Andere arbeiten
Eine kleine Bleistiftzeichnung liegt vor mir, der Blick auf einige Häuser am Hang von Blankenese. Dahinter erkennt man angedeutet die Elbe bis in die Süd. So habe ich 1978 gezeichnet; das Blatt (aus einem Briefblock mit unliniertem Papier, der gerade zur Hand war) ist von mir mit einer Jahreszahl signiert unten links. Ich bin also dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen, als ich bei Verwandten am Fenster sitzend mein Motiv zeichnete. Die Hamburger: Eine ältere Schwester meiner Mutter hatte mit ihrem Mann ein Kind – meinen Vetter, der Einzelkind geblieben ist. Ich selbst, in Wedel aufgewachsen, bin kaum älter als dieser Cousin, aber meine Schwester wurde erst sieben Jahre nach mir geboren. So viel mag eingangs genügen.
Diese Beschreibungen wollen eine Kurzgeschichte sein, möchte ich behaupten, auch wenn manche Anforderungen an echte Prosa nicht erfüllt sind. Erzählen und reflektieren, autobiografisch berichten und grafisch gestalten, mein eigener Text mit selbstgemachtem Bild; ich knüpfe immer an.
Mit vierzehn ging ich in Wedel zur Schule. Mein Deutschlehrer war auch der Kunstlehrer und dazu unser Klassenlehrer. Er mochte mich. Ein guter Lehrer. Ohne ihn wäre aus mir gar nichts geworden. Eltern allein genügen nicht, uns aufs Leben vorzubereiten; aber als Note „ungenügend“ für die nahe Familie vergeben? Das darf man ja gar nicht schreiben! Die Kirche verlangt, die eigenen Eltern grundsätzlich „zu achten und zu ehren“, heißt es bekanntlich. Wir lernen ein Leben lang, sage ich dagegen, aber das ist auch ein Rat, der nicht auf meinem Mist gewachsen ist. Die Realschule im Tinsdaler Weg war gut. Ich mochte Deutsch als Fach, schrieb gute Aufsätze, konnte auch gut vorlesen.
In Kunst hatte ich meine Eins.
Eine kurze Erzählung, solche Thesen wie meine hier, das Notierte will komplexe Inhalte stark verdichtet berichten. Der Blick auf ein ganzes Leben kann in wenigen Sätzen, auf wenigen Seiten, in einer kleinen Skizze durchscheinen, und genau das probieren diese Zeilen. Was ein Talent ist, kann ich sagen. Ich habe es erlebt, als talentiert gegolten zu haben. Die Zeichnung auf Papier erinnert mich an früher und macht zu fabulieren leicht. Das Bildchen kann der passende Einstieg in einige Beschreibungen sein, die ich so wichtig finde.
# Blankenese
Schiffe sind nicht zu sehen, ein grauer Tag offenbar. Wir hatten keine Smartphones. Es gab normale Beschäftigungen. Man spielte mit historischen Schiffsmodellen, Minitrix Eisenbahn war da. Kinder wie wir bauten Kartenhäuser, rechneten Schachbretter durch nach Verdopplung (so weit es möglich war) oder man führte den Erwachsenen besondere Zaubertricks vor, bis alle genug hatten. Wir falteten neue Schwalben aus Papier, um Rekorde zu brechen und bauten einfallsreich konstruierte „Fallraketen“ aus Pappe, die wir im Treppenhaus abwärts segeln ließen. Kleine Balsafregatten wurden gebastelt und sollten im Seekrieg auf dem Teppich Hornblowers englische Flotte sein.
