Schraube locker?

Der Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren“ bedeutet, dass jedes Verhalten eine Botschaft sendet und es unmöglich ist, in einer sozialen Situation keine Signale abzugeben. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat diesen Grundsatz als das erste seiner fünf Axiome der Kommunikation formuliert. Verbale und nonverbale Ebenen: Kommunikation findet nicht nur über gesprochene Worte statt, sondern auch über Körpersprache, Mimik, Gestik und den Tonfall.

Durch die Art und Weise wie einer spricht, übermittelt dieser weitere Anreize, Hinweise, was und vor allem wie das Gesprochene gemeint ist.

Einige Zuhörer besonders achten darauf, wie etwas gesagt wurde, und es ist ihnen sogar von größerer Bedeutung als der sachliche Inhalt der Botschaft. Wer gemocht werden will, spürt alle Zwischentöne und ist bereit, jemandem zu folgen, der freundlich redet, lobt. Mancher ist zufrieden, bekommt das tatsächlich Gesagte aber selbst kaum mit. Eine absichtlich wohlwollende Atmosphäre kann fremden Menschen die Zunge lösen, sich für ein Projekt zu begeistern. Emotionale Steuerung wirkt in beide Richtungen: Weil im Fernsehen bei manchen Dialogen der fiktiven Handlung menschliche Abgründe durchscheinen, schalten empfindsame Zuschauer das Gerät ab. Sie halten das nicht aus und suchen einen anderen Sender, der weniger Belastendes bringt.

Im Kopf toben die Stürme oft weiter.

So ist es kein Wunder, dass der Mensch Strategien erfunden hat, geistig zur Ruhe zu kommen. Bekannte Bilder stehen im Kopf bereit für einen kleinen Denkurlaub. Menschen ziehen sich scheinbar an den eigenen Haaren aus dem Sumpf, die Realität macht sie fertig. Darum funktionieren Verschwörungserzählungen. Mit dem Narrativ kommen ihre Verwender sich stark vor, mehr begriffen zu haben. Jeder benötigt geschützte Räume auch im Denkapparat. Die plötzliche Psychose der Schizophrenen wurde schon mit einem Traum verglichen, den der Betroffene im realen Geschehen umsetzt und erlebt. Der Kranke gibt eine ansonsten klare Grenze auf, aber auch jeder Gesunde kennt von sich diese Ausflüge ins Fantastische, mal wenigstens ein wenig zu spinnen. So benötigt das Gehirn vertraute Überzeugungen, in entsprechenden Momenten den gewohnten Rückzugsort. Man bemüht ein Denkmuster, das gefällt, eine angenehme Fantasie, richtet sich gemütlich ein. Kindern wird am Bett zum Einschlafen vorgelesen. Ähnlich probieren viele Erwachsene, sich ein freundliches Gegenüber wenigstens vorzustellen. Gläubige meinen, mit Gott zu reden im Gebet. Wie ein Zwiegespräch kann auch unser Denken überhaupt sein. Wenn wir in Worten denken, tauschen wir uns in imaginären Positionen aus und imitieren quasi Sozialverhalten. Wir gleichen Ansichten ab mit einer nur vorgestellten Umgebung.

Sprechen ist nicht Denken – und in Worten zu denken, ist nicht alles, was unser Gehirn diesbezüglich kann.

