Wir müssen allein klarkommen

Seit es Menschen gibt, dürften kalte und heiße Kriege ihren Alltag bestimmt haben. Der Erkenntnis, dass Nachzugeben mal besser sein kann, trauen wir nicht gern. Dem christlichen Vorschlag steht eine Erfahrung gegenüber, die wir alle machen. Sich dem anderen zu öffnen, eine Flanke ungeschützt lassen, kann das Kassieren eines empfindlichen Treffers bedeuten.

Das Terrain, auf dem der Konflikt ausgetragen wird, ist auf der großen Bühne ein armes Stück Land im Grenzbereich. Das kann die Ukraine sein, Palästina, was weiß ich, und bedeutet mir im Kleinen mein Heimatdorf, letztlich meine Oberfläche als nackter, öffentlicher Mensch. Ich trage meine Haut zu Felde, auf diesem Schlachtfeld mit dem bekannten Namen westlich der nicht weniger bekannten Metropole am schönen Fluss im Norden unseres Landes.

Genau berichten, aber doch vage beschreiben, wieso?

Allgemeine Formulierungen zu suchen, ist eine Notwendigkeit im kalten Krieg, den wir hier austragen in der Provinz. Weil die anderen maskiert agieren, sind sie zum einen unscharf auch für mich und müssen andererseits sowieso verschleiert beschrieben werden. Das ist eine Spielregel. Sonst hätten wir bald heißen Krieg und ich das Nachsehen. Direktes Anprangern machte aus den Bösen rechtmäßige Gutmenschen, die sie eigentlich sein möchten. Ich muss aufpassen: Verletzte ich Persönlichkeitsrechte mit meinen Kreationen, wäre manches hier nicht länger als Kunst zu werten und gelte als strafbare Beleidigung. Andererseits ist es unabdingbar nachzudenken, wohin die Reise gehen soll für einen, der unterwegs ist, und das ist man ja als Maler und Mensch. Viele werden bloß mitgerissen, manche führen uns an der Nase herum. Das kann sich die Kunst nicht gefallen lassen. Regeln sind ja gut und schön. Wir aber testen die Grenzen aus mit der Malerei und den Wortgemälden, übertreten sie auch mal. Ich wollte nicht geschmacklos sein. Das scheint inzwischen aber unumgänglich.

# Einleitende Worte also, und dann kommt noch Neues

Wir haben Sommer, nur das Wetter hat es nicht begriffen. Es ist Juli, und wieder fällt mir manches ein aufzuschreiben. Vierundzwanzig Jahre sind demnächst rum, lange schon dauert dieses neue Jahrhundert. Mit sechzig hat man weniger Zukunft, aber reichlich Vergangenheit. Das macht mir gelegentlich zu schaffen. Gott und die Welt, meine kleine, sind das Thema, und was es mit mir macht, was dabei Kreatives für die Leinwand herauskommt, soll hier niedergeschrieben werden. „Selfexecuties“ ist fertig, hängt im Atelier und nun?

Ich möchte beschreiben.

Konventionen geben uns einen Rahmen. Das hilft den neuen, jüngeren, in die Gesellschaft nachrückenden Menschen, sich in der bisherigen Welt ihrer Eltern zurechtzufinden. Das Leben ist ein Geschenk. Es wird aber zunächst an einem Ort entdeckt, wo jeder ungefragt hineingeboren wird. Regeln nützen, sich ein Bild davon zu machen, wie man lebt. Handlungsnormen des Verhaltens sind auch das Instrument der Macht, andere zu manipulieren, instrumentalisieren, hinzurichten. Sie werden zur Waffe in den Händen skrupelloser Anwender. Es gibt Dämonen, die sich oft beängstigend enger Grenzen bedienen als Werkzeug, die eine Regel uns aufzwingt. Gruppen bilden sich, werden aufgestachelt mitzumachen. Die Meute fordert, was niemand erleben möchte, der nur fühlt, was in seiner Lage das Natürlichste ist. Da wird das Dasein ungemütlich.

Wie es passieren kann, im Dorf zum unerwünschten Alien zu werden, obwohl man bloß vom Städtchen nebenan kam? Leute sind hier aktiv, die, mit durchaus gehöriger Macht ausgestattet, sich anschicken, eine diffuse Belehrung anzuordnen, was für einer man sei. Eine Botschaft, die fertig machen soll, aber verdeckt, feige ankommt. Eine Drohkulisse, der man sich als Betroffener kaum entwinden kann, ist nicht angenehm.

Das kann ich erzählen.

Dahinter steht unverhohlen die Absicht dieser Meute, ihren Mitbewohner aus der Gegend mindestens umzuändern, emotional zurechtzustutzen, ihn einnorden, teeren, federn, dass er’s begreift, besser schließlich zu vertreiben oder sogar auszumerzen wie krankes Unkraut, das noch infiziert.

Rufmord möchte töten: Das so verspritzte Roundup macht, zum Verdruss der Anwender dieser bösen und heimtückischen Medizin, mich, den nackt damit eingeseiften, öffentlich vorgeführten, beschämend und unfreiwillig geduschten (für immer kontaminierten) Künstler (ungewollt) hart, widerstandsfähig, kreativ.

Wir stehen scheinbar unentschieden und unversöhnlich im Patt gebunden am selben Fleck seit einiger Zeit.

# Ein schönes Feld hier!

Allgemein Kirchen oder politische Parteien werden gegründet, weil Menschen lügen können oder sogar selbst glauben, Lösungen bereitzuhalten für beschreibbare Probleme. Darum gibt es Politiker, Ärzte, Polizisten; sie behaupten, etwas für sich und andere oder für Zeitgenossen, die das so allein nicht hinbekämen, in Ordnung bringen zu können. Manchmal stimmt das ja auch. Scheitern solche, Helfer sind es im weitesten Sinne, Anführer einer Gruppe, endet ihre Karriere in dieser Sache oft mit einem Sturz. Das Weitermachen wird ihnen untersagt. Wie es aber in der Natur von Innovativen liegt, starten sie alsbald mit einem leicht abgewandelten Ansatz neu und versprechen denen, die es glauben, das nächste Ding. Das größere Problem erleidet also, wer anderen nachläuft und ihnen allzu viel glaubt. Die eine Partei nennt die andere Populisten, will besser sein, mehr Menschen fangen. Probleme, die viele betreffen oder überhaupt Schwierigkeiten, die jemand anderes hat, übernehmen, ordnen, also die Sachen anderer Leute ins Reine zu bringen, ist eine kaum lösbare Aufgabe in den meisten Fällen. Das ficht Weltretter nicht an, und man muss ja zugeben, dass vieles ohne Anführer nicht klappen würde. Gemeinsame Stärke ist nur dann gegeben, wenn solche Gruppen zielgerichtet marschieren. Furchtlose Anpacker und fachlich kompetente Menschen braucht jede Gesellschaft. Oft wird aber versprochen, was sich später als unhaltbare Vision entpuppt.

Die Politik mit ihren je nach Partei voneinander abweichenden Schwerpunkten darf eine Zeit lang die jeweilige Richtung bestimmen und wird dann von der Opposition in die Zange genommen, bis diese sich an der Lösung gesellschaftlicher Probleme versuchen darf. Die Gesellschaft hat neue Sorgen, die von der aktuellen Regierung nicht erkannt werden. Die aktiven Politiker meinen ja von sich, an den Aufgaben dran zu sein, für die sie vor der letzten Wahl angetreten sind, diese zu lösen. Inzwischen ist die Zeit aber weitergegangen. Die sich über die typische Blindheit von Regierenden ärgernden Berufsgruppen zeigen auf, wo ihnen der Schuh drückt. Das ist nicht nur auf dem Dorf um’s Eck bedeutsam oder in unserem Bundesland Schleswig-Holstein, in Hamburg, der Metropole, in Deutschland oder anderswo. Der Lauf der Welt ist überall so verschieden gar nicht. Mensch ist Mensch, und das auch nicht erst seit gestern.

In der aktuellen Migrationsdebatte meldet sich ein Polizist zu Wort.

Manuel Ostermann kritisiert die Innenministerin Nancy Faser in mehreren Punkten auf Yahoo.

Zitat:

„Bestes Beispiel: die Ausschreitungen am Rande des AfD-Parteitags am Wochenende, bei denen auch Polizeibeamte brutal angegriffen wurden. Faeser nannte sie „linke Chaoten“ und verniedlichte damit das Problem. Diejenigen, die in Essen auf meine Kollegen losgegangen sind, waren waschechte Linksextremisten und damit Verfassungsfeinde“, sagt der Ordnungshüter. (Yahoo, 2. Juli 2024, Überschrift: Focus, Gastbeitrag von Manuel Ostermann – Polizist rechnet mit Faeser ab: „Eine Unfassbarkeit reiht sich an die nächste“).

Zitat Ende.

Dieser Mann wird bei der nächsten Wahl probieren, eine konservative oder sogar extreme Partei zu unterstützen, mutmaßt man beim Lesen seiner Wutrede gegen das Schönreden einer Gewalt und das Verurteilen der anderen. Es ist eine unbedingte Qualität der Demokratie, dass diese verschiedenste Meinungen erlaubt. Wir haben Parteienbildung überall in der Gesellschaft, nicht nur in der Politik, auch beim freiwilligen Engagement oder im gewöhnlichen Freundeskreis finden sich die Unterstützer individueller Ansichten grüppchenweise zusammen.

Eine Unternehmung (als System gesehen) muss finanziert werden. Geld oder freiwillig eingebrachte Werte, Leistungen kennzeichnen eine Verbindung. Jede größere Vereinigung kann wie ein Geschäft verstanden werden. Eine Gruppierung ist jedenfalls eine Struktur, die zumindest ihre Kosten decken muss bzw. Motive abbilden, die den Laden innerlich zusammenhalten. Geld beschreibt den Wert einer Sache. Geht es weniger um das Geschäftemachen, ist der ideologische Gehalt von Bedeutung, der Grund, warum man sich organisiert hat. Werte stehen als Motivation bereit, dafür etwas zu leisten, sich arbeitend – und sei es ehrenamtlich – einzubringen. Dann bedeutet die gegenseitige Wertschätzung vermeintlich identischer Ansichten mehr als ein Gut, ist etwas, das den verbundenen oder sogar hinsichtlich der zielgebenden Motive verschworenen Mitgliedern Halt gibt im Leben. Wem also soziale Gemeinsamkeit viel bedeutet, das kollektive Streben nach Idealen, der möge sich wo einfügen und dabei sein.

Mich interessiert als Künstler und Mensch der umgekehrte Weg, möglichst unabhängige Selbstständigkeit, innere Freiheit, das Verlassen von einengenden Bindungen, Abgrenzung zum Drumherum. Es mag überraschen, aber ich lernte, mich zwischen die Stühle zu setzen und fühle mich allmählich wohl dabei. Ein Lernfeld ist Schenefeld, meine Heimat seit über zwanzig Jahren. Ich bin angekommen, weil ich schließlich nicht so dazugehören wollte, wie es sich im Dorf gehört. Meine Versuche der Anpassung als zugezogener Quiddje scheiterten und haben doch geholfen, das Glück eines individuellen Profils zu entwickeln. Das dürften auch andere anderswo erleben: Man entwickelte vielleicht Annahmen aufgrund der Beziehung zu jemanden, aus der Mitgliedschaft in einer Gruppe, die sich nicht erfüllten? Erfahrung sollte uns helfen, klüger zu werden, genauer zu beobachten, malen, was da ist, das Denken schärfen.

