Andere arbeiten
Eine kleine Bleistiftzeichnung liegt vor mir, der Blick auf einige Häuser am Hang in Blankenese. Dahinter erkennt man angedeutet die Elbe bis in die Süd. Das habe ich 1978 gezeichnet. Das Blatt (aus einem Briefblock mit unliniertem Papier, der gerade zur Hand war) ist mit einer Jahreszahl von mir signiert unten links. Ich bin also dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen, als ich bei Verwandten am Fenster sitzend das Motiv zeichnete.
Schiffe sind nicht zu sehen. Ein grauer Tag offenbar. Wir hatten keine Smartphones. Es gab normale Beschäftigungen. Man spielte mit historischen Schiffsmodellen, Minitrix Eisenbahn war da. Kinder wie wir bauten Kartenhäuser, rechneten Schachbretter durch nach Verdopplung (so weit es möglich war) oder man führte den Erwachsenen besondere Zaubertricks vor, bis alle genug hatten. Wir falteten neue Schwalben aus Papier, um Rekorde zu brechen und bauten einfallsreich konstruierte „Fallraketen“ aus Pappe, die wir im Treppenhaus abwärts segeln ließen. Kleine Balsafregatten wurden gebastelt und sollten im Seekrieg auf dem Teppich Hornblowers englische Flotte sein.
Wir spielten auch draußen. Blankenese hat Elbstrand. Es gibt dort Treibholz, und Ostern brennen die verschiedenen Feuer. Das alte Haus in der schmalen Hauptstraße hatte zudem einen kleinen Steingarten mit Schaukel, glaube ich mich zu erinnern. Da konnte man auch spielen. Es gab sogar einen langen, überdachten Außenbereich hinter einer niedrigen Mauer. Das Mäuerchen machte es privat, schützte vor Blicken der wenigen Passanten, die nahebei einen Weg zwischen den verwinkelten Fassaden und Hinterhöfen überall am Berg suchten. Wir schossen dort mit einem Luftgewehr Eierbecher! So nannte man die kleine Munition aus Weichblei.
Schöne Kindheit!
Gezeichnet habe ich schon immer. Ich konnte es bereits als Kind sehr gut. Ich erinnere, mein heute verstorbener Onkel meinte zu mir, als ich Jugendlicher war: „Du hast ja Talent, wir anderen müssen arbeiten.“ Die Ironie verstand ich seinerzeit nicht. So gesehen deuteten sich meine späteren Probleme bereits an! Mit dem eigenen Kind wollen Eltern es gut machen. Da verwundert nicht, wie zwischen den Familien gelegentlich Konkurrenz aufkommt. Mein Vetter galt als guter Rechner. Sein Vater hatte sich kaufmännisch im Handel mit Werkzeugmaschinen selbstständig gemacht, wir mit dem Fischladen in Wedel. Jedes Jahr Silvester gab es wechselseitig Karpfenessen in Blankenese oder bei uns, anschließend Knallen wie doof. Mit meinem engsten Freund dieser Jugendzeiten aber rede ich kein Wort mehr. Das geht von mir aus. Zur Beerdigung des erwähnten Onkels ging ich nicht hin, und auch den Teil der Familie um meinen zweiten Onkel, der jünger ist und noch lebt, ein Bruder meiner Mutter, meide ich konsequent.
Was diese als Klüngel handelnde Gruppe geboten hat, können sie nicht wieder gut machen.
Deswegen ergibt sich die spannende Frage nach Neid, Erfolg und Talent für mich auch allgemein einmal mehr, weil unser sozialer Status in der Gesellschaft untrennbar vom Verdienst und der Lebensleistung geprägte Werte sind. Man kann nicht einfach nur gut sein, um Erfolg zu haben. Etwas zu können, heißt nicht, damit Geld zu verdienen oder Ansehen. Das müssen Kinder und Jugendliche begreifen lernen. Bewertung ist Ernährung und Existenz in der spezialisierten Zivisilation. Machen allein genügt nicht. Wer also jung aufbricht, erlebt sein Erwachsenwerden im zunehmend selbst gewählten Weg. Ein anderer verpasst den Reifeprozess, weil Selbstüberschätzung ihn zu Fall bringt. Die daraus resultierenden Rückschläge können zu heftig sein, um jemals zu begreifen oder jedenfalls zur Zeit noch zu verstehen, dass man endlich nachsteuere. So war es bei mir.