Wir hörten die Musik unserer Eltern und bewerteten diese. Wir ließen das zehnjährige Jubiläum der Old Merry Tale Jazzband gegen neuere Aufnahmen der Band antreten. Wie prägnant war „King of the Zulus“ von Vohwinkel auf der Platte, und konnte der Trompeter es noch heute? Mein Onkel war auch der Erste, der einen CD-Player kaufte. Stolz führte er uns die neue Klangqualität vor. Als moderner Mensch hatte er ein elektrisches Klavier und spielte schwungvoll darauf. Mein Onkel besaß einen Filmapparat, ein Vorführgerät und Leinwand. Wir schauten sommerliche Erinnerungen aus Büsum, wo unsere Familien gemeinsam Urlaub machten. Wir sahen Disney-Filme im Super-8-Format. Als kultivierte Blankeneser hatten meine Tante und ihr nicht segelnder Mann doch ein kleines Fernrohr, um die Schifffahrt unten auf dem Wasser ins Visier nehmen zu können. Es war an einer Stange nahe der Fensterbank gehalten und konnte präzise geschwenkt und fixiert werden. Diese mehrgeschossige Wohnung genießt wunderbaren Elbblick aus mancher Position. Das ist bestes Hamburg! Mein Onkel kaufte sich einen Mercedes! Mein Vater kaufte auch einen Mercedes. Das hat viel bedeutet damals.
Wir spielten auch draußen. Blankenese hat Elbstrand. Es gibt dort Treibholz, und Ostern brennen die verschiedenen Feuer. Im Park nicht weit entfernt durfte man seinen Segelflieger gleiten lassen. Das alte Haus in der schmalen Hauptstraße hatte zudem einen winzigen Steingarten mit Schaukel, glaube ich mich zu erinnern. Da konnte man auch spielen. Eine Oma wohnte im Erdgeschoss. Es gab rückseitig noch einen langen, überdachten Außenbereich hinter einer niedrigen Mauer. Das Mäuerchen machte es privat, schützte vor Blicken der wenigen Passanten, die nahebei einen Weg zwischen den verwinkelten Fassaden und Hinterhöfen überall am Berg suchten. Wir schossen dort mit einem Luftgewehr Eierbecher: So nannte man die kleine Munition aus Weichblei.
Schöne Kindheit!
Gezeichnet habe ich schon immer. Ich konnte es bereits als Kind sehr gut. Ich erinnere, mein heute verstorbener Onkel meinte zu mir, als ich Jugendlicher war: „Du hast ja Talent, wir anderen müssen arbeiten.“ Die Ironie verstand ich seinerzeit nicht. So gesehen deuteten sich meine späteren Probleme bereits an –. Mit dem eigenen Kind wollen Eltern es gut machen. Da verwundert nicht, wie zwischen den Familien gelegentlich Konkurrenz aufkommt?
Mein Vetter galt als guter Rechner. Sein Vater hatte sich kaufmännisch im Handel mit Werkzeugmaschinen selbstständig gemacht, wir mit dem Fischladen in Wedel. Jedes Jahr Silvester gab es wechselseitig Karpfenessen in Blankenese oder bei uns, anschließend Knallen wie doof.
Mit meinem engsten Freund dieser Jugendzeiten aber rede ich kein Wort mehr.
Das geht von mir aus.
Zur Beerdigung des erwähnten Onkels ging ich nicht hin. Als meine Tante später gestorben ist, ignorierte ich eine lange Mail meines Vetters. Diese weitere wichtige Beerdigung ließ ich aus. So auch den Teil der Familie um meinen zweiten Onkel, der jünger ist und noch lebt: Einen Bruder meiner Mutter mit seiner Frau und die drei Kinder meide ich konsequent.
Was diese als Klüngel handelnde Gruppe geboten hat, können sie nicht wieder gut machen.
Allen voran dieser Freund, er koordiniert einen Apparat, behaupte ich, und lügt mich dafür konsequent an, kommt anschließend noch angeschissen, nun sei ja gut? Einer, der nichts merkt und seine ihm zugefallene Macht primitiv durchboxt. Früher rund, heute fetter: Da macht mein smarter Cousin andere platt, weil es ihm gerade möglich ist? Diese Familie ist wie die Masse überhaupt. Menschen, die sich täglich nur wiederholen können. Sie haben eine Sache gelernt, ihr soziales Ego breitzumachen. Meine Existenz ist ihnen nur krankes, sozialschwaches Eiern, bloß geduldeter Spielkram? Was ich lernte, gilt für solche nicht? Ich bin ihnen ein unwerter Mensch und nun noch im Weg?