# Meine kleine Welt

Kunst ist mehr als harmlose Deko. Wer sagt etwas, und wo wird es wahrgenommen, spielt eine oft entscheidende Rolle. Wenn im Dorf der Freund der Bürgermeisterin das falsche Bild ins Rathaus stellt beim Weihnachtsmarkt, gibt das der Welt keinen Ruck, die diese aus den Angeln heben könnte. Niemand fände Anstoß am Gepinsel des Unbekannten, es sei denn, jemand, der dich aus der Nachbarschaft kennt und Morgenluft wittert, sich selbst zu erhöhen und noch einige zu motivieren mitzumachen. Da tritt dir also eine alte Ziege ans Schienenbein, pisst dich an, vorgeblich den Planeten vom Porno zu säubern. Kunst und Politik, das kracht schon mal. Wie unwichtig ich tatsächlich bin, das könnte man übersehen haben?

Größere Künstler bewältigen größere Probleme.

Ich erinnere, Louis Armstrong, der unpolitische, gab einer unbedeutenden Zeitung nebenbei sein Interview, das eigentlich die Musik zum Thema haben sollte, aber gerade waren die Rassenproteste in Little Rock eskaliert. Louis hatte es im Fernsehen gesehen. „Der junge Reporter kam ins Hotel, wahrscheinlich wegen eines Artikels, wie sie Kleinstadtblätter gern über Besuche von Berühmtheiten haben wollen“, notierten die Autoren Jones und Chilton für ihre bekannte Biografie, „Die Louis Armstrong Story“.

Ein ehrlicher Wutanfall ist immer das Beste, Eindruck zu machen: Der Trompeter und Weltstar nahm zornig kein Blatt vor den Mund. Das schlug wie eine Bombe ein in die damalige Medienlandschaft.

Auch die Beatles polarisierten auf manche Weise.

John Lennon hat das erlebt.

Zitat:

„,Populärer als Jesus‘ (englisch: ,More popular than Jesus‘) war eine kontroverse Anmerkung, die von John Lennon, Sänger und Gitarrist der britischen Rockband The Beatles, 1966 gemacht wurde. Lennon sagte, dass sich das Christentum im Niedergang befinde und die Beatles populärer als Jesus Christus geworden seien. Die Bemerkung blieb bei ihrer ursprünglichen Veröffentlichung im Vereinigten Königreich ohne große Wirkung, jedoch kam es zu erzürnten Reaktionen in christlichen Gemeinschaften, als die Anmerkung fünf Monate später in den Vereinigten Staaten gedruckt wurde.

Lennon machte die Aussage ursprünglich im März 1966 während eines Interviews mit Maureen Cleave für den London Evening Standard, das keine Reaktion der Öffentlichkeit nach sich zog. Als Datebook, eine US-amerikanische Zeitschrift für Teenager, Lennons Aussage Ende Juli 1966 in einem ihrer Artikel zitierte, brachen extensive Proteste im Süden, insbesondere im Bible Belt, der Vereinigten Staaten aus. Einige Radiosender stoppten das Senden von Beatles-Songs, ihre Alben wurden öffentlich verbrannt, Pressekonferenzen abgesagt und Drohungen ausgestoßen. Die Kontroversen fanden zeitgleich mit der geplanten US-Tour der Beatles im August 1966 statt, weshalb Brian Epstein und Tony Barrow, der Pressesprecher der Beatles, den Disput mit einer Reihe von Pressekonferenzen zu beschwichtigen versuchten. Vor einigen Konzerten kam es zu Störungen und Einschüchterungen, darunter das Aufstellen von Streikposten des Klu-Klux-Klans. Die Kontroverse trug zur Entscheidung der Beatles bei, nicht mehr live aufzutreten. Die US-Tournee von 1966 war die letzte, die sie unternahmen.‘“ (Wikipedia).

Zitat Ende.

Meine kleine Geschichte ist so banal dagegen.

Ist Christus noch ein Thema, Religion heute?

# Damals, als alles begann

Christus kam vor den Beatles, und davor suchten die Menschen das gelobte Land. Als sie dort angekommen waren, wurde die Lage nicht wirklich besser für die Flüchtlinge aus Ägypten, meine ich zu erinnern. Noch heute ist in dieser Gegend Krieg – deswegen? Die ersten Staaten haben sich gebildet, weil selbsterklärte Leader Menschen an sich binden konnten. Die Beschreibung von Mose, wie er seine Leute um sich schart, definiert als ein zusammengehöriges Volk, das weg möchte (behauptet Moses), vom Pharao, macht deutlich, wie dieser Anführer alle Register zieht, innere Struktur zu formen mit etwa den Gebotstafeln oder Stärke nach Außen zu kreieren. Er  droht, was alles geschehen wird, deutet Wetterereignisse als Ergebnis seiner Macht, um den Pharao zu beeindrucken aber in erster Linie seine eigene Gefolgschaft. Je fester der Verbund solcher Gläubigen ist, desto mehr sind diese Leute bereit, dafür nötige Unbill vom gefährlichen Marsch ins gelobte Land (etwa durch die Wüste) auf sich zu nehmen. Es braucht keinen real aktiven Gott, wenn es dem Menschenfänger, der vor allem seiner Eitelkeit Genüge tut, gelingt, was auch immer passiert, als göttliche Zeichen zu deuten, die er, der Gehilfe des Allmächtigen, zu deuten weiß. Selbst wenn Moses nie gelebt hätte, wer will das so genau wissen, und da gar kein Pharao gewesen ist, der Menschen zurückhielt, so lässt sich mit dieser Geschichte allein schon manche Seele fangen, diesen Worten und dem, der sie feilbietet, als Heilslehre zu folgen.

Das ist ja mal eine gute Sache: Eine zugkräftige Wortmalerei ist das Instrument eines jeden Anführers, die Masse zu mobilisieren, Leute mitzureißen. Wir alle stehen auf den Schultern derer, die vor uns da gewesen sind. Man darf Glaube und Religion daher nicht abtun als gestrige Tradition. Gott bedeutet eine Gegenwärtigkeit und ist mitnichten bloß ein Wort damaliger Geschichten in unserer, wie viele denken, verschrobenen Geschichtensammlung, der Bibel. Glaube ist wirksam: Ohne die Macht der katholischen Kirche, den weltweit sich vernetzt empfindenden Christen und den sich zur Arbeiterbewegung formierenden Polen, die ihren Mann in Rom wussten, den eigenen Papst, hätte es den Zerfall der Sowjetunion so nicht gegeben.

Glaube vereint die Menschen für eine lohnende kämpferische Aktion.

Das ist mehr als Tradition, Religion, das Richtige, natürlich Gegebene letztlich mitzutragen, Freiheit einzufordern, damit im Geiste beseelt loszumarschieren. Wer mit sich im Reinen ist, kann dieses Wohlgefühl erleben, am richtigen Platz und zur passenden Zeit zu laufen. So zu fühlen, und es häufiger zu genießen, eine breite Akzeptanz zu spüren, dem dürften Kämpfe vorausgegangen sein? Man musste sich nicht nur das umgebende Terrain sichern. Es ist das gelungene, innere Zusammenraufen, das sich allen zeigt, denen man begegnet und den Weg frei macht zum spontanen Lächeln, das sogleich erwidert wird. 

Was der moderne Mensch aus vielen Beschreibungen lernen kann, ist entweder selbst so einer zu werden, der andere leitet, sogar manipuliert, oder umgekehrt sich solcher Fremdbestimmung erfolgreich zu entwinden. Wir können das große Ganze nur teilweise verstehen. Die Behauptung, Prophet zu sein und mit dem Chef im Himmel befreundet, ja verwandt, ist mehr als kühn und dürfte in der Regel als Fake auffliegen. Es sei denn, alles ist so lange her, und die Leute meinen nur Bescheid zu wissen von einem, von dem andere sagten, er habe das gesagt, was er behauptete. Was den Einzelnen hingegen selbst angeht, ihn betrifft, dass er’s auch ändern könnte falls notwendig, dürften viele besser begreifen, wenn sie nur wüssten wie, als sie dem für gewöhnlich nachspüren. Ein Gläubiger ist in der Regel (leider) mehr das Opfer seiner Angst als der Stärkere, wie er es von sich meint zu wissen (gegenüber der ungläubigen Masse und weil er seinen Partner im Himmel erkennt). Das ist kein Wissen, sondern starkes Wunschdenken. Es gibt schon Kraft, sich’s vorzustellen, dass Gott besondere und größere Liebe denen verschenkt, die an ihn glauben, bleibt aber der bedenkliche Versuch, sich mit einem Griff ins eigene Haar aus dem Sumpf ziehen zu wollen. Wer einsehen kann, was ihm unmöglich ist zu wissen und erkennt, wo hingegen Erkenntnisgewinn möglich wäre, dürfte sich auf einem guten Weg befinden. Weniger glauben, heißt bereits mehr zu wissen. Es bedeutet erkannt zu haben, was man sich eingeredet hatte, um Unangenehmes nicht spüren zu müssen.

Religionen nutzen sich selbst, weniger dem Menschen, der glaubt, auf seine angewiesen zu sein. Es gibt ganz verschiedene Glaubensrichtungen. Das sollte den Gläubigen irritieren und seine Denkweise hinterfragen machen. Ultraorthodoxe Juden findet man bei uns seltsam. Indische Religionen betrachten wir als fremd. In ihrem jeweiligen Umfeld geben sie den dort lebenden Menschen eine natürliche Denkweise, die wir aber mehr als sonderbar fänden, sollten wir aufgefordert sein, unseren Alltag nach ihrer Art zu leben. Auf Youtube entdecke ich das Video einer jungen Frau aus Kambodscha, die schon gut deutsch spricht, bei uns studiert. Sie beklagt das willkürliche Aufstellen von Buddhafiguren im Westen als Gartenschmuck oder mit Beleuchtung auf der Fensterbank als Deko. Man solle andere Religionen respektieren, fordert die Studentin nachdrücklich. Buddha ist heilig in ihrem Land, muss entsprechend als Heiligtum gewertet werden, steht über Kopfhöhe der Personen in einem Raum und nicht als Dekoration eingequetscht zwischen den Büchern unten im Regal.

Martin Luther war ja einer, dem manches nicht passte.

So begründet sich auf seinem Widerspruchsgeist das Wesen vom modernen Heiligen Geist für einige, und die anderen gehen weiter wie bisher. „Der Kluge sieht das Unglück, die Einfältigen gehen weiter“, könnte sein Sinnspruch heißen, dem er folgte? Die Bibel sagt es aber so: „Der Kluge sieht das Unglück und verbirgt sich, die Einfältigen gehen weiter und erleiden Strafe.“ In Deckung gehen, ist mal nicht schlecht, wenn Gefahr droht; bemerkenswert ist das Ende – „und erleiden Strafe“. Der liebe Gott, er straft auch, denken nicht wenige? Es dürfte schon mal Schwierigkeiten machen, den genauen Zusammenhang zwischen böser Aktion und göttlicher Strafe aufzuzeigen. Dieses Denken ist weitverbreitet bei nicht wenigen Gläubigen. Hier beginnt aber etwas Gefährliches. Das setzt den Anfang des Krankmachenden beim Glauben, falls wir zu denen gehören, die sich selbst als geleitet begreifen. Fassen wir Religion so auf, dass ein Pastor oder Guru unser Welterklärer wird, der uns anleitet, das Gespräch, die Nähe, das Vertrauen zur höchsten Macht zu suchen, die uns, wenn wir gefällig leben, liebt und andernfalls straft, beginnt eine zunächst gelinde Form von Wahn. Wir stellen uns ein Gegenüber vor, von dem wir schließlich annehmen, dass es wirklich existiert und nennen das Ganze Glaube? Den spirituellen Kontakt zur höchsten Macht aufnehmen wollen, ist ein riskantes Unterfangen. Mit dem Öffnen dieser Tür, so zu denken, glauben, öffnet sich auch die, hinter der die Überzeugung lauert, nicht länger glauben zu müssen, sondern vermeintlich Bescheid zu wissen. Das kann nicht gut gehen in unserer Gesellschaft.

