Mal schnell gekunzt!
Wir haben uns die „Peking“ im Hansahafen angeschaut. Das ist ein besonderes Segelschiff aus dem vorigen Jahrhundert. Mit nur wenigen Hamburgern in der Gruppe zeigte sich dabei auch ein typischer Durchschnitt im Alltag dieser Touristenattraktion. Die meisten Besucher kommen aus eher größerer Entfernung in den Norden und stolpern schon vorab gut informiert an Bord des schwimmenden Museums; ein Stück Zeitgeschichte und Hamburger Vergangenheit. Die Leute hier interessiert das kaum? Für mich ein Muss, hinzugehen. Trotzdem hat es sich hingezogen, bis wir uns schließlich aufgerafft haben.
Das Schiff bedeutet mir eine persönliche Rückschau auf meine Vorfahren und ihr Leben auf dem Wasser.
Mit der eigenen kleinen Jolle waren wir vor ein paar Jahren an der Peterswerft in Wewelsfleth am Schiff vorbeigesegelt, als dort die umfangreichen Restaurierungen gemacht wurden. Mein Großvater ist als Jungmann mit der Pamir um Kap Horn gefahren, ich kenne mich ein wenig aus. Dieser Segler war (wie auch die noch erhaltene Passat, die als Museumsschiff in Travemünde liegt) ganz ähnlich der Peking gebaut, die inzwischen wieder in Hamburg besichtigt werden kann. Die Pamir ist als vergleichbares Typschiff der Epoche anzusehen.
Jungmann, Leichtmatrose oder dann auch Matrose sind übliche Heuerabstufungen und Dienstgrade der Handelsmarine gewesen.
Im Jahr1929, als mein Opa seinen Traum verwirklichte, wenigstens eine Reise mit noch einem richtigen frachtfahrenden Rahsegler mit kleiner Mannschaft (kein Schulschiffbetrieb, durch Kadetten verstärkt) hinzubekommen, hatte das moderne Segelschiff den Höhepunkt seiner Entwicklung bereits erreicht, man könnte auch sagen: überschritten. Die Konstrukteure zeichneten aus den einstmals rasanten Teeklippern wie etwa der Cutty Sark ein mehr praktisches Transportfahrzeug für Massengüter. Größer und ganz aus Stahl genietet, aber mit geteilten Marssegeln, dann auch geteilten Bramsegeln und ohne Extrasegel an den Seiten, die bei uns „Leesegel“ genannten, zusätzlichen Geschwindigkeitsverstärker, Schönwettersegel, waren diese Schiffe handiger.
Peking, Pamir, Padua, Passat; die Hamburger Reederei erlangte weltweit Anerkennung mit ihren Flying-P-Linern, deren Schiffsnamen alle mit „P“ begannen.
Es gab mehrere Laeiszsegler ähnlicher Bauart, man kann von Schwesterschiffen reden. Die Viermastbark war zu ihrer Zeit ein ökonomisches Transportmittel. Mit einer überschaubaren Mannschaft von nur etwa dreißig Personen und einer Ladung, die hauptsächlich bloß ankommen musste, blieben die Schiffe einige Jahre lang konkurrenzfähig neben dem modernen Dampfer. Die genannte Reederei war auf den Transport von Salpeter spezialisiert. Der chilenische Salpeter wurde in Deutschland als Düngemittel gebraucht und zur Sprengstoffherstellung verwendet. Die Reise ging „nach der Westküste Südamerikas, weiter und zurück“, so erklärt sich die Heuer im Seefahrtsbuch der Matrosen. Die Segler wurden die Elbe runter geschleppt. Sie setzten erst etwa bei Cuxhaven ihre Segel vollständig und gingen durch den englischen Kanal, aber häufiger „Nord um Schottland“ durch die Nordsee auf ihre lange Reise in den Atlantik. Sie fuhren südwärts in die Tropen, kreuzten den Äquator, erreichten erneut Schlechtwettergebiete, rundeten Kap Horn. Dann führten die unerschrockenen Kapitäne und ihre tapfere Mannschaften die Schiffe der Bestimmung gemäß wiederum nördlich an der Küste Südamerikas entlang bis nach hauptsächlich Iquique auf die bekannte Reede. Es war Arbeit und nicht, den Mount Everest zu besteigen für ein Posting, dort gewesen zu sein. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie diese Männer schuften mussten, und sie waren ganz normale Matrosen. Ein Sturz aus der Takelage war so ungewöhnlich nicht und bedeutete nicht selten den Tod.
