Warum querdenken? Kurz gejammert, schnell geheilt, könnte das Motto dieser kleinen Erfahrung sein, die ich hier erzähle. Was ist eigentlich Freiheit heute, wo immerfort von Solidarität mit den anderen gesprochen wird? Die individuelle Entscheidung und Tragweite müsse jeder der Pandemie hintenanstellen, verantworten. Das wird verlangt. Wir sollen einheitlich, vernünftig und exakt geradeaus denken! Endlich begriffen? Ich vermisse diese Stimme (in der Politik), die uns sagt: „Einen Teil der Gesellschaft nehmen wir mit.“ Und zwar breit definiert. Wir nehmen Alte mit und schützen diese so gut wie möglich. Wir arbeiten für sie. Das versteht sich von selbst. Wir ermuntern die Menschen zur Impfung. Je höher die Quote, desto besser. Es fehlt eine deutliche, allgemein verständliche Mahnung, die uns daran erinnert, der Impfung Unwillige (auch) zu akzeptieren. „Die nehmen wir mit, wie die Alten“, das höre ich nicht mehr. Es gilt die Schwachen zu schützen, aber es ist nötig, die Vielfalt der Befindlichkeiten ernst zu nehmen. Die Ansage, jeder könne sich impfen lassen, dann wäre es gut für alle, beinhaltet Probleme glattzubügeln. Da wundert man sich über Gewalt, ich wundere mich nicht. Eine fehlerfreie Masse könnte geschlossen voran machen, aber nur in der Theorie.

Keiner geht hundertprozentig sicher und geradeaus seinen Weg. Genauso ein Land als Ganzes. Als ließe sich Dummheit verbieten, könne Egoismus abgeschafft werden, argumentieren viele, wie sehr sie verstanden hätten, was wir bräuchten? Gut möglich – aber selbst, wenn das alles richtig ist: Wir sehen überall diese Tendenz, Unbelehrbare auf Linie zu bringen. Das ist falsch. Die Zuweisung, hier erwachsene Menschen wie uneinsichtige Schüler vor sich zu haben und die Vorstellung, fehlende Intelligenz herbei prügeln zu können, als drohe der Lehrer mit dem Rohrstock, übertrifft diese primitive Schule noch. Anderen die kluge Einsicht in das Nötige abzusprechen, ist mindestens dumm, wenn nicht überhebliche, verbale Gewalt. So wird fleißig Wind auf die Äcker verstörter Gehirnrinden ausgesät, der schließlich zum Sturm anwachsen kann.

Man scheint unisono darin übereinzustimmen, dass, wer gewalttätig handelt ein Problem habe und sich zu ändern. Das ist aus verhaltenstheoretischer Sicht falsch. Die Welt ist nicht gewaltfrei und wird es nie sein. Das Anprangern und Denunzieren vermeintlich falsch Handelnder hat Hochkonjunktur. Verklemmte, angepasste Mitläufer entwickeln einen stumpfen Block gegen diejenigen, die spürbar Erfahrungen machen und die eigentlich Kreativen der Gesellschaft sind.

Zorn entspringt Angst. Das staatliche Monopol auf die Gewalt in Stellung zu bringen, heißt einen Bürgerkrieg begreifen und niederschlagen zu wollen. „Er könne keine Spaltung der Gesellschaft in der Frage der Impfung erkennen“, meint der designierte Kanzler Scholz, sondern eine Mehrheitsempfindung. Wer mit einer Axt umgehen kann und schon einmal Anmachholz auf dem Haublock zerkleinerte oder jemandem dabei zuschaute, weiß, dass eine Spaltung nie exakt in der Mitte verläuft. Eine Hälfte, Drittel oder Viertel sind brauchbare Teile zum Feuer anmachen und selbst ein schmaler Span, den der Geschickte mit dem Beil abteilt, kann einen Nutzen bringen, um eine kleine Flamme zum Leben zu erwecken. Ein Arzt amputiert den kranken Fuß, wirft diesen weg. Bedeutet unsere aufgewühlte Gesellschaft und eine durch die Pandemie verstörte Haltung, dass Unbelehrbare als latent gewalttätig (und deswegen dumm) abgespalten werden können? Sind diese wie der nicht zu rettende Fuß oder wird es Splitter schaffen, der die Flammen ihrer Wut anfacht; das wird sich zeigen. An die Idee von Integration im Sinne von innerer Reparatur glauben nur wenige. Es stünde der sozialen Partei gut zu Gesicht. Blasierte Überheblichkeit ist nicht die ruhige Hand sicherer Führung, auch wenn es einigen so vorkommt, sondern die Maske des geübten Scholzomaten.