Sie sind so:
„Weg mit dir! Mach Platz! Schnell!“
Wert ist Geld, und ich verdiene nicht genug mit meinem „Talent“, merke es offenbar selbst nicht, wie man’s macht, richtig zu leben? Das habe ich oft spüren müssen, am meisten aber eingekeilt zwischen diesen Verwandten und mehr noch als im Alltag bei irgendwelchen Leuten. Die Welt, Deutschland, unser Nächster ist frech, Menschen sind fies – ich hatte es übersehen. Was mich so kränkt, unendlich wütend macht, und das bleibt so, ist ihre Lebenslüge, ihre andauernd durschscheinende Rechtfertigung, ihr Dasein sei berechtigt und meines nicht. Sie wollen Bestimmer sein, und zwar immer und schnell gegenüber anderen, weil sie in der Gesellschaft Erbringer, Leistende sind. Die halten sich für Bessere aufgrund vom Verdienst als Beweis ihrer Klugheit. Es geht ihnen dabei keinesfalls darum, besonders vermögend zu sein durch ihre „richtige“ Arbeit. Das kann Kloputzen sein. Winzige Macht blähen Integrierte auf, wo’s geht. Normale Menschen wie sie, darauf sind sie stolz, wollen sozial wirken, seien nützlich, ich nicht – ein Taugenichts:
„Unnütz, krank, pervers, du störst, hau ab!“
Ist es Neid auf mein Talent, das mir früher in Gegenwart der Erwachsenen manches Lob einbrachte? Späte Abrechnung könnte das Motiv sein. Jetzt aber sollte ich meine Unfähigkeit zu leben doch einsehen! Das haben meine Verwandten deutlich gemacht mit allem Schmutz im Gepäck, den welche sich ausdenken, hintenrum ein Netz zu knüpfen, mich zu düpieren, wie einen Fisch zu fangen, zu binden, öffentlich zu schlachten, und vor allem war ihr Ziel, den Beifang genüsslich untereinander aufzuteilen, die Moneten, das Erbe. Sie haben die gemeinsame Herkunft – unsere Kindheit quasi – gern in die Tonne getreten! Das wurde klar, und damit sind alle schönen Worte der Gesellschaft für mich heute nichts als Müll. Mir gilt kein Wort mehr, das die Masse beschreit, ihre Moral, ihre Träume, ihr Gutsein. Ich gehe zu keiner Kunst hin, mache nirgends mit, meide Konzerte, gesellschaftliche Treffen überall. Macht euren Scheiß allein. Mein Fehlen fällt nicht auf. Ich bin nur einer, aber:
Verpisst euch.
Oberflächlich verzichte ich auf Empathie, wo’s geht. Meine Familie hat mich verändert zu einem, der rücksichtsloser ist, als jeder von ihnen sich’s nur vorstellen kann. Ich bin ein skrupelloser Mensch ohne Gewissen und stehe dazu. Ich empfinde überhaupt keine Schuld, habe keinerlei schlechtes Gewissen, wegen was auch immer. Ich sollte weg. Ich bin gegangen. Ich bin raus, fühle mich frei.
# Ich stehe außerhalb
Deswegen ergibt sich die spannende Frage nach Neid, Erfolg und Talent für mich auch allgemein einmal mehr, weil unser sozialer Status in der Gesellschaft untrennbar vom Verdienst und der Lebensleistung geprägte Werte sind. Man kann nicht einfach nur gut sein, um Erfolg zu haben. Etwas zu können, heißt nicht, damit Geld zu verdienen oder Ansehen. Das müssen Kinder und Jugendliche begreifen lernen. Bewertung ist Ernährung und Existenz in der spezialisierten Zivisilation. Machen allein genügt nicht. Wer also jung aufbricht, erlebt sein Erwachsenwerden im zunehmend selbst gewählten Weg. Ein anderer verpasst den Reifeprozess, weil Selbstüberschätzung ihn zu Fall bringt. Die daraus resultierenden Rückschläge können zu heftig sein, um jemals zu begreifen oder jedenfalls zur Zeit noch zu verstehen, dass man endlich nachsteuere. So war es bei mir.
