Die Gedanken sind frei

Wer nur tut, wie’s geraten wird, denkt nicht frei, bleibt abhängig von mancher fixen Idee. Es gibt aktive Bevormundung und eingebildete aus bloßer Gewohnheit, so zu denken. Ein Grund für Kunst findet sich, wenn man begreift, das man ein Problem hat, das sich so gar nicht gehört. Wer einige Jahre malt, findet nicht nur zur eigenen Bildsprache. Man hört auf, anderen nach dem Munde zu reden, entwickelt mit der individuellen Gestaltungsform zunehmend eigene Gedanken und hat schließlich die Kraft zur eigenen Meinung. Die vielfältigen Ausdrucksformen garantieren besonderen Spaß und ermöglichen, mit Formulierungen zu spielen. Der eigene Kopf als ein Kasten voller Legosteine; das ist ein Geschenk, dem wir täglich neue Gestalt geben können!

Beziehungen bedeuten auch gegenseitige Abhängigkeit. Viele Projekte benötigen ein Team, man braucht einander. Kaputtmachen geht allein. Man kann als Einzelner viel Schaden anrichten. Das tut nur weh. Die befriedigende Herausforderung könnte stattdessen sein, ein eigenes Werk auf die Beine zu stellen. Was schafft jemand hinzubekommen, dem es darauf ankommt, ohne Unterstützung zu bleiben? Künstlergruppen sind nichts Neues. Mehr von uns sind allein unterwegs. Malen bietet die Möglichkeit, eine Aufgabe im Alleingang zu bewältigen. Manche Bücher werden von mehreren Autoren geschrieben, aber auch hier: In der Regel schreibt man seinen Roman allein. Das persönliche Projekt in Angriff zu nehmen, führt schließlich auch dazu, sich deutlicher abzugrenzen von Gott und der Welt. Durch die Suche nach einer individuellen Grenze, zeichnet sich der Künstler aus, dem daran gelegen ist ernsthaft auszuforschen, wo genau sein Platz ist. Wir benötigen eine Kontur, und daraus folgt die exakte Beschreibung unseres Gegenüber. „Was man von hier aus sehen kann“, wird zur Frage, die wir beantworten können.

# Da ist kein Gott, der dem Menschen hilft

Genaues Hinschauen zeigt auch einen blinden Fleck, den viele lieber nicht bemerken möchten. Man solle sich „kein Bildnis machen vom Herrn“, heißt es in der Bibel, doch hält sich kaum ein Gläubiger dran. Man möchte einen Freund, den lieben Gott? Dann geht das große Hoffen los.

Was für ein Blödsinn.

„Hilf dir selbst“, ist ein guter Rat. Der uns liebende Gott, das ist kein guter Gedanke. Ein dummer Irrweg: Das sollte man schnell vergessen. Diese Art Glaube macht krank. Wir sind selbst ein Teil der Welt und können uns nicht ein Außen um uns herum kreieren, dass uns zu Füßen liegen möge und zu unserem Besten verhilft. Womöglich soll unser Gutsein den Allmächtigen freundlich stimmen? Damit öffnet der Gläubige das Tor zum persönlichen Unglück. Wer für sein eigenes Schicksal nicht bereit ist, Stellung zu beziehen, wird krank. Helfen tut uns nur, aufmerksam zu sein, empfindsam. Damit bleibt man demütig gegenüber Schwächen aller Art. Religion kann größer verstanden werden als bloß das Gerede im Betschuppen. Nimmt man die Gebote als das, was sie dem Namen nach sind, Angebote etwa: „Du kannst dich entscheiden, nicht zu töten“, wird es besser gelingen mit dem Glaube.

