Therapie ist Unfug

Das sage ich gleich vorweg, ich will mich lustig machen über psychisch kranke Menschen, ihnen Dummheit bescheinigen, wenigstens temporäre. Ein lustvoller Rundumschlag steht hier an. Themenfelder frei Haus: Politiker, ihre Wähler, meine Mitmenschen überhaupt. Ich will blöde Mehrheiten erkennen und mich frei nach Schnauze selbst erhöhen.

Wem das nicht passt, kann schon jetzt, hier an dieser Stelle – vorn im Text – aufhören zu lesen.

Kirche, Religion, die „Gläubigen“ genauso, sie bekommen ihr Fett weg. Wem an „seinem“ Gott liegt, der lese meine Worte besser nicht. „So einen“ Gott gibt es gar nicht, ist meine Behauptung. Hier soll aus gutem Grund aufgeräumt werden mit unsinnigen Denkgewohnheiten. Übertreibung und Polemik, das will ich auch! Da hat manches etablierte Tun keinen Platz, wenn einer erst begreift, wie schädlich es sein kann, sich selbst einzulullen mit dem doofen Zeug. Ich musste meine Fehler erkennen und so viel lernen! Und jetzt mache ich einen solchen Fehler einmal ganz bewusst: Mein Finger zeigt pauschal auf andere, weil mir das gefällt!

Anlass, mit dieser „Abrechnung“ zu beginnen, es geht schließlich um Geld, und wie dieses eingesetzt werden soll, ist die folgende Schlagzeile auf der Titelseite unseres Käseblattes und ein Bericht im Innenteil, der einen besonderen „Fall“ psychischer Krankheit beleuchtet.

„Psychotherapieplatz in weiter Ferne“

So titelt das Pinneberger Tageblatt am ersten September diesen Jahres und erklärt in der Subline: „Durch neue Budgetierungen ab Januar 2027 droht sich die Situation weiter zu verschärfen“. Schlimm? Ich denke, die Bundesregierung macht Ernst und will Einsparungen, Unfug reduzieren. Alle wollen angeblich Reformen. Das wird ja stets gefordert. Nur nicht bei sich selbst wollen die Menschen anfangen mit dem Sparen, in ihrem Fach. Bei ihrem Problem wollen sie ihren Status quo erhalten, ja – sie wollen immer mehr Geld!

So sind Menschen.

Auf Seite fünf folgt dann der detailierte Artikel. Die Überschrift lautet:

„Wenn der Körper streikt“, darunter weiter: „Einst war sie ,Macherin‘, heute kämpft eine 58-Jährige mit ME/CFS und sucht vergeblich nach einem Therapieplatz“

Da kann man sich schon denken, was hier geschrieben steht.

Das muss man nicht lesen.

Ich habe Erfahrung mit dem Thema: Meinem Vater wurde mit Ende fünfzig eine „Depression“ bescheinigt, und wir haben erlebt, wie bescheuert einer denkt, der mit dieser Diagnose eine ganze Familie im Bann halten kann. Mir hat es das eigene Leben zerschossen, denn nicht so lange darauf schleuderte ich aus der Bahn mit einer ersten, heftigen Psychose!

Ich musste keinen Therapieplatz suchen. Mich hat man behandelt. Die Situation hat es erzwungen. Ich bin in der Gegend geblieben, in Wedel aufgewachsen, wohne in Schenefeld. Man kann sich nicht verbergen in unserer transparenten Zeit. Es tut weh, mitzubekommen, wie andere daraus Kapital schlagen konnten, zu behaupten, ich, „der Bassiner“, wäre – sei „ja“ bescheuert. Das ist nicht vielen gegeben, genau daraus noch einen Antrieb generieren zu können und sich effizient von der Vergangenheit zu befreien. Wer erkennt, dass es die anderen sind, die maßgeblich Schuld haben am Misslingen, am Steckenbleiben (im Leben) spricht für sich etwas aus, das nicht gut ankommt. Wird man laut damit, gibt es noch extra Haue. Wer sich erdreistet, den anderen die Schuld zuzuweisen, gilt ihnen sogleich als Narzisst. „Solche“ sind ja gefährlich, weiß man, will mancher wissen. Ein Netz spinnt sich wie von selbst um den Spinner, und das sollte ich sein. Für mich beruhigend, inzwischen sind es „die anderen“, die hängenbleiben im eigenen Zeug.

Bis heute gibt es viele junge Menschen, die so aussteigen müssen aus dem erwarteten Weg und dann oft ein Leben lang behandelt werden. Sie müssen sich behandeln lassen, aber beinahe nie wird in einer positiven und wertschätzenden Weise über solche Menschen berichtet. „Psychos“ werden stigmatisiert. Menschen mit Psychosen müssen nicht suchen nach einem Therapieplatz, sie kriegen keinen. Das steht von Anfang an fest. Aber sie werden behandelt, weil sie eine Gefahr darstellen „für sich und andere“, heißt es. Die werden eingesperrt, bis sie einigermaßen vernünftig reagieren, da gibt es gute Medikamente, und die Pflegekräfte in den geschlossenen Psychiatrien sind handfeste Menschen, dass man anerkennend sagen kann, gut läuft die Notfallbehandlung – aber anschließend ist das allermeiste leider scheiße.

Was nach einer solchen ersten Psychose passiert, kann jeder sich ausmalen. Die Eltern sind schockiert wie der Nachwuchs, von dem man Großes erwartete – und nun so was! Nach der Klinik wieder zu Hause: Viele landen erst einmal beim vertrauten Hausarzt. Ein Wald- und Wiesenpsychiater im Städtchen, in der Straße, um die Ecke wird angefragt, ob der Sprößling mal vorbeischauen könnte? Oder die tatkräftige Hausärztin / der Hausarzt traut sich selbst ran.

Das war’s.

Nach knapp zwei Jahren passiert es wieder.

Dann legt sich ein Behandler fest: „Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis. Kommt nun zukünftig aller Wahrscheinlichkeit nach regelmäßig wieder, weil es zum zweiten Mal passierte. Tja –.“

Eine mehrjährige Therapie dürfte nützlich sein, heißt es.

Die wenigsten dieser Menschen gelangen überhaupt an einen Ort, wo ihnen angemessene Unterstützung geschieht. Die Psychiater wollen solche Patienten nicht. Die Nachbarn wollen solche Nachbarn nicht. Die Eltern wollten so ein Kind nicht. Sie verstehen nie, was sie verkehrt machten. Als damaliges solches Kind und heute gesunder Erwachsener muss ich betonen: Man hat nur diese eine Mutter, den besonderen Vater. Das ist so viel mehr, als überhaupt niemanden zu haben! Meine Eltern, sie mögen ruhen in Frieden. Ich bin verheiratet, selbst Vater und habe mehr als nur mein Auskommen. Mir geht’s gut, auch dank meiner alten Psychiater, ja – aber.

# Krankheit des Erwachsenwerdens

Man gibt sein Leben dran, bis man so weit begriffen hat, dass die Abstände zwischen den Schüben größer werden. Die anderen Leute ändern wir nicht, ist eine Erkenntnis. Bestenfalls geht einer nicht mehr zum Arzt, wirft nichts mehr ein. Ein Risiko bleibt, und dafür liegen die Pillen noch im Schrank. Der vertraute Psychiater ist Rentner. Die Pillen haben ihr Ablaufdatum um viele Jahre überschritten. Man sucht sich eine Freundin irgendwo in der Apotheke, die immer mal eine Packung klaut. Wenigstens Tavor sollte vorrätig sein für gelegentliche Wahrnehmungsspitzen übers Jahr. Atmen lernen! Angst spüren, aushalten. Schlaflose Nächte tolerieren. Menschen aus dem Weg gehen, Geschichten parat haben zum Klönen. (Das wären Tipps).

Schwierig.

Einer wie ich kommt an seine Grenzen, schneller als andere, mit dem noch fatalen Unterschied: Ich merke es nicht! Da spielen also überzogene Erwartungen eine Rolle, die ein junger Mensch haben kann. Gemocht werden wollen, ist problematisch in unserer Welt. Es ist Leistungsdruck und unklare Risikoeinschätzung in Relation zum eingeschlagenen Weg. Dieser Weg ist weniger der eigene oder gewollte, sondern das Ergebnis von Ratschlägen. Wird die emotionale Belastung unerwartet hoch, nehme ich das nicht wahr. Ich bin jemand, der lernte auszuhalten. Brust flach, Bauch hart – flache Atmung ist kurzzeitig das Beste, um den Sprung ins kalte Wasser zu schaffen. Ein so erlerntes Schutzbild, aus der Kindheit übernommen, um Überforderung abzufedern, ist aber Mist, wenn man’s auf Dauer etabliert.

Das habe ich nicht vom Arzt gelernt, man gibt sich Haltung, muss sich halten, wenn man’s so macht und kneift sich etwa die Rippen ab. Der Kopf befiehlt die Generalmobilmachung: „Muskeln, reißt euch zusammen!“, wenn der Alltag als Krieg empfunden wird. Man wahrt die Fassade. „Mir geht’s gut.“ Die Methode kultiviert eine Fehleinschätzung des Umfelds mit dem wiederkehrenden Ergebnis inneren Zusammenbruchs. Welche Form der schubweisen Krankheit einer generiert, wäre weit weniger wichtig zu nehmen, als wir das tun. Wir müssten Menschen lehren zu fühlen, eine innere Haltung quasi, die auch Probleme abfedern kann. Wir benötigten flexible Menschen und tun das Gegenteil, versteifen die Psychos weiter mit Psychopharmaka. Der Psychiater macht seine Patienten noch unsensibler und verschiebt die nächste Erkrankungsphase bloß um einige Wochen oder Monate nach hinten raus. Man hält länger durch. Nur im Idealfall bemerkt ein Patient selbst: „Es geht wieder los.“ Dann ist geraten, das Medikament zu erhöhen. Das funktioniert hervorragend, wenn man es so macht, und nach einigen Wochen geht es dann wieder mit der niedrigen Dosis. Es bedeutet aber, ein Konzept zu nutzen, das fast immer versagt. Der Patient merkt es eben nicht oder setzt nach zwei Tagen das Zeug eigenmächtig ab. Auch so sind Menschen! Den anderen Weg, bessere Körperlichkeit lehren, mehr zu fühlen, also in die gegenteilige Richtung zu gehen und einen mündigen Erwachsenen heranzubilden, riskiert kein Arzt. Er wäre mit dran, wenn’s eskaliert. Und es würde eskalieren. Also bleibt unsere Methode, wie sie ist, zudröhnen bis –.

