Unfertige, aber keine halben Sachen!

Ein Wort vorweg: Es ist üblich geworden, Websites nur auf dem Smartphone anzusehen? Wer das ausschließlich tun möchte, verpasst komplexe Inhalte nebenbei. Darum will ich mich nicht kümmern, schmackhafte Häppchen wie Fastfood anzubieten. Um sich gemalte Bilder anzuschauen, sollte einer mindestens sein Tablet bemühen und sich annehmbare Bedingungen zum Lesen schaffen. Es ist wie im richtigen Leben. An den Geschäften nur entlangzugehen, kurz bummeln, die Sachen im Schaufenster überfliegen oder richtig eintauchen ins Ganze, steht uns ja frei …

Die Gemälde der besonderen Galerie (unten) sind nicht abgeschlossene Projekte. Deswegen heißt das Menü „Unfertige“. Ich möchte einen Einblick in meine Arbeitsweise geben. Den Text dazu gibt es hier, um die Galerien auf der Homepage nicht zu überladen. In der oberen Leiste kann man entspannt den Reader aktivieren, scrollen und gegebenenfalls anderntags weiterlesen.

# Zeitmaschine, Nudisten

Ein Kreativer muss sich so weit selbst verstanden haben, sein eigenwilliges Schaffen mit Unterbrechungen hinzubekommen. Pausen gehören dazu. Damit ist unter Umständen auch längeres Wegstellen der Malerei gemeint. Meine Bilder entstehen nicht an einem Tag. Ich brauche lange und male nicht am Stück alles fertig. Zwischendurch steht das Gemälde rum. Das können Wochen sein, die ich anderes mache. Um erneut mit dem Bild anzufangen, benötigt jeder Künstler entsprechend der ihm eigenen Mentalität die notwendige Lust, es „jetzt“ zu tun. Wann dieser Moment sein soll, wird uns nicht gesagt.

Darum heißt es: „Freie Malerei“.

Es kann sich wie eine Herausforderung anfühlen. Wir haben keinen Anleiter wie im Fitness-Center, der erst vorbereitet: „Zwei, drei …“, dann punktgenau fordert, „und hoch – jetzt!“, weiter koordiniert, „mache eine Pause“, wie von der App gewohnt. Das ist die zum Malen gehörende Kunst und ein Lernfeld, sich kennenzulernen. Mit Willenskraft allein geht gar nichts. Tun können oder lassen nach Belieben? Eine notwendige Übung. Für mich gibt es weder einen Ausstellungstermin, wo ich ein Bild gern zeigen möchte, weil ich nicht mehr ausstelle, noch einen Auftraggeber, dem ich mich verpflichtet fühle.

Aktuell habe ich zwei große Acrylbilder im Atelier, die ich mir immer wieder vornehme, weiter daran zu malen.

Ein besonderer Gedanke, an zwei Bildern gleichzeitig zu arbeiten: Nach einem Fernsehbeitrag über den Österreicher Helnwein, dass man’s machen kann, sich dazu motivieren, wollte ich’s selbst ausprobieren. Das doppelte Arbeiten gefällt (nach anfänglichen Zweifeln) und gibt mir eine gute Erfahrung von inzwischen einigen Jahren mit den beiden großen Teilen. Man erhält sich die Motivation, weil die Abwechslung gegeben ist.

Schon vor fünf Jahren hat mich die Idee für das „Fischmarktbild“ beschäftigt, und ich glaube, es war März 2024, als ich das Thema ernsthaft zu entwickeln angefangen habe.

Wir beide damals im blauen Transporter? Da schaue ich zurück in die Vergangenheit, auf die eigene Geschichte und male heute meinen Vater – en miniarture. Das Kind im Fischauto bin ich selbst. Meine Kindheit und Jugend waren von den widersprüchlichen Aussagen meiner Eltern dominiertes Leben. „Den Laden sollst du mal nicht machen, da musst du immer sonnabends arbeiten, riechst nach Fisch und kriegst nie eine Freundin.“ „Als Angestellter muss man immer tun, was gesagt wird.“ Aber: „Kunst ist brotlos.“ Ich wurde krank davon und verstand nicht einmal, warum. Das Malen hilft mir.

Meine Eltern sind gestorben. Seit einigen Jahren erleben meine Frau und ich, selbst die Alten zu sein. Was bleibt, sind Erinnerungen. Die Kindheit mit meiner Schwester in Wedel, das neue Haus, das meine Eltern bauten, alles bildet weiter den Hintergrund meiner Fantasie. Damals wusste ich nicht, wie sich’s anfühlen könnte, wenn man nicht der wäre, der man eben ist? Heute denke ich oft darüber nach, wie ein anderes Leben gewesen sein könnte. Wir reden nicht mehr innerhalb der Familie. Meine Schwester wird nie erwähnt und ich möchte keinerlei Kontakt. Das kann man ihr objektiv nicht anlasten, dass sie so blöd ist. Insofern frage ich mich, wie alles kam? Vieles bleibt einfach das Ausstaffieren des Heimeligen mit Geschichten. Was Menschen machen, die so Fassaden um sich herum stellen! Meine Bilder sind letzlich, das ganz bewusst zu tun: Theater verbreiten.

Wir hatten schöne Momente unserer Kindheit, meine Schwester und ich. Die Eltern nannten wir beim Vornamen. Wir alberten mit Erich. Unser Vater konnte komisch sein. Da tut seine spätere Verbitterung noch mehr weh. Greta kochte gutes Essen, Essen war immer wichtig. Das schöne Gedicht von Erich Kästner „Die Sache mit den Klößen“, wir lachten darüber. Es beginnt mit: „Der Peter war ein Renommist, ihr wisst vielleicht nicht, was das ist?“ Dann kommen Beispiele. Was das Schlimmste daran war, „er glaubte seine Lügen gar“, heißt es später. Wer fragte: „Wie weit springst du Peter?“, bekam zur Antwort: „Sieben Meter.“ Eine Geschichte zum Weiterdenken. Es kann dauern, etwas zu bemerken, irgendwas überhaupt zu merken, und zwar an sich selbst. Das eigene Leben so zu sehen, ist nicht einfach. „Die Sache mit den Klößen“ scheint nur eine Humoreske zu sein? Der Spinner überfrisst sich und muss notoperiert werden, Ha ha. Tatsächlich hält Kästner uns allen den Spiegel vor.

Wir sind Peter.

Schon meine Eltern wurden zum Opfer ihrer Annahmen, wer sie meinten zu sein. Sie vergewaltigten ihre Kinder, ohne es zu merken durch den Unsinn, den sie erzählten. Wir bekamen einen Irrgarten als Laufstall.

Andere Kinder lernten zu leben in derselben Zeit.

# Gesucht, probiert – und gekonnt

Kinder werden unabsichtlich verstört, gestört, gekränkt von ihren Erziehern, wenn Familie nicht läuft wie gewünscht, aber gut wirken soll. Dann ist Liebe ein Wort mit wechselnder Bedeutung. Wechselnd, das heißt unzuverlässig. Menschen lernen viel. Wir bringen durch unsere Gene bestimmte Voraussetzungen mit, und anderes müssen wir selbst herausfinden, bis unser Organismus zur selbstständigen Ordnung reift. Kinder lernen, und manches lernen sie schlecht. Das kann verschiedene Gründe haben. Oft sind Lehrende nachhaltige Verursacher späterer Probleme. Wer so einigermaßen ins Leben stolpert, dürfte später als normal angesehen werden. Wem das Erwachsenwerden nicht gelingt, weil eine psychische Erkrankung alle Träume nachhaltig kaputt macht, muss Hilfe annehmen, von vorn beginnen. Unsere Gesellschaft ist leider so strukturiert, dass Helfende weitere Probleme installieren. So kommt es, dass nur wenige der psychisch Kranken ein gesundes Leben führen können, das diese Bezeichnung auch verdient. Das bedeutet trotzdem, auf ganz viel zu verzichten. Liebe bleibt ein Traum bei grundsätzlich beschädigten Persönlichkeiten. Wir können nur ein Mindestmaß an Stabilität in Beziehungen erreichen. Ein Diorama, ein kleines Modell, nur ein Ausschnitt des liebevollen Zusammenseins kopiert die Realität der anderen, was allgemein verbreitet wird. Unzuverlässige Elternliebe traumatisiert Kinder, die es so erleben müssen. Sie werden nie frei von der Vergangenheit. Stärke kann erlernt werden. Empfindsamkeit zurückzudrängen, kann man hinbekommen. Das heißt aber auch, Nähe nur bedingt zuzulassen, Vertrauen nur eingeschränkt gewähren. Leben in einer Kapsel, eine Mondlandefähre mit Ausstieg. Kurze Wanderungen wie Tauchgänge im luftlosen Medium. Zartes Berühren der Helme.

