Die bekannten Probleme

Die Welt dreht sich nicht um mich, aber mir kommt es so vor, könnte man sagen, um in nur einem Satz zum Punkt zu kommen. Es dürfte auch anderen nützen, besondere Erfahrungen festzuhalten? Mir hilft mein Schreiben – ein Tagebuch ist es auf seine Art, eine Denkübung – selbst am allermeisten. Für mich ein großes Problem, das Drumherum abzugrenzen von meiner Fantasie, meinen Erwartungen, was passieren müsste. Es gibt ein Krankheitsbild schlimmstenfalls. Tatsächlich ist das mindestens eine dumme Angewohnheit, auf eigene Ansprüche, auf sich selbst hereinzufallen, dass diese Annahmen von der Umgebung umgesetzt werden und geschehen müssten. Es schmerzt doch, wenn die Dinge nicht wie erhofft laufen! Das heißt aber nicht, in den Wald bloß nett reinrufen zu müssen fürs Gewünschte. Viele sind nicht krank deswegen, aber schon mit einer widersprüchlichen Erwartungshaltung unterwegs. Nicht alle können zugeben, ein Problem zu haben, wenn Antworten ausbleiben.

Kunst bietet eine gute Möglichkeit, sich selbst zu erden. Kreativität gibt uns das Werkzeug an die Hand, wenigstens die eigene kleine Welt perfekt zu malen. Bücher, Gemälde und natürlich Comics vereinen durch die Sprache ihrer Macher mit ihrem Werk auch Vorbildfunktionen. Es bedeutet manche Inspiration, die ich als Schablone benötige, allein zu denken, einen Maßstab zu finden, einzuordnen. Meine Fischhändlereltern sind tot, meine Lehrer treffe ich nicht mehr, Kollegen meide ich. Die Familie kennt mich lange genug und ich sie. Gewohnheit macht träge. Da muss für eine handfeste Lebensphilosophie Eigenarbeit geleistet werden. Wir dürfen uns Antworten auf alle Fragen des Lebens erschließen und genauer noch: ermalen, erschreiben und nicht zuletzt in Bildern erdenken nach den Prinzipien der Kunst.

# Schreiben ist notwendiges Gestalten

Man kann die Welt nicht an die eigene Decke hängen. Keiner kann Gott einen Tritt verpassen oder die Erdkugel ins Tor schießen wie einen Fußball. Unser Zorn findet Grenzen. Darin liegt auch die Chance, diese allgemeine, und besonders die eigene Kleinheit überhaupt zu begreifen! Der Rest vom Glaube ist das, keinen lieben Gott für sich als Freund anzunehmen, der uns individuell mag, betreut und hilft wie der gute Onkel von oben. Die Natur, die Realität, eine größere Wahrheit und unser Gebieter so gesehen, ist dort zu erkennen, wo immer es lohnt, „das Gebotene“ zu tun. Das erweitert die Bibel, das Buch der Bücher, um jedes andere Werk, das je einer schrieb zur reichhaltigen Sammlung menschlicher Erkenntnisse. Da steht ein großer Topf bereit, aus dem zu schöpfen, sich zu bedienen, unsere eigene Klugheit gefragt ist. Und wir können diesen Eimer selbst noch weiter füllen, größer machen, das ist erlaubt und mehr, als blind dem allgemeinen Sollen zu folgen wie so viele.

Ratgeber sollten mehr sein als das Tageshoroskop. Kindisches Bibellesen und Selbstgespräche mit dem vermeintlichen Gott dürften die Beter und Hilfesuchenden nur auf Abwege führen. Das Leben als Geschenk des Allmächtigen anzunehmen, setzt die Mitarbeit am eigenen Glück voraus, verlangt unter Umständen, den Gang zum tatsächlich Helfenden aus Fleisch und Blut zu erwägen, wenn man nicht mehr allein klarkommt. Es schadet nicht, umzukehren, bessere Wege zu probieren, wo man sich ansonsten den Kopf anschlägt beim gegen die Wand rennen.

