Unfertige, aber keine halben Sachen!

„Der Ehrliche ist der Dumme“, heißt es oft, dann kommen die bekannten Klagen. „Alles was Sie sagen, kann auch gegen Sie verwendet werden“, warnt die Polizei den Beschuldigten vor ihrer eigenen Behörde, dem Staat. Im Film ein beliebtes Thema, gute und böse Bullen sind unterwegs. Und im echten Leben: Hat die Wahrheit ihre eigene Kraft oder ist sie der Stolperstein, der uns zum Verhängnis wird? Es kommt darauf an, je nachdem, wie man’s nimmt. Das Wahre triumphiert nicht, seine Kritiker sterben irgendwann. Zitat: Max Planck.

Das muss dem reichen, der an seine Überzeugungen glaubt.

Die Wahrheit kann das Ergebnis einer Suche sein. Um ein Problem zu lösen, beginnt der, der dieses als solches empfindet, mit Probierbewegungen. Das führt bestenfalls zur Lösung von Schwierigkeiten, weil das Richtige nun vom Falschen getrennt werden kann, zunächst aber nur vom Spezialisten, der seinen Weg dahin gegangen ist. Jede Problemlösung schafft neue Probleme. Wer also einen neuen Weg publik macht, verstört diejenigen, die auf tradierte Weise Erfolg haben und ihre Methoden beibehalten möchten. Sie möchten die Wahrheit nicht wahrhaben und werden die Gegner des Neuen. Sie leugnen das Bessere. Dieses Verhalten ist typisch, durch alle Zeitalter in den verschiedensten Kontexten belegt.

Die ausgegebene Parole ist bekannt, trotzdem durchzuhalten: „Ehrlich währt am längsten“ bedeutet, dass Aufrichtigkeit und Wahrheit langfristig erfolgreicher sind als Lügen oder Betrug. Wer ehrlich ist, baut Vertrauen auf, während Lügen meist nur kurzfristig Vorteile bringen und schließlich auffliegen. Es ist ein Appell, auch bei Schwierigkeiten bei der Wahrheit zu bleiben. (Übersicht mit KI).

Jesus, als Begründer einer Weltreligion, nebenbei Erfinder der Nächstenliebe, wurde zum Tode am Kreuz verurteilt, der Maler Van Gogh hat seinen Durchbruch in der Szene nicht mehr erlebt. Weitere Beispiele könnten angefügt werden. Wissenschaftler wurden verfolgt, wenn ihre Erkenntnisse nicht ins jeweilige Weltbild passten, Freiheitskämpfer werden von den Mächtigen getötet. Als Satiriker lebt man gefährlich. So einer legt den Finger in die Wunde, und krank ist diese Gesellschaft, die mit dem Finger auf ihre Sonderlinge zeigt:

„Spacken!“

Die wahre Kunst ist so gesehen (wie die Liebe) ehrlich und naiv gleichermaßen.

# Längere Gedanken benötigen ihre Zeit

Ein Wort vorweg: Es ist üblich geworden, Websites nur auf dem Smartphone anzusehen? Wer das ausschließlich tun möchte, verpasst komplexe Inhalte nebenbei. Darum will ich mich nicht kümmern, schmackhafte Häppchen wie Fastfood anzubieten. Um sich gemalte Bilder anzuschauen, sollte einer mindestens sein Tablet bemühen und sich annehmbare Bedingungen zum Lesen schaffen. Es ist wie im richtigen Leben. An den Geschäften nur entlangzugehen, kurz bummeln, die Sachen im Schaufenster überfliegen oder richtig eintauchen ins Ganze, steht uns ja frei …

Die Gemälde der besonderen Galerie (unten) sind nicht abgeschlossene Projekte. Deswegen heißt das Menü „Unfertige“. Ich möchte einen Einblick in meine Arbeitsweise geben. Den Text dazu gibt es hier, um die Galerien auf der Homepage nicht zu überladen. In der oberen Leiste kann man entspannt den Reader aktivieren, scrollen und gegebenenfalls anderntags weiterlesen.

# Zeitmaschine, Nudisten

Ein Kreativer muss sich so weit selbst verstanden haben, sein eigenwilliges Schaffen mit Unterbrechungen hinzubekommen. Pausen gehören dazu. Damit ist unter Umständen auch längeres Wegstellen der Malerei gemeint. Meine Bilder entstehen nicht an einem Tag. Ich brauche lange und male nicht am Stück alles fertig. Zwischendurch steht das Gemälde rum. Das können Wochen sein, die ich anderes mache. Um erneut mit dem Bild anzufangen, benötigt jeder Künstler entsprechend der ihm eigenen Mentalität die notwendige Lust, es „jetzt“ zu tun. Wann dieser Moment sein soll, wird uns nicht gesagt.

Darum heißt es: „Freie Malerei“.

Es kann sich wie eine Herausforderung anfühlen. Wir haben keinen Anleiter wie im Fitness-Center, der erst vorbereitet: „Zwei, drei …“, dann punktgenau fordert, „und hoch – jetzt!“, weiter koordiniert, „mache eine Pause“, wie von der App gewohnt. Das ist die zum Malen gehörende Kunst und ein Lernfeld, sich kennenzulernen. Mit Willenskraft allein geht gar nichts. Tun können oder lassen nach Belieben? Eine notwendige Übung. Für mich gibt es weder einen Ausstellungstermin, wo ich ein Bild gern zeigen möchte, weil ich nicht mehr ausstelle, noch einen Auftraggeber, dem ich mich verpflichtet fühle.

Aktuell habe ich zwei große Acrylbilder im Atelier, die ich mir immer wieder vornehme, weiter daran zu malen.

Ein besonderer Gedanke, an zwei Bildern gleichzeitig zu arbeiten: Nach einem Fernsehbeitrag über den Österreicher Helnwein, dass man’s machen kann, sich dazu motivieren, wollte ich’s selbst ausprobieren. Das doppelte Arbeiten gefällt (nach anfänglichen Zweifeln) und gibt mir eine gute Erfahrung von inzwischen einigen Jahren mit den beiden großen Teilen. Man erhält sich die Motivation, weil die Abwechslung gegeben ist.

Schon vor fünf Jahren hat mich die Idee für das „Fischmarktbild“ beschäftigt, und ich glaube, es war März 2024, als ich das Thema ernsthaft zu entwickeln angefangen habe.

Wir beide damals im blauen Transporter? Da schaue ich zurück in die Vergangenheit, auf die eigene Geschichte und male heute meinen Vater – en miniarture. Das Kind im Fischauto bin ich selbst. Das ist keine einfache heile Welt gewesen, aber eine Aufarbeitung des Gewesenen muss ich probieren. Herkunft kann das Sprungbrett in die Zukunft bedeuten und ist genauso eine Festlegung, der man nur schwer Eigenes abringt. Fremdbestimmt sind viele und bleiben es. Schön, wenn es nicht groß belastet, immer nur mitzulaufen. Schlecht, wenn jemand krank wird, weil die gesetzten Ansprüche nicht zusammengehen mit dem selbstständigen Leben, wo schließlich die Erzieher weniger Einfluss nehmen, weil man als erwachsen gilt. Ich blieb unreif, das alles zu packen, was mir aufgetragen war und wohin ich eigentlich wollte, wusste ich nicht. Da scheint der Blick in den Rückspiegel lohnend. Meine Kindheit und Jugend waren von den widersprüchlichen Aussagen meiner Eltern dominiertes Leben:

„Den Laden sollst du mal nicht machen, da musst du immer sonnabends arbeiten, riechst nach Fisch und kriegst nie eine Freundin.“ „Als Angestellter muss man immer tun, was gesagt wird.“

Aber: „Kunst ist brotlos.“ 

Ich wurde krank davon und verstand nicht einmal, warum.

Das Malen hilft mir.

Meine Eltern sind gestorben. Seit einigen Jahren erleben meine Frau und ich, selbst die Alten zu sein. Mir sind die Beziehungen in direkter Partnerschaft und zu den Nachbarn wichtig. Ich kümmere mich. Alles weitere, die größeren Kreise, die man ziehen kann, Freundschaften und viele Bekannte sehe ich heute deutlich distanziert. Was bleibt, sind Erinnerungen. Die Kindheit mit meiner Schwester in Wedel, das neue Haus, das meine Eltern bauten, alles bildet weiter den Hintergrund meiner Fantasie. Damals wusste ich nicht, wie sich’s anfühlen könnte, wenn man nicht der wäre, der man eben ist? Heute denke ich oft darüber nach, wie ein anderes Leben gewesen sein könnte. Meine Erfahrungen haben mich schließlich geprägt und nachhaltige Veränderungen bewirkt. Die Aversion gegen unehrliche Selbstdarstellung bildet den Kern meines Denkens. Ich bin hochgradig misstrauisch, ja paranoid im Alltag. Ich glaube gar nichts. Kein Gott hilft mir. Ich muss alles allein durchstehen. Wenn ich Hilfe annehme, dann immer aus der Position meiner Selbstbestimmung. Ich komme zuerst. Soziale Verbundenheit wie früher kann ich keinesfalls genießen.

Das ist Vergangenheit.

Ich ging zur Wahl, war politisch interessiert. Mit den Oberen der Verwaltung im Ort hatte ich vertraute Beziehungen und bin offen auf Menschen zugegangen. Ich war Obmann unserer Bootsklasse. Ich bin ehrenamtlich in der Kirche aktiv gewesen. Ich habe Mal- und Zeichenunterricht gegeben, im Auftrag grafisch gearbeitet. Ich hatte Ausstellungen mit meinen Bildern. Ich ging in Jazzclubs, kannte Bands, Musiker persönlich und besuchte auch Kunstausstellungen, traf Kommilitonen von früher, tauschte mich aus. Ich habe jedes Jahr die Bezirksmeisterschaft mitgesegelt und war überhaupt gern mit den anderen zum Spaß am Wochenende segeln.

Das ist vorbei.

