Anleitung zur Paranoia
Das sollten wir beantworten: „Ist März ein Narr, der andere zum Narren hält?“ März ist eine Figur von Heinar Kipphardt, ein Roman trägt diesen Titel. Keine leichte Kost; wir haben den anspruchsvollen Stoff als Projektarbeit in der Schule gelesen. Das schmale Büchlein steht hier irgendwo im Regal, ich besitze es noch immer. Damals waren Referate zu schreiben und vorzutragen. Eine Gruppe bekam als Aufgabe, dem nachzugehen, inwieweit die schizophrene Hauptfigur andere verarscht, also wo die Möglichkeiten eines Verrückten ausreichen, seinen Betreuern den Spiegel vorzuhalten.
Ich war so etwa 18 Jahre alt, als unser Deutschlehrer mit dem Thema ankam. Erst mussten wir das Buch durchlesen, dann wurde diskutiert. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass ich selbst einmal so abgestempelt würde mit einer ganz ähnlichen Diagnose: „schizophren“. Was das überhaupt sein soll, die Schizophrenie, da muss man sich schon ein wenig auskennen.
Ich schweife nicht wirklich ab:
Bei Douglas Adams findet sich diese Textstelle, das beschreibt es ganz gut. Da ist die Rede vom Fernfahrer McKenna, der Regenwetter nicht mag. Für die verschiedenen Arten dieses schlechten Fahrwetters hat sich der Lkw-Fahrer sogar Nummern ausgedacht. 231 Eintragungen verschiedener Regentypen sind in seinem kleinen Regenbuch gelistet. Besonders der gemeine, klatschende „Regen Nr. 17“ ärgert den Fluchenden in Kapitel zwei. Inspiriert ist diese Sammlung von der Vielfalt der Bezeichnungen für Schnee der Eskimos, die heute besser als Inuit bekannt sind. Eskimos sind dem Namen nach „Rohfleischesser“. Das darf man natürlich nicht mehr sagen.
Hier kommt aber ein Absatz aus Band vier vom „Anhalter“. Im Zitat muss man beim Original bleiben:
„Er hatte mal irgendwo gelesen, daß die Eskimos über zweihundert verschiedene Wörter für Schnee hätten, ohne die ihre Unterhaltung wahrscheinlich sehr eintönig wäre. So unterschieden sie zwischen dünnem Schnee und dickem Schnee, leichtem Schnee und schwerem Schnee, matschigem Schnee, harschigem Schnee, Schnee, der als Gestöber kommt, Schnee, der als Treiben kommt, und Schnee, der einem an den Stiefelsohlen des Nachbarn über den ganzen schönen sauberen Iglufußboden geschleppt wird; sie unterschieden zwischen Schneefällen im Winter, Schneefällen im Frühling, Schnee, an den man sich aus der Kindheit erinnert und der so viel besser ist als dieser ganze neumodische Schnee, zwischen feinem Schnee, fiederigem Schnee, Bergschnee, Talschnee, Schnee, der am Morgen fällt, Schnee, der nachts fällt, Schnee, der ganz plötzlich fällt, wenn man gerade zum Angeln gehen will, und Schnee, auf den trotz aller Mühe, es ihnen abzugewöhnen, die Schlittenhunde gepinkelt haben. Rob McKenna hatte zweihunderteinunddreißig verschiedene Regentypen in sein kleines Buch eingetragen, und keine mochte er.“ (Macht’s gut, und danke für den Fisch, Douglas Adams, 1984).
So ist Psychiatrie.
Mit über dreihundert anerkannten Diagnosestellungen für psychische Krankheiten, diesen immerhin einen Namen zu verpassen, will die Fakultät glänzen. Das sind Spezialisten, die nicht einmal sagen können (oder wichtig finden), wie der kranke Geistes ohne individuelle Geschichte des dazugehörigen Körpers schafft, seine Störungen hinzubekommen, seine Probleme erleidet. Man begreift schon, dass jede Erfahrung anders prägt, aber wie genau das Übel in Fleisch und Blut übergegangen ist, was die Muskulatur dabei tut, ignoriert der Psychologe und Arzt leider. Man gibt sich den Anschein „richtiger“ Medizin. Dabei gelingt nicht, tatsächlich erzielte Ergebnisse zu belegen, die auf therapeutisches Wirken hin zustande gekommen wären. Verschrobene sind sich nicht zu schade für Prognosen als psychiatrischer Gutachter. Selbst nicht wirklich emotional Krisenfeste probieren, wissenschaftliches Arbeiten hervorzukehren. Die Psychiatrie ist bemüht – immerhin!
