Mut zur Lücke

Eine kurze Auszeit könnte die Gelegenheit bedeuten zu reflektieren, manches anders zu bewerten. Mit der Bahn unterwegs, im Zug zu reisen, heißt schon mal, für Stunden gebunden sein an dieses Transportmedium. Wenig verlockend gestaltet sich die Aussicht auf solches Nichtstun, wenn man nicht gerade ein Könner ist zu dösen, ein Buch zu lesen oder sonst wie entspannt abzuhängen, ohne ein Projekt zu verfolgen. Ich kann mich entspannen, aber dazu muss ich in der passenden Stimmung sein und nicht umtriebig, etwas zu beginnen. So finde ich mich (ab Harburg) im Speisewagen ein, beginne einen neuen Text und das auch nicht bloß auf Verdacht, vielleicht würde was draus? Ich bin durchaus vorbereitet, nähre passende Ideen seit einiger Zeit, weiß wohin die Reise in neuen Worten hingehen müsste. Die Bahnfahrt ist vergleichsweise klar, festgelegt. Wir fahren nach Baden-Württemberg, kennen unser Ziel dort genau. Die Geschichte hier startet mehr ungefähr. Das genügt aber, drohendes Nichtstun zu vertagen.

Ich schreibe für die Site, aber in erster Linie doch für mich selbst, gegen die Langeweile? Watzlawick nennt Langeweile die ausgedünnteste Form von Angst. Große und kleine Angst, wo fängt man an, etwas beim Namen zu nennen? Ein gutes Modell gibt diese Formulierung ab, um einen Einstieg in die graduellen Unterschiede des wesentlichsten aller Gefühle zu öffnen. Unser Leben wird beherrscht davon, wie jeder mit Angst klarkommt. Selbst diejenigen, die Stress „managen“ oder unbewusst bleiben, wie sie es eigentlich machen zu leben, kommen nicht drumherum, Wünsche, Pflichten und Befürchtungen auszuloten, Zeit für individuelle Lösungen einzuplanen.

„Ich habe kein Problem damit.“

Eine Bemerkung, wie man sie häufig hört, wenn es um Banalitäten geht, mit der manche gern wegwischen möchten, dass sie genervt sind, sich kümmern müssten. Locker bleiben, drüber stehen: Das eigene Ich stark darstellen, heißt das wohl. Sich nichts anmerken lassen, eine Störung elegant als Aufgabe miteinbeziehen, ist dann kein Problem. Es wird zu einer kaum noch sportlichen Herausforderung. Die Übung kann wie nebenbei auf einer Backe runtergeritten und erledigt werden? So möchte sich ein Großsprecher geben.

„Das ist mir keine Religion.“

Dieser Satz, ebenfalls oft gehört, geht in dieselbe Richtung. Da möchte einer bestimmen und merkt gerade, wie das nicht gut ankommt. Jemand fühlt sich ertappt, Nebensächlichkeiten zu übertreiben. Das könnte als Kontrollverlust gewertet werden? Immer souverän sein, ist gar nicht so leicht.

Ich bin schon der Ansicht, das Leben parallel einer gedachten Skala von Angst auszurichten, ist nicht der schlechteste Ansatz. Es gibt Überhebliche. Sie wollen sich geben, als könne nichts sie kränken? Ein Infekt und hohes Fieber dazu, ein Unfall, Sturz; es gibt spontanes Ungemach. Das moderne „Burnout“ konnte sich nur deswegen als Begriff etablieren, weil auch aktive Manager mal ausfallen. Da möchte man wenigstens einen smarten Namen.

Innere Haltung genauso wie die allen sichtbare Bewegung im Raum, unsere typische Weise zu gehen etwa, kann Gradmesser sein, Aufschluss geben, ob wir ängstlich sind, mutig, hektisch oder gelassen. Niemand kommt drumherum, sich der Schwerkraft zu stellen. Einige mühen sich, andere gleiten mehr, und das zeigt wohl auch ein Mehr oder Weniger von Angst. Körperspannung ist Körpersprache. So gesehen ist man gelangweilt weiter unter Spannung und unfähig, sich zu lösen, weil die nötige Entscheidung, eine (oder eine andere) Sache zu beginnen, nicht getroffen werden kann. Der Weg ins Pause machen, eine Bereitschaft zur vollenden Entspannung, ist gleichfalls nicht gegeben. Eine unerkannte und vielleicht bloß minimale Sorge bleibt nach als wahrscheinlichster Grund. Wüsste man den Weg zum notwendigen Ort zu gehen, die Tätigkeit auszuführen, mit der man das, was auch immer es ist, aus der Welt schafft, um die Anspannung zu lösen, könnte man anschließend frei haben. Vielleicht gilt, was an uns nagt, den anderen als banal? Niemand verstünde, wie uns belastet, bis, sagen wir, Montag abzuwarten? Das dürfte ein minimales Unwohlsein auslösen. Angst ist absolut individuell. Wir bemerken sie nicht, wenn wir uns einreden, wie alle anderen Menschen fühlen zu müssen. Woher will jemand wissen, was andere fühlen? Und doch sagen Eltern ihren Kindern immer wieder diesen Satz:

„Davor brauchst du keine Angst zu haben!“

Sie meinen es gut?

# Gelassenheit ist so selten wie das Glück

Überhaupt gar keine Angst wahrzunehmen, das könnte sich so anfühlen bei entsprechend angenehmer Tätigkeit oder in entspannter Meditation. Ein gewisses Maß an Spannung begleitet jede Aktivität. Erst am Boden liegend, können gewohnheitsmäßige oder aus unserer Haltung sonst wie notwendige Kontraktionen erkannt und weiter verringert werden. Das dürfte sich besser geben als Langeweile und unterscheidet sich von angenehmer Tätigkeit insofern, als dass man so gut wie keinerlei Kraft aufwenden muss. Nun wäre Zeit, auf die Atmung zu achten. Da spürt man, unten auf dem Rücken hingestreckt, dass eine Muskulatur unentwegt damit beschäftigt ist, die man für gewöhnlich nicht zu bemerken gewohnt ist. Wir atmen auch dann, wenn wir das nicht bewusst machen, und in einer stressigen Situation achten Menschen noch weniger darauf, wie sie es tun.

# Das Herz schlägt

Ein Leben ganz ohne Tätigkeit – und zu atmen, bedeutet Muskulatur in Aktion – gibt es nicht. Verunmöglichte etwas unser Weiteratmen, bekämen wir Panik und versuchten, den Weg für die nötige Sauerstoffzufuhr umgehend frei zu machen. Wir probierten automatisch abzuhusten bei Erkältung, Fremdkörper, versehentlich verschluckte Nahrung loszuwerden, wehrten Angreifer ab, die uns wohl würgen wollen? So wird deutlich, dass freie Atmung und Angst im unmittelbaren Zusammenhang stehen. Die Verdauung ist aktiv, ohne dass wir die entsprechenden Vorgänge bewusst befehlen müssten. Verstopfung macht sich bemerkbar, weil so etwas tödlich sein kann. Das drückt uns den Stempel auf, handeln zu müssen. Unser Herz schlägt sowieso. Jeder weiß, kommt die Pumpe ins Straucheln, ist es aus. Dies alles könnte herangezogen werden, einzusehen, dass Angst unser beständig laufender Motor ist. So etwas regt an, das Bild weiter zu bemühen. Leerlauf wäre entspanntes Tuckern, schneller fahren, hieße Gas geben. Das Getriebe in den richtigen Gang schalten und angemessen Treibstoff zuführen, bedeuteten die sinnvolle Nutzung der funktionellen Möglichkeiten.

Da gibt es ökonomisches Fahren einerseits, und genauso allerlei Blödheiten kommen vor je nach Typ.

Das mit einem Fahrer besetzte Fahrzeug, ein Schiff und sein Kapitän; solche Motive erinnern an Körper und Geist. Wir denken, ein Lebewesen leite seinen Weg vom Oberstübchen aus und ziehen entsprechende Vergleiche heran. Leute klempnern die Seele? Menschen verpflanzen Organe oder tauschen den Vergaser beim Wagen, wenn er kaputt ist, alles dasselbe? Erst bei der aufkommenden Frage nach dem Abstellen des Motors gerät das Beispiel an seine Grenzen. Der Mensch bestimmt nicht einfach über Leben und Tod. Zum Schlafen sich hinzulegen, ist kein Abschalten.

Was aber geschieht bei unerwünschter Schlaflosigkeit? Das gibt uns eine Frage, die nicht nur Mediziner auf Trab hält. Schlafen und Nichtschlafen; in den Pausen nachts, wo mancher ungewollt wachliegt, heißt dieses Herumliegen nicht zwingend Entspannung. Einige kennen Migräne oder Angstzustände im Bett, wissen um manche Quälerei. Schlafstörung – die Unmöglichkeit, Frieden zu finden, beschäftigt nicht wenige. Deswegen dürfte so etwas auch außerhalb der studierten Fachleute Raum für Erfahrungsberichte hergeben. Niemand sollte sich scheuen, eigene Lösungen zu suchen, dem der erholsame Schlaf versagt bleibt. Wer mehrere Nächte aufeinander folgend gar nicht schläft, dürfte krank werden, psychotisch womöglich? Es gibt die Notwendigkeit, Pausen zu machen. Wenn wir das nicht mehr hinbekommen, wird daraus die Not, es schaffen zu müssen. Ausruhen ist schön, wenn wir in der Lage sind, es beizeiten zuzulassen. Man muss sich so weit genügend kennen, spüren, es ist genug, und auch die äußeren Umstände spielen eine Rolle. Die inneren Vorgänge im Gehirn sind ein Spiegel der Umgebung, oder besser, dem Bild, das wir von diesem Drumherum gewinnen können. Es bleibt subjektiv, nicht nur durch den Raum, in dem wir sind und von wo aus unsere Perspektive gesetzt wird. Fantasie ist immer mit an Bord: Unsere Sinne zeigen die Außenwelt durch eine Brille persönlicher Gewohnheit.

