Die bekannten Probleme
Die Welt dreht sich nicht um mich, aber mir kommt es so vor, könnte man sagen, um in nur einem Satz zum Punkt zu kommen. Es könnte auch anderen nützen, das aufzuschreiben? Für mich ein großes Problem, das Drumherum abzugrenzen von meiner Fantasie, meinen Erwartungen, was passieren müsste. Es gibt ein Krankheitsbild schlimmstenfalls. Tatsächlich ist das mindestens eine dumme Angewohnheit, auf selbst formulierte Ansprüche, auf sich selbst hereinzufallen, dass diese Annahmen von der Umgebung umgesetzt werden und geschehen müssten. Es schmerzt doch, wenn die Dinge nicht wie erhofft laufen! Das heißt aber nicht, in den Wald bloß nett reinrufen zu müssen fürs Gewünschte. Viele sind nicht krank deswegen, aber schon mit einer widersprüchlichen Erwartungshaltung unterwegs. Nicht alle können zugeben, ein Problem zu haben, wenn Antworten ausbleiben.
Kunst bietet eine gute Möglichkeit, sich selbst zu erden. Sie gibt uns das Werkzeug an die Hand, wenigstens die eigene, kleine Welt perfekt zu malen. Bücher, Gemälde und natürlich Comics vereinen durch die Sprache ihrer Macher mit ihrem Werk auch Vorbildfunktionen. Es bedeutet manche Inspiration, die ich als Schablone benötige, überhaupt allein zu denken, einen Maßstab zu finden, einzuordnen. Meine Fischhändlereltern sind tot, meine Lehrer treffe ich nicht mehr, Kollegen meide ich. Die Familie kennt mich lange genug und ich sie. Gewohnheit macht träge. Da muss für eine handfeste Lebensphilosophie Eigenarbeit geleistet werden. Wir dürfen uns unsere Antworten auf alle Fragen des Lebens erschließen und genauer noch: ermalen, erschreiben und nicht zuletzt in Bildern erdenken nach den Prinzipien der Kunst.
# Wir haben immer nach Westen geschaut
Der Anfang jedes Erwachsenwerdens ist perspektivisch. Ein junger Mensch entwickelt erste Vorstellungen seiner selbstbestimmten Zukunft. Was wir in den achtziger Jahren sehen konnten und zu hören bekamen durch Lehrer, Medien und Familie, prägte den Austausch mit Gleichaltrigen anders als heute. Es lohnt wieder der Vergleich mit früher für eine aktuelle Positionierung. Wir schauten nach Westen, als wir jung waren. Die USA gaben ein weites Feld begeisternder Ideen, von ihnen zu träumen und eigene Pläne zu schmieden. Heute sieht man da nur noch das kleine, runde Loch unter der Nase des amerikanischen Präsidenten, seinen schimpfenden, lärmenden, trötenden Mund: „We need Greenland“, sagt er – und mehr davon.
Donald Trump trompetet jeden Tag, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten „wieder“ groß machen zu wollen.
Immer mehr Europäer aber wollen heute gar nicht mehr hin und bei denen drüben mitmachen, über den Teich ihren Weg suchen, das Glück finden im Schmelztiegel der Nationen. So nannte man die USA. Heute werden Grenzen fester geschlossen, auch drinnen ist es unbequem und gefährlich, ins Visier einer Behörde zu geraten. Die ICE greift scheinbar wahllos im Land lebende Personen an. Das vergrault viele, überhaupt aufbrechen zu wollen in die Staaten. Es war anders zu meiner Jugend. Neben natürlich ebenfalls heftigen Protesten, erinnere ich doch die klare Präferenz für dieses großartige Land der unbegrenzten Möglichkeiten, es endlich kennenzulernen. Inspirationen für alle Lebensbereiche schwappten zu uns rüber. Über den Tellerrand schauen, um vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, ist Amerikas Motto gewesen. Unglaubliche Produktionen zeigten der Welt, wie Kreativität und Kommerz Hand in Hand gehen können. Heute sind diesbezüglich Zweifel berechtigt. Hat das Geld die Kunst besiegt, und was macht unser Leben aus? Antworten sind gefragt. Ein Gemälde sollte mehr sein als eine Aktie. Niemand hängt bloße Geldscheine an seine Wand; aber einfach links wählen?