Für die Bildzeitung läuft das einfacher. Da ist ein Schizophrener jemand, der gefährlich ist, im Zweifelsfall ein Ausländer, der andere spontan und wahllos abschlachtet. Das ist auch das Bild, das die Bevölkerung in ihrer Breite mit diesem Begriff verbindet.
Ich bin „so einer“, das machen mir andere immer wieder klar.
Ich bin Ausländer? Soll raus, muss schnellstens remigriert werden, mindestens betreut, andernfalls dauerhaft Klappse, das ginge auch. So denken Menschen über mich, das habe ich erlebt. Daneben werfen sich Retter in die Brust, Helfer oder heute besser „Helfende“, die ihren Einfluss in Form von Profiling dem Staat anbieten. Der psychiatrische Gutachter, der die Polizei berät, gewinnt mehr und mehr an Bedeutung.
Was könnte „der Bassiner“ machen, ist eine Fragestellung, und man setze hier mal meinen Namen ein in den Romantitel von Kipphardt, unsere Aufgabe am Steinhauerdamm:
„Ist März ein Narr, der andere zum Narren hält?“
Dann, falls jemand so drangeht, bieten sich auch mir einige Interpretationen, meinen Alltag besser zu strukturieren.
Zum ersten Mal damit konfrontiert, es so einzuordnen, gelang mir vor vielen Jahren „im Ländle“. Meine Schwiegermutter, die leider kürzlich verstorben ist, war der Anlass für uns, regelmäßig nach Backnang zu reisen über viele Jahre. Der schöne Ort ist nahe Stuttgart gelegen. In den Stuttgarter Nachrichten (oder der Backnanger Kreiszeitung) interessierte ich mich seinerzeit für eine ganzseitige Beschreibung von einem beachtlichen Nachbarschaftsstreit. Dort hatte ein problematischer Typ, so nenne ich den mal, ein Haus bezogen, sodass die Leute nebenan einen neuen Nachbarn mit ihm bekamen. An die finanziellen Verhältnisse erinnere ich mich nicht, aber dieser inzwischen zum Störenfried erklärte, abwertend deklarierte Mann, ein „Psycho“ jedenfalls – und ich glaube, das Wort „Schizophrenie“ kam im Artikel auch vor – dürfte durchaus Geld gehabt haben; für eine lustvolle Verteidigung mit mehreren Anwälten reichte es ihm jedenfalls. Der Mann beleidige sie ständig, behauptete das entrüstete Ehepaar nebenan und zählte auch Verrücktheiten auf, die ihnen Angst machten: Der Nachbar säße stundenlang im Regen auf einem Baum im Garten. Das und Ähnliches erinnere ich aus dieser Zeitung vor Jahren. Man wolle ihn loswerden, aber das gelänge nicht, weil er juristisch versierte Verteidiger habe und die Verfahren auch immer wieder eingestellt würden. So ungefähr war die Situation.
Meine Chance, dergleichen zu begreifen, was man gegen Rufmord unternehmen kann, verstand ich auch beim Fall Gustl Mollath zu erkennen. Wir, ich fasse uns Abgestempelte mal zusammen als Leidgenossen, – wir sind nicht alle immer gleich und dauerhaft bescheuert, können wehrhaft werden, wenn wir’s erst begriffen haben.
# Dies wird mein erster Ratgeber, den ich schreibe
Paranoia für Anfänger oder Anleitung zum Klugsein für Beknackte, so ähnlich dürfte die passende Überschrift sein, die das hier braucht. So habe ich’s ja auch überschrieben, und das hat den Gedanken: Die Grenze zum Verrücktsein, also aus der Gesellschaft herausgerrückt zu sein, krank zu leben, ist oft nicht scharf. Es gibt reichlich unauffällige Spinner, die kaum stören. Auch wunderbar integrierte und tatkräftige Menschen müssen verarbeiten, dass Dinge um sie herum passieren, die sie nicht bis zum Ende ausforschen können, wo die genauen Motive zu verordnen wären. Paranoide Ängste sind zunächst einmal normal und notwendig. Der Gesunde legt für sich Wichtigkeiten fest und kommt gut klar damit, Unnötiges auszusortieren, als nicht der Rede wert, dem nachzugehen. Sein Vorteil ist, die Mehrheit hält ihn für gesund, wenn er bislang nicht negativ aufgefallen ist. Und der Nachteil der Leute mit psychiatrischer Vergangenheit ist ganz klar, dass jemand auch erst aufs Neue verrückt gemacht werden kann, wenn sich zu viele mit ihm beschäftigen, die glauben, dass er das sowieso ist: verrückt.