Wir interpretieren entsprechend dem, der wir meinen zu sein. Hier anzusetzen, verlangt die Dynamik unseres Empfindens miteinzubeziehen. Wir sind nicht nur jemand, wir bewegen uns in der Zeit. Das bedeutet mehr ein Werden, statt auf eine Weise zu sein. Natürlich können wir momentane Standbilder machen. Diese sind aber nicht mehr als das, abstrakt. Leben ist mehr als jedes Bild. Es ist natürlich, und Bilder nennen wir Kunst. Der Mensch schafft sich Ordnung, nutzt Schubladen, sammelt Momente wie Dinge. Das sind intellektuelle Spielchen. Wir dürfen als Regisseur nicht selbst auf unsere Kreativität hereinfallen. Das Theater ist eine Form von Kunst.

Unsere augenblickliche Haltung drückt unser Lebensgefühl entsprechend aus, aber tatsächlich sind wir unterwegs. Es ist weniger Haltung, sondern der Fluss unseres Verhaltens. Die Zeit kann nicht angehalten werden. Nach zwei schlaflosen Nächten sind wir nicht länger derjenige, der wir meinten, vorgestern zu sein. Nach drei Nächten ohne Schlaf werden wir weder zu realistischen Annahmen kommen noch in der Lage sein, vernünftig zu handeln.

# Unterhaltsam, mehr als ein Bericht

Was ich für mich herausfand, ist, wie mein Kennenlernen verschiedener, allgemeiner Ansätze, das Leben zu meistern, im Wachsein wie im Schlaf praktisch und individuell umgesetzt werden kann. Einfach so, wie andere Glückliche kam ich nicht klar. Das ist bekannt. Ich möchte nicht bloß wiederkäuen, was schon woanders steht. Die eigene Note sollte einen kreativen Text lesenswert machen. Eine persönliche Geschichte mit meinen Worten hingeschrieben, mag zunächst mir selbst eine Stütze abgeben, sich gegebenenfalls zu erinnern und könnte doch auch allgemein von Nutzen sein? Einen Ratgeber lesen, heißt noch nicht, dass deswegen Besserung eintritt. Eigene Erfahrungen nun, als bewusste Ratschläge an dieser Stelle feilzubieten, fände ich vermessen. Das zu probieren, entfernte sich von meiner Kunst, in erster Linie zu erzählen (soweit ich diese Fertigkeit überhaupt beherrsche).

Hilfsangebote gibt es hier keine.

Das steht mir ja gar nicht zu, etwas besser zu wissen. Ich habe nicht wenige kennengelernt, die haben solche Skrupel nicht. Meine Widersacher gingen weiter. Mich wollten einige einnorden, ausrichten, hinterrücks verabredet und das immer wieder. So kommt es mir vor. Da gibt es Menschen, deren Handeln ist scheinbar die Manipulation, und sie fühlen sich berechtigt, aus dem Hinterhalt zu helfen, meinen sie? Wie sie sich selbst sehen, zeigt sich heute. Diese Leute schauen zu Boden, wenn wir einander begegnen, quetschen sich das „Guten Tag“ ab, wollen nur schnell weg. Alle machen Fehler; ich lege meine offen. Die anderen möchten so tun, als wären sie Opfer und gleichzeitig Retter der Welt durch intrigantes Bespitzeln. Das kann nicht funktionieren. Wir haben gegenseitig Angst voreinander? Ich lerne daraus, möchte aber jetzt aus einer anderen Perspektive erzählen, mehr von meinen falschen Rippen berichten als von fadenscheinigen Zeitgenossen.

# Luft geht raus und rein

Ich wende die Ideen von Moshé Feldenkrais an („Body and Mature Behavior“, 1949 und weitere Publikationen). Ich versuche, dem nachzuspüren. Seit Jahren trainiere ich hauptsächlich allein, erst nach dem Buch, auch in einigen Kursen und Einzelstunden habe ich die Methode kennengelernt, aber weitgehend, würde ich sagen, bin ich autodidaktisch dran gegangen, meine Probleme zu korrigieren. Das führte zu manchem Umweg, unnötige Fehler machte ich also. Ich startete naiv aus einem Nebel heraus: „Danke, weiß schon selbst, wie das geht“, dumm gelaufen bin ich buchstäblich.

Das ist an und für sich eine großartige Sache, seine Haltung selbst verbessern zu können, eingefleischte Muster in Eigenregie aufzuspüren und mehr noch als bloß ein Gangbild, das Leben insgesamt auf feste Fundamente stellen zu können. Dergleichen verspricht manches Buch. Andere aus dem Umfeld möchten aber mitreden, wenn wir erkennbar Probleme haben, und insofern ist „Feldenkrais“ etwas für Leute, die so weit gefestigt sind, dass ihnen ihre Selbstständigkeit nicht abgesprochen wird von den Gutmenschen an jeder Straßenecke (und böswilligen Absahnern in der eigenen Familie). Nun gut – oder schlecht – ich lernte, auch mit diesen fertigzuwerden. Es hat länger gedauert mit dem Glücklichsein und wenigstens Zufriedenheit, Gelassenheit zu erlangen, sich gegebenenfalls in die nötige, aber individuell richtige Richtung zu bewegen, wenn der innere Frieden gefährdet ist.

Ich habe das gelernt.

„Feldenkrais“ ist eine eingetragene Marke, es wird eine mehrjährige Ausbildung angeboten. Die Methode ist ein vom Urheber und seiner „Gilde“ geschütztes Gedankengut. Darf ich als schnöder Künstler überhaupt drüber reden? Ich habe mir einiges angeeignet, aber diese Welt nicht erfunden oder ausgedacht. Ich könnte unser Dasein nie wissenschaftlich erklären, bin weder Psychologe, Soziologe noch Arzt. Moshé bezeichnete sich als Physiker, ich habe nichts weiter als informative Illustration studiert. Mein Professor hat seine Lehrbefugnis im Kuddelmuddel der Nachkriegszeit in kollegialer Freundschaft wie nebenbei erlangt. Die Armgartstraße war als ehemalige Modeschule für „Töchter aus gutem Hause“ bemüht zu wachsen und nicht bescheiden, sich die nötigen Titel dranzutüddeln. Es heißt da heutzutage „Mediencampus“, und vielleicht ist es das? Sachillustration, ich habe einer Segelzeitschrift Info-Karten gezeichnet für Törntipps. Heute illustriere ich meine Probleme. Mein Können in dieser Sache ist bloß umwegiges Halbwissen. Doch sollte es dem gewöhnlichen Anwender einer Bewegungslehre möglich bleiben, Erfahrungsberichte zu verfassen. So möchte Feldenkrais selbst sich auch keinesfalls als Guru verstanden wissen und sagt einmal in einem Buch, man könne „aus Eigenem“ weitergehen. Die Methode weiterzudenken, ist im Sinne ihres Erfinders.

Mir hat man Dünnhäutigkeit bescheinigt. Die habe ich, bin aber besser geworden, sichere Orte zu finden, bildlich gesprochen, um neue Felle zu nähen für spätere Kämpfe. Pause machen, ausruhen, überhaupt zur Ruhe kommen und Kräfte sammeln: Wo befindet sich die eigene, sichere Höhle, ist eine uralte Frage. Das ist wie der aufrechte Gang keine neue Erfindung. So zeigt sich der Boden einer modernen Steppe bereitet, ein schönes Feld (in Anspielung auf meinen Wohnort), um der allgemeinen Angst über das individuelle Beispiel beizukommen. Alle Menschen dürften ähnliche Vorgänge im Leib verspüren, aber unsere Individualität schafft unendliche Spielarten des nicht zu Ignorierenden. „Gar nicht ignorieren“, ist dann auch der beste Rat (diesmal von Valentin), und den erlaube ich mir dann doch und entgegen dem eingangs Gesagten weiterzugeben.

