Wie man schaut
Es war ein Zukunftsroman. Plakate mit dem Gesicht des scheinbar allmächtigen und totalitären Führer Ozeaniens hängen überall: „Der große Bruder sieht dich an“, und so – auf Deutsch – ist es jedenfalls notiert in meiner Fassung von „1984“, der dystopischen Erzählung von George Orwell. Der Klassiker ist benannt nach dem seinerzeit zukünftigen Jahr, wo die Utopie stattfinden möchte, inzwischen bereits geschichtlich, ein Zeitrahmen, der für uns längst vergangen ist. So alt bin ich; ich habe den Roman noch vor diesem Datum gelesen. Das machte Angst! Ich habe dieses Buch kein zweites Mal ausgehalten, nur ein einziges Mal gelesen, glaube ich, furchtbar erinnere ich doch den schlussendlichen Verrat der Liebe selbst, den ich nie wahrhaben wollte. Ich wollte immer an die Liebe glauben, wurde krank deswegen. Heute geht es uns gut, viel besser, als prognostiziert in solcher Fiktion. Die Liebe aber bleibt unzuverlässig für viele. Eine wichtige Frage ist unsere Suche nach Harmonie und Vertrauen. Was ist mit der Liebe Gottes, kann man sich drauf verlassen? Schaut dieser große Bruder im und vom Himmel runter, uns an? Manche fragen sich auch:
Wie sieht Gott aus?
Das „Gesicht der Kirche“, so eine Art Platzhalter für das nicht Sichtbare, eine irdische Anlaufstelle für Suchende, will wohl gern freundlich blicken, seine offene Tür anbieten, die Einladung aussprechen, gemeinsam zu glauben? Das gelingt nicht immer. Wir werden angesehen, schauen uns aber das Gegenüber ebenfalls an, fragen, ob wir dabei sein wollen oder bleiben? Viele treten ja aus. Es könnte am „Bodenpersonal“ des Herrn liegen? Unfähige Verkünder:innen werden beschuldigt, die Schuld am Niedergang der Kirche zu haben – und natürlich: der Missbrauch in ihren Reihen. Ein Männerproblem? Mitnichten. Warum soll man sich das anhören; unreife Frauen auf der Kanzel, dazu fragwürdige Mannsbilder, oft „Spacken“genannte Leute. Man kann sich’s schenken hinzugehen, ist eine Haltung. Gestandene Männer machen einen Bogen um diesen Laden.
Es steht nicht gut um eine Institution, die früher mal eine von Bedeutung war. Die modernen Predigerinnen und Prediger fragen sich öffentlich selbstkritisch wie unsere Politiker, ob sie ihre Sache besser erklären müssen? Der moderne Mensch denkt flexibler, vielschichtiger als frühere Generationen in homogeneren Gesellschaften. Die Menschen leben im Rechtsstaat. Der Sinn ihres Lebens scheint ihnen, nützlich zu sein im bestehenden System. Wer viel leistet, bekommt mehr, Sozialschwachen wird geholfen, alle zahlen Steuern, es gibt Gefängnisse usw. Das geht alles ohne Gott, ist eine mögliche Haltung.
Sie ist erlaubt und gesellschaftlich anerkannt.
Wir verdanken den Religionen unsere staatenbildenden Kulturen. Die zehn Gebote können als Basis menschlichen Zusammenlebens bis heute eine gute Basis sein. Dafür ist nicht notwendig zu glauben, dass das Worte von Gott sind. Moses kann ein geschickter Leader gewesen sein, der manchen Hokuspokus draufhatte. Genauso unser Herr Jesus Christus; auch ohne den Glaube an seine spätere Auferstehung bleibt die Erzählung seiner Lebensgeschichte eine prägende Botschaft für immer.