Meine Naivität ist mir inzwischen klar. Ich muss so grenzenlos doof gewesen sein. Ich kann nicht einmal die eigenen Fehler abstreiten, wie alle anderen es spielend mit ihren Arschigkeiten hinbekommen. Sie streben ein Amt an, lügen. Die betreiben eine Firma, pfuschen. Leute „machen“ krank. Sie sagen dem Chef: „Ich kann nicht.“ Dabei stimmt es gar nicht. Mädchen tun verliebt, aber sie weiden sich nur dran, dass du das glaubst. Frauen mehr wertzuschätzen, weil sie Frauen sind, ist falsch. Ich habe lange gebraucht, es einzusehen. Rentner sind keine achtbaren Menschen, nur weil sie Senioren sind. Begegnungen auf Augenhöhe und bei gegenseitigem Respekt, die Einsicht in unsere Schwächen auch anzuerkennen, ist selten leider. Man lernt es zu respektieren, falls das passiert.

Wenn ich heute irgendwo mitmache, dann selektiere ich genau, ob ich das im Moment wirklich haben muss, dabei zu sein. Der Gesellschaft Schaden zufügen durch Blockade, Nichteinbringen von Arbeitsleistung, keine Steuern zahlen, weil Gewinne bewusst vermieden werden, ist eine emotional lohnende Strategie. Andere Menschen lasse ich nicht an mich rankommen. Meine Anteilnahme ist vorsätzlich, oberflächlich. Empathie für fremdes Leid habe ich verloren. Ich gebe mich nett, das kann ich. Zwanghafte Freundlichkeit ist ja mein Problem. Das fing im Kindergarten an: Wo andere lernten, für ihre Belange einzutreten, sich besser darzustellen, war meine Methode, diese Kinder bei den Erziehern für ihre Regelbrüche zu verpetzen. Mit so einer Lebenseinstellung endet das bekannte Leben, wenn da keine Erzieher mehr sind, also nach der Ausbildung. Ich habe den Preis dafür gezahlt. Heute fühle ich mich frei. Wenn der Zwang, gegen sich selbst zu handeln, nachlässt, ergibt sich lohnende Beschäftigung allein durch die Auswahl möglicher Beschäftigungen. Man ist sich selbst genug oder, anders gesagt, mir genügt, um mich selbst zu kreisen. Ich werfe mein Leben und mögliche Zukünfte bewusst weg. Funkstille befriedigt mich. Verschworene Familienverbünde haben gemeinsame Sache gemacht, das Erbe zu zerschlagen zum reinen Geldgewinn für uns Geschwister. Wir reden nicht mehr innerhalb der Familie. Meine Schwester wird hier nie erwähnt, und ich möchte keinerlei Kontakt. Sie hat den Verkauf von Haus und Grund erzwungen. Eine Schlammschlacht bis unter die Gürtellinie wie in vielen Familien und damit doch richtig beendet. Jede Zusammenarbeit wäre unmöglich. Das kann man ihr objektiv nicht anlasten, dass sie so blöd ist. Insofern frage ich mich, wie alles kam? Vieles bleibt einfach das Ausstaffieren des Heimeligen mit Geschichten. Was Menschen machen, die so Fassaden um sich herum stellen! Meine Bilder sind letzlich, das ganz bewusst zu tun: Theater verbreiten.

Es gab schöne Momente unserer Kindheit. Wir nannten die Eltern beim Vornamen, alberten mit Erich. Unser Vater konnte komisch sein. Da tut seine spätere Verbitterung noch mehr weh. Greta kochte gutes Essen, Essen war immer wichtig. Das schöne Gedicht von Erich Kästner „Die Sache mit den Klößen“, wir lachten darüber. Es beginnt mit: „Der Peter war ein Renommist, ihr wisst vielleicht nicht, was das ist?“ Dann kommen Beispiele. Was das Schlimmste daran war, „er glaubte seine Lügen gar“, heißt es später. Wer fragte: „Wie weit springst du Peter?“, bekam zur Antwort: „Sieben Meter.“ Eine Geschichte zum Weiterdenken. Es kann dauern, etwas zu bemerken, irgendwas überhaupt zu merken, und zwar an sich selbst. Das eigene Leben so zu sehen, ist nicht einfach. „Die Sache mit den Klößen“ scheint nur eine Humoreske zu sein? Der Spinner überfrisst sich und muss notoperiert werden, Ha ha. Tatsächlich hält Kästner uns allen den Spiegel vor.

Wir sind Peter.

Schon meine Eltern wurden zum Opfer ihrer Annahmen, wer sie meinten zu sein. Sie vergewaltigten ihre Kinder, ohne es zu merken durch den Unsinn, den sie erzählten. Wir bekamen einen Irrgarten als Laufstall.

Andere Kinder lernten zu leben in derselben Zeit.

# Gesucht, probiert – und gekonnt

Kinder werden unabsichtlich verstört, gestört, gekränkt von ihren Erziehern, wenn Familie nicht läuft wie gewünscht, aber gut wirken soll. Dann ist Liebe ein Wort mit wechselnder Bedeutung. Wechselnd, das heißt unzuverlässig. Menschen lernen viel. Wir bringen durch unsere Gene bestimmte Voraussetzungen mit, und anderes müssen wir selbst herausfinden, bis unser Organismus zur selbstständigen Ordnung reift. Kinder lernen, und manches lernen sie schlecht. Das kann verschiedene Gründe haben. Oft sind Lehrende nachhaltige Verursacher späterer Probleme. Wer so einigermaßen ins Leben stolpert, dürfte später als normal angesehen werden. Wem das Erwachsenwerden nicht gelingt, weil eine psychische Erkrankung alle Träume nachhaltig kaputt macht, muss Hilfe annehmen, von vorn beginnen. Unsere Gesellschaft ist leider so strukturiert, dass Helfende weitere Probleme installieren. So kommt es, dass nur wenige der psychisch Kranken ein gesundes Leben führen können, das diese Bezeichnung auch verdient. Das bedeutet trotzdem, auf ganz viel zu verzichten. Liebe bleibt ein Traum bei grundsätzlich beschädigten Persönlichkeiten. Wir können nur ein Mindestmaß an Stabilität in Beziehungen erreichen. Ein Diorama, ein kleines Modell, nur ein Ausschnitt des liebevollen Zusammenseins kopiert die Realität der anderen, was allgemein verbreitet wird. Unzuverlässige Elternliebe traumatisiert Kinder, die es so erleben müssen. Sie werden nie frei von der Vergangenheit. Stärke kann erlernt werden. Empfindsamkeit zurückzudrängen, kann man hinbekommen. Das heißt aber auch, Nähe nur bedingt zuzulassen, Vertrauen nur eingeschränkt gewähren. Leben in einer Kapsel, eine Mondlandefähre mit Ausstieg. Kurze Wanderungen wie Tauchgänge im luftlosen Medium. Zartes Berühren der Helme.

Kunst bedeutet mir inzwischen (und es hat gedauert, das zu verstehen), einen Ausweg zu suchen, für etwas, das ich seinerzeit unmöglich begreifen konnte. Es hieß nach einiger Zeit, sich selbst eine Tür an diese Wand zu malen, gegen die man ein Leben lang anrannte.

# Das Lotschiff

Die Seemannssprache hilft, sich nützliche Bilder auszudenken: Die Barre erstens zu kennen, wo der eigene Kahn immer hängenbleibt, ermöglicht es, diese Sandbank bald genauer auszuloten, um endlich tieferes Wasser für eine Durchfahrt zu finden? Diese Hoffnung treibt unseren Motor an. Das setzt voraus, zweitens nicht aufzugeben und der Idee zu folgen, es „müsste“ so eine Rinne überhaupt geben. Wenn man Erfolge verbuchen kann, wächst das Vertrauen ins eigene Projekt, das andere höchstens belächeln. Damit ist das Verständnis vom Ganzen kaum größer geworden, aber ich kann eine Karte des vertrauten Terrains nutzen. Das ist eine Abbildung des selbst Erfahrenen, eine eigens bezeichnete Prickenreihe am mäandernden Priel. Manche Wege sind nun verlässlicher geworden. Perspektiven zu entdecken, befreit von Angst. Mehr als ein Fluchtweg sind sie neues Land, das es zu betreten lohnt.

Die Truman Show, das war diese Geschichte von Seahaven, die Kulisse unter der Kuppel, wo alle Fake ist.

Wir erinnern uns, Truman segelte bis an das Ende seiner Welt. Das ist ganz real eine Mauer in diesem Film. So auch bei mir, so erlebe ich Grenzen heute. Die Wand? Mir wurde schließlich möglich, die anfangs bloß skizzierte, dann hoffnungsfroh hingemalte Tür zu öffnen. Ich kann heute sogar lustig hindurchgehen – in beide Richtungen. So gesehen kommt Kunst tatsächlich von Können. Das hat wenig damit zu tun, wie groß der Wert von anderen bemessen ist, den sie uns zugestehen. Verkauf wird zur Nebensache, und das bedeutet, ein Stück weit Freiheit ausgestalten „können“.

Mag die Umgebung auch Chaos bedeuten, der Mensch räumt seine Flächen auf. Es entspricht seinem Bild von Sinn, da ein Organismus sich selbst als das begreift, eine funktionale Ordnung. Neurotische Reaktionen sind nicht bloß unter dem Aspekt einer pathologischen Verhaltensauffälligkeit zu begreifen, sondern vielmehr das Herumprobieren, den Irrgarten zu verlassen. Fremde werden die tatsächlichen Gründe immer übersehen, wenn und warum einer scheinbar mit dem Kopf durch die Wand will und raten höchstens dazu, Polster anzubringen, statt effektive Wege zu bezeichnen. Sie erkennen die individuelle Not nicht an. Sie gehen von sich aus. Sinnlosigkeit wird solchem Handeln attestiert, besonders, wenn es von Gewalt begleitet ist. Hier wird die Ordnung der anderen beschädigt, während ein Wütender selbst nach Orientierung sucht. Insofern gibt es keine sinnlose Tat. Verstörung fängt an, wo der Einzelne die Grenze zieht. Nicht erst dort, wo man rausgeht, sein Haus verlässt, beginnt die Wildnis, die scheinbare Ordnung der Allgemeinheit, die Gesetze des Straßenverkehrs usw. Das Unwohlsein dringt bis in den vertrauten Bereich, wenn irgendetwas nicht zu stimmen scheint, ein nötiges Ding verlegt ist und man nach Schuldigen sucht.

