer Mutter, der alten Janneke, die mich stets gurrend mit: „Na mien Seuten!“ begrüßte und dazu kräftig in die Wange zwickte, gab es braune Kuchen, wahlweise auch die helle Sorte, eine Spezialität, die man schon zu ihrer Kindheit in Finkenwerder zu schätzen wusste. Diese Verwandtschaft besuchten wir hin und wieder, und dort war es ähnlich; stickige Wohnzimmerluft, dunkle Möbel und gute Kleidung unterschieden diese Menschen von meiner lieben Oma Lina. Die war ja ganz normal, und ich sah sie jeden Tag.

Bei ihr auf dem Klo oben, wo alles ganz eng und dachspitzig war, fanden sich bis in die hintersten, verwinkelten Schrägen wie hintapeziert Katalogseiten mit Abbildungen von Dampf- und Diesellokomotiven oder den modernen, elektrisch betriebenen Loks mit ihren hochgestellten Stromabnehmern in originaler Bemalung der damaligen Zeit. Da waren auch die grünen und blauen D-Zugwagen, wie ich sie kannte, wenn wir mit der Eisenbahn nach Büsum an die Nordsee fuhren. Tankwagen und alle möglichen Güterwagen hatte jemand zu ganzen Zügen aneinandergereiht an die Wände geklebt. Ausgeschnitten vielleicht aus Märklin-Katalogen, ersetzten sie eine nicht vorhandene Tapete. Oder sollten auch Lücken gegen den Wind verteidigt werden? Manchmal schneite im Winter dünner Pulverschnee hauchfein durch die Dachritzen. Auf dem Klo war es dann buchstäblich arschkalt.

# Als ich klein war, dritter Teil

Vom Kinderzimmer aus sah man auf die Straße, oft stand ich dort, ja! Noch heute male und zeichne ich aus dem Fenster meines Ateliers schauend. Meine ersten Kinderbilder waren Straßenbilder. Mein Vater bestand darauf, stets unsren Laden mit einzumalen, ganz schön egoistisch und eingebildet, nicht wahr? Ich sah so viel: Die Bogenlampe schwang im Sturm! Bei Fenske wurde das Schaufenster dekoriert. Der Schnee vor der Bücherei, die mal das Kino war, wurde mit dem großen Schiebebagger von Körner weggeräumt. Ich hatte den identisch auch als Spielzeug. Er war grün und rot, mit gelber Hydraulik.

Die großen, orangen Sauber-Autos, Kehrmaschinen, mit dem gerundeten Tank für den Dreck, die im Sommer die Straße besten (mein Kinderwort: kommt von Besen), wurden im Winter zu Schieberautos. Auf diese Art vorn umgebaut, schoben sie mit leicht schräg gestelltem Schieber den Schnee an den Straßenrand in Richtung der Parkstreifen, die wir ganzseitig längs der Fahrbahn hatten. Anfangs war es keine Einbahnstraße.

Vor Weihnachten bauten die Männer in geringen Abständen hölzerne Tannenbäume auf. Als einfache Konstruktion, aber praktisch und robust, war das jeweils ein Mast, so ein rundes Holz von einigen Metern mit beleuchteter Spitze. Ein kleiner Transporter brachte die Dinger an. Arbeiter verteilten die Bäume, legten sie an den Straßenrand. Ruprechts Knechte senkten sie in spezielle Halterungen, die im Sommer mit einer Metallplatte verschlossen wurden. Ganz früher nahm man einfach eine passende Gehwegplatte auf und schaufelte sich das Loch für den Lampenbaum selbst. Dann schraubten Elektriker normale Glühbirnen in den Rahmen, machten Lichttest, tauschten eventuell schlechte Birnen mit Hilfe einer Leiter aus. Diese Spitze aus Metall war der Form eines Weihnachtsbaums nachempfunden. Ein Flacheisen folgte entsprechend der Zweige, die es darstellen sollte, in Stufen der Kontur. Wie Ausstecher beim Plätzchen backen, die Mama in den Teig drückt, aber in der Größe vom dreieckigen Straßenschild mit Spitze oben, muss man sich’s vorstellen. Der Stabilität halber noch unterteilt, war das eiserne Bäumchen oben auf seinem Mast rundherum mit Fassungen für Glühlampen bestückt. Das Metall wurde dunkelgrün gestrichen, der Holzmast Natur belassen. Neue Pfähle, wie sie gelegentlich in der Reihe standen, erkannte man daran, dass ihr Holz noch ganz hell und sauber war. Zum Schluss wickelte Jüttemeier echte Tannenzweige spiralförmig um die Pfosten, Baum für Baum, die ganze Straße entlang. In das dreieckige Gitter der Spitze kam ein passender Tannenzweig, fertig.