Das Ambivalente jeder Kommunikation (verbale, soziale Komponenten) erfährt zusätzlich Bewusstheit in der Person selbst. Sie ist definiert durch ihre individuelle Position und Bewegung im Raum. Wer schläft, kommuniziert nicht bewusst, erlebt aber zu träumen. Wenn jemand hingegen wach ist, macht es nicht nur für die Umgebung einen Unterschied, ob dieser Mensch sitzt, steht oder geht, so gesehen nonverbal kommuniziert. Der Kommunikator selbst reflektiert seine eigene Haltung, korrigiert sich andauernd. Ein selbstbewusster Mensch nutzt die funktionalen Standards des gesunden Erwachsenen in vielen Alltagssituationen. Er muss nicht ständig üben im eigenen Kopf, soufflieren nach dem Motto: „Gib dir Haltung, da drüben hört schließlich der Chef zu.“ Man macht gewohnt voran. Das ist Persönlichkeit, Auftreten. Bekannte erkennen einander auf Distanz am Gangbild. Jeder erlebt sich oft spontan, auch mit dem, was er nicht lassen kann. Spontaneität heißt aber nicht bloß unbedachtes Voranstürmen, sondern kann Authentizität und Glück bedeuten, am Puls der Zeit sein! Das erkannte der israelische Verhaltenslehrer Moshé Feldenkrais. Er postulierte seine Auffassung des Handelns, wie schon Babys davon Gebrauch machen, bevor sie zu sprechen lernen. Ein Verstehen, das nicht sozial ist und wortloses Begreifen meint. Damit kann einer von sich ausgehen, ohne Egoist zu sein. Innerste Bedürfnisse auf diese Weise zu verarbeiten, ist eine Qualität:

„Nicht andere Gedanken wollen wir, sondern anderes Denken.“

Warum das wichtig ist?

Die Kommunikation mit uns selbst – wie schnell wir etwas machen oder langsam, den Druck, den wir ausüben im Widerpart zur Schwerkraft, bei allem, was wir anfangen mitzubekommen (und gegebenenfalls nachzusteuern) – macht Lernen und Geschicklichkeit erst möglich. Das geht besser, sich selbst nachzuspüren, als gleich etwas zu probieren, wie man meint, andere würden es so machen. Nach einiger Zeit entsteht Selbstvertrauen: Kein guter Zeichner dürfte sich noch in Gedanken zureden bei der Arbeit, kein erfahrener Musiker spricht innerlich jeden Ton im Geiste vorher: „Du solltest jetzt mal ein C spielen.“ Wir machen das kontrolliert, aber nicht wie Malen nach Zahlen. Man denkt manches besser in Bildern und nicht in Worten. Das führt zum genauen Verständnis ohne den Umweg, alles mit sich zu bereden. Verständnis heißt da, sich gut wahrnehmen, wie’s läuft.

Ein Aphorismus fast wie ein Mantra wird Feldenkrais zugeschrieben, den er – so isoliert – gar nicht mochte, weil er nicht auf einen einzigen Satz reduziert werden wollte. (Das erfährt man in einer lesenswerten Biografie von Christian Buckard). Der berühmte Satz lautet:

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“

# Die Methode, die jeder selbst für sich entdecken kann

Wissenschaftler stellen die Frage, ob etwa die Mathematik auch ohne den Menschen da ist? Der Mensch hingegen selbst ist existent, das fragen wir nicht. Wir lernen viel und mehr als die Tiere. Das macht den Unterschied. Die Römer aßen im Liegen, heißt es. Heutzutage ungewöhnlich. Unterschiede sind aber weiter typisch: Wer zufällig in Asien aufwächst, bekommt manches anders beigebracht als ein Amerikaner, Europäer. Wir lernen, auf einem Stuhl zu sitzen, und vor allem erlernen wir den aufrechten Gang. Man kann es so oder anders machen. Viele ändern sich später nie mehr. Das individuelle Muster zu gehen, zu stehen, sich überhaupt zu geben, bleibt meistens, aber man kann variieren. Um auf dem Laufsteg als Model anerkannt zu sein, genügt es nicht zu latschen wie Herr Müller von nebenan. Das besondere Gehen lernt man. Vom Präsidenten erwarten wir präsidiales Gebaren, von einer Ballerina – entsprechend ihres Berufs – schwebende, scheinbar mühelose Eleganz. Und falls ein junger Mensch meint, er gelte nichts oder weniger als die Freunde, wird sich so einer die passende Haltung einüben. Man kann Unauffälligkeit, ja Unterwürfigkeit erlernen, das erbt niemand, das bringt man sich bei. Der Beruf des Dieners erfordert dagegen, sich selbstbewusst unterzuordnen. Das ist nicht einfach und noch wieder anders. Jemand kopiert Papa, das Geschwisterkind schafft es aber nicht und gewöhnt sich an mitzulaufen, das passiert. Zwillinge kommen nicht beieinander an schon deswegen, weil ihnen nie dasselbe begegnet. Wir reflektieren und passen uns individuell an. Nicht ungewollt, sondern mit Absicht eine Type sein, macht uns zu dem, der sich selbst wählen kann. Ein Mensch wird gut rechnen lernen, wenn er sich dafür interessiert. So ist es mit der Art und Weise, wie er sich bewegt. Er kann dem nachspüren. Wenn die Mathematik sowieso da ist, können wir sie entdecken, aber das bleibt eine Doppelfrage.