Wir sind ein multikulturelles Land. Es gibt keinen allgemein gültigen, traditionellen Rahmen, den alle gleichermaßen annehmen könnten. Wenn wir entschieden gläubig auftreten, missionieren wir die meisten anderen automatisch. Man wird uns an die Grenzen bringen. Das Wollen der anderen können wir nicht beherrschen mit einer schon mal wahnhaften Idee. Sich auf den eigenen Weg zu besinnen, ob es einer ist, der uns gut tut, wird immer auch Toleranz und Empathie für andere einfordern, eigentlich selbstverständliche christliche Werte. Das aber unter der Prämisse leben zu wollen, von oben dafür geliebt zu werden, ist ein krankes Denken (und mitnichten Glaube im besten Sinne), das zum Missbrauch geradezu einlädt. Wer sich selbst dahingehend manipuliert, mehr begriffen zu haben als andere, wird nur zu empfänglich dafür sein, schließlich irgendwo mitgeschnackt zu werden.

Hier geht es um die Frage nach dem freien Willen, und sie kann bekanntermaßen nicht beantwortet werden. Wer sich also auf sich selbst besinnt, mag von anderen gelegentlich als Egoist oder Narzisst beschimpft werden, und wenn es keinen freien Willen gibt, dann hat Gott diese arme Sau zum Arschlochsein gezwungen, weil es eben so festgelegt wurde? Das ist dann seine Strafe auf Erden, mag sich jemand einreden, wenn er sich darin sonnen möchte, als Gutmensch zu glänzen. Paradoxer geht es nicht, als einerseits anzunehmen, gottesfürchtig zu wandeln und andererseits alle abzustrafen, die es nicht tun, wenn letztlich kein Zufall oder eigene Verantwortlichkeit gültig wäre. Sich selbst dahingehend zu erkennen, was dem eigenen System, der Struktur, dem Körper im Raum seitens des eigenen Verhaltens gut tut und was nicht, den Weg gemäß solcher Erfahrungen anzupassen, gelingt nicht jedem gleich gut. Wer sich als Wesen lieben lernt und freundlich zum Selbst wird, kann kaum sein Umfeld ignorieren, wird Freundlichkeit schätzen. Wer hingegen, wie er meint, und weil er’s glaubt zu müssen, lieb in den Wald hinein ruft, mit der bedingungslosen Erwartung auf ein freundliches Echo, sollte sich nicht wundern, wenn die Bäume ausschlagen, ihn treten wie böse Pferde und nicht nur grün im Mai.

Seien wir doch ehrlich, die Momente, denen wir zuschreiben, eine unerklärliche Kraft habe uns geleitet, beschützt, die Dinge zum Besseren für gerade uns gerichtet, ein Zeichen sei es gewesen, das uns rettete, das Schicksal –, sind selten und verwaschen ein wenig mit der Zeit, was ihre Glaubwürdigkeit als Wunder betrifft. Derartige Eigenartigkeiten lassen sich anderen nicht so gut erzählen. Wir werden belächelt schlimmstenfalls und beginnen selbst, mehr und mehr zu zweifeln, ob Gott oder ein Engel uns half bei dem, was uns Großartiges geschah. Auf der anderen Seite stehen und geschehen uns unendliche Pannen jeden Tag, eben was alles nicht so gut lief. Obwohl wir es nicht vorhatten und doch einigermaßen auf der Höhe im Alltag agieren, weichen unsere Zielvorstellung und das erreichte Ergebnis schon bei jeder banalen Handlung leicht voneinander ab. Wer beginnt, darauf zu achten, kann schnell einsehen, dass tagtägliches Geschehen, wie wir es motivieren, immer ein wenig, jeweils zum Teil misslingt. Perfektion bleibt ein unerreichbares Ideal. Es hilft uns niemand von oben. Im Gegenteil, ein höher hausendes Arschloch geradezu stellt sich quer, eine böse Macht scheinbar, Murphys Law, und an manchen Tagen ist es schlimmer, mischt sich in beinahe jede Handlung. So kann es einem vorkommen, geschieht alles wohl bloß, um gerade uns zu schaden? Ein wenig zu viel an Anspannung im entscheidenden Moment lässt den Schützen das Tor verfehlen, und so ist es auch beim banalen Geschehen eines jeden, der etwa Kaffee verschüttet. Zum selbstgemachten Ungemach gesellt sich die Bösartigkeit und kriminelle Energie um uns herum. Es kann der friedvollste Mensch nicht ungestört bleiben, wenn der böse Nachbar es so will und mehr davon. Dann noch das Wetter, die Natur mit den Katastrophen und die Gefahren allgemein, selbst daheim oder im Bett droht uns was. Ist das der böse Gott oder wie? Recht selten sind die wundersamen Momente seines Liebseins.

Nicht wenige erklären sich zum modernen, aufgeklärten Menschen, sind konfessionslos und treten teilweise entschieden gegen die Kirche, Religionen allgemein auf. Sie haben viele Argumente, Glaube grundsätzlich abzulehnen. Dann gibt es auch noch welche, die Kirche als Institution verachten, aber privat für sich Spiritualität anerkennen als einen Teil des Lebens.

Dass wir frei sind, wählen zu können, sogar im Glaube, scheint bereits durch im Psalm.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Gott ist so groß, dass er uns und alles einschließt, wir das Ganze schon deswegen nicht wirklich begreifen können, denke ich. Mit Freiheit klarzukommen, ist nicht immer einfach. Dem einen hilft der Glaube, andere geben sich stark, dergleichen nicht nötig zu haben, aber allen Menschen gemeinsam ist das Erleben von Angst als elementares Gefühl, dass uns von Zeit zu Zeit zur Entscheidung nötigt und sämtliche Wahlmöglichkeiten, was angenehmerweise zu tun wäre, drastisch reduziert auf eine harte Gegenwart, die uns unmittelbar fordert. Jetzt gilt es, ob wir tapfer handeln, feige einknicken oder den Verstand verlieren. Die Religionen behaupten ihre Vision vom Leben nach dem Tod. Dieser Glaube an eine Seele, das friedliche Sein im Himmel oder gar ein Weiterleben hier auf Erden verspricht sich mancher von uns. Wie weit kommt einer mit solchem sich’s Einreden (das ist es ja), dem dieser Glaube bislang gute Dienste leistete, wenn der Tod tatsächlich vor der Tür steht und unmissverständlich anklopft, zu verstehen gibt, dass der letzte Gang zu gehen ist?

# Das möchte ich erzählen

Als meine Mutter tödlich erkrankte, verbrachte sie die letzten Wochen bis zum Ende im Hospiz. Sie war schon im Rahmen des Umzuges aus ihrer Wohnung, der unumgänglich wurde, latent psychotisch und keinesfalls mehr in der Lage, selbstständig zu handeln. Die Angst zu sterben, hielt sie fest im Griff. Bei dem hilflosen Versuch, dass keiner ihre Furcht bemerken sollte, hatte sie auf den letzten Metern ihres Lebens noch den Verstand verloren. Sie blieb der Realität entrückt und starb exakt nach vier Wochen in dieser Einrichtung, der typischen Zeit übrigens, die Menschen dort sind, bis sie sterben. Wir waren täglich zu Besuch, saßen am Bett, im Zimmer, aber sie redete dummes Zeug. Einmal hat P. sie besucht, und die beiden sind noch mal draußen gewesen auf einen Spaziergang. Mit R. war ich bei ihr, eine alte Dame, Freundin seit der Jugend meiner Mutter, die ich mit unserem Auto hingefahren habe. Sie ist dann wenige Jahre danach ebenfalls verstorben. Meine Schwester hatte sich nahebei einquartiert. Verwandte kamen regelmäßig zu Besuch und alle weinten wir immer wieder.

Zweimal probierte meine Mutter fortzulaufen und wurde dann in einigen hundert Metern Entfernung vom Hospiz wieder eingesammelt.

Ein gutes Haus! Ich habe den sympathischen Herrn B. einiges gefragt bei meinen Besuchen. Das war ein Betreuer aus dem Leitungspersonal, der den Angehörigen (und den tödlich Erkrankten selbst) zur Seite zu stehen sollte, dort extra deswegen angestellt war und psychologisch begleitend arbeitete. Ich wollte auch wissen, ob es seiner Erfahrung nach Menschen gäbe, die stolz und stark blieben bis zum Schluss, also quasi erhobenen Hauptes dem Tod entgegen gingen, ohne je Angst zu zeigen? Das wäre nie so ganz der Fall, irgendwann erwischte die Panik jeden hier an diesem Ort, meinte B. und beschrieb auch den extremen Fall eines solchen Bewohners, der sich einiges an Theater hatte einfallen lassen und der Situation, im Hospiz zu leben, (zunächst erfolgreich) trotzen konnte.

Der gab sich heiter alle Tage.

Das Ganze wäre wohl ein geradezu reizendes Spiel, das alle mit ihm (und er selbst natürlich auch) bloß inszenierten, hier zu wohnen wie im Hotel, meinte der Mann. Alles verleugnend, gab er sich höflich, Geschirr mit abzuräumen und überhaupt Nettigkeiten vom Stapel zu lassen, kleine Geschichten zu erzählen, Anekdoten zum Besten zu geben. Er wollte souverän obenauf schwimmen, und vielleicht hatte er das sein ganzes Leben lang so gemacht? Da hat er manches verpasst, statt eine gute Strategie bereitzuhalten; solche andauernde Vermeidung, denke ich.

„Sie und ich, Herr B., wir wissen doch beide ganz genau, dass ich diese tödliche Krankheit gar nicht habe, und bald ziehe ich einfach wieder aus, kehre in meine Wohnung zurück –, nicht wahr?“

Herr B. sah den ausgemergelten Körper des Mannes, kannte die Krankenakte, erzählte er mir. Der Betreuer beschloss, das Spiel, wie der Bewohner es nannte, behutsam nicht mitzuspielen, jedenfalls gegenzuhalten.

„Doch, doch, Sie sind schon sehr krank mein lieber Herr … und wissen auch, dass Sie hier sind, weil Sie bald sterben werden.“

„Nei-ein. Ach was. Das sagen Sie bloß. Kommen Sie, geben Sie’s zu: Sie belieben zu scherzen.“

So ging es eine Weile.

Dann aber kam doch der Moment, wo der Alte Rotz und Wasser heulte, sich eines Nachts an B. ankrallte geradezu, ihn mit seinen knochendünnen Ärmchen umschlang und jammerte, klagte, weinte. Der Mann hatte alles Theater aufgegeben, war wie ohne Maske nur noch das Gerippe selbst und schließlich bei sich angekommen. Der letzte Tag, die letzte Nacht: Er presste seinen abgemagerten Schädel fest an den braven Herrn B. und schrie in seiner Todesangst.

