Ich weiß nicht, ob dies hier ein Nachruf ist?

„Einer der einflussreichsten Vertreter zeitgenössischer Kunst ist tot: Mit 88 Jahren ist der britische Künstler David Hockney in London verstorben. Seine Werke erzielten auf Auktionen Rekordpreise. Geboren wurde Hockney am 9. Juli 1937 im nordenglischen Bradford und wuchs in den Hungerjahren der Nachkriegszeit auf. Nach seiner ersten Einzelausstellung Anfang der 1960er Jahre zog er nach Hollywood und lebte später abwechselnd in Großbritannien und Kalifornien. Der sonnige US-Staat bot ihm sowohl als Künstler als auch privat ungewohnte Freiheiten. Hockney machte nie ein Geheimnis daraus, dass er schwul war, selbst als Homosexualität in Großbritannien noch illegal war.

,David Hockneys bleibendes Vermächtnis spiegelt seine grundlegende Lebensfreude, seinen herausragenden Sinn für Humor, seine immense Großzügigkeit und seine forschende Neugierde wider‘, hieß es in einem von seinem Umfeld publizierten Statement.“ (Tagesschau, 12.06.2026).

# Alte Geschichten

Das kam zum Ende meines Studiums (was ich erzählen möchte), als wir bereits in der Wartenau waren. Rüdiger Stoye hatte sich auf die Nachfolge von Siegfried Oelke beworben und die Professur bekommen. Ich war bereits bei Gero und wollte nebenbei von Dieter Wiesmüller wissen, warum er kein Professor werden wollte, seinen Hut nicht in den Ring geworfen hatte? Dieter blieb ganz entspannt und spottete auch ein wenig, dass Rüdiger es vielleicht nötig habe? Wiesmüller war hauptsächlich Illustrator und mochte allenfalls nebenbei unterrichten. Da genügte ihm das Lehrbeauftragtersein offenbar vollkommen. Der gute Lehrer hatte so einen leichten Sarkasmus drauf, und das mochte ich. Verstanden habe ich, glaube ich, damals wenig vom Leben. Ich kam auch gut klar mit Rüdiger, der eine humorige Art an den Tag legte und immer offen und hilfsbereit aufgetreten ist.

Mit ihm, Sabine Wilharm und natürlich mit unserem Professor Gero Flurschütz waren wir auch in Bologna zur Kinderbuchmesse. Ich bin sorgar zweimal dort gewesen. Einmal mit der Bahn und einmal mit dem Bus. Bei einer der Fahrten war Katrin mit dabei, die ich vom Musical-Projekt e.V. kannte – und frech dazugeworben hatte, einfach mitzureisen. Das erwies sich als ganz wunderbare Idee, weil sie italienisch sprechen konnte auch in schwierigen Lagen, als uns das ausgewiesene Hotel in Bologna im Stadtkern als Reisegruppe nicht kennen wollte. Wir sind etwas außerhalb untergekommen, und das verdanken wir auch meiner Freundin, die gar nicht an der Armgartstraße eingeschriebene Studentin war.

Ich war mehrere Jahre in der Wartenau Student. Siegfried Oelke bin ich nur kurz begegnet, ohne zu begreifen, wie wichtig er gewesen ist. Er starb bald, noch bevor mein zweiter Teil des Studiums nach der Zwischenprüfung richtig anfing. Oelke unterhielt sich mit Martin Andersch, und ich erinnere mich daran, den beiden zugehört zu haben. Es ging um ein großes Illustrationsprojekt. Der renommierte Künstler regte sich maßlos über seine Auftraggeber auf, die nicht begriffen, was er gezeichnet hatte als Entwurf für eine Gestaltung von Resten der Berliner Mauer.