Die Mauern im Kopf, hinter denen einer Gefühle aufstaut, gibt es nicht. Das Gehirn lernt aber, Anweisungen zu geben an seinen Träger, aus flexiblen Muskeln harte Wälle zu formen. Das System wird insgesamt auf Linie gebracht, nichts mehr an sich ran zu lassen. Die Körperlichkeit ist der entscheidende Faktor, den aber der Psychiater geflissentlich übersieht. Davon hat er im Studium nichts gehört, und er ist sowieso überfordert. Ein Doktor hat viele Patienten. Er möchte seinen Workflow wie jeder andere Berufstätige. Als Kranker gegenüber ist man nur einer von ähnlichen Patienten, keinesfalls ein ganzheitliches Individuum. Es reicht die Zeit nicht, das Geld, und nun soll noch gespart werden? Kein Wunder, dass alle sich aufregen! Mich ärgert, wie immer nur von den armen Depressiven die Rede ist, die geduldig lange weinen, bis sie ihren Therapieplatz bekommen und dann endlich täglich beichten gehen. Denen hört man gern zu für Geld. Das ist harmlos. Ich war nicht, was der Arzt gern in seiner Praxis erlebt, aber wir sind viele. Über uns wird nur gesprochen, wenn es irgendwo Gewalt gab. Das ist selten. Die andauernden Versuche der Ruhigstellung seitens der Gesellschaft kreieren insgesamt eine Gewalt, über die niemand spricht.

Man will das nicht merken.

Nichts zu merken war dann auch ein Vorwurf, den der Arzt mir machte: „Sie nehmen Ihre Gefühle nicht wahr.“ Die notwendige Medikation will die Reize dämpfen: „Sie brauchen eine Rüstung, ein dickes Fell.“ Das ist paradox, der Patient merkt nix, und man therapiert, dass es so bleibt? Bis der Arzt in Rente geht. Ich habe zwei Fachärzte bis in den Ruhestand begleitend besucht.

Natürlich schützt so ein Medikament nicht. Entweder ist die Dosis zu hoch, dann läuft im Alltag gar nichts mehr, und man passt nach unten an. Dann ist der vermeintliche Schutz ungenügend. Niemand kann das Maß der angenommenen Befürchtungen für die Zukunft exakt voraussagen. Diese Medizin ist Quacksalberei. Das Haldol und seine modernen Nachfolger eigenen sich gut für die Klinik, um vollkommen desorientierte Menschen zurück in die Spur zu bringen. Eine Erhaltungsdosis davon anschließend zu verschreiben, ist keine Medizin, sondern Verschlimmerung einer Gemengelage, die weder der Patient noch seine Eltern oder der Arzt verstehen. Mit einer pauschalen Diagnose, nur weil alle ähnlich symptomatisch reagieren, ist wenig gewonnen. Mit grundsätzlichen Erklärungen, die zwar richtig sind, ist auch dem Patienten nicht geholfen. Er kann die verhaltenspsychologischen Deutungen nicht auf sich selbst anwenden. Davon, dass man drüber spricht, wird es keinesfalls besser. Ein unreifer Jüngling bleibt einer, solange nicht eigene Erfahrungen ihn klüger machen. Diese risikofreudigen Probierbewegungen kann einer, der von Beginn an den anderen hinterherläuft, erst recht nicht starten, wenn er vierwöchentlich zum Psychiater geht, gehen soll. Er macht, wie gesagt. Das ist ja sein Problem. Tut er es nicht und wird wieder krank, macht man ihm Vorwürfe. Geht er brav zum Doktor, wird er ebenfalls wieder krank. Da resigniert der Arzt und mag nicht zugeben, dass er’s nicht besser weiß zu helfen. Das kann doch gar nicht funktionieren angesichts der Vielzahl von erkrankten jungen Menschen und der rudimentären Hilfsstruktur. Es mag gute Therapieeinrichtungen geben. Der schubweise psychotische Mensch gelangt nicht dahin. Er selbst scheut die Mühen, sich Abfuhren zu holen. „Solche wie Sie nehmen wir gar nicht mehr auf.“ „Sie müssen sich auf eine lange Wartezeit einlassen, ein oder zwei Jahre.“ „Wir prüfen erst, ob wir Sie – mit Ihrer Problematik – aufnehmen.“

Wir sind das Abfallprodukt der Leistungsgesellschaft. Recycling findet kaum statt. Der Wegwerfmensch, das ist einer mit Psychosen im Lebenslauf. Mit der Digitalisierung ist unser Schicksal endgültig besiegelt. Das Netz vergisst nicht. Mit uns machen die Behandler, was ihnen am leichtesten fällt. Wer keinen zivilen Background hat, beispielsweise einsamer Migrant ist und eine Frau sucht, aber keine Ahnung hat vom Leben in Deutschland, den provoziert der Mob, dass es richtig knallt. Die typische Selbstjustiz der Polizei ist vom Korps gedeckter Mord. Es heißt: Die vermeintliche Waffe, die der „Terrorist“ auf die Beamten richtete, wurde „nicht gefunden“, stellte sich „als Attrappe“ heraus – usw.

Das ist kein Thema in den Medien.

Und darum geht es hier in diesem Text, auf dieser Website, um die verlogene, dumme Masse, die unser Leben überhaupt bestimmt in der Demokratie. Das sind Mehrheitsentscheidungen. Wer am lautesten brüllt, gewinnt. Damit kann eine Gesellschaft, die nach dem Krieg 1945 klug geworden war, sich selbst zerstören in kollektiver Dekadenz, und das ist ein Thema!

Meins.

# Kunst ist Bild

Ich stelle keine Forderungen. Ich mache sichtbar. Psychisch krank werden die Leute, weil sie von anderen fertig gemacht wurden. Es gibt keine guten Menschen, aber viele, die glauben, Gutes zu tun und wie nebenbei ausgrenzen. Man schaue sich die modernen Mütter an, die einen Kinderwagen schieben ohne einen Blick auf ihr Baby, aber das mobile Telefon ständig in der Hand. Da fängt die emotionale Kälte der Machtmenschen gegenüber Schwächeren an. Das Jetzt-komm-ich im Autoverkehr oder ein Jetzt-komm-noch-ich ist sprichwörtlich geworden. Es ist die Dekadenz unserer Zeit, eigentlich Zukunftsangst, was zu verpassen, abgeben zu müssen an andere. Schwäche wird in Stärke umgedeutet. Wo auch immer eine Ampel auf Rot schaltet, das letzte Fahrzeug flutscht noch schnell rüber!

Das macht man heute so?

Jetzt heißt es, wo die Polizei kontrolliert, es sei Abzocke. Die Beamten klagen über Personalmangel. Alle Branchen beklagen Fachkräftemangel, und die Partei, die alles besser machen will, erklärt die Ausländer zum Feindbild, weil die uns bedrohten überhaupt. Die sollen alle raus. Dann ist unser Land vergleichsweise leer und die Wirkungsstätten zum Arbeiten bleiben insgesamt und größtenteils unbesetzt. Die Deutschen selbst wollen nicht arbeiten. Das hat unser Kanzler festgestellt. Wer soll dann noch was machen, damit wir existieren?

Die Regierung versage, heißt es ständig und deswegen bräuchten wir eine Alternative. Ob wir einen besseren Weg einschlagen, mit denen, die die Ansprüche der Zornigen für sich nutzen können, die neuen Extremen, bleibt fraglich. Unbestreitbar sind wir Schildbürger, über die eigene Klugheit gestolpert. Wir haben uns verzockt und wollen nicht wahrhaben, mit detailversessener Bürokratie den Bogen überspannt zu haben. Wenn eine Gesellschaft für alle Eventualitäten Gesetze festlegt, will sie Gutes tun, es richtig machen. Das kann den Nachteil bedeuten, dass außerhalb des eigenen Horizonts einfachere Lösungen besser funktionieren.

# Immer mehr Menschen kommen nicht klar.

Die messbar zugenommenen Probleme mit psychischen Krankheiten zeigen zweierlei, der einzelne Kranke muss sich nicht schämen deswegen. So einer ist das Opfer einer größeren Entwicklung. Zweitens können wir eine gesamtgesellschaftliche, dekadente Zersetzung bestehender sozialer und wirtschaftlicher, politischer Strukturen erkennen. Die Schlussfolgerung liegt nahe, das Land insgesamt verhält sich neurotisch, also: krank.

„Deutschland schafft sich ab“, ein populistischer Buchtitel dürfte noch in Erinnerung sein. Kritiker warfen Sarrazin vor, rassistische und diskriminierende Thesen zu verbreiten, Ängste zu schüren und Statistiken falsch zu interpretieren. Der Autor erlebte den Ausschluss aus seiner Partei, der SPD, Rücktritt von der Bundesbank: Unter starkem öffentlichem und politischem Druck legte Sarrazin im September 2010 sein Amt im Vorstand nieder. Das kann man googeln. Ich habe das Buch nicht gelesen, mich schreckten seinerzeit die Debatten ab. Der Verfasser konnte mich menschlich nicht überzeugen in vielen Fernsehauftritten, die ich nebenbei zappte.

In der Rückschau beschleunigte dieses Buch vor allem den Zersetzungsprozess einer einstmals bestens funktionierenden Demokratie. Die Deutschen zu Zeiten meiner Jugend und die Gesellschaft in meinen späteren mittleren Jahren erinnere ich als sicher geordnete politische Struktur. Unser Regierungssystem wurde nur von vereinzelt auftretenden Spinnern in Frage gestellt. Aktuell sind wir gefühlt im Dauerkrisenmodus. Die Abfolge globaler und nationaler Krisen (Finanzkrise, Migrationsbewegungen, Pandemie, geopolitische Konflikte, Inflation und wirtschaftliche Stagnation) hat das Vertrauen in die Steuerungsfähigkeit des Staates bei Teilen der Bevölkerung erodiert. Die offene Kritik an der freiheitlichen Demokratie, an uns selbst, unserer vertrauten Struktur, dem System an sich und vor allem am vereinten Europa ist jetzt allgemein verbreitet und überhaupt sagbar. Sarrazin war da nur ein Anfang: Die SPD schaffte sich ab, könnte man heute sarkastisch sagen. Das fing damit an, ein prominentes Mitglied rauszuschmeißen. Der Umgang mit ihrem alten Kanzler nicht weniger forcierte die Selbstzerstörung der Volkspartei. Die Schuld am Zerfall unserer politischen Struktur und die Befeuerung der rechtsextremen Thesen in der Gesellschaft trägt meiner Meinung nach hauptsächlich die heutige SPD. Sie fing an und eliminierte, wer nicht zu passen schien. Daraus kreierten die Konservativen, unter Zugzwang geraten, den Begriff der Brandmauer gegen rechts. Man tut sauber, pflegt ein schönes Bild für die Medien, die öffentliche Wahrnehmung. Das Prinzip nach innen hin ist aber tatsächlich asozial, anderswo Mobbing genannt.