Je nachdem, wie kalt und ausdauernd sich der Winter entwickelte, standen die Bäume nach Weihnachten weiter in der Straße. Sie blieben unbeleuchtet. Ich glaube, dass die modernen Fassungen im Boden geschaffen wurden, nicht nur, weil man so schneller aufstellen konnte, sondern damit die Masten nicht in der Erde festfroren. Die Winter waren zu meiner Kindheit noch welche. Sylvester feierten wir abwechselnd in Blankenese bei meinem Onkel Hermann und Tante Helga oder in Wedel. Es gab regelmäßig Karpfen mit Meerrettichsahne und dazu reichlich zerlassene Butter und goldige Kartoffeln! Klein Hermann, mein Vetter, und ich mussten nach dem Essen vorschlafen. Wir wurden pünktlich zum Knallen geweckt. Während mein Vater als Einzelkind aufgewachsen war, gab meine Mutter reichlich Geschichten zum Besten, wie sich das Leben mit ihrer Schwester und dem jüngeren Bruder angefühlt haben mochte. Meine Tante hat später einmal beklagt, sie hätte mit ihrer jüngeren Schwester in einem Zimmer gelebt, und wie unordentlich Greta gewesen wäre. Das kann ich bestätigen! Es ist schon erstaunlich, wie gründlich meine Mutter alles durchrechnete und genau Buch führte über unser Fischgeschäft, die Steuer sowieso und den Neubau, die Verwaltung der Mieten, Abrechnungen mit Handwerkern – bei ihrer Neigung, es mit der Ordnung ansonsten nicht so genau zu nehmen. Berend, der jüngere Bruder, wurde regelmäßig verspottet. Der hatte sich als Kutterführer beim Segeln einen Namen gemacht, aber die Schwestern neckten ihn, als von seiner Mutter verhätschelt. Es war unbestritten ein Glücksfall für meine Oma, schließlich noch einen Sohn bekommen zu haben in einer Zeit, wo es gefiel „dem Führer männliche Kinder zu schenken“. Das ließen die Nachbarn durchblicken, als vier Jahre vor Kriegsende (dummerweise) meine Mutter das Licht der Welt erblickt hatte.

Im Frühjahr kam das Boot zu Wasser. Wir hatten einen Schuppen auf dem Grundstück, wo mein Vater die nötigen Arbeiten machte, bis die neue Saison begann. Die Freunde nutzen einen Bootswagen gemeinsam. Das funktionierte solange gut, bis die Leute allmählich alle ein Auto hatten. Vorher schoben immer einige Bootsbesitzer zusammen jeweils nacheinander die Jollen zum Hafen und halfen sich reihum. Ich erinnere mich tatsächlich: Ein schöner, sonniger Tag – weil ich noch so klein bin, darf ich im Boot sitzen. Das Deck ist fein lackiert, Mahagoni glänzt in der Sonne. Die Nabers, das waren Brüder, die ebenfalls eine Jolle segelten und als Maurer kräftig gewesen sind, schieben unser Boot mit anderen zusammen im Schloßkamp. Das ist eine schmale Straße, die einigermaßen steil vom Hafen auf den Rücken der Geest führt. Alle scherzen, und ich freue mich mit den Erwachsenen.

Streit kam mit dem Kleinlaster auf, den sich ein bis dahin enger Freund von meinem Vater für seinen Handwerksbetrieb kaufte. Dieses Fahrzeug besaß eine Anhängerkupplung. Irgendwie zerstörte diese Investition die „Klicke“, und mein Vater schimpfte regelmäßig auf „Ignaz“, redete mit dem Freund viele Jahre kein Wort. Es schien ein Schimpfwort zu sein, das sich aus einem gern genutzten Spitznamen entwickelt hatte. Vielleicht war der Grund nicht nur im Bootswagen zu suchen, dass einige Freundschaften kaputt gegangen sind? „Über die Frauen kommt ihr später auseinander“, meinte mein Vater prophetisch, als ich selbst mit dem Jolle segeln begann, meine Freunde und ich zu einer festen Gruppe wurden.

Das sind so Geschichten.

„Die Kastanien blühten, die Hauptstraße lag im tiefsten Frieden, und man hörte den Pfiff der Lokomotive vom Sechsuhrzug.“ So ähnlich beginnt wohl ein Buch von Astrid Lindgren mit Kalle aus Kleinköping in Schweden. Ja, wir haben das hier probiert, anstelle eines Pakets, wo Onkel Einar (im Buch, alles durchschauend) schnell seinen Fuß drauf setzt: Wir nahmen ein altes Portemonnaie vom Großvater, versahen es mit dünner Schnur zum schnellen Wegziehen, wenn ein gieriger Passant käme und versteckten uns unten an der Auffahrt. Mark, Franziska, Frank und ich – aber es klappte nicht. Zirkus machten wir tatsächlich auch in unsrem großen Garten, hatten jedoch nicht das Pferd, den Krieg der Rosen – aber Regina von Schlachter Heins. Sie war dünn wie Eva Lotte, damals.