Kunst bedeutet mir inzwischen (und es hat gedauert, das zu verstehen), einen Ausweg zu suchen, für etwas, das ich seinerzeit unmöglich begreifen konnte. Es hieß nach einiger Zeit, sich selbst eine Tür an diese Wand zu malen, gegen die man ein Leben lang anrannte. Die Seemannssprache hilft, sich nützliche Bilder auszudenken: Die Barre erstens zu kennen, wo der eigene Kahn immer hängenbleibt, ermöglicht es, diese Sandbank bald genauer auszuloten, um endlich tieferes Wasser für eine Durchfahrt zu finden? Diese Hoffnung treibt unseren Motor an. Das setzt voraus, zweitens nicht aufzugeben und der Idee zu folgen, es „müsste“ so eine Rinne überhaupt geben. Wenn man Erfolge verbuchen kann, wächst das Vertrauen ins eigene Projekt, das andere höchstens belächeln. Damit ist das Verständnis vom Ganzen kaum größer geworden, aber ich kann eine Karte des vertrauten Terrains nutzen. Das ist eine Abbildung des selbst Erfahrenen, eine eigens bezeichnete Prickenreihe am mäandernden Priel. Manche Wege sind nun verlässlicher geworden. Perspektiven zu entdecken, befreit von Angst. Mehr als ein Fluchtweg sind sie neues Land, das es zu betreten lohnt.

Die Truman Show, das war diese Geschichte von Seahaven, die Kulisse unter der Kuppel, wo alle Fake ist.

Wir erinnern uns, Truman segelte bis an das Ende seiner Welt. Das ist ganz real eine Mauer in diesem Film. So auch bei mir, so erlebe ich Grenzen heute. Die Wand? Mir wurde schließlich möglich, die anfangs bloß skizzierte, dann hoffnungsfroh hingemalte Tür zu öffnen. Ich kann heute sogar lustig hindurchgehen – in beide Richtungen. So gesehen kommt Kunst tatsächlich von Können. Das hat wenig damit zu tun, wie groß der Wert von anderen bemessen ist, den sie uns zugestehen. Verkauf wird zur Nebensache, und das bedeutet, ein Stück weit Freiheit ausgestalten „können“.

Mag die Umgebung auch Chaos bedeuten, der Mensch räumt seine Flächen auf. Es entspricht seinem Bild von Sinn, da ein Organismus sich selbst als das begreift, eine funktionale Ordnung. Neurotische Reaktionen sind nicht bloß unter dem Aspekt einer pathologischen Verhaltensauffälligkeit zu begreifen, sondern vielmehr das Herumprobieren, den Irrgarten zu verlassen. Andere werden die tatsächlichen Gründe immer übersehen, wenn und warum einer scheinbar mit dem Kopf durch die Wand will und raten höchstens dazu, Polster anzubringen, statt effektive Wege zu bezeichnen. Sie erkennen die individuelle Not nicht an. Sie gehen von sich aus. Sinnlosigkeit wird solchem Handeln attestiert, besonders, wenn es von Gewalt begleitet ist. Hier wird die Ordnung der anderen beschädigt, während ein Wütender selbst nach Orientierung sucht. Insofern gibt es keine sinnlose Tat. Verstörung beginnt, wo der Einzelne die Grenze zieht. Nicht erst dort, wo man rausgeht, sein Haus verlässt, beginnt die Wildnis, die scheinbare Ordnung der anderen, die Gesetze des Straßenverkehrs usw. Das Unwohlsein dringt bis in den vertrauten Bereich, wenn irgendetwas nicht zu stimmen scheint, ein nötiges Ding verlegt ist und man nach Schuldigen sucht.

Aufräumen.

# Kunst als Lösungsweg

Ich will mich nicht in die Methoden der malenden Kollegen leicht einordnen. Mir ist es suspekt, dass so viele auf den Markt schielen und seriell arbeiten. Wichtig ist, damit man nicht allgemeiner Dekorateur vom Zeitgeist bleibt, ganz individuelle Motive zuzulassen. So versteht sich auch das aktuelle Arbeiten an den unterschiedlichen Themen. Es geht mir immer um das Erwachsenwerden. Meine Erfahrung zeigt sich so; die Masken fallenzulassen, ist gesünder. Je mehr Zeit Menschen damit verbringen, auf ihre Selbstdarstellung zu schauen, dass sie einem Bild entsprechen, das sie wie ein Plakat vor sich aufstellen, wie sie gesehen werden möchten, desto nackter erscheinen sie allen anderen? Eltern können aber ihre Kinder täuschen. Die können zunächst nicht weg, bekommen ihren Schaden verpasst. So gesehen sind beide Bilder, an denen ich nun arbeite, so verschieden gar nicht.

Ende 2022 war ich also auch an „Nudisten“ dran. Weil mich beide Stoffe bewegen, habe ich dann irgendwann parallel Entwürfe gemacht und male jetzt schon länger im Wechsel mit Acrylfarbe an den großen Bildern. Groß, das ist in diesem Fall wie bei vielen anderen Gemälden mein typisches Format, 120 cm breit und 100 cm hoch. Ich kaufe fertig grundierte Leinwände im professionellen Fachhandel in Altona und bin damit sehr zufrieden. Die offene Zeit meiner Acrylfarbe verlängere ich mit Trocknungsverzögerer. Pingelige Grenzen kontrolliere ich mit winzigen Aquarellpinseln, die sehr teuer sind. Mein Verschleiß ist nicht unerheblich bei diesem Luxus, den ich mir leiste. Die Augen sind nicht mehr gut, ich benötige eine Brille. Meine Hand ist altersgemäß weniger ruhig, und ich will es genau wissen; nicht so einfach das Ganze. Ich bin ungeduldig und neige zu Jähzorn, das auch noch. Ich will sofort hinbekommen, was ich mache. Das ist bei Bildern, an denen jemand wie ich Jahre zubringt, eine echte Herausforderung.

# Erwachsenwerden, zurückschauen und Zeitenwende

Das Fischmarktbild soll inzwischen „Zeitmaschine“ heißen. Abgebildet ist unser erster Transporter, ein blauer VW mit getrennter Frontscheibe. Meine Eltern eröffneten ihr Geschäft in Wedel im Jahr 1969. Als kleiner Junge durfte ich schon einige Male mit zum Markt, wenn gerade keine Schule war. Das zeigt dieses Bild. Natürlich wurden uns nie Fische von Möwen geklaut. Mein Vater war sehr umsichtig beim Einkauf und hatte auch immer einen Zettel am Abend vorher angefertigt, was benötigt wurde, die „Latte“. Das war ein Blatt Schreibpapier, das zunächst einen senkrechten Strich in der Mitte bekam. Dann fing mein Vater an, oben links den ersten Punkt seines geplanten Einkaufs einzutragen, machte darunter weiter, und wenn die linke Seite vollgeschrieben war, nutzte er den Platz rechts vom Strich für eine zweite Spalte. Die Reihenfolge der Notizen entsprach der vermutlich besten, so abzufahrenden Route am Fischmarkt. Gab es Abfälle mitzunehmen, ging das Ganze, glaube ich, bei „Pallasch“ los. Dort gab es auch Eis, das notwendige Kühlmittel für die Ware. Frisches Splittereis wurde aus einem beweglichen Rohr in die Fischkisten auf der Ladefläche geschüttet. Ich kann mich irren, weil alles sehr lange her ist.

Mein Vater fuhr auf der Elbchaussee bis zum Altonaer Rathaus und lenkte seinen Transporter die lange Schräge westwärts runter. Musste er nicht zu Pallasch, folgte Erich der Biege unten in Richtung Ladenstraße mit den Großhändlern nach Osten. An vielen Tagen, besonders später, in den Achtzigern, gab es keine frühe Auktion. Der Markt wurde zunehmend über die Straße beliefert, weil die Elbe so lang ist. Ein Kutter, der in der Nordsee fischt und dann noch ganz bis Hamburg fahren muss, unter Umständen lange gegen die Tide motort, weil diese ungünstig ist, verliert den Konkurrenzkampf gegen den Transport mit dem Lkw. Fische aus Esbjerg sind schneller in Hamburg mit dem Lastwagen. Die Hallen verloren an Bedeutung. Schließlich wurden alle Fische bei den Händlern gekauft. Sie sind in einem Gebäude parallel zur Wasserkante untergebracht, haben rechts und links vom langen Gang ihre Räume. Landseitig ist eine Rampe in Wagenhöhe zum Einkauf, auf der anderen Seite das Wasser vom Hafen mit der Möglichkeit für Schiffe, dort anzulegen.