Die SPD ist am Schlimmsten dran, weil sie besonders gute Werke tun möchte und so gesehen keine Schwächen ihrer Tugendhaftigkeit – wie die Kirche – zulassen möchte. Jede andere Partei, die Härten für ihre Wähler fordert, sei es grün-ideologisches Darben oder Einsparungen, die die Konservativen fordern, könnte eher in Frieden mit ihren ehemaligen Vordenkern leben und milde mit den alten Ansichten umgehen. Das erste Erstarken einer sich formierenden Linke, die es so bis dato nicht gab, war der Bruch eine Männerfreundschaft, zwischen die „kein Blatt Papier“ passte: Oskar Lafontaine ging gern raus aus seiner SPD. Je mehr Parteien sich gebildet haben, desto schwieriger wird geschlossenes Handeln. Aus einer großen Volkspartei wurde ein Splitter unter vielen. Damit schaffte Deutschland, was keiner für möglich hielt und selbst Politikwissenschaftler noch heute bestreiten, dass es überhaupt geschieht. Eine Vielzahl von kleinen Parteien mit geringer Bedeutung bildet ein Machtvakuum. Die sich blockierende Führung kann – wieder – zum Opfer entschlossener Populisten werden! Die Ampelregierung von Olaf Scholz präsentierte sich als bloß müder Abklatsch früherer Koalitionen, zeigte bereits bedenkliche Erosion. Man schaue sich die Karikatur eines Ministers an, der seinen Altkanzler aber als „Witzfigur“ bezeichnete. Noch Fragen? Der deutschen Parteienlandschaft fehlen erkennbar Führungspersönlichkeiten. Stärke ist nicht laut sein. Es muss auch was dahinterstehen, ein innerer Kompass – und der fehlt.

Das Fatale an der AfD ist, dass sie die Sehnsucht nach Stärke bedient für viele, irgendwann zu viele Menschen. Mit Ignoranz haben die Etablierten probiert, ihre „Brandmauer“ zu rechtfertigen. Mit dem Tunnelblick von Gehetzten kann man nichts gewinnen. Die Großmächte haben jeden Stil aufgegeben und Deutschland, überhaupt Europa läuft hinterher. Damit werden alle aktuell Regierenden zu Versagern erklärt, die nicht weniger zerstritten rüberkommen als die gescheiterten Demokraten der Weimarer Republik. Die Menschen haben sich seinerzeit für Hitler entschieden, die modernen Menschen werden sich für den kommenden Demagogen entscheiden – weil es viel einfacher ist, als es nicht zu tun. Jahrelang konnten die Etablierten mit dem Finger auf die neuen Rechten zeigen, aber genau das wird sich radikal umkehren. Der Mob hat leichtes Spiel und ist bald selbst Staat und Polizei, bestimmt die Richtung, den neuen Rhythmus, wo jeder mit muss.

# Wer hat schuld?

Die Gesellschaft hat vor allem aggressives Gruppengeschehen gelernt und dieses bei sich selbst aber zu verleugnen. Es hat Methode, Argumente umzudrehen, anderen Narrative zuzuschreiben, diese zu „Narren“ umzudeuten. Andere Parteien übernahmen das Prinzip des Raustretens. Man beschreibt sich als etablierten Demokraten, um diesen Status ins Gegenteil zu verdrehen. Wo Mitglieder der neuen Rechten ein legitimes Amt beanspruchten, finden sich im Plenum selbsterklärte Gute zusammen, eine Wahl zu sabotieren. Das erleben wir im Bundestag, in jedem Kaff. In Pinneberg auf’m Dorf sind die Politikprofis nicht weniger bösartig als in Berlin, wenn es darum geht, Posten zu verhindern.

Das haben wir davon: Jetzt also AfD, allen voran der Osten wählt diese Partei mit ihrem verlogenen Namen. Da bleibt einem doch die Spucke weg. DDR – „der dumme Rest“, fällt mir ein, was nützt noch ein Parteiverbotsverfahren? Damit ist die Spaltung unseres Landes perfekt. Nun kann ein Bürgerkrieg beginnen. Ich jedenfalls fahre keinesfalls auch nur einmal hin in diese neuen Bundesländer, die ja hälftig von Nazis besetztes Terrain sind. Und Nazis sind dumme, bösartige wie faule Scheißer, das steht für mich fest. So hat man mich erzogen. „Nie wieder“ hatte es in den Achtzigern noch geheißen.

Das ist vorbei.

Sie sind salonfähig. Aus braun mach blau, das merkt ein Maler. Das Abrutschen im Osten geschieht nicht ohne Grund. Die bisher Regierenden scheinen so unfähige Demokraten zu sein, dass es ein Leichtes ist, denen Untätigkeit vorzuwerfen? Eine Analyse: Wer nach der Wende gleich in den Westen übersiedelte, dürfte mutiger gewesen sein als der Rest, der dümmere, schwächere Rest, der dort blieb. Umgekehrt sind Abzocker in den Osten gegangen, da sie einfaches Gelände bevorzugen mit einfachen Menschen, die sie dominieren können. So wurde aus der Wiedervereinigung das heutige Dilemma. Wir haben unser Land krank gemacht insgesamt, können das „Riesengeschwür Ost“ nicht durch eine Brandmauer abschnüren, weil dies eine Amputation wäre, die das System killt!

Und so wie wir Probleme nur gemeinsam lösen können, muss auch psychische Krankheit und Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit und Hilfe für Schwächere, Erziehung von Kindern begriffen werden, systemisch. Was alle angeht, müssen alle lösen. Womit wir wieder bei der Mehrheit angekommen sind. Was aber, wenn kollektive Doofheit herrscht? Da gibt es keine Rezepte. Da helfe sich jeder selbst. Man bemerke seine höchsteigenen Fehlversuche genau, ist wohl der beste Rat. Da kann einer sofort damit aufhören, dumme Sachen zu machen, wenn er diese erst bei sich feststellt.

Ich habe das geschafft. Ich bin so einer, dem man sagte, er sei krank. Das stimmte nicht, war nur ein Argument von welchen, die mich leicht plattmachen konnten damit. Ich habe es geglaubt. Ich war „ein Gläubiger“ könnte man sagen. Und hier findet sich das Thema, man höre auf, anderen ihren Scheiß abzukaufen, kehre vor der eigenen Tür, bemerke seine Verantwortung, das eigene Versagen und schere sich nicht um die Nachbarn. Das ist kein neuer Rat, aber die, die es angeht, begreifen nicht, dass sie diejenigen sind, die es angeht. So einfach könnte man manche Psychotherapie beenden, wenn derjenige Behandelte sich nicht behandeln lassen würde, sondern effektiv selbst handelte, effektiv zu handeln lernte! Das will ja Therapie erreichen, dass die Kranken selbstständig werden, aber oft gelingt dieses Projekt „Geistige Gesundheit“ nicht. Woran es liegt? Dazu fällt mir manches ein. Mein Beispiel könnte auch anderen zum Leitbild werden, das glaube ich schon.

# Psycho

Fangen wir noch kurz mit dieser Frau an, die eine „Ich-kann-gar-nicht-Krankheit“ hat, oder sagen wir besser: auslebt. Das darf die Psychiatrie nicht tun, die Augen verschließen vor denen, die eskalieren und nun Geld fordern für das Behandeln von welchen, die dankbar reagieren, wenn man ihnen stundenlang, jahrelang zuhört. Die Psychiater moderieren das Allermeiste am Geschehen sehr umfangreich und helfen aber kaum, dass man belegen könnte, was ihr Anteil gewesen ist im Falle von Gesundung. Davon, dass geredet wird, wird es nicht besser. Die Überschrift ist bereits symptomatisch. Wenn „der Körper“ streikt, steht da. Man kann so etwas hinschreiben. Behandelt wird anschließend dann das Gehirn, weil es nun wieder heißt, die „Psyche“ sei schuld. Die Logik dahinter will so sein: Das Gehirn stellt Ansprüche, der Körper streikt.

Wir können diese Argumente schlucken wie die Pillen, die man uns gibt, und alles bleibt wie es ist.

# Satire muss!

Es gibt jetzt auch eine Abnehmpille.

Das kam gestern.

Menschliche Versuchskaninchen berichten, wie großartig sie in kurzer Zeit schlanker wurden. Dann hätten sie mit dem Medikament aufgehört, wurde gesagt, und die doofen Dicken bekamen sofort ihren alltäglichen Heißhunger – wie früher. Sie wurden schnell wieder richtig fett.

Das ist jetzt eine „Krankheit“, man nennt es „Adipositas“, und die Betroffenen fordern, diese Pille dauerhaft, kostenlos verschrieben zu bekommen. Ärzte unterstützen diese Forderungen. Besser kann man Dummheit nicht illustrieren, und die hat einen neuen Namen, sie heißt eben wie die Diagnose, die sich einer ausdachte.

Eine neue Farbe, aus braun mach blau, und schon geht die Post ab. Die gelbe Post? Sie wurde auch reformiert (wie die Bahn). Die Post heißt jetzt DHL. Das kam auch gestern. Die Initialen bezeichneten die Namen der Firmengründer, sagte die Sprecherin im Fernsehen. Dieter, Heinz und Ludwig? Ich mache mich lustig darüber? Na klar.

Anders ist es nicht auszuhalten!

