Das Leben ist schön

Wie wahrscheinlich ist es, zufällig jemandem zu begegnen, den man von früher kennt? Das weiß ich ja nicht, weil die Mathematik mir normalerweise wenig bedeutet. Aber jetzt ist die Sache für mich doch interessant geworden. Hergé, ich erinnere, ein alter Comic beginnt so. Haddock und Tim waren im Kino. Während die beiden wieder in Richtung Straße den Bürgersteig entlangspazieren, resümiert Haddock, der Schluss vom Film wäre unrealistisch gewesen. Der Kapitän meint etwa: „Das wäre doch so, als wenn ich an General Alcazar denken würde, den wir seit Jahren nicht gesehen haben, und schwups kommt der Mann hier um die nächste Häuserecke.“ Tatsächlich passiert auch im Comic-Heft nun genau das – wie im Kinofilm. Der Kapitän rempelt mit einem anderen Passanten vierkant zusammen. „Passen Sie doch auf, Sie fehlgeleitete Mondrakete!“ (oder so ähnlich), flucht der aufgebrachte Seemann. Und dann:

„Caramba!“ – ist es tatsächlich Alcazar.

Wir waren kürzlich in Süddeutschland für ein paar Tage. Am Hauptbahnhof von Stuttgart warteten wir weit draußen auf dem Fernbahnsteig auf unsere Heimreise. „Der Zug käme heute in umgekehrter Wagenreihung herein und zwanzig Minuten später“, hieß es aus dem Lautsprecher. Nachdem wir einige Zeit in grauer Frühjahrskälte herumstanden, begann es zu nieseln und die Bahn korrigierte ihre Durchsage: Die (aus München erwartete) Weiterfahrt nach Hamburg verzögere sich nochmals um zehn Minuten. Wir prüften nun genauer, wo unser Sitzplatz sein könnte mit den Wagen andersherum und entschieden, noch um einiges raus auf den langen Bahnsteig zu gehen. Wo schon zwei oder drei Leute standen, blieben auch wir und warteten erneut. Nach kurzer Zeit kam eine Frau aus dieser Gruppe auf uns zu und sprach mich überraschend an. Das war eine Freundin, die ich aus den Augen verloren hatte seit dreißig Jahren! Sie hätte mich erkannt, meinte Bettina, die Art wie ich mich bewegte, der Klang meiner Stimme: „So wie du sprichst, ich war mir schnell beinahe sicher“, lachte sie. Wir sind zusammen im selben Wagen bis Hamburg gefahren und haben noch lang geredet.

Das möchte ich nur vorangestellt erzählt haben, um meine eigene Normalität herauszukehren. Ich meine, mir passieren zufällige Begegnungen wie jedermann, und ich kann diese einordnen ohne herumzuspinnen. Vor kurzem sprach mich jemand auf dem Flughafen an, hier kämen doch alle Leute raus an genau dieser Stelle, die gerade gelandet wären? Das sähe ich nicht so, erklärte ich dem Mann, es gäbe ein weiteres Terminal dahinten und er solle mal auf den Monitor schauen, welches für seinen Flug in Frage käme. Das würde dort angezeigt, habe ich ihm gesagt. Daraufhin meinte er, ich hätte ihm nett ausgesehen, und darum habe er mich angesprochen. Er ging nun direkt zu einer Frau, die mit mehreren Leuten auf der Wartebank für Abholer in einiger Entfernung saß. Es schien, als fragte er dort ähnliches, und ein wenig später sah ich den Mann im Gespräch mit noch wieder einer anderen Person. Das war kein Agent, der etwas von genau mir gewollt haben könnte: „Das ist einfach nur ein einsamer Mann, der gern redet“, beruhigte ich mich. So habe ich mich verändert in den letzten Jahren, prüfe paranoid beinahe alles.

Das hilft mir, bei Verstand zu bleiben.

Probleme mit einigen Dorfbewohnern hier sind immer wieder mein Thema. Ich wiederhole mich dauernd. (Niemand muss das lesen). Das Motiv ist grundsätzlich identisch, mein Leben eben, und ich variiere nur. Man hat mich und unser Haus ausspioniert, wer auch immer das getan hat. Nicht wenige haben sich daran ergötzt, mir den einen oder anderen Tipp zu geben, sie wüssten Bescheid. Einbildung? Zu präzise waren diese Hinweise dafür, und zu oft kamen Menschen auf die Idee, mir sonst wo zu begegnen als informierte Leute, die scheinbar genau wussten, wo ich gerade herumspazierte. Wie geht so was? Jetzt finde ich einen neuen Ansatz mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung, dafür einen Beleg zu erbringen. Freunden vom Segeln gegenüber habe ich gelegentlich angedeutet, dass ich massiv Rufmord erfahren hätte, bereit gewesen, eigene Fehler einzugestehen, aber machtlos geblieben bin bei dieser diffusen Gemengelage, andere konkret zu beschuldigen.

Lassen wir das also mit dem Beschuldigen.

Was kann die Kunst noch? Wenn schon nicht Leute an den Pranger stellen, können wir möglichst exakt berichten. Die ästhetischen Designreportoires wie unsere kreative Sprache überhaupt, ermöglichen uns, genau zu beschreiben und den Stoff lesenswert aufzubereiten. Es muss kein abendfüllender Film gedreht oder ein meterbreites Ölgemälde angefertigt werden. Einige Skizzen genügen oft schon, die drängenden Gedanken auszubreiten, und ein wenig unterhaltsam dürfte mein Text gern daherkommen. Dafür arbeite ich jedes Wortgebilde präzise aus. Kunst soll genau sein, persönlich, nicht allgemein bleiben oder bloß bekannte Plätze bekleiden. Eine individuelle Sprache zu finden, hilft, das Dasein wirklich zu genießen!

Wir wohnen seit etwa zwanzig Jahren hier. Schon bald begann ich, zu Fuß in das Einkaufszentrum zu laufen. Ich mache das fast täglich und gehe schon mal mehrfach am selben Tag. Dafür nehme ich in der Regel den von unserem Haus aus direkten Weg. Das macht einen Kilometer hin und einen zurück. Es ist nicht verkehrt, ein wenig zu laufen. Ich könnte noch sagen, dass es meinem Feldenkrais die Basis gibt, aber wer würde mir das glauben? Ich nehme mir die Zeit dafür und variiere die Strecke auch mal, gehe hoch zum Bastelladen und über die Allee zurück, verbinde das Ganze mit Besorgungen. „Spaziergänger“, nennen mich einige mit Augenzwinkern, wenn wir uns sehen.

Nach zwanzig Jahren bedeutet (in Person) Gerd (von der roten Partei) die Mitte der Zufälle, jemanden zu treffen.

Man muss vorsichtig mit Klarnamen sein, das habe ich von einer Frau gelernt, deren Nachname tatsächlich Person ist. Der Gerd, so ein dicker Onkel, das kann ich schreiben (?) ist mit dem Fahrrad unterwegs. Man begegnet einander unter Umständen mehrfach in der Woche, auch mal vierzehn Tage nicht, aber dann taucht der alte Sozi irgendwo auf. Es ist definitiv ein Grüßonkel. Alle schnacken mit dem Mann, er muss das Fahrrad schieben und macht uns glücklich durch seine Gegenwart, schenkt uns seine Weisheit gern. Das hilft mir, manches besser zu verstehen. Man kann wohl mit Fug und Recht annehmen, dass unser liebster Dorfpolitiker rumradelt, weil er das eben macht, und bei mir ist es so. Ich laufe definitiv nicht wegen dem durchs Dorf. Wir sind uns in dieser Sache ähnlich. Man trifft einige Leute, grüßt, hält ein Schwätzchen. Nicht mit jedem: Mit anderen pflege ich ihre Nichtbeachtung, gegenseitig übereinstimmend. Das gehört wohl dazu mit den Jahren. Feindseliges: „Guten Tag“ funktioniert auch bei welchen. Kannte ich mal, können mich mal. Dann gibt es nicht wenige hier, die ich überhaupt nicht kenne aber wiederholt wahrnehme als zur Umgebung gehörig.

# Menschen im Bild, das vertraute Dorf

Da habe ich eine junge Frau angesprochen, sie wäre wohl neu eingezogen ums Eck, und ich meinte, das bemerkt zu haben? Das stimmte so ungefähr: „Jeder kennt mich scheinbar“, erklärte sie lachend. Wir sind einige hundert Meter zusammen die Straße entlang gegangen, sie erzählte noch dies und das und ich genauso. Das fand ich ganz nett. Später habe ich bemerkt, wie diese nun nicht mehr vollkommen Unbekannte ihr Auto in Betrieb nahm, abgefahren ist von einem Parkplatz, wo dieses Fahrzeug oft steht. Das war im Winter, jetzt gerade in diesem Frühjahr. Ich sah sie ebenfalls beim Eiskratzen am Wagen. Ich glaube, sie hat mich nicht wiedererkannt. Nun komme ich drauf, über Wahrscheinlichkeiten nachzudenken, gerade ihretwegen. Ich habe keine Ahnung, was sie so macht, obwohl sie von ihrer Arbeit in Hamburg gesprochen hat. Es geht mich ja nichts an. Da fährt sie mit dem Auto hin, und manchmal nimmt sie den Bus offenbar. 

Kürzlich fiel mir auf, dass ich sie lange nicht gesehen habe, mehrere Wochen, aber das Auto gelegentlich nicht am Platz steht oder sich auf einem anderen Stellplatz findet. Das Fahrzeug wird bewegt. Ich müsste, so kommt mir in den Sinn, doch auch mal bemerken, wie sie in den Wagen einsteigt? Oder nicht: Gibt es ein Gesetz, eine zuverlässige Wahrscheinlichkeit einander zu begegnen – da bin ich unversehens auf ein Denkmodell gestoßen bei YouTube. Sich oft zu treffen, ist weniger wahrscheinlich, das habe ich verstanden, nachdem ich ein interessantes Video sah. Ein weiterer Faktor ist aber entscheidend, wenn Ereignisse in Relation gesetzt werden. Es kommt darauf an, ob die Gegebenheiten etwas miteinander zu tun haben oder unabhängige Ereignisse sind.