# Wir sind wieder auf Fehmarn

Ich bin im Urlaub und korrigiere Texte, die schon länger online stehen. Es regnet viel. Dabei lösche ich auch, und so bleibt das oben stehende Atelierbild nach, diesem neuen Text vorangestellt, schließlich noch nützlich zu sein. Das Foto im Bademantel ist zu Hause im Dachstübchen in Schenefeld entstanden, zeigt oben eine Schülerarbeit aus Studentenzeiten. Mein Kinderzimmer in Wedel wurde seinerzeit von mir auf Styropor, auf eine Kugel gebannt.

Mein Heimatplanet, ich musste ihn zurücklassen wie Kal-El den Krypton. Ein passendes Motiv auch heute? Seine kleine Welt trägt jeder mit sich rum im Kopf. Das gibt schon Kraft. Superstarke Ideen erwachsen aus anfangs kleinen Pflänzchen, sprießen auf einer bislang eher unscheinbaren, unbekannten Gehirnrinde – irgendwo im Universum.

 „Never underestimate your power. One person is enough to change a live!“

Die Hebel der Fantasie sind geneigt, uns größer zu denken, geeignete Werkzeuge, eine ganze Welt sogar noch ein ganz klein wenig im Raum zu verrücken, ihre Bahn anzupassen, bis diese sich angenehmer anschmiegt an die geliebte Person.

Wir sind jetzt hier auf der Insel. Da habe ich kein Bild parat, das ich mal eben posten könnte in passender Auflösung, aber aktuelles Erleben treibt mich an die Tastatur, und genügend Zeit zu schreiben ist ja.

Was ist Neues zu lernen und bezüglich des aktuellen Standortes, frage ich mich? Man benötigt einen Spiegel im Geiste, um einzuordnen, was passiert. Da ist diese Kugel an der Decke das passende Motiv, unser Sein zu begreifen. Der Kosmos im eigenen Kopf bildet immer den Hintergrund, ist unser Filter, ein Katalysator, der fantastische Denkapparat, mit dem wir geistig futtern, verdauen und neue Handlungen generieren. Man meint vermeintlich, sich auszukennen; es kommt ja doch anders. Eines aber ist gewiss, was einer auch beginnt, es wird Widerstand geben noch im banalsten Akt, den man sich einfallen lässt. Keine Hilfe kommt dafür mal so eben „vom Herrn“, nur weil man gerade gern „was will“.

„Hoppla, jetzt komm’ ich!“

Und zack liegt einer im Dreck der Landstraße.

Die Erkenntnis sollte genügen, dass immer Geduld und Geschick vonnöten sind, Umwege unerlässlich sind und Zorn wenig hilfreiches Gezappel bedeutet.

# Ich spiele seit einiger Zeit amateurhaft Trompete

„Wo üben?“

Das ist eine wiederkehrende Frage. Das Beste ist das tägliche Üben für einen, der vorankommen möchte. Gute und schlechte Tage wechseln sich ab, und darin liegt der Vorteil beim konstanten Üben. Man kommt besser klar mit sich selbst, lernt Können und Nichtkönnen im Auf und Ab verzeihlich gut kennen.

Während ich frühere Urlaube auf der Insel mit dem Stift irgendwo zeichnend verbrachte, ist mir diese Kunst weniger wichtig heute. Ich stelle nichts aus. Keine Vernissage! Die Website ist das letzte Fenster. Ich muss nichts mehr beweisen, und deswegen ist der Spaß entscheidend: Wenn’s mich nicht motiviert, mit dem Skizzenbuch rauszugehen, gehe ich nicht raus mit Papier und Stift. So einfach kann es sein. Muss ich fertig werden mit einem Bild, um das bald zu zeigen oder verliert jedes Tempo an Bedeutung für einen, der die Geschwindigkeit seines Lebens selbst definiert, ist eine Frage, die ich so nicht mehr stelle.

