Anleitung zur Paranoia
Das sollten wir beantworten: „Ist März ein Narr, der andere zum Narren hält?“ – nein, Vorsicht (!) Pinocchio-Effekt – nicht Merz mit „e“, Friedrich Merz etwa, unser Bundeskanzler, ist (seinerzeit) gemeint (gewesen). In dieser Fragestellung, die ich noch erinnere, ist die Rede von „März“, und das ist eine Figur von Heinar Kipphardt; ein Roman trägt diesen Titel. Ein schmales Büchlein, wir haben es in der Schule gelesen. Es steht hier irgendwo im Regal, ich besitze es noch immer. Damals waren Referate zu schreiben und vorzutragen. Eine Gruppe bekam diese Aufgabe, dem nachzugehen: Inwieweit die schizophrene Hauptfigur März andere verarscht, also wo die Möglichkeiten eines Verrückten ausreichen, seinen Betreuern den Spiegel vorzuhalten.
Ich war so etwa 18 Jahre alt, als unser Deutschlehrer mit dem Thema ankam. Erst mussten wir das Buch durchlesen, dann wurde diskutiert. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass ich selbst einmal so abgestempelt würde mit einer ganz ähnlichen Diagnose: „schizophren“. Was das überhaupt sein soll, die Schizophrenie, da muss man sich schon ein wenig auskennen.
Ich schweife nicht wirklich ab:
Bei Douglas Adams findet sich diese Textstelle, das beschreibt es ganz gut. Da ist die Rede vom Fernfahrer McKenna, der Regenwetter nicht mag. Für die verschiedenen Arten dieses schlechten Fahrwetters hat sich der Lkw-Fahrer sogar Nummern ausgedacht. 231 Eintragungen verschiedener Regentypen sind in seinem kleinen Regenbuch gelistet. Besonders der gemeine, klatschende „Regen Nr. 17“ ärgert den Fluchenden in Kapitel zwei. Inspiriert ist diese Sammlung von der Vielfalt der Bezeichnungen für Schnee der Eskimos, die heute besser als Inuit bekannt sind. Eskimos sind dem Namen nach „Rohfleischesser“. Das darf man natürlich nicht mehr sagen.
Hier kommt aber ein Absatz aus Band vier vom Anhalter. Im Zitat muss man beim Original bleiben:
„Er hatte mal irgendwo gelesen, daß die Eskimos über zweihundert verschiedene Wörter für Schnee hätten, ohne die ihre Unterhaltung wahrscheinlich sehr eintönig wäre. So unterschieden sie zwischen dünnem Schnee und dickem Schnee, leichtem Schnee und schwerem Schnee, matschigem Schnee, harschigem Schnee, Schnee, der als Gestöber kommt, Schnee, der als Treiben kommt, und Schnee, der einem an den Stiefelsohlen des Nachbarn über den ganzen schönen sauberen Iglufußboden geschleppt wird; sie unterschieden zwischen Schneefällen im Winter, Schneefällen im Frühling, Schnee, an den man sich aus der Kindheit erinnert und der so viel besser ist als dieser ganze neumodische Schnee, zwischen feinem Schnee, fiederigem Schnee, Bergschnee, Talschnee, Schnee, der am Morgen fällt, Schnee, der nachts fällt, Schnee, der ganz plötzlich fällt, wenn man gerade zum Angeln gehen will, und Schnee, auf den trotz aller Mühe, es ihnen abzugewöhnen, die Schlittenhunde gepinkelt haben. Rob McKenna hatte zweihunderteinunddreißig verschiedene Regentypen in sein kleines Buch eingetragen, und keine mochte er.“ (Macht’s gut, und danke für den Fisch, Douglas Adams, 1984).
So ist Psychiatrie.