Ich hatte Talent, ja.
Aber das mit dem Arbeiten hat nie so gut geklappt, dass man von einer Existenz reden könnte, ein aus eigener Leistung erreichtes Ganzes. Ich benötigte immer das von anderen verdiente Geld als derjenige psychisch Kranke, der nicht effektiv genug leistet, seinen Teil nicht erbringt. Für meine Existenz waren andere maßgeblich involviert, und ich kann das gern zugeben. Eine kreative Lebensleistung, die sich sehen lassen kann, habe ich. Die Anerkennung gebe ich mir selbst.
Das wird nie bezahlt werden.
„Nach dem Tode berühmt“ gilt für Künstler bekanntlich: Haha. Das nützte mir nicht, ist auch unwahrscheinlich. Gut möglich, ich werfe noch alles weg, solange Zeit dafür bleibt! Es gäbe mir womöglich die Genugtuung, die ich heute vermisse? Wer schaffen kann, kann auch zerstören. Das Narzisstische ist unser Partner in der Kunst. Manche kennen das Problem, über die Maßen gemocht werden zu wollen, und besonders den häufigen Nachteil dabei, beim Gegenteil anzukommen, wo man hinwollte. Welche Richtung jemand einschlägt, Künstler zu werden oder sich zufrieden gibt mit einer Anstellung irgendwo, hängt maßgeblich damit zusammen, was man sich zutraut und geraten wird. Eltern sind nicht unbedingt begeistert von ihrem Sprössling, wenn dieser für sie haarsträubende Ideen konkretisiert.
Zum Erfolg gesellt sich die Arbeit untrennbar dazu, zum Talent oder eben auch dem Wunsch, was einer sein möchte. Ist Musizieren einfacher als Malen? Ist angestellt zu sein in bloß irgendeinem Laden leichter, als sich mit was selbstständig zu machen? Dazu gibt es viele Meinungen. Zunächst aber bedeutet jede Sparte, ihren Herausforderungen begegnen zu müssen. Da spielt eine Rolle, was der Betreffende mitbringt. Nur ein Beispiel: Als kleiner – zwar sportlicher – Mann mit Ballgefühl dürfte jemand nie in die Weltspitze beim Basketball vordringen. Muss man das wollen? In die Diskussion, ob eine Sache schwieriger zu meistern sei als die andere, gehört die Frage:
„Für wen?“
# Trompete!
So lese ich einen Post vom Musiker, der als Thread fungiert und das Thema unterschiedlicher Schwierigkeiten aufgreift, die es mache, sein Instrument „Trompete“ zu spielen – im Vergleich mit anderen im Orchester.
Zitat, gekürzt:
Und zwar frag ich mich oft, ob für andere Instrumente auch soviel Zeit zum Üben drauf geht, oder ob das Trompetenspielen einfach besonders schwer zu erlernen ist?
Ich kenne nämlich einige Leute, die spielen Horn, Tenorhorn, Sax, Klarinette, Oboe, Flöte usw. und denen merkt man kaum an, dass sie wochenlang nix geübt haben. (…) geben lauthals zu, dass sie nur 1x pro Woche üben – und das meistens nur bei der Probe. Und sie bringen ihre erste Stimme locker durch die Probe bzw. durch diverse Konzerte. (…). Wenn ich mal ’ne Woche nicht übe, dann bringe ich die erste Stimme nicht raus, weder auf dem Flügelhorn noch auf der Trompete. (…). Ist das dann einfach Talent oder (…) hängt (…) damit zusammen, dass andere Instrumente einfacher zu spielen sind? (…). (Sind andere Instrumente leichter zu spielen? leonfair, 25.10.2011, Trompetenforum).