# Religion

Jetzt noch, wie versprochen: die Gläubigen. Das sind diese Idioten in der Kirche. Die bekommen auch ihr Fett weg. Sie sind auf dieselbe Weise krank wie die psychisch Kranken. Gläubige reden sich ein, sie wären von Gott geliebt, obwohl doch offensichtlich kein Gott da ist, der Liebe zu verschenken hat. Das ficht diese Leute nicht an. Sie sind süchtig danach, sich gegenseitig zu bequatschen und sind vergleichbar mit Junkies. Es gibt Suchtproblematik, und man erkennt diese bei Spielern und Leuten, die Drogen nehmen. Wann wird man verstehen, dass Gläubigkeit eine Sucht ist? Wann wird die Psychiatrie merken, dass man es mit Traumatisierten zu tun hat, denen man aber unzählige Diagnosen verpasst, die nur geringen Nutzen bringen? Psychisch Kranke werden mit der Droge „Behandlung“ gefüttert und zu lebenslang Abhängigen herangezüchtet, ist meine Meinung. Das ist auch das „Prinzip Glaube“, und es ist das Konzept extremer, populistischer Politik. Dem kann nur der Einzelne selbst entgegentreten. Wenn das System dumm und machtgeil handelt, muss der Einzelne damit aufhören, dumme Dinge mitzutun. Sich seinen Ängsten stellen: Das ist nicht einfach. Eine Herausforderung anzunehmen, das Leben zu wollen, das Selbstständige, kann aber auch beflügeln. Was ich gegen die Kirche, die Religion, die Gläubigen habe? Diese Leute unterscheiden sich nicht von anderen Herden, die mitlaufen, nachlaufen. Das ist der Kern aller psychischen Krankheit, Unselbstständigkeit. Man hofft auf einen „Führer“, lullt sich ein wie der Alkoholiker, statt Verantwortung zu übernehmen, Risiken allein zu kalkulieren.

„Der Kluge sieht das Unglück und verbirgt sich; die Einfältigen gehen weiter und erleiden Strafe“ (Sprüche 27,12).

Nicht merken wollen, ist dumm und umgekehrt, Angst kann auch dumm machen, wenn man sie konsequent verdrängt. Wer nicht merken will, tut dumme Sachen und wird krank davon. Das wusste man schon immer. Die Bibel hat viel zu bieten, ohne Frage. Die Gefährlichen sind die Mitschnacker in diesem Laden, die Missionierer, die Eiferer. Sie wollen uns einen leibhaftigen Herrn skizzieren, als wär da „einer von uns“ – nur mächtiger. Beispiele sind aber immer reichlich vorhanden, die Idiotie sichtbar zu machen, wie Gläubige sich selbst in die Tasche lügen. Man muss das mögliche Wissen gewollt übersehen, die Wirklichkeitsprüfung konsequent umgehen, um effektiv glauben zu können. Damit meine ich, wie leicht der Mensch bemerken könnte, dass er nicht gemocht wird. Das Dasein ist vielmehr ein nicht enden wollendes, sich täglich erneuerndes Konvolut von individuellen Problemen. Menschen können einander helfen. Eine höhere Macht, die uns gezielt unterstützt, ist hingegen nicht erkennbar. Es sei denn, man redet sich alles schön. Eine Ohnmacht kann denjenigen erfassen, der erdrückendes Ungemach erfährt, das er nicht begreift. Statt helfend und irgendwie magisch gefördert, wird jeder andauernd „vom Herrn“ ignoriert? Weil da eben kein persönlich zugeschnittener Betreuer die Wacht hält.

Eine Mega-Katastrophe beherrscht die Nachrichten, eine Überschwemmung in Nepal, die unsere Ahrtal-Flut vor einigen Jahren zum harmlosen Bächlein schrumpfen lässt. Und? Wurden Gläubige verschont und Ungläubige ertränkt vom Allmächtigen? Wohl kaum. Wie oft bleiben Menschen fassungslos zurück, dass gerade sie alles verloren haben, weil eben kein Sinn aufscheint in solcher Katastrophe. Es ist geradezu empörend, wie Glaubenseiferer derartigen Zufall negieren wollen und tatsächlich die reinste Verachtung den Opfern einer Tragödie gegenüber, mitnichten gütiges Verstehen einer höheren Macht. Einfach nur eklig frech.

Das Unglück zeigt doch, das Universum steht uns unkalkulierbar, oft feindselig gegenüber, wie auch jedermann gegen seinen Nächsten mindestens die Elbogen ausfährt, wenn es ihm um eigene Belange geht. Druck kann ein Rahmen sein, sogar Halt geben. Manche werden aber einfach bloß zerquetscht. Der Mensch macht seinen Lebensraum kaputt. Sein Erfindungsreichtum, das Leben angenehm zu gestalten, das natürlicherweise hässlich war, geht so weit, dass nun die Menschheit absehbar alles Leben und sich selbst vernichtet. Der Planet geht kaputt, die Lebewesen rotten sich schließlich aus, haben das Geschenk eines erträglichen Klimas zerstört.

# Gegeneinander bis zum Tod

So ist alles gegen den Einzelnen gerichtet. Das fängt mit der Schwerkraft an. Wer es nicht aus dem Bett schafft, hat bald einen Dekubitus, dann Blutvergiftung, stirbt. Kein Gott hilft uns auf die Füße, wenn wir nicht selbst den Arsch hochkriegen. Die Welt zu schätzen, wie sie ist, sich selbst annehmen als ein Wunderwerk, das unbestritten ein Geschenk, ein geschaffenes Geschöpf zu sein bedeutet – ein geniales System, ein Erbe der Evolution –, das wir nur verwenden, zwingt uns doch nicht, auf einen guten Onkel zu hoffen, dem wir später gegenübertreten. Das ist eine zugkräftige Verschwörungserzählung! Dummdreiste Menschenfischer sind listig unterwegs, sich mit neurolinguistischen Manipulationen den Lebensunterhalt von anderen (die sie Schafe nennen!) finanzieren zu lassen.

Man verstehe mich nicht falsch: Wir stehen auf dieser Tradition. Unsere Staaten bekamen so ihre erste Gesetzgebung. Das sind wir. Die Schöpfung anerkennen, heißt aber nicht „den Schöpfer“ leibhaftig irgendwo anzutreffen. Wenn das wichtig wäre, gäbe es unbestrittene, entsprechende Erfahrungen – für alle offen einsehbar. Wunderprediger lügen wie Karl May zum persönlichen Broterwerb. Man muss es ohne diese Vision hinbekommen und lebt belohnt im Gefühl von Freiheit, bringt Respekt auf, Empathie und solche Sachen, aber nicht erzwungenermaßen überall und immer, weil’s gesagt wurde. Missionieren, Bigotterie macht krank.

Gläubige werden besoffen an ihrer eigenen Logik. Ein Aufmerksamer mag spontanen Gewinn daraus ziehen, eine alltägliche Situation gut vorherzusagen, ist aber selbst davon überrascht, eine so vitale Entscheidung getroffen zu haben. Der Gläubige sieht hier den Fingerzeig des Herrn. Ein Realist merkt nur wenige Momente später am unerwarteten Ärger in einer anderen Angelegenheit, wie bloßer Zufall seine Geschicke mitbestimmt. Der Gläubige sieht hier wiederum eine Aufgabe, die der Herr ihm gibt. Das sind zwei verschiedenen Sprachen, die Welt zu interpretieren. Religion öffnet aber die Tür ins Schizophrene sperrangelweit. Glaube ermöglicht bestens, den Weg ins Wahnhafte direkt zu gehen.

Glaube ist Wunschdenken. Eine Droge. Es nützt kaum zu sagen, man sei Atheist. Auch so einer muss Annahmen generieren, erlebt hypothetische Ängste. Welche Angst ist nicht Annahme? Die Hoffnung, das Fallbeil könnte versagen, dürfte ein zum Tode Verurteilter haben! Und so ist Glaube: Hoffen und Beten. Damit bedüselt man sich, mehr ist es nicht, und jeder erlebt, das mindestens gelegentlich zu tun. Dergleichen darf man nicht zu oft zulassen, und zum Doktor sollte man auch nicht immer hin rennen. Ebenso die Wahl einer politischen Partei dürfte anschließend enttäuschen. So ist diese Welt.

Man besinne sich auf das, was man selbst tun kann, prüfe, wie man drangeht, sich’s anfühlt und korrigiere gegebenenfalls. Das Gegenteil ist üblich: Die Leute merken ihren Scheiß nicht und kritisieren aber andere ständig. Sie hoffen auf einen „Retter“. Da sehe ich die Masse als insgesamt labil an, den Einzelnen als unter Umständen Schwachen, den die Gesellschaft noch über die Klippe schiebt – also an den Rand drängt, bis dieser nicht mehr kann – und dann vollends abserviert. Anschließend heißt es, er sei krank und eine Maschinerie wird aufgefahren, ihn zu betüdeln. Genauso könnte man das System insgesamt als unehrliche, kranke Struktur begreifen. Damit wäre zumindest erreicht, dass der als krank Beschuldigte annehmen darf, nichts dafür zu können und sich darauf besinnen kann, Abgrenzung zu üben.

Sich ehrlich machen. Man selbst ist nicht fehlerlos und die anderen sind auch bescheuert; das anzunehmen, hilft insofern, dass man weiter denken kann. Wer interessiert sich eigentlich für uns, wenn wir in Schwierigkeiten sind? Falls unsere Macke ist, sich nicht durchsetzen zu können und die Motive unklar bleiben, wohin die Reise bestenfalls geht, dürfte kaum jemand von sich aus beigehen, unser Leben zu verbessern. Es sei denn, wir haben noch eine Qualität wie etwa gutes Aussehen von Natur aus mitbekommen, und ein Partner fliegt nur deswegen auf uns. Keine gesunde Mischung, würde ich sagen. Berufshelfer tun das, was sie im Angebot haben. Will sagen, wer Klebstoff benötigt, bekommt UHU, weil der Laden das hat. Soll heißen, Hilfe bleibt immer pauschalisiert, allgemein, zeitbegrenzt, kostenpflichtig. Man darf sich nicht zu viel davon versprechen. Psychische Krankheiten haben viele Ausprägungen und entsprechend reichlich werden Diagnosen gelistet. Das täuscht darüber hinweg, dass nicht allen Menschen mit gleicher Fachlichkeit oder überhaupt Sympathie begegnet wird, die auffällig sind.