Weil einer ständig Aufruhr und Streit provozierte, dessen Worte doch von Barmherzigkeit und Nachgiebigkeit gewesen sein sollen, hat man ihn getötet? Das ist so verquer, dass man’s kaum glauben kann, und doch werden bis heute Menschen fertiggemacht von einem Mob. Der Unterschied ist, wir wachsen damit auf, dass man uns sagt, wie falsch das ist. Es gilt uns manche tragische Geschichte, die auch zur Zivilcourage führen kann, dass Menschen Hass und Hetze die Stirn bieten.
Wer nicht leicht mitlaufen möchte bei den Gläubigen einer Religionsgemeinschaft, darf immerhin dabei sein, die Frucht der Vorfahren ernten und das Beste aus diesem uralten Gedankengut ziehen. Man kann Gewaltverzicht üben, auch wenn es schwer fällt, weil es heute dafür Blaupausen gibt. Mancher lehnt den Glaube an einen Gottvater ab. Das hat den Vorteil, keinem Hirngespinst zu folgen, einer absurden Fantasie der engelhaften Betreuung, die durchs Gebet ihre partnerschaftliche Bindung pflegt. Selbstgespräche sind wahnhaft – ohne Wenn und Aber.
Hat die Welt einen Sinn, oder leben wir im Chaos, ist hingegen eine ernsthafte Fragestellung. Was nützlicher Zweck sein könnte und Sinn des Lebens, wird so unterschiedlich bewertet, dass hier ein Schlüssel zum Begreifen menschlichen Seins bereitliegt. Was dem Polizisten als notwendiger Sinn klar zu sein scheint, entspricht nicht der Haltung eines kritischen Staatsbürgers unbedingt. Ein Maler begreift Sachen, die dem Musiker fremd sind und umgekehrt. Der Bankkaufmann versteht sein Leben aus einer anderen Perspektive als der Obdachlose im Dreck. Wenn das auch offensichtlich scheint, bleibt weiter schwierig, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Probiert man’s, wächst die Akzeptanz, an das große Ganze zu glauben als positive Kraft. Eine Energie, die jedem zu Gute kommt, der sich darauf einlässt, die eigenen Kleinheit und sein Beschränktsein anzuerkennen.
Wem Unrecht geschieht, der bleibt nicht allein. Warum ist das so und ist das so? Das könnten wir fragen. Wir müssen es fragen, wenn wir dem Glaube ernsthaft begegnen wollen.
Im „Römer“ entwirft der Prediger die Idee vom Gewaltverzicht anschaulich: „Die Rache sei mein, spricht der Herr.“ Es heißt Mut aufzubringen, selbst nicht zurückzuschlagen, weil Gut und Böse ihre höhere Gerichtsbarkeit erleben. Ist das ein frommer Wunsch oder steckt mehr dahinter? Das sollten wir genauso fragen wie auch warum (oder ob) die Gepeinigten nicht allein bleiben? Das scheint ja nicht immer zu klappen mit der Hilfe Gottes oder dem barmherzigen Helfer, der dem Armen noch rechtzeitig begegnet? Es gibt zahlreiche traurige Beispiele. Die Widerständler im Dritten Reich wurden getötet. In einer chaotischen Welt, die mal rechtsstaatliche Systeme bildet und dann wieder bösartige Gruppen, wäre kein Wunder, dass der Zufall allein bestimmt. In einer geschaffenen, dem Lebewesen gegenüber wohlwollenden Welt, dürften die Vorteile aber bei demjenigen zusammenkommen, der das Gutsein vom Ganzen mit unterstützt. Es könnte wohl als Gottesbeweis genügen, dem guten und besseren Menschen wenigstens einen kleinen Vorsprung nicht abstreiten zu können in einer sozialen Welt. Ist Gut und Böse nun eine Abmachung nach juristischen Regeln oder ein Naturgesetz, gibt es viele Wahrheiten oder nur eine?