Aufräumen.

# Kunst als Lösungsweg

Ich will mich nicht in die Methoden der malenden Kollegen leicht einordnen. Mir ist es suspekt, dass so viele auf den Markt schielen und seriell arbeiten. Wichtig ist, damit man nicht allgemeiner Dekorateur vom Zeitgeist bleibt, ganz individuelle Motive zuzulassen. So versteht sich auch das aktuelle Arbeiten an den unterschiedlichen Themen. Es geht mir immer um das Erwachsenwerden. Meine Erfahrung zeigt sich so; die Masken fallenzulassen, ist gesünder. Je mehr Zeit Menschen damit verbringen, auf ihre Selbstdarstellung zu schauen, dass sie einem Bild entsprechen, das sie wie ein Plakat vor sich aufstellen, wie sie gesehen werden möchten, desto nackter erscheinen sie allen anderen? Eltern können aber ihre Kinder täuschen. Die können zunächst nicht weg, bekommen ihren Schaden verpasst. So gesehen sind beide Bilder, an denen ich nun arbeite, so verschieden gar nicht.

Ende 2022 war ich also auch an „Nudisten“ dran. Weil mich beide Stoffe bewegen, habe ich dann irgendwann parallel Entwürfe gemacht und male jetzt schon länger im Wechsel mit Acrylfarbe an den großen Bildern. Groß, das ist in diesem Fall wie bei vielen anderen Gemälden mein typisches Format, 120 cm breit und 100 cm hoch. Ich kaufe fertig grundierte Leinwände im professionellen Fachhandel in Altona und bin damit sehr zufrieden. Die offene Zeit meiner Acrylfarbe verlängere ich mit Trocknungsverzögerer. Pingelige Grenzen kontrolliere ich mit winzigen Aquarellpinseln, die sehr teuer sind. Mein Verschleiß ist nicht unerheblich bei diesem Luxus, den ich mir leiste. Die Augen sind nicht mehr gut, ich benötige eine Brille. Meine Hand ist altersgemäß weniger ruhig, und ich will es genau wissen; nicht so einfach das Ganze. Ich bin ungeduldig und neige zu Jähzorn, das auch noch. Ich will sofort hinbekommen, was ich mache. Das ist bei Bildern, an denen jemand wie ich Jahre zubringt, eine echte Herausforderung.

# Erwachsenwerden, zurückschauen und Zeitenwende

Das Fischmarktbild soll inzwischen „Zeitmaschine“ heißen. Abgebildet ist unser erster Transporter, ein blauer VW mit getrennter Frontscheibe. Meine Eltern eröffneten ihr Geschäft in Wedel im Jahr 1969. Als kleiner Junge durfte ich schon einige Male mit zum Markt, wenn gerade keine Schule war. Das zeigt dieses Bild. Natürlich wurden uns nie Fische von Möwen geklaut. Mein Vater war sehr umsichtig beim Einkauf und hatte auch immer einen Zettel am Abend vorher angefertigt, was benötigt wurde, die „Latte“. Das war ein Blatt Schreibpapier, das zunächst einen senkrechten Strich in der Mitte bekam. Dann fing mein Vater an, oben links den ersten Punkt seines geplanten Einkaufs einzutragen, machte darunter weiter, und wenn die linke Seite vollgeschrieben war, nutzte er den Platz rechts vom Strich für eine zweite Spalte. Die Reihenfolge der Notizen entsprach der vermutlich besten, so abzufahrenden Route am Fischmarkt. Gab es Abfälle mitzunehmen, ging das Ganze, glaube ich, bei „Pallasch“ los. Dort gab es auch Eis, das notwendige Kühlmittel für die Ware. Frisches Splittereis wurde aus einem beweglichen Rohr in die Fischkisten auf der Ladefläche geschüttet. Ich kann mich irren, weil alles sehr lange her ist.

Mein Vater fuhr auf der Elbchaussee bis zum Altonaer Rathaus und lenkte seinen Transporter die lange Schräge westwärts runter. Musste er nicht zu Pallasch, folgte Erich der Biege unten in Richtung Ladenstraße mit den Großhändlern nach Osten. An vielen Tagen, besonders später, in den Achtzigern, gab es keine frühe Auktion. Der Markt wurde zunehmend über die Straße beliefert, weil die Elbe so lang ist. Ein Kutter, der in der Nordsee fischt und dann noch ganz bis Hamburg fahren muss, unter Umständen lange gegen die Tide motort, weil diese ungünstig ist, verliert den Konkurrenzkampf gegen den Transport mit dem Lkw. Fische aus Esbjerg sind schneller in Hamburg mit dem Lastwagen. Die Hallen verloren an Bedeutung. Schließlich wurden alle Fische bei den Händlern gekauft. Sie sind in einem Gebäude parallel zur Wasserkante untergebracht, haben rechts und links vom langen Gang ihre Räume. Landseitig ist eine Rampe in Wagenhöhe zum Einkauf, auf der anderen Seite das Wasser vom Hafen mit der Möglichkeit für Schiffe, dort anzulegen.

Anfangs unserer Geschäftszeit in Wedel kamen tatsächlich noch Fischkutter den Fluss rauf, um morgens ihren Fang anzulanden. Dann fand die spannende „Auktion“ statt. Mein Vater rief abends eine automatische Bandansage per Telefon ab, um informiert zu sein, ob es eine lohnende Versteigerung geben würde. Dann fuhr er früher. Eine aufregende Sache, so ein Einkauf! Zunächst standen die Händler noch auf den Kisten, später wurde das verboten. Hygiene wurde immer mehr gefordert, wo bislang niemand einen Mangel an Sauberkeit entdecken konnte. Alle platzierten sich also drumherum, und das Bieten konnten nur Insider bergreifen. Die Alternative, die zunehmend die frühmorgendliche Auktion ablöste, war der Einkauf bei den Großhändlern. Da lief man ohnehin noch durch. So etwa auch zu Goedeken (weiter östlich, auf der Hangseite). Dorthin musste Erich für guten, geräucherten Lachs. Er ging aber nicht nach oben, ins Büro zum Chef. Er besprach sich direkt mit Mendes. Der war Portugiese und sogar ein Freund. Er hatte einen Sinn für gute Seiten, so wie mein Vater welche bevorzugte. Man kann milde räuchern oder kräftiger. Anderswo bei verschiedenen Händlern genauso, welche Karpfen Erich wollte zur Weihnachtszeit? Man kannte ihn überall. „Bassiner Wedel“, so wurde er vom Cousin Werner in Othmarschen unterschieden. Welche Matjes mein Vater mochte, wusste der jeweilige Anbieter.

Sie probierten gemeinsam gute Fässer.

„Marzipan, Erich, Marzipan!“

Das „lange Haus“ mit seiner Rampe ist noch da. Wird hier auch heute noch mit Fisch gehandelt? Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr dort gewesen.

Feucht, kalt und frühmorgens; das ist Fisch. Ich erinnere Namen: Hanzi Krause war ein guter Verkäufer mit hochwertigen Seefischen im Angebot. Er hatte ausschließlich Eins-A-Ware. Das war teuer. Willi Walter, da gab es Filet. Ein weiß gekachelter Raum mit Schlachttisch. Große fettige Männer in orangen Schürzen mit rosigen Gesichtern und noch mehr roten Händen filetierten ohne Ende in nasser, kalter Umgebung. Mit ihrem eisernen Haken zogen die Arbeiter von uns gekaufte Fische in der Kiste nach draußen auf die Rampe. Dort parkte mein Vater den Transporter heckseitig. Die Fischkisten wurden auf die Ladefläche gezogen. Wir platzierten sie vorn beginnend hinter der Fahrerkabine. Die Kühlung bestand aus dem Eis, in dem die Ware eingebettet lag. Heute ist das verboten, so zu transportieren. Moderne Fischautos haben eigene Kälte. Wir dachten darüber nie nach. Es war üblich, wie es war. Wir parkten, kauften ein, fuhren weiter, parkten neu, kauften ein. Dann wurde die blaue Plane drübergedeckt, und wir fuhren zur nächsten Station. Die Latte gab die Richtung vor. (Erich trug am Markt eine schwarze Lederjacke. In einer Brusttasche befand sich dieser wichtige Zettel. Vielleicht ändere ich mein Bild noch deswegen, mal sehen. Den von mir gemalten Pullover hatte mein Vater oft beim Segeln an). Wenn alles fertig eingekauft war, konnten wir manchmal noch kurz Rast für ein deftiges Frühstück machen. An der Stirnseite des Flurs war eine Kantine. Da gab es in der Klappe auch für mich eine Fischmarktwurst mit viel Senf!

Das angefangene Gemälde zeigt uns ganz am Ende einer Einkaufsroute, die wir so herum nur selten so weit in Richtung Landungsbrücken fuhren, es sei denn, wir brauchten etwas von Wilhelm Bassing. Gegenüber auf der Wasserseite befindet sich die alte Fischauktionshalle, die später nicht mehr genutzt wurde. Zunächst gab es dort noch Händler. Das war dann aber keine Auktion. Eine „Ilse“ etwa handelte mit Aal, und ich erinnere mich daran. Das ist wirklich sehr lange her. Mein Gemälde zeigt uns auf der großen Elbstraße am alten Fischmarkt. Das ist, wo am Sonntag Verkauf für Touristen und übermüdete Nachtschwärmer ist. Es hat nichts zu tun mit dem, was wir gewohnt waren, und zwar jeden Tag in der Woche ganz früh. Meine Eltern haben gearbeitet. Das heißt nicht „Aale Dieter“ treffen und anderen Blödsinn erleben, wie einen Jahrmarkt zu besuchen. Menschen, die Bananen in die Menge werfen, wie bescheuert ist das?

Mein Bild ist dort aber angesiedelt aus einem bestimmten Grund.

Diese Perspektive wurde nötig, um das Werbegemälde zu integrieren, das für mich als kleines Kind eine besondere Bedeutung hatte: „Hast du keinen, leih dir einen!“ Da ging es um Reklame für Autoverleih. Mir als schon lesendem Schulkind war der Sinn missverständlich gewesen, als ich das Bildchen zum ersten Mal sah.