Zitat Ende.
Das soll jetzt erst einmal so stehen bleiben. Mir geht es um Schwierigkeiten an sich, weniger um Musik. Im Studium bei Flurschütz waren Kommilitonen, die nicht zeichnen konnten, denen der Professor riet: „Nehmen Sie Deckfarben!“, wenn sich solche auch noch ans Aquarellieren wagten für eine Illustrationsaufgabe. Und David Hockney, der kürzlich verstorbene Superstar der Kunst, schreibt in einem Buch über die Schwierigkeiten des Zeichnens mit Feder und Tinte, er werfe alles weg, „wenn das Bein falsch gezeichnet ist.“ Weil man nicht korrigieren könne, „nicht korrigieren darf.“
Für den einen Musiker mag das Klavier leicht erscheinen im Unterschied zur Trompete. Die Höhe ist unproblematisch. Für den anderen ist das kombinierte beidhändige Spielen des Tasteninstruments die größte Schwierigkeit. Es gibt auch Probleme des Individuums, die mancher erst nicht versteht an sich.
Ich zum Beispiel habe seit der Jugend beinahe immer trockene Lippen. Die Haut hält nicht das Vibrieren im Mundstück aus. Ein kleines Loch in der Oberlippe bildet sich, nicht schlimm, eine Schicht fliegt weg, aber dann ist eine Pause angeraten. Höhe wird unmöglich. An guten Tagen passiert es morgens nur einmal, und zum Rest des Tages wird der Ansatz besser. Für professionelle Musiker kann so etwas, wenn das Problem im Alter schlimmer wird, existentielle Schwierigkeiten bedeuten. Ich bin ein verkrampfter Typ leider und spanne meinen Unterleib oft an, atme nicht so flüssig wie andere. Das behindert mein Zeichnen nicht, aber meine Trompeterei gelingt mir erst heute besser, wo ich manches dazulernte im Leben überhaupt. Mit diesen hier nur skizzierten Gedanken schaue ich also ganz anders auf junge Menschen, realistischer jedenfalls, als ich’s selbst reflektierte früher. Ich habe mich nicht wahrgenommen.
Es gibt aber auch Menschen, die ihr Kein-Talent-haben überwinden in einem Gebiet und sich ihre Träume wenigstens in Maßen noch erfüllen. Dafür ist es nie zu spät, kleine Sachen zu lernen, die gestern unmöglich schienen – wenn man aufhört, damit protzen zu wollen „man lebe seinen Traum“ und dergleichen Phrasen den anderen blind glaubt.
Das mit der Trompete wollte ich schon als Kind. Mein Vater schien zunächst interessiert, die Sache mit mir zusammen anzugehen: Es gebe am Ende der Reeperbahn ein Instrumentengeschäft. Da dürfe man sicher eine Trompete nur mal so ausprobieren, sagte er. Ich war ganz aufgeregt. Vermutlich bin ich jünger gewesen als zum Zeitpunkt der Zeichnung oben. Acht oder neun Jahre sind realistisch anzunehmen. Es gab leider nie angemessenen Musikunterricht irgendwo für mich, nicht in den Schulen und auch sonst nicht. Niemand störte sich daran. Ich war ja schon der Malkünstler. Meine Eltern waren der Ansicht:
„Du kannst nur eine Sache machen.“
Das Ausprobieren der Trompete war für mich eine Chance, aber für meinen Vater die Gelegenheit, mir zu zeigen, ich könne es ja gar nicht. Wir fuhren mit dem Fischauto hin und parkten in der Nähe. Auf der Reeperbahn war ich noch nie gewesen. Der Laden befand sich aber ganz am Ende, oder wenn man so will, am Anfang, wo dann die Ost-West-Straße beginnt und später der Michel steht. Mein Vater ist am Michel geboren. Er kannte die Ecke gut. Erzählungen von früher prägten meine Kindheit.