So gesehen können wir nie darauf hoffen, dass unangenehme Gedanken einmal aufhören und alles ganz normal wird – wie früher.
Halten wir fest: Die polizeilichen Ermittlungsverfahren, ihr Nachbar sei verrückt, beleidige sie, müsse weg, damit es würde „wie früher“, diese Beschreibungen aus Baden-Württemberg, die ich mal las, gingen ja alle von den alteingesessenen Bewohnern einer ruhigen Gegend aus. Der Beschuldigte war in Verteidigungshaltung, die juristischen Angriffe geschahen seitens der sich als normal Definierten drumherum. Es sind so gesehen Täter. Diese Nachbarn tun was, behaupten manches und ziehen damit zu Felde in ihren Krieg: „Der Mann muss weg!“ Die Methode ist, jedes noch so kleine Reagieren des Gegenüber zu potenzieren. Der zum Verrückten Deklarierte hat keinesfalls die Absicht wegzuziehen oder umgekehrt die Alteingesessen zu vertreiben. Er mag sich seltsam verhalten und finstere Blicke draufhaben. Er wird diese Nachbarn als Spießer (und mehr davon) verbal abweisen, schon oft beleidigt haben, aber nichts reichte bisher, ihn dauerhaft einzuweisen in eine Psychiatrie.
Es gab durchaus Krankenhausaufenthalte. Das stand so im Artikel. Kaum auf Station festgesetzt nach jedem Vorfall, verhielt er sich jedoch lieb zu allen Mitpatienten, und die Ärzte sahen keinen Grund, einen Beschluss fortzuführen, ihn dort zu behalten. Im Rechtsstaat zahlt sich Geduld aus und nicht Bösartigkeit. Das Gefährliche eines früheren Täters wird aber weiter beschrien, und es hilft nur seitens desjenigen, sich langfristig zu beruhigen. So war es auch bei Mollath, er saß ein in der Psychiatrie, weil er sich nicht wehren konnte gegen die Anklage, er sei gefährlich gewesen und könne weiter eine Gefahr bedeuten, als der Gefährder der er nun eben sei. Es hat gedauert für den Beschuldigten, da raus zu kommen. Die Gesellschaft provoziert ihre Kranken, drängt auch Behinderte generell an den Rand, verhält sich rassistisch gegenüber Andersartigkeit. So sind wir, und wenn wir selbst irgendwo Ausländer werden, raus sollen aufgrund unseres angeblichen Nichtpassens, müssen wir begreifen, was zu tun ist.
Die Masse wird sich nie ändern.
# Die Mehrheit ist dumm
Die Demokratie setzt auf Schwarmintelligenz, aber das ist auch problematisch. Die Techniken der allgegenwärtigen Kommunikation bergen neue Risiken. Eine große Gruppe mag sich untereinander darin bestärken und intelligent beleben, was zu tun ist. Diese Herde bleibt aber auch anfällig, einen tatsächlichen Kopf zu haben, den sie nicht durchschaut. Das wäre einer, der Informationen, nach denen die Bewegung ihre Wege bestimmt, bereits vorgekaut serviert hat.
Wir haben es durch die Umfragen im Blick und mitbekommen, wie unser Land wegdriftet. Der Wohlstand ist scheinbar bedroht durch neue Kriege, die Klimaproblematik, politische Desorientiertheit der Etablierten, und nicht zuletzt die Migration bereitet vielen Sorgen. Man schimpft drauflos. Zuwanderung und Asyl könnten besser und menschlicher strukturiert, letztlich sinnvoller geregelt werden in Deutschland, in Europa und überhaupt weltweit. Mal davon abgesehen, dass Probleme tatsächlich bestehen, sind diejenigen, die sich in die Brust werfen, sie wüssten, was zu tun ist, nicht unbedingt in der Lage, wirklich Verbesserungen herbeizuführen. Das hält Menschen nicht ab, ihre simple Wahlentscheidung nebenbei zu treffen, letztlich eine Richtung zu forcieren, die fatale Folgen haben könnte.