# Als ich klein war, vierter Teil

Im Wohnzimmer war in der hinteren Ecke der große, beinahe zimmerhohe, gemauerte Kachelofen. Die quadratischen, sandfarbenen Kacheln hatten fast die Abmessungen von großen Schallplattenhüllen, größer jedenfalls als Topflappen. In der anderen Ecke war die Tür zum Flur, dann kam etwas Wand, Platz der Musiktruhe, die später näher an den Ofen rückte, zum neuen Schrank.

Die Südwand, dem Durchbruch mit den beiden weißen Türen gegenüber, war fensterlos. Dort stand das graue Sofa, darüber hing ein selbst gemaltes Ölgemälde meines Vaters. Es zeigte ein Segelschiff, Dreimaster. Er hatte ein Johannes-Holst-Originalgemälde vom Buchtitel „Spiegel der See“ Joseph Conrads kopiert. Aber (nicht nur) die Webeleinen waren von ihm vergessen worden. Überall fanden sich schlampig gemalte Striche anstelle der wichtigen Takelage. Die nackten Wanten störten den Blick des Kenners. Manches schien nur ungefähr skizziert, der eigentlichen Malerei unangemessen und wie lustlos hingehauen. Als aufmerksamer Kollege gefiel mir das nicht. Ich war kritisch eingestellt. Weitere Fehler konnte ich nicht durchgehen lassen: Die See des Ozeans war ihm zu steil und kurz geraten, wie Schwell eines Bugsier-Schleppers, der an das Ufer schlägt. Und das habe ich ihm schon damals vorgehalten.

Als meine Eltern den Laden eröffneten, bekamen wir diesen Büroschrank, der sogar einen Safe für die „Bombe“ hatte. Diese Bombe war ein kleiner, abgerundeter, silberner Container aus Metall. Das war eine sichere Transportbox für Bargeld. Man erhielt sofort ein neues Exemplar, wenn das aktuell Verdiente seinen Bestimmungsort erreicht hatte. Die frische Blechdose polterte nach Einwurf der vollen mit Tageseinnahmen aus dem Apparat der Volksbank oder Stadtsparkasse. Vorher hatte man unauffällig, die „Bombe“ mit dem Geld im Mantel verborgen, noch einen Spaziergang zur Bankfiliale zu machen.

In der Ecke, in der unser Kachelofen nicht war oder auf der Sofaseite am Fenster, jedenfalls nicht beim Flur, stand im Winter der Tannenbaum mit den Geschenken. Ich verlangte stets einen deckenhohen Baum. Da kam meinen Eltern ein Hocker gerade recht: der hatte in die Oberseite so weiße Kacheln eingelassen und geschwungene Beine. Das war schon mehr ein kleiner Tisch als ein Hocker; aus dunklem Holz, beinahe schwarz. Im Sommer standen Blumen darauf.

Wir gingen Heiligabend nicht in die Kirche. Der Laden wurde bis mittags geöffnet. Die Leute holten eingetütete, schon bestellte Karpfen ab, die von uns in der voran gegangenen Blutnacht erschlagen wurden. Mit mir gaben Tante Käthe und Peter die Fische durch die nur halb geöffnete Tür unserer Garage raus.

Bei Frau Herchenhan durfte ich mich keinesfalls mit dem Wechselgeld vertun. Meine alte Klassenlehrerin kam auch als Karpfenkundin vorbei. Man muss immer weiterzählen; kostet es zwölf Mark und siebzig Pfennig, denkt man gar nicht. Man beginnt automatisch, Geld aus dem Fach zu nehmen. Man nimmt drei Zehn-Pfennig-Stücke, ähnlich den heutigen Zehn-Cent-Stücken, dann ist man bei dreizehn Mark. Jetzt sucht man sich ein Zwei-Mark-Stück oder wahlweise zwei Eine-Mark-Stücke, erreicht so fünfzehn Mark. Wenn man jetzt noch ein Fünf-Mark-Stück aus der Kasse fischt, kann man gleich auf zwanzig rausgeben. Gibt die Kundin aber vielleicht fünfzig, kommen noch dreißig dazu.

Abends nach dem Essen (alles, aber nie Karpfen am heiligen Abend), eventuell Ente oder Gans (manchmal hatten wir Streit mit dem Schlachter, wegen falschem Gewicht oder Geruch des Vogels), kam die „Geschenke-Schlacht“ bei uns. Sie artete ab 1971 mit meiner Schwester noch aus. Wir Kinder der Kinder des Wirtschaftswunders!