Ich hatte Talent, ja.
Aber das mit dem Arbeiten hat nie so gut geklappt, dass man von einer Existenz reden könnte, ein aus eigener Leistung erreichtes Ganzes. Ich benötigte immer das von anderen verdiente Geld als derjenige psychisch Kranke, der nicht effektiv genug leistet, seinen Teil nicht erbringt. Für meine Existenz waren andere maßgeblich involviert, und ich kann das gern zugeben. Eine kreative Lebensleistung, die sich sehen lassen kann, habe ich. Die Anerkennung gebe ich mir selbst.
Das wird nie bezahlt werden.
„Nach dem Tode berühmt“, gilt für Künstler bekanntlich gern. Haha. Das nützte mir nicht, ist auch unwahrscheinlich. Gut möglich, ich werfe noch alles weg, solange Zeit dafür bleibt! Es gäbe mir womöglich die Genugtuung, die ich heute vermisse? Wer schaffen kann, kann auch zerstören. Das Narzisstische ist unser Partner in der Kunst. Manche kennen das Problem, über die Maßen gemocht werden zu wollen, und besonders den häufigen Nachteil dieses Strebens, beim Gegenteil anzukommen, wo man hinwollte. Welche Richtung jemand einschlägt, Künstler zu werden oder sich zufrieden gibt mit nur irgendeiner Anstellung irgendwo, hängt maßgeblich damit zusammen, was man sich zutraut, einem geraten wird. Eltern sind nicht unbedingt begeistert von ihrem Sprössling, wenn dieser für sie haarsträubende Ideen konkretisiert. Zum Erfolg gehört die Arbeit untrennbar dazu, zum Talent oder eben auch dem Wunsch, was einer sein möchte. Ist Musizieren einfacher als Malen, ist angestellt zu sein in bloß irgendeinem Laden leichter, als sich mit was selbstständig zu machen? Dazu gibt es viele Meinungen. Zunächst aber bedeutet jede Sparte für sich, ihren Herausforderungen begegnen zu müssen, und da spielt eine Rolle, was der Betreffende selbst mitbringt. Nur ein Beispiel: Als kleiner – zwar sportlicher – Mann mit Ballgefühl dürfte jemand nie in die Weltspitze beim Basketball vordringen. Muss man das wollen? In die Diskussion zum Thema, ob die eine Sache schwieriger zu meistern sei als eine andere, gehört immer noch als notwendige Frage mit hinein:
„Für wen?“
# Trompete!
Da lese ich einen Post vom Musiker, der als Thread fungiert und das Thema unterschiedlicher Schwierigkeiten aufgreift, die es mache, sein Instrument „Trompete“ zu spielen – im Vergleich mit anderen im Orchester.
Zitat, gekürzt:
Und zwar frag ich mich oft, ob für andere Instrumente auch soviel Zeit zum Üben drauf geht, oder ob das Trompetenspielen einfach besonders schwer zu erlernen ist?
Ich kenne nämlich einige Leute, die spielen Horn, Tenorhorn, Sax, Klarinette, Oboe, Flöte usw. und denen merkt man kaum an, dass sie wochenlang nix geübt haben. (…) geben lauthals zu, dass sie nur 1x pro Woche üben – und das meistens nur bei der Probe. Und sie bringen ihre erste Stimme locker durch die Probe bzw. durch diverse Konzerte. (…). Wenn ich mal ’ne Woche nicht übe, dann bringe ich die erste Stimme nicht raus, weder auf dem Flügelhorn noch auf der Trompete. (…). Ist das dann einfach Talent oder (…) hängt (…) damit zusammen, dass andere Instrumente einfacher zu spielen sind? (…). (Sind andere Instrumente leichter zu spielen? leonfair, 25.10.2011, Trompetenforum).