Zu meiner Jugend war es den Deutschen ernst mit ihrer Demokratie. Die Lager standen fest. Eine Seite entschied sich sozial, die andere konservativ, und eine eher kleine Gruppe suchte „etwas“ in der Mitte. Neben der FDP entwickelte sich der grüne Bedarf. Das funktionierte viele Jahre, dass Mehrheiten klar in den Köpfen, beinahe eingefressene Geisteshaltungen waren. Heutige Wähler wissen oft noch am Vortag einer Wahl nicht, wo sie schließlich ihr Kreuz machen werden! Das ist schlimm. Deutschland ist degeneriert. Im Klartext: Wir sind blöde. Möglicherweise eine kollektive, auch medizinisch relevante Demenz der gesamten Gesellschaft, eine krankhafte Geschichtsvergessenheit?
Eine politische Mehrheit in Deutschland will beim nächsten Mal die sogenannte „Alternative“ wählen. Wir sind also bereits zurück – in Nazideutschland angekommen.
Einfach zu denken hat Hochkonjunktur.
Es betrifft nicht die Politik allein. So wie die Gehirne der Alten heute oft durchlöcherte Käse bedeuten, die nicht mehr vernünftig kombinieren, erlebt die gesamte Bevölkerung ihre Erosion. Gestörte Verbindungswege, kaputte Synapsen. Unsere Eltern wussten, zu wem man ging, um etwa Lebensmittel zu tauschen „in der schlechten Zeit“. Das waren unsere Erzieher und Vorbilder.
Heute läuft manches anders. Ein gutes Beispiel ist, wir benötigten rund zwanzig Übungsfahrstunden für den Führerschein. Aktuell dauert so etwas typischerweise sehr viel länger, ist unglaublich teuer und ein Drama für manche, überhaupt mit dem Fahrzeug klarzukommen. Wir mussten uns alltäglich selbst entscheiden bei vielen Gelegenheiten. Es galt, sich im Verkehr, in der Gegend zu orientieren. Wir lernten Auto fahren mit Stadtplan. Kamen wir nicht klar, fuhren wir rechts ran, parkten und schlugen die entsprechende Seite nach, uns zu vergewissern, wie wir weiter mussten.
Menschen meiner Generation nehmen sich regelmäßig Zeit zu denken, schauen die Umgebung an, realisieren visuell und akustisch das Tatsächliche. Die Jugendlichen heutzutage sind flink im Netz. Viele brauchen aber lange, sich die nötigen Fähigkeiten etwa zum Auto fahren, für den Führerschein draufzuschaffen. Man erklärt das Phänomen: Als Kinder schauten sie nicht, „wie Papa lenkt“. Sie waren irgendwann angekommen, ohne zu wissen wie, weil sie unterwegs ein Hörspiel verfolgten oder sonst was machten.
Das unweigerlich kommende autonome Fahren wird den alltäglichen Verkehr zu einer ebensolchen Realität auch für Erwachsene weiterentwickeln. Das bedeutet, Defizite zu zementieren. Ich will sagen, unsere Eltern, die durch den Krieg klug Gewordenen; sie dachten praktisch und menschlich. Das waren unsere Lehrer. Heute hört niemand gern zu, wenn eine Lehrkraft vor der Klasse ihren Monolog hält. Man schaltet nur zu gern innerlich ab. Es funktioniert besser als früher. „Ich weiß schon!“, ist ein blödes Muster, das zwar nicht neu ist, aber das bedeutet nicht, hinter die anderen zurückzufallen. Die Aufgabe löst sich scheinbar leicht, fremdgesteuert, mit „vorgefertigter“ Intelligenz. Umfangreiches Wissen, Details zu jedem Thema stehen ständig zur Verfügung. Schule ist auf einem neuen Level. Der erprobte Unterricht wird als sogenannter „Frontalunterricht“ abgetan. Die jetzt heterogene Durchmischung der Kinder in einer Klasse benötigt andere Systeme. Es gibt kein Zurück zu einer „guten, alten Zeit“, die es so ohnehin nie gegeben hat.