Der Kern des Glaubens dürfte sich dem zeigen, der bereit ist, sein Unvermögen einzusehen, einen größeren Sinn zur Gänze zu erfassen. Den Sinn des Lebens, einen Zweck, den alle akzeptieren, können wir nicht ernsthaft erkennen wollen. Das geht nicht. Nur Bigotterie und brachiale Ordnungsfantasien wollen beschreien, was leise Geister nicht hinnehmen. Die sind beweglich, benötigen nicht, sich einen Onkel oben im Himmel vorzustellen, der – weißbärtig – unsere Schicksale steuert. Man soll sich doch kein Bildnis machen, heißt es so klug, warum ist dann noch vom „Herrn“ die Rede?
# Bildermachen
Wer bemerkt, wie wenig sichtbar ist vom Systemischen – weil man ein buntes Durcheinander nicht näher untersuchen möchte im Fall, wo es danach aussieht, als wäre Chaos maßgeblich –, dürfte nachdenklich reagieren mit dem anschließenden Begreifen einer ordentlichen Struktur. Das habe ich gerade als Schnittmenge mit der Kunst begriffen, im besonderen Fall von Fotografie nachvollziehen können, und zwar im Wartezimmer beim Arzt, beim Lesen einer Zeitschrift. Davon möchte ich erzählen. Dort waren Fotos vom Nachthimmel mit einer Kamera gemacht worden, und das war gleichzeitig das Porträt eines besonderen Künstlers. Die ungewöhnliche Fotostrecke berührt auch in der Einfachheit ihrer Erkenntnis, hier würde sich ein zunächst offensichtliches Chaos als doch geordnetes Ganzes zeigen. Davon später mehr – aber das ist mein Thema, Religion will Welterklärung sein, Chaos aushaltbar machen. Kunst möchte uns individuell das Dasein beleuchten und natürlich die Wissenschaft sucht nach Belegen, unsere Rahmenbedingungen zu begreifen.
Der Mensch sucht, seitdem er lebt.
Ich selbst denke, natürlich gibt es keinen Gott. Niemand hört uns zu im Gebet. So ein Unfug. Wer Stimmen hört umgekehrt, soll sich behandeln lassen. Nichtsdestotrotz erkenne ich die Wahrheit religiösen Seins an, muss selbstverständlich Glaube akzeptieren, weil es Religionen gibt, muss vieles tun, das mir schon in der Bibel auferlegt wird. Wer in Deutschland lebt, muss sich an Regeln halten, und wer Mensch ist, muss überall auf der Welt vieles von dem akzeptieren, was ihm bereits in der Bibel – oder einem vergleichbaren Gebetsbuch auch jeder anderen Religion – nahegelegt wird. Die ersten Gläubigen waren nichts anderes als die ersten Wissenschaftler. Unsere Geschichte zeigt vielfältig das parallele Vorankommen des Erkenntnisgewinns der Menschheit und seine häufigen Zankäpfel unterschiedlicher Auffassungen. In der Wissenschaft kämpfen die neuen Theorien gegen den Bestand. In der Geschichte der Menschheit musste sich die Wissenschaft zudem gegen das jeweilige religiöse Weltbild durchsetzen. Kein ernstzunehmender Wissenschaftler vertritt aber heutzutage Modelle etwa in der Astrophysik, die sich überholt haben durch neue Erkenntnisse. Eine Front des Belegbaren verschiebt sich vorwärts, weiter in das unbekannte Terrain. Der Boden auf dem wir stehen, der bekannte Bereich, ist größer geworden. Die Bücher werden dicker, die das dokumentieren. Nur die Bibel darf nicht dicker werden? Die Religiösen lassen nicht zu, dass weitere Ausgaben ihren Leitfaden erweitern dürfen, und darum treten die Menschen aus der Kirche aus. Moderne Menschen begreifen, wie borniert eine Kirche ist, die händeringend nach dem Zeitgeist greift und mit ihrem hauseigenen heiligen Geist nicht mehr klarkommt. Dabei ist das Problem so hausgemacht wie unlösbar in so einer Kirche, die so denkt!
# Ich bin heute selbst Vater
Als ich zum Ende meines Studiums ein Kinderbuch plante zu illustrieren, das ich auch allein schreiben wollte, überforderte mich mein selbsterdachtes Kunstprojekt; dass es nie umgesetzt wurde, ist dabei herausgekommen – leider. Man kann die Bildidee aber leicht beschreiben, und das will ich hier probieren.
