Unterwegs

Steady State ist englisch, bedeutet einen stetigen Zustand, wo sich ein System in einem dynamischen Gleichgewicht befindet und sich seine messbaren Eigenschaften (wie Konzentration, Temperatur oder Geschwindigkeit) über die Zeit hinweg nicht verändern, obwohl ständig Stoffe, Energie oder Daten zu- und abfließen. Sport, Medizin: Ein sehr langsames, gleichmäßiges Steady-State-Laufen (oft auch Grundlagen- oder Zone-2-Lauf genannt) bringt den Körper in ein physiologisches Fließgleichgewicht. Wenn man extrem langsam startet, schaltet der Stoffwechsel auf aerobe Fettverbrennung um, der Puls stabilisiert sich und nach einer gewissen Einlaufphase verschwindet das anfangs schwere Gefühl, sodass ein Gefühl von Leichtigkeit und schierer Endlosigkeit entsteht. (Google-Suche).

„Entschleunigung“ ist ein vergleichsweise neueres Wort, man überlegt sich, ob es auch langsamer geht, und mit diesem Begriff ist der Alltag im Fokus und keine kurze Sportsequenz. Immer das Hetzen im Blick haben, das Rasen, um des Rasens willen, kann uns zur Ruhe bringen und die Sinnlosigkeit der Eile meistens vor Augen führen. Das ist keine neue, etwa moderne Idee. „Suche Frieden und jage ihm nach“ (ein bekannter Psalm) oder „diene deinem Herrn, bis die Gewissheit zu dir kommt“ (eine Sure aus dem Koran). Sinnsprüche wollen uns in diesen Zustand versetzen, wo wir nicht länger hinterherjagen müssen, sondern angekommen sind und getragen werden, komfortabel mitgenommen, unterwegs im Fluss des Lebens schippern sowieso.

# Kurze Geschichte

Ich war gestern losgefahren, nach der Jolle zu schauen, Wasser rausnehmen. Das macht man, wenn man ein kleines Holzboot besitzt, regelmäßig. Mit dem Auto nach Wedel, ab der Durchfahrt im Canyon in Rissen setzte leichter Niesel ein, so doof. Mit dem Einbiegen in die Straße schließlich zum Yachthafen, kurz hinter der Sonne vorn, die den Beginn vom Planetenlehrpfad bedeutet, bemerkte ich zwei Mädchen am Straßenrand, die sich tatsächlich gleich umdrehten, als sie meine Motorgeräusche mitbekamen.

Da hält man doch an.

Unter Seglern nicht ungewöhnlich, mit der S-Bahn Angekommene die letzten Meter zum Boot mitzunehmen.

# Gegenwart!

Die steigen also ein bei mir, eine vorn auf den Beifahrersitz, sie lächelt mich an mit Brackets, die andere flachsblond, beides Schülerinnen oder gerade volljährig, hübsch. Nummer zwei geht auf die Rückbank.

Wir reden.

Wie blöd, jetzt noch Regen. Ich denke, es ist Mittwoch, wahrscheinlich „Mittwochssegeln“, die werden irgendwo mitfahren. Ich werde gefragt:

„Haben Sie ein Boot?“

Ich erkläre mich als Segler meiner H-Jolle seit 1986, wäre dabeigeblieben wie Piet. Die anderen hätten ja alle große Schiffe inzwischen.

Das kommt gut an.

Ob mir ein Jugendwanderkutter ein Begriff sei?

# Intermission

Ich denke an diesen Mann, der in einer fremden Stadt den Bahnhof sucht, sich durchfragt, schließlich das Hauptgebäude einer größeren Architektur findet. Der Mann eilt zu den Anzeigetafeln, muss, meint er, rüber bis Gleis fünfzehn oder so, kommt schnaufend an, aber da springt die Tafel um: „Zug fährt heute abweichend auf Gleis eins“, er hetzt zurück.

Er kommt zu spät.

Der Zug, er sieht nur den letzten Wagen noch von hinten, der Zug ist abgefahren. Er geht zur Info. „Heute kein Zugverkehr mehr“, ist das Ergebnis der Nachfrage – und morgen? „Da auch nicht.“ Kein Zug fährt noch, nie mehr gibt es diese Verbindung!

Es war die letzte Chance, und der Mann hat sie verpasst.

So kann man auch angekommen sein, erkennend, dass die Eile der vorangegangen Jahre einem (zunehmend) sinnlosen Motiv geschuldet gewesen ist.

Wer nun resigniert, hat nichts begriffen.

# Angekommen

Die kurze Fahrgemeinschaft, die wir sind, wir plaudern also über die Segelei und: „Oh – der neue Kran ist fertig!“ „Ja, der ist fertig.“ Dann parke ich, und die beiden gehen zu ihrer Mannschaft (die wohl in der Westanlage wartet), und ich muss entgegengesetzt los und runter (bei der Tankstelle) in die andere Richtung.

„Einen schönen Nachmittag!“

Was man so sagt.

🙂