Unterwegs

„Steady State“ ist englisch, bedeutet einen stetigen Zustand, ein System im dynamischen Gleichgewicht. Messbare Eigenschaften (wie Konzentration, Temperatur oder Geschwindigkeit) verändern sich über die Zeit nicht, obwohl ständig Stoffe, Energie oder Daten zu- und abfließen. Sport, Medizin: Ein sehr langsames, gleichmäßiges Steady-State-Laufen (oft auch Grundlagen- oder Zone-2-Lauf genannt) bringt den Körper in ein physiologisches Fließgleichgewicht. Wenn man extrem langsam startet, schaltet der Stoffwechsel auf aerobe Fettverbrennung um, der Puls stabilisiert sich und nach einer gewissen Einlaufphase verschwindet das anfangs schwere Gefühl, sodass ein Gefühl von Leichtigkeit und schierer Endlosigkeit entsteht. (Google-Suche).

„Entschleunigung“, ein vergleichsweise neueres Wort, passt dazu. Man überlegt sich, ob es auch langsamer geht, und mit diesem Begriff ist der Alltag im Fokus und keine kurze Sportsequenz. Das Hetzen, Rasen, um des Rasens willen, immer im Blick zu behalten, kann uns zur Ruhe bringen und die Sinnlosigkeit der Eile meistens vor Augen führen. Das ist aber keine neue, etwa moderne Idee. „Suche Frieden und jage ihm nach“ (ein bekannter Psalm) oder „diene deinem Herrn, bis die Gewissheit zu dir kommt“ (eine Sure aus dem Koran) sind alte Weisheiten. Seit langer Zeit Überliefertes erinnert auch den modernen Menschen daran, sich zu sammeln, zu besinnen.

Eile im übertragenen Sinn ist nicht einfach Tempo. Dahinter steckt die oft unklare Motivation zu müssen, ohne den Druck zu begreifen. Individuelle Zwänge sind das, die manche andere nur überflüssig fänden? Einen Spiegel bemerken, sich selbst mal wie von außen sehen: Ein albernes Leben kommt dem, der es bemerkt, wie weggeworfene Zeit vor.

Höchste Zeit also, mit den Blödheiten aufzuhören!

Das Widersprüchliche unseres Seins zeigt sich im paradoxen Wort. Friede bedeutet Ruhe, Erholung vom Streit, aber hinterherjagen? Das heißt nicht, auf der faulen Haut zu liegen. Und dem Herrn, den man sich irgendwie vorstellt, nur so lange ein Diener zu sein, bis man begreift, einem Götzen gefolgt zu sein, dürfte das Nachlaufen beenden. Den Tod nicht fürchten zu müssen, scheint möglich mit dem passenden geistigen Rüstzeug, der gehörigen Portion körperlicher Gelassenheit. Wer sich selbst wertschätzt, dient auch dem großen Ganzen besser, der Familie, dem Land als jeder Prinzipienreiter, Eiferer oder Moralist. Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit, obwohl die Umgebung irritiert: Sinnsprüche wollen uns in diesen Zustand versetzen, wo wir dem Gral nicht länger nachjachtern müssen, sondern angekommen sind und getragen werden, komfortabel mitgenommen, unterwegs im Fluss des Lebens schippern sowieso.

# Kurze Geschichte

Ich war gestern losgefahren, nach der Jolle zu schauen: Wasser rausnehmen. Das macht man, wenn man ein kleines Holzboot besitzt, regelmäßig. Mit dem Auto nach Wedel – ab der Durchfahrt im Canyon in Rissen setzte leichter Niesel ein, so doof. Beim Einbiegen in die Straße zum Yachthafen, kurz hinter der Sonne, wo der Planetenlehrpfad beginnt, bemerkte ich zwei Mädchen am Straßenrand. Sie drehten sich gleich um, als sie meine Motorgeräusche mitbekamen.

Da hält man doch an.

Unter Seglern nicht ungewöhnlich, mit der S-Bahn Angekommene die letzten Meter zum Boot mitzunehmen.

# Gegenwart!

Die steigen also ein bei mir, eine vorn auf den Beifahrersitz, sie lächelt mich an mit Brackets, die andere flachsblond, beides Schülerinnen oder gerade volljährig – hübsch. Nummer zwei geht auf die Rückbank. Ich fahre wieder los.

Wir reden.

„Wie blöd, jetzt noch Regen.“ Ich denke, es ist Mittwoch, wahrscheinlich „Mittwochssegeln“, die werden irgendwo mitfahren. Ich werde gefragt:

„Haben Sie ein Boot?“

Ich erkläre mich als Segler meiner H-Jolle seit 1986, wäre dabeigeblieben wie Piet. Die anderen hätten ja alle große Schiffe inzwischen.

Das kommt gut an.

Ob mir ein Jugendwanderkutter ein Begriff sei?

# Intermission

Eine Pause machen. Das Segeln, Regatten, Wettkämpfe – und so vieles. Die Unterelbe, meine Vergangenheit, beides ist lang (und vertraut). Ich denke aber an diesen Mann, der in einer fremden Stadt den Bahnhof sucht, sich durchfragt, schließlich das Hauptgebäude einer größeren Architektur findet. Der Mann eilt zu den Anzeigetafeln, muss, meint er, rüber bis Gleis fünfzehn oder so, kommt schnaufend an, aber da springt die Tafel um: „Zug fährt heute abweichend auf Gleis eins“, er hetzt zurück.

Er kommt zu spät.

Der Zug, er sieht nur den letzten Wagen noch von hinten, der Zug ist abgefahren. Er geht zur Info. „Heute kein Zugverkehr mehr“, ist das Ergebnis der Nachfrage – und morgen? „Da auch nicht.“ Kein Zug fährt noch, nie mehr gibt es diese Verbindung!

Es war die letzte Chance, und der Mann hat sie verpasst.

Zugegeben, das könnte Kafka sein, ist nicht real.

Eine solche kurze Geschichte will aber ein Gemälde bedeuten und Fantastisches erzählen, Gedanken anstoßen. Weiterkommen, weiter zu fahren, aber im passenden Tempo, geht das? Nachdem man sich selbst quasi, überhaupt alles grundsätzlich verpasste? Und nun doch neue Leichtigkeit erleben?

Alte Bilder, neue Bilder: So wie dieser Mann kann man trotzdem angekommen sein, das habe ich erfahren. Eine Bestandsaufnahme bleibt unweigerlich für den, der zurückschaut. Mein Resümee kann nicht verbergen, die Unzufriedenheit der letzten Jahre ist dem zunehmend Unerreichbaren geschuldet gewesen. Ein Drang, warum man immer meinte zu wollen. Einzusehen, dass die alten Motive sinnlos geworden sind, ernüchtert?

Wer nun resigniert, hat nichts begriffen.

Neue Horizonte morgen.

# Heimathafen

Die kurze Fahrgemeinschaft, die wir sind, wir plaudern also über die Segelei und: „Oh – der neue Kran ist fertig!“ „Ja, der ist fertig.“ Dann parke ich, und die beiden gehen zu ihrer Mannschaft (die wohl in der Westanlage wartet), und ich muss entgegengesetzt los und runter (bei der Tankstelle) in die andere Richtung.

„Danke fürs Mitnehmen.“

„Einen schönen Nachmittag!“

Was man so sagt.

🙂