Wäre zu billig.
Nicht bloß Künstler denken.
„Angst ist der Schlüssel“, meinte damals, als ich jung war, so ungefähr (ausgerechnet) ein Milliardär im Interview. Das habe ich vor vielen Jahren gelesen. Bill Gates war das. Er hat ganz recht, und zu wünschen wäre, dass die Amerikaner heutzutage noch was merken. Vielleicht sind sie im wilden Westen noch immer ganz anders und doch größer, als unsere engsichtige Presse uns glauben machen möchte? Das wäre natürlich auch denkbar.
Jeden Tag zu spüren, dass man urplötzlich auf die Schnauze fallen kann, ist jedenfalls unbedingt vonnöten, nicht nur drüben. Das ist die wichtigste Erkenntnis, die ein Mensch verinnerlichen kann und muss. Gates, ein kreativer Kopf, und hat das Geld ihn korrumpiert? Die Meinungen sind gespalten. Heute ist der Gründer von Microsoft umstritten. Da könnte auch Neid eine Rolle spielen. Was ist wichtiger, auf Milliardäre zu schimpfen oder etwas zu schaffen; dann entscheide ich mich für die Arbeit. Ein Kunstwerk kann die geistreichste Kritik sein, ein Kommentar auf einer Plattform ist nur Schnodder.
Eines ist klar, die Demokratie ist weltweit zur gefährdeten Spezies geworden. Das Vorbild China und Russland bringt ausgerechnet die Vereinigten Staaten als doch mächtigstes und freiheitliches System auf die Idee, die Dummheiten der Diktaturen zu kopieren? Beim Segeln hieße es, sich, an der Spitze vom Feld liegend, ständig umzuschauen nach den möglicherweise aufkommenden Konkurrenten und nun an allen Streckern des eigenen Segels herumzufingern, dass man selbst immer langsamer wird, nervös und schließlich ernsthaft um die vorderste Position kämpfen muss.
So doof.
Das heißt aber auch für jeden Einzelnen egal wo zu begreifen, wir könnten ins Visier des Staates geraten, weil moderne Regierungen alles tun, ihre Kontrolle auszuweiten. Das macht Angst. Es ist unser wichtigstes Thema, die kleine Welt, die wir sind, zu verteidigen gegen den Nächsten, der unser Staat sein könnte. Die Kraft der einzelnen Intelligenz wird um so wichtiger, je enger alle zusammenrücken und sich gegenseitig bis unter die Hose schauen möchten. Wir sind nicht mehr privat im öffentlichen Raum. Wir bleiben nicht allein zu Hause. Ein Netz hat die Welt umschlossen und eingefangen. Die Menschen sehen die Möglichkeiten im Internet und fürchten seine Gefahren. Wir sind aufgerufen, unsere Welt zu gestalten. Mehr denn je ist der Einzelne gefragt mitzuarbeiten für eine Welt, die tatsächlich groß ist. Eine kleine Masche vom Netz muss immer Platz lassen, die jungen Fische durchschlüpfen zu lassen, die sich noch entwickeln müssen, weiß man aus der Fischerei. Nicht nur junge Menschen benötigen Entwicklungsspielraum. Integration heißt und bedeutet, den hier lebenden Menschen Raum zu geben, damit alle ihren individuellen Möglichkeiten nachgehen können. Das zahlt sich vielfach aus. Remigration (dieses idiotische Wort) dagegen bedeutet Inzucht und das Ende. Es ist doch klar, dass unsere Grenzen geschlossen sein müssen für manche, aber das heißt nicht pauschal, sämtliche gewachsenen Strukturen anzufressen, wie vermeintlich nationale Menschen das propagieren.
Solche Bilder zu formulieren ist die Aufgabe von Kunst.