Das Thema nennt sich „Spielerfehlschluss“. Wir dürfen annehmen, dass nach langer Dürre wieder Regen fallen wird, weil Wetterereignisse bedingt voneinander geschehen, während die Frage, ob die rote oder schwarze Farbe beim Roulette fallen wird, nicht auf dieselbe Weise erklärt werden kann. Das Roulette kennt keine Erinnerung an den vorangegangenen Wurf. Insofern sind alle neuen Ereignisse, ob sie rot oder schwarz ausfallen nach dem Motto: „Neues Spiel, neues Glück!“ als unabhängige Chancen zu werten. Spielerfehlschluss nennt man den Irrtum der Annahme, nachdem oft schwarz gewonnen habe, müsse endlich rot kommen. Das kommt auch, aber wann, nach genau wie vielen Würfen, weiß niemand deswegen zu sagen, weil „oft“ keine zuverlässige Hilfe dabei ist.

Das Gefühl, dass es nach einer Woche Regenwetter Zeit für Besserung würde, weil man sich dran erinnert, wie es sonst war, folgt der Natur, dass Wetter sich mit der Zeit ausgleicht. Vergleichbares empfindet auch der Glücksspieler, weil zunächst die Erfahrung korrekt ist, dass auch hier Abwechslung herrscht. (Ein Roulette, das immer auf eine bestimmten Zahl fällt, müsste technisch untersucht werden). Der Unterschied besteht darin, beim Wetter nicht jeden Tag die gleiche Wahrscheinlichkeit zu haben, ob es regnet oder trocken bleibt, gemessen am Wetter vom Vortag wie das beim Roulette der Fall ist, falls wir täglich probierten, rot oder schwarz vorherzusagen. Das Wetter von heute wird determiniert vom Wetter gestern. Der jeweilige Glückswurf geschieht unabhängig vom vorangegangenen.

Warum heißt das Ganze nun Spielerfehlschluss? Im Video wird von einer geschichtlich belegten Blamage berichtet. Im Sommer 1913 in einem Casino in Monte Carlo wäre es geschehen, heißt es in diesem amüsanten Lehrfilm, dass die Kugel unglaubliche zwanzig Mal auf ein schwarzes Feld gefallen ist. Also versammelten sich immer mehr Spieler rund um den Roulette-Tisch. Sie setzten ihre gesamten Vermögen in der Annahme, nun endlich müsste rot fallen. Aber auch beim nächsten Mal kam schwarz. Die, welche noch gezögert hatten, setzten nun die größten Summen ein, die sie besaßen – und verloren ihr Geld. Die schwarze Serie blieb, die Kugel fiel weiter auf schwarz. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kugel noch ein Mal auf schwarz fallen würde, erschien den Spielern so gering, dass sie nun Unmengen auf rot setzten“, heißt es in dem Video auf YouTube. Erst beim siebenundzwanzigsten Mal fiel die Kugel auf ein rotes Feld. „Doch bis dahin hatten die meisten Spieler ihr Vermögen bereits verspielt“, meint der Sprecher im Lehrfilm. Er erläutert: „Diese Geschichte zeigt, dass viele Menschen bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten fatale Fehler begehen, denn sie glauben, dass es bei extrem unwahrscheinlichen oder seltenen Ereignissen eine Art ausgleichende Kraft zur Normalität geben würde. Beim Roulettespiel dachten sie sich, die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Kugel 21 Mal hintereinander auf schwarz fällt, ist so gering, dass die Kugel in der nächsten Runde auf rot fallen muss. Doch mit diesem einfachen Denkfehler verloren sie all ihr Geld. Tatsächlich ist es deutlich unwahrscheinlicher, dass eine Kugel 21 Mal hintereinander auf schwarz fällt, als dass sie es nur zwei Mal tut.“

# Wahrscheinlich zwei Millionen

Für die Vorhersage von 21 Würfen gäbe es mehr als 2 Millionen Möglichkeiten für den Ausgang des Experiments. Das Ereignis, dass 21 Kugeln auf schwarz liegen, sei also nur eine von zwei Millionen Möglichkeiten, meint der Kommentator in etwa. Die Chance, dass zweimal hintereinander schwarz fällt, liegt bei nur eins zu vier, die, dass es 21 Mal passiert bei eins zu zwei Millionen. Die Annahme, dass nach 21 Malen ein rotes Feld kommen „müsse“, sei völlig irrational, erklärt der Mathematiker im Video. „Die Schwierigkeit komme daher, dass wir versuchen würden, den genauen Verlauf über einundzwanzig Ereignisse vorauszusagen und nicht nur über zwei. Dass es sich hier um einundzwanzig Mal die Farbe schwarz handelte, sei nicht der Grund, denn auch andere Kombinationen der vorangegangenen Würfe wären denkbar“, und diese exakt vorherzusagen hätte dasselbe unglaubliche Risiko. Erst käme dreimal schwarz, dann ein rotes Feld und nun wieder soundsoviele schwarze, bis wir einundzwanzig Fälle vorweg skizziert hätten? Das ist genauso wahrscheinlich anzunehmen wie einundzwanzig Mal ein schwarzes Feld. Man kann sich vorstellen, dass niemand in der Lage wäre, so eine komplette Serie vorherzusagen. Wer möchte jetzt noch behaupten, es gäbe zwanzig Mal schwarz und anschließend rot? Das Roulette hat kein Gedächtnis.

Der Mensch hat ein Gehirn und verwendet dieses falsch.

Nun zurück zu meiner Paranoia. Ich habe bereits erwähnt, dass einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen ist im Dorfe hier. Deswegen diese Einleitung. Die Unbekannte mit ihrem Auto mag für den reinen Zufall das Modell geben. Sie ist eine, die mich nicht interessiert und umgekehrt wird das ähnlich sein. Wir haben keine regelmäßigen Berührungspunkte, denselben Bus zu nehmen oder ähnliche Rhythmen, beim selben Laden einzukaufen. Das Einzige ist mein Blickwinkel zufälligerweise auf einen Parkplatz, den sie nutzt. Da kann es wohl schon mal lange dauern und dann spontan wieder häufiger passieren, sich zu sehen. Die Gründe dafür dürften so unerklärlich sein, wie die Frage, ob rot oder schwarz beim Glücksspiel gewinnt. Der Sozionkel ähnlich, er ist ein Abbild der gewöhnlichen Vorkommnisse, und jetzt möchte ich beschreiben, was mich wütend macht.

# Ich habe mich verändert

Kann es sein, sich andauernd auf der selben Wegstrecke zu begegnen, wirklich ständig, also schon gehäuft in vierzehn Tagen dreimal, und das über zwei Jahre? Die Antwort ist ja, wenn man der Geschichte vom Video Glauben schenkt. Demnach kann mir jemand ins Auto fahren und nichts auf der Welt verbietet dem Zufall, das am nächsten Tag wieder geschehen zu lassen. Womöglich habe ich die Woche drauf noch ein solches Malheur? Zu lernen ist hierbei, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen und anzunehmen, vor Katastrophen irgendwie geschützt zu sein, weil bereits genug davon zusammengekommen wären. Der andere Pol der oben illustrierten Erfahrung lehrt jedoch, dass unsere Begegnungen mit anderen Menschen nicht immer mit den Wahrscheinlichkeiten des Roulette übereinstimmen, und zwar dann, wenn sich Lebenswege notgedrungen überschneiden. Man dürfte sich häufiger sehen. Die dritte Variante ist Stalking oder das verdeckte Herbeiführen scheinbar zufälliger Begegnungen, indem eine Person die andere präzise überwacht und den Moment des Zusammentreffens geplant herbeiführen kann. Wer nur annimmt ausspioniert zu werden, ist paranoid krank. Und genau hier beißt sich die Gesellschaft in den eigenen Hintern mit ihrer modernen Polizei. Nicht nur, dass einfach zu besorgende Minikameras und diverse Abhörmöglichkeiten für jedermann Bedingungen schaffen, die dem darin Geübten, sich beobachtet zu fühlen, latent Unwohlsein bereiten können, auch der Staat beansprucht für sich, den großen Lauschangriff führen zu dürfen. Wenn nun die Gefahr, die von mutmaßlich psychisch Kranken ausgehen könnte, dadurch minimiert werden soll, diese zu überwachen, übersieht der gewöhnliche Kripomann womöglich, ein Feuer anzuheizen, welches er doch eindämmen soll? Da mag ich mit meinen Betrachtungen weit über das eigene Erleben hinaus übertreiben und einiges dahinfantasieren.

Das ist meine Motivation, die Fantasie.

Ich gehe irgendwann am Tag diesen Weg, nicht immer zur gleichen Zeit wohlgemerkt. Manchmal gehe ich früh, dann später, und dann immer wieder war da dieser penetrante Typ! Schwierig dem zu entgehen, mir ist nicht recht was eingefallen, außer sein albernes Spiel mitzutun. Es scheint, als wäre das vorbei, immerhin. Ich probiere hier eine Beschreibung vom Ganzen. Zunächst noch ein paar Überlegungen vorweg. Mir liegt was dran, glaubwürdig darzustellen, wie sehr mich diese Zeit prägte und zum staatsverdrossenen Menschen gemacht hat: Mein spezieller Bekannter arbeitet für die Stadt Schönefeld* (aus Gründen des Personenschutzes wurde diese Bezeichnung geändert. Man denke sich aber ein kleines Kaff in Schleswig-Holstein, wie es nahe Pinneberg eines geben könnte am Rand irgendeiner Großstadt, ganz ähnlich wäre da Hamburg zu nennen). Insofern gereicht mir sein Arbeitsfeld zur Vermutung und sein Verhalten, dass hier eine Art Betreuung wie Prüfung meines jeweils aktuellen Gesundheitszustandes, ganz nebenbei rapportiert an sich zuständig fühlende Stellen, die Motivation gewesen ist, mir ungefragt Ratschläge zu geben. Alles Quatsch, wieso sollte der Staat mich überwachen?

Davon mal abgesehen, dass kriminelle Machenschaften, privat motivierte Intervention denkbar wäre, mich zu verarschen und natürlich ich selbst falsch liegen könnte, meine Einbildung das beschriebene Schattenboxen kreierte, glaube ich an das Böse im Nächsten. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unsere Verwaltungsorgane verlogen handeln würden wie die eines jeden anderen, nur denkbaren Landes auch, wenn es ihnen möglich wäre, auf diese Weise an Informationen zu gelangen, die von Nutzen sein könnten. Wer noch glaubt, die Russen oder Chinesen hätten (wie ein bei uns undenkbares Privileg ihrer Behörden) die staatliche Bösartigkeit gepachtet, weil sie eben Unrechtsstaaten seien und wir gute Menschen, mag daran festhalten. Ich gehe vom Schlimmsten aus; man macht, was geht. Von dem Moment an, wo ein Mensch den Platz im System erstmal innehat, wird er Ausschau halten nach speziellen Möglichkeiten seiner Position oder von Kollegen darauf hingewiesen, wie effektiv Regeln umgangen werden können und die Leistung gesteigert. Das machen Firmen wie Behörden. Der Staatsapparat ist nicht weniger anfällig, seine Bürger im Land zu hintergehen wie jeder Konzern, wo es auf Gewinnmaximierung ankommt. Mit Abschaltvorrichtungen der Abgasreinigung in den Autos beispielsweise sollten die Fahrzeuge effektiver fahren, aber besser abschneiden bei Kontrollen. Hier wurden Käufer und letztlich die Menschen betrogen, die für eine bessere Umwelt investiert haben. Genauso in jeder politischen Struktur entlarvt man Menschen, die auf irgendeine Weise korrupt den Wähler betrügen. Immer wieder gibt es auch Polizeiskandale. Das Fatale beim Versagen der Ordnungskräfte ist ein immenser Vertrauensverlust der Bevölkerung. Je leistungsfähiger unsere Polizei arbeitet, desto besser wäre es für alle. Nur, was heißt Leistung in der Frage, effektiv über Gut und Böse zu richten? Bei dieser schwierigsten Einschätzung überhaupt, können wir dumme Polizisten nicht gebrauchen.