Was uns als Individuum betrifft – da ist es einfacher.

Wir können uns selbst besser kennenlernen.

Methodisch das Gehen auf neue Weise zu lernen und überhaupt Bewegung anders zu betrachten, sich selbst neu erforschen? Das bedeutet, den eigenen Weg zu gehen! Insofern ist kein Guru vonnöten. Wer seinen Körper, das Atmen, alltägliche Gewohnheiten und übliche Bewegungsmuster ändern konnte, wird anders denken. Wir verhalten uns nach dem Bild, das wir uns von uns selbst machen. Wem gelingt, anders aufzutreten, verändert das Bild: Verhalten, Denken, Fühlen. Das Verständnis von allem ändert sich, wenn man lernt, sich selbst zu bewegen, anders zu bewegen. Eine neue Denkweise bedeutet bislang unbekannte und vielfältige Emotionen zu erleben. Das heißt Ängste zu erkennen, einzuordnen und letztlich Einfluss darauf nehmen zu können.

Da verbirgt sich ein reichhaltiges Instrumentarium, das System Mensch! Ein Terrain, das zu erforschen sich lohnt! Es könnte uns allen helfen, so gesehen klüger zu werden, besonders auch psychische Krankheiten in den Griff zu bekommen, und das wird viel zu wenig genutzt. Vereinfacht ist jede psychische Krankheit eine soziale Anpassungsstörung. Diese von einer anderen Warte aus zu betrachten, der nicht sozialen Position, der spezifisch eigenen, gibt dem Patienten sein individuelles Menschsein zurück. Sodass der Kranke nicht aus der Sicht vom Gegenüber, dem Arzt, handeln muss, im Austausch Therapie erfährt, letztlich gezwungen ist, nur an langer Leine zu laufen. Wüsste ein psychisch Kranker, was er tut (könnte man sagen), wäre er nicht krank. Da stellt sich schon die Frage, ob pharmazeutische Mittel und therapeutische Worte, die auf einen Patienten einwirken, das erreichen: Bewusstheit?

# Aus der Position des Idioten sich als solcher behandeln lassen oder selbstbestimmt zuhören, macht den Unterschied

Ein anderes Denken könnte nicht nur unserer Medizin nützlich sein, es ist auch die einzige Möglichkeit, psychische Krankheit loszuwerden (und den Therapeuten dazu). Ein Gesunder benötigt keinen Psychiater. Wer auffällig wurde und dementsprechend behandelt, gewinnt durch die anerkannten Methoden selten echte Unabhängigkeit, die man als freier Mensch zu schätzen weiß. Wohlfühlen steht an letzter Stelle in einer Therapie, die sich aus der Not begreift, überhaupt verträgliche Anpassung zu lehren, die nicht oder weniger stört. Das ist ein mageres Ziel. Das Nötigste, mehr nicht.

So einer bin ich gewesen, ein Patient der Psychiatrie.