# Bunte Bilder und Planeten
Die Gallier rund um Asterix kennen nur eine Furcht, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte? Mir ist schon klar, was gemeint ist. Es hängt eine komische Kugel im Atelier bei mir deswegen. Das ist weder das alte Frankreich noch Krypton, der Ursprung von einigen Comic-Helden, nicht Mongo, aber schon ein Heimatplanet. Das Ding zeigt ganz rundherum mein Kinderzimmer, so möbliert wie damals im neuen Haus in Wedel, das meine Eltern bauten. Ich denke darüber nach, warum ich’s als Schüler malte? Kal-El, der von seinen Eltern in einer kleinen Kapsel zur Erde geschickt wurde, konnte nicht zurück. Sein Planet wurde zerstört. Erst hier bei uns entwickelt sich der notgelandete, spätere Clark Kent zu „Superman“. Mir kommt anderes in den Sinn, wenn ich zur Decke hoch schaue, jedenfalls gibt mir das Hiersein unten am Boden in Schenefeld keine besonderen Kräfte. Es wäre natürlich zu wünschen, dass eine reiche Fantasie mir nötige Flügel verleiht für manche kleine oder größere Weltrettung …
Hat der kleine Prinz Superkräfte? Noch einer mit eigener Kugel im Hirn, sage ich mal, von Saint Ex erdacht, dem Großartigen, dessen wenige Bücher ich alle gelesen habe. Der Prinz scheint einigermaßen verloren zu sein auf unserer großen Erde. Damit kann ich mich identifizieren. Warum erfinden Menschen sich eine Geschichte, wo sie doch ein tatsächliches Leben gelebt haben bis zu dem Moment, wo sie daraus eine Geschichte machen? Das ist eine rethorische Frage. Als Autor ist man mit seinem Text allein. Es dürften aber Träume und Ängste sein, die uns zum Malen bringen, zum Schreiben.
# Durch die Galaxis mit einem Handtuch
Das kennt jeder? Arthur Dent verliert andersherum die heimatliche Erde an eine interstellare Umgehungsstraße.
Den „Anhalter“ (und seine Kinder) habe ich natürlich ebenfalls verschlungen. Wir Menschen brauchen unseren Spinnkram. Manche wollen das nicht wahrhaben? Wir spielen mit Bauklötzen, fahren kleine Planierraupen durch den Baggermatsch. Im echten Leben sitzen dann aber welche im wirklichen Bulldozer und machen uns platt. Nicht wenige Leute ignorieren nur zu gern ihr Menschsein für einen billigen Erfolg (ich bin verbittert).
Es muss kein Planet sein. Böll war auch so einer, dem die Angst klar gewesen ist als eine notwendige Erfahrung: Da rotiert Murkes Paternoster. Es ist der Knoten im Taschentuch, ein Denkzettel, eine Mahnung, die von meiner Decke baumelt. Mir hilft der Blick nach oben. So ist hier die spezielle Angst des Künstlers gemeint, ein Fetisch. Mir möchte meine kleine Welt vom Himmel sich auf mich stürzen. Da hängt ein Mond, ein besonderer Planet. Kindheitserinnerungen vereinnahmen mich. Sie zeigen nicht erfüllte Träume auf, die ich vermasselte? Von Menzel heißt es, er habe ausgehalten, ein besonderes Bild (ein riesiges, nie zu Ende gemaltes Werk) im Atelier bei sich stehen zu haben. Ich verstehe das. Auf dem Styropor sind meine frühen Versuche sichtbar, mein Zimmerchen punktgenau zu erfassen. „Da hast du aber ein schönes Ei gelegt“, kommentierte mein Professor, und das war ein Lob! Er duzte mich schnell, nachdem das „Hamburger Sie“ die Brücke dafür gewesen war. Erst ganz viel später, als Otto schon längst Rentner war, sein Sohn ein erwachsener Mann, der heute meine IT managt, traute ich mich nachzufragen.