Zitat Ende.
Das soll jetzt erst einmal so stehen bleiben. Mir geht es um Schwierigkeiten an sich, weniger um Musik. Im Studium bei Flurschütz waren Kommilitonen, die nicht zeichnen konnten, denen der Professor riet: „Nehmen Sie Deckfarben!“, wenn sich solche auch noch ans Aquarellieren wagten für eine Illustrationsaufgabe. Und David Hockney, der kürzlich verstorbene Superstar der Kunst, schreibt in einem Buch über die Schwierigkeiten des Zeichnens mit Feder und Tinte, er werfe alles weg, „wenn das Bein falsch gezeichnet ist.“ Weil man nicht korrigieren könne, „nicht korrigieren darf.“
Für den einen Musiker mag das Klavier leicht erscheinen im Unterschied zur Trompete. Die Höhe ist unproblematisch. Für den anderen ist das kombinierte beidhändige Spielen des Tasteninstruments die größte Schwierigkeit. Es gibt auch Probleme des Individuums, die mancher erst nicht versteht an sich. Ich zum Beispiel habe seit der Jugend beinahe immer trockene Lippen. Die Haut hält nicht das Vibrieren im Mundstück aus. Ein kleines Loch in der Oberlippe bildet sich, nicht schlimm, eine Schicht fliegt weg, aber dann ist eine Pause angeraten. Höhe wird unmöglich. An guten Tagen passiert es morgens nur einmal und zum Rest des Tages wird der Ansatz besser. Für professionelle Musiker kann so etwas, wenn das Problem im Alter schlimmer wird, existentielle Schwierigkeiten bedeuten. Ich bin ein verkrampfter Typ leider und spanne meinen Unterleib oft an, atme nicht so flüssig wie andere. Das behindert mein Zeichnen nicht, aber meine Trompeterei gelingt mir erst heute besser, wo ich manches dazulernte im Leben überhaupt. Mit diesen hier nur skizzierten Gedanken schaue ich also ganz anders auf junge Menschen, realistischer jedenfalls, als ich’s selbst reflektierte früher. Ich habe mich nicht wahrgenommen.
Es gibt aber auch Menschen, die ihr Kein-Talent-haben überwinden in einem Gebiet und sich ihre Träume wenigstens in Maßen noch erfüllen. Dafür ist es nie zu spät, kleine Sachen zu lernen, die gestern unmöglich schienen – wenn man aufhört, damit protzen zu wollen „man lebe seinen Traum“ und dergleichen Phrasen den anderen blind glaubt.
# Dumm gelaufen
Obwohl Dummheit und psychische Krankheit nahe beieinander liegen, sehen „Problemkinder“ selten ein, was sie tun könnten, sondern beharren auf ihrem Zeug. Das folgende Zitat stammt von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) und steht der „Anleitung zum Ünglücklichsein“ von Paul Watzlawick vorweg.
Zitat:
„Was kann man nun von einem Menschen … erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über beide Ohren, bis über den Kopf, so daß an die Oberfläche des Glücks wie zum Wasserspiegel nur noch Bläschen aufsteigen, geben Sie ihm ein pekuniäres Auskommen, dass ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Lebkuchen zu vertilgen und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen – so wird er doch, dieser selbe Mensch, Ihnen auf der Stelle aus purer Undankbarkeit, einzig aus Schmähsucht einen Streich spielen. Er wird sogar die Lebkuchen aufs Spiel setzen und sich vielleicht den verderblichsten Unsinn wünschen, den allerunökonomischsten Blödsinn, einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit sein eigenes unheilbringendes phantastisches Element beizumischen. Gerade seine phantastischen Einfälle, seine banale Dummheit wird er behalten wollen …“
Zitat Ende.
Wir schaffen unsere Missgeschicke so oft selbst, dass ganze Leben „in die Hose“ gehen.
