Schraube locker?

Der Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren“ bedeutet, dass jedes Verhalten eine Botschaft sendet und es unmöglich ist, in einer sozialen Situation keine Signale abzugeben. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat diesen Grundsatz als das erste seiner fünf Axiome der Kommunikation formuliert. Verbale und nonverbale Ebenen: Kommunikation findet nicht nur über gesprochene Worte statt, sondern auch über Körpersprache, Mimik, Gestik und den Tonfall. Durch die Art und Weise wie einer spricht, übermittelt dieser weitere Anreize, Hinweise, was und vor allem wie das Gesprochene gemeint ist. Manche Zuhörer besonders achten darauf, wie etwas gesagt wurde, mehr als auf den sachlichen Inhalt der Botschaft. Ein Zwiegespräch kann auch unser Denken sein. Wenn wir in Worten denken, tauschen wir uns in imaginären Positionen aus und imitieren quasi Sozialverhalten. Wir gleichen Ansichten ab mit einer nur vorgestellten Umgebung.

Sprechen ist nicht Denken – und in Worten zu denken, ist nicht alles, was unser Gehirn diesbezüglich kann.

Das Ambivalente jeder Kommunikation (verbale, soziale Komponenten) erfährt zusätzlich Bewusstheit in der Person selbst. Sie ist definiert durch ihre individuelle Position und Bewegung im Raum. Wer schläft, kommuniziert nicht bewusst, erlebt aber zu träumen. Wenn jemand hingegen wach ist, macht es nicht nur für die Umgebung einen Unterschied, ob dieser Mensch sitzt, steht oder geht, so gesehen nonverbal kommuniziert. Der Kommunikator selbst reflektiert seine eigene Haltung, korrigiert sich andauernd. Ein selbstbewusster Mensch nutzt die funktionalen Standards des gesunden Erwachsenen in vielen Alltagssituationen. Er muss nicht ständig üben im eigenen Kopf, soufflieren nach dem Motto: „Gib dir Haltung, da drüben hört schließlich der Chef zu.“ Man macht gewohnt voran. Das ist Persönlichkeit, Auftreten. Bekannte erkennen einander auf Distanz am Gangbild. Jeder erlebt sich oft spontan, auch mit dem, was er nicht lassen kann. Spontaneität heißt aber nicht bloß unbedachtes Voranstürmen, sondern kann Authentizität und Glück bedeuten, am Puls der Zeit sein! Das erkannte der israelische Verhaltenslehrer Moshé Feldenkrais. Er postulierte seine Auffassung des Handelns, wie schon Babys davon Gebrauch machen, bevor sie zu sprechen lernen. Ein Verstehen, das nicht sozial ist und wortloses Begreifen meint. Damit kann einer von sich ausgehen, ohne Egoist zu sein. Innerste Bedürfnisse auf diese Weise zu verarbeiten, ist eine Qualität:

„Nicht andere Gedanken wollen wir, sondern anderes Denken.“

Warum das wichtig ist?

Die Kommunikation mit uns selbst, wie schnell wir etwas machen oder langsam, den Druck, den wir ausüben im Widerpart zur Schwerkraft, bei allem was wir anfangen mitzubekommen und gegebenenfalls nachzusteuern, macht Lernen und Geschicklichkeit erst möglich. Das geht besser, sich selbst nachzuspüren, als gleich etwas zu probieren, wie man meint, andere würden es so machen. Nach einiger Zeit entsteht Selbstvertrauen: Kein guter Zeichner dürfte sich noch in Gedanken zureden bei der Arbeit, kein erfahrener Musiker spricht innerlich jeden Ton im Geiste vorher: „Du solltest jetzt mal ein C spielen.“ Wir machen das kontrolliert, aber nicht wie Malen nach Zahlen. Man denkt manches besser in Bildern und nicht in Worten. Das führt zum genauen Verständnis ohne den Umweg, alles mit sich zu bereden. Verständnis heißt da, sich gut wahrnehmen, wie’s läuft.

Ein Aphorismus fast wie ein Mantra wird Feldenkrais zugeschrieben, den er – so isoliert – gar nicht mochte, weil er nicht auf einen einzigen Satz reduziert werden wollte. (Das erfährt man in einer lesenswerten Biografie von Christian Buckard). Der berühmte Satz lautet:

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“

Dahinter verbirgt sich ein reichhaltiges Instrumentarium, besonders auch psychische Krankheiten in den Griff zu bekommen, und das wird viel zu wenig genutzt. Vereinfacht ist jede psychische Krankheit eine soziale Anpassungsstörung. Diese von einer anderen Warte aus zu betrachten, der nicht sozialen Position, der spezifisch eigenen, gibt dem Patienten sein individuelles Menschsein zurück. Sodass der Kranke nicht aus der Sicht vom Gegenüber, dem Arzt, handeln muss, im Austausch Therapie erfährt, letztlich gezwungen ist, nur an langer Leine zu laufen. Wüsste ein psychisch Kranker, was er tut (könnte man sagen), wäre er nicht krank. Da stellt sich schon die Frage, ob pharmazeutische Mittel und therapeutische Worte, die auf einen Patienten einwirken, das erreichen: Bewusstheit?

# Aus der Position des Idioten sich als solcher behandeln lassen oder selbstbestimmt zuhören, macht den Unterschied

Ein anderes Denken könnte nicht nur unserer Medizin nützlich sein, es ist auch die einzige Möglichkeit, psychische Krankheit loszuwerden (und den Therapeuten dazu). Ein Gesunder benötigt keinen Psychiater. Wer auffällig wurde und dementsprechend behandelt, gewinnt durch die anerkannten Methoden selten echte Unabhängigkeit, die man als freier Mensch zu schätzen weiß. Wohlfühlen steht an letzter Stelle in einer Therapie, die sich aus der Not begreift, überhaupt verträgliche Anpassung zu lehren, die nicht oder weniger stört. Das ist ein mageres Ziel. Das Nötigste, mehr nicht. Wir könnten viel mehr aus unserem Leben machen, wenn wir es nicht dieser Pseudomedizin opfern müssten, weil diese uns als Patienten an sich bindet wie ein ekliger Kleber. Es tut weh zu begreifen, dass man viele Jahre drangibt, bis es endlich besser läuft mit dem Ausgeglichensein oder zumindest die Fähigkeit gegeben ist, sich allein wieder einzukriegen, wenn’s mal scheiße gelaufen ist.

🙂