„Hast du keinen Hut, leih dir einen“, war meine Erklärung.

# Nudisten

Das andere, so ganz andere Bild zeigt ebenfalls junge Menschen, sogar Kinder, und alle sind nackt. An diesem Thema bin ich nicht ohne Angst dran, zugegeben. Es gibt Leute, die nur zu gern andere fertig machen: „Das darf man nicht – malen!“ Man könnte mich anzeigen? Ich weiß das. Solchen kann ich nur entgegnen, dass ich selbst Kind gewesen bin und keinesfalls verantwortungslos am Pinseln. Ich erinnere mich ans Erwachsenwerden, merke was, bin kein Idiot. Ich denke durchaus, wenn ich male. Es ist keine Wichsvorlage oder ein Bildchen zum Teilen für mutmaßlich perverse Freunde.

Mein Kalkül ist der nicht unerhebliche Aspekt, die Frage, angesichts meiner Unbedeutsamkeit und dem verborgenen Platz der Präsentation, ob eine Klage gegen mich Erfolg haben könnte, ein Ermittlungsverfahren schließlich zum Prozess führt? Da hängt es davon ab, wie viel Aufmerksamkeit ein Kläger selbst bekommt, ob sich seine Herzensangelegenheit, die Welt zu retten und diese von mir, dem Schmutz, zu befreien, für eine Anklage lohnt?

Man erinnere sich, die Nationalsozialisten verbrannten Bücher.

Aktuell kommen Verbieter grün daher. Volker Beck klagte unlängst gegen das Zeigen einer lieb gemalten Anne Frank mit Palästinensertuch um den Hals. Claudia Roth verbot die Eröffnungsmalerei einer Dokumenta. Da wird Wind gemacht! Es kommt durchaus darauf an, wo und in welchem Umfeld jemand künstelt. Kläger kommen in Fahrt, wenn sie selbst wichtiger werden durch ihre Empörung. Solche können selbst nicht viel machen.

Malen wäre ihnen zu schwierig.

Ich kann in der Sache für mich einiges anführen: Die abgebildeten Menschen gibt es nicht. Das ist nur Farbe. Ich verwende kein AI. Meine fotografischen Vorlagen sind vielfältig. Das nötige Material suche ich mit Google. Passende Haltungen finden sich nur ungefähr. Viele Jahre des Zeichnens vor dem Modell befähigen mich, aus weiteren Vorlagen brauchbare Körperteile zu generieren, bis das Gewünschte einigermaßen stimmt. Ähnlichkeiten sind nicht das Thema. Meine am Computer montierte Skizze wird lange verändert für eine Erzählung, wie sie mir vorschwebt. Ich korrigiere mich, bis eine in meinen Augen stimmige Geschichte zum eigenen Bild wird. Es geht nicht um ein Gelage, das so stattfindet, ich selbst erlebt haben könnte.

Die gängige Porno-Kunst probiert, (noch) legale Erotik anzubieten. Plattformen wie DeviantArt und Pinterest begrenzen sich durch Community-Richtlinien, um als System selbst unangreifbar zu bleiben, gegebenenfalls Nutzer ausschließen zu können. Hier soll definitiv Markt gemacht werden mit anzüglichen Themen. Man geht an die Grenze, aber nicht drüber. Da staunt der Betrachter fassungslos, wie (massenweise) reale kleine Mädchen in erotischen Posen mit einem Nichts von Stoff gezeigt werden dürfen. Das ist offenbar erlaubt. Auch darum male ich dieses Bild und breche ganz bewusst die Regeln der großen Anbieter und lasse nichts im Unklaren. Mich ärgert unser bigottes Tun, so zu tun, als ob wir insgesamt in der Gruppe Anstand hätten und deswegen, wo’s geht, die anderen abstrafen dürfen. Rauf und runter wird getan, als wäre man gerade guter Mensch!

Ich misstraue auch den Nudisten. Sie sagen, das Nacktsein wäre ausschließlich natürlich und habe rein gar nichts mit Sex zu tun. Das mag am Strand gehen. Die Mütter sind ja auch da und schauen hin. Im Internet funktioniert es aber nicht. Da begreifen wir Männer, dass Gefühle sich nicht an eine Altersgrenze halten, die jemand mal festlegte. Das Internet benötigt klare Regeln, Zensur gegebenenfalls, sonst pervertiert die Menschheit schneller, als es uns lieb sein kann. Auf der anderen Seite müssen wir als Gesellschaft ebenfalls entspannt lernen, dass Gefühle nicht per se Krankheit oder Straftat bedeuten in jedem Fall. Was ist schlimm an einer Erektion im unpassenden Moment? Solange ich nicht jungen Menschen Dinge abverlange, die diese unmöglich gutheißen können, muss ich – besonders als Mann – lernen, mit mir selbst klarzukommen. Da sollte die Kunst mitreden dürfen.

Kunst muss immer Forschung an den Grenzen sein. Das heißt, diese Grenzen auch (in Maßen) zu übertreten. Gesetze also zu brechen, ist bei einer artistischen Gratwanderung ein Muss! Nehmen wir den Aktionskünstler, der ohne Sicherungsleine einen welthöchsten Wolkenkratzer erklimmt und sich dazu im Livestream filmen lässt: Der Mann bricht das Gesetz. Er wird aber nicht bestraft. Seine Bewunderer üben den nötigen Druck aus, dass der Staat ein Auge zudrücken wird. Das ist umso wahrscheinlicher, wenn alles gut geht und ein wirklich guter Kletterer, der schon mit früheren Aktionen glänzte, sich an diese Aufgabe herantraut. Wenn allerdings der wenig bekannte Grafiker einer Kleinstadt sich anschickt, das örtliche Rathaus zu besteigen und aufgrund von Unsportlichkeit im dritten Stock pausiert, fällt der nur unangenehm auf. Man wird einen Rettungsdienst alarmieren. Anschließend fängt die Feuerwehr so einen auf halber Strecke ab. Man nötigt den Spinner, durch ein Fenster ins Haus zu kommen und die Aktivitäten abzubrechen, wie auch immer der Mann sich rechtfertigt. Anschließend folgt ein Strafverfahren. Das kann uns ein Bild davon geben, was Kunst sein kann und was Quatsch ist. Es bedeutet genauso, dass mit zweierlei Maß zu messen unsere Gewohnheit ist. Klimakleber und Menschenretter mit ihren umgebauten Hilfskreuzern im Mittelmeer erregen den Ärger der Leute, die sie stören, und manche spotten nur, schimpfen. Unsere Welt wäre arm ohne diese Engagierten, die wenigstens probieren, für Ideale zu kämpfen, die der Masse nur ein Lippenbekenntnis wert sind.

So ein Bild stellt eine Provokation dar. Das ist ein Grund für mich zu probieren, es genau so zu malen. Ich möchte deutlich machen, dass verbreitete Empfindungen an sich und pauschal zum Gegenstand strafrechtlicher Verfolgung auszurufen, Probleme verschlimmert, die alle betreffen. Beim Surfen kann jeder schnell feststellen, dass im Netz mehr junge Frauen nackt gezeigt werden und sich auch selbst gern zeigen als ältere. Liebe kann als Geschäft betrieben werden. Deswegen nützen Regeln, die auch kontrolliert werden, allen. Grundsätzliche Verbote sind Unsinn. Prostitution insgesamt kann nicht effektiv verboten werden. Die große Menge pornografischer Darstellungen ist ein lukratives Geschäft, übrigens auch für die Polizei. Nie wurden so viele Beamte benötigt für die Bekämpfung von Sexualstraftaten wie heutzutage, möchte ich behaupten, ohne das zu belegen. Die Gesellschaft lernt notgedrungen, sich neu aufzustellen. Man hat es bei der Homosexualität bereits durchkämpfen müssen, das moderne Denken. Die sexuelle Erregung nach einer allgemeingültigen Norm zu verlangen, kann nicht funktionieren. Besondere sexuelle Ausrichtung ist für sich genommen nicht krank und kann nicht durch Therapie geheilt werden. Das hat gar nichts damit zu tun, dass wir Kinder und Jugendliche vor Übergriffen schützen müssen, im Gegenteil. Zwanghafte Täter, die Menschen missbrauchen, können nicht geheilt werden. Die könnten höchstens bessere Wege zu gehen lernen und das ist nicht mit Therapie zu erreichen. Verurteilte Täter konnten schon oft ihre psychiatrischen Gutachter täuschen, dass diese Fakultät langsam einsehen müsste, dass sie die Lage vom Grundsatz her nicht begreift.

Wenn ein Erwachsener sich im Chat als jugendlich ausgibt, bedeutet dieses Verhalten einen Einbruch in die als unverletztlich zu geltende Sphäre des Kindes gegenüber. Da kann nichts geheilt werden durch Therapie, wenn so ein Täter verurteilt wird. Wir gehen ja auch nicht bei, hundsgewöhnliche Einbrecher zu therapieren, die einer Oma den Schmuck abgeschnackt haben. Wer seine Gefühle nicht im Griff hat, wird bei uns als krank angesehen, wie ja auch Alkoholiker keine Säufer mehr sind nach dieser Lesart? Das bleibt eine zweifelhafte Hilfe, ihnen den Verstand abzusprechen und eine unehrliche Milde, sie für krank zu erklären. Der Nachteil solcher Zuschreibungen liegt doch auf der Hand. Ich kann nicht an die Intelligenz von jemandem appellieren, dem ich sage, er sei krank. Man sagt ja auch nicht zu dem mit Grippe: „Sei klug und werde gesund.“ Klugheit wäre aber zu wünschen, diese heranzubilden bei Menschen, die Dummes tun.