Sich um Widerstand kümmern, ist das Wesen gelungener Integration und bestes Krisenmanagement. Das gilt für alle Systeme. Der Mensch ist eines. Wir sind gewohnt, bei Krankheiten den Arzt aufzusuchen. Das tun viele Menschen leider auch dann, wenn schon vorab deutlich wird, dass es wenig nützt. Bei einem Schnupfen hilft nichts besser als die Einsicht, dass dieser nach ein paar Tagen von selbst abklingt. Ein so gesehen gesunder Mensch schont sich kurz, und dann ist der leichte Infekt schnell vorbei. Ein auf diese Weise, wie es hier gemeint ist, Kranker laboriert eine halbe Ewigkeit mit der banalen Atemwegserkrankung. Das soll heißen, eine psychische Komponente spielt bei manchen mit rein, wenn sogenannte körperliche Erkrankungen benannt werden, und zwar die Macke ist, sich an der Welt auszurichten, statt an den eigenen Befindlichkeiten mit ihren vernünftigen Lösungen. Das steht so ungefähr bei Jeremy Krauss: „Einfach bewegen“ (Junfermann Verlag, 1996), und ist (ich gebe das zu) ein dort geklautes Beispiel, Gesundheit auf kluge Weise darzustellen. Es ist ja klar, dass sich Hilfe zu holen mal notwendig ist. Ein Arzt wird nicht überflüssig, weil man aufgrund negativer Erfahrungen voreingenommen reagiert und seine Praxis zu umgehen probiert. Dergleichen verstocktes Denken kann uns in lebensbedrohliche Not führen und wäre in so einem Fall bloß dumm. Aber man kennt es von der Ausbildungssituation im Betrieb, einer fragt immer, doch der findige Praktikant löst seine Aufgaben häufiger allein. Der Erstgenannte nervt, den klugen Lehrling mögen alle.

Was kann nun ein Seelenklempner für uns tun, wo schon die Seele wie auch der Geist diskussionswürdig sind als bloße Begriffe, die mitnichten dem Waschbecken, Rohr oder Klo das Wasser reichen könnten? Das sind echte, feste, anfassbare Teile, die der wahre Klempner gewohnt ist zu bearbeiten. Wenn wir nicht abstreiten möchten, dass das Gehirn erkranken kann, sogar der Geist, was immer das sei, „irgendwie“ spinnt, bleibt wohl nur zu schauen, was der dranhängende Körper an Dummheiten aufs Tapet bringt. Schlimmstenfalls fesseln, ist dann auch die letztmögliche Maßnahme in der Psychiatrie. Dort nennt man es fixieren.

Das wird so ähnlich auch medikamentös erreicht, psychotisch Kranke bekommen einen medizinischen Dämpfer. Die verschiedenen Produkte der Pharma mögen unterschiedliche Ansätze verfolgen, von Interesse für meine Skizze an dieser Stelle ist die Wirkweise der bekannten hochpotenten Mittel, die gegen psychotische Ausfälle angewendet werden. Man möchte Einfluss auf das Gehirn nehmen und Reizüberflutung in den Griff bekommen. Diese Flut bezeichnet ein zu viel vom Dopamin. Das ist, was dem an Parkinson Erkrankten nicht genügend produziert wird und der Einfachheit halber als Datenstrom erklärt werden dürfte. Dieser muss angemessen fließen. Das heißt nun aber, dass es sich um angepasste Fluten handeln muss, damit unser Gehirn korrekt arbeitet und der Geist gesund wirkt. Mir hat ein Arzt erklärt, dass, blildlich gesprochen, mal mehr, mal weniger Post ausgetragen würde und man mittels Medikament die Schlitze der Briefkästen kleiner mache, also die Rezeptoren ummantele, da das Dopamin selbst nicht pharmazeutisch gesteuert werden könne. Der Gedanke hinter solcher Art von Medizin ist die Annahme, das Gehirn vom psychotischen Menschen ertrinke quasi im Dopamin, sagen Fachleute. Man schützt die Rezeptoren vor dieser Flut an Informationen. Nach einiger Zeit produziert der Organismus weniger dieser Gehirnsuppe. Anschließend kann die Dosis des Medikaments neu angepasst werden. Der Arzt redet nun von Erhaltungsdosis. Diese fein abgestimmte, geringe Portion täglicher Benebelung wird empfohlen. Das gilt Fachleuten als eine Art Rüstung (wie beim Ritter in seiner Blechdose) des vulnerablen Patienten, ohne die er nach Lehrmeinung der Ärzte lebensunfähig ist (unter den von Natur aus dickfelligen anderen Menschen). Der Psychiater sagt: „Wir schauen mal, wie wir sie einstellen können“, als habe er eine Maschine zu justieren. Das ist eine dem Wesen nach schwach aufgestellte Theorie. Die andauernden Misserfolge der Therapie mit wiederholten Rückfällen werden mit dem Krankheitsbild erklärt. Man wischt die offenkundigen Schwächen der Behandlungsmethode weg, statt von Grund auf neu zu denken.

Ich gebe gern zu, habe inzwischen reichlich Erfahrung in meinem Leben damit gemacht, mit Psychiatern, ihren Methoden, den Medikamenten, demütigenden Rückfällen, Stigmatisierung usw. bei verschiedenen Episoden meiner schubweise auftretenden Erkrankung. Die Pillen wirken deutlich. Das funktioniert genauso wie beschrieben. Nicht alle Patienten sind in der glücklichen Lage, dass sie wie ich kurz und heftig erkranken und mit entsprechend hoher Medikation schnell ins gewohnte Leben zurückfinden. Dann beginnt der Widersinn einer Therapie voller Hilflosigkeit, die bloß schöngeredet wird. Zeit vergeht und ist anschließend weg. Dieses Jahr werde ich sechzig Jahre alt und denke nicht selten verbittert zurück.

Wir sollten über den Tellerrand schauen: Was heißt das, gewohntes Leben, was kann einer draus machen, der kurz nach der Ausbildung das erste Mal erkrankt? Ein Erfahrungsbericht ist nicht wissenschaftlich, das betone ich, aber nehmen wir doch einmal an, jemand vermutet, er würde mit Werbung zugemüllt und klebt sich deswegen den Briefkasten zu, was würde passieren? Dazu muss man sich in Zeiten zurückversetzen, die so lange nicht her sind. Wir bekamen im vorigen Jahrhundert die Post noch massenhaft aus Papier, und ein Beispiel sollte anschaulich sein. Vor der Haustür rund um den Briefkasten solcher Messies stapelte sich Postmüll. Berge von „Einkauf-Aktuell“, und auch die wichtige Post legten die Briefträger einfach daneben ab. Die Postboten gaben dem Kollegen, der neu auf dieser Tour einspringen musste, Tipps für solche Horrorhäuser mit. Man kann sich die Bewohner vorstellen, und solchen Leuten geht man besser aus dem Weg. Denkt man weiter, wird klar, dass das Verbarrikadieren der Eingänge die Flut von Werbung nicht reduziert. Diese gelangt möglicherweise nicht mehr ins Haus, aber es gibt intelligentere Formen, nötige Sendungen von unnötigen zu trennen. Nun muss man sich klarmachen, dass Medikamente einzunehmen einer Art Betreuung entspricht. Da kommt also ein Arzt zu dir nach Haus und verklebt den Postschlitz, sagt noch was Nettes: „Das wird schon!“, und spaziert wieder weiter zum nächsten Patienten.

Das kann nicht gut gehen.

Ich möchte eine intelligente Psychiatrie.

Dafür schreibe ich. Aus meinem Leben habe ich einen Selbstversuch kreiert. Die Pharmazie hat geliefert. Jetzt sind wir Nutzer in der Pflicht. Solidarisch, wie die queeren Leute lernten, für ihre Lebensweise Räume in der Gesellschaft zu etablieren, Lebensqualität einzufordern, müssen auch wir „Psychos“ Gesundheit wollen, statt zuzulassen, bloß an die medizinische Leine genommen zu werden. Es macht unsere Mediziner und ihre einsichtigen Patienten froh, einen kraftvollen Wirkstoff einsetzen zu können, aber wir müssen als Behandelte lernen, selbst zu denken.

Ein Umweg könnte helfen zu verstehen?

Man kann eine Trompete mit Dämpfer spielen, es ist aber eine Kunst für sich. Das möchte ich mal erläutern. Bilder zu bemühen, kann anschaulich machen, was andernfalls nur schwer vermittelbar wäre. Vorweg noch Reisebeschreibungen. Das muss sein.

Am Fenster rast die Natur vorbei, gerahmt wie ein Video.

# Unterwegs 

Auf meiner Fahrt im Zug nach Stuttgart mache ich eine nette Bekanntschaft.

Sie sitzt mir im Speisewagen gegenüber. Der einzig freie Platz, ich habe gefragt und darf mich dazusetzen. Eine junge Frau ist das, schick gekleidet für das Büro, ein Smartphone hat sie in der Hand, der Laptop ist aufgeklappt. Geschirr für Frühstück steht am Fenster. Kaum habe ich mein Tablet geöffnet, Kaffee bestellt, beginnt sie das erste Mal, heftig und röhrend zu husten, dass die Lungen vibrieren. Da muss man was sagen, mitfühlen:

„Sie sind erkältet?“

Sie freut sich, lächelt schelmisch, mag es, nicht ignoriert zu werden.

„Den Husten habe ich aus Paris mitgebracht. Hört man das?“

„Den Akzent meinen Sie?“

„Ja.“

Mir gefällt, wie sie mich dabei ansieht.