Mit über dreihundert anerkannten Diagnosestellungen für psychische Krankheiten, diesen immerhin einen Namen zu verpassen, will die Fakultät glänzen. Das sind Spezialisten, die nicht einmal sagen können (oder wichtig finden), wie der kranke Geist – von dem man ausgeht und ihn symptomatisch bei so vielen, ganz verschiedenen Menschen gleichermaßen diagnostiziert – es ohne individuelle Geschichte des dazugehörigen Körpers schafft, seine Störungen hinzubekommen, seine Probleme erleidet. Man begreift schon, dass jede Geschichte anders prägt, aber wie genau das Übel in Fleisch und Blut übergegangen ist, was die Muskulatur dabei tut, ignoriert der Psychologe und Arzt leider. Man gibt sich mehr den Anschein „richtiger“ Medizin, anstatt tatsächlich erzielte Ergebnisse zu belegen, die auf therapeutisches Wirken hin zustande gekommen wären und will besonders auch wissenschaftliches Arbeiten hervorkehren. Die Psychiatrie ist bemüht – immerhin!
Für die Bildzeitung läuft das einfacher. Da ist ein Schizophrener jemand, der gefährlich ist, im Zweifelsfall ein Ausländer, der andere spontan und wahllos abschlachtet. Das ist auch das Bild, das die Bevölkerung in ihrer Breite mit diesem Begriff verbindet.
Ich bin „so einer“, das machen mir andere immer wieder klar.
Ich bin Ausländer? Soll raus, muss schnellstens remigriert werden, mindestens betreut, andernfalls dauerhaft Klappse, das ginge auch. So denken Menschen über mich, das habe ich erlebt. Daneben werfen sich Retter in die Brust, Helfer oder heute besser „Helfende“, die ihren Einfluss in Form von Profiling dem Staat anbieten. Der psychiatrische Gutachter, der die Polizei berät, gewinnt mehr und mehr an Bedeutung.
Was könnte „der Bassiner“ machen, ist eine Fragestellung, und man setze hier mal meinen Namen ein in den Romantitel von Kipphardt, unsere Aufgabe am Steinhauerdamm:
„Ist März ein Narr, der andere zum Narren hält?“
Dann, falls jemand so drangeht, bieten sich auch mir einige Interpretationen, meinen Alltag besser zu strukturieren.
Zum ersten Mal damit konfrontiert, es so einzuordnen, gelang mir vor vielen Jahren „im Ländle“. Meine Schwiegermutter, die leider kürzlich verstorben ist, war der Anlass für uns, regelmäßig nach Backnang zu reisen über viele Jahre. Der schöne Ort ist nahe Stuttgart gelegen. In den Stuttgarter Nachrichten (oder der Backnanger Kreiszeitung) interessierte ich mich seinerzeit für eine ganzseitige Beschreibung von einem beachtlichen Nachbarschaftsstreit. Dort hatte ein problematischer Typ, so nenne ich den mal, ein Haus bezogen, sodass die Leute nebenan einen neuen Nachbarn mit ihm bekamen. An die finanziellen Verhältnisse erinnere ich mich nicht, aber dieser inzwischen zum Störenfried erklärte, abwertend deklarierte Mann, ein „Psycho“ jedenfalls – und ich glaube, das Wort „Schizophrenie“ kam im Artikel auch vor – dürfte durchaus Geld gehabt haben; für eine lustvolle Verteidigung mit mehreren Anwälten reichte es ihm jedenfalls. Der Mann beleidige sie ständig, behauptete das entrüstete Ehepaar nebenan und zählte auch Verrücktheiten auf, die ihnen Angst machten: Der Nachbar säße stundenlang im Regen auf einem Baum im Garten. Das und Ähnliches erinnere ich aus dieser Zeitung vor Jahren. Man wolle ihn loswerden, aber das gelänge nicht, weil er juristisch versierte Verteidiger habe und die Verfahren auch immer wieder eingestellt würden. So ungefähr war die Situation.