Ich fiel auf. Meine ungewöhnlichen Bilder, meine spontanen Meinungsäußerungen zu heiklen Themen wie etwa Kinderpornografie, nachweislich durchlebte Krankheitsschübe, Aufenthalte in der Psychiatrie, gereichten einigen zum Einhaken ihrer Kuhfüße, meine Existenz nachhaltig aus den Angeln zu hebeln, mich gezielt aus den Pantoffeln zu kippen, um schließlich sagen zu können: „Schaut mal, wie verrückt der ist!“ Das möchten hochaktive Gutmenschen immer wieder beweisen, dass sie selbst nötig wären, aufzupassen. Die sind vergleichbar mit Geltungssüchtigen, welche eine Krise herbeiführen, um als Erste am Brand den Retter spielen zu können. Man kennt Krankenpfleger, die Gift spritzen und anschließend als bessere Ärzte glänzen, die noch in letzter Sekunde das Herz vom Patienten wieder schlagen lassen. So wären wohl auch Polizisten vorstellbar, die einen labilen Migranten zunächst aktiv, aber verdeckt, kirre machen, um ihn schließlich final und tödlich wegzuballern. Sie möchten auf der Titelseite von Bild erscheinen, heroisch den Amokläufer stoppen und ein Held bei Telegram sein. Diese Fantasie steht mir möglicherweise nicht zu, und ich bin ja nicht aus Afrika geflüchtet, habe selbst Familie, Freunde, Haus und Boot, bin definitiv nicht allein unterwegs. Ich lebe intelligent, mit Abitur versehen wie kreativ studiert, bin tatsächlich als maritimer Grafiker zuverlässig etabliert. Das könnten einige übersehen haben? Trotzdem, meiner Auffassung nach, bin ganz genau ich, der Künstler aus diesem Kuhdorf bei Pinneberg, das Opfer verschiedener Interessengruppen, die sich zu Nutze machten, mehr zu wissen (als gut ist) und diese Kenntnisse hochgerechnet haben und für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ich behaupte das und richte mich entsprechend aus. Es hat mich verändert. Das Ergebnis dieser dilettantischen Spionage dürfte intelligente Menschen nicht überraschen: Ich finde den deutschen Staat und seine Ordnungskräfte zum Kotzen. Ich rechne, was ich erlebte, nun auch hoch. Mein Misstrauen ist omnipräsent.

Ich schreibe in der Erwartung beim Gegenüber – in diesem Fall bei der breiten, mutmaßlich einfältigen Masse – anzukommen und meinen Beitrag zu leisten, diese klüger zu machen. Ich probiere, Menschen vom Sockel ihrer Einbildung zu stoßen, ihnen stünde zu, andere wie welche zu behandeln, die ohnehin doof bleiben müssten. Überwachte mögen dumme, und man schreibt ihnen zu, gefährliche Menschen sein, als Begründung ihrer Beobachtung. Das Ergebnis der Einmischung in die Unversehrtheit ihrer freien Lebensgestaltung dürfte aber kaum dem Gewünschten entsprechen. So wie eine gute Erziehung von Kindern nicht durch Manipulation erreicht wird, entwickelt sich die freie Gesellschaft nur im gegenseitigen Respekt füreinander. Niemand hält auch einen Hund korrekt, ohne diesen als Lebewesen insgesamt zu begreifen und wird umgekehrt aus dem Tier eine psychopathische Bestie formen bei entsprechender Abhängigkeit, die ein Halter ausnutzt, der sein Haustier täglich verarscht. Abhängigkeiten auszunutzen wird Gewalt provozieren. Diese Aggression kann unvorhersehbar entweder den Manipulierten selbst anfressen wie kränken, möglicherweise zerstören oder sich nach außen entladen als pauschale Attacke. Das gerade möchten Helfer verhindern. Der Staat, die Ordnungskräfte allgemein und ihre beratenden psychiatrischen Gutachter, Menschen, die Migration aktiv gestalten, Politiker, Verfassungsschutz und die Kripoleute müssten klüger sein, als wir das oft erleben. Sie dürften keinesfalls Unfehlbarkeit von sich annehmen, als reife Erwachsene oberhalb gewisser Gruppen nach Belieben schalten und walten zu können, weil solche Gefährder es verdienten, an der Leine geführt zu werden. Mir tut weh, so viele Menschen persönlich zu kennen, denen irgendwann keinerlei Chance mehr bleibt. Sie werden systematisch fertig gemacht – vom System. Ich habe Stigmatisierung erlebt. Meine Erfahrung ist glücklicherweise jeden Tag dazuzulernen und mein Leben als eine Treppe aufwärts zu begreifen. Die Stufen unter meinen Füßen sind heute die Menschen, die sich mal für klug gehalten haben, mich als doof abzutun.

# Nur einer fliegt über das Kuckucksnest 

Meine Entwicklung ist die Ausnahme nach diesem Start und mit einer Diagnose, die andere für immer zum Abstellgleis, einem Dasein neben den anderen zwingt. Mein Glück ist, einen Kampf angenommen zu haben, den ich als aufgezwungen empfinde. Ich erkenne mich im Krieg, wo meine Überzeugung gegen die der Gegenseite eine Basis für nicht enden wollende Scharmützel ist. Die aus dem Rathaus und anhängende Freunde im Ehrenamt, im Käseblatt dekorierte Dorfpfosten plus verrentete Kripoopas, verstärkt durch private Unterstützer sind meine feindseligen Nachbarn hier im Ort. Eltern möglicherweise, welche die Mädels an der Schule vor mir warnen, verfolgen, so scheint es mir, ihre finstere Logik, ich wäre so einer, und das hieße das und das. Umgekehrt vermute ich, da wären solche und dächten so was. Eine imaginäre Welt ist entstanden. Mir liegt daran, diese als mögliche Widersacher erkannten Leute zu blenden und ins Nichts rennen zu lassen. Ich möchte, dass die sich selbst überholen, in den eigenen Schwanz beißen. Mir gefällt, übereifrige Weltretter mit meiner gemalten Fassade vom Geisteskranken wie der Boulevard sich einen denkt, dazu zu verleiten, über ein wohlmeinendes Ziel hinauszuschießen, weil ich glaube, dass ein Bild, das sie von sich selbst gern sehen würden, meiner Raffinesse nicht standhält. Leider funktioniert die Sache nicht. Ich gehe allmählich kaputt, drehe mich im Kreis und habe meine eigentliche Motivation, die vielfältige Kunst, so wie sie sein könnte, aus den Augen verloren. Ich mochte das „Russenkind“ Alexandra, ja – und musste realisieren, wie meine Freundin, zunehmend instrumentalisiert von den sogenannten Erwachsenen, glänzen konnte in einer Doppelrolle. Bis zum bitteren Ende, und dann fiel mir ein, einen Hexenkessel anzuheizen: „Jetzt habt ihr euer fixes Bild vom kranken Künstler und sollt ein jedes Mal neu erleben, dass es nur eine Leinwand in euren Köpfen ist“, so ging ich dran. Wir alle bezahlen dafür jeden Tag.

Das hat Folgen. Mein Sozialverhalten ist heute grundsätzlich ein anderes. Natürlich scherze ich mit Menschen, gebe mich freundlich und bin schon mal hilfsbereit. Da steht aber im Sinne des Wortes keine wirkliche Empathie dahinter. Mir ist ziemlich wurscht, wie es anderen geht. Ich bin zwar unglücklich und fühle mich scheiß’ einsam, habe aber lernen müssen, mich auf mein eigenes Können zu beschränken. Ich erkenne es als sinnlos an, die Welt so haben zu wollen, wie ich mal glaubte, dass sie so wäre oder sein müsste. Das ist hier ein verlogenes Dasein, behaupte ich, und wird es bleiben. Es fühlt sich allemal besser an, wenn etwas, das zu kontrollieren ist, wie ein selbst gemachtes Bild oder ein Text, den man sich ausgedacht hat und vielfach korrigierte, bis das Ganze flüssig zu lesen ist, fertig wird – als darauf zu warten, andere wären freundlich und würden einen mögen. Niemand mag andere Leute, ohne selbst etwas dafür haben zu wollen, Zuneigung, Geld. Die heute vielbesungene Win-Win-Situation gelingt in den seltensten Fällen. Insofern beschränke ich meine Beziehungen auf die nützlichen. Wirklichen Spaß mit anderen kann man nur haben, wenn man sich auch als miteinander verbunden bei einer gemeinsamen Beschäftigung fühlt. Gefühle sind nicht durch den Wunsch „es würde schon, wenn man wolle“ hinzubekommen. Ich fühle nichts dergleichen mehr.

# Ich habe aufgegeben

Die aus dem Pinneberger Umland konnten mich erledigen als Künstler. Ich habe quasi schon lange aufgegeben. Ich male zwar noch und füttere die Website, aber draußen mir meinen kreativen Platz erkämpfen (auf den ich gehöre), mache ich längst nicht mehr. Bei mir beginnt Cancel Culture im Kopf und zwar, wenn ich mir vorstelle, mit meinen Bildern in die Öffentlichkeit zu gehen, stelle ich mir Ablehnung vor, prophezeie mir eine bald darauf erfolgende Zensur vom Œuvre. „Dieses Bild lassen Sie bitte weg“, hieße es wohl oft. Ich kenne Leute bereits, die so tun, als ob sie wüssten, dergleichen bestimmen zu müssen. Sie konnten mich erfolgreich fertig machen. Ich kann auch die digitalen Plattformen nicht nutzen. Die Richtlinien der Community halte ich weder in meinen Texten noch mit meiner Malerei ein. Jedenfalls biete ich genügend Angriffsflächen für diejenigen, deren Kunst das Denunzieren ist. Ich habe begriffen, wie hart man für einen strahlenden Platz oben im Rampenlicht kämpfen muss. Das heißt für mich konsequent sein. Entweder müsste ich umsatteln auf an unsere Zeit angepasste Darstellung oder weiterwurschteln. Das Zeug zum Kämpfer habe ich nicht.