# Habitussi

Ein generisches Femininum par excellence wird an dieser Stelle benötigt. Nach einiger Zeit beginnen wir, weniger auf unseren Tastaturen zu tippen und reden schließlich intensiv. Sie ist zu einem Termin unterwegs, ich mache gerade Urlaub, aber wovon? Es ist unvermeidlich, sich ein wenig zu öffnen, manches preiszugeben. Andernfalls wäre nötig gewesen, von Beginn an abweisend zu bleiben. Das wiederum ist schon schwierig hinzubekommen bei einer emphatischen Bekanntschaft! Sie trägt ihren reichlichen Teil dazu bei zu reden. So bin ich bereits bei der Fahrkartenkontrolle in die fröhliche Frechheit verfallen, verschmitzt zu sagen, ich hätte noch eine „weitere Frau in Wagen sechs“, und da sei auch meine Reiseberechtigung, der Fahrschein. Allgemeines Schmunzeln ist die Folge. Es kommt auf den Ton an. Ich denke an Ephrahim Kishon:

„Die beste Ehefrau von allen“.

Das erübrigt die Beschreibung.

Meine junge, schöne und intelligente Reisebekanntschaft aber kleidet sich ganz in schwarze Klamotten, die Stil beweisen. Sie ist schlank. Das Haar, ebenfalls schwarz, ist zurückgebunden. Mit dem Gesicht macht sie lebhafte, aber nicht übertriebene Mimik, sie sieht toll aus. Das kann ich schreiben. Sie redet. Diese genderfröhliche Person erklärt sich als angestellte Konfliktmanagerin im Quereinstieg und nicht in Vollzeit nach Studium der Betriebswirtschaftslehre. Sie sei heute unterwegs zum Workshop, erfahre ich. Mitarbeiter ihrer Firma warteten darauf, sagt sie, gleich, wenn sie ihr Ziel erreicht haben wird, von ihr zu lernen und zu diskutieren, wie man’s macht bei Schwierigkeiten. Die Dame beschreibt mir ihre Tätigkeit, das Krisenmanagement zu lehren, was es bedeutet, und ich lerne dabei etwas. Not verlangt straffe Organisation. Eine möglicherweise eintretende Schieflage (wie an Bord) mache erforderlich, dass der Chef jemanden an die Seite gestellt bekäme, erläutert die Redegewohnte gern Elemente ihrer Arbeit. Man könnte sagen, eine Art Kriegsminister, aber das klingt ein wenig übertrieben? Mir fällt das Beispiel des Lotsen ein. Auf der Elbe hat der das Kommando. Man könnte auch Arzt und Patienten als sinnvolles Doppel in einer psychischen Krise zum Beispiel des Notfallmanagements heranziehen, aber das sage ich nicht. Mir ist die Dame inzwischen nicht ganz geheuer. Ich habe schon erlebt, auf Menschen zu treffen, die gerade mich kennenlernen wollten und raffiniert dazu kamen wie zufällig.

Ein wenig hilft, mich dran zu erinnern, dass ja ich derjenige war, der fragte, sich mit an das kleine Tischchen setzte und nicht sie. Selbst schuld? Und die Klappe einfach halten, das hätte ich ebenfalls gekonnt theoretisch.

Ich beginne also allerlei Themen mit ihr wie sie mit mir. Schließlich ergibt sich die Möglichkeit, nachdem sie meine Website im Smartphone hat: „Ich schau’s mir später an“, beim Abschied ebenfalls den Namen zu erfragen. Es ist ihr nicht recht? Das Gesicht, was sie macht, kontrastiert zum bisherigen Plaudern. Sie probiert, mit bloß dem Vornamen mir einen unverfänglichen Happen zu gönnen –.

Da ist wieder unsere gegenseitige Angst voreinander, wie sie eben beiderseitig Menschen befällt, selbst wenn man sich mag.

Der als Seelenklempner verballhornte Psychiater wird im Kino gern als grenzwertige Person dargestellt. Angst ist kein Privileg von Kranken, sie zu haben. Ich finde nicht, dass wir uns gefallen lassen sollten, wie an der Hand vom Doktor zu leben; ein Typ, der unsere Post kontrolliert, ist kein Freund. Natürlich bekommen die Schiffe einen Lotsen im schwierigen Fahrwasser. Das bedeutet trotzdem Transparenz an Bord auf Augenhöhe. Der Lotse ist Seemann und dem Rang nach Kapitän wie der Schiffsführer selbst. Der eigentliche Kapitän gibt einige Verantwortung ab, aber nicht seinen Verstand.

Das stelle man sich vor: Der Lotse übernimmt nicht die Verantwortung im Falle einer Katastrophe, sondern kommt verdeckt an Bord. Das riesige Containerschiff läuft in die Elbe ein. Der Kapitän meint, sich ganz allein mit der schwierigen Navigation zurechtfinden zu müssen? Dann ist da plötzlich immer dieser Typ neben ihm an der Steuersäule auf der Brücke. Wie hat der den Weg an Bord gefunden? „Sehen Sie diese Fahrwassertonne, Kapitän?“, fragt er oder gibt einen Ratschlag: „Dahinten müssen Sie aufpassen, da gibt es eine Untiefe.“ „Wer sind Sie, mich die ganze Zeit zu belehren?“, der Kapitän eines Megaschiffs hat wohl ein Recht darauf, nachzufragen?

# Mein Horn

Beispiele hinken immer. Jetzt kommt aber doch die Sache mit der Trompete. Ich habe eine und übe seit gut einem Jahr regelmäßig täglich. (Das gibt einer allgemeinen Beschreibung die individuelle Note, der Ton macht die Musik, und so auch hier). Vom Spiel mit Dämpfer möchte ich reden. Das Instrument besitze ich schon lange und blies auch mal eine Zeit lang im Orchester einfache Passagen mit. Das liegt zeitlich zurück. Vermutlich war ich laut und rhythmisch unsicher.

Wieso ist das hier ein Thema?

Pharmaka einwerfen, sollte Krisenmanagement sein und nicht eine lebenslange, aufgezwungene Pflicht. Die Parallele findet sich: Den Trompetendämpfer zu verwenden, müsste Teil des Musizierens sein und nicht Dauerzustand. Natürlich entsteht mit dem Harmon oder Cup eine eigene Klangnuance. Es geht nicht um eine Krise, wenn der Musiker eine Passage gedämpft spielt. Bleibt aber anzumerken, dass zu Hause Üben nicht alle freut. Da ist ein Dämpfer gerade recht geraten und auch wieder nicht, warum? Der Grund mag Nichtmusiker erstaunen. Die einen Trompeter kommen gut klar mit ihrem Dämpfer, aber andere schaffen sich neue Probleme.

Zum Trompete spielen gehört „der Ansatz“. Das bezeichnet die Stellung der Lippen. Ihre Ausrichtung, die Größe vom Luftdurchlass, von der umgebenden Muskulatur ans Mundstück angepasst, muss in Relation zu manchen weiteren, nötigen Sachen stimmen. Verkürzt kann man sagen, dass manche Probleme bekommen, wenn sie viel mit Dämpfer spielen. Und damit sind mehr die gemeint, die ihn beim Üben einsetzen. Dann nämlich, wenn weniger der Klang und ein besonderer Stil gewünscht sind, sondern Befürchtungen im Vordergrund stehen, man sei ansonsten zu laut. Da multiplizieren sich bekannte Schwierigkeiten.

Die Trompete erklingt entsprechend ihrer Rohrlänge. Das Instrument schwingt, wie der Musiker es mit seinen Lippen dazu bringt. Zunächst benötigt man die wenigen drei Ventile mit ihren Tasten nicht einmal, um schon einige Töne hinzubekommen. Wie Leitersprossen von ganz unten nach oben immer höher hinauf hat uns der liebe Gott (oder die Natur, wie man’s nennt), eine Reihe von Tönen fest installiert, für die es kein Ventil zu drücken benötigt.

Trompeten sind in der Regel „in B“ gestimmt. „Unser C“ erklingt einen Ganzton tiefer (als das vom Klavier) aus dem Instrument. So werden typischerweise die Noten geschrieben, nach denen wir lesen. Ein Stück beispielsweise in F-Dur mit anderen zusammen spielen zu wollen, bedeutet für uns, die Trompetenstimme in G-Dur aufzuschreiben. Wie geht’s los? Das tiefe C ist ein Grundton, wie ihn Anfänger meist auf Anhieb hinbekommen. Eine Oktave drüber liegt das C, das sich oberhalb der mittleren Notenlinie befindet, und diese beiden Töne sind Teil der Naturtonreihe wie auch das G dazwischen auf der Linie unter der Mittellinie (mit dem Ton, den wir in Deutschland „H“ nennen). Hat man sich ein wenig zurecht gefunden, ist es möglich, innerhalb der Oktave die dazwischen liegenden Töne mithilfe der gedrückten Ventile zu blasen und natürlich auch hinunter so weit es geht. Ein tiefes Fis ist machbar. Darunter sind weitere Geräusche möglich, die aber nur ein geübter Spieler als sogenannte Pedaltöne ebenfalls gut hinbekommt. Das kann ich nicht. Die Ventile machen die Musik einen halben oder ganzen Ton tiefer, eineinhalb Töne runter gelangt man mit dem hinteren Ventil allein oder besser durch Kombination der vorderen eins und zwei zusammen. Das wird in der Regel bevorzugt. Wir verwenden die Griffe angemessen derart, wie es dem logischen Ablauf genügt für das flüssige Spiel. Natürlich kann man auch eins und drei gemeinsam drücken oder zwei und drei. Die Eins, ganz vorne bei uns, nahe dem Mund, der Zeigefinger ist dafür zuständig, vertieft um einen Ganzton. Das mittlere Ventil erniedrigt das Geblasene um einen halben Ton. Es gibt Grifftabellen für das Reguläre, wie es üblich ist und Alternativen. Je höher man spielt, desto enger liegen die Naturtöne. Das vergrößert die Auswahl an Griffmöglichkeiten, um einen gewünschten Ton blasen zu können.