Meine Chance, dergleichen zu begreifen, was man gegen Rufmord unternehmen kann, verstand ich auch beim Fall Gustl Mollath zu erkennen. Wir, ich fasse uns Abgestempelte mal zusammen als Leidgenossen, – wir sind nicht alle immer gleich und dauerhaft bescheuert, können wehrhaft werden, wenn wir’s erst begriffen haben.
Dies wird mein erster Ratgeber, den ich schreibe.
Paranoia für Anfänger oder Anleitung zum Klugsein für Beknackte, so ähnlich dürfte die passende Überschrift sein, die das hier braucht. So habe ich’s ja auch überschrieben, und das hat den Gedanken: Die Grenze zum Verrücktsein, also aus der Gesellschaft herausgerrückt zu sein, krank zu leben, ist oft nicht scharf. Es gibt reichlich unauffällige Spinner, die kaum stören. Auch wunderbar integrierte und tatkräftige Menschen müssen verarbeiten, dass Dinge um sie herum passieren, die sie nicht bis zum Ende ausforschen können, wo die genauen Motive zu verordnen wären. Paranoide Ängste sind zunächst einmal normal und notwendig. Der Gesunde legt für sich Wichtigkeiten fest und kommt gut klar damit, Unnötiges auszusortieren als nicht der Rede wert, dem nachzugehen. Sein Vorteil ist, die Mehrheit hält ihn für gesund, wenn er bislang nicht negativ aufgefallen ist. Und der Nachteil der Leute mit psychiatrischer Vergangenheit ist ganz klar, dass jemand auch erst aufs Neue verrückt gemacht werden kann, wenn sich zu viele mit ihm beschäftigen, die glauben, dass er das sowieso ist: verrückt.
So gesehen können wir nie darauf hoffen, dass unangenehme Gedanken einmal aufhören und alles ganz normal wird – wie früher.
Halten wir fest: Die polizeilichen Ermittlungsverfahren, ihr Nachbar sei verrückt, beleidige sie, müsse weg, damit es würde wie früher, diese Beschreibungen aus Baden-Württemberg, die ich mal las, gingen ja alle von den alteingesessenen Bewohnern einer ruhigen Gegend aus. Der Beschuldigte war in Verteidigungshaltung, die juristischen Angriffe geschahen seitens der sich als normal Definierten drumherum. So war es auch bei Mollath, er saß ein in der Psychiatrie, weil er sich nicht wehren konnte gegen die Anklage, er sei gefährlich gewesen und könne weiter eine Gefahr bedeuten, als der Gefährder der er nun eben sei. Es hat gedauert für den Beschuldigten, da raus zu kommen.
Hier gilt es, grundsätzliche Grenzziehung zu erlernen, neurotische Überreaktionen zu vermeiden, und eben so wenig wie möglich zu machen mit anderen – wenn man sich das leisten kann. Das bedeutet, seine möglicherweise wahnhaften Gedanken ernst zu nehmen und eine offensive Haltung sich jeweils auszudenken. Damit kann einer tatsächlich die Umgebung zum Narren halten. Das aber nur dann, wenn diese Leute drumherum auf ihn starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Alle anderen, die nur irgendwie unterwegs sind, werden immer unbeeindruckt ihrer Wege gehen. Sie machen ihre Besorgungen, haben eigene Motive und gut ist’s. Wenn wir nun Haken schlagen, kann das die Befriedigung schlechthin sein, bedeuten, Elefanten zu verjagen, wie es bei Watzlawick beschrieben wird in einem Witz.
Ein Mann irgendwo, vielleicht im Warteraum einer Anlage, einer Hotellobby oder so, wo noch welche lesen, einfach herumsitzen, was weiß ich, kommt regelmäßig drauf, aufzustehen und laut in die Hände zu klatschen. Zur Rede gestellt, was das solle, sagt der Mann:
„Ich verscheuche die Elefanten.“
„Aber hier sind doch gar keine Elefanten!“
Antwortet der Klatscher: „Sehen Sie, es wirkt.“ Das habe ich mir gemerkt, denke sowieso: Mit ein wenig Humor ist das Leben leichter …
🙂