Wir erlebten seinerzeit in Wedel den Bau eines neuen Bahnhofs für den Nahverkehr in die Stadt, die Metropole, nach Hamburg. Mein Vater kannte noch die „rasende Emma“ mit den grünen Dreiachsern, den alten Dampfzug mit seiner legendären kleinen Lokomotive, die einst den Prellbock des Kopfbahnhofs überrannte, hieß es, und erst vor dem Rathaus zum Stehen kam, weit außerhalb ihrer eigentlichen Bahnen, den Schienen. Dann kamen die Elektrischen. Die erste S-Bahn war noch mit Abteilen dicht an dicht, wo jedes Räumchen seine eigenen Eingangstüren hatte. Daraus entwickelte sich unsere moderne Bahn, die mit den Jahren etliche Triebfahrzeuggattungen und Mittelwagen präsentierte, von denen ich viele Generationen bewusst miterlebt habe. Ich registrierte interessiert, was sich jeweils wieder änderte. Die Unterteilungen im Zug verschwanden, die Holzbänke wurden gepolstert, heute kann man weitgehend durchlaufen.
Die Hamburger Bahnen haben bis heute ihre Stromschienen unten am Gleis und keine Oberleitungen, das ist typisch. Jeder von uns früher wusste um die Gefahren des Starkstroms: Nicht nur im Bahnverkehr gab es noch Eigenverantwortung der Bürger. Bürgerinnen wurden explizit nie erwähnt. Man genderte nicht. Frauen mussten das generische Maskulinum intellektuell begreifen können. Wir nutzten unser dreigliedriges Schulsystem, das sogar Mädchen bestens ausbildete. Doofe, mittlere und gute Kinder wurden von den Lehrern zielgenau erkannt. Nur die Besten schafften ein Abitur. Dreifaltig überhaupt war unsere alte Welt! Die S-Bahn ähnlich bildete aus drei Wagen ihren Zug. Das galt als Kurzzug. Normal sind zweimal drei Wagen gewesen, jeweils abgeschlossene Einheiten. Überall Schotten. Neue Großraumwagen galten vielen als moderne Unsitte. Ich erinnere Menschen, die ihre kuschligen Abteile vermissten. Da war man für sich gewesen. Übergriffige Menschen waren kein Thema.
Die alten Zeiten.
Waren sie bessere? Ich erinnere mich, die früheren Türen konnte ein Fahrgast auch während der Fahrt meistens ungestraft öffnen mit einem kleinen Schieber oben, in seinem hölzernen Kästchen. Das gab noch diese seinerzeit unverplombte Mechanik, die eine jeweilige Türe entriegelte nach Bedarf, etwa für Notfälle.
Manche erfahrene Pendler öffneten die Türen allerdings einfach so, und das beispielsweise an warmen Tagen während der Fahrt. Bei der abendlichen Heimkehr, und dann bereits in der Nähe zum Endbahnhof Wedel, öffneten Mutige frühzeitig eine Doppeltür und stellten sich in die frische Öffnung. Sie rauchten eine erste Feierabendzigarette. Das gab keinen Anschiss seitens der Bahn.
Wir erlebten das Fahren entspannt, und die Menschen schauten nicht aufs Smartphone, weil es keine digitalen Geräte gab.
# Hinschauen
Die Menschen meiner Jugend schauten noch hin. Das war überlebenswichtig für sie, sie schauten sich auch an. Das machte man. Man machte sich so seine Gedanken.