Ein Punkt ist, wir benötigen Schutz der Verurteilten vor Mitgefangenen. Eine miese Meute ist sowieso immer zur Stelle, wo diese meint, über andere richten zu dürfen. Wir brauchen Training und keine Therapie, wo es um Lernen geht. Wer umgekehrt im Vollzustand seiner Psychose umherirrt, ist krank. Den kann man nicht therapieren, weil er krank ist, sein Gehirn nicht funktional arbeitet. Wer aber beigeht und Kinder missbraucht, muss damit aufhören, und wir sind in der Pflicht, uns um beide Seiten angemessen zu kümmern, Opfer und Täter. Das können wir aber nur mit einer Regulierung des Internets und dem Aufhören unsinniger Zuschreibungen, neuen Diagnosen, mehr Psychiatern. Menschen ernst zu nehmen, hieße sie nicht als krank wegzudelegieren. Unsere Jugend benötigt Schutz und Orientierung. Zum Opfer werden besonders diejenigen, die zum Seiltanz gezwungen sind, in ihr junges Leben quasi stolpern, oft unbemerkt, weil ihre Erzieher ihnen keinen Halt geben. Den Kindern Grenzen zu setzen, ist die Pflicht ihrer Eltern. Das könnte besser laufen. Eine Kindheit wie in den Siebzigern bekommen wir nicht zurück. Wir werden immer scheitern, wenn wir unseren Nachwuchs für doof erklären und wie süße Karnickel halten wollen.

Richter und Juristen überhaupt müssten von tatsächlichen Menschen ausgehen statt von Paragrafen. Die veränderten Verhältnisse durch das Vorhandenseins des Internets werden ignoriert, um Einzelne als Sündenbock rauspicken zu können. So viele, so große Gefängnisse können wir nie bauen, wie wir diese bräuchten, falls wir unverändert mit den bisherigen Methoden fortfahren. Wenn wir jeden kriminalisieren, der zugibt, dass seine sexuellen Lustgefühle sich nicht an eine juristisch festgelegte Grenze von aktuell achtzehn Jahren halten oder jemanden deswegen als krank im Sinne von pädophil brandmarken, verfehlen wir unser Menschsein komplett. Da wird nur das Ziel derjenigen manifestiert, die mit Bestrafung Geld verdienen.

Es hilft nicht einem Kind auf diesem Planeten.

Meine Intention ist allegorisch, kein Fetisch zur Selbstbefriedigung. Mir schwebt eine Metapher vor, unsere neue Zeit zu beschreiben. Diese Szene ist nicht real. Ich betreibe Theater, setze Inhalte um, will selbst kein Pornobild anfertigen, Nacktheit und Sexualität aber mit wenig „Tabu“ erzählen. Mich stören unscharfe Stellen. Ich will zeigen, was sowieso bekannt ist und schaffe dafür lustvoll Durchblicke, möchte Leisetreter auf die Schippe nehmen. Deswegen kann das Bild eine Prise Humor vertragen und einen kleinen Flieger in Blaurot (mit zwei Armen). Gesichert extrem! Wer daran rumnörgelt und die Verbots-Karte zieht, hat es nötig und ist selbst nicht sauber. Ich brauche das Bild, um mich gegen verlogene, scheinheilige Sichtweisen klar zu platzieren.

Das ist mein Motiv.

Nie zuvor waren Kinder- und Jugendpornografie so oft in den Nachrichten, dass das bestimmt ein Thema und eine Aufgabe für die Kunst ist. Fragt sich nur, wie man’s hinbekommt? „Immer mehr Kinder und Jugendliche sehen Pornos“ war kürzlich eine Schlagzeile für einen längeren Artikel in unserem Tageblatt. Ich habe daraus einen Schnipsel gestaltet, um diese Worte in mein Bild zu integrieren. Die Welt hat sich verändert seit den Achtzigern. Das betrifft nicht nur die Jugendlichen heute, die es ja gewohnt sind, wie es ist mit dem Internet. Es geht uns alle an. Ein Bild zu malen, dass sexuelle Handlungen und nackte Kinder gleichzeitig abbildet, birgt einiges Risiko. Das weiß ich wohl. Auf der anderen Seite darf die Thematik nicht allein von Polizei und Politik abgearbeitet werden. Je mehr wir Bürgerinnen und Bürger dieses Landes offen an so etwas herangehen, desto eher haben wir eine Chance auf eine Zukunft, die wir mitgestalten. Stumpfes Strafen wird massenweise die Falschen treffen. Schlimmste Taten geschehen bekanntlich nicht offen. Ich stehe samt Adresse im örtlichen Telefonbuch und zu dem, was ich mache.

Nur zu.

# Ein Ruck zuckt uns ins Gebein

Während ich diesen Text schreibe und noch erweitere, Korrekturen einbringe, kommt erneut der Fall „Epstein“ in den Nachrichten. Weitere Details der Ermittlungsakten wurden veröffentlicht. Jetzt diskutiert die Medienwelt Verbindungen Epsteins zum russischen Geheimdienst. Der polnische Ministerpräsident Tusk spekuliert, der Skandal sei aufgebauscht, inszeniert durch die Russen, die aus kompromittierenden Fakten westlicher Entscheidungsträger Kapital schlagen wollen. Ina R. berichtet für die Tagesschau als Russland-Korrespondentin. „Es geht da um Pädophilie“, sagt sie, den Beitrag beginnend. Sie wiederholt den Satz noch oft in ihrer Einschätzung. Diese angesehene Journalisten ist nur wenig älter als ich selbst, zwei Jahre, um genau zu sein. Sie kann auf ein Arbeitsleben zurückschauen, eine Karriere und wird in absehbarer Zeit Rentnerin werden. Unsere Generation kennt Frauen in Lenkungspositionen, und bei Frau R. muss ich ein wenig an meine eigene Mutter denken.

Meine Mutter Greta war als Geschäftsfrau anzusehen, aber in einer Zeit, wo es nicht selbstverständlich gewesen ist. Sie ist in den letzten Kriegsjahren geboren und kein Wunschkind gewesen. „Der Führer wolle Söhne“, war die gängige Ansicht. Mit dem Wirtschaftswunder anschließend boten sich den jungen Leuten ungeahnte Chancen. Meine Eltern haben die neuen Möglichkeiten erkannt und richtig Gas gegeben. Wir Kinder waren die Leidtragenden dieser Generation, die alles wollte und dafür nicht auf bekannte Lebensweisen zurückgreifen konnte. Wir kleinen Fischhändlerskinder sollten das Gymnasium probieren und waren dem gar nicht gewachsen. Ich weiß noch, wie selbstverständlich die Mädchen dort in der Fünften alles konnten und blieb selbst aber krachend sitzen. Ich musste „schräg versetzt“ auf der Realschule neu beginnen, wiederholen.

Diese gute Auslandskorrespondentin R. (aus dem Fernsehen) und ich könnten fast in dieselbe Schulklasse gegangen sein, beinahe gleich alt, und vielleicht hätte ich mich in sie verliebt?

Heute denke ich an meine Mutter, wenn ich diese Frau im Fernsehen sehe.

Das Wort „Pädophilie“ nimmt Frau R. in den Mund, wie andere einen glitschigen Fisch anfassen, die damit nicht viel anfangen können. R. betont den Begriff immer wieder, als könne sie nicht genug des Ekels vor diesem Wort einbringen. Niemand stellt sich vor, in dieser Journalistin den beginnenden Traum einer frischen Liebe zu erkennen, mit Heirat, zukünftigen Kindern, überhaupt lustvolle Sexualität, Ekstase auszuleben? Sie wird gesehen, als was sie ist, erfolgreiche Moderatorin, gut im Geschäft, kultiviert und bestimmt eine verlässliche Partnerin. Ihre Haltung, die entspannten Gesichtszüge und ihre Kompetenz prägen unsere Nachrichten seit Jahren. Aber frisch verliebt in die und einen Neuanfang beginnen? Wer geht als Mann so heran, wenn er Frau R. kennenlernen dürfte?

Das ist wohl unanständig hinzuschreiben, das weiß ich wohl. Liebe im Alter kann eine schöne Sache sein. Noch einmal neu anzufangen, ist auch später denkbar und manche Beziehung dürfte ehrlicher sein, die erst so beginnt. Das meine ich nicht. Ich stelle dieses schockierende Wort: „Pädophilie“ in Frage.

Ob tatsächlich dahintersteht, was wir meinen?

Es erschreckt doch, dass alles, was Rang und Namen hat, mit Epstein freundschaftliche Kontakte pflegte. Donald Trump, Elon Musk, Prinz Andrew, Bill Clinton, Woody Allen, Bill Gates, sogar Mette-Marit: „Du bist so ein Schatz“, schrieb sie ihrem Jeffrey, wie wir heute wissen (wo alles rauskommt). Das wäre eine Phrase für die Bildzeitung, jetzt, wo „alles herausgekommen“ ist. So ist die Welt aber nicht. Gar nichts kommt raus: Wir lügen einander an, wir Menschen. Das glaube ich. Wir machen uns was vor.

Es mag despektierlich sein, was hier steht? Da setze ich noch einen drauf. Eine Karrierefrau im Alter von fünfzig plus ist nur ein Mensch. Ich dagegen bin mit Anfang sechzig immer noch ein Mann, und das heißt: potent. Die Welt argumentiert beim Pädophilsein mit einem pseudomedizinischen Begriff. Wir leben nach wie vor in patriarchalischen Machtstrukturen.

Eine kleine Reihe lohnt aufgemacht zu werden. Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit wird besonders gemocht, weil sie schön ist. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat diese Position inne auch aufgrund ihrer Attraktivität. Die Schauspielerin Claudia Cardinale war bis ins hohe Alter eine wunderschöne Frau, und diese drei genannten Persönlichkeiten sind Ausnahmeerscheinungen. Attraktive Männer gibt es wie Sand am Meer. Sie können „Kinder machen“ bis ins Alter. Frauen ab vierzig sind nur ein Neutrum dagegen, auch wenn man ihnen attestiert (oder gerade, wo gesagt wird), eine „sehe noch“ gut aus. Wer das glaubt. Was hilft da, auf die vielen, gleichwohl unattraktiven männlichen Biertrinker hinzuweisen? Dickbäuchige Opas bleiben lange zeugungsfähig und betrachten sich so gesehen im Vollbesitz ihrer Männlichkeit. Die wollen junge Frauen nackt sehen. Sie sind die Mehrheit. Ich bin so einer. Wir sind nicht krank. Hier geht es nicht um einige Sexualstraftäter und gelegentlich vorkommende Kranke, die etwa „pädophil“ wären.