Das habe ich aktuell gefunden:
Im Erdgeschoss des Iduna-Hochhauses in Hamburg (auch Millerntor-Hochhaus genannt) befand sich in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren das legendäre Musikaliengeschäft „Music-City“, das ein wichtiger Anlaufpunkt für die Hamburger Live- und Kiez-Szene war. Das Geschäft öffnete Mitte der 1960er-Jahre am Millerntor/Anfang der Reeperbahn und galt zeitweise als einer der größten und bestsortierten Läden für Musikinstrumente in Norddeutschland. Im Jahr 1988 schloss „Music-City“ schließlich, da sich der Markt veränderte und die Konkurrenz durch günstigere Anbieter wuchs. (Google-Suche).
Erich, mein Vater, hatte auch im Fanfarenzug geblasen. Für die richtige Hitlerjugend wäre er zu jung gewesen, hieß es. Was für ein Glück. Er musste nicht schießen. Horst, ein Segelfreund, war älter. Den hatten die Nazis an eine Flak in der Marsch kommandiert, englische Bomber abzuknallen. Keine Ahnung, ob er dabei erfolgreich war? Es waren Kinder – zum Töten erzogen. Das hat dieser Horst mal wörtlich gesagt, als wir alle im Auto fuhren mit der Jolle hinten dran: „Wir wurden zum Töten erzogen“, sagte der Freund von meinem Vater, und ich konnte es kaum glauben.
Der Fanfarenzug hingegen war kein militärischer Drill gewesen. Ganz nette Zeiten eigentlich. Für meinen Vater war der Krieg ein Abenteuer. Sie sammelten kaputte Brandbomben, um die nachträglich ins Glühen zu bringen, buddelten ein Loch im Garten, deckten es mit Balken ab, packten Grünzeug zur Tarnung drauf, wollten das als Bunker nutzen. Sie stromerten zum Kohlenklau ans Kraftwerk, begriffen nichts. Ein bißchen tuten, war kein Krieg. Aber das im Takt laufen wurde geübt. Man habe immer einen guten Bläser neben einen schlechten Jungen gestellt, der dann nur so getan habe. Mein Vater meinte, er habe es nicht gut gekonnt und nur so getan. „Wir können so etwas nicht“, war auch seine Ansicht bezüglich verschiedener anderer Sachen. „Wir können nicht mit Bällen“, meinte er zu wissen, wenn ich einen Ball nicht fangen konnte, nicht gut warf – als gäbe es solche Talente zwingend als Erbgut. Viele denken bis heute so. „Wir“ hätten schmale Handgelenke, und andere Männer hätten kräftigere, das war auch so ein Nachteil, den „wir“ hätten, meinte Erich, mein Vater.
Man könne nur eine Sache richtig machen, war genauso die gültige Ansicht, der ich zu folgen hatte. Malen und Zeichnen galten als diese „eine“ Kunst, und ich wäre talentiert. Mehr wäre nicht drin, hieß es. Damit ist mir heute erst klar, das Ausprobieren der Trompete sollte mich in Wirklichkeit von diesem Spleen kurieren.
Ich bin darauf hereingefallen.
Vor Aufregung zappelnd kletterte ich in den Transporter auf die Beifahrerseite. Ein grauer Tag, schulfrei irgendwie, es ist am Vormittag gewesen – ganz bestimmt. Ein Film in meinem Kopf kann jederzeit ablaufen, dabei ist das lange her und ich war noch klein. Ich weiß noch, im Erdgeschoss eines größeren Hauses warteten die Musikinstrumente auf Käufer! Goldenes Blech funkelte schon beim ersten Blick in die Schaufenster! Das Geschäft faszinierte mich sofort!