Anfangs unserer Geschäftszeit in Wedel kamen tatsächlich noch Fischkutter den Fluss rauf, um morgens ihren Fang anzulanden. Dann fand die spannende „Auktion“ statt. Mein Vater rief abends eine automatische Bandansage per Telefon ab, um informiert zu sein, ob es eine lohnende Versteigerung geben würde. Dann fuhr er früher. Eine aufregende Sache, so ein Einkauf! Zunächst standen die Händler noch auf den Kisten, später wurde das verboten. Hygiene wurde immer mehr gefordert, wo bislang niemand einen Mangel an Sauberkeit entdecken konnte. Alle platzierten sich also drumherum, und das Bieten konnten nur Insider bergreifen. Die Alternative, die zunehmend die frühmorgendliche Auktion ablöste, war der Einkauf bei den Großhändlern. Da lief man ohnehin noch durch. So etwa auch zu Goedeken (weiter östlich, auf der Hangseite). Dorthin musste Erich für guten, geräucherten Lachs. Er ging aber nicht nach oben, ins Büro zum Chef. Er besprach sich direkt mit Mendes. Der war Portugiese und sogar ein Freund. Er hatte einen Sinn für gute Seiten, so wie mein Vater welche bevorzugte. Man kann milde räuchern oder kräftiger. Anderswo bei verschiedenen Händlern genauso, welche Karpfen Erich wollte zur Weihnachtszeit? Man kannte ihn überall. „Bassiner Wedel“, so wurde er vom Cousin Werner in Othmarschen unterschieden. Welche Matjes mein Vater mochte, wusste der jeweilige Anbieter.

Sie probierten gemeinsam gute Fässer.

„Marzipan, Erich, Marzipan!“

Das „lange Haus“ mit seiner Rampe ist noch da. Wird hier auch heute noch mit Fisch gehandelt? Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr dort gewesen.

Feucht, kalt und frühmorgens; das ist Fisch. Ich erinnere Namen: Hanzi Krause war ein guter Verkäufer mit hochwertigen Seefischen im Angebot. Er hatte ausschließlich Eins-A-Ware. Das war teuer. Willi Walter, da gab es Filet. Ein weiß gekachelter Raum mit Schlachttisch. Große fettige Männer in orangen Schürzen mit rosigen Gesichtern und noch mehr roten Händen filetierten ohne Ende in nasser, kalter Umgebung. Mit ihrem eisernen Haken zogen die Arbeiter von uns gekaufte Fische in der Kiste nach draußen auf die Rampe. Dort parkte mein Vater den Transporter heckseitig. Die Fischkisten wurden auf die Ladefläche gezogen. Wir platzierten sie vorn beginnend hinter der Fahrerkabine. Die Kühlung bestand aus dem Eis, in dem die Ware eingebettet lag. Heute ist das verboten, so zu transportieren. Moderne Fischautos haben eigene Kälte. Wir dachten darüber nie nach. Es war üblich, wie es war. Wir parkten, kauften ein, fuhren weiter, parkten neu, kauften ein. Dann wurde die blaue Plane drübergedeckt, und wir fuhren zur nächsten Station. Die Latte gab die Richtung vor. (Erich trug am Markt eine schwarze Lederjacke. In einer Brusttasche befand sich dieser wichtige Zettel. Vielleicht ändere ich mein Bild noch deswegen, mal sehen. Den von mir gemalten Pullover hatte mein Vater oft beim Segeln an). Wenn alles fertig eingekauft war, konnten wir manchmal noch kurz Rast für ein deftiges Frühstück machen. An der Stirnseite des Flurs war eine Kantine. Da gab es in der Klappe auch für mich eine Fischmarktwurst mit viel Senf!

Das angefangene Gemälde zeigt uns ganz am Ende einer Einkaufsroute, die wir so herum nur selten so weit in Richtung Landungsbrücken fuhren, es sei denn, wir brauchten etwas von Wilhelm Bassing. Gegenüber auf der Wasserseite befindet sich die alte Fischauktionshalle, die später nicht mehr genutzt wurde. Zunächst gab es dort noch Händler. Das war dann aber keine Auktion. Eine „Ilse“ etwa handelte mit Aal, und ich erinnere mich daran. Das ist wirklich sehr lange her. Mein Gemälde zeigt uns auf der großen Elbstraße am alten Fischmarkt. Das ist, wo am Sonntag Verkauf für Touristen und übermüdete Nachtschwärmer ist. Es hat nichts zu tun mit dem, was wir gewohnt waren, und zwar jeden Tag in der Woche ganz früh. Meine Eltern haben gearbeitet. Das heißt nicht „Aale Dieter“ treffen und anderen Blödsinn erleben, wie einen Jahrmarkt zu besuchen. Menschen, die Bananen in die Menge werfen, wie bescheuert ist das?

Mein Bild ist dort aber angesiedelt aus einem bestimmten Grund.

Diese Perspektive wurde nötig, um das Werbegemälde zu integrieren, das für mich als kleines Kind eine besondere Bedeutung hatte: „Hast du keinen, leih dir einen!“ Da ging es um Reklame für Autoverleih. Mir als schon lesendem Schulkind war der Sinn missverständlich gewesen, als ich das Bildchen zum ersten Mal sah.

„Hast du keinen Hut, leih dir einen“, war meine Erklärung.

# Nudisten

Das andere, so ganz andere Bild zeigt ebenfalls junge Menschen, sogar Kinder, und alle sind nackt. An diesem Thema bin ich nicht ohne Angst dran, zugegeben. Es gibt Leute, die nur zu gern andere fertig machen: „Das darf man nicht – malen!“ Man könnte mich anzeigen? Ich weiß das. Solchen kann ich nur entgegnen, dass ich selbst Kind gewesen bin und keinesfalls verantwortungslos am Pinseln. Ich erinnere mich ans Erwachsenwerden, merke was, bin kein Idiot. Ich denke durchaus, wenn ich male. Es ist keine Wichsvorlage oder ein Bildchen zum Teilen für mutmaßlich perverse Freunde.

Mein Kalkül ist der nicht unerhebliche Aspekt, die Frage, angesichts meiner Unbedeutsamkeit und dem verborgenen Platz der Präsentation, ob eine Klage gegen mich Erfolg haben könnte, ein Ermittlungsverfahren schließlich zum Prozess führt? Da hängt es davon ab, wie viel Aufmerksamkeit ein Kläger selbst bekommt, ob sich seine Herzensangelegenheit, die Welt zu retten und diese von mir, dem Schmutz, zu befreien, für eine Anklage lohnt?

Man erinnere sich, die Nationalsozialisten verbrannten Bücher.

Aktuell kommen Verbieter grün daher. Volker Beck klagte unlängst gegen das Zeigen einer lieb gemalten Anne Frank mit Palästinensertuch um den Hals. Claudia Roth verbot die Eröffnungsmalerei einer Dokumenta. Da wird Wind gemacht! Es kommt durchaus darauf an, wo und in welchem Umfeld jemand künstelt. Kläger kommen in Fahrt, wenn sie selbst wichtiger werden durch ihre Empörung. Solche können selbst nicht viel machen.

Malen wäre ihnen zu schwierig.

Ich kann in der Sache für mich einiges anführen: Die abgebildeten Menschen gibt es nicht. Das ist nur Farbe. Ich verwende kein AI. Meine fotografischen Vorlagen sind vielfältig. Das nötige Material suche ich mit Google. Passende Haltungen finden sich nur ungefähr. Viele Jahre des Zeichnens vor dem Modell befähigen mich, aus weiteren Vorlagen brauchbare Körperteile zu generieren, bis das Gewünschte einigermaßen stimmt. Ähnlichkeiten sind nicht das Thema. Meine am Computer montierte Skizze wird lange verändert für eine Erzählung, wie sie mir vorschwebt. Ich korrigiere mich, bis eine in meinen Augen stimmige Geschichte zum eigenen Bild wird. Es geht nicht um ein Gelage, das so stattfindet, ich selbst erlebt haben könnte.