# Mehrheiten entscheiden

Man gebe nur einmal – ein einziges Mal genügt, um den Feed komplett umzukrempeln – auf der freien Plattform „Pinterest“ den Begriff: „Greta Thunberg AI“ ein. Dann kommen massenhaft die entsprechenden Bedarfe. Nicht nur manipulierte Gretas, es gibt echte Fotos: Kinderchen in durchschimmernden Unterhosen, in Hemdchen mit ersten zarten Nippeln, in anzüglichen Posen seitenweise. Das wird gewünscht zu sehen, und zwar nicht von einigen Kranken, sondern von Männern an sich. Sähen wir ein, dass es so ist, könnten wir aufhören, Menschen mit einem Begriff abzustrafen, der nur eine Erfindung ist, um strafen zu können. Dann müssten wir zugeben, selbst nicht gut zu sein, sondern welche, die sich auf einen Sockel stellen, um achtbar zu wirken. Das wird nie passieren, dass wir’s einsehen. Zu lügen ist die Methode, nach der die Menschheit lebt, ihr Vorankommen stabilisiert, sich effektiv maskiert. Nur wer das versteht, kann überhaupt einen lohnenden Platz in der Gesellschaft finden und das Maß seiner Maskierung selbst bestimmen, sich mutig gegebenenfalls nackt zeigen. Der Rest, und das ist die Mehrheit, kann es nicht, macht einfach wie gesagt und wird entweder krank deswegen oder verpasst schlicht alles, was alternativ möglich gewesen wäre.

Das Internet stellt, was pornografische Abbildungen betrifft, eine Art Supermarktregal dar, wo ich mir das frischeste Gemüse aussuche. Die Mädchen will ich ja nicht real für mich gewinnen. Hier müssen klare Grenzen unsere Lust regulieren, und da sind wir endlich auf dem richtigen Weg. Männer pauschal als Monster oder krank anzugreifen, ist hingegen nicht zielführend. Stigmatisierung wird einerseits kritisiert, dient aber denselben Leuten zum Mittel der Machtausübung. Einen Mann zum Pädophilen erklären zu können, befriedigt diejenigen, die es tun. Sie fühlen sich besser. Darum wird es gemacht. Das relativiert keinesfalls die Verbrechen an jungen Menschen, den Begriff als solchen anzuzweifeln, im Gegenteil. Ein Wort als Waffe zu missbrauchen, das ist meine Kritik.

Das wird gemacht, ist üblich, man haut drauf mit dem Stigma.

Pädophilie wie auch beispielsweise ADHS werden in der Diagnostik als Störungen bezeichnet. Menschen fallen auf, die sich selbst erst suchen müssen. Man hilft ihnen dabei nicht, man sagt es nur. Das Sichtbarwerden der Ungeschickten ruft Behandler auf den Plan, sich eines Problems der Gesellschaft insgesamt anzunehmen. Mit der Ansage, Gefahren für alle abzuwenden, gängelt die Psychologie Menschen, die dumm genug waren, ihre übergriffigen Fantasien ins Kraut schießen zu lassen. Zunächst ist dieses Separieren tatsächlich eine Schutzbemühung, mögliche Opfer in Sicherheit zu bringen. Insgesamt ändert sich aber gar nichts, weil der theoretische Ansatz am Problem vorbeigeht. Die entsprechenden Fakultäten haben sich Arbeitsbereiche kreiert, ohne am Vorkommen des unerwünschten Verhaltens in der Breite etwas ändern zu können. Unser Augenmerk müsste auf dem Schutz junger Menschen liegen, Labilen handfesten Unterricht zum besseren Leben gewähren. Stattdessen profilieren sich Beutemacher. Anstatt Jagd zu machen auf latente Gefährder, sie auszusortieren, sollten wir das Potential jedes Einzelnen, also auch die Täter, wertschätzen. Wir benötigten Menschen, denen bewusst ist, wer sie sind und die ihren realistischen Möglichkeiten folgen, diese auszuleben. Integration ist besser als Ausgrenzung und pauschales Zuweisen von Missliebigkeiten.

Eigentlich tatsächlich übergriffig sind die selbsterklärten Gutmenschen. Sie wissen, was sie tun und scheuen sich nicht, ihre Eitelkeiten auszuleben. Früher sogenannte Zappelphilippe hingegen können ihre Grenzen nicht spüren und Männer, die mit der Lust nicht zurande kommen, genauso. Sie merken nicht, was sie tun. Statt zu therapieren, sich Namen für Krankheiten auszudenken, wäre besser, problematische Menschen zu respektieren und ihnen die nötige Klugheit mit auf den Weg zu geben. Die Welt kann nicht gerettet werden. Nur der Einzelne kann seine kleinen Befindlichkeiten zu regeln lernen. Lehre und Therapie sind nicht dasselbe. Erstere nimmt den Menschen als solchen ernst. Das Zweitgenannte „Therapie“ stellt den Helfer über den Patienten, den vorab zum Patienten erklärten Menschen, dem man nicht die Wahl lässt, seines Wegs zu gehen, sondern Hilfe aufzwingt mit der Voraussage, er stelle eben eine Gefahr dar. Damit wird eine negative Prognose zur Ausgangslage der Behandlung. Könnten diese Helfer eine hohe Erfolgsquote ihrer Methoden aufweisen, gäben Therapien eine gute Methode ab. Das ist aber nicht der Fall. Hier sind ganz klar Machtstrukturen am Werk, die gar nicht wollen, dass sich etwas ändert.

Das auf den ersten Blick bemerkenswerte Projekt: „Kein Täter werden“ bietet Männern die Chance, Hilfe anzunehmen, die sich beeinträchtigt fühlen vom sexuellen Drang, den sie an sich erleben. Das könnte eine gute Idee sein, bei zunehmenden Problemen eine qualifizierte Anlaufstelle zu bieten, aber man darf skeptisch drauf schauen. Hier geben Männer zu, dass mit ihnen etwas nicht stimmen könnte? Ich bin mir sicher, das schafft in erster Linie eine Kartei für hyperaktive Ordnungskräfte, bislang diffuse Bereiche der Gesellschaft sichtbarer auszuleuchten. Insofern nur eine Fundgrube für Provokateure, labile Männer vollends in die Ecke zu drängen. Das, glaube ich, steht hinter dieser wohlklingenden Idee. Damit macht sich neben dem Weißen Ring nur ein weiterer Klüngel breit, der vor allem davon profitieren möchte, gebraucht zu werden.

Pauschale Einschätzungen von latenter Gefährlichkeit, die gegenüber Männern ins Spiel gebracht werden, die nun vorverurteilt dastehen aufgrund sonstwelcher Behauptungen, können Familien grundlos zerstören. Laien mit Helfersyndrom machen komplexe Gemengelagen durch ihr Vorpreschen schlimmer. Sie stellen die aufrichtige Polizeiarbeit vor zusätzliche Probleme, die wir so keinesfalls benötigen.

Moderation ist nicht das Verändern von Gegebenheiten, sondern mehr nur eine Darstellung, die allenfalls bedingt Einfluss auf Abläufe nimmt. Sich einmischen, Teil des Problems zu sein, macht einen Sprecher noch nicht zum Teil seiner Lösung. So sehe ich unsere Ansätze, auffällige Menschen mit einer Prognose zu beurteilen und durch ihre Manipulation Besserung herbeiführen wollen. Der Vergleich drängt sich auf: Wettervorhersagen und Wirtschaftsprognosen können eine Hilfe sein für Menschen, die besser planen möchten. Das Klima sogar zum Besseren verändern möchte die grüne Politik, Notenbanken bestimmen den Leitzinns. Eine anspruchsvolle und vollmundige Ankündigung, Märkte oder Wetter im Griff haben zu wollen. So scheinen auch Therapeuten von sich anzunehmen, ihnen anvertraute Menschen direkt korrigieren zu können? Das stellt man sich zu leicht vor. Das Bild vom Schamanen ist passend, drängt sich auf. Ein angeblicher Zauberer, der sich dem Gewitter in den Weg stellt, durch Beschwörungen einen Sturm beeinflussen möchte. Solange wir vom Sockel unseres vermeintlichen Besserseins an gesellschaftliche Probleme etwa bei Gewalt- und Sexualdelikten herangehen, werden kaum Fortschritte erzielt. Die Helfer blenden sich selbst mit dem Beschreiben von Risiken, und man kommt nicht nach mit den Prozessen, die Täter endlich abzustrafen.

Jeffrey Epstein wurde von allen hofiert. Jetzt ist er die ideale Projektionsfläche und geeignet, manchen unliebsamen Konkurrenten in ein mieses Licht zu rücken, von Leuten, die das nötig haben. Billige Machtspiele, Rufmord, Existenzen werden zerstört. Und auf der anderen Seite immer neue, hochtechnisierte Kriminelle, perverser geht’s nicht! Missbrauch, Manipulation überall. Das ist der Mensch. Wir müssen uns aushalten, einander zusammenraufen, Räume schaffen. Da will auch ich meinen Platz, mit meinen Bildern, mit meiner Meinung und lasse mir’s Maul nicht verbieten. „Ihr“ braucht mich noch.

Die Kunst.

# Kann weg?

Ein Maler, der die Gesellschaft nicht erreicht, weil es keine Verkäufe gibt, der keine Ausstellungen zustande bringt, ist kein Künstler, sondern ein Hobbymaler? Das kann man so sehen. Das betrifft mich dann, weil ich dieser Kategorie der „Nichtankommer“ zuzurechnen bin. Ich kümmere mich nicht, will nicht rausgehen. Jede Menge Hafenbilder werden ausgestellt, norddeutsche Landschaften, anderswo Berge. Heimatbildchen kennt man, Hundeporträts, Enkelkinder usw. Dazu kommt verqueres Geschredder mit intensiver Botschaft angeblich und ein wenig dazwischen, was über die Dörfer zu sehen angeboten wird. Da „bespielt“ jemand eine Wand. Toll! Verkäufe sind im niedrigen Hundert-Euro-Bereich angesiedelt. Das ist Liebhaberei, Frauen pinseln heutzutage, aber natürlich findet andernorts zeitgenössische Kunst statt und zu erstaunlichen Preisen. Es gibt Bilder, die auch ich unendlich bewundere und mir bloß klein vorkomme. So etwas geschieht heute.