Mit Martin, den ich später duzte, und auch mit Ben, der anfangs noch Pirat segelte im Mühlo, traf ich mich oft auch privat. Ben hatte das Boot von Frank gekauft, ein Freund von mir aus der Segelszene. Weil sein Vater Martin das Foto von dieser Jolle im Portemonaie dabei hatte, begriffen wir beide, mein Professor und ich, dass wir eine Affinität zum Segeln und zur Küste mitbrachten. Mein lieber alter Schriftprofessor, der Bruder vom Schriftsteller Alfred Andersch, ist leider früh verstorben. Ben bin ich noch oft begegnet. Er war dann auch bei der „Yacht“ – wie ich.

Mit so einer Todesnachricht von David Hockney in den Nachrichten kommen alle Erinnerungen zurück!

Hockney war eine erste Inspiration, was man mit einem Talent überhaupt machen könnte? Man muss sich das so vorstellen, meine Eltern waren Fischhändler. Meine Großväter sind Kapitäne gewesen. Damit beschränkte sich meine Kenntnis von Kunst auf maritime Malerei von etwa Joh. Holst, Schnars-Alquist, Anton Otto Fischer – und sonst allenfalls Goya, Velázquez oder Rembrandt: „Der Mann mit dem Goldhelm“, eine damals an allen Ecken reproduzierte Darstellung. Wir wussten natürlich in der Familie, was Picasso alles bewegt hatte. Das ist ja Allgemeingut. In der Schule sah ich, was die Impressionisten gemalt hatten und Gerd Kröger, mein Lehrer an der Realschule, mochte Nolde. Ich kannte die Bilder von Liebermann in der Kunsthalle und Leibl hängt auch dort: „Die drei Frauen“. Ich hatte verstanden, das Caspar David Friedrich ein politischer Maler war.

An Hopper kam man nicht vorbei im Studium, und das wurde ein fantastisches Ideal.

Durch Gero lernte ich die Kinderbücher von William Kurelek kennen. Ich bestellte sie mir original in Kanada und bezahlte mit Briefmarken, glaube ich. Das ging mit der Post. Man schrieb einen Brief in Schulenglisch, und dann kam auch irgendwann eine Antwort. Mit Flash Gordon-Comics klappte das ebenfalls sehr gut bei Pollischansky in Österreich. Bei einem der Besuche auf der Kinderbuchmesse in Bologna standen großformatige Originale von Kurelek beim Stand von seinem Verlag. Man durfte ganz nah rangehen und sich alles ansehen.

Ich konnte ausgesprochen gut zeichnen, aber ich wusste nichts damit anzufangen: Hockney ist ein ganz unglaublicher Zeichner gewesen. Für mich eine Welt. Das Buch „Bilder von David Hockney“ habe ich immer und immer wieder durchgesehen. Besonders auch „Faces“, das nur Zeichnungen enthält; die beiden wurden zu absoluten Lieblingsbüchern. Ich las auch den Text. Hockney hat eine wunderbare Sprache. Ganz einfach und konkret. So wollte ich auch sein.

Ich bin gerade mal auf die Suche gegangen, und es hat nicht lange gedauert, einige Schätze auszugraben in meinem doch recht unordentlichen Atelier: „Faces“ (Hockney), „Bilder von David Hockney“ und Tomi Ungerers „America“ ließen sich schnell finden. Auch „Der Herzinfarkt“ (Ungerer) und „Das Kinderalbum“ (Menzel) konnten sich nur kurz vor meiner detektivischen Spürnase verbergen. Meine vielen Hopper-Bände blende ich aus, denn eine Sache möchte ich an dieser Stelle beichten:

Drei der anfangs genannten Lieblingsbücher mit Bildern, Zeichnungen von Hockney und Tomi Ungerer sind tatsächlich Originale aus der Schulbibliothek. Sie wurden eigens von Rüdiger Stoye an mich ausgegeben mit warmen Worten, das sei doch was für mich, und ich habe es zu wörtlich genommen.

Die habe ich nie zurückgegeben.

# Alle sterben irgendwann

Eine späte Begegnung sozusagen gab es mit dem seinerzeit noch lebenden David Hockney, das möchte ich versuchen wiederzugeben. Tatsächlich habe ich mich weiter nie für seine zeitgenössische Sachen interessiert. Ich blieb kreativ stehen bei den Inspirationen der wenigen Bücher, die ich nebenbei eingesackt, kennen und lieben gelernt hatte.