„Ja, natürlich, wir sagen du.“
Wie nebensächlich war diese Antwort. Man ist immer mehr allein mit den Jahren. Ein langjähriger Freund hat es gerade gesagt: „John“, hat er gemeint, als seine Mutter gestorben war, ich kondolierte:
„Jetzt sind wir die Alten!“
Ohne Wertschätzung zu leben, ist aber möglich.
Im Kopf sind alle Geschichten vereint.
# In den Spiegel schauen
Die Malerei ist nur ein Rahmen, Kunst ein Mittel zum Zweck, sich zurechtzufinden. Für mich heißt es, nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden. Ein fertiges Bild ist gefundene Wahrheit. Man kann das hinbekommen, ich kann das und brauche keine endlose Sinnsuche. Ich möchte ankommen und weniger aufbrechen in eine Traumverwirklichung. Viele sagen ja, dass sie das tun und schließlich ihren Traum leben möchten, aber mich zieht dergleichen nicht mit. Es ist eine plakative Phrase. Meinen Traum kann ich nicht leben. Es ist zu spät. Der Anfang meines Traumes beginnt in einem Alter, das ich hinter mir ließ. Zu probieren, das nachzuholen, hat mich zum Idioten im Dorf werden lassen. Ich muss klarkommen, pragmatisch am Boden bleiben. Mein Bestreben ist vernünftigerweise, ein besonderes Denken auszubilden, das Grenzziehung spürbar macht. Mir geht es drum, eine gute Integration in etwas hinzubekommen, das ich nicht verstehe. Integration, das heißt nicht Inszenierung. Da habe ich einigen was voraus, die noch renommieren. Viele meinen ja, insgesamt Bescheid zu wissen, ich aber bleibe verunsichert. Jeden Tag aufs Neue überwältigt mich eine, mich selbst überraschende Panik, dass mir das tatsächlich geschieht (was passiert, wie sich Ereignisse verselbständigen) im normalen Alltag, und ich ordne die Dinge mühsam ein.
Sogar meine Heimat bleibt mir ein Rätsel.
Andere haben dieses Unwohlsein auch? Manche laufen weg deswegen. Wenige sind unterwegs, die ganz bewusst drinnen und draußen trennen, und manche haben gar nicht nötig, sich groß damit zu beschäftigen. Sie sind sich selbst bewusst, sind selbstbewusst und kennen ihre Grenzen gut genug. Diese Glücklichen können womöglich gar nicht begreifen, was sie für ein Glück hatten, das mit der Muttermilch zu lernen?
Wieder andere dürften doof sein, nichts zu merken und sind trotzdem handlungsstark. Anders lassen sich manche Typen nicht einordnen, will man solche nicht links liegen lassen. Es gibt Menschen, die darf man nicht ignorieren, weil sie gezielt herankommen und den Kontakt förmlich suchen. Das fällt auf. Diese Leute merken nicht, dass sie nicht zufällig wirken, sondern absichtlich? Ob ich mir das einbilde, ist nicht relevant, seitdem ich ein paar dürre Fakten kenne. Sie beweisen, dass zumindest einige der beunruhigenden Sachen stimmen. Wer beobachtet wird, sollte die Umgebung spiegeln. Unter Beschuss geraten, muss man aufpassen. Meine Lage ist, man möchte mir was anhängen, aus gekränkter Eitelkeit womöglich Rache nehmen? Es ist eine Annahme. Ich kann das nicht beweisen. Mein Krankheitsbild, falls ich irre gehe, nennt sich (vereinfacht) Paranoia. Die Realität, wenn das keine Krankheit ist, bedeutet mit Dreck beworfen dazustehen, und die Leute sagen nur:
„Der ist schmutzig.“
Die Folge ist so gesehen Waschzwang. Das macht verdächtig? Ich glaube schon. Übereaktionen zeigen der Umgebung: „Mit dem stimmt was nicht.“ In der Öffentlichkeit ist Beherrschung besser. Mir ist eingefallen, Heftiges dennoch auszuleben, wenigstens zu Hause. Ich sage mir, selbst wenn dieses Haus ein Glashaus ist, das steht mir zu. Fällt was runter, schimpfe ich: „Das war nicht ich.“ Ich sage, es wäre „Scheißgott“ oder ähnliches, fluche auf die, die hätten aufpassen müssen, dass mir nichts geschieht. Eine Fiktion von früher mag in meinem Kopf noch spuken. Mir hilft das zu bemerken, was man merken muss. „Du darfst dich ärgern über ein Missgeschick“, sage ich mir. Kindisch? Im nächsten Schritt probiere ich, mich zügig wieder einzukriegen. Diese Beschreibungen dürften Lesenden klarmachen, was für einen Umstand ich mit Banalitäten habe. Kriegt einer erst mit, wie wichtig man alltäglichen Besorgungen nimmt und in welcher Reihenfolge (!) etwas passieren soll, ist es leicht, daraus ein Spiel zu machen. Zwang stört. Menschen sind so was von albern, und man selbst ist doch der größte Esel überhaupt. Das sollte jeder für sich zu denken lernen für ein Stück vom Glück. Es bedeutet ein klein wenig mehr Freiheit. Das ändert alles, sogar das Wetter, was man davon hat.