Die gängige Porno-Kunst probiert, (noch) legale Erotik anzubieten. Plattformen wie DeviantArt und Pinterest begrenzen sich durch Community-Richtlinien, um als System selbst unangreifbar zu bleiben, gegebenenfalls Nutzer ausschließen zu können. Hier soll definitiv Markt gemacht werden mit anzüglichen Themen. Man geht an die Grenze, aber nicht drüber. Da staunt der Betrachter fassungslos, wie (massenweise) reale kleine Mädchen in erotischen Posen mit einem Nichts von Stoff gezeigt werden dürfen. Das ist offenbar erlaubt. Auch darum male ich dieses Bild und breche ganz bewusst die Regeln der großen Anbieter und lasse nichts im Unklaren. Mich ärgert unser bigottes Tun, so zu tun, als ob wir insgesamt in der Gruppe Anstand hätten und deswegen, wo’s geht, die anderen abstrafen dürfen. Rauf und runter wird getan, als wäre man gerade guter Mensch!

Ich misstraue auch den Nudisten. Sie sagen, das Nacktsein wäre ausschließlich natürlich und habe rein gar nichts mit Sex zu tun. Das mag am Strand gehen. Die Mütter sind ja auch da und schauen hin. Im Internet funktioniert es aber nicht. Da begreifen wir Männer, dass Gefühle sich nicht an eine Altersgrenze halten, die jemand mal festlegte. Das Internet benötigt klare Regeln, Zensur gegebenenfalls, sonst pervertiert die Menschheit schneller, als es uns lieb sein kann. Auf der anderen Seite müssen wir als Gesellschaft ebenfalls entspannt lernen, dass Gefühle nicht per se Krankheit oder Straftat bedeuten in jedem Fall. Was ist schlimm an einer Erektion im unpassenden Moment? Solange ich nicht jungen Menschen Dinge abverlange, die diese unmöglich gutheißen können, muss ich – besonders als Mann – lernen, mit mir selbst klarzukommen. Da sollte die Kunst mitreden dürfen.

Kunst muss immer das Ausloten von Grenzen sein. Das heißt, diese Grenzen auch (in Maßen) zu übertreten. Gesetze also zu brechen, ist bei einer artistischen Gratwanderung ein Muss! Nehmen wir den Aktionskünstler, der ohne Sicherungsleine einen welthöchsten Wolkenkratzer erklimmt und sich dazu im Livestream filmen lässt: Der Mann bricht das Gesetz. Er wird aber nicht bestraft. Seine Bewunderer üben den nötigen Druck aus, dass der Staat ein Auge zudrücken wird, besonders, wenn alles gut geht und ein wirklich guter Kletterer, der schon durch frühere Aktionen bekannt wurde, sich an diese Aufgabe herantraut. Wenn allerdings der wenig bekannte Grafiker einer Kleinstadt sich anschicken würde, das örtliche Rathaus zu besteigen und aufgrund von Unsportlichkeit im dritten Stock pausiert, fällt der nur unangenehm auf. Man wird einen Rettungsdienst alarmieren. Anschließend fängt die Feuerwehr so einen auf halber Strecke ab. Man nötigt den Spinner, durch ein Fenster ins Haus zu kommen und die Aktivitäten abzubrechen, wie auch immer der Mann sich rechtfertigt. Anschließend folgt ein Strafverfahren. Das kann uns ein Bild davon geben, was Kunst sein kann, und was Quatsch ist. Es bedeutet aber genauso, dass mit zweierlei Maß zu messen unsere Gewohnheit ist. Klimakleber und Menschenretter mit ihren umgebauten Hilfskreuzern im Mittelmeer erregen den Ärger der Leute, die sie dort stören, und manche spotten nur, schimpfen. Unsere Welt wäre aber arm ohne diese Engagierten, die wenigstens probieren, für Ideale zu kämpfen, die der Masse nur ein Lippenbekenntnis wert sind.

So ein Bild stellt eine Provokation dar. Das ist ein Grund für mich zu probieren, es genau so zu malen. Ich möchte deutlich machen, dass verbreitete Empfindungen an sich und pauschal zum Gegenstand strafrechtlicher Verfolgung auszurufen, Probleme verschlimmert, die alle betreffen. Beim Surfen kann jeder schnell feststellen, dass im Netz mehr junge Frauen nackt gezeigt werden und sich auch selbst gern zeigen als ältere. Liebe kann als Geschäft betrieben werden. Deswegen nützen Regeln, die auch kontrolliert werden, allen. Grundsätzliche Verbote sind Unsinn. Prostitution insgesamt kann nicht effektiv verboten werden. Die große Menge pornografischer Darstellungen ist ein lukratives Geschäft, übrigens auch für die Polizei. Nie wurden so viele Beamte benötigt für die Bekämpfung von Sexualstraftaten wie heutzutage, möchte ich behaupten, ohne das zu belegen. Die Gesellschaft lernt notgedrungen, sich neu aufzustellen. Man hat es bei der Homosexualität bereits durchkämpfen müssen, das moderne Denken. Die sexuelle Erregung nach einer allgemeingültigen Norm zu verlangen, kann nicht funktionieren. Besondere sexuelle Ausrichtung ist für sich genommen nicht krank und kann nicht durch Therapie geheilt werden. Das hat gar nichts damit zu tun, dass wir Kinder und Jugendliche vor Übergriffen schützen müssen, im Gegenteil. Zwanghafte Täter, die Menschen missbrauchen, können nicht geheilt werden. Die könnten höchstens bessere Wege zu gehen lernen und das ist nicht mit Therapie zu erreichen. Verurteilte Täter konnten schon oft ihre psychiatrischen Gutachter täuschen, dass diese Fakultät langsam einsehen müsste, dass sie die Lage vom Grundsatz her nicht begreift.

Wenn ein Erwachsener sich im Chat als jugendlich ausgibt, bedeutet dieses Verhalten einen Einbruch in die als unverletztlich zu geltende Sphäre des Kindes gegenüber. Da kann nichts geheilt werden durch Therapie, wenn so ein Täter verurteilt wird. Wir gehen ja auch nicht bei, hundsgewöhnliche Einbrecher zu therapieren, die einer Oma den Schmuck abgeschnackt haben. Wer seine Gefühle nicht im Griff hat, wird bei uns als krank angesehen, wie ja auch Alkoholiker keine Säufer mehr sind nach dieser Lesart? Das bleibt eine zweifelhafte Hilfe, ihnen den Verstand abzusprechen und eine unehrliche Milde, sie für krank zu erklären. Der Nachteil solcher Zuschreibungen liegt doch auf der Hand. Ich kann nicht an die Intelligenz von jemandem appellieren, dem ich sage, er sei krank. Man sagt ja auch nicht zu dem mit Grippe: „Sei klug und werde gesund.“ Klugheit wäre aber zu wünschen, diese heranzubilden bei Menschen, die Dummes tun.

Ein Punkt ist, wir benötigen Schutz der Verurteilten vor Mitgefangenen. Eine miese Meute ist sowieso immer zur Stelle, wo diese meint, über andere richten zu dürfen. Wir brauchen Training und keine Therapie, wo es um Lernen geht. Wer umgekehrt im Vollzustand seiner Psychose umherirrt, ist krank. Den kann man nicht therapieren, weil er krank ist, sein Gehirn nicht funktional arbeitet. Wer aber beigeht und Kinder missbraucht, muss damit aufhören, und wir sind in der Pflicht, uns um beide Seiten angemessen zu kümmern, Opfer und Täter. Das können wir aber nur mit einer Regulierung des Internets und dem Aufhören unsinniger Zuschreibungen, neuen Diagnosen, mehr Psychiatern. Menschen ernst zu nehmen, hieße sie nicht als krank wegzudelegieren. Unsere Jugend benötigt Schutz und Orientierung. Zum Opfer werden besonders diejenigen, die bereits eine Gratwanderung gezwungen sind zu gehen, in ihr junges Leben quasi stolpern, oft unbemerkt, weil ihre Erzieher ihnen keinen Halt geben. Den Kindern Grenzen zu setzen, ist die Pflicht ihrer Eltern. Das könnte besser laufen. Eine Kindheit wie in den Siebzigern bekommen wir nicht zurück. Wir werden immer scheitern, wenn wir unseren Nachwuchs für doof erklären und wie süße Karnickel halten wollen.