Es war ein wenig schummriges Licht in den großen Räumen voller Instrumente. Ich kann mich so gut daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Mein Vater machte seine Vorstellungen deutlich „der Junge solle mal sehen, wie schwer das sei mit dem Blasen“, aber der Verkäufer war freundlich. Er griff eine passende Trompete von der Wand (Messing) und begutachtete mein Gesicht, um ein passendes Mundstück aus dem großen Tisch, vor dem wir standen, – das war eigentlich eine Vitrine mit Glasdeckel – zu suchen. Der Mann zeigte mir den richtigen Griff und machte vor, wie man mit den Lippen summt. Die Trompete war unglaublich schwer für mich. Ich konnte sie kaum ruhig in passender Höhe halten. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bekam keinen Ton raus mit der Methode, von der ich annahm, dass es die richtige wäre, bis ich den Verkäufer zu imitieren lernte, der sehr geduldig war. Nach ein paar Minuten ging es aber doch! Ich fühlte mich großartig.
Das führte zu – nichts.
Meine Eltern schwiegen diesen Tag tot.
Ich fragte nie mehr. Ich gab klein bei, ohne überhaupt zu probieren. Als Student an der Armgartstraße, ich wohnte noch bei meinen Eltern, kaufte ich mir die erste Trompete auf einem Flohmarkt. Ich habe viel probiert, kam nicht gut klar. Eine Zeit lang bin ich in einem Amateurorchester gewesen, da ging es einigermaßen mitzuhalten bei einfachen Sachen. Ich nahm Unterricht. Heute mache ich regelmäßig was zu Hause für mich und bin für meine Verhältnisse deutlich besser. Ich meide jedes Zusammensein mit anderen, und das ist tatsächlich das Dümmste, was ein Musizierender tun kann.
Musik zu machen mit anderen, ist so viel einfacher. Das weiß ich wohl. Keinesfalls möchte ich aber noch einmal soziale Vergnügen teilen nach meinen verschiedenen Erfahrungen.
Ich kann Menschen nicht leiden.
# Dumm gelaufen
Obwohl Dummheit und psychische Krankheit nahe beieinander liegen, sehen „Problemkinder“ selten ein, was sie tun könnten, sondern beharren auf ihrem Zeug. Lesen kann helfen zu verstehen. Wir puzzeln uns den Baukasten zum Selberdenken durch das Konsumieren geistiger Nahrungsbrocken. So bilden sich die neuen Motive. Das folgende Zitat stammt von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) und steht der „Anleitung zum Ünglücklichsein“ von Paul Watzlawick vorweg.
Zitat:
„Was kann man nun von einem Menschen … erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über beide Ohren, bis über den Kopf, so daß an die Oberfläche des Glücks wie zum Wasserspiegel nur noch Bläschen aufsteigen, geben Sie ihm ein pekuniäres Auskommen, dass ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Lebkuchen zu vertilgen und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen – so wird er doch, dieser selbe Mensch, Ihnen auf der Stelle aus purer Undankbarkeit, einzig aus Schmähsucht einen Streich spielen. Er wird sogar die Lebkuchen aufs Spiel setzen und sich vielleicht den verderblichsten Unsinn wünschen, den allerunökonomischsten Blödsinn, einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit sein eigenes unheilbringendes phantastisches Element beizumischen. Gerade seine phantastischen Einfälle, seine banale Dummheit wird er behalten wollen …“
Zitat Ende.
Wir schaffen unsere Missgeschicke so oft selbst, dass ganze Leben „in die Hose“ gehen.
Es sei nie zu spät, heißt es, aber ganz richtig ist das nicht. Mir schreibt ein schon älterer Freund, er habe viel gelesen auf meiner Website hier und da. Das sei ja eben ganz „Bassiner“. Dann folgt, ob mir an Zufriedenheit fehle, ich wohl eine Bibel gebrauchen könne?
# Was soll man antworten?
Ein höfliches „nein – vielen Dank“ ist mir eingefallen, kaum mehr. Kein Freund liest hier wirklich, scheint mir die notwendige Einsicht zum zufriedenen Überleben überhaupt. Kein Gott hilft, „auch der nicht – leider“, wusste Westernhagen! Es bestätigt sich: Die Welt wartet nicht auf uns! Sie liest quer, wenn überhaupt, um dann mit ihrem eigenen Scheiß aufzuwarten.