Nicht dass man mich falsch versteht, es ist keinesfalls meine Absicht, mich als Atheist oder Agnostiker vom Acker zu machen. Das sind meiner Meinung nach feige Besserwisser, die so tun, als hätten sie begriffen, was Gläubigen abgeht. Mich hat meine Malerei gelehrt, dass diese Welt uns Grenzen setzt. Das gibt auch Halt. Ich könnte nicht im Bodenlosen leben. Der Weltraum ist nichts für mich. Mutter Erde gibt mir die Überlebenschance und dass ich den Laden hier nicht einfach so mal verlassen kann, wenn’s mir scheiße geht, habe ich erfahren. Ich bin diesem verdammten Dasein insofern ausgeliefert, es zu mögen. Das zu fühlen, macht mir gelegentlich zu schaffen. Es macht aber auch Mut. Da finden sich gute Wege, wenn man bereit ist, die eigene Kleinheit anzuerkennen, falls der Durchlass eng bleibt und auf seine Größe zu vertrauen, wenn’s gilt zu kämpfen. Ich bin als ein Geschöpf des großen Ganzen, der Welt, die ich nicht wirklich verstehe, bereit, mich als „von Gott gemacht“ anzuerkennen und benötige keine Vermeidungswörter wie beispielsweise „die Natur“ stattdessen, um mich stark zu geben. Wer sich drumherum windet, „Gott“ zu sagen, meint nur und gibt vor, aufgeklärt zu sein. Man stellt ein Schild vor seine Angst, dass niemand davon mitbekommen soll. Deswegen bleibt dem Atheisten, der sich bloß stark geben möchte, doch die Unfähigkeit, sich selbst zu erschaffen, Leben aus nichts zu beginnen und sämtliche Zutaten dafür bereitzuhalten. Die Medizin muss den Tod akzeptieren, schiebt allenfalls den Zeitpunkt, wann jemand stirbt, nach hinten raus. Das Weltall kann in seiner Gänze vom Menschen nicht fehlerfrei beschrieben werden. Hat es eine Begrenzung, gab es den Urknall, was war vorher, was ist dahinter, wohin entwickelt es sich, gibt es außerirdisches Leben? Die Natur kann in vielem erklärt werden, wie sie sich entwickelte, aber warum es eine Natur gibt, kann der Mensch als Frage, die er sich selbst stellen kann, nicht beantworten.

# Selbstvertrauen versus Gottvertrauen

Sich selbst Vertrauen zu schenken, an den eigenen Entscheidungen zu wachsen, die Konsequenzen tragen, wenn es nicht gut läuft, ist besser, als auf den göttlichen Beistand zu warten. Es bedeutet und verlangt von uns, eine intellektuelle Akrobatik erfolgreich zu absolvieren, den Kinderglaube loszuwerden und erwachsen der Welt zu begegnen. Die Kirche scheint nicht den nötigen Raum dafür zu kennen, uns zum bewussten Leben hinzuführen. Das wäre ein Glaube, der die Realität anerkennt, die Traditionen der Lehre als solche wahrnimmt und nicht überhöht, dem Zeitgeist trotzt, statt diesem nachzulaufen und dem Kern unseres Nichtwissens furchtlos nachspürt. Jeder von uns ist als ein Teil der Welt auch ein Stück von Gott (wenn man sich auf diesen Terminus einlassen kann). Man könnte sagen, Gott probiert sich selbst aus, wenn wir unsere Schritte in die Welt setzen. Damit gehen wir den Weg des Herrn und sind selbst Teil seiner Aktivität. So zu denken ist ehrlicher und heißt nur, eine tatsächlich nicht zu bestreitende Einheit anzuerkennen, als vom selbstständigen „Ich“ zu reden und dem Drumherum, das dann entweder uns bestimmt oder eben das reine Chaos bedeutet, je nach Auffassung. Man kann nicht vom selbstständigen Denken reden und dem freien Willen, ohne zu negieren, wie stark der Einfluss auf unsere Sinne ist durch die Umgebung. Unsere Fantasie, was sein könnte, macht Angst und schenkt uns genauso Kreativität. Das Denken vom wahllosen Hierhin und Dorthin zu befreien, individuelle Bedürfnisse zu spüren, ist eine Notwendigkeit für gesundes Leben. Zwischen Freiheit und Zwang immer noch ein wenig wachsen zu können, heißt den eigenen Kompass ausrichten anhand einer guten Deviation. Einen Kompass zu verwenden, setzt Magnetismus als gegeben voraus.

Mir will nicht in den Kopf, warum Religionen uns missionieren, in der Kirche habe man begriffen, was zu tun sei? Bei den vielen Ansätzen unterschiedlicher Glaubensauffassungen, wäre ein wenig Selbstzweifel beim jeweiligen „Verein“ angebracht, ob es nicht noch andere Götter gibt, die unser Leben bestimmen, als der, von dem die Gläubigen annehmen, diesen so ganz genau zu kennen. Gottes Liebe als helfende Kraft anzunehmen, dürfte bittere Enttäuschungen bereithalten, wenn man alleingelassen in der Not keinen Ausweg sieht. Man kennt das von Freunden, den Eltern, der Geliebten, die nötige Unterstützung bricht schon mal weg. Den Nächsten kann man noch damit konfrontieren: „Lass mich nicht hängen“, aber da tönt keine Stimme aus dem Off, die uns zum Besseren geleitet. (Wenn das doch geschieht, kommt anschließend der Arzt).