Richter und Juristen überhaupt müssten von tatsächlichen Menschen ausgehen statt von Paragrafen. Die veränderten Verhältnisse durch das Vorhandenseins des Internets werden ignoriert, um Einzelne als Sündenbock rauspicken zu können. So viele, so große Gefängnisse können wir nie bauen, wie wir diese bräuchten, falls wir unverändert mit den bisherigen Methoden fortfahren. Wenn wir jeden kriminalisieren, der zugibt, dass seine sexuellen Lustgefühle sich nicht an eine juristisch festgelegte Grenze von aktuell achtzehn Jahren halten oder jemanden deswegen als krank im Sinne von pädophil brandmarken, verfehlen wir unser Menschsein komplett. Da wird nur das Ziel derjenigen manifestiert, die mit Bestrafung Geld verdienen.

Es hilft nicht einem Kind auf diesem Planeten.

Meine Intention ist allegorisch, kein Fetisch zur Selbstbefriedigung. Mir schwebt eine Metapher vor, unsere neue Zeit zu beschreiben. Diese Szene ist nicht real. Ich betreibe Theater, setze Inhalte um, will selbst kein Pornobild anfertigen, Nacktheit und Sexualität aber mit wenig „Tabu“ erzählen. Mich stören unscharfe Stellen. Ich will zeigen, was sowieso bekannt ist und schaffe dafür lustvoll Durchblicke, möchte Leisetreter auf die Schippe nehmen. Deswegen kann das Bild eine Prise Humor vertragen und einen kleinen Flieger in Blaurot (mit zwei Armen). Gesichert extrem! Wer daran rumnörgelt und die Verbots-Karte zieht, hat es nötig und ist selbst nicht sauber. Ich brauche das Bild, um mich gegen verlogene, scheinheilige Sichtweisen klar zu platzieren.

Das ist mein Motiv.

Nie zuvor waren Kinder- und Jugendpornografie so oft in den Nachrichten, dass das bestimmt ein Thema und eine Aufgabe für die Kunst ist. Fragt sich nur, wie man’s hinbekommt? „Immer mehr Kinder und Jugendliche sehen Pornos“ war kürzlich eine Schlagzeile für einen längeren Artikel in unserem Tageblatt. Ich habe daraus einen Schnipsel gestaltet, um diese Worte in mein Bild zu integrieren. Die Welt hat sich verändert seit den Achtzigern. Das betrifft nicht nur die Jugendlichen heute, die es ja gewohnt sind, wie es ist mit dem Internet. Es geht uns alle an. Ein Bild zu malen, dass sexuelle Handlungen und nackte Kinder gleichzeitig abbildet, birgt einiges Risiko. Das weiß ich wohl. Auf der anderen Seite darf die Thematik nicht allein von Polizei und Politik abgearbeitet werden. Je mehr wir Bürgerinnen und Bürger dieses Landes offen an so etwas herangehen, desto eher haben wir eine Chance auf eine Zukunft, die wir mitgestalten. Stumpfes Strafen wird massenweise die Falschen treffen. Schlimmste Taten geschehen bekanntlich nicht offen. Ich stehe samt Adresse im örtlichen Telefonbuch und zu dem, was ich mache.

Nur zu.

# Ein Ruck zuckt uns ins Gebein

Während ich diesen Text schreibe und noch erweitere, Korrekturen einbringe, kommt erneut der Fall „Epstein“ in den Nachrichten. Weitere Details der Ermittlungsakten wurden veröffentlicht. Jetzt diskutiert die Medienwelt Verbindungen Epsteins zum russischen Geheimdienst. Der polnische Ministerpräsident Tusk spekuliert, der Skandal sei aufgebauscht, inszeniert durch die Russen, die aus kompromittierenden Fakten westlicher Entscheidungsträger Kapital schlagen wollen. Ina R. berichtet für die Tagesschau als Russland-Korrespondentin. „Es geht da um Pädophilie“, sagt sie, den Beitrag beginnend. Sie wiederholt den Satz noch oft in ihrer Einschätzung. Diese angesehene Journalisten ist nur wenig älter als ich selbst, zwei Jahre, um genau zu sein. Sie kann auf ein Arbeitsleben zurückschauen, eine Karriere und wird in absehbarer Zeit Rentnerin werden. Unsere Generation kennt Frauen in Lenkungspositionen, und bei Frau R. muss ich ein wenig an meine eigene Mutter denken. Meine Mutter Greta war als Geschäftsfrau anzusehen, aber in einer Zeit, wo es nicht selbstverständlich gewesen ist. Sie ist in den letzten Kriegsjahren geboren und kein Wunschkind gewesen. „Der Führer wolle Söhne“, war die gängige Ansicht.

R. und ich könnten fast in dieselbe Schulklasse gegangen sein, beinahe gleich alt –, und vielleicht hätte ich mich in sie verliebt?

Heute denke ich an meine Mutter, wenn ich diese Frau im Fernsehen sehe.

Das Wort von der Pädophilie nimmt Frau R. in den Mund, wie andere einen glitschigen Fisch anfassen würden, die damit nicht viel anfangen können. R. betont den Begriff immer wieder, als könne sie nicht genug des Ekels vor diesem Wort einbringen. Niemand stellt sich vor, in dieser Journalistin den erst noch beginnenden Traum einer frischen Liebe zu erkennen, mit Heirat und zukünftigen Kindern, überhaupt lustvolle Sexualität, Ekstase auszuleben? Sie wird gesehen als was sie ist, erfolgreiche Moderatorin, gut im Geschäft, kultiviert und bestimmt eine verlässliche Partnerin. Ihre Haltung, die entspannten Gesichtszüge und ihre Kompetenz prägen unsere Nachrichten seit Jahren. Aber frisch verliebt in die und einen Neuanfang beginnen? Wer geht als Mann so heran, wenn er Frau R. kennenlernen dürfte? Das ist wohl unanständig hinzuschreiben, das weiß ich wohl. Liebe im Alter kann eine schöne Sache sein. Natürlich sind Neuanfänge spät denkbar und manche Beziehung dürfte ehrlicher sein, die erst so beginnt. Das meine ich nicht. Ich stelle dieses bei den meisten von uns Ekel auslösende Wort „Pädophilie“ in Frage.

Ob tatsächlich dahintersteht, was wir meinen?

Es erschreckt doch, dass alles, was Rang und Namen hat, mit Epstein freundschaftliche Kontakte pflegte. Donald Trump, Elon Musk, Prinz Andrew, Bill Clinton, Woody Allen, Bill Gates, sogar Mette-Marit: „Du bist so ein Schatz“, schrieb sie ihrem Jeffrey, wie wir heute wissen (wo alles rauskommt). Das wäre eine Phrase für die Bildzeitung, jetzt, wo „alles herausgekommen“ ist. So ist die Welt aber nicht. Gar nichts kommt raus: Wir lügen einander an, wir Menschen. Das glaube ich. Wir machen uns was vor.

Es mag despektierlich sein, was hier steht? Da setze ich noch einen drauf. Eine Karrierefrau im Alter von fünfzig plus ist nur ein Mensch. Ich dagegen bin mit Anfang sechzig immer noch ein Mann, und das heißt: potent. Die Welt argumentiert beim Wort vom Pädophilsein mit einem pseudomedizinischen Begriff. Wir leben nach wie vor in patriarchalischen Machtstrukturen.

Eine kleine Reihe lohnt aufgemacht zu werden. Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit wird besonders gemocht, weil sie schön ist. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat diese Position inne auch aufgrund ihrer Attraktivität. Die Schauspielerin Claudia Cardinale war bis ins hohe Alter eine wunderschöne Frau, und diese drei genannten Persönlichkeiten sind Ausnahmeerscheinungen. Attraktive Männer gibt es wie Sand am Meer. Sie können „Kinder machen“ bis ins Alter.

Das Internet stellt, was pornografische Abbildungen betrifft, eine Art Supermarktregal dar, wo ich mir das frischeste Gemüse aussuche. Die Mädchen will ich ja nicht real für mich gewinnen. Hier müssen klare Grenzen unsere Lust regulieren, und da sind wir endlich auf dem richtigen Weg. Männer pauschal als Monster oder krank anzugreifen, ist hingegen nicht zielführend.

Jeffrey Epstein wurde von allen hofiert. Jetzt ist er die ideale Projektionsfläche und geeignet, manchen unliebsamen Konkurrenten in ein mieses Licht zu rücken, von Leuten, die das nötig haben. Billige Machtspiele, Rufmord, Existenzen werden zerstört. Und auf der anderen Seite immer neue, hochtechnisierte Kriminelle, perverser geht’s nicht! Missbrauch, Manipulation überall. Das ist der Mensch. Wir müssen uns aushalten, einander zusammenraufen, Räume schaffen. Da will auch ich meinen Platz, mit meinen Bildern, mit meiner Meinung und lasse mir’s Maul nicht verbieten. „Ihr“ braucht mich noch.