Die meisten Kommentare im Netz sind Belehrungen. Lobhudelei kommt auch oft. Echter Austausch? Fehlanzeige. Das sollte dem, der gerne was macht, nicht abhalten, genau das zu tun. Ob nun talentiert oder nicht, was heißt das schon? Ich kann zeichnen. Ich spiele Trompete. Ich bin Segler. Als ich meinen besseren Konkurrenten Piet seinerzeit fragte, wie er sein Boot (inzwischen unübersehbar) so schnell bekommen habe, meinte der:
„Ach Johnny, ich glaube, es ist alles ein bißchen zusammen“, und dann zählte er auf, was er alles optimierte am Schiff.
Das kann motivieren!
So sollten wir uns sehen, als Behinderte in jedem Fall, und das ist der einzig zulässige Blick auf den anderen, den Vergleich mit anderen – wenn man etwas lernen möchte. Was stört eigentlich, sollten wir herausfinden und prüfen, ob sich daran was ändern lässt. Ich weiß noch, mein Großvater antwortete auf die Frage, wie es ihm ginge? typischerweise:
„Zufriedenstellend.“
# Mir geht’s gut!
Mein Großvater, das habe ich in mancher Geschichte auf der Website schon erzählt, schrieb mehrere Bücher. Das hat mich inspiriert, es auch selbst mit dem Schreiben zu probieren. Man konnte viel lernen vom alten Seemann. Lernen macht zufrieden. Es kommt darauf an, was man selber fühlt und nicht, was andere aus einem rauslesen und erkennen wollen. Man lernt auch das erst durch die eigene, selbstmotivierte, angewandte Kreativität.
Diese Notizen tatsächlich bringen mir wenig Resonanz ein bei denen, die mich länger kennen, sagte ich schon und finde das natürlich schade. Absichtlich ganz hinten ins zwar weltweit verfügbare, aber eben auch riesige Nirwana vom digitalen Netz eingestellt (also bloß irgendwo am Arsch des Universums rausposaunt, hinaustrompetet), kann keiner mehr erwarten. Da ist ein Mangel an Interesse leider betrüblich, aber nicht zu ändern und eben hinzunehmen. Der Arsch der Welt! Ich habe ihn gut kennengelernt. Im Dorf um die Ecke fühle ich mich heute – zwischen den anderen Hintern – als ebensolches kleines Arschloch wie viele auf dem Planeten, und besonders hier am schönen Feldrand, respektiert, integriert. Ich bin kein Quiddje mehr und kann vergnügt etwa zum Einkaufen und überhaupt überall herumspazieren.
Das unbehelligt scheinbar und nicht zuletzt wegen einiger klarer Worte, die ich zusammengefunden habe auf diesen Seiten offenbar. Ich erfahre die Wahrheit der anderen nicht! Mir muss genügen, es dem Nachbarn ums Eck zu erwähnen, das mit dem ins Staddi laufen und dass keiner mehr kommt, mich anzuquatschen – jedes Mal:
Sein Grinsen.
Zufriedenheit kann zu spüren ehrlicher sein, als sich stets pures Glück zu wünschen, dem hinterherzulaufen. Das ist auch meine Erfahrung. Was schert da schon Bewertung? Es geht nicht gut, frühere Generationen platt zu beschuldigen, man wäre nicht klargekommen ihretwegen. Ohne genaue Kenntnis seiner Vergangenheit kann aber niemand definieren, wo die Reise künftig hingehen soll. Die Alten hatten den Krieg noch erlebt und wussten, die guten Jahre anschließend zu schätzen. Herkunft bedeutet die Basis für kommende Schritte.
Opa Heinz war „Jahrgang nullneun“ – ich vermisse ihn.
🙂