Auf sich allein gestellt, wird dem Bergsteiger, Schriftsteller, Maler klar, wie viele Steine im Weg liegen. Beten ist für die in der Kirche das Mittel, andere zu ködern mit armseligen Wunschdenken. Gruppen fühlen sich stärker, weil die Leute einander kräftigen durch den Zusammenhalt. Man redet sich stark. Das kann zum Problem werden, wenn das Ziel einer Verbindung eine zunächst ideelle Begrifflichkeit beinhaltet. Dreht sich’s (beim gemeinsamen Geschäft) direkt um die zu optimierende Leistung, mehr Geld zu machen, steht dem pragmatischen Handeln ja nichts im Wege, will ich aber „Gutes“ bewirken, kämpft manche Organisation mit dem Intellekt, dem Anspruch, worum es eigentlich geht. Auch die Leute in einer politischen Partei fallen so gesehen leicht auf sich selbst herein, quatschen sich in manche Denkfalle. Es ist eine Art Schildbürger-Effekt. Die Eigendynamik einer ursprünglich gut gemeinten Innovation kann bewirken, dass dem Team alles zur fixen Idee, Ideologie entgleitet.

Ich kann mir keine frustrierendere Tätigkeit vorstellen, als tatsächlich politische Ambitionen voranzutreiben. Warum ich das glaube? Es gibt Arbeitsplätze, die vollkommen eingebunden sind in gegenseitige Teamarbeit. Jede Arbeitssituation, die zwingend aufeinander angewiesene Kollegen benötigt, schafft dieselben Probleme der unbedingten Abhängigkeit. Gerade Dienstleister, die mit dem lobenswerten Ideal in den Beruf gestartet sind, etwas für andere anzuschieben, haben sich das Schwerste ausgesucht. Lehrer etwa stehen zwischen allen Fronten und wissen das möglicherweise anfangs nicht. Die Gesellschaft (besonders die Eltern, die es angeht), dankt ihnen ihre wichtige Zuwendung den Kleinsten gegenüber kaum. Die Politik erweist sich als unzuverlässiger Partner. Die Kinder sind so beileibe nicht die liebsten. Lehrer glauben, der bösen Karrierewelt gleichaltriger Mitbewerber aus der Wirtschaft zu entfliehen? Ihr Problem könnte sich entwickeln, Nötiges tun zu wollen, um diese gesellschaftlich wertgeschätzte Sache zu machen, auf der „richtigen“ Seite zu stehen: Dann merkt man, dass dieses Glück seine Tücken bereithält. Unglücklich werden auch viele Ärzte, Polizisten, weil zu helfen das Übel der Unzufriedenheit im Gepäck hat. Wer proklamiert, für andere zu arbeiten, sollte nicht glauben, deswegen automatisch Dankbarkeit geschenkt zu bekommen.

Heute, wird oft geklagt, fehle es an Respekt: Autofahrer bildeten keine Rettungsgasse, Helfer würden beleidigt, heißt es.

Ich habe im Fernsehen einen kleinwüchsigen Arzt gesehen, der mit dem Rollstuhl über die Station flitzt. Den nimmt man ernst, obwohl er – winzig und verkrüppelt – nicht gerade das Bild vom eleganten Weißkittel abgibt. Der Mann hat Humor, so scheint es mir, als ich eine Doku anschaue und ist unermüdlich unterwegs, seiner Berufung zu folgen. Erst in dieser Ausnahmeerscheinung wird uns Gewöhnlichen klar, wie großartig seine Leistung ist als Helfer und als Mensch.

# Kunst kann beiläufig befriedigen

Jeder kann sich an Lehrer erinnern, die ihre Überlegenheit rausgekehrt haben uns gegenüber, die wir abhängig gewesen sind als Lernende. Ärzte manipulieren und betrügen nicht selten ihre Patienten. Das liest man in der Zeitung, wenn es nachträglich zum Prozess kommt und dass es korrupte Politiker gibt, wissen wir. Die Polizei hat Kriminelle in ihren Reihen, Pfarrer missbrauchen Kinder, die in ihrer Obhut geschützt sein sollten; man kann die Liste fortsetzen, wie Abhängigkeiten dazu führen, das Menschen ausgenutzt werden. Es gibt einseitige Freundschaften, die so gesehen keine sind, weil ein Freund von beiden immer gewinnt.