Der Ansatz ist ein Thema für sich. Als Anfänger weiß man nicht, wie man’s macht. Mit der Zeit verbindet sich ein abrufbares Gefühl der nötigen Muskelkontraktion mit dem Ton, der entsteht. Gehör und Handlungsweise arbeiten abgestimmt zusammen. Dann kann man von „Ansatz“ reden. Die Zunge erhält mehr Aufmerksamkeit, einen wesentlichen Anteil unseres Nachspürens, wie wir spielen möchten. Trompeter lernen, darauf zu achten, den Buckel, den man mit diesem Megamuskel Zunge formen kann, gezielt einzusetzen, um locker nach oben zu spielen. Man platziert die Zungenspitze hinter den unteren Zähnen und erzeugt den Anstoß, wo der Bogen der Zunge den Gaumen berühren darf, bevor sich ein Kanal für die Luft öffnet. Der Anfänger erlebt alles Mögliche, wenn ihm gelingt, mehr mitzubekommen. Wie hatte man sich angestellt, Blasmusik zu machen? An guten Tagen geht das bald ganz leicht. Es bewegt sich immer weniger im Gesicht, falls man sich’s mal im Spiegel anschaut, und die Töne stehen dem Bläser so einfach zur Verfügung, als habe man ein Klavier geschenkt bekommen.

Bekannte Trompeter arbeiten mit ihrer Gesichtsmuskulatur, schauen aggressiv oder sonst wie kraftvoll, aber das sind Künstler. Sie sind wie Maler oder Zeichner voll im Fluss ihrer Intention. Meister probieren die allerschwierigsten Dinge und entsprechend emotional wird die Mimik. Da mag der Anfänger denken, um überhaupt rauf zu kommen, hoch zu spielen müsste man ganz viel tun? Das führt in die Irre. Ein Anfänger ist kein Künstler. Und die besten eines Fachs werden wir in allen Lagen studieren können. Man dürfte erstaunt sein. Jemand schaut, als zöge sich sein Gesicht wie im Kraftakt zusammen. Wieder überrascht uns, wie leicht und mühelos ein Könner etwas tut, das wir nicht verstehen. Es gibt reichlich Youtube, wo Menschen ihre Fähigkeiten darbieten. Man sieht, dass zum hohen Ton kein Theater nötig ist, diesen leicht und vergleichsweise leise zu blasen. Die Demoveranstaltung aus dem Studierzimmer bedeutet aber nicht, Maynard Ferguson unter Dampf vor tobendem Publikum anzuschauen. Das sollte klar sein.

Viel Luft maßvoll einzusetzen als Treibstoff unserer Musik, ist effizienter. Der Mensch als Blasebalg entwickelt so gesehen größere Dynamik auch in leisen Passagen, wenn jemand es vermag, sich spontan ganz und gar mit Luft zu befüllen. Verglichen mit einem Auto, das Benzin benötigt, lernen wir vollzutanken, statt mit dauernd nur einer Pfütze im Tank zu fahren und das heißt, den nötigen Vorrat blitzschnell einzuatmen. Das wiederum setzt voraus, dass der Leib des Bläsers unverkrampft ist. Man fühlt sich gut, wenn man’s richtig macht, und nicht allen von uns gelingt es auf Anhieb. Wir müssen das einige Male merken, und nun sollte ein wenig Aufwärmen zu Beginn dahin führen, die bessere, statt die gewohnte Atmung einzusetzen. Verpasst man, diesen Gedanken zu berücksichtigen, wird man frustriert sein. So gesehen verhilft Trompete üben zu besserer Atmung.

Und das fühlt sich gut an.

Der größte Fehler unserer Psychiatrie ist, das Ärzte nahezu keinerlei Ideen bereithalten, Wohlgefühl beim Patienten als das wichtigste Ziel ihrer Therapie in Aussicht zu stellen und das nicht nur verbal. Von Anfang an spürbar und in zunehmend größeren Dosen müssten Ärzte dieses kostbarste Gut an uns verschenken. Die Nichtkranken probieren stattdessen, die Manipulation als Methode anzuwenden und verstärken auf diese Weise das Paranoide noch. Diese Befürchtungen dämpft man schließlich medikamentös ein und verewigt den Doktor als notwendigen Begleiter einer absurden Symbiose.

# Luft in Dosen statt Pillen in Packungen?

Menschen, die psychische Probleme haben, atmen flach. Unsereiner spannt den Bauch an und merkt es nicht. Wir schnüren dazu den Brustkorb ein, und es ergeht uns hoffentlich (durch Zufall kommen wir darauf), wie dem eisernen Heinrich, dem sich scheinbar spontan die Rippen öffneten, als seine Ängste verfliegen. Wenn wir’s erst merken, dass es auch anders geht zu atmen, startet ein Prozess wie automatisch in Richtung der angenehmen Lebensweise, zu der das System Mensch fähig ist. Damit dieser Anlauf auf ein, wie ich finde, notwendiges Ziel nicht in einen weiteren Schub der Krankheit mündet, sind einige Überlegungen bedenkenswert. Nur im Märchen werden alle Wünsche wahr.

Langsam, leise, klug und geschickt zu üben, ist mal besser. Zunächst möchte ich weitermachen, das Trompetenspiel mit Dämpfer näher beschreiben. Was könnte problematisch sein? Da der Ton bei uns vom Mund her gemacht wird, ergibt sich ein Spielraum, das Gewünschte exakt oder weniger gut zu treffen. Der Hauptstimmzug vom Instrument wird zu Beginn ein wenig herausgezogen. Die Trompete ist absichtlich zu kurz. Die Rohrlänge entscheidet und unser tägliches Vermögen, treffsicher zu sein, variiert. Wenn man den Bogen am Mundrohr ein wenig rauszieht, ergibt sich die Möglichkeit, mittels Gehör und dem Stimmgerät herauszufinden, ob das einen Zentimeter bedeutet oder eineinhalb, damit alle Musiker im Orchester heute auf dem gewünschten Grundton erklingen. Daneben sind die Fähigkeiten des Musikers und seine Angewohnheiten ein Faktor. So hat die Trompete weitere Stimmzüge. Letztlich entscheidet der Spieler durch seine Fähigkeit vorauszudenken, wie hoch oder tief alles herauskommt.

Um den Ton ein wenig „herunterzulippen“ („Die Trompete“, Edward Tarr, Schott, 1984) müsste der Spieler die Lippenöffnung runder machen, also weg von einer flachen, waagerechten Spalte, hin zu einer weniger breiten, höheren Öffnung für den Luftstrom („Kunst der Blechbläser“, Philip Farkas, 1962). Das mal hinzubekommen für nur einen Ton, ist mit Blick aufs Stimmgerät einfach. Ganze Passagen mit so umgestellten Ansatz zu blasen, finde ich schwierig. Das erfordert unbedingt ein gutes Gehör. Das zu schulen, kann man wohl nicht oft genug üben. Man könnte probieren, die Trompete mit der falschen, oder sagen wir unbequemen, Einstellung korrekt zu blasen? Die Mariachis spielten alles, ohne den Hauptstimmzug überhaupt rauszuziehen, behauptete mal ein Freund mir gegenüber. Ich weiß nicht ob es stimmt. Das Können, unser Vermögen damit klarzukommen, entscheidet.

Jetzt zum Dämpfer, ihn hineinzustecken in den Schalltrichter, bedeutet, dass ab der Gegend, wo sein Kork im Metall steckt, die Schwingung vom Instrument ihr Ende findet und ergo sich die Trompete verkürzt. Man spielt alles zu hoch, wenn man nicht auf eine Weise kompensiert, etwa den Hauptstimmzug noch ein wenig weiter rauszieht. Es tritt unter Umständen eine Gewöhnung ein? Es gibt mehr Widerstand, weil die Luft durch das Dämpfen zurückgehalten wird, und das tut ein Übriges. Wer nun unbedacht mehr Kraft aufwendet, weil es ja tatsächlich eine (wie angezogene) Bremse gibt, wird sich nicht wundern müssen, anschließend ohne den Dämpfer laut zu klingen – und hoch. Das Wort im vorangegangenen Satz, auf das wir merken sollten, heißt „unbedacht“.

Der eingangs vorgestellte Bewegungslehrer Moshé Feldenkrais hat aus dem Wort „Bewusstheit“ ein persönliches Logo kreiert. Das Gegenteil vom unbedachten Tun ist das bewusste Handeln. Die Trainings werden in normaler Straßenkleidung durchgeführt, obwohl es einfacher ist, in ganz leichten Sportklamotten rumzuturnen?