Am nächsten Morgen ist er verstorben, ganz friedlich übrigens.

So wurde es mir erzählt.

Angst schon heute, zu Lebzeiten, gezielt wahrzunehmen, führt dazu, Wege zu finden, die besser sind. Zwanghaft gerade das Jeweilige tun zu müssen, wie man’s meint und nicht eine Alternative zu bedenken, ist die Angewohnheit vieler. Man kann lernen, auf die anderen Möglichkeiten zu achten, die meistens vorhanden sind, innehalten, nachdenken. Das sollte gelehrt werden. Angst ist nicht irgendwas. Sie bedeutet konkret Muskelkontraktion oder spontanes Loslassen gewohnheitsmäßiger Anspannung. Sich selbst dahingehend zu erforschen, kann die Augen öffnen, den Atem frei machen, den Gang leicht und für das eigene Verhalten im Gegenüber einer Situation die Zusammenhänge und Auswirkungen auf das eigene System aus Körper und Geist sichtbar machen. Das hilft, Wege zu finden, besser damit klarzukommen, was geschieht und mögliche alternative Reaktionen zu erdenken und umzusetzen. Das ist mitnichten Nihilismus, Ungläubigkeit, weil so viel nachbleibt von dieser Welt, das keiner versteht. Warum sollte Gott wollen, dass wir einer Konvention angehören, wenn es viele davon gibt? Es gibt nur eine Welt oder keine (und nicht ich habe das gesagt). Die kollektiv blökende Herde zu verlassen, muss kein neues goldenes Kalb bedeuten, dem man künftig folgt. Vom Schaf bildlich gesehen nun bloß zum Rind zu gehen, ist aber der gewöhnliche Weg unzufriedener Leute.

# Es könnte besser sein

Das Angst der Schlüssel sein könnte, sich selbst eine Tür ins Innere zu öffnen und dort mit dem Entdecken von zugemüllten Räumen oder schlecht vermieteten Leerständen aufzuräumen, sollte gelehrt werden. Menschen wissen oft gar nicht, wovor sie sich fürchten; die anderen sind es in der Regel, denen man sich unterordnet. Eigenverantwortung abzugeben, wenn es besser wäre, das Risiko selbst zu kalkulieren, feige einen mutigen Schritt nicht zu tun, um etwa eigene Träume anzugehen, ist so selten nicht. Man macht die Dinge wie gesagt und verpasst das Leben.

Mir ist es passiert.

Stürzt ein Flugzeug ab, machen sich die Fachleute wie Detektive auf die Suche nach dem Grund. Wenn Menschen psychisch erkranken, sollten Helfer sich genauso bemühen, Ursachen dafür nicht nur zu finden, sondern für Abhilfe des Problems Lösungen anbieten, die konstruktiv sind. Das geschieht in der Regel nicht konsequent genug. Man braucht Glück, einen Arzt zu finden, der wirklich daran interessiert ist und entsprechende Befähigung mitbringt, seinen Patienten gesund zu machen. Meistens wird die Verwirrung noch größer, und man wird abhängig vom Therapeuten. Damit ist ein Teufelskreis geschlossen und fest installiert: Wer psychisch erkrankt, ist bereits unselbstständig. Anschließend zum Doktor zu laufen, machte nur dann Sinn, wenn dies eine Notfallbehandlung auf Zeit wäre. Doch daraus einen Bund fürs Leben zu machen, besiegelt das Schicksal und verkümmert den Menschen auf eine Rolle als Patient für immer. Das müsste nicht sein, aber kaum jemand glaubt scheinbar, dass geistige Gesundheit auch für Menschen erreichbar ist, denen man diese bereits wiederholt absprechen konnte. Psychos sollen welche bleiben, sind Sündenböcke für vermeintlich normale Menschen, werden stigmatisiert und können sich nicht einmal solidarisieren. Das genau ist ja ihre Macke: Sie sind zu gesundem Sozialverhalten nicht fähig. Die Medizin, die ja vorgibt, als Anlaufstelle der Partner der Erkrankten zu sein, weiß in der Regel nicht mehr daraus zu machen, als die Gestörten zu begleiten. Die Gesellschaft stört manche Menschen so effektiv, dass anschließende Eskalation unvermeidlich ist und dann wird eben weggesperrt, zugedröhnt, therapeutisch begleitet. Ein gutes Training wäre effektiver als das.

Das aber dürfte kaum in unserer Gegenwart zu etablieren sein.

Schwänge sich einer auf, statt typischer, psychiatrischer und medizinischer Hilfe ein Training zur Selbsthilfe anzubieten, gehörte dazu die Ehrlichkeit, dass die Sache ohne das Ausleben von Gewalt beim in seiner Entwicklung Gestörten nicht funktioniert. Die Bereitschaft eines Helfers, spontane Attacken mitzutragen als nützliche Erfahrungen, die sein Zögling machen muss, wird gering sein. Man betont ärztlicherseits immer wieder, wie selten psychotische Menschen aggressiv werden. Das stimmt, aber die Mehrzahl bleibt nicht zuletzt auch wegen der Behandlung schizophren ein Leben lang. Diejenigen, die aufbegehren, haben meiner Meinung nach die besseren Karten, es noch zu schaffen, gesund zu werden. Pauschale Rache an der Gesellschaft gesteht man niemandem zu? Aber dieser stigmatisierende Brei (nachdem bereits die leiblichen Erzieher versagt haben) ist doch der Störenfried, der solche Menschen zu Gestörten machte. Menschen, denen wichtige Entwicklungsstufen im Leben vorenthalten geblieben sind, können nie reibungslos integriert werden, wenn das Ziel vollständige Gesundheit heißt. Da müsste der selbsterklärte „Trainer“ psychisch Kranker, wenn er so etwas toleriert, seinen Laden gleich wieder dicht machen. Wir bestrafen Gewalt. Die Gesellschaft toleriert keinen Ansatz, dessen großzügige Unterstützung psychisch Kranker darin bestünde, dass diese unsere Heimat als Spielwiese für nachzuholende Erfahrungen eines Halbstarken missbraucht. Psychiatrie funktioniert nur, weil die Ärzte gegenüber dem Ganzen postulieren, sie verhinderten Gefahr für Leib und Leben der Betroffenen und ihrer Umgebung. Die Psychiatrie leistet einen Dienst an der Gesellschaft insgesamt. Sie schützt Gesunde genauso wie den Kranken vor sich selbst. Sie gibt der Polizei gegenüber Gutachten ab, veranstaltet Stuhlkreise, verschreibt Pillen wie die anderen, richtigen Ärzte. Man trägt einen weißen Kittel. Damit ist diese Institution unangreifbar aber eben auch der Apparat, der nicht selten das Schicksal des Kranken besiegelt, einer zu bleiben.

Hier möge noch einmal der schon eingangs zitierte Polizist Manuel Ostermann zu Wort kommen. Das ist ebenfalls ein Ausschnitt aus dem erwähnten Gastbeitrag. Verrückte sind scheinbar noch schlimmer, wenn sie Ausländer sind? Eine aktuelle Gewalttat nimmt der Autor zum Anlass, seine Auffassung von Schuld nachdrücklich klarzustellen. Er ist als Polizist keinesfalls bereit, Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem anzuerkennen, sondern weist den Fehler dem Täter als seinen direkt zu. Er fordert quasi, Gewalttäter möglichst schon vor einer möglichen Gefährdung anderer Menschen nachrichtendienstlich zu erkennen, falls sie einreisen möchten, das zu unterbinden, falls sie dennoch im Lande als Zugereiste entdeckt würden, sie umgehend aus Deutschland zu entfernen. Mehrfach vorbestrafte Menschen sollten ihr Bleiberecht verwirken, wenn sie als Ausländer bei uns leben, weil neuerliche Taten wahrscheinlich sind, ist der Tenor. Viele würden das unterstreichen, und es wirkt, als habe die Politik es nicht im Griff. Die Polizei geht, so müssen wir Lesenden annehmen, besonders, wenn ihre Personaldecke aufgestockt würde, davon aus, dass ihre Beamten die Fähigkeit hätten, noch nicht geschehene Taten gezielt vorherzusagen, sie Menschen, die infrage kämen, Terror zu verbreiten, erkennen kann. Das können die Leser von Boulevardzeitungen auch. Nur unsere Innenministerin scheint das nicht draufzuhaben? Man weiß doch, kennt seine Pappenheimer, es sind die Ausländer, vorgeblich Asylsuchende, islamistische Fanatiker, das sieht man denen doch an, was die wollen?

Einfach scheint es für den einfachen Geist zu sein. Ein Däne, der bei uns lebt, ist ja kein Ausländer. Die Wahrheit ist: Ab einer noch zu definierenden Menge an fremd wirkenden Mitbürgern, fremd für die, die das wichtig nehmen, kippt die Stimmung. Schon deswegen hat der Polizist recht. Man darf die Migration nicht verharmlosen, wenn vermehrt reißerische Berichterstattung die Wahrheit zeigt, wie oft Menschen aus Syrien oder Afghanistan Straftaten bei uns begehen. Es überzeugt keine Seniorin: „Dass so was hier passiert!“, auf den Lebenslauf von gescheiterten Menschen zu verweisen, weil man denen, die nur zu gern von Täter-Opfer-Umkehr reden, unnötigerweise Argumente liefert. Es ist nur legitim, Zuwanderung zu begrenzen.

Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

Zitat:

„Doch der eigentliche Punkt für mich sind Nancy Faesers Pannen. Hier reiht sich bei der Innenministerin eine Unfassbarkeit an die nächste. Im Fall Bad Oeynhausen hat die Ministerin den berühmten Vogel rhetorisch komplett abgeschossen. Nach tagelangem Schweigen im Walde lässt Faesers erster Kommentar zu dieser bestialischen Tat viele in diesem Land fassungslos zurück. Faeser führte die Tat auf ,nicht gelungene Integration‘ zurück und insinuierte so eine Mitschuld der Gesellschaft am Tod des Gewaltopfers. Der Bundesvorsitzende meiner Gewerkschaft, Heiko Teggatz, brachte es auf den Punkt: ,Das ist einfach nur unfassbar! Ich bin sprachlos. Das ist an Pietätlosigkeit nicht mehr zu überbieten.‘“ (Yahoo, 2. Juli 2024).

Zitat Ende.

Verschiedene Probleme der Gesellschaft, Abschiebung von Menschen mit unzulässiger Asylabsicht, Integration von Fremden im Land, Straftaten von bereits Vorbestraften oder die Attacken von psychisch Kranken gleichwelcher Nationalität auf unserem Boden werden von der Polizei aus ihrer Perspektive betrachtet, das ist die direkte Konfrontation. Unser Bundeskanzler ist nicht Polizist. Die Minister stehen nicht in Uniform neben der Demo, sitzen stattdessen im Büro oder reden was. Eine Regierung hat mehr zu tun, als bloß Ordnungshüter zu sein. Die Polizei ist in jeder Hinsicht beschränkt. Sie denkt eindimensional, wie ja auch der Wachhund eines Grundstücksbesitzers nicht mit einem intelligenten Tier vergleichbar ist, das in der freien Natur unterwegs lebt. Die Qualität unserer Demokratie liegt gerade in der Vielschichtigkeit von Zuständigkeitsbereichen. Die umfangreichen Sicherungen des Rechtsstaates zu seinem eigenen Schutz sind ja gerade, dass der Straßenpolizist nicht auch noch vor Ort richtet und seine von ihm als solche erkannten Gegner direkt beseitigt.