Ich kann das Soziale nicht, um im Leben eine individuelle Existenz zu erreichen. Vielleicht sollte ich schreiben, dass ich es nicht konnte und dazulernte? Die Zeit zurückdrehen geht deswegen nicht. Mein Alter ist ein gegebenes Manko beim Versuch, noch ein neues Leben zu beginnen. Man hat nur das eine. Die meisten machen sich in dieser Hinsicht was vor, und immerhin das konnte ich begreifen. Die anderen um mich herum sind mehrheitlich nicht frei, sondern passen sich dem Zeitgeist an. Es kommt ihnen nur so vor, als hätten sie ihre Meinung. In Wirklichkeit plappern die Menschen vorgekaute Phrasen nach, welche sie aufschnappten. Die Leute wissen nicht, was sie fühlen, und ich weiß das, weil ich es bitter lernen musste, überhaupt etwas zu merken. Mir hat man das Prädikat der Überempfindlichkeit aufdrücken wollen. Ich sei sensibler, wurde behauptet, und das ist vollkommener Quatsch gewesen. Ich spürte gar nichts im Vergleich zum Gegenwärtigen.

Das Vulnerabilitätskonzept ist ein Erklärungsprinzip und nicht mehr. Damit zu arbeiten, verlangt einen Menschen mit seiner Seele oder dem Geist, wie immer man es nennt, anzunehmen und Körper, wie wir das ja auch getrennt hinzuschreiben genötigt sind. In der Realität kommen diese Worte, die man nur aufeinander folgend notieren kann, aber gleichzeitig als betroffener Mensch zusammen. Wer denkt, wie man das schreibt, erst kommt eins, dann folgt das andere, bleibt in der Theorie gefangen. Solcher Wortsalat verfehlt die Realität komplett. Meine Erfahrung ist ganz persönlich. Deswegen schreibe ich von mir und nicht als Psychologe oder Psychiater, der viele Menschen und ihre ganz unterschiedlichen Schicksale kennenlernte. Mir sind meine diesbezüglichen Defizite und mein enger Blickwinkel wohl bekannt. Ich glaube aber, dass viele Ärzte nicht weniger kanalisiert betrachten, mit Scheuklappen rennende Gäule sind, die so von der Pharmaindustrie getriebene und deswegen willfährige Helfer einer menschenverachtenden Maschinerie bedeuten. Zum Nachteil aller zementieren sie die vermeintliche Moderne.

Im Widerspruch zur Therapie, die ich aufgezwungen machen musste, weil ich ja unbestritten Hilfe benötigte, war es unumgänglich, gegen die Gesellschaft insgesamt zu kämpfen. So etwas kostet Jahre. Unwiederbringliche Lebenszeit ging mir verloren. Man wird in eine Sackgasse gezwungen zu gehen. Am Ende gibt die Mehrheit der psychisch Kranken auf. Die Zeit, die es kostet, den Fehler einzusehen plus die Jahre, welche nötig sind zurückzugehen, erlangt niemand zurück. Wer darauf kommt, dass er ein Mensch wie die anderen ist und genauso einer wird in ihren Augen, wenn er sich wie diese – die normale Masse – verhält, kann wohl damit aufhören, sich noch als vulnerabel anzunehmen, einer vergleichsweise schwächeren Sorte anzugehören. Das wird aber kaum gelehrt, denn es wird ja therapiert, um zu heilen. Das ist Unsinn. Niemand ist kaputt wie ein gebrochener Knochen oder infiziert mit einem Virus, das es zu besiegen gelte. Hier müsste ein falsch Unterwiesener gelehrt bekommen, also effektiv trainiert werden, sich selbst wertzuschätzen. Das klappt nicht deswegen, weil etwa verbalisiert dazu geraten würde, es endlich zu tun. Liebe dich selbst zu sagen, reicht nicht. Da müsste mehr passieren. Wer selbst weiß, wie selbstbewusst zu leben geht, hat deswegen noch nicht unbedingt die Gabe, das anderen beizubringen.

Gesundung in dem Sinne, wie ich sie schließlich doch erlernte, läuft nach dem Prinzip, dass es für Verbesserungen keine Grenze gibt. Die Heilung, so wie der Psychiater sie sich denkt, schließt dieser selbst von vornherein aus mit seiner Theorie der Vulnerabilität. Das angewendete Modell geht von sensibleren Menschen aus und stärkeren, die emotional mehr Belastung vertragen. Das wären etwa Schiffe mit einem tiefen Kiel und wenig Laderaum einerseits und dicke Pötte mit flachem Boden dem gegenüber. Die Untiefen, Riffe wie Sandbänke, die es im Strom des Lebens zu überfahren gilt, sind in dieser Denkweise Stressfaktoren, über die solche Lastkähne hinweg schipperten, jeweils noch befrachtet mit ihrem seelischen Gepäck, Traumata, was weiß ich? Eine verfehlte Logik, die scheinbar überzeugt, weil es ja auch in der Schule und bei überhaupt jedem Test gute, mittlere und schlechte Resultate gibt, die gern auf die Absolventen als ihr zukünftiges Attribut und damit bindend festgelegt werden.

Hört man hingegen auf, eine Körperlichkeit einerseits mit eingebauter Schwachstelle anzunehmen wie auf der anderen Seite Lasten zu kreieren, die nur gedacht existieren, aber in Gewichten gemessen, dinglich erscheinen und somit einen fatalen Umrechnungsfehler bedeuten, ist der Betrachter der Realität näher. Wer beginnt, den Menschen ganzheitlich zu sehen, kommt nicht umhin, die Gefühle als Teil des Verhaltens dort anzutreffen, wo Muskeln dieses Handeln umsetzen. Beginnen wir den Versuch, das Gehirn zu ändern an seinem Wirkungsort, dem Muskel, werden wir erfolgreich sein. Diese Methode heilt in dem Sinne, dass normales Verhalten auch noch übertroffen werden kann und führt die Idee vom heil sein ad absurdum. Was normal ist, weiß genau genommen niemand. Ist normal, wer nicht stört? Das scheint eine Definition dafür zu sein. Man spricht von Gestörten, wenn Verrückte oder Geisteskranke gemeint sind. Stören diese Leute uns oder wir sie, bis solche verrückt werden, rausgerückt aus der Masse? Das wäre böses Denken, das Wegtreten und Abstreifen von Schwächeren für immer, wenn Menschen – wieder integriert – beweisen könnten, dass derartige Grenzen flexibel sind. Gingen wir nicht von Vulnerablen aus, sondern von Menschen, weniger vom Patienten, mehr vom Fußballer der zweiten Liga, der, richtig trainiert (mit seinem Verein), auch aufsteigen kann, lösten wir das Denken von seiner fiktiven Obergrenze des richtigen Verhaltens und könnten die Marke noch überspringen. Normal ist kein Maß.

Vulnerabilität ist als Festlegung ein Attribut für immer. Vom Arzt damit belegt, nimmt es dem Patienten den Wind aus den Segeln. Es verleitet den Armen zu denken, für immer hinterher fahren zu müssen in einer Regatta des Lebens. Das Leben ist aber nur für diejenigen eine, die es so betrachten. Manche segeln für sich dahin. Andere leben einfach bloß: „Seht die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht, ernten nicht, sammeln nicht in die Scheunen, und der himmlische Vater nährt sie doch“, sagte einer, dessen Wort als weise noch immer gesprochen wird.

Eine Schwäche bestimmter Personen als gegeben und damit vom Arzt als definierte Voraussetzung anzunehmen wie im Modell mit den Booten, ist in Wahrheit eine nicht belastbare Theorie. Sie geht davon aus, dass der Kapitän in eine Notlage gerät, weil sein Kiel zu tief ist, das Schiff übermäßig Ladung an Bord hat, um im Vergleich mit anderen sicher über ein Flach zu segeln. Da gäbe es wohl Boote, die dafür besser konstruiert sind, sei es, weil sie bei gleicher Ladung weniger tief eintauchen oder klüger wären, weniger an Bord zu nehmen? Das könnte man auch wetterbezogen formulieren, welche sollten besser im Hafen bleiben bei Sturm, andere könnten fahren. Beide Aussagen meinen dasselbe, aber sie funktionieren nur, wenn jeder Mensch diesen Vergleich sucht, denselben Kurs zur selben Zeit, im Tempo wie die anderen zu bewältigen. Das Modell bietet als schmackhafte Lösung die pharmazeutische Keule: Mit dem Arzt als Schlepperboot könne auch ein Gehandicapter klarkommen. Es liegt wohl auf der Hand, dass hier eine Konkurrenzfähigkeit bloß simuliert wird. Zum einen nimmt man die Konkurrenzsituation als solche an, weil ja von Regattabedingungen ausgegangen wird, dasselbe Wetter, derselbe Starttermin, dieselbe Bahn müssten bewältigt werden, und am Ende gäbe es einen Sieger. Das ist falsch. Man kann an einem Wettkampf teilnehmen oder es lassen. Und das Spiel unter der Betäubung von Medikamenten, vertäut am motorisierten Helfer zu bestreiten, gibt einzig diesem Gespann die Einbildung, da was zu gewinnen, etwas, das sonst niemand ernst nimmt. Das Hilfsangebot ist keine Leistungssteigerung, die geheime Vorteile verschafft. Man lässt diejenigen, die daran glauben, in einem eigenen Parcours rennen und stülpt dem Reiter und seinem Pferd eine Tüte auf den Kopf. Anschließend lobt man die Sache als gelungen. Das ist Verarsche. Man erklärt den Patienten für behindert mit Ansage. Ein Patient ist in diesem Sinne kein Mensch, höchstens ein zweitklassiger jedenfalls. Mittels Medikament möge es ihm vorkommen, dabei zu sein wie die anderen. Manipulation und Lüge, so wird uns die Möglichkeit individueller Qualität ausgeredet.