Unsere Bewusstheit in Alltagskleidung zu schärfen, folgt der Idee, das anschließende Umziehen nicht zu benötigen. Die geschärfte Aufmerksamkeit bezieht die Absicht, das Training voll bekleidet zu tun, bewusst mit ein. Eine gute Sache, es kann passieren, dass wir nach einer Entspannungsübung in Sportkleidung von der Isomatte aufstehen und uns wunderbar fühlen. Der Grund ist, dass wir lernten, die gewohnten Kontraktionen aufzulösen. Sich anzuziehen, ist aber, wenn wir uns wieder für Draußen umziehen, das Allergewöhnlichste. Da kann passieren, dass man in zwei Minuten alles vergisst, was eine Stunde lang allmählich erlernt wurde, leichtes Bewegen.

Viele Menschen wissen den Nutzen von Medikation in dem Sinne zu schätzen, dass hier eine Art Rüstung – zusätzlich der Kleidung – der Seele ihr dickes Fell gibt. Man merkt weniger mit Absicht.

Nun noch der Trompetendämpfer in dieser Reihe von Beispielen: Das ist wie mit Gummistiefeln zum Hundertmeterlauf anzutreten. Ein Training sollte sinnvoll sein und keine Quälerei mit dem Ergebnis, dass anschließend alles noch schlechter läuft. Mehr Pausen beim Üben einzulegen, wird geraten. Intelligenz ist nötig.

Dieser Text soll zum Plädoyer für eine bessere Medizin werden. Dafür stehen die Beispiele. Pharmaka sind nicht schlecht. Dumm angewendet, nützen sie nicht, sondern verfestigen unsere Probleme und zerstören nachhaltig die Zukunft, ruinieren unsere verbliebenen Perspektiven. Pillen grundsätzlich abzulehnen ist aber Unfug, wie Messer allgemein verbieten zu wollen, die wir etwa in der Küche benötigen, weil man sich auch dran verletzen könnte?

Warum läuft der Topf im Kopf über, wäre die notwendige Frage, die wir stellen müssten. Es gibt keinen Wirkstoff, der uns, täglich eingeworfen, das Dopamin gezielt für jeden Augenblick korrekt einstellt. Was wäre denn die richtige Menge dieses Stoffes in Relation zur Situation, in die wir spontan geraten? Wie doll wir verliebt sein dürften oder Freude zulässig ist (über ein gutes Geschäft etwa, eine Beförderung), und wie heftig uns zustünde, Angst auszuhalten, bleibt eine Ermessensfrage. Wie viel Selbstständigkeit möchten wir in andere Hände abgeben? Darf die Gesellschaft über Krankheit oder geistige Gesundheit ihrer Mitglieder bestimmen ohne Zweitmeinung? Die zweite Meinung ist nicht selten ein Angehöriger mit zweifelhaftem Interesse oder der Apparat Polizei mit den typisch stumpfen Köpfen dieser Berufsgruppe. Das kann kein Fremder leicht nach seinem Gusto und noch weniger eine sonst wie intelligente Pumpe definieren, ohne weit über das Ziel des Gewünschten hinaus zu schießen. Wie Gesundheit wahrgenommen wird, hat immer mindestens zwei Ansichten, die innere und die Meinung des Beobachters. Fremde Bewertung mag abweichen vom Empfinden des Patienten selbst. Es fängt damit an, ob demjenigen die Freiheit bleibt, überhaupt allein zum Arzt zu gehen, oder ob uns eine Gefährdung für Leib und Leben bescheinigt wird.

Dann muss man sich fügen.

Die Medizin betäubt bloß die Annahmestellen und hinkt so gesehen der Realität des momentanen Erlebens hinterher. Falls der Arzt eine „Erhaltungsdosis“ verschreibt, kommt das nicht selten einer Demütigung gleich.

Stadtgespräch, Betreuung: „Frau Müller sorgt dafür, dass Helga ihre Tabletten nimmt.“

Das ist, was möglicherweise schimpfenden Nachbarn über schiefe Trompetentöne entspricht, wenn man ohne Dämpfer rumtutet. Stigmatisierung habe ich in vielen Texten dargelegt. Man möge mir meine Einfälle verzeihen, die kein absurder Umweg sein möchten, sondern Denkanstoß. Oft erkranken die Patienten trotzdem. Wie hoch soll die Dosis sein? Menschen, die sich’s gefallen lassen, werden kaputt gemacht mit Ansage, es müsste sein. Die „Antipsychiatrie“ sei nicht weit gekommen, meint der eingangs erwähnte Paul Watzlawick in einem Buch („Anleitung zum Unglücklichsein“, Piper, 1984 – und andere). Schade, finde ich. Es gäbe keine bessere Alternative, meint man? Die Gesellschaft grenzt aus. Die Masse steht gegen uns, die wir krank waren. Man sorgt sogar dafür, dass wir es wieder werden. Nachbarn schaffen ein paranoides Umfeld: „Wisst ihr, was das für einer ist?“ Drei zu eins. Das heißt, Pharma, Arzt und „die Leute“ intrigieren gegen den Einzelnen. Er muss Patient sein und bleiben nach dem Willen dieser drei.

# Das kann ich erzählen 

Die Gesellschaft, wer sind wir? Was sind das für Leute hier im Land? Einige Erinnerungen mögen genügen. Das wirft ein Schlaglicht oder zwei, drei. Es könnte helfen zu verstehen? Mein Vater war mehrfach in Behandlung und eine Zeit lang schwer depressiv. Darf man’s sagen? Er ist vor einigen Jahren gestorben. Ich selbst bin in psychiatrischer Behandlung gewesen. Darüber redet niemand gern.

Schon erstaunlich (erinnere ich), mein Vater fand tatsächlich mal nötig, einen jungen Mann aus dem Bekanntenkreis zu düpieren. Das sagte Erich nur im Vertrauen (ein dezenter Hinweis an das Publikum), ohne dass der Heranwachsende im Raum war. Es gefiel meinem Vater, den Umstehenden gegenüber eine abwertende Äußerung abzugeben:

„Der stimmt nicht.“

Wie hat mein Vater mich gesehen, stimmte ich?

Ich habe ihm das seinerzeit vorgehalten; Schweigen. Zeit meines Lebens, bis zum Tod von Erich, also von Anfang der Neunziger bis vor nicht langer Zeit war es unmöglich, auch nur ein einziges Mal aufrichtig und tiefergehend mit meinem Vater, ja überhaupt mit meinen Eltern über meine Erkrankung zu reden. Meine Mutter hatte sich ein Buch gekauft immerhin. Das wäre von einem „Gottesmann“, und sie spitzte den Mund, als fasse sie einen glibschigen Fisch mit zwei Fingern an:

„Zichose.“

Die eigenen Ausfälle bagatellisierte mein lieber Vater im Gespräch mit Freunden. Er habe mal so’n „Depri“ gehabt, probierte Erich zu scherzen.

Das kam an. 

„Jo, jo – Bassi! Geht klar.“

„Noch jemand ’n Bier?“

Ein Segelfreund mit langanhaltender Psychose (so ein milder, aber hartnäckiger Verlauf) kam nicht zurecht mit meinem Arzt. Ich hatte den empfohlen. Sie waren untereinander im Sprechzimmer in Zorn geraten? Die Chemie müsse stimmen, heißt es ja, bei der Wahl des Therapeuten. Mein Psychiater entblödete sich nicht, Details seiner Behandlungsversuche an mich weiterzugeben. In diesem Gespräch redeten wir nicht über meine Erkrankung, sondern über die meines Segelfreundes. Der hatte sich schwer gestörten Mitpatienten gegenüber als überlegen dargestellt, wie er welche bei einem Klinikaufenthalt kennengelernt hatte und Details davon erzählt. Mein Doktor ließ sich hinreißen, mir den Freund wie folgt zu beschreiben:

„Na ja, Herr Bassiner –, unter Blinden ist der Einäugige König.“

Mein Freund ist Einauge?

Was habe ich, bin ich doppeläugig, normal? Der Doktor hätte so gesehen als Kaiserauge die Nummer drei (oder doch besser ein Hühnerauge im Hirn).

Das zeichnet Gespräche auf.

Aua.

# Ein Lotse ist kein Vormund

Mit diesen Gedanken noch hinein in einige Beschreibungen. Ich resümiere, was sich in der Gesellschaft ändern müsste, damit psychisch Kranke als mündige Bürger schließlich gesund und reintegriert leben dürften, was leider viel zu selten gelingt. Die Anlaufstellen für psychisch Kranke sind irgendwo, es könnte der Hausarzt sein, der am Anfang steht? Es sollte Orte geben, die bessere Hilfe draufhaben, als nur ein wenig reden und ein Medikament verschreiben. Die Dorfpsychiater müssten ihre Patienten dorthin verhelfen, wo ihnen adäquat geholfen wird. Auch gibt es Menschen wie mich, verstockte. Ich gehe nach Möglichkeit zu gar keinem Arzt, weil mein Vertrauen in die Medizin nachhaltig beschädigt ist. Eine Gesellschaft, die mir freies Leben zugesteht bei meiner Vergangenheit, müsste noch erfunden werden. Stigmatisierung wird verdeckt empfunden von „Ehemaligen“ wie mir, und das tut weh. Ich kann jederzeit einen neuen Schub meiner Erkrankung bekommen. Das liegt auch am Trauma durch vergangene Episoden. Entstigmatisierung könnte gelebt werden durch Aufklärung, etwa wie viele von uns schon einmal psychotisch gewesen sind, eine ganze Menge nämlich und das Bewusstsein, das auch sogenannte Normale daran erkranken können. Es gibt kein nachweisbares Gen für dieses Wirren. Entscheidend sind einige Faktoren, und wir sind leider geprägt von Aufmerksamkeit erheischenden, katastrophalen Verläufen, die statistisch Ausnahmen sind.