Die Kunst.

# Kann weg?

Ein Maler, der die Gesellschaft nicht erreicht, weil es keine Verkäufe gibt, der keine Ausstellungen zustande bringt, ist kein Künstler, sondern ein Hobbymaler? Das kann man so sehen. Das betrifft mich dann, weil ich dieser Kategorie der „Nichtankommer“ zuzurechnen bin. Ich kümmere mich nicht, will nicht rausgehen. Jede Menge Hafenbilder werden ausgestellt, norddeutsche Landschaften, anderswo Berge. Heimatbildchen kennt man, Hundeporträts, Enkelkinder usw. Dazu kommt verqueres Geschredder mit intensiver Botschaft angeblich und ein wenig dazwischen, was über die Dörfer zu sehen angeboten wird. Da „bespielt“ jemand eine Wand. Toll! Verkäufe sind im niedrigen Hundert-Euro-Bereich angesiedelt. Das ist Liebhaberei, Frauen pinseln heutzutage, aber natürlich findet andernorts zeitgenössische Kunst statt und zu erstaunlichen Preisen. Es gibt Bilder, die auch ich unendlich bewundere und mir bloß klein vorkomme. So etwas geschieht heute.

Das blende ich aus.

Mir geht es um mich, meine Gesundheit, was ich wirklich schaffen kann und deswegen nötige Herausforderungen. Nützlich bin ich allenfalls für Menschen, die mich abstrafen möchten? Das bietet Reibungspunkte und ist so gesehen gewollt. Mir war Anerkennung über die Maßen wichtig und deswegen gefällt mir, einer Sucht entgegenzutreten mit Themen, die in der Masse nicht funktionieren, es sei denn, man ist „wer“ (geworden). Dann finden sich Mitläufer, die einen pushen, aber nur bis zum möglicherweise spontanen Ende:

Cancel Culture.

Sammler können im Idealfall Kunstliebhaber sein. Sie sind aber heute mehr denn je Menschen, die eine für sie objektiv wertlose Sache wie den Kurs einer Aktie hoch und gern weiter nach oben treiben. Der Wert zeigt sich als zugesprochene Behauptung. Umgekehrt sieht man das besondere Produkt der Industrie. Ein Fahrzeug, kostenintensiv gefertigt aus dem typischen Material, ist für sich sein Geld wert. Eine Leinwand und die paar Farbtuben sind so gesehen Pillepalle. Bei einer luxuriösen Karosse stehen Arbeitsleistung, Design und Technik dahinter. Ein Mercedes, jedes Auto mit vergleichsweise toller und tatsächlich teurer Technik verkörpert eigene Qualität. Ein Bild ist für Geschäftsleute gar nichts, aber unter Umständen gleich viel wert. Sie kaufen es als Spieler. Das Luxusauto bleibt eines, das teure Gemälde wird für seinen Besitzer zum nutzlosen Zeugs gegebenenfalls. Das ist ein prickelndes Risiko und eine Wette auf die Zukunft. Die Aussage, Intention, die Qualität der Umsetzung einer Kunst bedeuten nicht einmal dem angesehenen Museum im Zentrum der Szene noch etwas. Das kam neulich im Fernsehen, und ich habe es geglaubt. Wenn die Betrachter informiert sind, ob die Kunst was gilt, kommen sie, wenn nicht, gibt es einen Shitstorm. Es ist im Museum wie in den Galerien heute gleich. Das Hinschauen allein hat ausgedient. Erst kommt der Blick in die Bewertungen. Das muss vorher geliefert werden für die degenerierte, unselbstständige Masse mit ihrem Klimafußabdruck, der kritischen Infrastruktur, den regionalen Produkten, Tierwohl und wie diese Wörter heute alle heißen, dem veganen Leben, niedrigschwelligen Angeboten, der leichten Sprache, Genderquatsch und so weiter.

Die wenigen echten Liebhaber von Kunst oder Musik sind Hörer, die Klänge tatsächlich genießen können, Betrachter, die ihre Augen nicht nur zur Orientierung einsetzen, damit sie „nicht irgendwo dagegenlaufen“. Das meint zwei Prozent im Publikum, zitiert entsprechend eines Kommentars aus der Musikszene, gesprochen gegenüber dem Trompeter Chet Baker vom Bandmitglied. Ganz wenige Menschen also, die der Melodielinie oder einer Improvisation überhaupt folgen können, trifft man im Konzert. Der Rest geht zum Biertrinken in den Club, will bloß sozial vernetzt dabei sein, tanzen.

So auch im Bereich der Kunst. Mein inzwischen verstorbener Professor Otto Ruths erzählte uns Studenten seinerzeit im Studium, er habe andächtig vor einer Porträtgemäldesammlung Details studiert, die in einem Seitengang der Hamburger Kunsthalle ihren Platz haben. Da wären so Trutschen gekommen:

„Lauter kleine Köppe. Komm’ weiter!“

Ich möchte nicht überheblich rüberkommen. Wenn mein Sohn uns Karten für den HSV besorgt und wir mit Gästen aus Baden-Württemberg ein Spiel gegen Stuttgart im Volksparkstadion anschauen, dann fiebere ich mit. Ich reiße meine Arme hoch wie die richtigen Fans, brülle: „Tor!“ Was genau passiert, davon habe ich überhaupt keine Ahnung.

Das kenne ich:

Meine Freunde melden sich nie bei mir, um qualitativ auf Lieblingsthemen einzugehen, die mir wichtig sind. Sie fragen, ob ich mit ihnen am Wochenende segeln komme? Die Tide laufe passend, das Wetter solle schön werden, und „B. wolle auch mit“. Das gibt es. Wir machen Party mit anderen. Ein Freund zeigt im Club auf einen Viermaster, der, von Johannes Holst gemalt, dort an der Wand hängt.

„Du könntest das, Johnny!“

Da schwingt der Vorwurf mit, an Problemen selbst schuld zu sein? Ein anderes Mal probiere ich, meine Haltung zu Ausstellungen zu erläutern. Derselbe Freund sagt: „Das ist ja auch Trotz.“ So ist die Wertschätzung, die mir zuteil wird.

Ich verweise meine Mitseglerin und langjährige Freundin, die selbst schöne Grußkarten gestaltet, auf mein neues Menü. Das, wo ich mittels Fotografien vom aufgehenden Mond beweisen möchte, dass eine Peilung im Hafen falsch angegeben sein könnte? Sie antwortet, habe es sich angesehen und bedauert, dass sie meinen Text nicht für den Club verlinken könne, weil sie ihren Beitrag für die Vereinszeitung bereits abgegeben habe. Das finde ich lieb, muss aber resümieren, dass es auch in dieser Wertschätzung ausschließlich um ihren Beitrag geht, dem sie einen Link nicht beisteuern kann, weil –.

Der alte Witz, die Diva redet mit einer Freundin:

„Ach Schätzchen, jetzt haben wir die ganze Zeit nur über mich geredet. Wie hat dir mein neuer Film gefallen?“

Es ist unser aller Problem, wir gehen von uns selbst aus und sollten nicht annehmen, nur andere täten das.

Malen hilft. Eine Bürgermeisterin, von der ich glaubte, mit ihr befreundet zu sein, hat mich angezeigt wegen eines Gemäldes, das ich zeigte, um einige zutiefst unehrliche Leute „auf den Pott“ zu setzen. Das ist die Beachtung, die ich bekomme.

Ein schon älterer Freund kommentiert gelegentlich meine Texte. Wo ich schrieb, der Mensch wüsste nicht, weswegen er hier sei auf der Erde, merkt mein Freund an, dass er selbst gläubig sei. Das wüsste ich doch? Mein Fazit, und das erneuert sich ständig, wiederholt sich, mündet in dieselbe Erkenntnis. Jeder sieht nur seine eigene Seite, Sicht, gespiegelt genauso im Kunstwerk. Das muss ich einsehen wie alle Kreativen. Ernüchternd dazu begreift einer, selbst nicht besser zu sein durchs Merken der Umstände. Es bedeutet auch, Einsichten in das Menschsein überhaupt zu erlangen durch den gewählten Aufbruch in die Malerei.

Und das ist es mir wert!