Heute denken die anderen vorgekautes Zeug aus dem Netz und ignorieren geflissentlich, was direkt um sie herum geschieht? Ein bedenklicher Verlust natürlicher Selbsterhaltung und eine klebrige Verallgemeinerung des Denkens sind die Folge. Wir werden alle bezahlen dafür. Wenige steigen auf, kommen weiter als je Menschen vor ihnen. Das sind die Leader, und sie bekommen ein Material Mensch an die Hand, das hierhin und dorthin traben will, den Blick gesenkt auf das digitale Endgerät und blind für die Wahrheit drumherum. Schade. Wir halten es nicht auf, wir halten uns nicht auf. Der Mensch ist Lemming wie schon im Weltkrieg, wo es hieß, ein Vaterland verlange die Richtung soundso.
Immer möchten Machtmenschen über andere bestimmen, aber nie zuvor konnten diese so geniale Strukturen nutzen wie unsere digitalen Verbindungen heute. „Ein Ring sie alle zu knechten, zu binden“, heißt es bekanntlich im „Herrn der Ringe“. Was Tolkien da vorausgedacht hat, fiel ihm ein zur Nazizeit. Was Wunder, dass heute smarte Nationalisten es wieder probieren, wo’s endlich das Teil gibt, alle zu knechten, zu binden! Und die Gefangenen merken es nicht einmal. Sie sind glückliche Idioten. Dem wollte schon immer die Kirche Einhalt bieten mit ihrem Material der weisen Worte in den Gebetsbüchern – und es ist leider genau diese Kirche, die sich immer korrumpierte und das Gegenteil machte vom Richtigen.
Schade zwei.
Und nicht zu ändern.
# Gegenbeispiele
Nicht alles ist schlecht – es kommt darauf an, wohin wir schauen. Das kommt in den Nachrichten, und ich finde so etwas beeindruckend: Eine Kirchengemeinde im niederländischen Kampen schützt eine usbekische Familie seit über anderthalb Jahren durch einen ununterbrochenen Dauergottesdienst vor der Abschiebung: Eine sechsköpfige Familie aus Usbekistan (Familie Babayant/Bayabant), die zuvor bereits seit zwölf Jahren in den Niederlanden lebte. Kirchenasyl ist in den Niederlanden gesetzlich nicht als Sonderstatus verankert. Gemeinden nutzen eine rechtliche Lücke bzw. Bestimmung zum Schutz der Religionsfreiheit. Staatliche Akteure und die Polizei dürfen einen laufenden Gottesdienst in den Niederlanden grundsätzlich nicht stören oder betreten. Das kann man auch googeln.
Als Maler muss einer kein Schwarzmaler sein.
Wir können den Fortschritt auch bunter darstellen. Nie zuvor waren die Menschen so gut vernetzt. Darin liegen unglaubliche Chancen. Besser informiert zu sein, ist besser, als nur zu glauben, was jemand sagt. Und genauso wie moderne Medien das Werkzeug sein können, uns zu verdoofen, sind die Informationskanäle heute weltweite Routen der Freiheit, Möglichkeiten, sich miteinander auszutauschen, was passiert, Dinge neutral einzuorden. Wir müssen die Menschheit noch nicht verloren geben.
# Kinder und Erwachsene
Zurück zur Geschichte meiner Idee. Von den Pendlern am Bahnhof angeregt, wollte ich eine Bilderserie gestalten, die tägliche Kontinuität, aber auch wechselhafte Bewegungen im Individualverkehr aufzeigt. Ich stellte mir vor, als Wedel seinen neuen Kopfbahnhof für die S-Bahn bekommen hatte, im ebenfalls neuen „Ärztehaus“ einen geeigneten Platz im Treppenhaus allmorgendlich einzunehmen. Von dort kann man auch heute noch recht gut auf die Gleise und den Bahnsteig hinunterschauen. Ich überlegte mir, es müssten ähnliche Vorgänge wiederholt geschehen. Ich nahm an, dass viele Pendler ihren Zug immer gleich, zur entsprechenden Uhrzeit nutzen würden. Deswegen müssten in etwa dieselben Leute zur jeweiligen Uhrzeit auf „ihre Bahn“ dort unten warten, und daraus wollte ich eine Geschichte in mehreren Bildern machen. Das Wetter dürfte ein anderes sein, aber die Reisenden kämen wiederholt im Bild vor. Die Leute haben auch bevorzugte Wagenplätze? Manche warten vorn auf dem Bahnsteig, andere dort, wo sie meinen, später günstig weiterzukommen. Diese Menschen dürften, so stellte ich mir vor, auch ähnliche Kleidung Tag für Tag angezogen haben? Sicher gäbe es aber Unterschiede: Bei Regen, oder wenn es kalt ist, zieht man anderes an. Ich muss hier wohl nicht weiter beschreiben, dass so ein gutes Kinderbuch gezeichnet werden könnte.