Am Schlimmsten jedoch war es einmal früher, noch so ganz am Anfang. Ich hatte mir einen zweiteiligen Fernlaster-Sattelzug mit Anhänger gewünscht und bekam ihn. Er war so groß, ein Kind konnte reiten darauf. Es war so toll! Ich war super aufgeregt. Alle lachten, wir freuten uns ja so, ich weiß noch. Überall lagen Papierhaufen der ausgepackten Geschenke, und die Kerzenflammen des Tannenbaums flackerten in der aufsteigenden Wärme. Ein gelber, mit Wasser gefüllter Zehnlitereimer stand drunter. Ich schob das Auto herum, kuppelte den Anhänger ab und wieder an, rangierte rückwärts damit. Der Lastwagen war in großen, braunen Pappkartons gewesen, wie so Umzugkartons etwa. Spät am Weihnachtsabend machte ich diese Kartons, die ja nur die Geschenkverpackung gewesen waren, in einem irren Hüpfen, Springen, Trampeln, Treten und Reißen und unter dem Beifall der lachenden, vor Glück strotzenden Eltern restlos kaputt. Wem von uns dreien war die Idee gekommen?

Absolut unerwartet auch für mich selbst geschah es dann. Mein Stimmungswechsel überraschte alle. Ganz plötzlich nun schlugen mir mein Toben und Lachen, das Trampeln und Freuen um: in allerheftigstes Weinen und Schluchzen! Die Kartons hätte man ja noch zu Häusern für den Laster (auch Garagen oder so was) machen können, war es das? Ich weiß heute nicht mehr. Versuche meiner Eltern, mich tröstend wieder zu beruhigen, begannen verstört. Sie lösten den Abend schließlich so: „Lieber nun ab ins Bett mit dir, ist ja auch wirklich spät geworden.“ Es schüttelt mich noch heute, daran zu denken.

# Als ich klein war, fünfter Teil

Ich liebte Louis Armstrong, liebe diese Musik bis heute. Mein Vater bevorzugte ja vielleicht die spätere (und neuere) Aufnahme von zum Beispiel dem originellen Jazz Stück: „Ory’s Creole Trombone“ von Kid Ory’s eigener New Orleans Jazzband aus den Fünfzigern, ohne Louis, der inzwischen eigene Wege ging, Weltstar geworden war. Das konnte ich nie begreifen. Die Hot Five und -Seven Aufnahmen liebe ich wie einen Schatz Goldstücke. Goldene Töne, dazu blaue Klänge der Klarinette von Johnny Dodds, später Ed Hall bei den All Stars, Teagarden, Trummy Young. Ich konnte Stunden mit diesen Aufnahmen zubringen.

Und natürlich: Gerd Vohwinkel in „King of the Zulus“ – die Aufnahme vom Zehnjährigen der Old Merry Tale Jazzband! Meine Eltern sind wirklich Teil des applaudierenden Publikums auf der Schallplatte, waren vor Ort dabei. Die mitreißende „Bourbon Street Parade“ mit allen vier Trompetern der Merrytale, die aufeinander folgenden Soli von Sputnik und Gerd! Ein wenig wie bei Ory ist „Opel Super Fünf“; Vohwinkel hat viele Stücke geschrieben. Es ist auf der Fünfzehn-Jahre-Doppel-LP. Das ist die, bei der die Titel vertauscht gedruckt sind. Die Band imitiert das Auto des Orchesters. Man war damit unterwegs zu verschiedenen Gigs durch das Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Der Motor lief fehlerhaft auf fünf Zylindern. Die Band interpretiert das: Bis zu dem Moment, wo nun endlich, auch nach musikalischem Stottern und immer wieder noch einmal Anlauf nehmen alle sechs Zylinder zusammen arbeiten und die schönste, wohlklingende Musik uns in fließende Fahrt voller Harmonie mitnimmt. Abrundend stottert der Motor am Schluss noch einmal, alles wie echt von den Musikern intoniert!

Wir hatten eine Musiktruhe mit Radio und Plattenspieler, Plattenhalter wie Teller in der Spülmaschine. Meine Lieblingsaufnahme war eine Instrumental-Schnulze, kein Jazz. Sie war tatsächlich auf einer Postkarte in Rillen gepresst worden. Die Karte hatte ein kitschiges Bild: Sonnenuntergang, Passagierdampfer. Die konnte man ganz normal auflegen und abspielen. Wenn die blöden Kinder einer unserer Verkäuferinnen, die oft nicht wusste, wohin mit ihnen, bei uns den Tag verbrachten, mussten wir in der Wohnung miteinander auskommen, spielen. Sie wollten immer nur Musik mit Gitarren und mit Gesang. Gesang musste sein. Sie lachten mich aus für meinen Geschmack.