Was die Kunst sei, ob sie vom Können kommt oder so, darüber kann gestritten werden. Streiten können alle. Man muss selbst weiter nichts können. Wer ist Künstler? Ich muss mich das genauso fragen. Mir geht es um meine persönliche Haltung. Ich bin Macher. Das ist meine Perspektive. Parallelen ziehen zu anderen Existenzen macht Sinn für eine verständige Einordnung. Ich sehe es so: Maler sind im günstigen Fall ehrlich – wie Forschende. Als Frustrierter ringe ich um meine Selbstrettung. Mit Worten oder Bildern möchte ich erzählen. Es befriedigt mich auch ohne Bewertung durch andere.

# Unsere Probleme

Wir leben in einer Gesellschaft gegenseitigen Nutzens. Unser Fortschritt ist das Ergebnis von Spezialisierung. Müsste jeder alles können wie der Jäger der Frühzeit, könnte so einer nichts tun außer der direkten Versorgung mit Nahrung, dem Schaffen eines sicheren Ortes zum Rückzug vor Wetterunbilden und effektiver Verteidigung gegen Feindseligkeiten aller Art. Mit der ersten Rudelbildung, dem Entwickeln der Sprache, begann die Moderne. Damit wurde das Normale als solches miterfunden, die jeweils gebräuchlichen Verhaltensweisen drumherum in einer Region; ein Problem bis heute. Durch das speziell bezeichnete Ideal, als ob die jeweilige Verbindung das Maß aller Dinge wäre, eine Identität der besonderen Gruppe, in der man zusammenlebt, überzubewerten, wurde die Vaterlandsliebe als Ideal ausgerufen und der Erste Weltkrieg begonnen. Bis heute bestimmen Hetze und Ausgrenzung, Kriege den Alltag. So kommt die Gesellschaft auch innerhalb ihrer selbst immer wieder zu legaler Ausbeute.

Die einen benötigen die anderen. Das macht möglich, beispielsweise in der Medizin Krankheiten zu benennen, wo bislang noch keine Arbeitsfelder für Ärzte oder Therapeuten gewesen sind. Man behauptet, normal sei es, soundso dick oder dünn zu sein? Das ist eine willkürliche Definition mit einzig dem Zweck, Menschen abzufischen für ihre neue Verwendung als erklärte Kranke und damit munter neue Patienten zu generieren, die sich nun tatsächlich unwohl fühlen und Hilfe beanspruchen. Jemand sei dick, sagt man? Und wenn der drüber ist, normal dick zu sein, dann habe er Adipositas! Einer trinke normal Alkohol, wird behauptet, Männer soundso viel, Frauen etwas weniger, und wenn sie drüber sind über dem Normalverhalten, das jemand so festlegte, gelten diese Leute als „alkoholkrank“.

Ich erfahre:

Der durchschnittliche Mann in Deutschland wiegt laut Daten des Statistischen Bundesamtes etwa 85,8 Kilogramm. Er ist dabei im Schnitt ca. 1,79 Meter groß. So ein Mann ist vergleichsweise klein, wiegt aber fünfzehn Kilo mehr als ich. Normalsein ist nicht gesund. Das ist der ganz normale Wahnsinn. Wir sind dran gewöhnt. Man frage die Menschen in der Ukraine nach vier Jahren Krieg, wie sie ihre „Entschleunigung“ hinbekommen, ob sie ihren biologischen Fußabdruck im Blick haben, was uns in Deutschland sonst bedeutsam ist? Normalität ist kein Maß. Das ist ein Zollstock, die Tiefe des Gehirns auszumessen, wie sie so nur ein Quacksalber wichtig nimmt.

Wo vernünftigerweise die Anfänge der Psychiatrie erkannten, dass Menschen geholfen werden muss, die mit der Moderne nicht zurechtkommen, hat sich das System verselbstständigt. Helfer nutzen aus, welche zu sein, und die Gesellschaft macht sich nicht die Mühe zu schauen, ob diese Hilfe eine ist. Im Zustand seiner Entgleisung der ihm eigenen Chemie ist ein Gehirn in Folge falschen Verhaltens krank. So weit stimmt diese Definition. Nun müssen zwei Dinge passieren, um zu helfen. Zum einen soll das Gehirn durch spezielle Pharmazie zurück ins Lot gebracht werden, und das klappt bereits sehr gut, da diese Stoffe ständig optimiert werden. Auf der anderen Seite probiert eine gute Therapie, auf das Verhalten der Patienten Einfluss zu nehmen, und das läuft weit weniger gut als behauptet.

Der Gesellschaft war es bislang nicht möglich, die schlechten Seiten aller Weiterbildung und Schule, die Kompetenz der Lehrkräfte wie Therapeuten so zu optimieren, dass verbreiteter Missbrauch von Macht gering bleibt. Lehrer und Helfer nutzen aus, welche zu sein, die man benötigt. Sie können, obwohl nur rudimentäre Leistung oder sogar Übergriffigkeit ihre Tätigkeit darstellt, weitermachen mit dem unsinnigen Tun, wenn sie eine etablierte Position innehaben. Psychologische Psychotherapeuten helfen nicht. Wer würde zu einem gehen, der „Fische handelnder Fischhändler“ an seine Ladentür schreibt, schreiben muss? Der Gesellschaft ist die ihr eigene Idiotie das Problem. Massenweise verdoofte Menschen machen weiter mit Mobbing und Krieg und nennen sich dabei gut.

Frei wird der Einzelne nur, der das erkennt.

# Textfragmente, zum Weiterdenken empfohlen

In einer Biografie „Stephen Hawking“ findet sich die folgende Anekdote. Ich gebe das aus dem Gedächtnis wieder. Dort sagt der Physiker, dass er als Kind alte Uhren zerlegt habe, um ihre Funktionsweise zu verstehen, diese Uhren aber anschließend nie wieder zusammensetzen konnte. Ziemlich destruktiv, dachte ich seinerzeit, als ich’s las.

Von Albert Einstein habe ich dies parat, das ich auch (irgendwo) las. Er habe (angeblich) zu seiner Frau gesagt:

„Mir ist etwas ganz Wunderbares eingefallen. Ich denke schon lange darüber nach und bin nun, glaube ich, fertig. Jetzt muss ich es nur noch aufschreiben.“

Das war die Relativitätstheorie.

Es wäre billig, den einen, Hawking, gegen den anderen, Einstein, aufzurechen, zumal ich wenig vom Thema der großen Theorie verstehe. Das habe ich mitbekommen außer der Krankheitsgeschichte des Gelähmten, der zu Lebzeiten beste Popularität genießen konnte: Es gibt eine „Hawking-Strahlung“.

Sie tritt aus aus einem schwarzen Loch. Eine Art Furz im All. Auf der anderen Seite, noch heute machen Physiker zahlreiche Entdeckungen entsprechend der Theorien von Albert Einstein. Sein Genie bleibt. Junge Wissenschaftler bestätigen reichlich Voraussagen, die seinerzeit gar nicht in Versuchsanordnungen geprüft werden konnten, weil die Technik nicht so weit dafür gewesen wäre. Wie viel wert die Arbeit eines Menschen auf lange Sicht ist, begegnet uns auch gerade in der Kunst: „Nach dem Tode berühmt.“

Das könnte eine umgekehrte, symmetrische Wahrheit bedeuten, über die wir lieber nicht nachdenken. Vom Haschen nach Wind wusste schon der „Prediger Salomo“ in der Bibel zu berichten. Das Windmachen gibt uns verschiedentlich Eitelkeiten, viel Wirbel – und dann? Manche können einen ganzen Tross von Mitpupern um sich versammeln.

Ich erinnere mich: Zeit meiner Jugend, junger Erwachsenenzeit präsentierten sich Ereignisse, Ausstellungen rund um den Hamburger Zeichner Horst Jansen. Der war ständig in den Medien. Heute kommt nach seinem Tod vor einigen Jahren nichts mehr über ihn. Ein anderer Künstler aus dem Norden, Emil Nolde, war und ist präsent damals wie heute. Der wurde zwischendurch abgehängt, weil er als Nazi galt? Dann aber schnell wieder überall gezeigt, weil man’s neu (!) bewertet.

Nolde ist da, wo ist Jansen?