Eine allein gelassene, kaputt gesparte Polizei wird sich aber zu Recht Luft machen und für ihre Sicht kämpfen.

Als Künstler sind wir Soziologen und sogar Polizei, schauen hin, aber ohne Staatsanwalt, Richter, Gefängnis dahinter. Wir zeigen nur Erkennbares auf, das manche nicht wichtig nehmen. Kreative wissen um ihre Täterschaft, weil sie Opfer der Normalität sind, die alles nivellieren möchte auf ihr Mittelmaß. Wir fabulieren, malen, zeichnen, spielen auf unserer Bühne, halten einen Spiegel in der Hand, entblößen uns selbst, gehen in das Gefängnis, für unsere Freiheit zu reden.

# Bis es knallt

Psychisch Kranke schränken sich gegenüber ihren Ansprüchen an andere ein oder reagieren über. Sozial unangepasstes Verhalten ist der Spiegel einer ungerechtfertigten Haltung gegenüber den eigenen Bedürfnissen. Zunächst also begrenzt so jemand sich selbst, wo es sich gehören würde, Stellung zu beziehen. Dann wieder werden die Zügel der Selbstkontrolle über die Maßen gelockert und die Situation eskaliert. Eine medikamentöse Einstellung der Patienten möchte diese psychischen Spitzen glätten und Stabilität in das Leben von Betroffenen bringen. Anschließend einer Notfallbehandlung ist das die beste Lösung. Wer mit einem Hexenschuss in die Praxis vom Orthopäden kommt, kann beispielsweise nach einer Spritze schmerzfrei herumlaufen, dann beruhigt sich die überspannte Muskulatur, anschließend sind aber weiter keine Medikamente nötig. Der Arzt verschreibt eventuell noch einige Behandlungen bei einer Physiotherapeutin. Beim Psychiater läuft die Sache anders. Seine Verpflichtung gegenüber der Situation insgesamt und die Verfügbarkeit von pharmazeutischen Stoffen, die den Geist (was immer das sein soll) beruhigen möchten, nötigt ihn, das gewünschte Normalverhalten eines gut angepassten Zeitgenossen mithilfe seiner speziellen Mittel, die ihn ja auch erst zum Facharzt machen, anzubahnen. Das bedeutet in der Regel eine Fahrt auf gebahnten Schienen. Der Rahmen einer sicheren Spur gibt so lang Halt, wie der Patient willens ist, auf ihnen zu fahren.

Wie reißt man sich zusammen, könnten wir fragen, geben uns die feste Bahn im Leben? Schon mit dieser Frage wird klar, dass es Muskeln braucht zum Reißen. Ein kranker Geist oder besser ein nicht korrekt arbeitendes Gehirn benötigt und nutzt seinen Körper, die Muskeln wie andere auch und wird allerlei Blödheiten vom Stapel lassen. Binden wir nun ein gestörtes Gehirn medikamentös, dürfte das nicht ohne Auswirkungen auf die Muskulatur bleiben. Sonst wirkt das Medikament nicht. Da spricht man von Wirkung und Nebenwirkung.

Ich muss an den Hinweis einer Bekannten denken, die ein Schild an ihren Gartenzaun zur Straße hin machte:

„Das hier ist kein Unkraut. Es ist Begleitgrün.“

Der Nutzen einer Sache ergibt sich aus der Perspektive dessen, der ihn definiert und einen Namen dafür findet. Medizin gilt als gut, wirksam. Was unerwünschterweise mit dazukommt, ist Nebenwirkung.

Wie schaffen Normalgesunde mit ihren Gefühlen klarzukommen, da sollten wir auf die Atmung merken. In einem Buch habe ich gelesen: „Wenn Sie unbedacht eine Straße als Fußgänger überqueren und der Autobus kommt mit lautem Hupen auf Sie zu, werden Sie schneller atmen, egal wie oft Sie in einem Kurs die ,richtige‘ Atmung übten.“

Stress wirkt sich aufs Atmen aus.

Obwohl das beinahe eine Binsenweisheit und jedermann bekannt ist, wie Atmen mit Wohlfühlen oder Angst mit gestörter Atmung einhergeht, kümmert sich die Psychiatrie nicht darum, dass die Patienten sich wohlfühlen, im Gegenteil. Man nutzt die stabilisierende Wirkung von Anspannung, rahmt den pharmazeutisch Gehaltenen in ein Korsett, wie das auch Normalgesunde mit ihren Muskeln machen. Viele sind steif und kennen gar nicht anders zu leben. Menschen gehen arbeiten und sagen von sich, sie funktionierten. Solche Leute sieht man ja überall. Sie funktionieren. Es geht auch anders, natürlicher. Deswegen schauen wir so gerne Sport, hören Musiker. Diese Spezies lebt, lacht, liebt, schreit (Fußball), tut mehr als der Normale, der doch ständig auf alltägliche Spinner herabschaut, die sich nicht beherrschen können.

Auf YouTube wird mir ein Video vorgeschlagen. Eine junge Frau, die ein Geschäft führt und regelmäßig Videos produziert, gibt das Ende dieser Betätigung bekannt. Sie berichtet, auf einem Sofa sitzend, sie sei nun erst einmal für einige Wochen im Ausland in der Wohnung eines Freundes im Urlaub zur Erholung. Es habe ja schon lange kaum noch neue Videos gegeben. Sie sei vollkommen überarbeitet. Bei diesem anrührenden Post glaubt man ihr sofort und mitfühlend sind die unzähligen Kommentare. Es fällt schon auf, dass sie sich die Sätze ein wenig zurecht legen musste, und es gibt einen oder zwei Schnitte, wohl um nicht gelungene Aussagen ein zweites Mal besser hinzubekommen für einen insgesamt wenige Minuten dauernden Clip. Außerdem ist unverkennbar, wie sie mit jeweils einem Stoß ihrer Atmung jeden gesprochenen Part geradezu aus der Lunge katapultiert. Die Sprechende ist bemüht, den jeweiligen Satz kontrolliert auszusprechen. Das fließt nicht. Da kommt wie notwendigerweise, weil es eben sein muss, ausgepustet jede einzelne Phrase raus. Es fällt ihr nicht leicht, uns das Ende ihres Traumes als selbstständige Werkstattleitung bekanntzugeben. Sie lässt sich ein Hintertürchen offen. Erstmal diesen Sommer im Urlaub würde alles ruhen. Das gäbe ihr die nötige Zeit nachzudenken. Diese stoßende Atmung und ihre Erregung, die sie doch verbergen möchte, berührt.

„Alles Gute dir“, lauten die vielen Anmerkungen entsprechend.

Reden ist tröstlich, hilft aber nicht genug, mit sich und den Problemen ins Reine zu kommen. Als Zuschauer weiß man’s ja nicht, ist es nur eine Pause einfordern, die Erschöpfung und eine nötige Neuausrichtung oder ein Arztbesuch steht noch an, weil nichts mehr geht?

# Burnout

Medikamente sind im Notfall unumgänglich, helfen dem Menschen auf Dauer nicht wirklich dabei, einen besseren Weg einzuschlagen. Diejenigen, denen zu leben wie von selbst gelingt, wissen oft nicht, wie sie das tun. Erfahrungen gehören dazu, wenn das Leben eine positive Progression sein soll. Im Falle psychischer Probleme ist es unumgänglich, dass man das eigene Verhalten am Leib spüren lernt. Das geht nur dann, wenn ein zum Patienten erklärter Mensch merken kann und spüren lernt, wie’s ihm geschieht. Ein gesunder Organismus kennt die außergewöhnlichen Vorgänge im System bei einer schockierenden Ausnahmesituation gut genug, um anschließend zurück ins ruhige Funktionieren zurückzufinden. Ein grundsätzlich schlecht aufgestellter Mensch kommt mit Stress nicht klar. So jemandem fehlt die Erfahrung heftiger Atmung, die sich schließlich normalisiert. Wer seinen Brustkorb tagtäglich gewohnt ist einzuschnüren, mag damit sein emotionales Gleichgewicht halten, bleibt aber angreifbar wie eine spröde Stange, die nicht biegsam abfedert bei einem Schlag gegen ihre Mitte. Medikamente wollen den Kranken in eine Rüstung stecken und bedeuten eine Zukunft in emotionaler Kastration. Ohne pharmazeutische Hilfe jedoch scheitert ein bereits Kollabierter, und das möchte die Medizin vermeiden.

Vermeidung heißt aber nicht begreifen, lernen, sondern unreif bleiben für immer.

Eine selbstständige Existenz gestalten, muss nicht bedeuten, Chef zu sein. Emotionale Unabhängigkeit, von fixen Ideen Abstand nehmen, ist nötig für ein gesundes Leben. Jeder findet seine Herausforderung auf seinem Gebiet. Mir käme es nicht in den Sinn, an Autos schrauben zu wollen, eine eigene Werkstatt zu betreiben. Ich habe Videos gesehen, wo Menschen aus extremer Höhe ins Wasser springen. Das möchte ich nicht probieren. Für jeden ist etwas dabei auf unserem Planeten und in der Zeit des eigenen Lebens, das die individuelle Gefahr bedeutet, sich ihr zu stellen. Vermeidung von Risiken, die doch dazugehörende Klippen wären, wenn es gilt, sich einen Wunsch zu erfüllen, kann nicht wirklich genügen, wenn wir Gesundheit wollen statt nur irgendeine Anpassung, die andere nicht stört.

Ich habe diesen Text begonnen mit allgemeinen Beschreibungen, um den, wie ich hoffe, lesenswerten Boden zu bereiten für ein kleines Gewächs, es hier vorzustellen, mein aktuelles Projekt. Picasso soll gesagt haben, Malerei sei Entwicklung und deswegen wäre sinnvoll, die Bilder zu nummerieren, als dass also eines auf das nächste folgte und so gesehen undenkbar wäre, ohne die zuvor gemalten. Heißt Kunst verkaufen? Ein Geschäft anzufangen, beinhaltet das unternehmerische Risiko, finanziell zu scheitern. Eine Firma aufmachen, kann ebenso bedeuten, an die emotionale Belastungsgrenze zu kommen. Ist zu leben, eine Existenz überhaupt, bereits ein Geschäftsmodell? So etwas ohne Geld und Wertetausch hinzubekommen, probieren nur wenige. Sie brechen auf, ganz allein im Dschungel, der Wüste oder auf dem Meer zu überleben, machen ihr Geschäft direkt mit der Natur. Wie riskant so etwas ist, wusste schon Jack London zu beschreiben. Als Jugendlicher habe ich gelesen, wie ein versehentlich ins Eiswasser Gefallener, der eine Unsicherheit im Schnee übersah, es schließlich nicht mehr hinbekommt, das überlebenswichtige Feuer anzuzünden mit zitternden Fingern.

Es ist eisekalt, und er ist allein in weiter, weißer Wildnis.

Er ist klatschnass.

Der Mann probiert, mehrere Streichhölzer anzureiben, aber die sind nass, brechen ab und dann endet die Geschichte.