Im Netz gefangen sein oder die anderen effektiv verdrängen, das sind so Möglichkeiten, die uns eine Karriere zwischen den vielen verspricht. Wem es gelingt, eigene Fehler wegzudelegieren, dem liegt mehr an den Medaillen als an Fairness. Ein auf diese Weise vertuschtes Leben ist irgendwie auch ein verpfuschtes – aber nicht selten.

Das sind alles gute Gründe, Künstler zu werden. Man sucht, den eigenen Gipfel tatsächlich zu erklimmen. Das ist Menschen zu empfehlen, die andernfalls ihre Gefühle nicht wahrnehmen können. In der Gruppe unterwegs, kann der Einzelne von gemeinsamer Stärke profitieren, läuft aber genauso Gefahr, sich nicht mehr selbst zu erkennen. Wer alles gemeinschaftlich macht, schaut die eigene Leistung im Licht fremder Beleuchtung an. Da wird Abgrenzung schwierig. Wer sich nicht klar definieren kann, was etwa sein Anteil vom Projekt ist oder überhaupt, wofür er steht, bekommt möglicherweise ein Problem mit den eigenen Emotionen.

Sozialer Druck bewirkt, dass wir fühlen möchten, wie man uns gesagt hat, dass die anderen es so machten. „Reiß dich zusammen“, wird auch von denjenigen empfohlen, ja eingefordert, die selbst gar nicht wissen, wie das eigentlich geht. Kunst kann uns helfen, sich nicht länger an der Welt auszurichten, sondern führt dahin, die eigenen Bedürfnisse überhaupt spüren zu können. Widerstand bemerken, heißt zu lernen, welchen Anteil man selbst einbringt, sich unbewusst zu hemmen und die Leute oder Umstände auszumachen, die schaden, bremsen, intrigieren. Soziale Strukturen loszuwerden, bedeutet nicht zwingend, unglücklich und einsam zu wurschteln, sondern bietet die Befreiung vom Hunger nach Anerkennung. Das öffnet eine Tür, gibt die Chance, sich selbst besser kennenzulernen. In einem Büro (mit den anderen im selben Raum) können wir uns nicht gehen lassen.  Menschen beherrschen sich selbst dann, wenn das über ihre Kräfte geht. Im Atelier, allein am Berg oder an Bord verloren im Ozean der Gefühle unterwegs, ist man auf sich gestellt. Wir werden als Künstler erleben, wo ganz genau wir uns selbst im Wege stehen. Im Moment, wo der Ärger uns beherrscht – das Glas mit dem Malwasser stürzt um, man ist unfähig, eine Farbe so zu mischen, dass die beabsichtigte Wirkung gelingt, eine langwierige Teilarbeit an einem als nicht so wichtig empfundenen Bildbereich zieht sich hin –, es gibt vieles, was wir Maler Fremden nicht wirklich zuweisen können als das Versagen anderer. Trotzige Wut kommt hoch.

„Ich habe doch aufgepasst.“

Eine Rechtfertigung drängt sich auf. Ich bekomme hin, ganz allein und mit mir selbst verheddert zu sein? Gott selbst, er war’s, ist schuld. Es muss jemanden geben, den ich belangen kann: „Weil Gott mich hasst“, das denke ich oft.

Das ist ja gar nicht zulässig.

Und wenn man um Beziehungen nicht herumkommt: Die Wut über einen Partner, der nicht liefert, obschon man annehmen kann, da müsste langsam was geschehen, wird uns nur kurz beschäftigen, wenn auf der anderen Seite ein Projekt fertig wird, dass keine Unterstützung benötigt als nur die eigene Bereitschaft, sich darauf zu konzentrieren.