Meine Feststellung bezüglich des Interesses an meiner Kunst im Umfeld ist dermaßen erschreckend! „Wie armselig sind meine Mitmenschen!“, denke ich, dass sie sich für meine Sachen so gar nicht interessieren! Wenn ich nur blöd genug gewesen bin, auf etwa ein neues Menü online hinzuweisen, strafen meine Freunde und Bekannte, höfliche Menschen sonst, mich mit konsequenter Nichtbeachtung ab oder sagen schon mal frech: „Oh, da habe ich deine Mail aus Versehen gelöscht.“ Freudig nachzuhaken bringt es nicht, während man also beispielsweise beim Grillen (sämtliche und ihnen so wichtige Themen) die Highlights der anderen goutiert. Gemeinsam die Bilder auf dem Smartphone anzuschauen, lehnen auch beste Freunde schon direkt ab. Dann habe ich entweder keine Freunde, kann einen Schmollwinkel aufsuchen oder halte konsequent andere für nicht wert und begreife, die Suche nach welchen, die ich mag, ist aus Sicht der gemeinsamen größeren Welt vollkommen überspannt. Menschen sind wie sie sind, und ich passe mich inzwischen besser an. Ich habe gelernt. Das kann ich. Deswegen kommt Kunst von Können. Künstler wissen, die Dinge zu nehmen. Die Masse ist immer idiotisch. Nadeln im Heuhaufen suchen nur Irre.

Da darf ich mich auf keinen Fall hinreißen lassen, eine Ausstellung zu organisieren (sich Arbeit zu machen), die mir doch nur hohles Wiehern kastrierter Wallache und blödsinniges Gackern dummer Hühner einbrächte. Ich weiß, was ich leiste, und andere tun bloß höflich. Der einzuheimsende Applaus bei einer öffentlichen Bilderschau wäre in jedem Fall gelogen. Das brauche ich nicht. Menschen gehen zur Vernissage, um selbst dort gesehen zu werden. Andere Gründe gibt es nicht, außer sie lieben Kunst tatsächlich. Das sind wenige. Deswegen mögen sie den Künstler vor Ort aber noch lange nicht. Es ist nicht dasselbe. Ein Beispiel? Das gegenseitig verschiedene Erleben mit wunderbarer Kunst oder großartiger Musik kann einen Macher wie mich leicht von falschen Annahmen kurieren. (Ich habe Kishon gelesen). Das passiert: Meine Frau – die beste Ehefrau von allen – geht genervt ins Nebenzimmer, wenn ich zwei Fassungen von „Maple Leaf Rag“ nacheinander auf dem iPad laufen lasse, die ich gerade auf YouTube entdecke.

„Blödes Geklimper.“

Das ist es für sie. In der Ferienwohnung sind die Fluchtmöglichkeiten bei Regenwetter gering. Meine Frau lässt sich nicht scheiden, weil wir verschiedene Musik mögen. Niemand liebt einen wegen der Kunst, und wenn man der größte Maestro wäre, glaube ich umgekehrt! Ich habe übrigens das mieseste Menschenbild, das einer entwickeln kann, zu meiner allerliebsten Denkweise kultiviert. So schreibe ich auch diese Texte. Wer hier liest, hat selbst schuld, denn ich bin ein Autor, der seine Leser grundsätzlich verachtet!

Ich teile mich mit, weil ich mich morgen wiederlesen möchte und meinen Schreibstil in nur diesem Sinne verbessern will. Die anderen sind mir einigermaßen egal. Es soll mir selbst gefallen. Das ist nicht so einfach. Ich korrigiere viel. Wenn ich nach einem Tag erneut drüberlese, merke ich, was ich selbst nicht verstehe an dem, was ich gestern noch großartig fand. Das sollte Donald Trump auch machen, sich seinen Scheiß von letzter Woche anhören, den er da so „großartig“ fand. Es ist zu befürchten, dass ich selbst kritischer über mich denke als der amerikanische Präsident über sich? Dann liege ich doppelt falsch. Donald Trump ist gewählt, mich wählt niemand. Trump hören die Medien zu, mir niemand.