Von grundsätzlicher Vermeidung, dem Leben auszuweichen, Emotionen zu kanalisieren, statt auszuleben, jegliche Aggression und mögliche gewalttätige Reaktion sich zu verbieten – und die Psychiater sind ja Meister darin, ihren Patienten das als den richtigen, zumindest für solche Sonderlinge nötigen Weg aufzuschnacken – war bereits die Rede. Auch von der Taktik, mit Nettigkeiten und Witzen, Anekdoten, dem vorgeblichen Glaube an Gottes Hilfe, das spätere, belohnende Jenseits mit seinem ewigen Frieden sich einzureden, das Leben dabei doch tatsächlich, was es sein könnte, zu verpassen, habe ich geschrieben. Der Versuch, Konfrontationen aus dem Wege zu gehen, es allen, also eben den anderen, recht zu machen, ist mein Thema und die schließliche Erfahrung des Scheiterns aus nur diesem Grund; ich wollte deutlich machen, wie dumm das ist, weil ja – gerade ich habe es lange so gemacht. Man laufe anderen nicht nach, das ist das eine, und man lerne, die Auswirkungen des Verhaltens auf den eigenen Körper spüren, um relativ besser (zukünftig) zu navigieren, möchte ich sagen. Was bedeutet das konkret, das muss jeder selbst herausfinden, was aber heißt es für mich als Maler? Das kann ich erzählen.

Ich liebe es, noch Umwege zu machen, komme später zum Punkt, als manchem das Recht ist.

Wer aus einem Text aussteigen möchte kann es tun, wer eine Malerei nicht mag, sieht sie sich nicht an. Jeder hört die eigene Musik. Das haben nicht nur die digitalen Plattformen erkannt mit ihren auf uns zugeschnittenen Vorschlägen. Wir empfinden individuell. Das Umfeld regt uns an, manche laufen weg, andere bleiben.

Ich sehe mich um.

Einige Beschreibungen. In diesem Dorf, das inzwischen meine Heimat ist, fährt einer oft langsam mit seinem Fahrrad rum. Jeder scheinbar kennt diesen Mann. Das ist ein dicker Schnacker, ein Grüßonkel, und er war lange in der Politik, auch im Fußballverein; sein Herz schlägt links, sagt der frühere Maurer von sich, einer für alle ist das? Will man Asterix verstehen, das gallische Dorf, so bietet unsres einen allgemeingültigen Spiegel dafür.

„Schönen guten Tag!“

Leutselig weiterempfohlen, glänzt man gemeinsam, aber nur die Sauberen strahlen.

„Unser Künstler.“

Das war einmal. Inzwischen genügt ein stilles Handzeichen, so reserviert wie höflich grüßen wir Stadtbekannten einander, die wir doch gemeinsam haben zu schnacken. Jeder hat jetzt seine Leute oder doch alle, aber zur jeweiligen Zeit und für sich allein.

Schon drollig, wo ich doch gefährlich sein soll, dass der Briefträger vorsichtshalber versichert: „Ich habe keine Angst vor dir.“ Die Bürgermeisterin verlässt den Radweg und wechselt auf die Fahrbahn, riskiert lieber fahrende Autos, wenn ich ihr zu Fuß entgegenkomme. Besser ist das. Sie scheint zudem zu den Etablierten zu gehören, die auf eine für mich mysteriöse Weise Bescheid wissen, mir zu begegnen – oder eben nicht. Wie mag es funktionieren? Es löst seit Jahren paranoiden Grusel aus, nicht nur bekannt zu sein, sondern einem unerklärlichen Tracking zum Opfer zu fallen, was aber unübersehbar eine Tatsache geworden ist mit der Zeit. (Ich besitze kein Smartphone). Die Spötter möchten ja doch irgendwie glänzen mit einem verbotenen Wissen, warum sie, obschon wir Fremde sind, gerade mich ansprechen und irgendwie was durchblicken lassen, ein intimes Detail meines Daseins. Gehe ich beim Bäcker vorbei, grüße einen der mir oberflächlich bekannten Gäste (am Tisch beim Kaffee mit weiteren Leuten), höre ich noch im Nachhinein, schon einige Meter weiter, wie man einander sagt:

„Das ist der Bassiner.“

Der.

Man kennt sich. Dicke, dünne, wichtige und unwichtige Menschen treffen sich, reden ein wenig. Es gibt immer wieder auch Bekannte, eigentlich nicht unsympathisch, die sich scheinbar ein wenig drüber wähnen, oberhalb von mir jedenfalls, irgendwie, weil sie sich ihre Existenz, den Lebensunterhalt täglich verdienen oder im ebenso wohlverdienten Ruhestand befindlich leben. Mein Hiersein ist kein verdientes, nur gedultet, das steht dahinter, wenn wir reden, so kommt mir das vor. Wer malt, ist der Beknacktheit verdächtig und als Mann sowieso. Frauen dürfen pinseln. Niemand nimmt sie ernst. Sie laden einander gegenseitig ein zur Vernissage. Trutschen unter sich, das sind Kunstkreise und ihre Preise. Richtige Männer arbeiten richtig: Die Schlauen sind ökonomisch und zielgerichtet, wissen Bescheid, was falsch läuft in Deutschland (meinen sie). Solche Menschen gibt es, und man ist ihrer Präsenz und Welterklärung ausgeliefert. Sie spazieren nicht nur so herum, fahren mit dem Auto zum Einkaufen.

Der Erwähnte hat ein Geschäft, man sieht sich und trifft einander auch sonst mal. Im Supermarkt, an der Kasse gemeinsam anstehend, bin ich wie üblich zu Fuß dort, einmal quer durchspaziert vom Dorf bis zur Siedlung, weil der andere Laden renoviert wird, der besser erreichbar läge, wo ich für gewöhnlich hingehe, der aber eben geschlossen bleibt für Wochen. Jetzt kaufe ich nur ein Stück Fleisch und Gemüse für’s Mittagessen. Der über jedes Maß fette Mann hat sein Einkaufswägelchen voll, fragt mich: „Kriegst du eigentlich Beklopptenrente?“ Weil ich immer rumlaufe und er muss arbeiten, macht der sich seine Gedanken. Er hat zu leben begriffen, aber nicht das Natürliche:

„Ich habe keine Frau (mehr). Abends vier, fünf Bier, lass’ ich mich volllaufen.“

Das sind so die Normalen.

Der andere, bereits erwähnte, der rote Häuptling, als er das noch gewesen ist, ich habe ja oben schon angedeutet, dass er heute nur noch die Leute anquatscht, meinte mal, als ich noch einen Ruf hatte als „Künstler“ und interessant für welche wirkte, die dergleichen Nähe zur Kunst zu schätzen wissen: „Wir wollen dich bekannter machen. Komm doch in die Fraktionssitzung, mal da was.“ Oder, bei einer anderen Gelegenheit: „Willst’ mal Stegner kennenlernen?“

Ich durfte Schenkel an Schenkel mit dem Wichtigen sitzen, seinen Worten lauschen!

Eine Ehre, dabei gewesen zu sein, danke.

Das andere Mal, das mit der Fraktionssitzung, lief so: Die Feierabendpolitiker tagten des Feierabends im Gemeindesaal der Kirche. Ich saß also zwei Stunden mit den Sozialen, und eine schöne Zeichnung wurde fertig. Später habe ich die dem bei uns hochangesehenen Mann und seiner rotparteilichen Dorfgemeinschaft angeboten. So zwischen hundert und fünfhundert Euro kann man wohl denken, ist eine Sache in dieser Qualität wert. Das kam nie zustande, das von mir erhoffte Geschäft. Der mit allen Sabbelnde hat mich eine Zeit lang vertröstet. Ein dummer Junge, so kam ich mir vor, überhaupt ernsthaft dran geglaubt zu haben, hier was zu verdienen. Das Bild steht noch immer im Atelier. Ich hatte es gerahmt. Der Sozi als solcher, man kennt das ja, redet viel, und das ist nur Luft gepupt.

Der hat auch Freunde. Die sind ja hier alle vernetzt und schachern sich Jahr für Jahr reih um den Ehrenamtspreis gegenseitig zu: Ein altes Ehepaar betreibt einen Treffpunkt in einer größeren Anlage bis jetzt, tat dort viel Gutes, Ausländer zu integrieren. Jetzt hören die beiden altersbedingt zum Jahresende auf, und meine Geschichte ist bereits Dorfklatsch. Was ich noch nicht beschrieben habe, ist, wie es zu einem Gemälde kam für dieses Ehrentum in der Häusersammlung mit Treffpunkt. Der Ehrenamtler meinte: „Mal uns doch die Anlage“, und ich dachte, das wäre ein Auftrag für die Verwaltung. Eine Illustration erwartete ich für eine Anzeige, dort Wohnungen anzubieten, für Honorar. Aber die lieben Alten wollten nur ein Bild für sich, es im Treffpunkt an die Wand hängen. So schön wäre es doch hier, besonders auch bei Schnee im Winter oder wenn die zwischenstehenden Bäume frisches Grün trügen, fand seine Frau. Ganz schön frech, das so für nass zu fordern.

Man nimmt mich nicht ernst, denke ich. Maler sind nur zweite Klasse in der Gesellschaft. Die haben das Bild, als es fertig gewesen ist, ein gelobtes und feierlich im Club aufgehängtes Werk, für ohne Geld gemalt von mir und fröhlich verschenkt, vermutlich inzwischen abgenommen (und womöglich vernichtet). Persona non grata: Ich soll hier weg, lieber tot als lebendig, glaube ich.

Muss ich (noch einmal) erzählen weshalb?

# Mein Dorf

Unser Dorf, ich bin angekommen. Es gibt fröhliche Momente, gibt auch tolle Frauen, man mag einander tatsächlich, und einige handfeste Zeitgenossen haben wohl manches klargestellt, auch was mich betrifft, das ich nicht blicken konnte. Ich muss nicht alles wissen. Meine Fehler sind bekannt. Die anderen machen ja keine. Wer hat was zu verlieren und wie viel Geschick, seinen Platz zu beanspruchen, ist eine Frage, die aufkommt in der Debatte um die Gefährlichkeit von Menschen, und wie man mit sogenannten Gestörten umzugehen habe, nicht nur im Zusammenhang mit Migration. Erst nachdenken, dann reden und wenn das unmöglich ist, handeln im Sinne aller Beteiligten, ist dem Staat wohl geboten, wenn dieser sensibel und klug gestalten möchte, langlebig sein am Regierungsort. Eine Frau „von oben“, mit gutem Draht zur Kripo, die sich lostrabend nach dem Motto, ich „mache das mal“ selbst, überzogen und eingebildet am eigenen Geblahe begeistert, an der Spitze einer Gurkentruppe profiliert, im höchsten Stock vom Kaff zu weit aus dem Fenster lehnt, könnte tief fallen.

Der angeblich Verrückte, abiturisiert, studiert, als Grafiker etabliert mit Reihenhaus und existentiell sehenswertem Zubehör: Ehefrau, Familie, Auto, Boot und reichlich Beziehungen, Freunden im Gepäck – so sehe ich mich –, dürfte sich anders gebärden als ein drogensüchtiger Asylant.

Solche werden natürlich ungestraft einfach weggetreten.