Ein tiefgehendes, schmales Boot mag weniger Fracht transportieren können, ist womöglich in einem anderen Gebiet aber schneller und überlegen. Würde der Arzt für sich verbuchen, durch seine Therapie den Patienten dahin begleitet zu haben, dass dieser genau das begreift, konterkariert er damit seine eigene Theorie vom baulich nicht konkurrenzfähigen, weil sensibleren Menschen. Niemand zwingt uns, über eine Untiefe zu fahren, außer eine fixe Idee, genau diesen Weg gerade heute absegeln zu müssen. Wenn wir die Theorie vom vulnerablen Menschen beiseite lassen, könnten wir stattdessen vom klügeren reden, der zur günstigen Zeit das Richtige tut. Tatsächlich spricht das Vulnerabilitätskonzept also dem so klassifizierten Menschen die Intelligenz ab und macht diesen, wenn der es glaubt, zum Patienten für immer. Ich jedenfalls bin der festen Überzeugung, dass Empfindsamkeit ein Vorteil ist und nicht etwa eine Schwäche. Bewusstheit ist ein Muss für ein erfülltes Leben und Pharmazie betäubt, macht dumpf, fett, blöd. Das ist nur in der Notlage sinnvoll: Man sediert für eine Operation. Ärzte nutzen die Möglichkeit der Krücke in der Rehabilitation. Das ist klug. Nur der Psychiater möchte dergleichen lebenslang verschreiben oder die Notlage sinnbildlich verlängern, um nicht einzusehen, dass seine Hilfe eigentlich wenig effektiv ist.

Des Weiteren glaube ich, dass alle sensibel sind und manche sich selbst nur unklug bezüglich dessen verhalten, weil sie das so gelehrt bekamen. Intelligenz betrachte ich nicht als am Menschen zugehörige, feste Größe, und mit diesem Denken konnte ich viel mehr erreichen für mich, ausgehend von einem deutlich schlechteren Startplatz, verglichen mit meinem Jahrgang. Ich finde keinen Makel an mir, aber andere möchten mich treten wie einen schmutzigen Hund, gern an die Leine nehmen? So kommt mir das vor. Sie beleben die bösartigste Rassenideologie. Dabei sind diese sich zum Polizisten erhebenden Gutmenschen selbst die dümmsten Köter des Planeten.

Die Gesellschaft folgt tradierten Überzeugungen. Sie hilft sich im Ganzen. Menschen bauen Gefängnisse, weisen Einzelnen Schuld zu, sperren Verrückte ein und behaupten, das geschehe zu unser aller Schutz, letztlich wäre damit den Kranken ja ebenfalls geholfen. Das stimmt nur zum Teil. Das habe ich gelernt, bekam hin, zu merken, was gerade mich angeht, wo mir die Umgebung Bauchschmerzen bereitet, den Verstand gefährdet, durch ihre fortwährenden Kränkungen meiner individuellen Persönlichkeit. Ich möchte keine aus dem vorgefertigten Baukasten. Die Konsequenz, ich fühle mich tatsächlich nur frei, wenn ich meine Freiheit nicht mit anderen teile und meine Gedanken für mich behalte. Diese Website ist tot. Hier liest es niemand. Es ist eine verklemmte Schublade im Schrank, und der steht in der Provinz auf dem Hof und hinter einer Küche. Meine Kunst bekomme ich aus Essensresten genährt, wenn die Dorfpolitik angegnabbelte Brötchen wegwirft. Das muss genügen.

Ich habe mich aus jedweder kreativen Künstlergruppe zurückgezogen. Ich stelle nie aus. Ich gehe nie in Ausstellungen anderer. Wenn mir etwa im Fernsehen ein Kunstbeitrag ins Auge springen möchte, wähle ich sofort einen anderen Sender. Musik mache ich nur allein, lerne neue Stücke, um Rhythmen nach den Noten zu begreifen und probiere, besser zu zählen lediglich im Selbstzweck, morgen etwas zu können, das heute noch nicht gelingt. Ich habe mir ein gutes Stimmgerät gekauft, da mir aufgefallen war, wie daneben ich bei manchen Stücken die Tonart verfehle, wenn ich singe oder pfeife. Es liegt gar nicht am Gehör, sondern ist nur eine Angewohnheit, die ich mir abtrainiere mit der Kontrolle. Das mache ich, weil ich das lernen möchte nur für mich. Ich singe nicht im Chor, mache keine Musik mit anderen, ich gab mein Ehrenamt bei der Stephansgemeinde ab. Ich mache nichts mehr mit anderen Menschen zusammen, isoliere mich total und absichtlich. Wenn wir am Wochenende segeln, bleibt das Zusammensein mit alten Bekannten der allerletzte Rest normaler Sozialität, aber nur, weil das so vertraut und seit meiner Kindheit die Heimat ist, die ich nicht anders kenne. Kommt es zum gemeinsamen Grillen im Hafen, beschäftigt mich das Zubereiten der Speisen. Ich täusche mein Dabeisein an den Geselligkeiten der anderen vor.

Ich schaue mir die neuen Frauen meiner langjährigen Freunde an, die heute geschieden sind und Patchwork machen. Ihre jetzigen Partnerinnen sind um einige Jahre jünger. Sie hatten bislang noch keine eigene Familie gründen können und freuen sich, die zweite Mutter beinahe erwachsener Kinder zu sein. Sie wollen gemocht werden, kritisieren die vorherige Frau ihres Ergatterten und vermitteln auch, gehen auf in ihrer neuen Rolle, sind gesellig, lernen segeln. Meine Haltung dazu ist insgesamt Frust. Ich möchte nie wieder eine neue Frau. Meine Zufriedenheit ist das Gewohnte. Romantische Gefühle wären bei mir, entsprechend der Situation auf dem Planeten, als eine ausgestorbene Gattung anzusehen. Die gegenseitige Verantwortlichkeit steht klar im Vordergrund. Ich bin lange verheiratet und bemerke, wie schwierig es werden könnte, unseren Sohn auf seinem Lebensweg zu unterstützen. Die Gesundheit, Haus, Geld und unsere Versorgung im Alter müssen gegen Habeck und Spinner verteidigt werden! Natürlich möchte ich nicht allein leben, aber eine Art von Rüstung um meinen emotionalen Kern ist für mich scheinbar hermetisch, und ich hoffe nur, dass man es nicht so bemerkt.

# Hornblower, der auf sich gestellte Mann!

Ich muss an Forester denken. Der Schriftsteller hatte sich angewöhnt, beim Dinner in Gesellschaft Konversation zur Sitznachbarin und seinem Gegenüber rundherum am Tisch zu pflegen, während er dabei zählte, wie viele Löffel Suppe er benötigen müsste, um den Teller zu leeren. Seine Romane entwickelte der Schriftkünstler während anderer Unternehmungen und nicht etwa allein im Studierzimmer. Dort schrieb er das Erdachte bloß auf. Ich verhalte mich heute ähnlich, bin geistig fortwährend beschäftigt, während die anderen von der Arbeit am Wochenende entspannen und einfach nur segeln und mehr Alkohol trinken. Der Schwerpunkt dieses Vergnügens kreist für mich ohnehin darum, das eigene Boot zu steuern, in der Natur frei und ohne Motor die vertrauten Häfen zu anzulaufen. Das verstockte Begreifen meiner Wohnumgebung hingegen und meine bösartige – erst mit der Zeit erlangte – Sicht auf Deutschland, ist das Ergebnis der berechtigten Annahme, gegängelt von Bessermenschen zu leben.

Zwei Freundinnen glaubte ich zu haben, und das war naiv. Die eine jung und lebenslustig, intelligent wie kreativ, die andere bloß eifersüchtig? In gehobener Position und demzufolge erfahren, unsere Welt zu gestalten, das Geschehen im Land zu interpretieren, ist unser vielfältiger Gedankenaustausch eine gute Reflexion gewesen, fand ich, und wir haben gemeinsam davon profitiert. Ich erinnere mich, als der Täter eines grausamen Verbrechens inhaftiert wurde, der die Leiche einfach im Fluss entsorgt hatte, war Christiane entsetzt: „Was wollt ihr denn, das war doch nur eine Frau“, habe der Mann sich gerechtfertigt. Betroffen von dieser Rohheit konnte auch ich seinerzeit nur beipflichten und begriff ansatzweise unsere Probleme mit der Integration. Deutsche Politik versteht es, Anteilnahme vorzuschützen und Betroffenheit zu bekunden, wenn wieder einmal ein sogenannter abgelehnter Asylbewerber eine grausame Tat begangen hat. Konkrete Maßnahmen, Migration zu regeln und unser Land besser zu machen darin, wie Ausländer bei uns ihre Heimat finden könnten und auf der anderen Seite deutlich zu machen, wer wieder gehen muss, vermisst man, oder sie erscheinen in endlosen Debatten als bloße Absichtserklärungen.

Gestern wurde das Urteil im Fall Illerkirchberg gesprochen. Der mutmaßliche Täter muss lebenslang in das Gefängnis. Die Tat war vor einer Flüchtlingsunterkunft geschehen, zwei Mädchen wurden unversehens attackiert, eine starb. Nach den Vernehmungen durch die Polizei direkt nach der Tat hatte ein zunächst verdächtigter Mitbewohner des nun Verurteilten Suizid begangen. Die Kripo konzentrierte ihre Arbeit auf den Beschuldigten aus Eritrea. Die Menschen im Dorf ließen das Wohnheim abreißen, und nun müsse Gras über die schreckliche Vergangenheit wachsen, sagen Anwohner. Der anschließend der Befragung durch sich selbst Getötete wurde seit seiner ersten Erwähnung vor einem halben Jahr, als die Tat gerade für Entsetzen sorgte, nie wieder erwähnt. Auch gestern in verschiedenen Beiträgen unserer allgemeinen Nachrichten, die ich gesehen habe, wurde mit keinem Wort davon gesprochen, dass ein Flüchtling direkt nach seiner Vernehmung Selbstmord begangen habe. Man hat einen Täter, und gut ist.

# Wehret den Anfängen!

Die Demokratie wird zum Auslaufmodell. Die Freiheit schaffen ihre verwöhnten Konsumenten gern selbst ab, so scheint es gerade. Die Polizei lyncht häufiger in Eigenregie und gefällt sich in der Rolle der Ordnungsmacht, die nicht nur Kriminalfälle löst, sondern gleich beendet: „Das war doch nur ein Neger.“ Auch unsere Justiz drückt schon mal ein Auge zu, wenn der Kollege auf der Straße in Notwehr, wie es heißt, schießt, so scheint es mir, und nicht wenige finden das gut vom Wohnzimmersessel aus. Alle sind wie Putin, wenn sie nur ein wenig Macht haben und entdecken Wege, die Gesetze zu biegen. Deutschland hat einen guten Rechtsstaat, aber der könnte bröckeln bei neuen Mehrheiten. Eine Schlagzeile findet sich: „Macron will notfalls soziale Medien blockieren“, die Franzosen werden seit Tagen von Unruhen erschüttert, nachdem ein Polizist den Jugendlichen Nahel erschossen hat. Das ist ein Problem der liberalen Welt: Die aktiven Demokraten schützen unsere Freiheit nicht.