Das blende ich aus.

Mir geht es um mich, meine Gesundheit, was ich wirklich schaffen kann und deswegen nötige Herausforderungen. Nützlich bin ich allenfalls für Menschen, die mich abstrafen möchten? Das bietet Reibungspunkte und ist so gesehen gewollt. Mir war Anerkennung über die Maßen wichtig und deswegen gefällt mir, einer Sucht entgegenzutreten mit Themen, die in der Masse nicht funktionieren, es sei denn, man ist „wer“ (geworden). Dann finden sich Mitläufer, die einen pushen, aber nur bis zum möglicherweise spontanen Ende:

Cancel Culture.

Sammler können im Idealfall Kunstliebhaber sein. Sie sind aber heute mehr denn je Menschen, die eine für sie objektiv wertlose Sache wie den Kurs einer Aktie hoch und gern weiter nach oben treiben. Der Wert zeigt sich als zugesprochene Behauptung. Umgekehrt sieht man das besondere Produkt der Industrie. Ein Fahrzeug, kostenintensiv gefertigt aus dem typischen Material, ist für sich sein Geld wert. Eine Leinwand und die paar Farbtuben sind so gesehen Pillepalle. Bei einer luxuriösen Karosse stehen Arbeitsleistung, Design und Technik dahinter. Ein Mercedes, jedes Auto mit vergleichsweise toller und tatsächlich teurer Technik verkörpert eigene Qualität. Ein Bild ist für Geschäftsleute gar nichts, aber unter Umständen gleich viel wert. Sie kaufen es als Spieler. Das Luxusauto bleibt eines, das teure Gemälde wird für seinen Besitzer zum nutzlosen Zeugs gegebenenfalls. Das ist ein prickelndes Risiko und eine Wette auf die Zukunft. Die Aussage, Intention, die Qualität der Umsetzung einer Kunst bedeuten nicht einmal dem angesehenen Museum im Zentrum der Szene noch etwas. Das kam neulich im Fernsehen, und ich habe es geglaubt. Wenn die Betrachter informiert sind, ob die Kunst was gilt, kommen sie, wenn nicht, gibt es einen Shitstorm. Es ist im Museum wie in den Galerien heute gleich. Das Hinschauen allein hat ausgedient. Erst kommt der Blick in die Bewertungen. Das muss vorher geliefert werden für die degenerierte, unselbstständige Masse mit ihrem Klimafußabdruck, der kritischen Infrastruktur, den regionalen Produkten, Tierwohl und wie diese Wörter heute alle heißen, dem veganen Leben, niedrigschwelligen Angeboten, der leichten Sprache, Genderquatsch und so weiter.

Die wenigen echten Liebhaber von Kunst oder Musik sind Hörer, die Klänge tatsächlich genießen können, Betrachter, die ihre Augen nicht nur zur Orientierung einsetzen, damit sie „nicht irgendwo dagegenlaufen“. Das meint zwei Prozent im Publikum, zitiert entsprechend eines Kommentars aus der Musikszene, gesprochen gegenüber dem Trompeter Chet Baker vom Bandmitglied. Ganz wenige Menschen also, die der Melodielinie oder einer Improvisation überhaupt folgen können, trifft man im Konzert. Der Rest geht zum Biertrinken in den Club, will bloß sozial vernetzt dabei sein, tanzen.

So auch im Bereich der Kunst. Mein inzwischen verstorbener Professor Otto Ruths erzählte uns Studenten seinerzeit im Studium, er habe andächtig vor einer Porträtgemäldesammlung Details studiert, die in einem Seitengang der Hamburger Kunsthalle ihren Platz haben. Da wären so Trutschen gekommen:

„Lauter kleine Köppe. Komm’ weiter!“

Ich möchte nicht überheblich rüberkommen. Wenn mein Sohn uns Karten für den HSV besorgt und wir mit Gästen aus Baden-Württemberg ein Spiel gegen Stuttgart im Volksparkstadion anschauen, dann fiebere ich mit. Ich reiße meine Arme hoch wie die richtigen Fans, brülle: „Tor!“ Was genau passiert, davon habe ich überhaupt keine Ahnung.

Das kenne ich:

Meine Freunde melden sich nie bei mir, um qualitativ auf Lieblingsthemen einzugehen, die mir wichtig sind. Sie fragen, ob ich mit ihnen am Wochenende segeln komme? Die Tide laufe passend, das Wetter solle schön werden, und „B. wolle auch mit“. Das gibt es. Wir machen Party mit anderen. Ein Freund zeigt im Club auf einen Viermaster, der, von Johannes Holst gemalt, dort an der Wand hängt.

„Du könntest das, Johnny!“

Da schwingt der Vorwurf mit, an Problemen selbst schuld zu sein? Ein anderes Mal probiere ich, meine Haltung zu Ausstellungen zu erläutern. Derselbe Freund sagt: „Das ist ja auch Trotz.“ So ist die Wertschätzung, die mir zuteil wird.

Ich verweise meine Mitseglerin und langjährige Freundin, die selbst schöne Grußkarten gestaltet, auf mein neues Menü. Das, wo ich mittels Fotografien vom aufgehenden Mond beweisen möchte, dass eine Peilung im Hafen falsch angegeben sein könnte? Sie antwortet, habe es sich angesehen und bedauert, dass sie meinen Text nicht für den Club verlinken könne, weil sie ihren Beitrag für die Vereinszeitung bereits abgegeben habe. Das finde ich lieb, muss aber resümieren, dass es auch in dieser Wertschätzung ausschließlich um ihren Beitrag geht, dem sie einen Link nicht beisteuern kann, weil –.

Der alte Witz, die Diva redet mit einer Freundin:

„Ach Schätzchen, jetzt haben wir die ganze Zeit nur über mich geredet. Wie hat dir mein neuer Film gefallen?“

Es ist unser aller Problem, wir gehen von uns selbst aus und sollten nicht annehmen, nur andere täten das.

Malen hilft. Eine Bürgermeisterin, von der ich glaubte, mit ihr befreundet zu sein, hat mich angezeigt wegen eines Gemäldes, das ich zeigte, um einige zutiefst unehrliche Leute „auf den Pott“ zu setzen. Das ist die Beachtung, die ich bekomme.

Ein schon älterer Freund kommentiert gelegentlich meine Texte. Wo ich schrieb, der Mensch wüsste nicht, weswegen er hier sei auf der Erde, merkt mein Freund an, dass er selbst gläubig sei. Das wüsste ich doch? Mein Fazit, und das erneuert sich ständig, wiederholt sich, mündet in dieselbe Erkenntnis. Jeder sieht nur seine eigene Seite, Sicht, gespiegelt genauso im Kunstwerk. Das muss ich einsehen wie alle Kreativen. Ernüchternd dazu begreift einer, selbst nicht besser zu sein durchs Merken der Umstände. Es bedeutet auch, Einsichten in das Menschsein überhaupt zu erlangen durch den gewählten Aufbruch in die Malerei.

Und das ist es mir wert!

Was die Kunst sei, ob sie vom Können kommt oder so, darüber kann gestritten werden. Streiten können alle. Man muss selbst weiter nichts können. Wer ist Künstler? Ich muss mich das genauso fragen. Mir geht es um meine persönliche Haltung. Ich bin Macher. Das ist meine Perspektive. Parallelen zu ziehen zu anderen Existenzen, macht Sinn für eine verständige Einordnung. Ich sehe es so: Maler sind im günstigen Fall ehrlich – wie Forschende. Als Frustrierter ringe ich um meine Selbstrettung. Mit Worten oder Bildern möchte ich erzählen. Es befriedigt mich auch ohne Bewertung durch andere.

# Unsere Probleme

Wir leben in einer Gesellschaft gegenseitigen Nutzens. Unser Fortschritt ist das Ergebnis von Spezialisierung. Müsste jeder alles können wie der Jäger der Frühzeit, könnte so einer nichts tun außer der direkten Versorgung mit Nahrung, dem Schaffen eines sicheren Ortes zum Rückzug vor Wetterunbilden und effektiver Verteidigung gegen Feindseligkeiten aller Art. Mit der ersten Rudelbildung, dem Entwickeln der Sprache, begann die Moderne. Damit wurde das Normale als solches miterfunden, die jeweils gebräuchlichen Verhaltensweisen drumherum in einer Region; ein Problem bis heute. Durch das speziell bezeichnete Ideal, als ob die jeweilige Verbindung das Maß aller Dinge wäre, eine Identität der besonderen Gruppe, in der man zusammenlebt, überzubewerten, wurde die Vaterlandsliebe als Ideal ausgerufen und der Erste Weltkrieg begonnen. Bis heute bestimmen Hetze und Ausgrenzung, Kriege den Alltag. So kommt die Gesellschaft auch innerhalb ihrer selbst immer wieder zu legaler Ausbeute.

Die einen benötigen die anderen. Das macht möglich, beispielsweise in der Medizin Krankheiten zu benennen, wo bislang noch keine Arbeitsfelder für Ärzte oder Therapeuten gewesen sind. Man behauptet, normal sei es, soundso dick oder dünn zu sein? Das ist eine willkürliche Definition mit einzig dem Zweck, Menschen abzufischen für ihre neue Verwendung als erklärte Kranke und damit munter neue Patienten zu generieren, die sich nun tatsächlich unwohl fühlen und Hilfe beanspruchen. Jemand sei dick, sagt man? Und wenn der drüber ist, normal dick zu sein, dann habe er Adipositas! Einer trinke normal Alkohol, wird behauptet, Männer soundso viel, Frauen etwas weniger, und wenn sie drüber sind über dem Normalverhalten, das jemand so festlegte, gelten diese Leute als „alkoholkrank“.