Es kann unser Problem sein, auch vom Psychiater nicht gemocht zu werden. Sind wir in den Augen der anderen gefährlich krank, ein sogenannter „Gefährder“, dürften sich aber einige, noch viel Bescheuertere geradezu auf uns stürzen mit allerhand Fiesitäten. In jedem Fall gilt, niemand ist allein krankhaft gestört. Die sich für normal Haltenden sind in großer Zahl uns gegenüber gefährlich vernagelte Leute. Das muss man aushalten! Und das meine ich mit Dummheit, die man auch lassen kann, wenn man seine Gefühle erst bemerkt, Wege findet, die befriedigen. „Nur Mut“ und „Never Underestimate Your Power“, das wurde mir gesagt wie allen – aber ich habe lange gebraucht, es zu verstehen. „Meine Hilfe käme vom Herrn“, befahl mir ein Pastor zur Konfirmation mit auf den Weg, und ich habe es geglaubt. Jedesmal, wenn etwas Kleines, Alltägliches nur schiefgeht bei mir, raste ich aus, weil niemand mich vor diesem Missgeschick bewahrte. Kein Herr hilft. Das allein ist meine „Krankheit“, und sie kommt vom Anfang meines Lebens her. Immer abwechselnd alleingelassen oder Einmischung habe ich erfahren, das nannte sich Erziehung. Im Alltag sich selbst zu bemerken, wie man alles macht, gibt uns die Möglichkeit der Wahl zurück. Wir müssen kein Idiot sein, dem das Brötchen vom Tisch, aus der Hand gleitet, auf der Butterseite landet, der flucht: „Das war nicht ich!“ Gäbe es Gott, einen Herrn, der den Menschen, den Handelnden liebt, verhinderte diese wohlwollende Macht dann nicht solche Fehler, also auch kleine, kleinere Missgeschicke? Wo beginnt diese Liebe des Herrn? Vielleicht erst in einer Flutkatastrophe, wenn das nackte Überleben unser einziges „Thema“ ist, das überhaupt zählt? Dann tritt der Engel auf den Plan?

Was für ein Blödsinn.

# Das psychotische Weltbild

Das psychotische Weltbild als Fachbegriff möchte ein Erleben grundsätzlich veränderten Realitätsbezuges definieren. Betroffene können nicht mehr sicher zwischen innerer Vorstellung und äußerer Wirklichkeit unterscheiden. Sie haben Wahnvorstellungen und entwickeln feste Überzeugungen (zum Beispiel Verfolgungswahn), die sich durch logische Argumente oder Gegenbeweise nicht korrigieren lassen. Halluzinationen treten auf, Sinnestäuschungen. Die Schizophrenen hören Stimmen oder sehen Dinge, die andere Menschen nicht wahrnehmen. Für die erkrankte Person wirkt dieses veränderte Erleben absolut real und logisch in sich geschlossen.

Der Psychiater und Autor Paul Watzlawick zeigt auf amüsante Weise den Grenzbereich zum Normalen auf, als er im Buch zugibt, an einer alltäglichen „Mini-Psychose“ zu leiden. Ein Erleben, das jeder von uns nachvollziehen kann. Watzlawick gibt zu, sich über jede rote Ampel im Straßenverkehr zu ärgern, aber nicht vergleichsweise angemessen oder überhaupt gleichermaßen spürbar über die zahlreichen Momente zu freuen, wo seine Fahrt durch eine auf grün geschaltete Lichtzeichenanlage frei ist. Diese Interpretation psychotischen Denkens zeigt die riskante Denkweise gläubiger Menschen klar auf. Wer bemerkt, dass kein Gott ihm eine günstige Welle beschert, sondern mehr als oft irgendein Widerstand uns zum Umweg oder kurzem Halt zwingt, kann auf den Gedanken verfallen, der Herr sei nun böse auf ihn geworden? Fixiert auf eine übergeordnete Macht zu sein, macht leichter krank, weil das Geliebtwerden des Allmächtigen denjenigen hoffen lässt, die Dinge liefen wunschgemäß, weil er glaubt und betet. Mit den Eltern, unsrem tatsächlichen Vater konnten wir reden und wurden bestenfalls ernstgenommen. Beten ist mitnichten das Gespräch mit Gott.

Beten ist Quatsch.

Mir wurde Unselbstständigkeit förmlich beigebracht, und ich bin nicht der Einzige, der sich selbst mit Leistung verwechselt. Das kann nicht durch Therapie korrigiert werden. Therapie suggeriert, dass der Therapeut gegenüber gesund ist. Dann soll ein Patient lernen, gesund zu werden? Das ist so widersinnig, wie Kindern in der Schule zu sagen, sie hätten die Krankheit „Kindheit“ oder wären eben dumm, weil sie „noch“ jung seien. So drückt man Menschen, die Schwierigkeiten haben, weiter runter, nimmt sie nicht ernst, hält sie in Abhängigkeit und das, wo ihre Krankheit darin besteht, dass sie Unselbstständige sind.

Machte man psychisch Erkrankten klar, dass sie nach der Behandlung einer kritischen Phase (wie etwa bei normaler Reha nach einem Autounfall) respektiert würden und zur Schule gehen müssten, damit es nicht wieder passierte, wäre schon einiges gewonnen. Das Wort Therapie bindet uns an das Wort Patient. Ein Lernender ist aber kein Patient, bloß weil er keine Ahnung hat. Ein psychisch Kranker macht dumme Sachen – das muss man doch sagen dürfen – und sollte diese im täglichen Verhalten wahrnehmen, um sich zu ändern. Selbstständigkeit bedeutet, auf eigenen Füßen zu stehen. Damit also nicht „der Körper streikt“, wie es so blödsinnig heißt, muss die Leitungszentrale merken, was sie an Unfug anbefiehlt. Widerstände spüren, sich leichter bewegen, ist aber gerade nicht, was ein Patient unter Medikamenten lernt. Dafür nützt keine Therapie, wenn das bloß zu reden heißt. Da bräuchte ein Patient die Bewusstheit, den Körper und überhaupt sich im Ganzen zu spüren und zu begreifen. Wem man sagt, er habe Soundso und würde deswegen therapiert, ist nicht selbstbewusst, sondern Hilfesuchender, schlimmstenfalls Befehlsempfänger.

# Glaube ist notwendiges Übel

Wer mehr daraus macht, seine Religion und entsprechende Überzeugungen täglich ableiert, herunterbetet, steht mit einem Bein im Wahn. So auch psychisch Kranke. Sie folgen fremden Stimmen, sind nicht frei von dem, was gesagt wird, orientieren sich an der Welt und nicht an sich selbst. Die Umgebung bemerken und ihr Sosein zu akzeptieren, genügt. Wer sich unterordnet, dass kein Gleichgewicht mehr zwischen dem großen Ganzen und der kleinen, eigenen Körperlichkeit erhalten bleibt, lässt sich von außen eindrücken, verbiegen und wird Beulen davontragen vom Herumgestoßenwerden. Die über die Maßen gläubigen und überhaupt gutgläubige Menschen sind Opfer, nicht stark durch ihren Glauben, den sie ständig beschreien müssen.

Die verschiedenen Religionen, die es gibt, zeigen bereits, da ist nicht ein Gott, ein Herr für alle, sondern jeweils eine spezifische Tradition nur einer Region mit mehr oder weniger Einfluss bis heute. Die Rede vom einen Gott für alle ist eine Lüge, die von den jeweiligen Gläubigen nur zu gern geglaubt wird. Glaube bleibt, weil tatsächliche Lebenserfahrung die heiligen Schriften prägt. Glaube verfängt, weil geschickte Menschenfischer unterwegs sind. Die Idee vom Verzeihen und Vergeben war neu, als Jesus Christus sie predigte, und es ist eine gute, nötige Sicht auf den damaligen Menschen gewesen. Bis heute hat diese Forderung, auf Rache zu verzichten, ihre vernünftige Basis, zur Ruhe zu kommen, Frieden zu finden. Das ändert nichts an der wahrscheinlichen Realität, dass der Heiland kein Sohn eines Herrn im Himmel war, wenn man das mit menschlichen Familienbanden gleichsetzt, sondern allenfalls ein einfallsreicher Vordenker damals. Er wurde das Opfer seiner besonderen Denkweise und ist gestorben wie jeder andere Mensch. Das glaube jedenfalls ich. Wir haben in der Geschichte der Menschheit schon so viele Lügen aufgetischt bekommen, warum sollte es hier anders sein? Es schmälert die klugen Worte vieler Gleichnisse und sonstwelcher Bibelstellen keineswegs um ihren Wahrheitsgehalt, wenn man sich keinen leibhaftigen Herrn vorstellt, der etwa gezielt eingreift.

Psychische Krankheit ist gleichbedeutend mit religiösem Eifer, identisch mit Fanatismus überhaupt. Das sind fremdgesteuerte Zombies. Darum funktioniert Therapie nicht: Der Psychiater ersetzt die bisherigen Stimmen durch seine. Er wird unersetzlicher Mentor, solange er sein Gegenüber als Patienten bezeichnet und dieses das akzeptiert. Eine Behandlung müsste sein wie ein Gips am gebrochenen Arm. Irgendwann ist mal gut. Das passiert viel zu selten. Misslungene Hilfe, dauerhafte Betreuung ohne echten Fortschritt liegt am theoretisch nicht haltbaren, am Symptom ausgerichteten System unserer Medizin.

Ganze Menschen sind mehr als die Summe ihrer Bauteile.

Glaube und Glaube an die Medizin dürfen nicht geduldet sein, wenn das bedeutet, Wissen zu verbiegen. Mit der Einführung der Relativitätstheorie hat die Physik Newton erweitert begriffen. Man kann nichts gewinnen, überkommene Erkenntnisse heute zu vertreten, wenn bessere zur Verfügung stehen. Ein Rückblick mag helfen? Die Jesus-Geschichte hat den jüdischen Glaube bereichert. Viele haben das verstanden. Martin Luther reformierte die katholische Kirche. Das hat uns vorangebracht. Anschließend der Bibelworte haben noch viele Menschen Bücher geschrieben. Neue Erkenntnisse wurden postuliert. Wer diese nicht lesen will, weil ihm noch gilt, was mal ein Papst früher sagte oder meint, das alte Auge-um-Auge müsse wiederbelebt werden, dürfte langfristig Verlierer sein. So auch die eingebildeten Kranken, sie wären gut beraten, einen Gang zurückzuschalten!