# Nackt

Ja, das neue Bild, ich möchte nun endlich erzählen davon! Es soll „Nudisten“ heißen. Ich bereite es schon lange vor. Eine große Leinwand trägt bereits Spuren von Untermalung. Dann aber habe ich abgebrochen, weiter zu übertragen, was ich mir ausdachte. Ich ändere aktuell am Entwurf noch manches. Das muss sein. Später soll es weitergehen. „Könnte man’s in Worten sagen, müsste niemand malen“, fand Edward Hopper. Und David Hockney meint, man solle schon genau hinsehen, wie einer malt, und was er dazu sagt, ob es auch im Bild enthalten ist. Klappehalten wäre mal besser, denke ich – und doch sind einige Überlegungen so schlecht nicht.

# Meine Geschichte

„Schreiben ist das Sichtbarmachen von Gedanken“, erklärte Martin Andersch uns; das war mein lieber alter Professor an der Armgartstraße. Der ist schon so lange tot! Da weiß ich, wie alt ich selbst jetzt bin. Ich habe ein Buch von Alfred Andersch. Das war der Bruder: „Die Kirschen der Freiheit“, aber das steht bloß im Regal. Ich habe es Martin zuliebe gekauft, glaube ich, als Student. Ich wollte dazugehören. Ich las es nie.

Ich habe alles von Böll gelesen. Otto Ruths hat ihn einmal getroffen, in Schottland oder so. „Schau dir das Gesicht an“, meinte mein Professor: „So sieht einer aus, der immer in die Fresse kriegt.“

Max Frisch war es, den ich zuerst las. (Vorher nur Karl May und dergleichen). Frisch, das kam anschließend der Schule. Wir bekamen „Homo Faber“ im Deutschunterricht als Aufgabe mit vielen Facetten, die wir beleuchten mussten in Referaten. Im Netz finde ich jetzt was zu diesem Berühmten, das ich nicht wusste.

Zitat:

„Im selben Jahr erfuhr er im Rahmen der Fichenaffäre, dass er seit seiner Teilnahme am internationalen Friedenskongress 1948 wie viele andere Schweizer Bürger von den Behörden bespitzelt worden war. Am 1. August 1990 erhielt er (zensurierten) Zugang zu den behördlichen Aufzeichnungen und verfasste vor Ende 1990 dazu den Kommentar ,Ignoranz als Staatsschutz?‘, in dem er zu einzelnen Aktenteilen Stellung nahm: Seine Fiche sei ,ein Dokument der Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität‘. Der Text wurde 2015 bei Suhrkamp als Buch veröffentlicht. (Wikipedia).

Zitat Ende.

Frisch hatte das Nacktbaden auf Sylt kennengelernt. Deswegen muss er hier erwähnt werden, nicht nur, weil ich manches gelesen habe von ihm, sondern weil mir eine bestimmte Textstelle gefällt, meine Motive zu beleuchten für das angefangene Bild. Die kann ich aber nicht wiederfinden. Zuerst habe ich einiges quergelesen. Dabei habe ich schnell im „Tagebuch 1946-1949“ das hier entdeckt:

Zitat:

„Man badet hier ohne alles, und das ist herrlich, man verwundert sich höchstens, wie selbstverständlich es ist. Heute liegen wir in einer Gruppe, es kommt ein junges Paar, beide im Badkleid, Bekannte, und als sie uns auf dreißig Schritte erkennen, bleiben sie stehen, machen das einzig Geziemende, streifen ihr Badzeug herunter, nehmen es in die linke Hand und kommen zur Begrüßung –.“

Das schreibt Max Frisch auf Seite 355 im Tagebuch, Kampen, Juli 1949.

Zitat Ende.

Das ist aber nicht die von mir so dringlich vermisste Textstelle. Ich suche einen Absatz, wo es so ungefähr über eine (übrigens örtlich wohl auf Sylt ganz ähnliche) Situation heißt, wie absurd es sei, nackt am Strand so zu tun, als bemerke man diese Blöße nicht, und das Ganze wäre so normal wie beim Kinobesuch, Konversation im Foyer zu machen oder anderswo, im Büro, Alltag. Das steht irgendwo, und zunächst dachte ich in „Montauk“. Ich las alles quer. Ich las schließlich eine Biografie komplett, nicht quer, und da fand ich es auch nicht. Ich nahm mir „Montauk“ wieder vor. Das ist dünn, unterhaltsam. Ich habe es kürzlich ganz gelesen, das erste Mal seit zig Jahren, habe ich wieder Frisch gelesen. Es hat mir gefallen. Ich lese sonst nie mehr ein Buch, nur Zeitungen. Es steht aber nicht in „Montauk“, was ich suchte. Dann ging ich an den „Faber“, las ihn quer. Ich fand den gesuchten Absatz nicht. Ich ging dran, widerwillig, den ganzen „Homo Faber“ neu zu lesen. Es hat mir doch gefallen. Dieses Buch hatte ich in der Schule nicht nur gelesen, wir arbeiteten das durch, und das ist mehr als lesen. Anschließend, nach dem bestandenem Fachabitur (mit Willi, unserem Deutschlehrer), las ich freiwillig den „Homo Faber“ ein weiteres Mal. Das musste damals irgendwie sein.

Jetzt nochmal: Ich kann sagen, das Gesuchte ist nicht darin.

Ich fand ein Interview im Netz mit einem Sohn Peter Frisch. Der Mann hat erfolgreich gesegelt und betreibt ein Fachgeschäft. Ich überlegte, den anzuschreiben – und habe diese Idee verworfen.

Ich machte mich dran, „Stiller“ zu lesen, nachdem Querlesen nicht erfolgreich war. Ich habe jetzt beinahe die Hälfte von dem dicken Roman hinter mich gebracht! Es ist anstrengend. Das Buch nervt mich, besonders die Wildwest- und Amerikageschichten. Frisch macht kaum Absätze. Seitenlang nur Wörter. Seine Sätze sind toll, aber lang. Er setzt keine wörtliche Rede. Da kommen beständig Satzendzeichen, und dann es geht klein weiter. Manchmal ist das schön, dann wieder verwirrt es. Er platziert manchen Gedankenstrich noch vor dem, den Satz doch abschließenden Satzzeichen, dem Punkt – und also ganz am Schluss. Was soll das? Es gibt ständig die alten Schreibweisen. Sie machen einen darüber nachdenken, warum es so oder so gehören könnte?

Sollte ich das Ding durchhalten und die gesuchte Textstelle auffinden, zitiere ich sie noch korrekt hier am Schluss. Das habe ich mir vorgenommen. Man könnte es irgendwann nachtragen. Wir fahren nächste Woche nach Fehmarn. Ich nehme den „Stiller“ mit in unseren Urlaub und kann „Mein Name sei Gantenbein“ anschließend (am Strand) lesen, sollte es nicht im „Stiller“ stehen. Täuscht mich die Erinnerung? Mir geht es um Genauigkeit. Um zu erklären, warum ich mein geplantes Bild „Nudisten“ genau so malen möchte, und um es mir selbst klar zu machen, ist das nötig, die eigenen Gedanken aufzuräumen. Ich habe von Risiken geschrieben und dass sie meiner Meinung nach zum Leben dazugehören, als individuelle Aufgaben angenommen werden müssen. Für unseren Briefträger stelle ich keine Gefahr dar, wie dieser lachend mir gegenüber mit seinem polnischen Akzent zum Ausdruck bringt. Das steht hier bereits im Text. Ich habe ja angedeutet, dass sich die Bürgermeisterin vor mir fürchtet womöglich? Wovor ich selbst Angst habe, dass ist auch, dieses Bild zu malen. Darum mache ich es.

# Never underestimate your power!

Man sollte nicht alles vorweg nehmen. Hier ist noch eine Textstelle. Ein unerwartet veröffentlichtes intimes Tagebuch der Tochter des amerikanischen Präsidenten wird zum Anlass für einen Artikel genommen.

Zitat:

„Zumal nun feststeht: Die schockierenden Auszüge aus Ashley Bidens gestohlenem Tagebuch über sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit und das gemeinsame Duschen mit ihrem Vater stammen wirklich von ihr. Entgegen anfänglicher Zweifeln wurde bescheinigt: Sie sind echt und unverfälscht. In einem kürzlich veröffentlichten Gerichtsdokument bestätigte die 43-jährige Ashley Biden: Ja, sie selbst war die Verfasserin dieser Aufzeichnungen.

,Wurde ich missbraucht? Ich glaube schon.‘

Neben ausführlichen Einzelheiten über ihren Drogenkonsum schrieb die damals 37-Jährige in einem Auszug vom Juli 2019: ,Übersexualisiert in jungen Jahren. Was ist der Grund dafür? Wurde ich missbraucht? Ich glaube schon.‘ Und weiter: „Ich kann mich zwar nicht an Details erinnern, aber sehr wohl an ein Trauma … . Ich erinnere mich, dass ich mit Carolin (Anmerkung der Redaktion: ihre Cousine) sexualisiert wurde; dass ich in jungen Jahren Sex hatte; ich habe mit meinem Vater geduscht (was wahrscheinlich nicht angemessen war); ich war erregt, wenn ich es nicht hätte sein sollen.‘

Auf der Suche nach möglichen Gründen für ihre Sucht listet Ashley eine Reihe von Stichpunkten auf: ,Mutter emotional nicht für mich da gewesen‘; ,Decke weggenommen‘ – oder ,ließen mich nicht allein auf die Toilette gehen.‘“

(Yahoo Website FOCUS-online-Korrespondentin Sandra Ward, Do., 27. Juni 2024).

Zitat Ende.

Mir gefällt dieser Satz: „Ich war erregt, wenn ich es nicht hätte sein sollen.“

Deswegen suche ich nach dem Text bei Frisch. Frisch beschreibt, wie Menschen, also Nudisten würde man heute sagen, so tun, als wäre nackt zu sein ganz normal. Das sei dringend nötig für uns, finden manche, es so anzusehen, endlich von jedem Tabu befreit sein müsste das Nacktsein. So herumzulaufen wäre nur natürlich und habe, so wie es betrieben würde, keine sexuelle Komponente. Jedenfalls gelte es, diese auszublenden. Im Tagebuch vom Schweizer Schriftsteller steht es damals lapidar als schönes Erlebnis wahrgenommen, aber die Worte, nach denen ich inzwischen verbissen und zugegebenermaßen genervt suche, waren anders. Der Autor – oder sein Protagonist in einem Roman, wenn ich nur wüsste, welches Buch, jedenfalls ein Theaterstück dürfte es nicht sein –, bekundet Unbehagen.

Der Schreibende greift den Umstand auf, dass nackt zu sein eben doch besondere Gefühle anregt, weil es gerade nicht normal wäre.

Auch der verstorbene Robert Lemke hat einmal gesagt, er fände nichts nötig zum alltäglichen Nacktsein (am Strand), das gäbe ihm nichts, was das solle? Das Entkleiden, also etwa das Oberteil einer Frau behutsam wegzunehmen, habe für ihn etwas vom Geschenkeauspacken. Das Schönste wäre es doch, und diese Vorfreude gehöre dazu, nicht alles gleich zu wissen, was einen erwarte. Heute dürfte man so etwas, so unverblümt, wie man es denkt, ja nicht mehr sagen. Das gäbe einen Shitstorm. Nacktheit, und besonders bei den Nudisten sind ja auch die Kinder nackt, wird mehr denn je zum Anlass genommen, Menschen fertigzumachen, die irgendwie angreifbar sind mit entsprechenden Darstellungen, die sie veröffentlichen, die ihre Gefühle darstellen; oder wenn sie sich selbst entblößen, gibt das Anlass zum Spott oder Verfolgung. Dies bedeutet das willkommene Material für Gutmenschen, verbale Hinrichtungen anzuordnen.

