Was tatsächlich passiert, wenn du kreativ bist
Menschen interessieren sich nur für sich selbst, nicht etwa für andere, für Kunst oder so. Das kann man Kindern sagen, dass sie besondere sind, und die glauben das dann. Für Kunstschaffende, Musiker und überhaupt Kreative beginnt anschließend ihrer Jugend, wo Lehrer sie talentiert nennen, eine lebenslange Phase, die da heißt, mit der Ernüchterung des alltäglichen Lebens klarzukommen. YouTuber merken das und überhaupt jeder Künstler erlebt, wie anders die eigenen Sachen scheinbare Wertschätzung erfahren, wenn das Umfeld der Präsentation stimmt.
Als meine Eltern den Fischladen eröffneten, war klar, dass unser geerbtes Grundstück und Haus in bester Lage den Erfolg garantierten. Ihr Mut zur Selbstständigkeit wurde belohnt. Alles passte. Das Wirtschaftswunder hatte sich warmgelaufen, meine Eltern waren zusammen glücklich und kannten sich einige Jahre. Sie gaben ihre bisherigen Berufe gern auf. Finanziell ist ihnen ihr gemeinsames Leben, das Gestalten unserer Familie gelungen –, waren sie doch nur mäßig begabt für diese perspektivische Konzeption. Mein Vater hatte kaum nennenswerte Schulbildung genossen. Es war Krieg gewesen. Meine Mutter brach das Gymnasium ab, weil der nötige Endspurt sie überforderte. Das war abzusehen. Meine Eltern hatten selbst keine Vorbilder, von denen sie ihr Geschäft hätten lernen können. Sie lebten traumatisiert durch das Kriegsgeschehen, kaum vorbereitet auf das Elternsein, weil ihr eigenes Aufwachsens durch das Chaos der Hitlerzeit beschädigt war. Das hatte Folgen: Wir Kinder blieben in manchem hinter Gleichaltrigen zurück, die eine gesündere Emotionalität erlebten. Meine Schwester wollte Künstlerin sein: Theater, Film, Fernsehen, die ganz große Bühne. Das ist ihr nicht gelungen. Ich bin Künstler. Ist mein Leben ein erfolgreiches? Das sollen welche bewerten, denen daran liegt. Mir kann niemand das Erschaffene abstreiten, wie groß oder unbedeutend mein Œuvre tatsächlich sein mag: Ich war immer fleißig und bin es noch.
Der emotionale Gewinn, eine Summe zum Lebensende hin gemessener Erfolge, die nicht in Geldeswert zahlbar wären, zeigt sich durchaus im Dabeigebliebensein. Man lernt, Fähigkeiten zu schätzen, die man sich aneignete mit den Jahren. Wer ein Leben lang malt und zeichnet, denkt entsprechend. Ein Geschäftsmann, der sich darauf versteht, immer besser zu verkaufen und den eigenen Besitz zu mehren, dürfte anders denken? Ich glaube das und möchte nicht tauschen mit so einem. Die vielen Menschen, die nur Kunst machen wollen, sind zu bedauern wie welche, die nichts können und das Zeug trotzdem ausstellen. Ihr Geschick besteht darin, Partner zu finden, und das ist immerhin was. Man könnte diese Kollegen beneiden? Meine oft schmerzlichen Erfahrungen zeitigen durchaus Erkenntnisse und schaffen einen anderen Blick.
🙂