# Als Gestrige werden wir Alten belächelt
Auf dem Höhepunkt der technisierten Kommunikation ist die wirkliche menschliche Nähe wie auch der gesunde Menschenverstand leider oft verloren gegangen.
Man findet sich anders zurecht – na gut. Digitale Informationen sind immer vorhanden. Das ist prima. Natürlich, Menschen mobbten schon immer. Noch nie aber so perfekt organisiert wie heute. Psychische Krankheiten sind in der Gesellschaft angekommen, weil man nicht mehr darüber hinwegsehen kann. So einfach ist das nicht, in der Leistungsgesellschaft nicht richtig zu funktionieren. Einen Therapieplatz möchten immer mehr, aber man sollte sich auch die Risiken überhaupt klarmachen, die uns bei jeder Suche nach Hilfe unweigerlich begegnen. Menschen mit Schwierigkeiten im selbstständigen Denken sind ein gefundenes Fressen für Übergriffige. Wer zum Arzt hin muss mit einer psychischen Störung, einer handfesten Erkrankung, nicht mehr klarkommt ohne medizinische Hilfestellung, dürfte realisieren: Dem psychisch labilen Menschen stehen – wenn sie von seiner Schwäche mitbekommen – sofort vielerorts dumme, aber bösartige Typen gegenüber.
Der Arzt selbst sogar muss nicht klug sein, nur weil das derjenige ist, dem man vertraut. Dann die Leute nebenan. Sie sind nicht freundlich. Die tun nur so. Besonders auch Senioren, nicht nur gestandene Männer, die nicht wissen, was sie an’ Tag bringen sollen mit ihrer freien Zeit, auch ehrenamtlich aktive Frauen mit den besten Motiven sind kollektiv unterwegs, sind aber geistige Waschweiber, tratschende Trutschen und fies wie nur was. Die rotten sich zusammen und halten sich für die, die in die Hand nehmen, was der Staat ihrer Meinung nach nicht hinbekommt! Die Mehrheit ist gefährlich und einfältig. Sie greift ihre Spitzenleute ständig an: „Wir wollen mehr Geld, weniger arbeiten, möchten Urlaub usw.“ Reiche sollen höher besteuert werden, ist eine ständige Forderung. Tatsächlich sahnen Vorstände und Management ab und sind keinesfalls gute Menschen. Ohne Kreativität gäbe es aber auch keine Entwicklung. Und das ist immer eine kleinere Elite mit ihren besonderen Einfällen. Es sind wenige, die uns alle voranbringen. Die Masse denkt einfach. Wer sich exponiert, wird angeblich bewundert, aber tatsächlich erfährt man an seiner letztlich isolierten Position jede Menge Neid.
Es macht keinen Sinn, alte Menschen pauschal als klügere darzustellen, weil sie es angeblich wären – im Vergleich mit der Jugend. Verstockte, unbelehrbare Senioren können genauso ein Problem bedeuten wie Jugendliche, die keine Perspektiven sehen. Wir haben eine Verschiebung der sozialen Anpassung. Altbekannte Fähigkeiten helfen nicht grundsätzlich in einer sich schnell ändernden Welt. Einige verweisen auf die auseinandergehende Schere zwischen Vermögenden und eher Mittellosen, Bildungsungerechtigkeiten? Das reizt mich kaum zu thematisieren. Mich treibt berufen um, wie sich Gruppen quer durch alle Altersschichten oder verschiedenen Geschlechts formieren, um Einzelne auszugrenzen. Das bedeutet keinesfalls eine neue Entwicklung, und wir können es nicht ändern. Deswegen muss der in seiner Verteidigungshaltung an die Wand gedrängte Mensch aber Strategien erlernen, die in unsere Zeit passen. Die digitalen Techniken erfordern Flexibilität von allen, und bewegliches Denken hilft am allermeisten.
Die Augen rundherum offen zu halten, ist jedenfalls gesünder, als der nur aufs Display fixierte Blick.