Existenz bedeutet, ein Mensch muss für vieles aktiv werden. Manches erledigt sich jedoch auf eine Weise, die wir nicht so genau verstehen; ist doch überlebenswichtig. Das Herz schlägt, wir atmen und das passiert auch unordentlichen, arbeitslosen und schlecht organisierten Zeitgenossen. Eine zu erbringende Leistung wird zum Leben selbst nicht benötigt. Wir müssen Nahrung heranschaffen, natürlich. Einen sicheren Wohnort finden, bezahlen. Körperpflege ist eine Willensentscheidung, aber die Wundheilung geschieht automatisch, warum ist das so? Banale Dinge, von denen jeder weiß: Normalerweise denken wir nicht darüber nach. Es sind die kleinen Überraschungen des Lebens, welche einen Denkanstoß bedeuten können.

Viele haben von Entropie gehört, in der Schule vielleicht oder zur Studentenzeit, während wir jung und in der Ausbildung gewesen sind, zusammen saßen, philosophierten. Da gab es jemanden, der erklärte, alles würde von selbst unordentlich, und das sei Entropie; die verlorene Socke. Ganz so einfach scheint die Sache nicht zu sein. Nur mit fremder, dem System hinzugefügter Energie, ist es möglich gegenzusteuern. Umgangssprachlich wäre es das Aufräumen des Zimmers durch eine neue Kraft. Wer räumt den Menschen auf? Das System führt sich Nahrung zu, atmet. Kleinere Verletzungen und ein leichter Schnupfen bedürfen kaum unserer Aufmerksamkeit, um nach überschaubarer Zeit zu verschwinden. Um anderes, nicht nur die Ordnung in der Wohnung, muss sich jeder kümmern. Die Tür wird abends sicher verschlossen. Manche setzen einen Helm auf, tragen die gelbe Weste, bevor sie mit dem Fahrrad zu fahren wagen; man lässt sich gegen das Virus impfen und tut viel, damit die Inflation das angesparte Geld verschont. Wir schließen Versicherungen ab und hoffen auf spätere Rente, medizinische Versorgung und ein langes, gesundes Leben. Wir haben nicht die Wahl, auf das Essen oder Atmen verzichten zu können, aber inwieweit wir angemessen gekleidet sind und darauf achten, geschickt die Füße zu setzen, dürfte interessieren. Und was passiert, wem egal ist, wie’s ihm geschieht?

# Eine kleine Geschichte

Beim Einkaufen wird mir klar, als ich diese Frau in der goldenen Jacke, den kurzen Haaren wiedersehe, dass ich mich täuschte. Ich spreche die Unbekannte im Supermarkt einfach an: „Sie sind nicht Frau K.“, stelle ich fest. Wir waren draußen parallel der Straße unterwegs gewesen. Dabei habe ich mehrfach hinübergesehen, unsicher, möglicherweise ist es eine Bekannte? Es beginnt ein freundlicher Gedankenaustausch beim Brotregal. „Der Bart steht ihnen nicht“, sagt sie unvermittelt, als rutsche es ungeplant heraus. Wir sind uns schließlich fremd? Sie kenne mich vom Sehen, fährt sie schnell fort. Es zeigt sich, dass sie mir in dieser Sache etwas voraus hat. Ich hatte die Unbekannte mit Manuela verwechselt. Ich laufe täglich in das Einkaufszentrum. Schon möglich, dass ich sie früher bemerkte? Ich bin mir einigermaßen unsicher. Das Gespräch nimmt einen eher amüsanten Verlauf, dem ich die Richtung gebe, mir gefalle der Bart selbst auch nicht. Es sei eben ein Coronabart, entsprechend der Frisur, erkläre ich. Meine ungepflegte Matte, dazu passend der Zottelbart. Bis Weinachten würde ich grau, eventuell weiß. Da bekäme ich den Job des Geschenkeonkels und dann passe es, scherze ich. Zum Haareschneiden könne ich nicht, als Impfverweigerer: „Sieht scheiße aus der Bart“, behaupte ich einfach, und das wäre mir egal. Sie bewundere meinen Mut, mich nicht impfen zu lassen, aber das könne tödlich enden, meint die Frau.