Als wir mit unserem damals kleinen Sohn die ersten Urlaube im Sommer machen wollten, meine Frau und ich, überlegten wir, es nicht mit unserer Jolle zu probieren, in der Ostsee damit zu segeln. Wir wären Freaks gewesen und auch verantwortungslos. Ich hätte die Sicherheit nicht garantieren können. Wir nahmen also das Auto und bereisten Dänemark komfortabel, wohnten über die Jahre für jeweils zwei Wochen in verschiedenen Ferienhäusern. Später waren wir dann auch oft in Lille Heddinge bei einer Freundin, die dorthin umgezogen ist. Dänemark ist wunderschön. Bei einer dieser ersten Fahrten mit unserem grünen Opel, das erste gemeinsame Auto, kamen wir an einem schönen lauen Abend am gemieteten Ferienhaus an. Das war irgendwo auf Fünen. Dort gab es einen großen Garten, und der schmucke Altbau (gelber Putz) war oben mit Reet gedeckt.

Um es kurz zu machen, ich hatte mir auch Bücher mitgenommen, und um nun endlich zum Punkt zu kommen, eine Wochenzeitung mit viel Papier zum lange drin blättern war auch im Gepäck: „DIE ZEIT“. Das kann man im Urlaub gut haben, mal länger schmökern? So dachte ich’s mir. Dort im hinteren Bereich vom umfangreichen Qualitätsblatt für gebildete Leser, wo es auch um Kunst und Kultur gehen sollte, gewährte man dem berühmten David Hockney eine volle Seite. Ich erinnere es genau. Der britische Ausnahmekünstler nutzte das zur Verfügung gestellte Papier (so weit ich es erinnere) aber ausschließlich für eine spöttische Glosse gegen die damals aufkommenden Gesetze gegen das Rauchen. Er sprach sich vehement für das unbeschwerte freie Qualmen aus und konnte sein lustvoll böses Lament ganzseitig gern ablassen an diesem renommierten Platz – auf Deutsch übersetzt wohlgemerkt. Das dürfte man heute gar nicht unkommentiert schreiben (und wenn man der Kaiser von China wäre), das gäbe den Shitstorm sowieso.

„Wie alt sollen die Leute denn noch werden?“

Das fragte der Entrüstete und hatte zahlreiche Beispiele parat, wie bescheuert die Welt geworden wäre. Dem kann ich nur zustimmen. Ich hatte seinerzeit gerade Allen Carrs „Endlich Nichtraucher“ gelesen, und bis heute habe ich mir nie wieder eine angesteckt. Ganz einfach. Meine Entscheidung. Aber was die Leute der Gegenwart bezüglich des Rauchens aus allem machten – diese Warnhinweise, das ganze Dampf- und Plastikzeugs, diese Nikotindinger im Zahnfleisch, was weiß ich, die Canabis Legalisierung und überhaupt, die üppige Drogenpartylandschaft, die wir haben –, alles ist noch viel bescheuerter geworden. Die ersten Reglementierungen damals; hilflose Blödheiten meiner Meinung nach, die nichts besser gemacht haben. Man konnte ganz normal rauchen oder es lassen. Ich vermisse diese Selbstverständlichkeit, ganz ehrlich, und war schon damals voll bei Hockney. Genützt hat’s nix.

David Hockney hat seine Eltern gezeichnet, seinen Vater, und auch ich habe mich immer wieder dran versucht, letzte Erinnerungen festzuhalten. Da bleibe ich stets dankbar, dass ich nicht nur so viele gute Lehrer hatte, sondern auch über den Tellerrand schauen durfte zu den noch größeren Meistern ihres Fachs. Ich weiß schon, was ich mit mir anfangen kann heute, und das ist ja nicht selbstverständlich, dass man’s irgendwann merkt. Hockney inspiriert. Das Wissen um seine Kunst ermöglichte mir, ein bleibendes Geschenk festzuhalten mit den gezeichneten Erinnerungen.

🙂