Ich war leider damals vollkommen überfordert, es sauber umzusetzen und habe das Projekt schließlich begraben.
Das Ganze ist aber auch eine Geschichte für Erwachsene? Jeder kann sie leicht nacherleben in der Nähe seines Wohnortes. Nur wenige von uns dürften sich allerdings dafür interessieren, was doch eigentlich ein gutes Modell unseres Daseins überhaupt abbildet, sondern das vertraute Geschehen schlicht unter „Alltag“ geistig abheften. Dazu kommt die bedenklich angewachsene Zahl von Zeitgenossen, die gar nicht mitbekommen, wer mit ihnen auf den Bus oder die Bahn wartet.
# Heimat
Das moderne Bild, hier ist es. Wir haben in Schenefeld seit Monaten eine Baustelle – nicht direkt vor der Tür, das liegt bereits hinter uns, aber ein Stück weiter –, ab der kleinen Stephanskirche wird wieder die Hauptstraße saniert.
Ein Einschub ist schon nötig!
Ich bin mir sicher, dass es unserer Pastorin vollkommen unmöglich wäre, nur ansatzweise zu verstehen, was mir so wichtig ist – und das bei Sachen, die direkt vor ihrer Nase geschehen. Auf Frauen pauschal loszugehen verbietet sich. Ärger multipliziert aber den Blickwinkel, und vielleicht habe ich diesbezüglich einen Sprung in der Schüssel? Meinen Humor gebe ich nicht her. Mein Lachen wird nicht verkauft. Man kann überall seine Geschichten finden und natürlich auch Ideen für die moderne Predigt. Dies hier ist eine! Eine Baustelle vor der Kirche bedeutet eben ein Ärgernis. Ganz bestimmt aber ist hier für mich auch eine Bildergeschichte drin und sogar ein guter Grund, nie wieder eine Kirche zu betreten, weil die scheinbar von Menschen geleitet wird, die vom Menschsein überhaupt keine Ahnung haben.
Die Bauarbeiten haben bewirkt, dass die Bushaltestelle „Dorf“, die eigentlich vor dem Wohnhaus der Pastorin ihren Platz hat, seit Monaten direkt vor meiner Haustür, also zweihundert Meter weiter im Westen ist. Hier fährt der Metrobus alle Augenblick los nach Hamburg. Er fährt falsch herum so gesehen, weil er die Dauerbaustelle großräumig umfahren muss, macht einen Bogen bis über den Uetersener Weg, fährt auf die Schnellstraße, erreicht dann das „Staddi“, unser Einkaufszentrum, und kommt aber nur bis zum Schenefelder Platz auf der vertrauten Spur.
Dort beginnt die nächste große Umleitung! Die Luruper Hauptstraße ist ebenfalls voll gesperrt aufgrund langwieriger Bauarbeiten! Unser Land ist ein Sanierungsfall scheinbar? Unsere Kirchen sind es genauso: „Seit die Nordkirche in ihrer heutigen Form 2012 im Dom zu Ratzeburg als solche definiert wurde, hat sie 660.000 Gemeindemitglieder verloren. Heute gehören nur noch 1,64 Millionen evangelische Christen in den drei Bundesländern Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg der Landeskirche an“, schreibt so ungefähr das Pinneberger Tageblatt Ende September. In einem Jahr ginge Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt in den Ruhestand, und ob es überhaupt eine Nachfolge geben würde, sei unklar, steht im Bericht.