Olaf Scholz habe ein Problem, genügend Frauen in sein Kabinett zu holen und deswegen sei nicht sicher, dass Karl Lauterbach Gesundheitsminister würde, hieß es anfangs. Tatsächlich ist der frischgebackene in der Notlage gewesen, sich gegen den Kollegen Kubicki zu verteidigen, der einmal behauptete, in seiner Stammkneipe gelte der Gesundheitsexperte als Spacken. Norddeutsch: Das ist kein (richtiger) Mann. Seit einigen Jahren wird die politisch korrekte Frauenverteilung zum Problem, weil mit dem jeweiligen Amt auch eine Qualifikation verbunden ist. Während die Männerriegen der Wirtschaft ihre Bastion verteidigen, da hier Geldverdienen Pflicht ist und insofern geprüft, ob Leistung erbracht wird, bleibt die Wirkungskraft der Politik diffus. Eine Firma will verdienen und Politik will mehr. Das Erste ist einfach zu kontrollieren. Politik schießt prinzipiell mit der Nebelkanone, da werden Frauen gebraucht. Klar, wir sehen grobes Versagen im Amt. Wähler und Wählerinnen begreifen, ob sie jemanden mögen und können dieses Kriterium nutzen, nicht näher hinzuschauen, was eine für das Land erreicht. Wie viel Politik exakt leistet, bleibt wenig konkret (wie etwa die Arbeit des Psychiaters, da weiß man, wenn’s besser wird auch nicht weshalb).

Wir leben gegen die Natur, das ist der Mensch: Wir gestalten die Umgebung. Lösen wir ein Problem, schaffen wir damit neue. In einer steinzeitlichen Welt dürften Frauen ihre Daseinsberechtigung mit der Menopause verwirkt haben. Damals beendeten Männer mit spätestens fünfzehn die Kindheit, auch die der Mädchen drumherum, und ihre Familien bildeten sich in der nicht regulierten Natur. Der Mann begreift seine Sexualität in diesem Sinne natürlich bis heute, die Frau belügt sich effektiv besser. Frauen möchten sich beschäftigen und nicht merken; Männer sind Schwein seit je.

Ob mir ein Zottelbart gut zu Gesicht steht, ist mir insofern wurscht wie eine Frau in meinem Alter keine mehr für mich ist; jedenfalls nicht attraktiv in sexueller Hinsicht, was auch immer diese mit sich anstellt. Mir ist es möglich, noch Kinder zu zeugen, dafür benötige ich keine Pille. Die Gesellschaft ist nicht nur in Geimpfte und die anderen gespalten, sondern auch in Geschlechtern. Begeistert von sich und dem Geschaffenen, dem modernen Toleranzverständnis, darf der Mensch die Natur nicht übersehen. So gesehen haben die Grünen als Partei mehr Substanz als die Idee von Gleichheit. Unsere Zivilisation hat unendlich viele intellektuelle Rahmen geschaffen. Das müssten Geländer an Steigen sein, sich zurechtzufinden, nicht Gitterstäbe einer Zellentür, die unser Dasein gegen die Natur sperren. Nach wie vor unterscheiden wir uns von Frauen, dass diese Kinder bekommen und Männer nicht. Selbstverwirklichung sollte kein Selbstbetrug sein. Ich lebe ja in der Heutezeit und muss (mich zivilisiert artikulieren, will es aber nicht) Saskia Esken, Manuela Schwesig oder Frau Giffey ertragen. Man stelle sich vor, Gerd Schröder heiratet noch ein weiteres Mal? Dann wird es nicht Saskia sein, so viel steht fest.

Ich gehe nach Hause und denke nach über den Tod. Menschen sind so viel mehr als geimpft oder nicht. Eine Vielzahl von Motivationen, etwas zu tun oder langfristig auf den Weg zu bringen, steckt in jedem von uns. Der einzelne Mensch ist nur bedingt bereit, sich gängeln zu lassen. Scheinbar uniforme Mitläufer, wenn sie sich auf ein Thema reduzieren lassen, sind viele am Start, für eine rettende Idee zu werben, die gerade alle beschäftigt. Bald kommen neue Befürchtungen auf und die Richtung wechselt, zersprengt diese Gruppe, schafft andere. Dazu kommt, der Mensch versteht sich selbst und das Leben nur im Ausschnitt. Ein kleines Guckloch ist unser Fenster nach draußen, gering ist unsere Information von der wahren Realität. Persönliche Motive, mit denen wir bereit sind loszugehen, zu handeln, sind oft kaum mehr als ein ungeprüfter Anstoß.