„There’ll Be Some Changes Made“
Ein alter Standard fällt mir ein, besonders mit Kaminsky mag ich das. Jazz motiviert. Es gibt dazu auch Text, Dinah Washington singt es, und ich habe Google um eine Übersetzung gebeten:
„Von nun an werde ich mich verändern. Mein Gang wird anders sein, meine Art zu reden und mein Name. Nichts an mir wird mehr so sein wie vorher. Ich werde meine Lebensweise ändern. Und wenn das nicht reicht, dann werde ich auch mein Auftreten ändern“, heißt es unter anderem im Liedtext.
# Im Bademantel privat
Mein Selbstbewusstsein wird gestärkt, weil ich schlussfolgere, auch andere sind eigentlich anders und kommen nur in den eigenen vier Wänden dazu. Sollte das stimmen, müsste Spionage sofort verboten werden. Die brächte ja ganz falsche Ergebnisse. Alternativ müssten alle neuen Gebäude aus Glas gebaut sein, und unsere Kleidung sollte uns nackt zeigen mit allen Peinlichkeiten, die daraus folgen, fette Wülste, schlaffe Titten aber auch steife Nippel, unangemessene Erektionen. Die Folge: spontane Lust an der Ampel, im Supermarkt, Übergriffe – überall. Was ist eine Privatsphäre, wie groß wird sie uns zugestanden, und sollten alle gleichermaßen ihre haben dürfen? Das ist die daraus folgende Frage. Sie ist leider beantwortet, und zwar mit einer etablierten Lüge. Wir sind nicht gleich vor dem Gesetz. Es muss keine Straftat erst geschehen. Die Behauptung einer möglichen zukünftigen Tat reicht aus von jemanden, der Einfluss hat und die richtigen Hebel umlegt. Ist die Vergangenheit des Opfers bekannt, wird sie zum Instrument gebogen und macht den Überraschten zum möglichen Täter! Das ging nie besser. Wer verdächtigt wird, verliert automatisch das Recht der privaten Geschütztheit. Wenn jemand zum Verdachtsfall wurde, steht er blank da. Wir akzeptieren und sollten uns demzufolge nicht wundern: Wem Vorverurteilung widerfährt, der wird sich ändern.
Zum Guten?
Ich schweife nicht ab:
Einen Artikel lesbar schreiben, dafür reicht nie die Zeit, die man sich nimmt. Im Büro mit anderen könnte ich nicht arbeiten. Man muss sich beherrschen im Team und das Tempo der Zeit gehen. Smart sein. Wir haben keine Lügenpresse, aber auch nicht wirklich regionale Käseblätter noch. Zu teuer. Der Kiosk stirbt. Leichte Sprache für Shakespeare soll der Jugend den „Sommernachtstraum“ zugänglicher machen? Das habe ich mitbekommen. Manche reagieren entsetzt. Die Bibel anzupassen ist sinnvoll. Aber ein Kunstwerk umschreiben für einfach gestrickte Menschen? Dann sollten wir auch alle Aufnahmen von etwa Dizzy Gillespie glätten. Zu viele Töne kann man niemandem zumuten. Wir müssten Mona Lisa übermalen. Entweder lacht die jetzt oder ist böse. Dritte Möglichkeit: biometrisch neutral. Das Bild ungeschützt anzuschauen, so wie es jetzt ist, könnte latent Autisten überfordern. Vielleicht geht das auch mit einer Brille, die die Besucher am Eingang zum Louvre bekommen? Man könnte unscharfe Stellen programmieren. Eine Kindersicherung sollte überall Pflicht werden, wo Zweideutiges ihr Wohlbefinden gefährden könnte. Das ist doch keine Satire. Mir ist das Ganze ernst hier!