Anspruchshaltung ist nicht erfolgreiche Anpassung und keinesfalls Selbstbewusstsein. Abgrenzung muss nicht Befeuerung der Konflikte sein. Die Grenze selbst erkennen – sich bewusst sein – und gegenüber der Umgebung festzulegen, eine rote Linie zu ziehen, kann auch bedeuten auszuweichen. Den anderen Weg zu wählen, hat nicht zwingend den Makel einer schwächlichen Defensive, die künftige Machtlosigkeit nach sich ziehen wird. Eine unerwartet alternative Haltung des Einzelnen lässt die Masse ins Leere laufen. Individualität kann Einfallsreichtum sein. Das ist klüger, als Windmühlenflügel anzuhauen, die sowieso kreisen. Menschen, denen man eine besondere psychische Erkrankung diagnostiziert, sollten sich besser gegen Schubladisierung abgrenzen, statt dankbar mit ihrem „ich habe soundso“ hausieren zu gehen. Dann läuft einer von Arzt zu Arzt, Kirche zu Kirche, von Partei zu Partei. Er läuft immer nach, sich selbst hinterher, kommt niemals an. Psychotherapie einzufordern kann das sein, man verschwendet Zeit und Energie.

Das System müsste vielmehr dafür sorgen, dass psychisch Kranke, denen zu fordern aufgrund des Krankheitsbildes nicht möglich ist, eine adäquate Therapie bekommen. Junge Menschen ohne Perspektive zu retten, scheint mir wichtiger, als Quälgeister mitzuschleppen, die sich genauso gut auf den Hintern setzen könnten und selbst an sich arbeiten, um wieder fit zu werden. Dafür gibt es manche Trainingsangebote, Coaching, wie es heute heißt. Das ist auch der richtige Name für die Schulung von Menschen, die sich nicht darin gefallen sollten, sich auch noch selbst als „krank“ anzusehen. Wo einer zu viel isst, ist dieser nicht krank zu nennen. Wer säuft, ist nicht krank. Zwanghafte Spieler sind keine Kranken. Es sind Idioten, die alles verspielen, und dann stellt sich die Gesellschaft hin und finanziert einen ganzen Apparat, diesen Leuten zu sagen sie seien krank? Das wird nicht mehr gehen. Dafür ist kein Geld da. Wer in der Lage ist, Ansprüche zu erheben, ist nicht krank. So jemand ist entweder frech oder eben – dumm. Man hat sich zum Spielzeug des Systems machen lassen und goutiert das noch! Es nützt kaum zu fordern, wo man auch klüger sein könnte und bei sich selbst anfangen aufzuräumen. Lernen, kleine Schritte zu machen, motiviert. Sich im Regen noch toll zu fühlen, nur um lauthals auf die Nässe zu schimpfen, ist für alle anderen bloß lächerlich. Ich habe „AD-soundso-S“ oder „C-XY-MS7“ und benötige „U-VW-plus“ – was soll das?

Andere akzeptieren Unabänderlichkeiten, weil sie diese als solche erkennen.

# Vermeintliche Fachlichkeit befeuert falsches Denken

Tempo machen, nicht zuhören können, Rechtfertigungsdruck; das ist der moderne Mensch im Berufsleben, im Alltag. Wir kommunizieren ständig und möchten uns dabei korrekt oder jedenfalls positiv darstellen. Obwohl ein Mensch so vieles gar nicht wissen kann, weil er die Inhalte nicht nachprüft, sind wir alle immer voll mit Wissensbrocken. Es ist das Wirken eines Dominoeffekts, das Umfallen ganzer Ketten, abspulen von Programmen, das nun aber ernsthafte Konkurrenz erhält durch die klüger werdenden Computer. Programme treten in den Hintergrund, wenn einer es vermag, übergreifende Querverbindungen zu schaffen, intelligent zu denken.

Die Besten sind auch die gesünderen von uns.

Man kann dazulernen, und das ist empfehlenswert für alle, die sich den Schuh einer Macke haben anziehen lassen. Sprechen beinhaltet das Problem, dass man nicht zwei Sachen auf einmal sagen kann, sondern eine Priorität festlegt, womit man beginnt. Das kann auch einen Nachteil bedeuten, die eine oder andere Denkfalle und mehr. Vielen ist die moderne Gendersprache lästig. Diese zwanghafte Vollständigkeit macht deutlich, wie umständlich das Reden wird, wenn immer beide Varianten des möglichen Geschlechts in den Satzbau gehören. Dazu muss noch eine Reihenfolge bestimmt werden und komplett ist das Ganze trotzdem nicht. Zwischengeschlechtliche Menschen fehlen, und das ist nicht korrekt? Obendrein Zeitdruck macht, dass wir nur uns selbst sehen, uns nicht genug Beachtung geschenkt wird, es sich aber gehört, die Gegenseite zu respektieren. Mit einem dicken Fell schafft keiner, beliebt zu sein. Wer nicht redet, erfährt auch nichts, heißt es. Sich ein wenig mehr mit der Sprache auseinanderzusetzen, bringt dem, der es probiert, manche Erkenntnis und freieres Denken ein!

Ohne Intellekt hätten wir keine Kommunikation und umgekehrt: In Worten zu denken, ist neues Kombinieren vorhandener Begriffe, vielfältiger Austausch, mit sich selbst reden. Wir erhöhen die Denk- und Sprechgeschwindigkeit durch Platzhalter von komplexen Sinnzusammenhängen, die wir mit nur einem einzigen Wort umschreiben und dann mehrere solcher Worte für einen logischen Satzbau nutzen. Das kann den Nachteil bedeuten, die von uns bloß konstruierte und eigene Wirklichkeit der Sprache zu übersehen und Kombinationen zu generieren, die eigentlich nicht zusammengehören. Banales Beispiel wäre, „die Eltern“ zu sagen, obwohl diese tatsächlich zwei Personen sind und getrennt handeln können oder „Körper und Geist“, die nie getrennt auftreten. Dazu kommt, vom Geist zu reden, ist eine Kreation der Sprache, während hinter dem Wort „Gehirn“ als Organ stoffliche Qualität steht. Wenn wir „Mond“ sagen, leuchtet da oben am Himmel noch wenigstens eine sichtbare Erscheinung für jeden von uns, es gibt den Mond, auch wenn wir alles andere über den Trabanten der Erde nur durch bestimmte Medien erfahren und nicht wirklich verstehen als Laie. Sagt aber einer: „Albert Einstein erfand die Relativitätstheorie“, lautet die schnelle Antwort typischerweise:

„Weiß ich.“

Das geht durch ohne jedes Begreifen.

Die Grippe ist eine Krankheit, die Depression soll eine sein. Eine Erkältung rührt her vom Virus, das den Kranken ins Bett zwingen kann. Die ausgeprägte Depression genauso macht den Kranken handlungsunfähig, seinen Verpflichtungen in angemessener Weise zu folgen. Eine leichte Erkältung ist nicht mehr als ein Schnupfen, aber das Virus könnte nachgewiesen werden bei dem, der den Schnupfen hat. Eine schwere Depression bedeutet messbare Fehlfunktionen des Gehirns. Der Informationsaustausch ist gestört. Es liegt ein Ungleichgewicht von Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin vor. Psychische Kranheiten sind so real wie andere, aber mit der Behandlung beginnt der Unterschied: Gegen die Grippe lassen wir das Immunsystem machen, bei einer psychischen Erkrankung hilft dieses scheinbar nicht. Warum?

Es geht einigermaßen gut an, von „der Grippe“ zu reden, ist aber weniger sinnvoll, von „der“ Depression zu sprechen. Der Grund ist einfach, dass der ganze Mensch eine für ihn unkluge Anpassung auslebt, sich so gesehen ungeschickt verhält und mit „der“ Depression nach Hause geht. Von dieser „Krankheit“ erholt sich einer nicht mal so. Mit dem Virus einer Grippe steckt sich jemand an, der ein entsprechendes Tröpfchen in der Atemluft aufgeschnappt hat (in der Bahn, unter Menschen, die niesen). Mit psychischer Krankheit aber steckt sich derjenige durchs Zuschauen und Zuhören der Menschen drumherum – plus seinem individuellem Denken – an. Einer denkt: „Die reden über mich“ und wird krank.

Ein Normalgesunder in derselben Situation interpretiert die Gespräche der Fremden (im Bus) nicht. Man wird nicht krank, weil irgendwo Menschen reden. Es steht eine reale Erfahrung am Anfang des paranoiden Denkens. Erlebtes zieht neurotische Verhaltensweisen nach sich. Individuelles Erfahrungsgeschehen führt zur späteren Fehlinterpretation scheinbar ähnlicher Momente im Heute. Das kann man nicht vergleichen mit dem Infekt, den jeder bekommen kann, der sich „damit“ infiziert.

Ein Virus ist so real wie die Grippe anschließend. Anders die Beobachtung, Spiegelung der Umgebung: Alles in eine Interpretation verwandeln, kann eine Geisteskrankheit bedeuten. Einen Geist gibt es stofflich aber genauso wenig wie die etwaige Krankheit des Geistes. Hier ist ein Mensch krank, nicht sein Geist. Die Psychiatrie ist in meinen Augen gespenstischer Unfug, wenn sie Diagnosen verteilt wie Luft in Tüten. Ich spreche aus Erfahrung klug geworden. Unsere Mediziner sind schlecht ausgebildet im Denken leider. Ich erinnere, mein Arzt sagte einmal: „Wir wollen verhindern, Herr Bassiner, dass die Psychose wiederkommt.“ Ein fataler Satz, würde ich heute sagen. Es gibt keine Psychose, obwohl wir diese bei vielen Menschen ähnlich beschreiben können. Tatsächlich ist hier nur ein Begriff unterwegs. Ohne das ganze Ich des Betroffenen, seine Erleben und Anpassungen, generierte keiner das psychotische Symptombild. Das ist nicht isoliert von ihm selbst, als fremdes Infektionsgeschehen zu sehen, gleichzusetzen mit gewöhnlicher Kranheit, die zu uns kommt, ein stofflicher Eindringling. Das Virus oder ein bakterieller Infekt stört und beeinträchtigt den funktionierenden Organismus. Eine psychische Krankheit hingegen macht man sich selbst. Der Kranke züchtet sich die Probleme quasi hausgemacht – als ungesunde Reflexion des Nötigen. Um einen Infekt in den Griff zu bekommen, werden Medikamente eingesetzt, und eine Depression wird ebenfalls mit Psychopharmaka behandelt. Anschließend der Krankheitsphase bei einer Infektion ist der Patient gesund, bei psychischen Erkrankungen sehen wir die Sache anders. Wer ins Malaria-Gebiet reist, sollte sich vorsehen. Viel im ÖPNV unterwegs zu sein, kann in der nasskalten Jahreszeit bedeuten, sich eine Erkältung einzufangen. Einen Schnupfen bekommen wir durch Ansteckung.