Groß ist unser Unwissen vom inneren Zusammenhalt, all dem, was innerhalb der eigenen Haut geschieht. Wir navigieren unser Schiff, ohne die Mannschaft und Fracht an Bord wirklich zu kennen. Niemand handelt mit dem freien Willen oder aufgrund einer Entscheidung, die autark begriffen wird. Alle sind aufeinander angewiesen. Der Rudergänger lenkt, wie vom Kapitän befohlen, und wir sind sein Lotse. Unser Kahn schippert durch eine dunkle See. Dieser Ozean ist vielleicht nur ein Meer, jene durch Riffe gesäumte Enge, von der wir nichts haben, als ein vergilbtes Pergament, das kaum eine Karte bedeutet, sondern vom Hörensagen zusammengetragene Information. Aber tatsächlich fliegen Menschen damit bis ins Weltall und schauen nebenbei noch auf das Telefon. Wir sind immer schlauer als frühere Generationen, meinen wir, und verweisen auf die Erfolge der Geschichte. Ob das für den einzelnen stimmt, der Amerika ja nicht selbst entdeckt hat, muss sich erst erweisen.

Amerika, da ist die Pandemie ja auch. Ich war länger nicht drüben. Möglicherweise ist Covid ein deutsches Problem? Jedes Land findet eine eigene Lösung, sich dem Virus entgegenzustemmen. Ich habe gar nicht diese Furcht, krank zu werden. Einige tausend von mehr als achtzig Millionen Deutschen hat das Virus aktuell so schwer getroffen, dass sie behandelt werden. Das sind nicht so viele in Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren und anschließend entsprechend zu leiden, ist klein. Ich halte Abstand, das muss genügen. Mein Egoismus und die fehlende Empathie für Menschen, die mir persönlich nicht bekannt sind, gereichen mir zur Rechtfertigung. Niemand zwingt mich zur Impfung, überhaupt einen Doktor aufzusuchen, weil ich Ärzte nicht leiden kann.

Verschiedene Geschichten könnten hier Platz finden und meinen Vertrauensverlust in die Medizin illustrieren. Einmal habe ich mir den Fuß gebrochen. Der Durchgangsarzt riet zu einer Operation. Mit vierzehntägiger Wartezeit wurde eine Behandlung im Krankenhaus angesetzt. Da die Sache unter Vollnarkose stattfinden würde, musste ich über das Risiko der Anästhesie aufgeklärt werden und eine Einwilligung unterschreiben. Zunächst erläuterte die Ärztin mit mahnenden Worten, dass die Operation meine Gesundheit verbesserte, weil sonst die Gefahr bestünde, der Knochen könne schief zusammenwachsen, vergipste man den Fuß konventionell. Eine kleine Schiene, die nach einiger Zeit mit einer erneuten Operation entfernt würde, sei die Garantie dafür, dass die Dinge während der Heilung wie gewünscht liefen. Aber man dürfe auch Bedenken haben, da eine Narkose ebenfalls ein Risiko bedeute.

Sie fing an, diese Gefahren plastisch zu beschreiben wie im Beipackzettel eines Medikamentes, der manche schließlich davon abhält, die Medizin noch einzunehmen. Das wüsste ich alles, meinte ich und wollte zügig unterschreiben. Ich wäre nicht in ein Krankenhaus gegangen, um nach dem Vortrag über Operationsrisiken, der von Gesetz wegen verpflichtend sei, beizudrehen und die Sache eine halbe Stunde vor dem Termin abzublasen. Ich hätte zwei Wochen drauf gewartet, sagte ich, es wäre nicht mein erster Aufenthalt in einem Krankenhaus. Außerdem sei ich mit einer Intensivkrankenschwester verheiratet, da bekäme man einiges mit, forcierte ich ihre Belehrung.

Ich sagte also: „Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich durch die Anästhesie blöde werde oder sterbe, was weiß ich – geben Sie mir einen Prozentsatz, bitte.“ Das sei ihr nicht möglich und auch die falsche Herangehensweise, fand die Ärztin, denn ich könne gerade der Eine mit dem hypoxischem Hirnschaden sein, dann nütze mir die Wahrscheinlichkeit nichts. „Was für ein Unfug“, sagte ich, „nach Ihrer Logik dürfte ich das Haus prinzipiell nicht verlassen, bei den möglichen Gefahren draußen.“ Es kam zum Streitgespräch direkt vor dem Eingriff mit dieser Anästhesistin. „Wollen Sie mich denn nun davon abhalten, diese Operation zu machen“, was der Sinn ihrer abstrusen Diskussion sei, wollte ich wissen. Gestände sie ein, dass es fifty-fifty wäre, zur Hälfte misslänge, was dieses Krankenhaus anböte, wäre klar, dass ich tatsächlich nach Hause ginge mit diesem Fuß und anderen die Gelegenheit gäbe, ein Versuchskaninchen für Quacksalber zu sein. Dann habe ich dem dummen Weib die Zettel aus der Hand genommen und unterschrieben.