Wehret den Anfängen? Meine damalige, wie ich glaubte, Freundin bekleidet bekanntlich ein hohes Amt in unserem Dorf, auch baulich gesehen. Ich kenne ihr Büro da oben im Turm und erinnere diesen amüsierten Satz in einer banalen Debatte rund um das Schleswig-Holstein-Musikfestival: „Die Feuerwehr untersteht mir ja auch“, meinte unsere Königliche, als es drum ging, eine Werberegel im öffentlichen Raum zu umgehen und Banner quer über die Straßen zu spannen. Per Dekret regierte Donald Trump, aber wir können auch was. Mittels Drehleiter wurden die schönen Fahnen quergespannt, weil es eben so angeordnet war von oben. Ich habe noch gelacht. „Wehret den Anfängen“, hätte ich in diesem Zusammenhang nie gedacht.

Behördliche Vernetzung aber hat dann später auch mich erledigt. Man kennt sich, und was ich mir ausgedruckt habe, wie die Kommunikation sich liest, wenn über mich, aber nicht mit mir geredet wird, verschiebt den derart abservierten Bürger ein für alle Mal auf die Gegenseite vom Staat. Ich darf Frauen getrost scheiße finden, das habe ich mir erlaubt, nachdem ich lernte, mittels Anwalt Akteneinsicht zu bekommen. War das ein Ziel, mich vom Verlieben abzuhalten, weil ich krank wäre darin? Manche fühlen sich erwachsener als andere und suchen Orte, die Menschen zu gängeln. Das kommt nie wieder vor, dass ich eine Frau tatsächlich respektiere, und insofern haben der Staat und seine vielfältigen Machtstrukturen ganze Arbeit geleistet. „Das ist doch nur ’ne Frau“, denke auch ich, wenn eine irgendwo zu Schaden kommt und empfinde nichts. Meine dürre Zukunft ist Pragmatismus. Ich sage mir oft, ein wenig Betrieb rund um mich herum im Eigenheim genügt wohl? Dann ist es nicht so still, und es macht auch mal jemand sauber. So ist verheiratet zu sein und soll es bleiben. Ich wurde erfolgreich belehrt von oben und mit Gehirnwäsche auf Linie gebracht. Mir fällt noch ein: „Schön, dich kennengelernt zu haben, Staat, und danke, dass ich so viel lernen konnte von dir aus der oberen Etage.“

# Hinter der Fassade ist alles anders

Schwierig ist die Schlussfolgerung nur für Dumme, aber ich finde Frauen, so wie die Moderne sie deformierte, oft krampfig und mache daraus keinen Hehl, dass ich sie für nicht selten unfähig halte an ihrem jeweiligen Lebensplatz. Muss ich das erläutern? Da ist ein Wettkampf im Gange, bei dem alle verlieren. Wir als Gesellschaft haben uns mitreißen lassen, weil offensichtlich nicht alle Menschen ihren Traum zu leben hinbekommen. Wir scheinen anzunehmen, ganze Gruppen Benachteiligter aufstacheln zu müssen gegen den jeweiligen Pol der anderen. Das Hauptproblem dieser verschiedenen Minderheiten zeigt sich am Beispiel der größten Gruppe, die zahlenmäßig gar keine ist, den Frauen. Frauen haben sich für die fixe Idee vereinigt, gegenüber den Männern im Nachteil zu sein. Man wird nicht überzeugend argumentieren können, dass das überhaupt absurd ist, weil diese Benachteiligung doch offensichtlich zu sein scheint. Ich behaupte, dass es ein Zivilisationsproblem ist, hausgemachter Blödsinn. Im Sport tritt die Schwierigkeit zu Tage, dass die Kräfte der Männer größer sind, und deswegen gibt es Frauenfußball, allgemein auch Hockey, Tennis wie viele andere Disziplinen nur nach dem Geschlecht getrennt. Eine an sich wunderbare Sache, der individuelle Unterschied des Menschen, der bereits mit dem Geschlecht wesentlich ist, dass Frauen etwa die Kinder bekommen, soll in Richtung einer nie zu vollendenden Idee von Gleichheit hin nivelliert werden? Eigentlich könnte jedes Menschenwesen sich glücklich schätzen, speziell zu sein. Statt wirklich Benachteiligten zum Besseren zu verhelfen, hat unsere Gesellschaft es hinbekommen, Visionen zu skizzieren, die junge Menschen oft krank machen, weil Erwartungen nicht erfüllt werden können in dieser Pseudowirklichkeit. Extrem zeigt sich das selbstgemachte Übel im Bereich der sexualisierten Gewalt. Während wir mit dem erhobenen Zeigefinger auf traditionelle Zivilisationen zeigen mit den dort vorherrschenden patriarchalen Unterdrückungsmechanismen, haben wir selbst die Not nur verschoben – und psychisch kranke Extremtäter geradezu herangezüchtet.

Wir folgen der generalisierten und deswegen dümmlichen Annahme, Mädchen und Frauen seien stets bedroht von bösen wie kranken Männern. Natürlich kommt es zu Übergriffen. Das möchte ich nicht kleinreden, aber unter Generalverdacht gestellt, ist der Mann als solcher besser dran, nun selbst entschieden Position zu beziehen. Seit dem das Wort vom Sexismus im Schwange ist, katapultieren sich die meisten Feministinnen damit ins Aus. MeToo gibt Frauen, die schon ein wenig Lebenserfahrung haben, ein Werkzeug an die Hand, Mädchen zu manipulieren. Die böse Frau ist so verstanden eine, die bloß vorgibt, zum Besten hilfsbedürftiger Menschen zu wirken. Dumm ist die Überzeugung, einen wirksamen Schutz mutmaßlicher Opfer (das kann man nicht gendern) aufbauen zu können. Das geht immer wieder schief. Der allgegenwärtige Psychopath von heute ist eine Züchtung der Moderne. Hier spielen ältere, eifersüchtige Schrapnelle eine Rolle, für die der Zug jeglicher Attraktivität abgefahren ist. Dergleichen böse Hexen vertreiben sich die Zeit damit, junge Frauen kirre zu machen, letztlich krank und möchten dabei noch großartig sein. Das hat mir unsere Verwaltungschefin hier im Ort so anschaulich gemacht, dass ich mich darin versteige, ein generelles Urteil zu potenzieren: Unsere Gesellschaft betrachte ich als unehrlich und widernatürlich. Ausbeutung ist allgegenwärtiges Prinzip und wird nur hübsch dargestellt. Natürlich bekommen Frauen weniger Geld in Männerberufen als ein Mann auf einer vergleichbaren Position. Etikettenschwindel gibt es in allen Lebensbereichen: Auch wenn wir von Alkoholkranken reden, sind diese weiterhin Säufer. Mit dem Erfinden vom Begriff einer queeren Community sind die Probleme dieser Menschen nicht gelöst. Und mit dem Definieren von Klimazielen hilft sich, wer diese ausruft, mit der Behauptung dafür zu stehen, nur weiter nach oben auf der eigenen Karriereleiter. Alle lügen immer. Ich verachte Mediziner, Polizisten und die Politik, mein Leben ist vom Hass auf diese Personen geprägt, die meinen, in unser aller Leben hinein und über uns bestimmen zu wollen.

Natürlich werden pauschale Rundumschläge (auch) meiner Lebenswirklichkeit nicht gerecht, wo einige, und gerade auch Frauen, entschieden Großartiges machten und weiter noch wesentliche Landmarken sind, bei allem was ich unternehme. Genauso ist mir klar, dass auf Helfer ganz allgemein verbal einzudreschen unfair ist. Der Grund meines Zorns, und ein latenter Frust hat sich eingestellt, liegt schlicht in einer unglaublichen Erfahrung von Enttäuschung rundherum mit unserer Welt, eine Umgebung, die ich so nicht wahrhaben wollte. Ich habe oft Hilfe annehmen müssen und empfinde natürlich Dankbarkeit für das Geleistete meiner Unterstützer. Nähe zulassen kann ich aber nicht mehr.

Mein Blick geht zurück. Was ich mich frage und schlussfolgere, mehr als der gewöhnliche Zufall führte uns Menschen jeweils zusammen. Das ist beunruhigend wie naheliegend, nicht nur am Beispiel des einen, hier erwähnten, städtischen Mitarbeiters. Da ist nicht nur einmal einer dieser Idioten in meinem Leben gewesen, die mich irritiert haben. Wahrscheinlichkeitsrechnung lehrt mich zweierlei, und das möchte ich herausstellen. Wenn der liebe Gott es will, fällt unwahrscheinlich oft die Kugel auf schwarz? Das bedeutet, zwei Menschen können sich durchaus häufig begegnen, wie das Glück beim Roulette eine Zeit lang konstant zu sein scheint. Bei Personen, die voneinander Unabhängiges tun, wird so eine Serie allerdings wenig wahrscheinlich sein. Die Häufigkeit ist zunehmend determiniert (wie das Wetter wochenlang schön bleibt oder Regen fällt und nicht aufhört, uns zu nerven), wenn diese Menschen gegebene Berührungspunkte haben. Sie arbeiten in derselben Firma, fahren zusammen mit dem Bus morgens oder kaufen im selben Geschäft ein. Menschen gehen täglich dieselbe Strecke und begegnen sich deswegen gehäuft. Das ist ganz normal. Umgekehrt können wir fragen, falls sich jemand in den Kopf setzt, einen anderen bewusst und dauernd zu treffen und wie zufällig, langsam anzuradeln, wie das gemacht werden könnte? Da könnte so einer tatsächlich dem Zufall vertrauen. Eine gute Methode ist das wohl kaum. Klappte es letzte Woche, weil, da kam Bassiner morgens um etwa zehn vorbei, probiere ich das vormittags und habe gute Chancen, meint derjenige vielleicht? So weit noch möglich, wird die Sache schwieriger auf lange Sicht. Denn, wenn es diesem Künstler beliebt, zu irgendwelchen Zeiten loszumarschieren, müsste man, um ihn regelmäßig abzufangen, auch ein Künstler sein, der sagen wir, nicht nur zwanzig, sondert hunderte Begegnungen über einen längeren Zeitraum hinbekommt, exakt vorauszusagen. Also erstens, der Zufall und der liebe Gott leisten Erstaunliches. Zweitens, will da einer so klug sein wie Gott, ist es eine Übung, die allein nach der Idee „jetzt könnte es mal passen“ nicht gut gelingen kann. Damit kommen wir zu drittens, wie hilft man nach? Und viertens: Was soll das? Liebe kann es wohl nicht sein: Eine feiste Fresse benötigt jemand und dazu die Annahme, das Gegenüber sei naiv, krank (wie dumm) und brauche es, belehrt zu werden.