Unser Staat und seine vom Boulevard geprägte Gesellschaft lebt weiter nach dem Gesetz des Stärkeren. Die neuen Regeln unterscheiden sich von denen im Mittelalter, das glaube ich. Mehr aber auch nicht. Meine Hilfe kommt vom Herrn oder vom Arzt? Pest und Cholera. Das ist durchaus ein Thema: Was ich an der Jesusgeschichte mag, und ob ich sie glaube? Zunächst (wie auch beim Stephanus) bin ich dankbar für die klugen Zeitgenossen, die das aufgeschrieben haben. Schon vor so langer Zeit mussten Menschen in sozialen Strukturen leben. Es gab Städte, Länder, Besatzungsmächte und allerlei Unrecht. Da kommt eine immer noch moderne Erzählung bis heute überzeugend rüber. Natürlich ist Jesus der Sohn Gottes. Jeder Mensch ist doch ein Teil der Schöpfung. Du und ich, wir alle sind die Kinder des Herrn. Wir müssen hinnehmen, dass unsere Natur von der Wissenschaft nur moderiert wird. Das sind keine Erklärungen, nur Beschreibungen. Wir können keine Lebewesen aus dem Nichts erschaffen, wo nicht bereits Leben dort ist. Selbst wenn wir den Mars kultivierten, würden wir nur Bekanntes rüberfliegen und den roten Planeten infizieren.

# Jesus Christus

Wer sonst, wenn nicht der Mutigste von allen mit genau diesem Glaube, hätte es geschafft, bis zum Ende zu gehen? Warum sollte ich bezweifeln, dass es jemand gegeben haben könnte, der selbst fest dran glaubte? Wenn Christus überzeugt war, sollte das jedem von uns genügen, zum Vorbild reichen, sich nicht dem Mob hinzugeben und anzupassen an tumbes Traben gegen die Liebe, die Vernunft und so weiter. Da, im Evangelium ist unser Menschsein bestens illustriert. Das gilt immer – und noch. „Lieber tot als Nazi“, dachte wohl auch Sophie Scholl, und richtig war das. Wie wird man denn anschließend einer Gräuel hundert Jahre alt, weil man sich anpasste und feige andere verraten hat? Dann lieber geradeaus zum Schafott! Wir können nur durch Zeugung neue Menschen machen, begreifen den Tod nicht. Was braucht es mehr, noch heute einzusehen, das Schöpfung und Menschsein ihr Abbild finden in der Jesusgeschichte? Da benötigt es keinen Himmel, und zur Rechten und Linken sitzen Heilige auf der Wolke. Du sollst dir kein Bildnis machen vom Herrn, ist der beste Rat, bloß hält die Kirche sich selbst nicht daran. Es könnten auch schnöde, unbekannte Leute geholfen haben, denen diesen Aufrührer einfach leid getan hat? Sie dürften sich über Petrus und die feigen Jünger hinweg gesetzt und mehr praktisch um den Gemarterten gekümmert haben. Unbekannte haben ihn rechtzeitig abgeborgen, ein bißchen Theater abgezogen. Der junge Herr hat anschließend die Klappe nicht mehr so weit aufgerissen, den Landstrich gewechselt, die Klamotten. Der Rest ist Geschichte.

Das glaube ich.

Vertrauensverlust ist meine Erfahrung. Ich bin gutgläubig gewesen und komme nicht los davon. Das führt in immer neue Enttäuschungen. Man kann mich leicht in die Irre führen. Betrüger begeistern sich an meiner Naivität. Ich bin nicht allein? Andere tappen ebenfalls rum. Man denke sich einen Gott aus, nenne ihn evangelisch und glaube an sein Wirken zum persönlichen Besten? Wunschdenken macht krank. Erkenntnis beinhaltet die Pflicht, arbeiten zu müssen. Das lehrt die Bibel. An dieser Stelle ist sie gut. Wir leben vorwärts, nicht nur in der Erbfolge unserer Vorfahren und deren Schuld, was sie uns einbrockten. Wir müssen manches auslöffeln. Auch mit unserer eigenen Vergangenheit sollten wir uns vertragen und begreifen, dass gelebte Zeit nicht ein zweites Mal zur Verfügung steht, es sei denn, ein Leben nach dem Tod wartet auf uns? Glaube befreit nicht von den Aufgaben im Hier und Jetzt. Verantwortung übernehmen, stärkt das Selbstvertrauen. Das ist besser, als anderen nachzulaufen, hoffen, beten, wünschen und mehr noch verzapfen.

Ich möchte mich am eigenen Erleben versuchen. Das gibt dem wissenschaftlichen Ansatz mindestens Anstoß, weitergedacht zu werden. Ich glaube, dass wir Menschen mit unserer langen Adoleszenz, diese Jahre unserer Kinder mehr oder weniger gut begleiten. Am Ende stehen Erwachsene, die lebenswert zu leben verschieden gut hinbekommen. Wir erreichen einiges mit Erziehung. Wer mag das bestreiten? Allein die regionalen Unterschiede, was als korrektes Verhalten gilt, sollten den Gedanken stützen, dass wir viel zu lernen haben. Man übernimmt nicht nur das Beste, sondern auch Fehler der Erzieher werden vom Lernenden kopiert. So betrachtet, ist erhöhtes Stressempfinden ein Prozess, der auch umgekehrt werden könnte durch neues Lernen. Wie müsste dieses erreicht werden? Da habe ich Ideen, wie sie mit den Jahren zum Fundament meines Denkens gereift sind. Wie bei einer Festplatte denke ich mir unser Gehirn als bepflanzte Basis, die Hirnrinde. Ackerfurchen könnten drüber gezogen, in eine andere Richtung wegweisend umgepflügt werden. Neue Spuren brächten eine gesündere Denklandschaft hervor. Kluge Pflänzchen, liebevoll gehegt, kämen endlich zum Sprießen, wenn wir wüssten wie’s geht. Altes ist fest verwurzelt.

Schlechte Stumpen werden wir so leicht nicht los.

Hat unser Gehirn einen Mülleimer? Wo sich dieser Recyclinghof befindet und wie man hinkommt, ihn zu nutzen, soll mir ein Neurologe mal erklären. Ich werfe meine ganze Fantasie in diese Texte, meine Bilder. Das ist Methode, Hausmarke.

# Kunst

Keinesfalls glaube ich an die Notwendigkeit einer Medikation für die Dauer eines ganzen, zukünftigen Lebens anschließend der ersten Erkrankungen. Nach meinem Verständnis sind die Kinder und Kindeskinder, Enkel vom Haldol beste Notfallmedizin, aber nicht zur Erhaltung von Gesundheit an sich sinnvoll. Das sehen Fachleute mal anders. Wie kommt es zur schizophrenen Psychose? Nach meiner Erfahrung galoppiert das Pferd unserer Fantasie in eine selbstmotivierte Tour de Force schlechthin, bis dieser Gaul von uns – als dem vernünftigen Reiter – nicht mehr beherrschbar ist.

Das Gehirn müsste geändert werden.

Dies sich wiederholende Durchbrennen wird schließlich genauso Gewohnheit wie Trauma, und so geht auch die Medizin vor. Man fängt das Gehirn ein, indem man den ganzen Menschen fixiert, letztlich die Rezeptoren im Gehirn betäubt und auf diesem Umweg die aufgepeitschte Fantasie sich totlaufen lässt. Nun zeigt sich die extreme Medikation dann auch folgerichtig in versteifter Muskulatur. Sich steif machen, das tun unreife junge Menschen auch, ohne krank zu sein, und manche von ihnen werden erst mit fortgeschrittenem Alter lockerer. Da anzusetzen, könnte unser Denken über psychische Krankheiten von Grund auf modernisieren. Unnötige Haltungsmuster sind so verkehrt nicht. Erfüllt eine flache Atmung, ein hart gemachter Unterleib oder verkrampfte Hals- und Schultermuskulatur doch zunächst den Zweck, weswegen der Betreffende so etwas macht: Man merkt nichts.

# Wo es weder Seele noch Geist gibt

Über die bewusste Bewegung kann das Gehirn geändert werden, das ist eine Behauptung, und ich denke, sie ist korrekt. Die Steuerung dieser Vorgänge kommt dem Umbau eines Kleinwagens zum Sportboliden gleich, wenn die Möglichkeiten ausgereizt werden. Das beinhaltet die Frage nach dem Motiv, was sinnvoll ist. Man kann den Bogen überspannen. Wozu benötigen wir Leistung, Anerkennung, Eitelkeit, Geld, mit der Kraft von Obelix zu protzen oder der Kreativität von Picasso aufzuwarten? Nicht zu übersehen ist, wir rühren an unserer Angst, wenn Techniken zur Anwendung kommen, die das Selbstbewusstsein beleben. Ich schreibe „beleben“ und absichtlich nicht „stärken“. Stärke gibt uns nichts ohne Klugheit, und diese müssen auch intelligente Menschen erst erlernen.