Später hatten wir einen kleinen, weißen Fernseher. Die Mondlandung haben wir noch beim Opa gesehen. Den wichtigen Boxkampf von Cassius Clay, dem Boxer, der sich später in Muhammad Ali umbenannte, sahen wir bei Onkel Berend.

Klammer auf: (Als ich in den Neunzigern, im Versuch, Uli nun doch für mich und von mir zu überzeugen, nach Chicago über den Ozean flog, saßen eine Mutter und ihr kleines Kind im Jumbo neben mir. Sie sprachen englisch so, dass ich gut damit zurecht kam. Fremde, aber nett: „Zeig ihm, was du hast“, drängte die Mutter den Jungen. Sie war ganz aufgeregt: Amerikaner können Show. Ich begriff nicht gleich, worum es ging. Er sollte den Beweis einer großartigen Begegnung präsentieren? Das Kind kramte ein Stück Papier aus der Hosentasche. Es war ein Autogramm darauf. Ein einfacher, karierter Zettel wie aus dem Schulheft. „Das ist die Unterschrift von Muhammad Ali im Original!“, erklärten sie mir stolz. „Auf dem Hinflug war er mit uns im Flugzeug.“ Ich habe das geglaubt. Dass es mit Uli klappt, glaubte ich auch lange). Klammer zu.

Der Fernseher zog mit in die Übergangswohnung um, sie war für die Bauphase. Er zog um in das neue Haus. Es gab drei Knöpfe für nur drei Programme in schwarz, weiß, grau. So war das. Am Boden im alten Wohnzimmer lag dieser grüne Teppich. Er hatte ein Muster mit Quadraten, tat viel Gutes als Spielgrund, war Straßenboden für meine kleinen Autos und so. Er zog auch um, aber nicht mehr in den Neubau. Ich vermisse ihn.

# Als ich klein war, sechster Teil

Mein Vater war kreativ. Er malte die Deko- und Bühnenbilder für Feste des Segelvereins. Er malte alle Leuchttürme der Elbe an die Wände vom Treppenhaus und eben auch den Dreimaster bei uns im Wohnzimmer. Ich bekam eine Schultafel für zu Haus, malte ebenfalls Dreimaster mit Kreide. Meine Mutter hatte technische Zeichnerin gelernt und konnte durchaus zeichnen, auch künstlerisch. Mein Vater lobte mein Talent auf vielfältige Weise, er bastelte, sägte, schraubte und spielte oft mit mir. Er war so stolz und glücklich, ein Familienvater zu sein, einen Sohn zu haben.

Mein Erich baute für mich Schiffe aus Holz. Sie wurden schichtweise aus dünnen Brettchen gefertigt und mit Ponal geleimt. Die Modelle waren sowohl für den Teppich oder Strand geeignet, fuhren schwimmend im Wasser oder an Land im Sand. Ein Hafenschlepper machte den Anfang, dazu eine Schute. Ich war noch klein, und nach der Geschenkübergabe an Weihnachten kamen meinem Vater Zweifel, ob er auch kindersicher gebastelt hatte. Er entfernte die Masten, weil diese mir möglicherweise ins Auge stechen könnten beim Spielen. Als ich ein wenig älter gewesen bin, und er das gelegentlich erzählte, spielte ich noch immer gern damit. Ich fand bald, mit Masten sehe der Schlepper ja wohl entschieden besser aus. Deswegen montierte ich aus dünnen Rundhölzern selbst Ersatz und malte das Schiff auch mit Brillux an. Mit der Zeit kam dann noch eine weitere, neue Schute dazu und ein offener Festmacher.

Später sägten mein Vater und ich zusammen im Hinterraum des Ladens Sperrholz für einem Hapag-Dampfer aus. Wir alberten, dichteten neue Begriffe und blödelten, bis wir vor Lachen nicht mehr konnten. Er mochte wieder Kind sein, und das kam vielleicht, weil sein eigenes Leben unsicher verlaufen war, mein Vater durch den Krieg in Gefahr geriet. Er überspielte jede Angst, die er wohl gehabt haben mochte und erklärte diese Zeit zum Abenteuer um. Das wollte er keinesfalls zulassen, andere merken zu lassen, was ihm verloren ging – unbeschwerte Kindheit.