# Der Blödmann

Halten wir zunächst fest, der will was von mir. Ich bin nicht daran interessiert, einen Fremden kennenzulernen. Ich rede gern ein wenig hier und da, gehe weiter, lege mich nicht fest bei meinen Bekanntschaften im Dorf. Der ist anders und einer, der absichtlich unterwegs ist. Dieser blöde Spion handelt schließlich verräterisch. Ein scheinheiliger Kumpel kommt so daher. Er observiert sein anfangs ahnungsloses Opfer: Ich allein bin das Ziel seiner konstruierten Begegnungen.

Nur ich werde von dem angesprochen.

Sein städtisches Lastenfahrrad erlaubt gemächliches Trödeln im Job. Was er für die Stadt tut, weiß ich ja nicht. Der ist als Mitarbeiter der Verwaltung auf einer Arbeitsfahrt unterwegs, holt was ab oder bringt es wohin. Da hat man nicht unbeschränkt Zeit zu klönen. Er steht also nie mit anderen im Gespräch seitlich vom Weg, weil er etwa so beliebt wäre. Kaum sieht er jedoch mich, hält er an. Schon geht das Freundlichsein los. Dieser Mann will alles wissen, gibt fortwährend Hinweise, wie zu leben richtig wäre und bietet Allgemeinplätze bei Fragen, die seine eigene Existenz betreffen. Dazu kommt, dass mich diese nicht interessiert. Dem Penetranten ist gelungen, ein gewisses Vertrauen aufzubauen, gegenseitig heitere Weltanschauungen auszutauschen, die bei näherem Betrachten der Manipulation dienen, mit ihm sprechen zu müssen und nicht vermeidbar sind, weil seine Freundlichkeit meine erzwingt.

Ein ekliger Schwätzer, das könnte ein dummer Schwuler sein, der meine Zuneigung so erreichen möchte oder ein Neider meiner Kreativität, dem es in der Rolle des zugewandten Bewunderers gefällt? Da müsste er mehr geben, seine jeweilige Motivation deutlich zu machen. Das ist ein Polizist. Und wenn er etwas anderes ist, dann ist er jedenfalls ein Gegner, eine Person, die freundlich tut, weil die Absicht dahinter verborgen bleiben soll. Und das ist ein Idiot: Wenn jemand so offensichtlich nicht begreift, dass man ihm notgedrungen alles, was er bietet, mit Theater reflektiert, das für ihn einen Ernst des Lebens bedeutet, eine illegale wie illegitime Fragerei und Bedrängung, welche dem Mann zumindest das Vergnügen gibt, mich sich winden zu sehen unter seiner Quatscherei, dann ist er noch mehr, ein Arschloch.

Ein Vater oder Großvater darf die Richtung weisen, ein Onkel. Ein Freund kann es tun. Dieser Mann aber spinnt. Nicht einmal ein leibhaftiger Onkel von mir hat so etwas je probiert. Tatsächlich haben eine Tante, ein frecher Vetter und meine raffgierige Schwester alles versucht, um an das Geld aus unserem Erbe zu kommen – mit Erfolg. Das passiert in vielen Familien. Worin aber besteht nun die Motivation vom fremden Scheißer, der mich alle paar Tage bequatscht hat, und wie bekam der das hin? Das muss erzählt werden, ohne die Antwort auf alle Fragen geben zu können. Dann können sich einige ein Bild davon machen. Und ein Bildermacher möchte ich sein.

# Ein freche Schnauze, eingebildet und ein wenig fett

Der Mann fährt beruflich mit dem Fahrrad manchmal. Ein Bote, der transportiert was zu einem Versandlager. Er hat sich einen klangvollen Namen zugelegt, den von seiner Frau, das hat er mir einmal verraten. Nur so viel sei hier angedeutet, die Namen der Gallier von Goscinny enden bekanntlich allesamt gleich, sie heißen Asterix, Obelix, der Fischhändler ist Verleihnix und so weiter. Die Römernamen sind wiederum einheitlich nach der Methode Fidibus, Nixalsverdrus, Hackenschus, Gaius Bonus (oder ähnlich) zu erkennen. Und so ist es bei meinem Bekannten, den ich nicht leiden kann.

Er wäre demzufolge ein Römer.

Der Typ wohnt im Nachbardorf, das kann ich erzählen und ist mir einige Male zu oft auf die Pelle gerückt. Oben habe ich von meiner Gewohnheit berichtet, beinahe täglich auf einer bekannten Strecke zu laufen, aber wann genau ich da spaziere, kann sehr unterschiedlich und von Tag zu Tag anders sein. Das plane ich nie. Natürlich trifft man Bekannte. Wenn die Rothenbergs* unterwegs sind, grüßt Frank, Marianne nicht, so kommen wir klar. Bei den Gorenzels* grüßt Nils, Cornelia kneift die Lippen zusammen und schaut geradeaus, so ist das eben. Die Bescheißkis* gehen nicht zu Fuß. Sie fahren mit dem Opel vorbei, und wir grüßen nicht. Kalle und ich passieren einander etwa im Stadtzentrum, der Abstand beträgt nur Zentimeter. Er senkt den Kopf, verstockt (das maulende Wildschwein), bullig – das ist die einzige uns verbliebene Form, einander angemessen zu verachten. Gudrun dackelt in der Nähe, man kennt das. Die Bürgermeisterin trifft man ja nicht mehr. Sie wartet auf den nächsten Fototermin, um dort für die Zeitung Bürgernähe vorzugaukeln. Christiane und ich, wir grüßen ebenfalls nicht. Jörg (ihr Ehemann) sagt guten Tag, mehr nicht, und das ist auch besser für ihn. Ich kann anders. Diese Namen benötigen kein Sternchen. Jeder weiß, wie sehr wir durch sind miteinander, fertig für alle Zeiten.

Ich schreibe bloß auf, wie sich das hier anfühlt im Dorf für mich. Ich kann wohl resümieren, dass alle Versuche, mich in eine Norm der anderen zu zwängen, von diesen misslungen sind. Der wohlmeinende Ordnungsamtler, gemächlich unterwegs auf seinem Postesel und Gelassenheit vortäuschend, sich mir in den Weg grätschend, erreichte nie, mir zur Gesundheit zu verhelfen. Der Esel reitet nicht nur seinen, sondern ein Steckenpferd, es bis zum Kotzen zu verfolgen, mich zu ermahnen, mit meinen Schmerzen endlich zum Arzt zu gehen. Ein Grund es nie zu tun! Ich sieche dahin, glaube ich manchmal, mit meinem sauren Geschmack im Mund. Das ist nun immer. Die Galle kommt mir buchstäblich hoch. Eine Gastritis oder doch schon der böse Krebs mag an mir fressen. Das bedeutet, einen Ausgang zu haben aus diesem Leben hier, einen Weg zu kennen, den ich andernfalls nicht hinbekomme, aktiv zu gehen. Ich fühle mich nicht wohl. Manche saufen, nehmen Drogen und wieder andere wollen gesund leben? Ich will nicht leben, ich muss scheinbar.

Zugegebenermaßen ärgert mich eigenes Fehlverhalten. Der von mir aufgrund seines Namens als Zenturio Bezeichnete ist etwa in meinem Alter. Wie konnte es dem Mann gelingen, als belehrender Onkel aufzutreten? Hier liegt der wahre Kern des Problems. Ich habe mir gefallen lassen, was man sich nicht bieten lässt. Das ist tatsächlich ein Grund, die Schuld bei sich selbst zu suchen. Mangelnde Abgrenzung ist Schwäche und bedeutet schlimmstenfalls, den fruchtbaren Nährboden für eine psychischen Krankheit brachliegen lassen. Das ermuntert die Umgebung, sich überheblich zu fühlen und stark aufzuspielen. Gutgläubigkeit erlaubt dem Fremden, verbal in unser Innerstes einzudringen, meint, zu einer Besiedlung mit Unkraut einzuladen, Angriffsflächen für geistiges Ungeziefer feilzubieten. Ein verdeckter Polizist ist allemal bloß eine Kakerlake und mitnichten ein guter Mensch. Der nistet sich ins private Gemach ein und ins Hirn seines Opfers mit falscher Freundlichkeit. So einer lügt bereits von Anfang an, wenn er sich etwa vorstellt als Herr Soundso und in Wahrheit das nicht ist. Wären wir alle für uns allein stark genug, benötigte niemand eine Polizei. Da wir es nun aber mal nicht sind und die Zivilisation so angenehm, wie eine Tatsache ist, sollte jeder Mann lernen, auch einer zu sein. Das geschieht und passt nicht in die statische Sichtweise vom Staat, der nach deutscher Gründlichkeit seine Schubladen ordnet.

Rasterfahndung und Erkennung ist der armselige Versuch, Menschen auf ein Muster festzunageln, das man für die Erfolgsbilanz der Behörde benötigt. Statistik, die geschönte Bilder präsentiert, kommt als Bumerang zurück. Deswegen haben wir sogenannte Querdenker. Dieses Wort ist der Ansatz, sich kollektiv und abfällig drüber hinwegwegzusetzen, was tatsächlich als Meinungsbildung angefangen hat, ein bedenklicher Vorgang. Kritiker werden zu Anarchisten erklärt. Es ist die üble Methode nach Orwell, ein Vorverurteilen, wie man es für gewöhnlich den bösen Unrechtsregimen vorwirft. Das funktioniert nicht auf Dauer. Menschen können sich entwickeln und werden es weiter tun. Die Provinzidioten im Städtchen hier dürften noch manches erleben, das ihr triviales Weltbild ins Wanken bringt.

Die anderen scheinen mir so selbstgerecht wie zufrieden ihr Dasein fortzusetzen. Sie lauern auf eine Chance, zu beweisen, wie krank und gefährlich ich wäre, fürchte ich. „Man muss ihn provozieren“, könnte sich mancher versteigen, Freunde zu finden, „dann knallt er durch.“ Unser besonderer Frieden ist auf die Not heruntergebrochen, das Zivil- oder Strafrecht gegenseitig einzufordern. Alternativ bleibt Tratsch innerhalb der Gruppe die einzige Möglichkeit, Dampf abzulassen oder, in meinem Fall, die Kreativität speziell für diesen Zweck zu missbrauchen. Die Gefühle kochen möglicherweise noch hoch, wenn die Situation danach ist und die Vergangenheit zu betrachten, bedeutet, unser Schlachtfeld im Geiste lebendig werden lassen.