# Schwanzgesteuert
Mein Thema ist ein kaum zu bändigender Zorn. Ich komme immer wieder drauf: Um Verbrechen geht es dem Mob in den Behörden gar nicht. Es geht den Juristen bloß um Strafbarkeit. Die Beamten arbeiten nicht für uns, die Gesellschaft. Das sind nicht Freunde. Es sind nicht Helfer. Politiker sind unfähig, Polizisten frustriert. Sie begeilen sich, sind besoffen von ihren Möglichkeiten, nennen sich Pädojäger? Niemand kümmert sich um die verletzten Menschen tatsächlich, wenn es doch gilt, einen Schuldigen zu belangen. Zeitenwende heißt für mich auch: „Immer mehr Kinder schauen Pornos.“ So lautet eine noch aktuelle Nachricht vom Herbst vergangenen Jahres. Das muss man doch verbieten können? Die Polizei bittet Eltern um Mithilfe: „Wenn ein Kind einem anderen Kind eine kinderpornografische Abbildung versendet, ist das eine Straftat.“ Ich habe die Plakate gesehen. Eltern sollen ihren Kindern sagen, dass sie sich damit strafbar machen und das Kindeswohl der Kinder gefährden, die sie bloßstellen. Damit sind diese Kinder, die so was teilen, eigentlich Straftäter, aber das geht ja leider nicht, sie richtig zu bestrafen, weil sie Kinder sind. Das sind Probleme! Man muss weiter denken: Amok wird alltäglich. Ausländer, Terroristen und verrückte Schüler sind schuld. Da muss man schauen. Schnell noch die Kerzen hin, Steinmeier ist wieder betroffen und weiter geht’s. Wir lassen uns nicht einschüchtern, heißt es nur und immer wieder. An uns kann es ja nicht liegen, weil wir freiheitlich sind und unsere Gegner fanatisch. Das sieht man doch. Dann noch ein paar Poller aus Beton um die Plätze. Das muss reichen. Eine Brandmauer verlangt der Kanzler, ein Klimaziel wird ausgerufen, Brot und Spiele organisiert, Hamburg wird olympisch usw.
Wir gendern wo’s geht, behaupten was von Vielfalt, Meinungsfreiheit und bescheißen einander doch andauernd. Der Eindruck macht sich breit von überall rumstehenden Kulissen. Ist das gewollt, oder können wir nicht anders? Transparenz kann insgesamt zu mehr Ehrlichkeit in der Gesellschaft führen, ist eine Annahme.
Stimmt das?
Wer nichts zu verbergen hat, könne hinnehmen, dass andere reinschauen, sagt etwa der typische Polizist. Ganz einfach.
Das hat ein „Kollege“ mal angedeutet, aus der Wache vom – an Hamburg angrenzenden – Städtchen an der Elbe (wo ich aufgewachsen bin), nebenbei parallel auch beim Tageblatt beschäftigt wie ich seinerzeit, der mit mir ein Grillfest des Verlages (in Pinneberg) besuchte.
So kompliziert ist die Wahrheit, wenn man korrekt formulieren möchte, das nur am Rande.