Die Selbstständigkeit befreite meinen Vater von dem Diktat, seinem Chef gehorchen zu müssen. Erich gab manches zum Besten, was ihm ein Ansporn gewesen war. Er imitierte den früheren Vorgesetzten: „Das hier ist meine Firma, Herr Bassiner“, hatte Hans Kühl gesagt, „es mag sogar sein, dass Ihre Ideen gut sind und die Produktion verbessern könnten. Aber hier wird es so gemacht, wie ich es will. Sollte Ihnen das nicht gefallen, machen Sie sich selbstständig mit einem eigenen Geschäft.“ Einer der ersten Kunden am Eröffnungstag war dann besagter Kühl. Er kaufte einen dicken Räucheraal und meinte anerkennend: „Das wird was, alles Gute und viel Erfolg!“

Ein eigenes Geschäft zu führen, verlangte unserer Familie einiges ab. Nachdem die erste Euphorie verflogen war, registrierten meine Eltern den Preis ihrer neuen Freiheit. Sie arbeiteten mehr als zuvor. Wenn „Schwager Berend“, den mein Vater gern spöttisch nachäffte, weil dieser bei mancher Sache gekniffen hatte, bereits am Freitag Abend mit dem Segeln ins Wochenende starten konnte, gab es nichts zu belächeln. Da fand „Bassi“, wie man Erich an der Küste nannte, nur abfällige Worte über Arbeitnehmer (und, dass diese keine Leistung brächten). Meine Eltern hielten am Sonnabend das Geschäft geöffnet und waren bis Mittags im Verkauf. Anschließend mussten sie noch lange sauber machen und kamen erst sehr viel später aufs Wasser.

Erich vertrieb sich abends Zeit mit mir, seinem kleinen Sohn, während der Beschäftigung, Salate zu machen, Rollmöpse drehen oder das Geld in der Kasse zählen zu müssen. Ich sollte die Menge der Pfennige im Fach schätzen, anschließend zählen. Ich schnitt mit ihm Fleischwurst in Stücke, Gurken und Heringsfilets. Wir rührten gemeinsam in einer großen Badewanne den Salat um, nahmen einfach die Hände dafür, das war ganz normal. Ständig probierten wir, wie lecker alles schmeckte. Wir schmissen lebende Hummer (nachdem sie einige Zeit zu unserer Erbauung herumgekrabbelt waren) ins kochende Wasser eines großen Topfes.

Meine Eltern machten vieles selbst. Eine große Sache war bald, für die Salate auch eigene Mayonnaise herzustellen. Die schmeckte so gut, dass es sich wirklich lohnte. Wir ließen die Mayonnaisemaschine extra langsam laufen, um so den Geschmack zu verbessern. Das hatte man meinem Vater am Fischmarkt als Tipp mit auf den Weg gegeben, wo Erich die altmodische Apparatur gekauft hatte. Das Ding war so ein großer Topf aus silbrigem Metall mit Antrieb an der Seite. Ein vertikales Sieb drehte sich gemächlich um eine Achse. Oben konnte man eine riesige Dose Öl andocken, nachdem man dieser zwei Löcher verpasst hatte. Eines benötigten wir zum Hineinpieseln vom goldenen Öl, ein schöner Strahl, der lange lief, und auf der gegenüberliegenden Seite musste man noch eine zusätzliche Öffnung dreinhauen. Das war für die nachströmende Luft nötig. Dazu kamen weitere Spezialitäten in die Maschine, Eigelb etwa, und so füllten wir der Reihe nach die Zutaten in den Rührtank. Mein Vater verwendete ein sorgsam mit der Hand notiertes Rezept, und ich bekam schließlich einen ganz kleinen Schluck vom Muskateller.

Ich war so oft in diesem Laden! Ich verbrachte Zeit im Arbeitsraum dahinter, untersuchte den Kühlraum. Auch draußen auf der neuen Rampe, wo das Fischauto abgeladen wurde, habe ich dauernd gespielt, als meine Eltern mit dem Geschäft selbstständig geworden waren. Arbeit und Freizeit, das Segeln; alles fand immer gemeinsam statt. Ich weiß noch, mein Vater kreierte Aufgaben. Wir zählten und schätzten die Menge der Spieße für Rollmöpse im Eimer, bauten diese Schiffsmodelle, schufen eigene Witzwörter, prusteten: „Der Mast, die Mäste“ statt korrekt „Masten“, wir „beölten“ uns vor Lachen – sagt man das heute noch?

Der Hapag-Dampfer blieb zunächst unvollendet. Er wurde von mir, als ich älter und geschickter war, zum Kümo umentworfen und fertig zu Ende gebaut. Ich habe ihn grün angemalt und besitze ihn noch immer. Er war für einen richtigen Dampfer zu kurz angelegt, und das störte mich. Als Küstenmotorschiff mochte er gefallen. Das passte vom Maßstab her besser zu Schlepper und Schute. Ich konnte schließlich ganz gut mit der Laubsäge umgehen und habe doch nie vorgedruckt nach Anleitung gesägt oder einen Bastelkasten besessen: Es wurde bereits viel über Talent geschrieben, ich habe eine eigene Meinung dazu. Talent ist wie viele Begriffe ein Erklärungsprinzip. Wenige Buchstaben mögen uns bitte komprimiert das Nachdenken abnehmen. Es heißt, um ein guter Bildhauer zu werden, müsse man räumlich denken können und so ist es auch beim Zeichnen. Die Dinge kommen nicht von ungefähr, Menschen lernen, sonst würde Erziehung keinen Sinn machen. Manche begreifen schneller, vielleicht, weil die Umgebung motivierend ist.