Das Foto der ausscheidenden Landesbischöfin regt an zu einer Zeichnung, denke ich, denn das ist das Gesicht dieser modernen Kirche? So schaut mich diese Religion an, die möchte, dass ich hingehe? Da entscheide ich bereits aus dem Bauch heraus, diese Gotteshäuser zu meiden. Was gibt mir die Predigt von Personen, die schauen, wie Menschen schauen in dieser Kirche? Ein Vorurteil, zugegeben. Dergleichen Zeichnungen und Worte können als beleidigend empfunden werden, sind als Kritik nur maßvoll erlaubt.
Das verstehe ich.
Wenn sich Ulrich Siegmund durchsetzt in Sachsen-Anhalt, soll das sogenannte „Verächtlichmachen des Staates“ in der Kulturszene beendet werden. Patriotismusgesetz? Ein Angriff auf die Kunstfreiheit ist zu befürchten. Staat und Kirche sind getrennt, aber ich erinnere eine flammende Rede vom polarisierenden Wahlkämpfer Björn Höcke, der in die Masse seiner ostdeutschen Anhänger ruft: „Wollt ihr den Halbmond (!) anstelle vom Kreuz auf euren Gotteshäusern?“ Die Kunstfreiheit wird schon heute angegriffen, die Meinungsfreiheit, die Vielfalt. Künstler trotzen aller Obrigkeit, solange das geht.
# Gott ist eine Erklärung
Ich kann keinen solchen Gott akzeptieren – wie der als „Herr“ erklärt wird. Das scheint mir nur sein Bildchen zu sein, zu klein, zu personifiziert. Es sind von der Kirche verstümmelnde, verschrobene, seit alters her verschwurbelte Wortmeldungen. Sie verdeutlichen mir nicht eine eigentlich doch zwingende Macht, die auch ich an mir erlebe, immer wieder, die aber so nicht spürbar wird in der Predigt. Damit kann ich nichts anfangen, was unsere Kirche redet, wie mich diese Kirche anschaut, wie sie redet. Verächtlich schaue ich zurück, ja! Meine Meinung ist aber ehrlicherweise so, wie ich’s empfinde, sage – und ja auch hier im Dorf an meiner Person erlebte –, wie fadenscheinig ist das Kirchenvolk im Verein! Da gehe ich nicht mehr hin!
Tatsächliches heute ist mein Thema.
Zweitausend Jahre sind vergangen. Zeiten wurden gewendet. Bundeskanzler kamen und gingen, Päpste starben usw.
Weil wir eine Bushaltestelle vor der Tür haben seit vielen Monaten, und ich jeden Morgen beim Bäcker gegenüber einkaufe, erlebe ich meine Kindergeschichte heute im Hier und Jetzt jeden Morgen selbst. Obwohl so ein Bus weniger lang ist als ein ganzer S-Bahnzug, haben auch hier die scheinbar immer selben Leute ihren Lieblingswarteplatz vor Aldi oder eben näher am Ausgang der „Kurzen Straße“, so heißt sie tatsächlich, wo die Verkehrsbetriebe das Ersatzschild aufstellten. Diese Wartenden stehen wie auf einer Bühne für mich aus meiner Perspektive quer über eine Breite von reichlich zwanzig Metern nebeneinander an der Fahrbahn. Alle beinahe ausnahmslos schauen auf ihre Phones. Sie haben Buds im Ohr. Mich sieht niemand an. Ich registriere die aber genau. Es dauert immer einen Augenblick, bis die Fahrspuren frei werden für mich als Fußgänger, der nur eben schnell zum Bäcker möchte. Ich muss ja zunächst die Hauptstraße bei uns vor der Tür (am Arkadenhaus) überqueren. Dort ebenfalls fahren mutmaßlich wiederkehrend solche Pendler, die mir alle Tage auferlegen, beachtet zu werden. Man geht nicht jedes Mal bis zur Ampel am Blumenladen, wo es sicherer ist, rüberzugehen. An Tagen mit viel Verkehr mache ich es. Beim Bäcker sind Rituale normal. Die Verkäuferinnen wechseln zwar, aber das Team insgesamt bleibt, und meine Kaufwünsche sind schon typisch wie eben auch die der anderen um diese Uhrzeit.