Psychisch Labile sollten nicht einfach machen, wie in der Therapie geraten, sondern selbstständig werden, von denen lernen, die gerade heute sich gut zurecht finden. Die Gegenwart bietet die besten Möglichkeiten, die größte Freiheit, die wir je hatten. Es ist erschreckend, dass diejenigen, die unsere moderne Vielfalt auch wirklich motiviert für sich und die Ausgestaltung ihrer Träume nutzen, weniger sind, als es sein könnten. Die „German-Angst“ lähmt uns. Das Land erstickt in Bürokratie. Dabei gäbe es so unglaublich viel Perspektiven. Man muss sie nur sehen.
# Im Dickicht lebt sich’s kompliziert
Der Rechtsstaat ist ein juristisch vielfältiges Konstrukt. Das zu begreifen, fällt vielen schwer. Wo die Polizei und der innländische Staatsschutz nach einiger Zeit verstehen, sich auf die wichtigen Gefährder zu konzentrieren, setzen die Profis ihre Spitzenleute dort ein, wo es pressiert. Das entrüstet den Klüngel im jeweiligen Dorf. Unsereinem, der ins Gerede gekommen ist, stehen alsbald weniger tatsächliche Beamte im Dienst gegenüber für ihre Ermittlungen, wohl aber die vielfältig organisierten Nachbarn. Es sind also Menschen, die man mindestens vom Sehen her kennt. Diese billigen Spione wurden nie richtig ausgebildet für ihre Versuche, eine Bürgerwehr hinzubekommen. Sie wissen scheinbar nicht, dass sie selbst bekannte Gesichter im Ort haben und das ihr Nachteil ist. Sie ahnen möglicherweise nicht einmal, dass sie Menschen sind, die ebenfalls gesehen werden, wenn sie so tun, als wären sie gerade beschäftigt mit bummeln, telefonieren, in ihren Sachen kramen usw. Die exponieren sich naiv im Wechsel vom freundlichen: „Hallo“ zum dann wieder umständlich inszenierten blinden Fleck in der Landschaft, den sie gern darstellen möchten.
„Ich hab’ dich wohl gerade nicht bemerkt.“
Durch ihr wiederholtes So-tun-als-ob fallen sie auf, merken es selbst aber nicht? Sie erliegen womöglich der Tarnkappen-Illusion, die als solche jeden von uns betrifft, der meint, andere ungestört anschauen zu können, selbst dabei nicht ebenso im Blickfeld zu sein. Ich schreibe aus persönlicher Erfahrung. Mir stehen Gegner gegenüber, deren Beschäftigung ist, meine Wege zu scannen. Das Ziel ist scheinbar, die Mehrheit zu informieren, wo gerade durch mich Gefahr droht? Das tatsächlich ist meine vernünftige Annahme! Ich spinne weniger, als einer wohl meint, der hier quer drüberliest und sehe alles sportlich. Dilettanten machen Spaß, wo doch ständig von Spionage berichtet wird. Wir leben nicht im Film. Wer glaubt, der Held sein zu können beim Opferschutz, sollte üben, die andere Seite, mich, ehrlicher zu betrachten. Leute, die Dreck auf ihre Nachbarn werfen, um sich selbst sauber zu fühlen, sind sehr aktiv – und mitnichten Opfer. Ähnliches hat sich in der Vergangenheit erwiesen. Es gilt, auf der Hut zu sein: Ich bin möglicherweise im Visier von Leuten, die einen potentiellen Täter mit dem irren Habitus latenter Gewaltbereitschaft erkennen möchten. Um das zu beweisen, hofft ein Grüppchen vor Ort mutmaßlich auf Situationen, wo man zwar kollektiv standhält, erwartet aber auch Möglichkeiten, mich später anzuzeigen wegen was?
Ich möchte nicht in eine Falle tappen, wo man mich gezielt provoziert, um anschließend zu behaupten, ich sei ausgerastet. Einander aus dem Weg zu gehen, kann ein sinnvolles Motiv sein. Es hilft schon, einmal mehr auszuweichen als vielleicht nötig. Wer könnte mein scheinheiliger Widerpart sein: Zu lernen ist, paranoide Überlegungen klar zu trennen von tatsächlichen Risiken. Man vermeidet geschickt bestimmte Begegnungen, umgeht Ansammlungen, in die man sonst unvorbereitet hineinstolpert. (Ich möchte immer emotionaler Sieger bleiben).