# Es lebe die Dummheit

Auf Yahoo findet sich ein Artikel: „Restaurant veröffentlicht Spargelkarte und kassiert heftigen Shitstorm“, einigen Gästen schmeckten die Preise nämlich so gar nicht, heißt es weiter. Mal davon abgesehen, dass die Essen aus meiner Sicht nicht einmal überteuert sind (ich habe ein wenig quergelesen im Artikel), fragt man sich schon, warum überhaupt derartige Kommentare auf Facebook nötig sind? Es gibt sicher Lokalitäten auf diesem Planeten, die weitaus höhere Beträge für extravaganten Luxus verlangen, die von den entsprechenden Gästen auch gern gezahlt werden. Die hier angefeindete Gaststätte ist mehr zufällig ins Visier von dummen Menschen geraten. Da mag Facebook die triviale Plattform sein, die einen entsprechenden Nährboden für menschliches Unkraut bietet. Man könnte ja einfach woanders Essen bestellen, dort, wo es dem eigenen Geldbeutel und Vorstellungen entspricht? Ein Kommentar nützt nur den Eitelkeiten dieser Tröpfe, denen man ansonsten besser nie begegnet im richtigen Leben. Hätten wir keine digitalen Netzwerke mit Kommentarfunktion, wüssten wir nicht, wie massiv bescheuert viele Leute sind, denn es geht ja gar nicht um ein Restaurant, wo jemand mit was unzufrieden ist, sondern einzig um die Selbstbeweihräucherung von diesen Windbeuteln.

Und das ist wieder ein Argument, kreativ zu sein und nicht mit der Masse konform zu leben. Das möchte ich gern noch thematisieren. Viele Menschen bewundern Künstler. Besonders Musiker werden begeistert gehört, verehrt von den Massen. Aber es gibt wirklich niemanden in einer öffentlichen Position, der sich auf eine Weise preisgibt, Meinungen mitteilt, durch die Kunst seine Sprache verbreitet, politisch wirkt, was weiß ich, der nicht auch polarisiert und Gegnerschaft provoziert, bloß fürs Hiersein. Man kann sich durch nichts vom Geschmeiß befreien, dass sich selbst als vermeintlich kritisch für beste Polizei hält (und töten würde womöglich), außer, man ist der totale Langeweiler, den es nicht einmal lohnt zu verarschen. Je klarer die Einzelleistung ist, desto sicherer kann einer mit Feindseligkeit rechnen. Politiker werden im Wahlkampf angegriffen, aber Politiker greifen (mit ihren Mitteln) auch die Bürgerinnen und Bürger an. Das Netz gilt als Spielwiese für Kriege in der Gesellschaft. Schenefeld – meine Heimat – ist tatsächlich ein Schlachtfeld?

Ich erlebe es scheinbar.

Sichtbar zu sein, gilt als nicht normal, wird gleichgesetzt mit „auffällig geworden“, und heißt für die, die meinen, dass sie das angeht: „gestört“, und deswegen bin ich ins Visier der Behörden geraten? So kommt mir das vor. Man bekommt Abweisungen und verdeckte Attacken aus jeglicher gesellschaftlichen Ecke. Die kriminellen Menschen sind ja nicht bloß im Dunkeln ihrer Illegalität unterwegs. Es erschüttert: Politiker, Beamte, Menschen im Staatswesen zeichnen sich nicht selten durch Borniertheit aus. Sie neiden Kreativität, und wenn unsere Kunst nur irgendwie der Ordnung Reibung bietet, werden vertrocknete Schrapnelle und feiste Kommisköppe aus den Amtsstuben losballern, uns Schwierigkeiten zu machen.

# Eule

Gestern habe ich Herbert Reul im Interview gesehen. Shakuntala Banerjee fragte ihn, ob er für nötig halte, dass angesichts der Übergriffe auf Politiker im Wahlkampf strafverschärfende Gesetze nötig wären? Der Innenminister von Nordrhein Westfalen wirkte sehr nachdenklich. Er stellte die rhetorische Frage, wie es dazu gekommen sei, dass die Gesellschaft so aggressionsbereit wäre, und da läge das eigentliche Problem.

Das müsse ergründet werden.

Übergriffe auf Wahlkämpfer machen fassungslos. Die armseligen Kommentatoren mit ihren vielfältigen Hassbotschaften zu mancher Sache verstören. Wir können annehmen, es mit ungebildeten und emotional verkümmerten Leuten zu tun haben. Aber fragen wir einmal umgekehrt: nach denen, die besser sein müssten, die gewählten Volksvertreter. Haben sie unseren Rückhalt, überzeugen uns diese hochqualifizierten Menschen? Sie müssten sich ihre Ämter ja zutrauen und dürften von sich annehmen, die Befähigung mitzubringen, unser Land zu leiten.