Viele Jahre habe ich mich nicht so gut zurechtgefunden. Da sind einige, die ich namentlich erinnere (und weiter viele Patienten überall), die kaum so weit noch rauskommen werden aus dem Schlamassel wie ich. Das ist abzusehen und tut mir leid zu verstehen. Die breite Masse ist eine Gesellschaft, die sich für normal hält? Die Umgebung tut das Übrige, ein Stigma zu beleben, das uns einfrieren möchte auf unser Sosein wie die Psychiater, die ihr Auskommen haben, dass alles bleibt, wie es ist. Wir Verwirrten, Verstörten – Menschen, die sich haben stören lassen – könnten viel mehr aus unserem Leben machen, wenn wir es nicht dieser Pseudomedizin opfern müssten. Ein System, das uns zwar unbestritten hilft, aber als Patienten auch an sich bindet wie ein ekliger Kleber. Die Schwierigkeit, einen Ausgang aus dem Labyrinth zu finden, bleibt bei dem, der die Tür sucht. Zeit vergeht. Man glaubt, einen Helfer zu benötigen. Spät wird klar, dass es nur allein gelingt, bei sich selbst anzukommen! Ein solcher Weg existiert immer nur ein einziges Mal im ganzen Dickicht des unendlichen Universums. Niemand letztlich kennt den geheimnisvollen Pfad. Und nur jeder selbst allein kann erfolgreich dorthin gelangen, wo das innere Zuhause für ihn ist.

Ralph Waldo Emerson: „Die Natur reimt ihre Kinder niemals, noch schafft sie je zwei völlig gleiche Menschen.“

# Der Arzt bleibt ein Suchender wie wir

Der Detektiv gibt uns mit seinem Beruf das Bild; auch er tappt im Dunkeln. Im günstigen Fall klärt der Kommissar die Zusammenhänge eines Verbrechens größtenteils auf. Das bleibt aber eine Beweiskette fürs Gericht und ist ein schlanker Stremel im Vergleich zur größeren Realität des Gewesenen. Genauso müssen wir einsehen, die Psychiatrie versucht nur, unserer Probleme zu verstehen. Von einem großen Puzzle sind nur Inseln gut zusammengesetzt, und man weiß nicht, ob die benötigten Teile überhaupt vollständig im Spielkasten auffindbar sind.

Die Medizin kennt nur Bekanntes.

Das ist immer ein Ausschnitt vom Ganzen. Wir werden vom Behandler nicht als ganzer Mensch gesehen, sondern als Patient. Vom als krank Erkannten, der damit schon weniger ist als ein vollständig Gesunder, betrachtet der Arzt nur die spezielle Form einer Krankheit, die Symptome, den zu erwartenden Verlauf. Die Diagnose bestimmt, was der Arzt überhaupt sehen kann, eine „Störung“, die derjenige vor ihm im Behandlungszimmer (seiner Meinung nach) mit vielen anderen teilt. Der Philosoph Karl Popper schreibt ganz ähnlich über die Wissenschaft im Allgemeinen: „Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können.“ Daraus folgt, eine Diagnose wird dem Individuum niemals gänzlich gerecht. Ein solches Raster ist zunächst ein Sieb, das alles durchlässt von beispielsweise ähnlicher Größe. So ein Sieb erkennt nicht das Material, die Farbe oder das Gewicht.

# Ha-h-ha …

Der gute Arzt prüft seine Ergebnisse, aber der schlechte mahlt alles durch dieselbe Mühle, sieht jeden durch seine farbige Brille. Fehlt ihm nur ein Buchstabe im Setzkasten der dicken Literatur Medizin – die nur den Geist, die Psyche, den Intellekt kennt, aber den individuellen Körper mit entsprechender Lebensgeschichte ignoriert –, legt uns sein Wort fest auf unbestimmte Zeit. Ein Kalauer bietet sich an, ein Wortspiel: Wir werden vom Mediziner zum allgemeinen Pigment vermahlen, und damit malt der Doktor seine Diagnose auf die Leinwand, verewigt das Bild vom „Psycho“. Menschen können sich aber verändern, entwickeln.

Nie aufgeben!

Nicht alles zu glauben, was andere sagen, ist noch der beste Rat für alle, die Hilfe suchen.

Es tut weh zu begreifen, dass man viele Jahre drangibt, bis es endlich besser läuft mit dem Ausgeglichensein oder zumindest die Fähigkeit gegeben ist, sich allein wieder einzukriegen, wenn’s mal scheiße gelaufen ist.

🙂