# Ich kenne das

Nacktheit ist mir als Zeichner vertraut. Ich habe sehr viele Aktzeichnungen gemacht nach Modell. Ich habe selbst nackt Modell gestanden. Es ist anstrengend. Ich habe auch mal einen Mann gefragt, dessen Beruf es ist – „Das Hamburger Modell“ nennt er sich –, bezüglich seiner Gefühle und möglichen Erektionen dabei.

„Das passiert mir nicht. Es wäre nicht professionell.“

Im Netz gibt es im unglaublich riesigen, pornografischen Angebot an Filmen und Fotografien, künstlerischer und derber Präsentation vom Allzumenschlichen auch einige entsprechende Produktionen, die sich der Sache annehmen. Videos haben sich zum Ziel gesetzt, diese Thematik „Aktzeichnen“ mit männlichen Modellen und jungen, zeichnenden Künstlerinnen, die (zunächst voll bekleidet wie üblich) arbeiten an ihrer Staffelei, in Szene zu setzen. Dann entgleitet ihnen die Sache. Gefühle kommen auf. Erst lutschen, dann selbst sich ausziehen und schließlich Sex. Ist das angemessen?

Wir sehen die allmähliche Aufrichtung zuckender männlicher Glieder gleich mehrerer Modelle im Raum. Dann entwickelt sich je nach Länge des Films und Länge der Stangen manches. So ist das eben im Porno.

# Fantasie verboten?

Das hier, was ich noch einkopieren möchte, ist auch interessant, weil diese weltweit genutzte Plattform nicht drumherum kommt, das Thema zu definieren.

Eine Bildersammlung für alle.

Zitat:

Pinterest ist kein Ort für Pornografie. Wir schränken die Verbreitung nicht jugendfreier und expliziter Inhalte ein oder entfernen diese. Dazu zählen Dinge wie Fetischbilder, Bilder von Nacktheit mit pornografischer Absicht, anschauliche sexuelle Beschreibungen und grafische Darstellungen sexueller Aktivitäten. Wir tun unser Bestes, um zwischen Pornografie und anderen Inhalten zu unterscheiden, die Nacktheit involvieren könnten. Beispielsweise könnten Kunst, Aufklärung oder Beratung zu geschützten Geschlechtsverkehr sowie politische Proteste legitime Gründe für das Merken von Inhalten mit entblößten Körpern bzw. nicht jugendfreien Inhalten sein, jedoch spielen Kontext und Absicht hierbei immer eine wichtige Rolle. Es ist auch zulässig, sich Inhalte über sexuelle Gesundheit, Stillen, Mastektomien usw. zu merken.

Wenn du einen Pin siehst, der explizite sexuelle Handlungen enthält und deiner Meinung nach gegen unsere Community-Richtlinien verstößt, kannst du … usw.

Zitat Ende.

Wann ist es Kunst, wo beginnt Porno und was wäre strafbar? Ist, was zu bestrafen nach Gesetzeslage möglicherweise möglich ist für einen proaktiven Jäger (der verbotenen Bilder), auch ein Verbrechen? Werden gesellschaftliche Grenzen überschritten oder Menschen traumatisiert, gefährdet durch eine Darstellung? Macht es die Menge der Bilder, ob das Zeug der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde? Wie beim Falschgeld: Ist es welches, oder wird es dazu erst dann, wenn es in den Umlauf gelangt?

Ist ein Bild strafbares Material, weil eine Staatsanwältin es so will und bedeutet das ein Verbrechen, eine Verletzung, eine Gefahr für Menschen, dass deswegen welche, Frauen, Kinder zu Schaden kommen, leiden werden, und muss deswegen ein Täter als solcher definiert werden, büßen?

Das entscheidet ein Gericht und nicht der Mob nebenan.

Die Polizei nimmt sich der Sache an, die Nachbarn bilden eine Bürgerwehr: Wenn ein aus dem Gefängnis entlassener Sexualstraftäter nebenan einzieht, werden sie ihn fertig machen. Die Kunst müsste das Thema der unangemessenen Gefühle, wie Ashley Biden das nennt, aufgreifen, aber man kann nach dem Lesen der Pinterest-Richtlinien ahnen, wie heikel so etwas ist. Pornografie außerhalb von dieser Plattform Pinterest kann nicht verboten werden wie Prostitution rund um jeden Bahnhof einer Großstadt zu unserer Welt gehört. Unsere Kinder, Frauen, nicht nur auf der Straße, im nächtlichen Park unterwegs, auch in der Ehe, müssen wir als Gesellschaft schützen. Das steht außer Frage. Aber das Thema ist so viel differenzierter in allen Facetten seines Vorkommens, als manches dazu uns glauben machen möchte und nie perfekt in den Griff zu kriegen, weil wir Gefühle zwar als unangemessen bezeichnen können, deswegen aber wohl eher der Umgang mit ihnen problematisch ist und nicht das Vorhandensein von Emotionen als Tatsache.

Wir reden von Heterosexualität als der am häufigsten vorkommenden Ausrichtung menschlichen Lustempfindens. Dazu kommen die gesellschaftlichen Ansprüche der vage erfassten sogenannten Normalität, was die Leute hinnehmen und worüber sie sich’s Maul zerreißen, etwa, wenn ein Mädchen jung und der Mann älter ist. Da sich hier eine persönliche Erfahrung bei mir im Lebenslauf aufdrängt, zur Kunst gemacht zu werden, gibt mir das Thema einigen Anlass, darüber nachzudenken, wie wir heute leben in Deutschland. Mit der Erfindung der Pille und weiteren, gut verfügbaren Verhütungsmethoden ist es einfacher geworden, die natürlichen Abläufe gemäß den geforderten Konventionen einer modernen Gesellschaft auszuleben. Dabei klafft, oft nicht wahrgenommen, eine gewaltige Lücke auf zwischen dem Beginn der Geschlechtsreife junger Menschen und der Realität ihres Familienlebens (mit Kindern entsprechend dem natürlichen, früheren Geschehen). Was machen die Mädchen, wenn es spürbar losgeht mit ihrer Reife, bis zu dem Moment mit nicht selten erst dreißig Jahren, wo ihr erstes Kind zur Welt kommt? Wie erleben sie die Jahre ihrer Kindheit, bevor sie geschlechtsreif werden mit etwa zwölf? Wir können davon ausgehen, dass unsere Mädels einigermaßen rechtzeitig „geklärt“ werden im Vergleich zu uns Alten, wie wir es erlebten.

Ich habe in einer Warteschlange vor der Haspa Zeit gefunden, mit einer jungen Frau zu diesem Thema ins Gespräch zu kommen. Das ist noch nicht lange her, zum Ende der Pandemie kam es am Monatsanfang zu reichlich Andrang an unserer Filiale. Sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm, weil es danach verlangte, aus der Karre genommen zu werden. Diese attraktive junge Frau so im Studentenalter, hatte zu Hause noch das ältere Kind „Nummer zwei“, wie sie mir fröhlich erzählte, zurückgelassen und war damit erstaunlich früh eine Doppelmutti. Nur alte Leute standen vor dieser Filiale. Sie selbst mache für gewöhnlich Onlinebanking, das ginge auch des Nachts, meinte sie, man wäre unabhängig. So plauderten wir. Es fiel auf, wie selbstverständlich sie mit dem Kleinkind alles tat, was nötig wurde, Aufnehmen aus der Karre, mal links, mal rechts sich an den Leib drücken, knuddeln, schmusen, brabbeln, Verständnis zeigen. Das Kleine schrie nie. Eine wohlduftende, herzlich liebe Mama mit dem größtmöglichen Verständnis ist es gewesen.

Sie gefiel mir!

Ich quatschte sie hinein in meine Überlegungen wie beschrieben, und sie meinte nur: „Ja, aber die gleichaltrigen Jungs (sind doch blöde, unbrauchbar als Vater); mit dreizehn sind sie Kinder, und wir werden zur Frau.“

Das stimmt. Es ist aber gesellschaftlich gemacht. In grauer Vorzeit hatte niemand die Wahl einer konventionellen Bestimmung bei der Dauer von Kindheit. Die Fünfzehnjährigen waren Familienväter und der dazugehörigen Existenz verpflichtet, entsprechende Probleme zu lösen. Wir wollen allerhand, bis wir der Jugend zugestehen, erwachsen selbstständig zu leben. Da wird man schon mal dreißig, bis alles stimmt. Das schafft ganz neue Verhältnisse mit ihrer eigenen Problematik.

„Wir können nicht zweimal leben und unsere Kinder heiraten“, sagt Hanna in „Homo Faber“ so ungefähr zu Walter. Aus der Sicht einer Frau stellt sich die besondere Realität, über die man nicht offen spricht, anders dar, aber viele Männer verlieben sich im Alter nicht altersgerecht neu. Deswegen sind diese dickbäuchigen Lustmolche ja nicht alle behandlungswürdig krank, bloß weil sie geil werden beim Anblick der Mädels von der Schule. Es kommt wohl darauf an, was als angemessen gilt, akzeptabel bleibt, Grenzen respektiert, sich entsprechend zu verhalten und nicht, was angemessene Gefühle wären.

Deswegen probiere ich, mein Bild jenseits der modernen Hexenjagd zu etablieren.

Gibt es eine Pille, die unangemessene Gefühle ausmerzt? Wohl kennt der Pharmazeut, der Arzt solche Produkte, und wo gehören diese angesetzt, werden sie freiwillig konsumiert? Es bleibt eine existentielle Frage, wie erwachsen und verantwortungsbewusst Menschen mit der Integrität anderer umgehen, Grenzen akzeptieren. Die Sexualität und den Schutz unserer Kinder vor Übergriffen dürfen wir als Aufgabe nicht der Polizei allein überlassen. Polizisten denken eindimensional. Sie müssen so handeln. Das ist ihr Beruf. Staatsanwälte sind keine Menschen. Sie kennen unsere Gefühle nicht, nur ihre Eitelkeit. Der juristische Erfolg ist ihnen von Bedeutung. Sie warten auf die Wiedereinführung der Todesstrafe, Schwanz ab, den Rechtsruck. Wir anderen möchten frei leben. Die Ordnungshüter sollen nicht am Bett unsere Privatsphäre überwachen. Sie versagen regelmäßig, wenn es gilt, Frauen vor ihrem gewalttätigen Ehemann zu schützen. Die sozialen Anlaufstellen haben ihre liebe Not mit einem Problem, das uns alle angeht. Weil es eine gesellschaftliche Komplettaufgabe bedeutet, die sich jeweils wandelnden Gebräuche so zu gestalten, dass unsere Freiheit groß und der Schutz gefährdeter Menschen größtmöglich ist, möchte ich meine Sicht zum Thema kreativ beitragen.

Eine Herausforderung; es ist mein Berg, den ich beklettere, die Klippe, von der aus ich mich ins Badewasser stürze (und ein Video online stelle), mein sturmgepeitschtes Meer, das ich durchfahre, mein Blog.

Man suche sich’s aus, das zu bewerten, aber ich möchte deutlich machen, dass Vermeidung für mich nicht akzeptabel ist.

Ich suche unsere Grenze, und die ist Haut.

🙂