Wie viele von den knapp 85 Millionen Menschen in Deutschland entschieden sich bei einer Direktwahl, bekannte Politiker, wie sie aktiv in Ämtern sind, zu unterstützen? Nehmen wir vertraute Gesichter, Ricarda Lang, Saskia Esken oder Marie-Agnes Strack-Zimmermann, den Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Das ist eine mir spontan in den Sinn kommende Auswahl. Sie passen, um optisch eher auffällige Führungskräfte zu nennen, im Sinne, dass diese Personen besonders, individuell sind. Es sind keine Schönheiten, darf man das sagen? Sie sollten also durch fachliche Kompetenz beeindrucken. Es wäre ungehörig, smarte Models zu fordern in der Politik. Tatsächlich könnte Karl Lauterbach probieren, sich zum Kanzler wählen zu lassen, und das dürfte erfolglos enden. Boris Pistorius werden Chancen eingeräumt. Was heißt gut aussehen in der Politik? Hier geht es um ein Gesamtbild. Die Optik entscheidet, die Haltung, aber vor allem die Fähigkeit, anderen zuhören zu können und gute Antworten draufzuhaben. Da stellt sich also schon die Frage, auch wenn nicht die Kanzlerschaft im Raum steht, wem gäben die Deutschen direkt den Auftrag, für unser Land eine wichtige Arbeit zu machen, fragten wir nach? Wie viele Deutsche dürften wollen, dass Bundesvorsitzende wie Esken oder Lang den Kurs unseres Landes bestimmen, darf ich das fragen? Nicht nur Ricarda Lang, Saskia Esken oder Karl Lauterbach, auch weitere Entscheider sind bei vielen unbeliebt; provokant ist, es dürften sich nicht allzu viele Menschen gezielt als tatsächliche Unterstützer finden.

Man stelle es sich vor:

„Bitte geben Sie ihre Stimme ab, möchten Sie, dass Ricarda Lang weiter Bundesvorsitzende der Grünen ist, oder sollte das jemand anderes machen?“, das, nicht unverbindlich in einer Umfrage, sondern tatsächlich bindend gefragt, was käme dabei heraus? Man setzte also einen Wahltermin an. Dann dürfte jeder Wahlberechtigte in Deutschland losmarschieren, seine Unterstützung zu geben oder eine Abwahl forcieren. Visualisieren wir uns die Wahlbeteiligung (vor dem inneren Auge) und das mögliche Endergebnis.

Gibt diese Idee ein unerhörtes Gedankenspiel ab?

Obschon Politiker in wesentlichen Positionen arbeiten, werden sie nicht selten verspottet, angefeindet. Der Politikkollege Wolfgang Kubicki sagte öffentlichkeitswirksam, in seiner Stammkneipe bezeichneten Tresenfreunde Karl Lauterbach als „Dumpfbacke“. Die speziellen Volksvertreter, wie kamen sie an ihren Wirkungsort: Die Wahl der Bürger, den Stimmzettel vor Augen, ist mehr diffus auf ein angebliches Ziel der jeweiligen Partei ausgerichtet, grün, rot, gelb. Konträr dazu empfinden viele Wähler das Auftreten der Politiker. Ihre Selbsteinschätzung (dass diese von sich glauben, legitimiert am richtigen Platz zu arbeiten), scheint zu sein, sie hätten begriffen, was not tut. Ihre Haltung suggeriert, sie nähmen an, alles würde von uns mitgetragen. Wir Wähler wollten angeblich, gerade ihre Ideen würden umgesetzt, meinen diese Omnipräsenten? Dabei scheitert jeder Gesetzentwurf an der losbrechenden Kritik, kaum dass Details bekannt werden. Alles wird durchgestritten, und wir Wähler reagieren vermehrt skeptisch, ob das noch notwendige Diskussion bedeutet oder schon Chaos ist. Die freiheitliche Demokratie hat ein Problem, wenn wir zwar wählen können, aber die sich zur Wahl stellenden Menschen inkompetent sind, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Sie mögen gute Ideen haben? Niemand setzt sich durch. Die Struktur verunmöglicht die Umsetzung von Innovationen. Jede Richtungsweisung wird torpediert. „Tradition, Populismus, Reform“, mit solchen Schlagworten prügelt sich das Parlament, bis womöglich tatsächlich die Fäuste fliegen. Unruhe ist das Ergebnis. Wir werden laut. Die sich zur Wahl Stellenden drehen ebenfalls auf. Die nächste Generation von Politikern wird populistisch sein.