Man infiziert sich nicht mit Schizophrenie.

# Die falsche Idee

Psychiater wollen auch Ärzte sein. Sie wollen ein Medikament zum Verschreiben. Dann können sie als Mediziner gelten. Nun nimmt man sie ernst wie andere Doktoren im weißen Kittel. Die Gesellschaft und die Pharma (die Polizei, wenn sie ein Gutachten benötigt) sind nur zu gern dabei. Da spricht der Fachmann! Die Leute glauben ans scheinbar kluge Vorgehen, zumal keine bessere Methode bekannt ist. Theoretisch funktioniert es. Man sagt, bei einer Erhaltungsdosis soundso vom hochwirksamen Medikament X bekommt der Patient keinen neuen Schub. Wie eine Schutzimpfung gegen die Krankheit Y wirkt der Puffer um die Rezeptoren im Gehirn dahingehend, dass, falls ein Botenstoff D übermäßig auftritt – eine Überschwemmung des Gehirns – eventuelle Krisen abgefedert werden. Wir messen das entgleiste Gehirn und glauben an die medizinische Lösung, auch wenn der Ansatz falsch ist? Die nicht haltbare Theorie vom vulnerablen Menschen überzeugt, weil sie scheinbar stimmig kombiniert. Wie Kopernikus sein Weltbild hatte, das in Teilen gut funktionierte als Erklärung der Himmelsereignisse.

Eine einfache Theorie auch für uns heute: Es seien eben Empfindliche da, Teil der Gesellschaft, so gesehen im Nachteil. Die benötigten ein Medikament, das sie schützt, heißt es – selbstredend. Man sucht einen Grund, warum es Psychosen gibt? Nun wird übersehen, dass wir eingangs, wenn wir von Psychosen ausgehen, den Menschen ignorieren, der diese Krankheit hat. Um nachzubessern, erklärt der findige Forscher diesen Menschen kurzerhand als schwach, wie ein Auto mit geringer Leistung. Man wird erkennen müssen, dass dieses Konzept falsch ist. (Korrigieren und logisch verbessern musste auch Kopernikus. Er verstand als Erster, die Sonne in die Mitte zu stellen. Das war klug gedacht zu seiner Zeit. Der Astronom nahm aber an, die Planeten wandelten auf Kreisbahnen um die Sonne. Das war und ist falsch. Kopernikus musste zahlreiche Ausnahmen, die „Epizykel“, in seine Berechnungen einbauen, damit seine Voraussagen stimmten).

Die Forschung – abgehoben, in sich gefangene Wissenschaft – macht gern den Fehler, Schubladen zu packen.

Man beschreibt Hochintelligente, Vulnerable oder Gefährder. Als wären da Lastwagen, Kleinwagen, Roller oder Marken, alternativ Farben, schwarz, weiß, gelb usw. Das ist nur dann der Fall, wenn wir keine Veränderung hinbekommen, was immer wir tun. Chinese ist gelb, Afrikaner schwarz, Indigener rot. Menschen müssten sich lebenslang nach ihrer Art verhalten, damit es passt wie bei Fischen, die immer Fische bleiben, Vögel die fliegen und so weiter. Ein Hauptschüler dürfte niemals sein Abitur nachmachen, ein Schwächling könnte keine Muskulatur aufbauen, ein Arbeiter bliebe Angestellter auf Lebenszeit, weil es eben so ist. Es hat so zu sein in der Welt von Wissenschaftlern, die argumentieren:

„Du bist vulnerabel.“

Wenn es Intelligenz gäbe – wir einen gültigen Quotienten hätten, über seine sich selbst erfüllende Wahrheit hinaus –, blieben schwache Schulabgänger lebensschwach für immer, müssten umgekehrt Hochstudierte nicht als Taxifahrer arbeiten. Es gibt nicht die eine Intelligenz, sie verlässlich zu definieren. Deswegen gilt auch kein Quotient tatsächlich so viel, wie gesagt wird, obwohl man diesen immer wieder nennt. Man kann den Konzertpianisten nicht mit einem Astronauten vergleichen und trotzdem Aufgaben für beide stellen und diese dann bewerten. Was soll das? Europäer sind nicht ernsthaft vergleichbar mit Buschmenschen, die ganz andere Probleme bewältigen. Natürlich lässt sich eine Testmethode kreieren, die das unmögliche Mittel der „Intelligenz“ zwischen beiden rauskitzeln will. Nur wozu soll das gut sein? Jede Sportveranstaltung, die nach Geschlechtern trennt, zeigt ähnliche Probleme der Fairnis beim Vergleichen, und mit dem Faktor Doping wird alles noch komplizierter. Was ist Doping?

Wir müssen von neuerdings emotionaler Intelligenz reden, weil wir das Sozialverhalten nicht den Fähigkeiten im Bereich Wissen oder mechanischem Geschick gegenüber gleich bewerten können. Ein Autist kann ein Telefonbuch auswendig aufsagen, das Wetter an jedem Tag, der war, wenn es ihm gefällt, sich darin auszukennen. Dieser „Kranke“ übersteigt mit seiner Fähigkeit jeden Normalen. Im Alltag ist er aber verloren. Wir müssen ihn schlimmstenfalls allzeit betreuen. Sollen wir den Sonderling nun als dumm bezeichnen? Diese Menschen verhalten sich jedenfalls schlecht angepasst an unsere Realität und ja, das ist nicht klug. In einer härteren, weniger sozialen Umgebung müssten solche Lebewesen sterben. Sie kämen nicht klar. Die anderen müssten selbst ums Dasein kämpfen, und viele, heute mitgenommene, Behinderte könnten keinesfalls überleben. Klugheit oder Intelligenz wären so gesehen direkt Anpassungsfähigkeit, und dann bliebe kein Platz für Spitzfindigkeiten. Da könnte aber immer noch Lernen stattfinden, beispielsweise nach einer zerstörerischen Gegenwart fänden die Intelligenteren schneller Lösungen, weil sie lernten, mit einem Horrorszenario umzugehen. Nur bliebe immer noch das Rätsel, warum manche lernen, von denen andere zunächst angenommen hatten, sie könnten nicht besser werden.

Wie viel Zeit einem von seinen Eltern abhängigen Kind gegeben wird, sich in die Gegebenheiten einzuüben, ist sehr individuell. Und das Gegebene, das Gebotene unterscheidet sich noch, und zwar entsprechend der Weisung gebenden Menschen, den Bestimmern, seine Lehrer, denen so ein kleiner Wurm zwingend zuhören muss. Wenn also andere uns mit welchen vergleichen, sollten wir nicht selbst in die Falle tappen und uns gleich mit aufgeben, wo es heißt:

Du bist – und dann kommt irgendein Wort.

# Bewertung verzerrt alles

Kein Begriff ist so überladen wie Intelligenz. Jeder brüstet sich mit seiner Qualität. Keine Firma stellt einfach so jemanden ein: Man macht einen Test. Wieder soll das Sicherheitsdenken der Menschen und seine allgegenwärtige Eitelkeit in eine Form gegossen werden. Das funktioniert nur, weil eine Vorauswahl erfolgte. Damit nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden, lässt man nur Äpfel antreten. Menschen sind aber nicht nur alle Obstsorten in diesem Bild, sondern noch viel mehr. Beispiele sind üppig vorhanden, die Leute früher haben ihre Welt farbig gesehen. Wir haben bis vor kurzem auf die Vergangenheit geschaut, als wäre diese schwarzweiß wie auf den alten Fotos. Wir meinten, intelligenter zu sein als die Alten, weil diese alles grau erlebten? Jetzt, mit modernen Mitteln koloriert, wundert sich mancher über die Lebendigkeit der alten Aufnahmen! Mehr könnte man aufzählen. Papier ist geduldig, sagten wir, als noch gedruckt wurde. Die Welt verändert sich. Menschen ändern sich. Intelligenz ist ein Erklärungsprinzip wie vieles andere auch. „Psyche“ ist ein Begriff, nicht mehr.

„Die Karte ist nicht das Land“, heißt es ja.

# Manche akzeptieren, andere nicht

Woher etwas kommt, ist die typische Frage des Menschen, der alles kausal nachvollziehen möchte. Dabei bleiben Schwierigkeiten: Ein einfaches Fußballspiel – die Mannschaft stürmt mit Ballbesitz – zeigt uns, wie vielfältig Kausalität ist. Blitzschnell korrigiert sich die Lage für den aktiven Spieler, der unter Berücksichtigung vieler Faktoren nur einer der Entscheider ist. Es geht nicht gut zu sagen, der Kopf sei schuld und deswegen streike der Körper. Es hilft genauso wenig, umgekehrt zu meinen, der Körper streike und der Kopf sei machtlos deswegen. Beeinträchtigte übertreffen manche sportlichen Rekorde von Gesunden.

So sollten wir uns selber betrachten, wenn wir nicht klarkommen: als Behinderte.

Ich habe eine Frau mit Prothese auf einem Stand-up-Board gesehen, die an einer Meisterschaft teilgenommen und gut abgeschnitten hat. Sie beschrieb im Filmbeitrag, was mit diesem mechanischen Bein nicht geht. Sie zeigte, wo die künstlichen Gelenke nicht hergeben, was normale Paddler beispielsweise in engen Slalom-Kurven abrufen, wie die starre Technik Nachteile mit sich bringt, die sie kompensieren muss durch Vorsicht in solchen besonderen Bögen, die die Regatta fordert. Sie fährt zu gleichen Bedingungen mit den normalen Sportlern. Sie habe es einfach gemacht, sich angemeldet, ohne groß vorher was zu sagen:

„Die haben das geschluckt.“

Das ist eine Frau, die, soweit ich es verstanden habe, deutlich vor dem Mittelfeld ankommt. Sie hat einen streikenden Körper, wenn man so will.

Und?