# Am Feldrand

Jetzt das mit der Trompete. Ich habe nicht so lange überlegt, sie mitzunehmen in den Urlaub. Natürlich kann einer in der Ferienwohnung nicht tuten. Aber es gibt ja die Natur! Habe ich gedacht. Wo diese Sache ihren entscheidenden Haken hat, will ich erzählen. Erst war es leicht. Man packt das neue gute Horn um, lässt den dicken Koffer zu Hause. Da gibt es noch eine ältere, weiche Tasche mit Gurt in meinem Besitz, die seitlich sogar ein wenig Platz für weiteres Equipment bietet. Die Tasche kann man über die Schulter hängen und damit auch Fahrrad fahren. Ich stecke also die gute Bach rein in meinen alten Sack, nehme reichlich Noten mit, knote den Notenständer mit einem kurzen Stropp ans Rad. Eine Wasserflasche kommt in den Korb, der auf dem Gepäckträger ist, und los geht’s. Einfach herrlich, wenn es nicht regnet, irgendwo in einer windigen Öde unter dem riesigen Himmel am Rand vom Kornfeld zu spielen, und in einer Stunde kommen kaum mehr als zwei, drei Radfahrer vorbei. Die stören ja nicht.

Das geht eine Woche lang prima. Es regnet nie mehr als einen halben Tag. Wind ist hier immer. Reichlich Wäscheklammern fürs Notenblatt sind vonnöten, und es ist ratsam, am Spielort den Notenständer noch mit dem Bändsel fest am Rad zu verknoten, das Ganze windseitig so aufzustellen, dass auch das Fahrrad selbst nicht umkippt. Zwei voneinander verschiedene Standorte sind schnell gefunden bei meiner guten Ortskenntnis nach vielen Jahren Fehmarn.

Man will nicht immer am selben Platz auffallen womöglich.

# Eine Geschichte beginnt hier

Ich probiere, das Folgende besser im Präteritum zu erzählen. Falls doch jemand Fremdes hier liest, man kann ja nie wissen, eine Anmerkung könnte da nicht schaden? Als Autor ist dergleichen Stilfrage und immer eine Überlegung wert!

Weiter also:

Gestern dann passierte das Unglaubliche, ich musste aufhören, aber nicht aufgrund von Regenwetter oder Wind. Danach sah es erst aber leider aus – tatsächlich.

Ich hatte mich gerade warmgespielt, als es unerwartet anfing zu nieseln. Das Regenradar schien mir beim Aufbruch zu Hause noch so, als wären alle Schauer des Tages durch. Pustekuchen! So ein Scheiß! „Es gibt keinen Gott – im Gegenteil, alles ist feindlich hier!“, dachte ich verbittert. Nicht aufgeben; da bin ich trotzig ein wenig unter den nächsten Baum hin umgezogen mit meinem Kram und konnte doch gut weitermachen.

Ich stand direkt am Radweg in der Natur.

Das muss man beschreiben: Hinter mir befand sich ein Abzweig, offensichtlich der kurze Hilfsweg zum nächsten Windrad, ein Riesending in nur wenigen zwanzig Metern Entfernung. Es mahlte unermüdlich seine Drehgeräusche in den Nieseltag und mir ins Ohr – egal. Da bin ich gar nicht hin, denn warum so weit hinein ins Land und auf die Felder laufen? So was gilt als privat.

Ich war nun also mit dem Rücken zu diesem Nebenweg platziert, den ich ohnehin gar nicht für benutzbar gehalten habe, weil es mehr nur eine bessere Spur im Gras war. Der Zubringer für etwa einen Monteur, der nötig zum Windrad hin muss, schien es bloß zu sein.

# Ich spiele allein im Niesel

Zurück zur Gegenwart, weil das, so sagt man, Spannung erzeugt: Vor mir quer verläuft eine Wegstrecke mit teilweise Schotter oder auch mal Asphalt. Eine Spur jedenfalls, die Radfahrer nutzen und mal ein Lastwagen der Stadt, das habe ich schon gehabt. Ich blase also lustvoll gegen diesen Weg und sehe die Radler gegebenenfalls kommen. Das macht Begegnungen einfach zuzulassen, ohne deswegen aus dem Takt zu geraten. Die grinsen und sind durch. Seitlich zum Weg, quer in meinem Blickfeld und damit im Hintergrund des Sträßleins ist eine Begrenzung mit viel Gebüsch, ein Zaun mit Gitterpforten, das Gebiet für die Lagerung von Klärschlamm. Hundert Meter dahinter verläuft der Deich zur Bucht, der im Gestrüpp aber hauptsächlich unsichtbar bleibt. Eine beliebte Uferkante, wo oben drauf viel geradelt wird. Bei mir aber kommen wenige vorbei. Heute bei dem Schietwetter bin ich vollkommen allein.