Und bei uns im Dorf? Unsere Bürgermeisterin wurde vor nicht langer Zeit wiedergewählt. Es gab keinen Gegenkandidaten. Man konnte alternativ gegen die Amtierende stimmen. Einige haben diese eher armselige Form gewählt, ihr einen Denkzettel zu verpassen, der schmerzen dürfte. Ich bin gar nicht hingegangen zur Wahl. Mir gibt es nichts mehr, überhaupt jemanden zu wählen. Das kommt durch meine nicht mehr existierende Beziehung zu dieser Politikerin, die ich nicht mehr mag.

Wir waren persönlich gut bekannt.

Ich erinnere die Wahlbeteiligung entsprechend dem Artikel aus dem Tageblatt nur ungefähr. Sie war niedrig. Weit weniger als alle Schenefelder waren beteiligt an dieser Ein-Personen-Wahl ohne Gegenkandidat(in). Ein paar tausend Leute haben Christiane unterstützt und einige hundert waren mit ihrem Nein dabei, so ungefähr dürfte das ausgegangen sein. Ich finde das als Tatsache erschreckend. Ich halte mich raus und habe keinesfalls ein schlechtes Gewissen. Ich bin schockiert und angepestet aus persönlichen Gründen. Mein Glaube an die Demokratie (im Kleinen) ist beschädigt.

# Und im Großen?

Ich stelle mir vor, es käme zu einem Treffen mit Wladimir Putin. Der spricht deutsch. Es wäre irgendwie möglich, ich könnte mich mit ihm unterhalten, dürfte ihn damit konfrontieren, er sei schließlich verantwortlich für seine Spezialoperation, wie der russische Präsident das nennt, den Tod von Menschen und möchte aus seinem Mund hören, wie lange das weitergehen solle? Einmal angenommen, ich bekäme Antworten auf einige Fragen – dem Mann wäre ich doch keineswegs gewachsen, mir fehlte der Mut, ihn etwa zu brüskieren, er verantworte Staatsverbrechen. Ich habe ja sogar hier, während ich schreibe, ein gewisses Verständnis für die russische Haltung. Ich also wäre ganz bestimmt nicht der scharfe Hund, der mit Wladimir Putin einen Friedensvertrag aushandelte, bei dem alle das Gesicht wahren könnten und wüsste auch durch nichts die Gewalt zu beenden. Ich bin nur John aus Schenefeld, vollkommen machtlos. Das weiß ich. Aber bitte, nehmen wir uns die Zeit, uns vorzustellen, Herr Anton Hofreiter von den Grünen oder Frau Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Menschen, die den Mund immer vollnehmen, voll mit verbalen Bomben und Raketen, die sie der Ukraine liefern wollten, die beiden bekämen die Chance, mit Putin zu reden. Hofreiter macht sich in die Hosen? Putin würde den nicht ernst nehmen. Und Frau Strack-Zimmermann, ich glaube kaum, dass da irgendjemand glaubt, ein derartiges Gespräch brächte was. Die deutschen Lautsprecher wollen ja nicht verhandeln: Sie tun so, als hätten sie die Macht, einen Krieg über die Ukraine hinweg zu einem westlichen Sieg gegen Russland zu führen, und das ist eine Lüge. Diese nebensächlichen Redner führen nichts an, was ihren Worten Kraft geben könnte. Merken die das nicht?

Wir wissen, dass Olaf Scholz mit Putin telefonierte, ihn traf und ich glaube durchaus, dass unser Kanzler den Mut aufbrachte, seine Position zu verbalisieren. Es ändert nicht so viel. Würde Friedrich Merz sich vor Putin fürchten, ihm als Mann von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, wie wäre es bei Markus Söder? Ich jedenfalls hätte Schiss vor einem Präsidenten, der jahrelang an der Macht ist, über Leben und Tod entscheidet. Da wäre Realpolitik, wenn unsere Volksvertreter zunächst spürten, wie es ihnen selbst geht, wer sie eigentlich sind, was sie erreichen können, was nicht, und das scheint ihnen nicht klar zu sein. Das macht nicht wenigen Angst in Deutschland. Man fürchtet sich nicht vor Russland und seinem Präsidenten: Wir fürchten, mutmaße ich, dass es nur wenige Politiker bei uns gibt, die der brachialen russischen Führung mit Argumenten kommen könnten, die dort ernst genommen würden. Dafür bräuchte eine deutsche Regierung den Rückhalt zu Hause und zugkräftige Angebote an Europa, USA und Russland, wie die Lage befriedet werden könnte.