Diese Frau geht, mutmaße ich, nicht zum Psychologen, der ihr erklärt, wovon was kommt. Sie weiß, dass ihr Bein kacke ist, nur Ersatz. Sie kompensiert ihre Behinderung durch exaktes Nachspüren, was bei ihr trotzdem geht. Sie sagt nicht, das Eine komme vom Anderen. Sie arbeitet integriert mit sich selbst. Ihr Gehirn tauscht sich aus mit dem Bein, statt zu sagen, da wäre Revolution, Streik – geht nicht. Wenn bei ihr etwas nicht geht, sucht sie einen neuen Weg, um ihr Ziel zu erreichen.

Sie kann unser Vorbild sein.

Ich habe diese Frau im Film beobachtet. Da das Ganze in Wassernähe geschieht, kann man alles genau sehen. Das gute Bein ist nackt, ein Frauenbein. Unten hat sie einen Schuh an auf dem Bord, vielleicht in einer Schlaufe steckend, wie man das eben so macht. Das andere Bein ist komplett „Roboter“ – Metallstangen, künstliche Gelenke, kein Fuß wie sonst. Sie ist also definitiv anders, vulnerabel, wenn man so will. Ihre Nachteile sind so, wie sie selbst diese beschreibt. Enge Radien fährt sie schlechter als andere. Ins Wasser zu fallen, wäre schlimm, da sie schwieriger zurück auf das Board käme als ihre Konkurrenten. Über Tag an Land trägt sie eine Hose, ein Kleid, was weiß ich, aber man dürfte merken, wie sie sich beim Gehen (in einer Einkaufsstraße) vom Umfeld unterscheidet?

Es gibt keine Extra-Stadt für einbeinige Frauen.

Man verschreibt ihr keine rosa Pille, die ihr unmöglich macht, ihre Defizite zu sehen! Sie gehört dazu. So auch auf dem Wasser: Die Behinderte fährt die Regatta schlicht um schlicht mit den anderen mit. Das ist nicht paralympisch. Sie war frech, sich selbst gleichzusetzen mit den „normalen“ Sportlern, und so lange sie nicht andauernd gewinnt, wird man sie in Ruhe lassen. Es kann noch problematisch werden – wie etwa im Laufsport mit diesen Ausnahmeläuferinnen, die manche für männlich halten und disqualifizieren möchten, wenn solche besonderen Frauen (in ihrer Gruppe) gewinnen. Davon war hier gar nicht die Rede im Beitrag, aber ich habe es für mich gedacht, Überlegungen angestellt: Menschen sind ohnehin alle verschieden. Es kommt darauf an, was einer mit sich anfängt.

Das Problem der Psychiatrie ist, dass sie eine Machtfunktion ausübt gegenüber derzeit Schwächeren, deren individuellen Probleme diese beeinträchtigen im sozialen Integrationsprozess. Unter dem Vorwand zu helfen, genießt mancher Arzt seine Überlegenheit und verkürzt keinesfalls die Zeit, die einer benötigt, den Ausgang aus seinem Labyrinth zu finden. Der Psychiater sollte uns beim Denken helfen, tut das aber nicht, wenn man nur miteinander redet, der Arzt sich tatsächlich darin sonnt, selbst „drüber“ zu wirken.

Klugheit und Intelligenz; unsere Sprache kennt zwei Worte, man nutzt die Begriffe im passenden Kontext und vermischt sie auch. Mit Intelligenz wollen wir den Menschen insgesamt erfassen, mit dem Wort Klugheit zielen wir auf den momentanen Handlungsrahmen. Ohne einen Bewertenden verlieren die Begriffe aber an Bedeutung. Die Behauptung von der angeborenen Intelligenz entwickelt ihre Kraft vor allem in der Selbsterhöhung desjenigen, dem wichtig ist, es zu behaupten. Genauso das Wort Talent. Das ist ein Instrument, Menschen damit zu stempeln. Der Ausnahmesegler Joachim Griese sagte in einem Interview, das ich mal im Fernsehen gesehen habe, auf die Frage, ob das schnellste Boot gewinnen würde: „Nein –“, er machte eine kleine Pause und lächelte unvergleichlich, „aber es segelt sich eben viel leichter mit einem schnellen Boot.“

Die Frau im Filmbeitrag mit ihrem Board musste eine besondere Anpassung finden, hat das hinbekommen und weigert sich, im Sonderstatus Käfigbewegungen zu präsentieren. Sie hatte eine Wahl, diese Möglichkeit für sich erkannt und ihr Schicksal angenommen. Wer umgekehrt – wie so viele – einfach glaubt, was man sagt, schließt die meisten Wege aus, die trotzdem denkbare bedeuten. Das ist doch dumm.

Was sonst?

Aktuell klüger zu handeln, ist für jeden eine Möglichkeit, die sich immer zu entdecken lohnt. Den individuellen Tunnelblick kann jeder reduzieren lernen. Es geschieht viel mehr in jeder Situation, in jeder Sekunde als in der einfachen Was-passiert-dann-Maschine von Ernie und Bert (aus der Sesamstraße). Kausalität linear als Erklärung zu wollen, führt in das Paradoxon, dass es in einem begrenzten System wechselseitige Abhängigkeiten gibt. Da existiert keine Psyche isoliert und genauso wenig die Seele, von der in der Bibel die Rede ist. Gläubige in der Regel handeln dogmatisch, borniert, eindimensional. Sie ignorieren das schöne Wort im Psalm geflissentlich: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, gehen typischerweise im Gefühl, gehen zu müssen wie. Die härtere Wahrheit, dass es auch anders sein könnte, wollen sie nicht spüren: Niemand kommt anschließend seines Lebens in den Himmel. Ein Leben nach dem Tod gibt es nicht. Was soll das sein, ein geistiges Dasein, wo doch heutzutage so schön deutlich wird, wie blöde die Alten werden in ihrer Demenz? Was von ihnen soll bitteschön der Geist sein, der sie im Himmel ausmacht? Ist es ihr Wesen, ihr Charakter, so wie wir sie in ihrer Kindheit kannten, den mittleren Jahren, als sie beruflich voranstürmten – oder „irgendwie“ alles zusammen? Dieses Irgendwie, von dem die sogenannten Gläubigen ja wohl ausgehen, sollte uns stutzig machen. Begriffe, die sich Menschen ausdachten, mögen dem Intellekt nützen, damit wir uns verständigen können. Nicht selten werden Worte aber zum Instrument. Dann manipulieren geschickte Sprecher uns mit ihren spezifischen Ausdrücken.

So sind Prediger.

# Vorsicht!

Insofern kann man nicht behandeln, was nicht existiert und sollte neu zu denken lernen. Ganzheitliche Medizin fängt an bei unserer Bewegung im Raum. Nichts geschieht ohne Muskulatur. Jede Aktivität beinhaltet Gedanken, Gefühle, das Wissen um die Situation und den Ort, an dem man sich befindet, die Kenntnis der eigenen Vergangenheit, die Perspektiven, die sich vernünftigerweise ergeben. So gesehen geht alles zusammen in die Qualität der Bewegung ein. Wem man lehrt, selbstständig darauf zu achten, wie er aktuell handelt, sich bewegt, der kann sich allein in jedem Moment des Alltags erfahren und lernen. Da muss niemand reden.

Kein Guru ist nötig.

Es geht nicht darum zu behaupten, dass jeder mit erhöhter Gefühlsspannung krank ist oder wer latscht, kein Selbstbewusstsein hat und deswegen Haltungsschule nötig habe. Der Fakt dieser Überlegungen ist, dass wer mehr merkt, sich leichter ändern kann und bald wachsendes Selbstbewusstsein spüren wird. Das dürfte immer helfen. Sich wohlzufühlen, scheint keine Rolle zu spielen in der Psychotherapie? Bewusstheit ist nicht notwendig zum Überleben. Leben kann aber mehr sein, als bloß durchkommen. Menschen mit psychischen Problemen die Augen zu öffnen, was sie eigentlich anders machen als die sehende Gesellschaft, erreicht man besser, wenn diese von selbst merken, dass sie mit geschlossenen Sehwerkzeugen herumspazieren. Gut möglich – und das heißt hier, in Bildern zu sprechen –, dass einer mit schützender Sonnenbrille beginnt, die grelle Wirklichkeit auszuhalten? Mit der Brille schließlich spielen zu können, um das Bild fortzumalen, wäre die Perspektive, die uns erst zu mündigen Mitbürgern macht. Patienten zu ermuntern, dass Lebenszeit bleibt, rechtzeitig selbst zu sehen (und damit auch ansehnlich zu sein, mit den anderen zu tanzen, wenn man so will), lohnt sich.

Niemand macht noch Dummheiten, wo bessere Wege aufscheinen und unrealistische Ziele als solche erkennbar sind. Unser Denkapparat hat eine flexible Reaktionsbereitschaft – wenn der Kopf gesund ist. Pharmazie kann uns eine Zeit lang ruhigstellen, Überreizung eindämmen. Eine tägliche Pille in irgendeiner Dosierung dürfte aber kaum helfen, die vielseitigen Anforderungen des Alltags effektiv zu unterstützen. Der Organismus verkleistert damit auf nicht wirklich erforschte Weise. Ob man das Medizin nennt oder leistungssteigernde Droge; die späteren Folgen sind unübersehbar. Kaputte Menschen haben wir genug. Gesundes Funktionieren durch Integration von brachliegenden Möglichkeiten anzuschieben, ist so viel intelligenter! Wo das Gehirn mitbekommt, was seine Anstöße mit dem eigenen System bewirken, wird so ein Gehirn sich auf seine vernünftigen Möglichkeiten besinnen. Das erreicht kein Therapeut, der dem Gerede eines Irren zuhört oder ihm Ratschläge gibt, kleine Aufgaben für zu Hause. Das Geld für solches Gequatsche können Friedrich Merz und seine Regierung bestimmt woanders besser verwenden.

Da bin ich ausnahmsweise einmal voll dabei, und ich habe diese Leute nicht gewählt.

Danke Friedrich!

🙂

Notwendiger Nachtrag, Zitat:

„Die neue PISA-Studie zeigt die schlechtesten Leistungen für Deutschland seit Beginn der Erhebung. Jeder dritte Jugendliche hat Probleme beim Rechnen und Lesen. Gerade die Lesefähigkeit macht aber auch in anderen Ländern Sorgen.“ (Tagesschau, 8.9.2026).

Zitat Ende.

Wir werden blöde!