# Sicher sprechen und schreiben
Eine eingeschobene Glosse muss hier schon sein; heutzutage sucht man die Sicherheit überall durch Gesetze zu gewährleisten? Das kann durchaus kritisch betrachtet werden, es gibt weiter schlimme Sachen. Die Menschheit übt noch. Das Leben war gefährlicher. Soweit stimmt es.
Achtung, Satire!
Wir passen auf: Bereits die Sprache soll aufzeigen, welche üblichen Formulierungen heute keinesfalls durchgehen. Indianer sind nun tatsächlich Indigene. Populisten haben den „Rassismus“ für sich entdeckt. Mit dieser Idee instrumentalisiert, üben sie Druck aus auf arglose Idioten, die den Zeitgeist partout nicht begreifen. Wer nicht mitmacht, ist bäh. Wir essen also besser „afroamerikanische Schokoladenschmatzer“ – oder? Man adelt sich selbst als Gutmensch erster Klasse mit dem elitären Ausdruck: „N-Wort“. Es ist ein Modebegriff des gezierten Vermeidens, überheblich wie nur was, den wir (lustvoll) verwenden. Ein kitschiges und nicht weniger rassistisches Ersatzwort. Das nimmt der Eingebildete in den Mund, wo immer dieser sich als zeitgemäß, korrekt auf ein Podest stellen möchte.
„Radfahrende“, „Geflüchtete“, niemand soll verletzt werden in einer Welt, die nach Gerechtigkeit schreit.
Früher war es nicht besser.
Als mein Großvater noch lebte, war er mir der wichtigste Erwachsene, wenn es galt, die Zeiten überhaupt zu begreifen. Mein Opa trat nicht in „die Partei“ ein, als alle es taten. Was das bedeute, lernte ich zu verstehen. Als Rentner schrieb er seinen Klassiker: „Mit der Pamir um Kap Horn“, und schon in den Siebzigern gab es Ärger. Ein angeblich fehlendes, zweites o im „Hoorn“ machte Probleme, oder weil Heinz nicht „Windjammer“ schreiben mochte. Er schrieb „Windschiff“, um den zur Zeit seiner ursprünglichen Erfindung als Schimpfwort für die Schoner gedachten Begriff zu vermeiden. Ein Rahsegler kann kein Windjammer sein. Jamming ist englisch und meint zu klemmen. Mit ihrer Fähigkeit, die Schonersegel extrem dicht aneinander zu platzieren, konnten diese modernen Schiffe besser segeln, wenn es galt, Luv gegen den Wind zu gewinnen. Das machte die tradierten Salzbuckel in der Salpeterfahrt neidisch. Windjammer ist also eine abfällige Wendung gegenüber den Konkurrenten mit ihren besseren Segeleigenschaften. Die Rahsegler Peking, die Pamir (oder auch unser schönes Schulschiff der Deutschen Marine, die Gorch Fock), sind der Wortherkunft nach gerade keine Windjammer.
# Das schlappe Horn …
„Kap Hoorn wurde 1616 vom niederländischen Seefahrer Willem Schouten entdeckt und nach seiner Heimatstadt Hoorn in den Niederlanden benannt. Die Namensgebung erfolgte als Dank an die Geldgeber der Expedition, die aus dieser Stadt stammten. Das Kap befindet sich auf der chilenischen Felseninsel Isla Hornos, Teil des Feuerland-Archipels.“ (Wikipedia).
Natürlich wusste mein Opa Heinz um die Herkunft der sich breitmachenden Bezeichnung „Kap Hoorn“.
Er ärgerte sich trotzdem jedesmal, wenn das so geschrieben irgendwo auftauchte. Diese seiner Meinung nach Unsitte griff um sich im Lektorat eines jeden Verlags. Er hielt dagegen als Seemann: „Das ist ein Horn. Die ganze Welt schreibt es mit einem o. ,Hoorn‘ macht es schlapp, das klingt weich. Es ist eine harte, umkämpfte Ecke“, schimpfte er. Auch sonst, in einem Buch über das Schiff „Preussischer Adler“ änderte seine Lektorin mit rot durchgängig alle Stellen, wo mein Opa geschrieben hatte „der“ Adler fuhr den Fluss hinauf oder ähnlich. Es müsse überall konsequent „die“ Preussischer Adler heißen, erläuterte sie milde:
„Schiffe sind immer weiblich.“
# Unsere Gegenwart
Wir haben uns informiert, wie man das Hafenmuseum mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht. Der Hansahafen findet sich nahe der Veddel. So heißt auch die Haltestelle der S-Bahn, wo meine Frau und ich ausgestiegen sind, um dann zu Fuß über den Deich zu stapfen und durch eine öde Industrielandschaft den Weg zum Hafenmuseum zu suchen. Der Bus fährt nicht allzu oft. Wir mussten uns online anmelden, und ein „Gudo“ ging mit uns, eine kleine Gruppe Interessierter, an Bord, alles zu erklären. Ein Besuch ist lohnend! Die Lage des Museums deutet allerdings in eine finanziell bedenkliche Zukunft des Projekts. Am Arsch der Welt liegt der schöne Segler heute und muss doch allzeit konserviert und erhalten werden. Vom Kartenhaus beginnend, erhöht an Deck startete der Rundgang. Die Peking ist ein Dreiinselschiff. Unterwegs, die schmale Laufbrücke zur Poop nutzend (oder dann auf dem Achterdeck) meinte unser Führer, die Lage zu beschreiben. Er wies mit dem ausgestreckten Arm über das Wasser des Hafenbeckens in die Ferne. Ein möglicherweise reparaturbedürftiger kleiner Kreuzfahrer, an seinen Dalben festgemacht, bildete den Vordergrund, dahinter Hamburgs niedriger Osten:
„Der kurze Olaf.“
Die Süddeutschen unter uns dürften das gar nicht begriffen haben.