Wo ist der Politiker, der tatsächlich hinbekommt, was Donald Trump vollmundig verspricht: „Wenn ich Präsident bin“, sagte Trump bekanntlich, „ist der Krieg in zwei Wochen vorbei.“ Selbst wenn das der Wunsch von einem Leader mit der nötigen Macht ist, da gibt es viele, die diesen Krieg weiter führen wollen. Nicht zuletzt die Ukrainer, die ja immerhin ihre Soldaten in den Krieg schicken, möchten kämpfen, auch die Rüstungsfirmen profitieren. Schon deswegen, weil die Ukraine verlangt, sämtliche Gebiete zurückzuerlangen und dazu noch Teil von Europa zu sein, in der Nato, ist es unumgänglich, denen das auszureden. Das traut sich niemand? Russland unterstellt man, würde, von einem despotischen Kriegstreiber angeführt, immer weiter neue Gebiete angreifen, und das könnte sein. Umgekehrt einer Atommacht den Handel mit Gas (das war vor dem Krieg) nahezu unmöglich zu machen durch andauernde Blockade seitens der Amerikaner und ihnen den freien Seeweg über das Meer im Bereich der Ukraine abzusprechen (weil dieser die dortigen Ufer gehörten und das Land zum Westen), war nicht nur dumm, sondern ist der eigentliche Grund für den schließlich bei der russischen Führung als nötig empfundenen Befreiungsschlag. Davon, dass wir das immer „Angriffskrieg“ nennen, wird diese Umkehr von Provokation und daraus resultierende Aggression nicht wahr. Das dämliche Wort zeigt nur unsere verkrampfte Not und den Einfluss der armseligen Politik auf die Presse, hilflos zu sein mit der Lage. Putin hat beherzt getan, wozu er in der Lage ist. Da hilft kein Anklagen. Er schafft Fakten. China ist nicht bereit, gegen Russland Stellung zu beziehen. Die Sanktionen schaden Russland weit weniger, als vom Westen erhofft. Putin ist auch nicht krank oder irgendwie geistig labil. Seine Macht als Fakt anzuerkennen, wäre der erste Schritt vorwärts in dieser Lage, der uns tatsächlich weiterhelfen könnte. Der Ukraine Hilfen zu gewähren, doktert am Symptom und bedeutet, Zeit zu verschwenden, mehr Tote zu provozieren. Will man nur am Krieg verdienen, gebricht es uns an Mut, an Ideen? Das macht den Menschen Angst.

Merkt Herbert Reul das nicht?

Was sollte man dem Innenpolitiker von NRW oder anderen sagen, die eine Verrohung und Enttabuisierung der Gesellschaft beklagen, die Antwort kann nur sein, die Regierenden sind ein Spiegelbild der Masse. Es handelt sich nicht um eine verrohte Gesellschaft und auf der anderen Seite die (angegriffene) Politik. Der Fachkräftemangel ist in Wirklichkeit ein Mangel an gesamtgesellschaftlicher Kompetenz. Wir sind zivilisationskrank, dekadent, blöd. Das ist meine Meinung, und ich bin nicht blöd, behaupte ich. Aber ich rede nicht im Fernsehen. Ich dürfte das, was ich schreibe, auf keiner bekannten Plattform so machen. Es gäbe so viel Ärger, und das dürfte jedem klar werden, der hier nur quer liest. Ich wäre der Spacken schlechthin und politisch nicht korrekt für andere. Mein Fazit: Der Moderne sei Dank, dass ich das lernen durfte, wie sie eigentlich sind, die Menschen.

Ich denke, Behördenmitarbeiter, Feierabendpolitiker, Ehrenamtler, denen ihre Vorbildfunktion Leitbild sein sollte, sind oft primitiv. Daraus forme ich mein Tätigkeitsfeld. Nichts gibt dem Unsicheren mehr Anerkennung, als „oben“ solche Feinde zu haben.

Das hilft, die Kunst zu schärfen, danke dafür!

🙂

Schenefeld, Donnerstag, 16. Mai 2024