Manches ändert sich, vieles wiederholt sich, ist das Thema dieser Beschreibungen. Ist das nun ein chaotisches Erleben? Ich hoffe nicht! Hier ist doch Sinn. Wir haben sinnvolle Absichten um diese Uhrzeit, folgen notwendigen Gewohnheiten. Was dabei so faszinieren kann, ist, dass man voneinander nicht weiß, was der andere genau macht. Man kennt die Namen oft nicht, denkt aber, in einer vertrauten Umgebung mit bekannten Gesichtern den Alltag zu erleben. Das ist mehr als Zufall, weil ja jeder so seine Gründe hat, dort zu sein. Es ist ordentlich, auch geordnet, aber nicht exakt voraussagbar. Darin Schicksal zu sehen, Charaktere wiederzuerkennen, zeigt auch die Schwäche dieser Begriffe: Eine exakte Steuerung, welcher Charakter nun das Schicksal der Situation bestimmt, bleibt kaum einschätzbar.
Ein Chaos ist das nicht.
Es ist auch kein Großstadtdschungel. Das ist unser Dorf. Die Gefahr, auf einer dörflichen Hauptstraße überfahren zu werden, bleibt aber gegeben. Ein Verrückter mit Messer könnte auf den Bus warten. Das ist mir immer klar, wenn ich zum Bäcker gehe. Ich fühle mich durchaus in Gottes Hand, aber nicht so, wie Frau Kühnbaum-Schmidt die Dinge beschreibt, fürchte ich und fürchte mich vor moralinsauren Tanten und unfähigen Mädchen auf der Kanzel. Die sind gefährlich!
# Flugzeugspuren
Unser Wille ist so frei gar nicht.
Man steigt nicht einfach in die Bahn nach Mailand, sondern geht normal Einkaufen, wenn das mehr Sinn macht. Ist das Gott? Wäre unser Tun ganz frei, fehlte wohl auch jeder Halt im Leben. Wir gehen auch nicht mal eben bei und bringen uns um. Es muss demjenigen, der es hinbekommt, sehr schlecht gehen. Suizid benötigt mehr Willenskraft, als umgekehrt den sogenannte Überlebenswillen machen zu lassen: Wenn es hinter mir brennt, springe ich. Das muss ich nicht noch wollen. Angst ist unser tiefster, innerlicher Antrieb. Manche fliegen nicht mehr, seitdem sie begriffen haben, dass das Leben gefährlich ist? Nach dem Absturz der Germanwings aus Barcelona – mutmaßlich eine irre, suizidale Tat und weiter ähnlich, dem Verschwinden eines asiatischen Riesenflugzeugs der Malaysia-Airlines – sind viele aufgeschreckt, was für eine Macht der einzelne Pilot generiert unter Umständen. Wo der ja alle steuert in der Luft, und wir bloß hilflos mit den Armen rudern würden, da oben, dem Himmel so nah, einer uns aber scheinbar ganz frei auf seine allerpersönlichste Route mitnehmen kann – auch in den Tod!
Was heißt Vertrauen heute?
Da muss ich die Bilderstrecke vom Fotokünstler Pete Mauney wohl nicht mehr nacherzählen?
Ich hatte, glaube ich, „National Geographic“ zur Hand, bei meiner Ärztin auf die Blutabnahme wartend, aber man findet den genialen Kreativen auch im Netz. Da steht etwa dasselbe von seinen Glühwürmchen und den Flugzeugen, und viele großartige Fotos sind da. Das ist besser als Kirche. Das schaue ich mir an. Das ist ein kluger Kollege. Das lese ich. Um die Kirche mache ich meinen Bogen. Die schaut mich so an, dass ich wegschauen möchte.
O Gott!
🙂