Es sei nie zu spät, heißt es, aber ganz richtig ist das nicht. Mir schreibt ein Freund, er habe viel gelesen auf meiner Website hier und da. Das sei ja eben ganz „Bassiner“. Dann folgt, ob mir an Zufriedenheit fehle, ich wohl eine Bibel gebrauchen könne?
# Was soll man antworten?
Ein freundliches „nein – vielen Dank“ ist mir eingefallen, kaum mehr. Kein Freund liest hier wirklich, scheint mir die (notwendige) Einsicht (zum zufriedenen Überleben überhaupt). Kein Gott hilft, „auch der nicht – leider“, sag ich’s mir mit Westernhagen. Schau’n wir mal, und es bestätigt sich: Die Welt wartet nicht auf uns. Sie liest quer, wenn überhaupt, um dann mit ihrem eigenen Scheiß aufzuwarten. Die meisten Kommentare im Netz sind Belehrungen. Lobhudelei kommt auch oft. Echter Austausch? Fehlanzeige. Das sollte dem, der gerne was macht, nicht abhalten, genau das zu tun. Ob nun talentiert oder nicht, was heißt das schon? Als ich meinen besseren Konkurrenten Piet seinerzeit fragte, wie er sein Boot (inzwischen unübersehbar) so schnell bekommen habe, meinte der:
„Ach Johnny, ich glaube, es ist alles ein bißchen zusammen …“, und dann zählte er auf, was er alles optimierte am Schiff.
Das kann motivieren! So sollten wir uns sehen, als Behinderte in jedem Fall, und das ist der einzig zulässige Blick auf den anderen, den Vergleich mit anderen – wenn man etwas lernen möchte. Was stört eigentlich, sollten wir herausfinden und prüfen, ob sich daran was ändern lässt. Ich weiß noch, mein Großvater antwortete auf die Frage, wie es ihm ginge? typischerweise:
„Zufriedenstellend.“
# Mir geht’s gut!
Mein Großvater, das habe ich in mancher Geschichte auf der Website schon erzählt, schrieb mehrere Bücher. Das hat mich inspiriert, es auch selbst mit dem Schreiben zu probieren. Man konnte viel lernen vom alten Seemann. Lernen macht zufrieden. Es kommt darauf an, was man selber fühlt und nicht, was andere aus einem rauslesen und erkennen wollen. Man lernt auch das erst durch die eigene, selbstmotivierte, angewandte Kreativität.
Diese Notizen tatsächlich bringen mir wenig Resonanz ein bei denen, die mich länger kennen, sagte ich schon und finde das natürlich schade. Absichtlich ganz hinten ins zwar weltweit verfügbare, aber eben auch riesige Nirwana vom digitalen Netz eingestellt (also bloß irgendwo am Arsch des Universums rausposaunt, hinaustrompetet), kann keiner mehr erwarten. Da ist ein Mangel an Interesse leider betrüblich, aber nicht zu ändern und eben hinzunehmen. Der Arsch der Welt! Ich habe ihn gut kennengelernt. Im Dorf um die Ecke fühle ich mich heute – zwischen den anderen Hintern – als ebensolches kleines Arschloch wie viele auf dem Planeten, und besonders hier am schönen Feldrand, respektiert, integriert. Ich bin kein Quiddje mehr und kann vergnügt etwa zum Einkaufen und überhaupt überall herumspazieren.
Das unbehelligt scheinbar und nicht zuletzt wegen einiger klarer Worte, die ich zusammengefunden habe auf diesen Seiten offenbar –.
Zufriedenheit kann zu spüren ehrlicher sein, als sich stets pures Glück zu wünschen, dem hinterherzulaufen. Das ist auch meine Erfahrung. Was schert da schon Bewertung? Die Alten hatten den Krieg noch erlebt und wussten, die guten Jahre anschließend zu schätzen.
Opa Heinz war „Jahrgang Nullneun“ – ich vermisse ihn.
🙂