Der Polizist glaubt, dass das Ganze fehlerfrei abläuft? Er meint wohl, wenn die Polizei einen Verdacht hat, hat sie anschließend den Täter – oder zieht sich smart zurück wie nur was? Tatsächlich, bevor der deutsche Polizist aktiv werden darf, sind ihm hohe Hürden gesetzt. Der Kollege vom Tageblatt bzw. der „Wachtmeister“ aus W. oder was weiß ich, wie solche Dienstgrade heißen, glaubt vermutlich an die korrekte Einhaltung aller Vorschriften. (Er ist nur Straßenpolizist und romantischer Autor im Nebenberuf). Der Staatstrojaner muss sauber und unbemerkt beim „Kunden“ installiert werden. Schwierig, habe ich mir sagen lassen. Der einfache Polizist nimmt wahrscheinlich in seiner kindlichen Gendarmenfantasie an, das klappe ein jedes Mal mit deutscher Gründlichkeit. Klappe zu, Affe tot? Es sei denn, Deutschland schafft sich demnächst ab.
O weh!
Ein Verdacht ist ein Verdacht. Nicht mehr. Darüber sollten nicht viele informiert werden. Das spricht sich rum im Dorf. Will man das? Notfalls greifen die Beamten von der Kripo auf die Unterstützung eines „ausländischen“ Geheimdienstes zurück. Man hört dergleichen oft. Das ist ganz einfach. Da hilft man sich. Der ausländische Geheimdienst sitzt nicht in New York. Diese spezielle Stasi hat ihre Informanten direkt im Haus nebenan vom Ahnungslosen. Es ist der nette Nachbar, der für alle die Mülltonnen an die Straße stellt, Pakete annimmt usw. Das jedenfalls nehme ich an. Die Verwertbarkeit der Hinweise ist gegeben, wenn man diesen Deal mit den fremden Spähfüchsen juristisch fest präsentiert? Wenn das nur irgendeiner ist, dem man zum Spion deklariert, bloß für einen Job, beginnt eine Grauzone. Ich glaube das. Um es klar zu sagen: Es ist nur eine Meinungsäußerung. Dieser Text möchte keine strafbare Handlung sein. Gott bewahre! Ich schreibe eine satirische Glosse.
Das ist erlaubt in Deutschland.
Noch ist es ja da. Dann, in meiner Vorstellungswelt, die eine Kugel unter dem Dach hängen lässt, eine kleine Ordnung von früher, geht dieser „Meier zwo“ womöglich anderswo in eine Kneipe, und bei einigen Ouzo sprudelt es nur so aus ihm raus, was er meint zu wissen?
Mir graut vor der Grauzone, ganz ehrlich.
Das habe ich seinerzeit verbalisiert.
Eigentlich eine nette Feier mit vielen Mitarbeitern vom Tageblatt, aus der Zustellung, aus der Druckerei war das. Ich habe damals zusätzlich zur Illustration für Delius Klasing im Minijob für diese Zeitung Post ausgetragen, etwa von „Nordbrief“. Der „Kollege“ hat in seiner Nebentätigkeit Artikel verfasst und ist zu dieser Zeit uniformierter Polizist gewesen. Soweit hatten wir uns ausgetauscht, anfangs fröhlich und einander intelligent zugewandt. Polizisten können menschlich sein. Das gehört zum Beruf, Vertrauen gewinnen, Freund und Helfer sein. Als klar wurde, dass ich seine Positionen kritisch sehe, musste ich mich nach anderen Gesprächspartnern umsehen. Er nahm die Wurst und ging. Seine Behörde beansprucht das Recht zum Lauschangriff auf Verdacht. Der Ordnungshüter machte mir leichthin klar, dass es nötig ist, weil ordentliche Menschen korrekt leben.
„Der große Bruder sieht dich an, und du findest es bitte o.k.“
Da will ich dem Polizisten dann auch auf den Schwanz schauen umgekehrt? Die Antwort ist nein. Mich interessiert nicht das Verhalten von irgendwem, und hier fängt der Unterschied an: Ich zeichne gern. Das zu tun an sich, macht wirklich Spaß hinzubekommen. Es gibt uns Kreativen die verschlüsselte Sprache des Amüsierten am Schlüsselloch. Das hat Stil. Die Frage ist doch, kann ein Staat garantieren, dass seine Ordnungskräfte selbst alle ihre Regeln einhalten, und die Antwort ist:
Das kann kein Staat leisten.