Frieden geht so: Zu Else habe ich probeweise: „Guten Morgen Else“, gesagt. Es hat funktioniert. Sie habe ich am Rollator gesehen. Das Alter kommt mit Macht. „Guten Morgen“, hat auch sie geantwortet. Willy schaut beiseite, falls es zu Begegnungen kommt. Wir reden nicht. Ich gehe nie in den Krähenhorst. Wenn Alisa mit Andre läuft oder ihrer Mutter (ich nehme nur an, dass es ihre Mama ist), sagen wir nichts. Wir kennen uns ja nicht. Alex sehe ich fast gar nie. Wir gehen uns aus dem Weg. Ich jedenfalls steige aus dem Bus, weil ich nicht ertrage, wie sie tut, als würde sie mich übersehen und das Handy sei gerade wichtig. Die griechische Anna ist kaum noch im Dorf. Sie schaut zu Boden und schämt sich irgendwie. Ich sage: „Guten Tag“, gehe weiter, und sie schweigt verbissen. Nancy und ich winken kurz. „Hallo“, und das war’s. Olli mit Fräulein Menke* wurde durch „Geschwister Meyer“ ersetzt. Gute Fische haben die! Das ist so ungefähr Stand der Dinge. Und dieser Typ mit seinem Fahrrad, ich treffe ihn nicht mehr, das heißt fast gar nicht. Neulich habe ich den mal am Glascontainer im Dorf gesehen, einmal kam es zu einem kurzen Gequatsche auf der Standardstrecke. Ich halte fest an unsrer albernen Fröhlichkeit. Penetrant hat mich dieser Mann über mehr als zwei Jahre lang perfekt abgefangen in der alten Landstraße und Belehrungen verbreitet, was ich mal mit meiner Frau in den Urlaub fahren müsste und dass man bei Magenbeschwerden zum Arzt ginge, das „abklären“ ließe. Ich habe mitgespielt. Jetzt hat mein ungebetener Freund aufgegeben scheinbar.

Na dann noch ein schönes Leben.

# Epilog

Darf man Furcht vor Überwachung haben? Eine gute Frage, finde ich. Man wird als absonderlich angesehen, falls das Thema zur Sprache kommt. Wer Bedenken preisgibt, möglicherweise unter Beobachtung zu stehen, ist verdächtig. Ehrlichkeit bedeutet anderen ja oft, Schwäche zu zeigen. Sie haben sich angewöhnt, ihre Existenz besser darzustellen und meinen, hinter einer Maske zu leben wäre klug. Eine psychische Krankheit schreckt viele ab, und wenn das wahr wäre, dass die Polizei an der Sache dran ist, werden die Beamten ihre Gründe haben. So denken Menschen und gehen auf Abstand. Nächstens beginnt brühwarm der Rufmord: „Wisst ihr, was das für einer ist?“ Man muss nicht wissen, um so zu tun, als ob man wüsste. Der Staat selbst, damit konfrontiert und in seiner aktiven Rolle vorsichtig, beschwichtigt und lügt gegebenenfalls professionell. Ich habe vor einigen Jahren eine mir bekannte Bürgermeisterin gefragt, ob sie für möglich halte, dass man mich ausspionierte. Sie meinte: „So wichtig ist man nicht.“ Ähnliches wollte ich mit einem Polizisten beim Schlange stehen am Grill thematisieren, wo wir uns privat mit Kollegen und zahlreichen Besuchern einer Feier trafen. Wir warteten auf Wurst und Bier im Hof vom Verlagshaus, für das ich gearbeitet habe und wo der Beamte nebenher Artikel verfasste. Für ihn war die Sache ganz einfach: „Wer nichts zu verbergen habe, dem könne doch egal sein, wenn der Staat ihm auf die Finger sehe.“ Danach war dem Mann dran gelegen, mit anderen (auf dieser größeren Veranstaltung) zu reden. Er machte einen Bogen um mich, schien es mir.

Tatsächlich habe ich einige Male ungefragt verschiedene Menschen aus der Nachbarschaft im Internet nackt gesehen, auch beim Sex. Solche Bilder waren unter den vielen, die mir beim Surfen durch Pornoseiten über die Jahre (insgesamt etwa dreimal Personen aus unserem Städtchen) aufgefallen sind. Ich habe nicht danach gesucht. Offensichtlich fanden Menschen es wichtig, diese Fotos, ein kurzer Film war auch dabei, öffentlich zu verbreiten, und ich meine, das geschah nicht mit einer Einwilligung der Unbekleideten. Gewöhnliche Menschen nackt gefilmt, nun gut, hier war das nicht der Staat, der spionierte. Kriminelle Energie und schlichtweg der Spaß, andere bloßzustellen, ist der Antrieb gewesen und Erpressung. Wir dürfen festhalten, dass Menschen heute anders ausgerüstet sind für schnelle Spionage als früher. Dem Staatsapparat werden hohe Hürden auferlegt für Eingriffe ins Private. Wer möchte der Polizei untersagen zu machen, was jeder Kleinkriminelle hinbekommt?

Die andere Frage, ob man wichtig genug sei, zur Zielscheibe zu werden, ausgespäht und in welchem Umfang, ist damit skizziert, für wen man von Bedeutung sein könnte? Reiche werden wichtig für Diebe. Menschen mit viel Geld dürften um ihren Besitz fürchten und einen Zaun ums Haus bauen. Sie haben einen Hund, Alarmanlage und privaten Wachdienst. Die Leute schützen Kontodaten, digitale Geräte, machen Backup und versuchen Phishing zu erkennen. Der Staatstrojaner soll dem ebenbürtig sein, was der Gemeine vom Stapel lässt und nur zum Einsatz kommen, wenn jemand als ausreichend gefährlich erscheint für den großen Lauschangriff. Vermögende sind für Diebe nützliche Opfer und umgekehrt, gefährliche Menschen werden vom Staat überwacht.

Wichtig für wen, ist eine berechtigte Frage.

Profilneurose könnte ein Motiv sein, eine persönliche Abrechnung und Machtdemonstration. Der Mensch wird dort aktiv, das System für seine Zwecke zu instrumentalisieren, wo er es kann. Ob jemand in ein Raster passt und deswegen zum Abschuss freigegeben wird von den Spionen, ist zunächst eine Entscheidung der sich zuständig fühlenden Behörde, und mindestens eine Person im Team gibt die wegweisende aber persönliche Einschätzung ab: „Um den müssen wir uns kümmern.“ Damit solche Arbeitsgruppen in Fahrt kommen, müssen Menschen bewegt werden, um die Behauptung zu hinterforschen, Straftaten wären bereits geschehen oder könnten zukünftig passieren. Der Fokus unserer Befürchtung als normaler Bürger und unsere zielgenaue Reaktion muss dort verstanden werden, wo der Staat sich vergaloppiert. Ein Anwalt hilft im konkreten Verfahren. Was aber ist zu tun, wenn man sich als Spielball von Gutmenschen wiederfindet, im Halbdunkel einer Grauzone vom Gesetz herumgekugelt und zur Belustigung mit der möglichen Perspektive, später in eine Falle gelockt und richtig fertig gemacht zu werden? Hier ist die Kunst in der Pflicht, der behördlichen Laserkanone einen Spiegel entgegenzuhalten, damit ein durch unser Schlüsselloch geifernder Spanner selbst angepisst wird mittels Rückkopplung. Ganz genau nach dem Motto: Wer nichts zu verbergen hat, gibt dem Köter perfider Angreifer einen Tritt.

Öffentlich ist, dass der Verfassungsschutz rechte Politik ins Visier nimmt. Es gefällt dem Polizeiapparat, davon zu erzählen. Auch sonst, wer einen digitalen Angriff startet, kann sich vor den Kollegen brüsten: „Jungs, wir dürfen!“ Dann muss was dabei rumkommen. Hat man von Amts wegen einen Rechner zu durchkämmen und findet nur Langeweile anstelle der vermuteten Kinderpornos, gibt ein festgebissener Jagdhund ungern auf. Nun probiert man, schmackhaft süße Jugendliche im Umfeld des mutmaßlich Pädophilen zu platzieren, damit diese von dem (auf diese Weise fortwährend Schikanierten) angesprochen würden, um Anfangsverdacht geltend zu machen? Ich denke, dass es so was gibt in Deutschland. Ich bin für meine blühende Fantasie bekannt. Sonst könnte ich nicht malen. Wer beknackt erscheint – und fantasievolle Menschen wirken verdächtig, weil sie haben, was dem Kommissar abgeht, neidisch macht seit der Schule – ist wichtig wie verdächtig. Bürgermeisterinnen sind vergleichsweise langweilig (auch nackt) und wähnen sich deswegen sicher? So weit halte ich beinahe alles für möglich. Ich reite den Esel, schlage die Windmühlen tot.

Der Staat versagt ganz offensichtlich bei seiner Aufgabe, unsere Sicherheit zu gewährleisten. So kommt es jedenfalls den Menschen vor, die nun vermehrt ins rechte Lager wählen gehen. Das Missverständnis zeigt sich, wenn Bürger glauben, mit größerer Härte gegen den Terror könne unser System besser sein. Gewalt bedeutet ein sich vermehrendes Unkraut, das als Mutation zunächst wie du und ich der friedliche Nachbar gewesen ist. Die Mehrheit glaubt, gewalttätige oder kranke Mitbürger seien anders als sie selbst. Dazu kommt der Trugschluss, durch genaue Beobachtung könne jemand, der sich berufen fühlt, die Abweichung von der Norm beim sogenannten Gefährder erkennen. Wir lagern Vorurteile in Schubladen, möchten Recht haben und strafen, wollen dabei nie der Wirklichkeit begegnen. Man beobachtet, warnt, ermahnt und betreibt Rufmord, bis es Tote gibt, mindestens Verletzte. Das kann durchaus zum Bumerang werden. Zunächst in der Politik. Die Verteidiger unserer Werte mit der salbungsvollsten Ansprache an die Gesellschaft dürften als Erste ihre Plätze räumen in den Rathäusern. Andere wechseln einfach die Partei. Und Bullenschweine bleiben in Person dieselben nach jeder Wahl. Vielleicht werden bald unliebsame Menschen offen beseitigt auch bei uns. Ich habe gelebt und gehe jederzeit gern. Das könnte besser sein als dieses Dorf. Mein Leben war noch schön und danke, dass ich das begreifen durfte. (Sternchen heißt immer: Name geändert).

🙂