Beim Hafenschlepper wurde die Scheuerleiste zum Rätsel. Der Schlepper wäre doch aus Holz, staunten Bewunderer angesichts seiner robusten Bastelei, wie mein Vater „da eine Wulst drum“ gelegt hätte? Es war ganz einfach, aber man musste erst drauf kommen. Als kreativer Handwerker konnte er sich leicht in diese Aufgabe hineindenken und hatte ein dickes Brett in der Form vom Schiff ausgesägt. Das Material wurde vorne spitz gemacht, die Seiten verliefen parallel nach achtern, wo ein stumpfes Halbrund das Heck bildete. Ein brauchbares Stück lag irgendwo in einer Kiste mit Holzresten herum, und meinem Vater kam die Idee, damit anzufangen. Er sägte einen massiven Rumpf raus. Das passte noch in einen Schuhkarton, ein handfestes Spielzeug für ein Kind. Dann ging er bei, sich eine Sperrholzplatte zu suchen, die sollte vergleichsweise dünn sein. Er fand ein schmales Teil, das man sich wie ein niedriges Frühstücksbrettchen denken kann und gestaltete daraus eine weitere Scheibe wie den schon fertigen Boden. Der Schlepper sollte ja auf dem Teppich fahren und benötigte kein Unterwasserschiff.

Die Raffinesse bestand darin, dieses dünne Sperrholz ein klein wenig breiter und länger als den unteren Teil zu machen. Das klebte Erich dann mit Holzleim oben drauf. Diese Oberfläche bildet das Deck. Und natürlich hat der Schlepper einen erhöhten Bug, eine Schanz rundherum, die mein geschickter Vater mit einem weiteren Sperrholz in dieser Form anfertigte, aus dem er fein säuberlich mit der Laubsäge die Mitte entfernte. Und damit entstand oberhalb der Mitte dieser Wulst, die spätere Scheuerleiste für einen zünftigen Schlepper: Die Schanz verläuft auf der Linie vom Rumpf entsprechend dem dicken Brett unten. Alles wurde noch mit einer Raspel angepasst und geschliffen. Es gibt ein klobiges Steuerhaus mit offenen Brückennocken, einen massiven Schornstein und achtern einen Bügel aus Draht, der die Schlepptrosse abgleiten lässt wie beim Original. Rückseitig vom Aufbau mittschiffs befindet sich ein drehbarer Haken, vorn ist ein Poller. Dazu nahm der gewiefte Schiffbauer einen Rundstab, bohrte ein dünnes Loch quer und steckte einen kurzen Draht durch, den er dann festleimte. Darauf übte ich meine ersten Webeleinstege mit Bindfaden.

Meinem Vater war es ungeheuer wichtig, eigene Kreativität zu entwickeln und nie Vorgekautes nachzumachen. Auch seine Picassos waren echte „Bassiner“, glaube ich. Er übernahm nur den modernen Stil und konnte durchaus Eindruck machen. Erich hatte nur wenige Jahre Volksschule mitbekommen, weil der Krieg den Unterricht unmöglich machte und war stolz darauf, was ihm gelungen ist. Als ich klein war, ist er der beste Papa gewesen, den man sich nur denken kann.

Da sind reichlich Bilder in meinem Kopf vom Fischmarkt! Sogar an Einkäufe in der alten Fischauktionshalle, etwa bei Ilse, die mit Aal handelte, erinnere ich mich. Die Halle war bald zu klein. Der Fischmarkt fand ein wenig außerhalb im Westen seine neue Ladenstraße mit der Auktion und vielen Händlern. Willi Walter, Hanzi Krause, Willem Bassing sind noch vertraute Namen. Draußen gab es die Eisfabrik, und ganz am Ende war Pallasch. Da wurden Abfälle entsorgt. Man hat die schöne Fischauktionshalle nicht abgerissen, später renoviert und ein wenig versetzt am Kai, glaube ich. Das historische Gebäude wird heute für Veranstaltungen genutzt.