Jede Information ist ein großes Fass und leckt zum Teil durch. Tratsch und Rufmord sind keine kriminalistische Leistung. Faule, Bösartige und nicht an der Ästhetik einer Kunst Interessierte möchten ihr vermeintliches Wissen platt verbreiten. Das tun solche gezielt nur zum Schaden der Beobachteten. Die wollen nebenbei gute Menschen sein? Ein Polizist der tratscht, ist nur noch ein Arschloch. Es bedeutet fachlich gesehen ebenfalls eine Riesendummheit. Ein Kartenhaus ist labil. Der umsichtige Kommissar weiß die Arbeit seiner Informanten zu pusseln und wartet geduldig. Spionage spricht wie die Kunst eine eigene Sprache, um sich und ihre delikate Arbeit zu verbergen. Unangenehme Wahrheiten finden ihren Weg. Besonders unangenehm für den Konstrukteur seiner These, ist eine dem Geschäft abträgliche Realität. Je kleiner der Tatvorwurf ausfällt, desto mickriger die Chance auf einen Erfolg des Jägers? Eine Polizei auf Beutefang ist nicht, was wir wollen. Die genaue Beweisführung vor Gericht bleibt schwierig. Die Angeklagten bei uns dürfen einen Rechtsanwalt sprechen lassen. Das hat gute Gründe. Das Leben ist vielschichtig. Eindimensionale Wahrheiten sind nichts als Behauptungen und insgesamt unwahr.
Ich darf Geschichten erzählen. Das ist meine Aufgabe. Ein Staatsanwalt, der Märchen erzählt, fällt auf die Schnauze. Nicht gleich, aber irgendwann doch. Ich möchte was aushalten. Ich muss. Wenn ich’s kann, möchte ich Künstler genannt werden. Ansonsten sagt ihr: „Er übt noch.“ Ich stehe für Integration! Unsere Gesellschaft driftet weg, und ich bin euer Damm, der quer liegende Baum im Strom. Manche Biber bauen, andere nagen weg.
Ich störe?
Es ist weiter nötig, kurz abzuschweifen, um doch mittendrin im Thema zu berichten. Gerade hat eine gute Freundin mich ein wenig beneidet. Sie hat keine Zeit für Kunst. Wir haben zusammen Grafik studiert. Meine Freundin ist eingeschränkt durch eine nicht mehr zu ändernde Behinderung. Ihr Mann hat sie (daraufhin) verlassen. Sie leidet unter mancher Einschränkung und arbeitet unentwegt von zu Hause aus als Werbegrafikerin. Meine Wirklichkeit, durch manchen Umstand begünstigt, genügend Geld und freie Zeit zu haben für vielerlei Spielkram, nicht zuletzt diesen Internetauftritt, sieht sie mal anders, nämlich unter dem Aspekt, dass auch ihr Leben vorbei ist für einen eventuellen Traum, freie Künstlerin zu sein? Wir können diese Empfindungen nicht tauschen.
Ob sie meine Ängste möchte, habe ich nie gefragt.
Mit ihr tauschen? Auf keinen Fall. Sich nicht bewegen können, wäre furchtbar. Es tut weh, sich zu erinnern, wie wir früher waren. Es ist auch schön, von damals zu träumen. Heute ist jetzt: Ein Damoklesschwert denke ich mir immer wieder aus, das am dünnen Faden über meinem Kopf baumelt. Mir gefällt, alles hinzuschreiben. Es befreit und ist das Ergebnis einer mühsamen Sinnsuche mit unendlicher Seelenqual, die ich hinter mir lassen kann durch die Übung, dergleichen wiederholt erfahren zu haben. Ich wollte normal sein. Das ging nicht. Ich fahre durch meine Gehirnrinde mit dem Pflug, den ich selbst konstruierte, bin Bauer, Erbauer und Gestalter fantastischer Landschaften.
Eine schöne Übung für zu Hause.
🙂