Wenn so zu denken allgemein wäre, dass individuelle Haltungsmuster zwar stören, aber Emotionen mal erfolgreich ausbremsen, falls das Ganze zu unangenehm wird, könnten wir davon abkommen, Gefühle und Stress, psychische Krankheiten wie ein Mysterium anzusehen und pragmatisch umlernen. Wir benötigten keinen Kindergartenglaube an den hingemalten Gott. Die Psychologie könnte mehr sein als reden. Geisteskrankheit (und manche Diagnose) würde als intellektuelle Akrobatik erkannt (mit geringem Nutzen für welche, die derart abgestempelt lebten) in einer Welt, die mit Menschen plus Gehirn kombiniert verstanden wäre. Ein Begriff kann nicht erkranken. Geist ist ein Wort, und das leidet nicht, kann nicht heil gemacht werden. Wo es keine Seele gibt, können wir die Seelsorge vergessen.

Das ist meine Realität.

Und das ist unser Lebensraum, spezielles Dasein derjenigen, die hier am Boden geblieben, auf Erden leben. Niemand kann unser Hiersein vollends erklären. Zu wissen, wo wir herkommen, heißt nicht, die Frage nach dem Warum zu beantworten. Käme heute jemand und behauptete, der Onkel vom heiligen Geist zu sein, begründete das keine neue Weltreligion. Ähnliches hat nur einige Male funktioniert vor langer Zeit. Glaube darf nicht bemühter Zeitgeist sein und genauso wenig traditioneller Spinnkram. Nicht ganz einfach. Die Welt als Ganzes anzunehmen mit all ihren Religionen, lässt Platz für Glaube. Das gäbe einen allmächtigeren Gott. Statt den Blick auf manche, staubige Ansicht zur einzig möglichen Aussicht zu machen, die uns welche aufzwingen möchten, dürften wir fühlen: Die meisten Kirchenleute sind üble Mitschnacker.

Wir könnten uns auf das Gehirn konzentrieren, wenn wir akzeptierten, wo es sich befindet (im Menschen und wie seine individuelle Geschichte entstanden ist an diesem Ort). Wir bräuchten keinen Therapeuten, der uns mit immer neuem Tand füttert. Wir könnten auf Augenhöhe trainieren, wenn es tatsächliche Helfer gäbe, die uns als ganzen Menschen respektierten, nicht als Patienten. Geduld mitzubringen, ist ja nicht schlecht, aber am Ende sollte Gesundheit stehen. Ich jedenfalls möchte nicht betreut, wie an Mutters Hand laufen, weil ich mir zuschreiben lasse, unreif zu sein, bleiben zu müssen wie ein großes Kind. In der Welt, in der ich leben möchte, kann ich mich wehren gegen jede blöde Tante.

In dieser Welt bin ich angekommen.

Es macht keinen Sinn, einem Depressiven zu sagen, was dieser tun müsste, hilft nicht, dem Patienten in seiner Psychose zuzuhören und sofort Therapie anzubahnen. Im Notfall nützt nur die Pille. Damit wird das Gehirn direkt angefasst. Anschließend muss mehr getan werden, und es dürfen nicht tradierte Begrifflichkeiten dazu führen, wohlmeinend Worte aufeinander zu stapeln. Wenn ich Seele, Geist, Fantasie und Gedächtnis zusammenzähle, ist das Ergebnis null. Um einen Geist zu formen, ihm Leben und Kreativität einzuhauchen, benötigt es den Verstand. Auch das ist nur ein Begriff. Geist, Leben, Kreativität und Verstand sind ohne das jeweilige Gehirn weniger als ein Luftschloss und bloßer Wortsalat. Intellektuelles Jonglieren macht jedenfalls noch keine Seele. Das Gehirn mittels Pharmaka zu ändern, ist kaum besser als zu operieren, weil dieser Denkapparat bestenfalls über unser Verhalten Erfahrungen macht und lernt. Damit das gelingen kann, darf die Geschichte derjenigen, die Hilfe benötigen, nicht übergangen werden. Unser Leben wird in der Einheit von Körper und Gehirn erlebt, nicht vom bloßen Geist allein, schwebend im Raum.

Einmal angenommen, es gäbe den freien Willen gar nicht, wir wären bloß das Werkzeug einer höheren Intelligenz? Das hindert mich doch nicht, Senf hinzuschreiben und als eigenen zu bezeichnen. Ich ertrage die Folgen, und das ist mein Verständnis von Demut. Mehr zu spüren, ist besser als Leid wie betäubt zu ertragen. Angst oder umgekehrt Vertrauen sind keine festen Größen, sondern temporär verschieden zuverlässige Gefühle. Die Erfahrung zu machen, dass eine Kette von Angst unterbrochen werden kann, muss sich wiederholen, kann Traumen schließlich überschreiben. Aggressive Momente genauso, Vertrauensverlust tut weh. Wut ist die Folge, wenn Hilflosigkeit und eine übermächtige Fantasie lostraben. Mit der Zeit wächst das Selbstvertrauen. Damit wird die Abhängigkeit von einer Umgebung, die uns wohlgesonnen sein muss, geringer. Man darf die Ordnung als erdrückend beschreiben, schimpfen, Satire über Mächtige ausschütten und wird doch die Erfahrung machen, am Ziel anzukommen. Das wischt die Tafel rein, löscht das Gestrige und erlaubt uns, nach einer Pause neu zu starten.

# Eitel sind die Menschen in der Öffentlichkeit

Jede Zeit kennt ihre Festlegungen. Das statische Denken bedroht diejenigen, die sich haben einreden lassen, es gäbe „die richtige Weise“ zu fühlen. Hört man den Bundespräsidenten, wirkt jede Rede wie die Kopie früherer Statements und gibt die Blaupause für das nächste Wort vom Supergutmenschen. Während andere aneckten, sich einmischten, bekommt der aktuell erste Mann im Staat es hin, nie zu stören. Das darf man bewundern. Das ist beste Fassade, ein Berufsschauspieler in seiner einzigartigen Rolle. Niemand sollte probieren, sich solche Perfektion vorzumachen im wirklichen Leben. Man könnte probieren, immer zu fühlen, was auf breite Zustimmung stößt? Dilettanten, die öffentlich ins Klo greifen, gibt es zur Genüge. Wer will wissen, wie’s bei Kachelmanns wirklich war, ob Greta Thunberg noch „den“ Kompass in sich trägt, Hallervorden Honig im Kopf hat?

Das Problem ist weniger, dass gewohnte Muster sowohl sinnvoll, wie auch einengend sind. Das Gefährliche ist die außer Kontrolle geratende, aufkommende Eigendynamik, mit der unser körpereigenes System sich zu lösen probiert. Man fühlt sich toll, wenn die Bremsen locker sind. Wer entdeckt, sich blockiert zu haben, findet gut, dass es plötzlich abgeht? Das braucht einiges Geschick, schneller zu düsen. Ein drauffolgender Achsbruch ist nicht das Gewünschte. „Einfach leben“, lautete der schnöde Rat meines Therapeuten. Warum ich nie mehr zu einem Arzt gehe und mich bequatschen lasse?

„Einfach leben.“

Das hätte jeder hundsnormale Freund auch hinbekommen zu sagen. „Achten Sie auf die Zeichen der Zeit“, wurde mir geraten von dem Psychiater. Das ist Therapie? Sein Vorgänger, bereits zitiert, ein sympathischer Redemann, meinte zum Kauf meiner Trompete: „Dann können Sie in einer Jazzband spielen.“ Dieser Satz, gefallen vor vielen Jahren in einem Behandlungsraum, klingt für mich heute wie Hohn nach. Was da alles zu lernen gewesen wäre (und niemals machbar für mich, als wenig talentierten, steif mit Psychopharmaka abgefüllten Patienten), dürfte dem Arzt weder klar gewesen sein noch von Interesse.

Einfach dahingesagt.

Der telefonierte pro Sitzung mehrmals mit fremden Patienten. Ich hörte mit. „Ja, ja – Frau (Name). Gehen Sie doch mal um den Block. Sie können auch gern eine halbe Tavor nehmen.“

Bis hierhin muss ich mich als medizinischer Laie zufrieden geben, gekommen zu sein, damit größere Geister (als ich selbst einer zu sein annehme), sich dranmachen, die Psychiatrie sinnvoll mit körperbezogenen Trainings zu kombinieren.

# Eine Skizze darf gern unvollständig sein

Um das Denken anzuregen, ist so etwas, leichthin notiert, vielleicht sogar besser geeignet, als die durchkomponierte Malerei, das dicke Fachbuch. Der Lotse kommt, geht wieder von Bord. Ein Infekt nötigt zu pausieren, sonst was kommt uns in den Weg, darf nicht ignoriert werden. Die Trompete erklingt gestopft, dann frei, so geht Leben. Nicht zu viel Medizin ist – wie in der Kunst – der Mut zur Lücke. Können heißt manches weglassen.

Wir fahren zurück nach Hause, und jetzt habe ich diesen Husten!

🙂