Die Lebenswege meiner Eltern waren von der Findigkeit gekennzeichnet, die diese Generation auszeichnet. Meine Mutter hatte bei Conz in Bahrenfeld Technische Zeichnerin gelernt. Für das Fischgeschäft begannen die Jungverheirateten eine weitere Ausbildung. Greta lernte bei Hansi Lorenz in Barmbek und mein Vater wurde nicht nur Verkäufer, sondern Einzelhandelskaufmann. Er ging bei seinem Cousin Werner in Othmarschen noch einmal in die Lehre. Der Ältere führte bereits ein erfolgreiches Fisch- und Delikatessengeschäft in der attraktiven Waitzstraße. Später am Fischmarkt bekam Erich die Bezeichnung „Bassiner-Wedel“ an seine Ware geheftet, damit es nicht zu Verwechslungen kam, wenn eine Kiste kurz stand, während der Einkäufer noch andere Großhändler aufsuchte. Mein Vater konnte auf reichlich Erfahrung mit Fisch und Lebensmitteln überhaupt zurückgreifen. Bei Werner während der Ausbildung nutzte er ein heimlich geführtes Tagebuch und notierte sich viele Rezepte der raffinierten Salate eigener Herstellung. Erich hatte (nach der kurzen Gammelzeit mit seinem Vater auf der Elbe) seinerzeit auf einem richtigen Fischkutter angeheuert, wohl mit der Absicht Seemann zu werden. Das Schiff war in Glückstadt beheimatet, und mein Vater mag eine kurze Fahrenszeit im Seefahrtsbuch zusammenbekommen haben. Das raue Leben in der Fischerei war nichts für ihn. Er ist anschließend bei Bartsch in der Strumpffabrik oder Wischebrink ausgebildet worden und schließlich Betriebsschlosser gewesen. Die „Optischen Werke“ von Möller waren vermutlich der erste richtige Arbeitgeber für ihn, so dass er die nötigen dreitausend Mark für eine neue Elb-H-Jolle bei Feltz zusammenbekam. Von Möller aus gingen sein Freund Jan und er weiter zu Kühl im Kronskamp.

Anfangs war Erich ja noch Schlosser und fertigte Hubtische. Ich kann mich tatsächlich an Kollegen bei Kühl und die großen Maschinen erinnern, wenn ich zu Besuch mitdurfte. Schon damals wurde nebenher gebastelt. Mein Vater baute einen blauen Metall-Tunnel für die Holzbahn, die heute Brio heißt. „De Wihnachtsmann hät wat los“, lobte Jan, der Arbeitskollege in der Schlosserei. Erich konstruierte diesen tollen Magnus und ein Wrack dazu gleich mit! Er baute fehlende Diesellokomotiven aus Holz. Er schuf Dampfer aus Elbsand mit dickem Schornstein, Masten aus Zweigen oder Schilf der nahen Schlickbänke, wo wir etwa die Jolle an den Strand gezogen hatten. Damit segelten wir am Wochenende. Ich war, in der Plicht stehend und vor mich hinsummend, vielleicht das Radio für alle an Bord? Ich war Aussenbordmotor, wenn ich, Beine strampelnd und Wasser verspritzend, achtern an Deck versuchte, uns Fahrt zu geben, während wir doch ankerten. Das Elbwasser trug „Schaumiche“, ein weiteres Kinderwort, das wir nutzten. Gemeint waren schmutzige, weiße Blasen, welche sich im strudelnden Wasser bilden, in dem wir stets bedenkenlos badeten.

Wir waren alle rund um den Tisch im Wohnzimmer versammelt (über dem Sofa hing der in Öl gemalte Dreimaster), als schweren Herzens die Jolle verkauft wurde. Die Käufer zahlten mit braunen Tausend-Mark-Scheinen. Das neue Boot hatte eine Kajüte. Meine Schwester wurde geboren, wir waren nun zu viert. Alles wurde noch einmal ganz anders.

Ein einziges Mal nur zeichnete auch meine  Mutter mit mir gemeinsam, etwa eine Stunde lang. Ich hatte ein Heimatbuch geschenkt bekommen, darin ein Foto vom Riedemannschen Haus. Meine Mutter wusste von einem Baum, der auf dem Foto bereits fehlte. Er hatte vor dem Giebel gestanden. Wir zeichneten jeweils beide für uns ein eigenes Bild, und meine Mutter schlug mir vor, aus der Fantasie den Baum mit in die Abbildung zu nehmen. Es ist dann sehr schön geworden. Ob es noch irgendwo in einer Mappe ist, dieses Bild (und das andere von Greta) – wo sind sie geblieben?

Sie hatte die kleinen Fenster als dunkle mit Bleistift geschummerte Vierecke gemacht. So entstanden helle Streben wie im Original zwischen dem Fensterglas. Das konnte ich damals noch nicht, habe es an diesem Tag wie einen Trick von ihr gelernt und nie mehr vergessen.

Das ist ursprünglich ein Text aus meinem Heft für Emily: „Geschichten für Mal- und Zeichenunterricht; kann das ein Bild sein?“ aus dem Jahr 2012.

Wo kommen wir Menschen her? Die eigene Geschichte: Für die Website angepasst, bleibt das Ganze ein Fragment meiner Erinnerung, das – gelegentlich erweitert oder umgeschrieben – zu einer Aufgabe geworden ist, die noch Beschäftigung verspricht.

Schenefeld, im September 2022

🙂