Jeder hat seine Ängste und Schwierigkeiten, Covid ist meine Sorge eher nicht. Mein Problem sind Frauen in Deutschland, und (das darf man ja gar nicht sagen) es könnte mehr sein: ein deutsches Problem. Das ist zu querköpfig überlegt: Vielleicht hilft das Bild mit der Ampel zu sagen, was ich meine?

Wir haben diese Baustelle hier im Dorf. Jeden Morgen überquere ich die Straße. Es ist nicht schwer, man wartet, bis das grüne Männchen kommt und geht los. Genau genommen ist es durch die Buddelei einfacher geworden, weil keine Autos mehr fahren. Inzwischen hat man die Anlage abgeschaltet. Sonst wäre es zu schwierig für die Wohlstandsgewohnte, selbst zu entscheiden, und ausnahmsweise das rote Licht zu ignorieren? Mit ein wenig Photoshop habe ich eine Szene nachgestellt, die ich am Morgen der Sperrung erlebt habe, und das ist typisch deutsch. Frauen – und ja, Männer tun es ihnen nach, begreifen, sich besser zu schützen gegen was auch immer (und können später länger im Seniorenstift durchhalten). Das sind keine Genießer auf dem Rad. Sie fahren nicht im Regen, um die Welt besser zu machen, sondern weil sie nun als grün und bewusst ihrer Solidarität mit den anderen anerkannt sind. Sie wollen dabei geschützt vor diesen fahren, denen sie doch gefallen möchten? Voll betüddelt mit Helm und Warnweste sind sie unterwegs. Es sind keine Alien, sondern Einheimische. Sie beachten jede Ampel, ermahnen andere. Und scheinen doch darunter zu leiden, dass manche einfach so durchs Leben gehen.

Sicherheit geht vor, natürlich. Aber kompliziert dürfen diese Regeln, die in erster Linie Mütter den Kindern lehren, nicht sein. Ich glaube, die Bürgermeisterin hat verstanden und die Lichtzeichen eigenhändig abgeschaltet. Solidarisch mit denen, die wissen wie’s geht; ich habe damit ein Problem – und diese Follower:innen haben ihres. Ihre Ängste entspringen weiblicher Logik und haben viele Facetten. Wir müssen alle mitnehmen …

# Gewalt hat ihr Gutes

Manchmal tut es nur weh zu leben: Anschließend, nach diesem Einkauf zu Hause, während der Vorbereitung zum Kochen, die im Markt besorgten Lebensmittel in schmackhaftes Essen zu verwandeln, schneide ich mir versehentlich in den Daumen! Eine kleine Unachtsamkeit. Tut weh, so dumm. Nicht zum ersten Mal reagiere ich heftig über, trete den Schrank. Ich bin gerade allein, Strohwitwer für zwei Wochen. Einige Tage haben die Wohnung bereits in einen Zustand wohliger Unordentlichkeit versetzt. Bis Dienstag muss ich klar Schiff machen und die gewohnte Sauberkeit wiederherstellen.

Ich krame ein Pflaster aus dem Schrank.

Während ich unflätigste Beschimpfungen gegen Gott (persönlich) und die Welt an sich raushaue, das Leben und Sinnhaftigkeit in Frage stelle, wie immer in Hasstiraden, die ich abspule wie eine bekannte Platte, stelle ich diese verzweifelte Frage: „Warum muss ich leben?“ Ich behaupte, während ich auf mein Dasein fluche, dass eben angekratzt ist am Daumen, ich wolle nur noch weg: „Warum geht das nicht?“

Ich käme aber nicht ansatzweise auf die Idee, mir das scharfe Messer in den Leib zu rammen. Darin steckt mehr als Ironie. Ich muss nun eine eingetretene Schublade reparieren, blöd. Die Wohnung putzen, aufräumen, sonst gibt es Ärger mit der Regierung Dienstag. Wie ein Schlag vor den Kopf wird mir das klar –

… und ich begreife, dass ich zur Heilung des Daumens nichts veranlassen muss.

Selten habe ich so gern Chaos verbreitet, fröhlich einen Wein geöffnet und mir das Rumpsteak schmecken lassen. Um mich herum zahlreiche Aufgaben. Mehr als sonst achte ich nicht darauf, während der Zubereitung die Übersicht zu wahren und Gebrauchtes wie empfohlen wegzuräumen. Ein paar Schraubzwingen, etwas Ponal, immer zu tun! Leimen, Staubsauger raus. Ich denke: Eine Henkersmahlzeit ist’s nicht gerade, ich lebe ja noch. Mit Spinat und viel Knoblauch lässt sich’s aushalten.

Da freut „Mann“ sich wirklich auf das Putzen.

Und es muss nicht einmal perfekt sein.

🙂