Es gibt einiges, das kann ein Mensch nicht ändern – aus seiner individuellen Position jedenfalls. Ein Präsident kann Dinge anschieben, einen Krieg gegen ein Land beginnen, aber „Herr Meier von nebenan“ kann dasselbe nicht tun. Falls irgendwer annimmt, mehr Einfluss zu haben, als das der Fall ist, oder er Sachen hinbekommt, wofür ihm die Fähigkeiten aktuell fehlen, dürfte zu scheitern die logische Konsequenz sein. Soweit kann man es nachvollziehbar aufschreiben. Nichtsdestotrotz ist dieses Muster, auf die Nase zu fallen, obwohl man es besser hätte wissen können, weit verbreitet. Mal davon abgesehen, dass einer nicht krank sein muss für Überheblichkeiten, ist, die eigene Leistungsfähigkeit falsch einzuschätzen, auch das Verhalten, das vielen Anpassungsstörungen zu Grunde liegt.
Ich bin kein schlechter Zeichner, habe viel gemalt und sehe mich doch außer Stande, nenneswert Annerkennung dafür zu bekommen. Das könnte mir weh tun? Meine Vergangenheit durchaus war geprägt vom Leid, nicht genug gemocht zu werden. Zu realisieren, selbst dran schuld zu sein, fand ich nicht leicht. Heute sehe ich die Dinge entspannter. Meine Bilder sind bewusst so konzipiert, wie sie sind, und das ganze Projekt ist absichtlich versteckt platziert, dass Anerkennung schon deswegen unwahrscheinlich ist. Der psychologische Ansatz: Nicht um Aufmerksamkeit heischen, wo diese leicht einzuheimsen wäre. Ich kann mich über Kollegen amüsieren, die bescheidene Erfolge hinbekommen mit ihren Ausstellungen, die ihnen viel Arbeit bedeuten, obschon das Ganze in erster Linie Augenwischerei bleibt. Sie machen sich (noch) was vor.
Meine Erkenntnis ist bitter, gibt mir aber psychische Gesundheit in bisher nicht gekanntem Maß! Ein handfestes Glücksgefühl kommt schon mal auf, und das ist zudem ein selbstgeschmiedetes. Man muss nicht mehr wollen, als man aus seiner Position kurzfristig erreichen kann, sollte dabei aber die eigenen Fähigkeiten nicht brachliegen lassen. Das ist mein Ansatz und einer, der auch anderen zu empfehlen wäre. Um als Künstler wirklich nach oben durchzustarten, müssen mehr als ein paar Sachen stimmen.
Respekt für die, die das schaffen!
Unsere Freunde sind immer so unehrlich wie die Kollegen in der Firma, die Menschen in einer politischen Partei oder das Volk einer Kirchengemeinde. Freundliche Worte verbergen nur zu oft das tatsächliche Desinteresse. Nette Bemerkungen verhelfen uns nicht weiter zur Existenz. Einbildung malt uns keine Leinwand voll, die so anschaulich wäre, dass daraus ein Meisterwerk wird. Erfolgreiche Kunst kann nicht ignorieren, in welcher Gesellschaft sie entsteht: Es gibt keine guten Menschen und wir kennen auch keine; glauben wir das trotzdem, stehen wir schon mit einem Bein im wahnhaften Denken, sind bereit, psychisch abzurutschen, eine behandelbare Diagnose zu provozieren.
Wer seine Träume aufgibt, darf nicht das Träumen aufgeben so gesehen und sollte Inseln kennen, wo die individuellen Pflänzchen gedeihen. Als Traumtänzer zu scheitern, muss ein Erwachsener einsehen, ist nur doof.
🙂