# Vorneweg und an der Spitze laufen
Kreativsein kann schließlich auch soziale Erfolge bedeuten und angewandte Klugheit: So bietet sich an, selbst der verborgene Kopf vom Schwarm zu werden. Man kann diese Leute tatsächlich zum Narren halten, die meinen, man wäre auf diffuse Weise irgendwie krank. Ihre größte Enttäuschung ist offenbar, die Tatsache einzusehen, dass ich, der Dorfkünstler, ein bloß freundlicher Zeitgenosse bin? Menschen, deren Leben für sie selbst war, sich täglich zu wiederholen, können im Alter nichts mehr aus sich rausholen als nur Gesabbel. Solches Gerede nutzt sich allmählich ab, und dann bleibt noch der Rollator und erkennbar blöde Demenz. Ich freue mich bereits auf die wahrscheinlich baldige Zukunft, lasse es an Respekt vermissen und gefalle mir zu spotten – jeden Tag.
Anders als mancher Einzelgänger oder hier verlorener Asylbewerber mit Rückflugticket bin ich integriert und an der Küste bekannter und erfolgreicher Regattasegler!
Sportlichkeit ist das beste Mittel gegen Verzagtheit und Kreativität hilft auch. Medizinisch ungebildete Laien sind unser hartnäckigster Gegner, wenn wir eine psychiatrische Vergangenheit haben und diese bekannt ist. Zudem können selbsternannte Aufräumer und vermeintliche Schutzpersonen nicht wirklich effektive Polizeiarbeit hinbekommen. Sie stehen bei allem, was sie anschieben, mit einem Bein außerhalb des Gesetzes. Derartige Gutmenschen machen leicht einen Fehltritt, der sie schließlich selbst in Schwierigkeiten bringt.
Dumme Menschen sind gefährlich. Man unterschätze eine verschworene Gemeinschaft niemals. Ihre Schwäche ist aber die unhaltbare Annahme (von der sie ausgehen), sie selbst seien gute Menschen und berechtigt zu richten. So gehen Kirchenleute dran und missbrauchen Schutzbefohlene, so töten vernagelte Radikale. Die Menschen, die Sophie Scholl töteten, meinten, dem Recht zu dienen. Es gab den Beruf des Henkers in Deutschland. Weiter werden anderswo Menschen getötet von Menschen, die sagen, sie hätten dazu das Recht. Die Überzeugungen von unseren Nachbarn können zwanghaftes Denken sein, das lässt sich nicht verbieten, und viele verbergen ihre Ansichten gut. Verstreichende Zeit im gegenseitigen Zusammenleben am selben Ort kann zum besten Helfer werden für einen, der bereit ist, Gelassenheit zu üben.
# Was zu tun ist
Hier gilt es, grundsätzliche Grenzziehung zu erlernen, neurotische Überreaktionen zu vermeiden, und eben so wenig wie möglich zu machen mit anderen – wenn man sich das leisten kann. Freundschaften leiden und einsame Momente kommen unausweichlich, aber man tut nun, was man will, machen kann im Rahmen des Gegebenen. Es gibt innere Stärke. Das bedeutet, möglicherweise wahnhaften Gedanken ernst zu nehmen, sich eine offensive Haltung auszudenken. Damit kann einer tatsächlich die Umgebung zum Narren halten. Das aber nur dann, wenn diese Leute drumherum auf ihn starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Alle anderen, die nur irgendwie unterwegs sind, werden immer unbeeindruckt ihrer Wege gehen. Sie machen ihre Besorgungen, haben eigene Motive und gut ist’s. Wenn wir nun Haken schlagen, kann das die Befriedigung schlechthin sein, bedeuten, Elefanten zu verjagen, wie es bei Watzlawick beschrieben wird in einem Witz.
Ein Mann irgendwo, vielleicht im Warteraum einer Anlage, einer Hotellobby oder so, wo noch welche lesen, einfach herumsitzen – was weiß ich, kommt regelmäßig drauf, aufzustehen und laut in die Hände zu klatschen. Zur Rede gestellt, was das solle, sagt der Mann:
„Ich verscheuche die Elefanten.“
„Aber hier sind doch gar keine Elefanten!“
Antwortet der Klatscher: „Sehen Sie, es wirkt.“ Das habe ich mir gemerkt, denke sowieso: Mit ein wenig Humor ist das Leben leichter …
🙂