Während ich nun spiele, bemerke ich doch eine Bewegung hinter meinem Rücken vom Windrad her! Da kommt einer! Wie kann das sein? Ich halte inne, drehe mich um: Ganz leise, ganz langsam fährt ein geländegängiges Fahrzeug von dort hinten kommend auf mich zu. Das Auto ist dunkelgrau, beinahe schwarz – ein düsterer Anblick, beinahe schon bedrohlich wirkt das Ding so im Feld, eine riesige Krabbe krabbelt näher, auf mich zu! – und nicht eben harmlos scheinbar.

Es ist ein Pickup mit kurzer Ladefläche.

Die Reifen haben kräftiges Profil und übertreffen die gewöhnlichen Abmessungen der üblichen Kleinwagen. Mit diesem Auto kann man kraftvoll in die Natur rausfahren und jedenfalls ohne steckenzubleiben. Ich schaue den Fahrer wohl neugierig an – ein schon älterer Mann in dunkelgrauen Arbeitsklamotten. Eine abgenutzte Kappe hat er auf dem Kopf, grau wie alles andere an ihm, am Fahrzeug. Wetterfest, grimmig, naturverbunden; ein handfester Kerl ganz bestimmt. Eine robuste Type ist das.

Er schüttelt den Kopf.

Der gibt mir zu verstehen, wie falsch er mich an diesem Platz findet? Das Geländeauto kriecht die letzten Meter näher. Er hält den Wagen lautlos an neben mir. Der Motor geht aus. Wir schauen uns an, mustern uns, unser Gegenüber jeweils, mit wem wir’s zu tun haben? Sein rechtes Seitenfenster ist offen. Ich frage mich, wo der herkommt; denke ich doch, der Weg endet gleich hinter mir beim Windrad?

„Wo kommst du denn her?“

Das frage ich also und ignoriere, dass wir uns nicht kennen, er deutlich älter ist. Der Mann lächelt kaum: „Hier wird nicht trompetet.“

Er setzt nach:

„Brut- und Setzzeit. Das stand auch im Tageblatt.“

Oha! Ein Jagdaufseher, denke ich – und erinnere auch das Reh von vorhin, das nur wenige Meter vor mir im hohen Gras in Richtung Windrad abgehauen war, als ich mein Rad am Abzweig parkte.

„Du meinst das ernst? Ich soll aufhören?“

„Ja, genau.“

Ich lehne mich an seine rechte Autotür, ein wenig hinein ins Fahrzeug, lasse die Trompete in der rechten Hand, den Arm hängen mit ihr und den linken Arm, den lege ich komfortabel in die Mulde des weggedrehten Fensters. Und nun beginnt ein längerer Plausch mit uns beiden, man glaubt es nicht.

„Das Fehmarnsche Tageblatt habe ich heute morgen gelesen, Montags gibt es keine Lübecker“, probiere ich, „da waren aber die Seenotretter vom Wochenende am Hafen drin“, gebe ich mich dummdreist. Ich sei eben Stadtmensch und verstünde die Natur nicht besser, versuche ich, ihn ein wenig auf die Seite zu ziehen und tatsächlich, dieser Ton stimmt den Alten milder.