Michael Jackson war „der“ Star. Dann aber galt er jahrelang als bäh. „Er geht mit kleinen Jungs ins Bett“, sang Kollege Westernhagen. „Shut down, back on Top in June?“ Diese schönen Lyrics hat Frank Sinatra publik gemacht: „That’s Life“. Als Michael sein geplant fulminantes Comeback: „This Is It“ probte, war’s das tatsächlich. Da endete sein Leben spontan. Warum auch immer. Heute macht man Kasse mit seinem Lebenswerk. Kein Wort mehr von den Vorwürfen gegen ihn, die lange Zeit die Presse nährten. Mozart, Salieri, oft genug wissen Menschen nicht Bescheid, kennen aber die Geschichte dazu. Für mich beim Ganzen das Wichtigste ist, sich individuelle Motivationen rauszuziehen aus den bekannten Erzählungen für eigenes, kleines Schaffen. Was tut noch weh und kann als Erfahrung umgesetzt werden? Das ist sicher eine ernstzunehmende Fragestellung, um frühere Ungerechtigkeiten doch nutzen zu können als neue Antriebskraft in der Gegenwart.

Sich von der Manipulation durch die Umgebeung innerlich frei zu machen, wird erst durch kreatives Denken möglich. Die wichtigste Lernübung und den Sinn seiner künstlerischen Ausrichtung findet einer in ständiger Erneuerung. Die meisten Menschen wiederholen sich bloß. Sie verpassen das Leben, das sie leben könnten, und merken es nicht. Ihre Zufriedenheit ist das normale Dabeisein. Arme Gewohnheitstiere verwechseln mitlaufen mit Glück. Sie liken einander. Wie schön!

Unsere Welt betrügt sich oft genug um die anfassbare Realität. Da schafft Kommunikation einen nicht zu ignorierenden Platzhalter des Wirklichen, das wir in seiner Gänze nie ausforschen. Das gibt einen tollen Stellvertreter, der unser Wissen scheinbar enorm erweitert. Wir handeln auf dieser Basis, dass wir bloß verbalisiert erfahren, wo das Mittelmeer ist, der Marianengraben, das Nordpolarmeer, ohne selbst dort gewesen zu sein. Menschen nutzen im Alltag ihre vielen Kenntnisse, wie weit Amerika entfernt ist oder dass es einen Mond gibt. Wir hören, lesen, schauen, wie dieser Trabant im Weltraum beschaffen ist (ohne Luft) und lernen, dass diese Riesenkugel an uns gebunden auf ihrer Bahn herumgondelt und nicht nur eine Erscheinung bleibt am Himmel, die mal kommt usw. Wir nehmen an, die Urmenschen wussten das nicht und halten uns für klug? Allein draußen kriegen wir aber kein Feuer hin. Wir schauen vorsichtshalber einen Life-Hack „Survival“ an und genießen eine Safari. Deswegen fliegen wir mit dem Jet in die Öde. Wir gehen raus in atmungsaktiven Plastikklamotten. Dabei schimpfen wir auf die Kapitalisten, die unsere Arten sterben lassen für „ihre“ Geschäfte. Bei denen kaufen wir unser Zeug ein. Das ist paradox? Nicht für Menschen. Die kriegen hin, so zu denken. Soziale Strukturen, notwendige Beziehungen und gelernte Inhalte pfropfen sich aufs Gegebene drauf. Existentielle Platzierungen innerhalb der Gesellschaft, Machtdomninanz, dem Tatsächlichen zugeschriebene Wertigkeiten verfälschen unsere Sicht. Solche Beurteilungen, Verurteilungen (unter Umständen) haben nur zeitweilige Gültigkeit. Einschätzungen derselben Sache wandeln sich bis ins Gegenteil mit der nächsten Generation.

# Info-Grafik mit nebenbei Demütigung

Weiter mit einigen Beispielen – bitte, die ich zu einer Synthese benötige. Eine eigene Geschichte. Bevor ich „Kunst“ machte, selbstständiger Maler wurde mit eigenen Themen, was ich heute ausgestalte, habe ich Bücher im Auftrag für einen maritimen Verlag illustriert. Man sitzt einige Wochen dran, druckt aus, schickt die Arbeit dem Autoren, der es durchsieht und ein paar Anmerkungen dranschreibt, Korrekturen. Einmal kam alles, die Arbeit von Monaten, ein dicker Hefter, mit doch sehr viel Änderungen zurück. Das hat mich richtig fertig gemacht. Der schon betagte Autor, ein älterer Herr mit einer beachtlichen Palette von Büchern, die er im Verlag anzubieten hatte, war beinahe überall mit rotem Kugelschreiber an meine Zeichnungen gegangen, um Fehler zu bezeichnen.

Ich bin zu dieser Zeit ganz gut im Geschäft gewesen mit schon einiger Erfahrung, aber dieser Mann stand mit der Verlagsleitung eng und freundschaftlich verbunden auf einer ganz anderen Ebene. Das waren alles Ältere mit Karriere im Gepäck. Ein Lebenswerk stützte ihre Existenz und Autorität. Der hoch angesehene Schreiber, etabliert im Geschäft der Lehrbücher für den Unterricht, war mir extra empfohlen worden – und ich ihm. Eine Auszeichnung, mit so einem zusammenzuarbeiten an einem Herzensprojekt.

Wir trafen uns in seiner schön möblierten Wohnung privat für Besprechungen. Das war nett gewesen. Ich hatte ihn sympathisch gefunden. Einige Anekdoten vom Segeln wurden ausgetauscht. Meine Zugetanheit verpuffte aber mit den pissigen Kommentaren später. Für die Umsetzung der Illustrationen hatte ich mir Fachkenntnisse angeeignet und aus Spaß an der Arbeit hier und da Details eingefügt, um den trockenen Darstellungen Leben einzuhauchen. Meine Spezialität war der moderne Stil, alles mit dem noch neuen Computer zu digitalisieren, was früher Zeichnungen mit der Hand gewesen waren. Aus Federzeichnungen oder linearen Abbildungen mit Rapidograph konnte ich atmospherische Farbillustrationen gestalten, die perfekt in die neue Drucktechnik passten für vielfältige Verwendung.

Die Freude über das Geleistete ging schlagartig kaputt mit dieser roten Post. Der Senior benutzte mich wie eine Maschine, alles ein wenig nachzubessern, ohne auch nur den geringsten Respekt für mein Schaffen aufzubringen. Einen Satz erinnere ich. Das kann ich schreiben, der bereits erwähnte, himmlische Begleiter, von dem ich aber keine Ahnung habe?

Jeder sieht alles anders.

„Der Mond, wenn er es denn sein soll, ist als solcher nicht zu erkennen.“

# Eine letzte Geschichte

Ich komme zum Schluss. Dann können Lesende fazitieren! Mir gefällt True-Crime im Fernsehen, gebe ich zu, weil die dort gezeigten Kommissare anders sind als die im Fernsehfilm. So ein Fahnder schlägt sich rum mit gewesenen Verbrechen. Das kann sehr belastend sein. Entscheidend für eine erfolgreiche Beweisführung ist die weitgehend vollständige Sammlung von Details für eine längere Erzählkette, wo Elemente auf Tatsachen beruhen, die vom Angeklagten kaum abgestritten werden können. Der Kommissar steht (wie ich selbst) ganz früh morgens (wenn es noch sehr still ist überall) auf, macht sich einen Kaffee und puzzelt, bis die Idee Sinn macht, mit der er aufwachte? So einer setzt was zusammen. Wir, sage ich an dieser Stelle, sind diese Kinder gewesen, die eine Sandburg bauten (gegen alle Widrigkeiten, die das Sandburgenbauen mit sich bringt). Gute kriminalistische Arbeit weiß ich als Maler zu schätzen.

Ich muss das hier anmerken, weil ich schon spottend, abfällig über Ordnungskräfte schrieb und etwas geradezurücken habe.

# Das Bild vom Strand ist eine Burg

Das muss gesagt werden: Fleischberge! Sodom, Gomorra? Am Ende des Tages bleibt mir das Bewusstsein, ein Stück weit etwas geschaffen, ja gefunden zu haben, das mehr ist, keine Auftragserfüllung jedenfalls. Der gute Physiker genauso findet etwas zusammen. Der erfolgreiche Polizist löst einen Fall. Die Miesen sind Kaputtmacher. Solche liefen wohl schon als Kinder den Strand entlang, oft in einer Mehrzahl gleichgesinnter Bälger, um reihenweise kleine Kunstwerke umzutreten. Ich muss mir solche Absätze von der Seele schreiben, so nennt man es wohl, um Erinnerungen zu löschen, wo ich mich dominiert fühlte, um gewappnet zu sein gegen zukünftige Treter. „Unfertige“ habe ich dieses Menü genannt, aber fertig bin ich jeden Tag mit dem, was ich mache. Ich bekomme was zusammen, habe meine Kunst gelernt.

🙂