„Es war letzte Woche drin in der Zeitung. Ich bin gehalten, drauf zu achten, dass Hunde angeleint werden, die Wege nicht verlassen und kein unnötiger Lärm gemacht wird.“

Ich begreife, ihm ist das ernst und verstehe mich schnell aufseiten der Naturfreunde, als Segler einer kleinen Jolle ohne Motor zu Hause auf der Elbe und so gesehen ihm näher, als dem Blöden, unterwegs mit seinem freilaufenden Köter, denjenigen, den er wohl meint? Das könnte der typische Idiot sein, der blindwütig rum rennt im Wald und auf dem Feld. So wird unser Reden bald mildes Austauschen von Lebenswahrheiten. Ich sage:

„Ich soll aufhören, aber du kommst hier mit dem Auto an?“

„Mich kennen sie.“

Er meint die Tiere.

„Da fahren Radfahrer auf dem Weg, wo wir hier stehen, ich bin auch direkt am Fahrweg und nicht dahinten in den Wiesen, wo du hergekommen bist.“

„Die Radler sind schnell durch und auch leise, das ist nicht dasselbe.“

Dann gibt er dem Ganzen allmählich einen freundlichen Tonfall. Wir reden nun entspannt. Ich beschreibe, wie beknackt die Leute heute Morgen gewesen wären auf dem Weg im Stau am Kreisel, auf dem Parkplatz vom Supermarkt beim Einkaufen, nicht links, nicht rechts schaut doch so ein moderner Konsumierer, das Smartphone immer in der Hand. Ich distanziere mich davon und sage, dass ich verstünde, auf die Natur aufpassen zu müssen angesichts der touristischen Trampler, möchte mich unterscheiden von solchen Leuten, und er fängt an, von sich zu erzählen, er habe Behorn geblasen früher, aber die Lippen wollten nicht mehr so, deshalb aufgehört. Er nennt sein Alter, fast biblisch im Vergleich zu meinem.

Wir kommen auf die Politik zu sprechen.

Er wäre Vorkriegsjahrgang, behauptet der Mann, und das scheint mir kaum glaubhaft angesichts seines vitalen Ausdrucks. Wir reden über Nazis in seiner Kindheit und die modernen Idioten, diskutieren, ob Günter nicht besser mit der vorherigen Koalition gefahren wäre, statt nur mit den Grünen allein? Er hat klare Ansichten und spricht diese auch unverblümt aus. Er gefällt mir. Ich gebe meine Haltung zum Besten, wie nötig wir grüne Politik hätten, aber wie dämlich die Ampel sich selbst demolierte mit Habeck und den anderen Lautsprechern. Wir reden über den Dorschfang früher. Ich erzähle, wie wir Kinder mit den Eltern vom Boot aus immer überall geangelt haben und heute die Bestände kaputt seien, und er teilt seine Ansichten zur Weltkriegsmunition in der Ostsee mit mir, beschreibt den verbleibenden Touristenfang mit der „Karoline“ oder dem roten Kutter „Kehrheim“ früher vom Hafen aus in Burgstaaken.

„Da am Hafen könntest du trompeten“, meint der Mann, der wohl ein Jäger ist?

Gesagt hat er es nicht.

„Ich bin ja hier, weil hier die Leute nicht sind. Es gibt schlimmere als mich, was die Natur betrifft“, versuche ich weiter, gut Wetter zu machen im Gespräch. Er erzählt von seiner eigenen Zeit als Bläser mit den anderen, die oft gut geholfen hätten als musikalischer Hintergrund, den so eine Gruppe bildet. Es gäbe ja immer welche, die musikalischer seien und es drauf haben, meint der Mann und erinnert, dass manche einfach ein großes Posaunenmundstück verwendeten, das den Lippen mehr Raum gibt. Ich zeige ihm, den rechten Arm mit dem Horn ein wenig gehoben, dass er die Trompete durch das offene Fenster sehen kann, mein neues 3c, dass ich mir kürzlich kaufte.

„Es ist größer“, sage ich, „das hilft mir wirklich.“

Ich beschreibe, wie das größere Mundstück einem abverlangt, die Lippenmuskulatur effektiv einzusetzen, statt einfach das ganze Instrument fester an den Mund zu drücken, was den Spieler aber insgesamt schnell platt macht – buchstäblich.

„Du hast ja Ventile und kannst alles spielen“, befindet er, als eröffneten meine drei Drücker eine größere Welt auch des Tonumfangs – die ihm immer gefehlt haben beim Halali.

# Nicht aufgeben!

Achtung ein Hinweis:

Ab hier erneut Präteritum.

Das war gestern. Wir redeten lang. Ich mochte den Alten. Wir fanden ein Ende, hatten alle Themen schließlich irgendwann durch, die man vernünftigerweise – an so einem Punkt des Lebens zusammengetroffen – austauscht. Ich bekam eine Merkfibel in die Hand gedrückt, was man mit seinem Hund so darf und was nicht.

„Das kannst du dir heute Abend mal durchlesen.“

Ich habe keinen Hund, dachte ich.

Er fuhr bald langsam ab, der Dunkelgraue, ich packte tatsächlich alles ein und schwang mich wieder auf mein Fahrrad. Das „Gebotene“ war offensichtlich, hier im Wiesengrund nicht weiter zu blasen. (So meine ich’s auch mit dem eingangs hier im Beitrag Geschriebenen, die kleine Welt und die große mit aller Konsequenz unseres sozialen Seins).

Er war schon nicht mehr zu sehen mit seinem grauen, beinahe schwarzen Auto, als ich langsam vor dem Wind in Richtung der Hauptstraße segelte.

Da ging links ein Radweg ab nach Norden.

Ich überlegte, nach einer besseren Stelle Ausschau zu halten, noch ein wenig herumzuradeln auf manchen Wegen in der näheren Gegend. Am Hafen nervt man nur mit seinen musikalischen Übungen, das gab keine wirkliche Alternative. Hier galt es, das Wild nicht zu belämmern, aber es müsste auch Straßen geben mit einer ausreichenden Nische direkt am Verkehr, wo die Fahrzeuge regelmäßig vorbei kämen, wie üblich lärmten? So dachte ich. Da fand ich auch einen Ortsausgang mit der Spur in die alte Straße nach Blieschendorf. Die bis dahin anbefohlenen „Dreißig“ wurden per schräg gestrichenem Schild in Hellgrau erkennbar aufgehoben, und das meinte, eine Landstraße sein zu wollen? Ganz schön mickrig. Aber mehr als ein Grasweg zwischen den Brütern war das ja. Ich fuhr los, wieder in Richtung Westen.

Dann kamen links Bäume und rechts ein Abzweig. Gleich rechts erkannte ich den perfekten Platz am Wegesrand. Eine Teerstraße mit gelegentlichem Autoverkehr sollte genügen, kein zweites Mal angeschissen zu werden für mein vergleichsweise harmloses Musizieren! Der Himmel hatte sich inzwischen vom Niesel befreit. Ein flotter Nordwest blies seine weißen Wolken vor leuchtend blauer Frische dahin!

Ich parkte, baute meinen Krempel wieder auf, spielte unser „H-Jollenlied“, das ich mal komponierte – und war glücklich.

Autos kamen manchmal, bremsten wegen der kleinen Kreuzung gleich da im Süden, und ich schaute in diese Richtung.

Man glaubt es nicht!

Wer kam da von der Küste her auf einer verwachsenen Spur im Gras näher gekrochen?

Der dunkelgraue Pickup.

# Epilog

Gegenwart, unbedingt! Ich setze mein Horn ab, lasse den Alten nahe rankommen. Diesmal ist seine linke Scheibe offen. Wir schauen einander an. Ich sage trocken:

„Das ist eine Straße. Da fahren Autos.“

„Da drüben“, er zeigt in die Fläche hinter mir, „brüten Fasane und – “ er nennt irgendein Getier –, „wenn die kommen, hörst du auf!“

Ich fasse ihn an, an seine Schulter greife ich wirklich, sage:

„Es gibt Schlimmere als mich!“

Da fährt der Mann ab mit seinem Auto, auf der alten Straße nach Blieschendorf fährt er fort, verschwindet nach Westen, und die Sonne scheint, und ich trompete, und keine Tiere erscheinen weit und breit in der Pläne.

Es gibt Schlimmere als mich.

🙂