Ich erfahre:

Der durchschnittliche Mann in Deutschland wiegt laut Daten des Statistischen Bundesamtes etwa 85,8 Kilogramm. Er ist dabei im Schnitt ca. 1,79 Meter groß. So ein Mann ist vergleichsweise klein, wiegt aber fünfzehn Kilo mehr als ich. Normalsein ist nicht gesund. Das ist der ganz normale Wahnsinn. Wir sind dran gewöhnt. Man frage die Menschen in der Ukraine nach vier Jahren Krieg, wie sie ihre „Entschleunigung“ hinbekommen, ob sie ihren biologischen Fußabdruck im Blick haben, was uns in Deutschland sonst bedeutsam ist? Normalität ist kein Maß. Das ist ein Zollstock, die Tiefe des Gehirns auszumessen, wie sie so nur ein Quacksalber wichtig nimmt.

Wo vernünftigerweise die Anfänge der Psychiatrie erkannten, dass Menschen geholfen werden muss, die mit der Moderne nicht zurechtkommen, hat sich das System verselbstständigt. Helfer nutzen aus, welche zu sein, und die Gesellschaft macht sich nicht die Mühe zu schauen, ob diese Hilfe eine ist. Im Zustand seiner Entgleisung der ihm eigenen Chemie ist ein Gehirn in Folge falschen Verhaltens krank. So weit stimmt diese Definition. Nun müssen zwei Dinge passieren, um zu helfen. Zum einen soll das Gehirn durch spezielle Pharmazie zurück ins Lot gebracht werden, und das klappt bereits sehr gut, da diese Stoffe ständig optimiert werden. Auf der anderen Seite probiert eine gute Therapie, auf das Verhalten der Patienten Einfluss zu nehmen, und das läuft weit weniger gut als behauptet.

Der Gesellschaft war es bislang nicht möglich, die schlechten Seiten aller Weiterbildung und Schule, die Kompetenz der Lehrkräfte wie Therapeuten so zu optimieren, dass verbreiteter Missbrauch von Macht gering bleibt. Lehrer und Helfer nutzen aus, welche zu sein, die man benötigt. Sie können, obwohl nur rudimentäre Leistung oder sogar Übergriffigkeit ihre Tätigkeit darstellt, weitermachen mit dem unsinnigen Tun, wenn sie eine etablierte Position innehaben. Psychologische Psychotherapeuten helfen nicht. Wer würde zu einem gehen, der „Fische handelnder Fischhändler“ an seine Ladentür schreibt, schreiben muss? Der Gesellschaft ist die ihr eigene Idiotie das Problem. Massenweise verdoofte Menschen machen weiter mit Mobbing und Krieg und nennen sich dabei gut.

Frei wird der Einzelne nur, der das erkennt.

# Textfragmente, zum Weiterdenken empfohlen

In einer Biografie „Stephen Hawking“ findet sich die folgende Anekdote. Ich gebe das aus dem Gedächtnis wieder. Dort sagt der Physiker, dass er als Kind alte Uhren zerlegt habe, um ihre Funktionsweise zu verstehen, diese Uhren aber anschließend nie wieder zusammensetzen konnte. Ziemlich destruktiv, dachte ich seinerzeit, als ich’s las.

Von Albert Einstein habe ich dies parat, das ich auch (irgendwo) las. Er habe (angeblich) zu seiner Frau gesagt:

„Mir ist etwas ganz Wunderbares eingefallen. Ich denke schon lange darüber nach und bin nun, glaube ich, fertig. Jetzt muss ich es nur noch aufschreiben.“

Das war die Relativitätstheorie.

Es wäre billig, den einen, Hawking, gegen den anderen, Einstein, aufzurechen, zumal ich wenig vom Thema der großen Theorie verstehe. Das habe ich mitbekommen außer der Krankheitsgeschichte des Gelähmten, der zu Lebzeiten beste Popularität genießen konnte: Es gibt eine „Hawking-Strahlung“.

Sie tritt aus aus einem schwarzen Loch. Eine Art Furz im All. Auf der anderen Seite, noch heute machen Physiker zahlreiche Entdeckungen entsprechend der Theorien von Albert Einstein. Sein Genie bleibt. Junge Wissenschaftler bestätigen reichlich Voraussagen, die seinerzeit gar nicht in Versuchsanordnungen geprüft werden konnten, weil die Technik nicht so weit dafür gewesen wäre. Wie viel wert die Arbeit eines Menschen auf lange Sicht ist, begegnet uns auch gerade in der Kunst: „Nach dem Tode berühmt.“

Das könnte eine umgekehrte, symmetrische Wahrheit bedeuten, über die wir lieber nicht nachdenken. Vom Haschen nach Wind wusste schon der „Prediger Salomo“ in der Bibel zu berichten. Das Windmachen gibt uns verschiedentlich Eitelkeiten, viel Wirbel – und dann? Manche können einen ganzen Tross von Mitpupern um sich versammeln.

Ich erinnere mich: Zeit meiner Jugend, junger Erwachsenenzeit präsentierten sich Ereignisse, Ausstellungen rund um den Hamburger Zeichner Horst Jansen. Der war ständig in den Medien. Heute kommt nach seinem Tod vor einigen Jahren nichts mehr über ihn. Ein anderer Künstler aus dem Norden, Emil Nolde, war und ist präsent damals wie heute. Der wurde zwischendurch abgehängt, weil er als Nazi galt? Dann aber schnell wieder überall gezeigt, weil man’s neu (!) bewertet.

Nolde ist da, wo ist Jansen?

Michael Jackson war „der“ Star. Dann aber galt er jahrelang als bäh. „Er geht mit kleinen Jungs ins Bett“, sang Kollege Westernhagen. „Shut down, back on Top in June?“ Diese schönen Lyrics hat Frank Sinatra publik gemacht: „That’s Life“. Als Michael sein geplant fulminantes Comeback: „This Is It“ probte, war’s das tatsächlich. Da endete sein Leben spontan. Warum auch immer. Heute macht man Kasse mit seinem Lebenswerk. Kein Wort mehr von den Vorwürfen gegen ihn, die lange Zeit die Presse nährten. Mozart, Salieri, oft genug wissen Menschen nicht Bescheid, kennen aber die Geschichte dazu. Für mich beim Ganzen das Wichtigste ist, sich individuelle Motivationen rauszuziehen aus den bekannten Erzählungen für eigenes, kleines Schaffen. Was tut noch weh und kann als Erfahrung umgesetzt werden? Das ist sicher eine ernstzunehmende Fragestellung, um frühere Ungerechtigkeiten doch nutzen zu können als neue Antriebskraft in der Gegenwart.

Sich von der Manipulation durch die Umgebung innerlich frei zu machen, wird erst durch kreatives Denken möglich. Die wichtigste Lernübung und den Sinn seiner künstlerischen Ausrichtung findet einer in ständiger Erneuerung. Die meisten Menschen wiederholen sich bloß. Sie verpassen das Leben, das sie leben könnten, und merken es nicht. Ihre Zufriedenheit ist das normale Dabeisein. Arme Gewohnheitstiere verwechseln mitlaufen mit Glück. Sie liken einander. Wie schön!

Unsere Welt betrügt sich oft genug um die anfassbare Realität. Da schafft Kommunikation einen nicht zu ignorierenden Platzhalter des Wirklichen, das wir in seiner Gänze nie ausforschen. Das gibt einen tollen Stellvertreter, der unser Wissen scheinbar enorm erweitert. Wir handeln auf dieser Basis, dass wir bloß verbalisiert erfahren, wo das Mittelmeer ist, der Marianengraben, das Nordpolarmeer, ohne selbst dort gewesen zu sein. Menschen nutzen im Alltag ihre vielen Kenntnisse, wie weit Amerika entfernt ist oder dass es einen Mond gibt. Wir hören, lesen, schauen, wie dieser Trabant im Weltraum beschaffen ist (ohne Luft) und lernen, dass diese Riesenkugel an uns gebunden auf ihrer Bahn herumgondelt und nicht nur eine Erscheinung bleibt am Himmel, die mal kommt usw. Wir nehmen an, die Urmenschen wussten das nicht und halten uns für klug? Allein draußen kriegen wir aber kein Feuer hin. Wir schauen vorsichtshalber einen Life-Hack „Survival“ an und genießen eine Safari. Deswegen fliegen wir mit dem Jet in die Öde. Wir gehen raus in atmungsaktiven Plastikklamotten. Dabei schimpfen wir auf die Kapitalisten, die unsere Arten sterben lassen für „ihre“ Geschäfte. Bei denen kaufen wir unser Zeug ein. Das ist paradox? Nicht für Menschen. Die kriegen hin, so zu denken. Soziale Strukturen, notwendige Beziehungen und gelernte Inhalte pfropfen sich aufs Gegebene drauf. Existentielle Platzierungen innerhalb der Gesellschaft, Machtdomninanz, dem Tatsächlichen zugeschriebene Wertigkeiten verfälschen unsere Sicht. Solche Beurteilungen, Verurteilungen (unter Umständen) haben nur zeitweilige Gültigkeit. Einschätzungen derselben Sache wandeln sich bis ins Gegenteil mit der nächsten Generation.

# Info-Grafik mit nebenbei Demütigung

Weiter mit einigen Beispielen – bitte, die ich zu einer Synthese benötige. Eine eigene Geschichte. Bevor ich „Kunst“ machte, selbstständiger Maler wurde mit eigenen Themen, was ich heute ausgestalte, habe ich Bücher im Auftrag für einen maritimen Verlag illustriert. Man sitzt einige Wochen dran, druckt aus, schickt die Arbeit dem Autoren, der es durchsieht und ein paar Anmerkungen dranschreibt, Korrekturen. Einmal kam alles, die Arbeit von Monaten, ein dicker Hefter, mit doch sehr viel Änderungen zurück. Das hat mich richtig fertig gemacht. Der schon betagte Autor, ein älterer Herr mit einer beachtlichen Palette von Büchern, die er im Verlag anzubieten hatte, war beinahe überall mit rotem Kugelschreiber an meine Zeichnungen gegangen, um Fehler zu bezeichnen.

Ich bin zu dieser Zeit ganz gut im Geschäft gewesen mit schon einiger Erfahrung, aber dieser Mann stand mit der Verlagsleitung eng und freundschaftlich verbunden auf einer ganz anderen Ebene. Das waren alles Ältere mit Karriere im Gepäck. Ein Lebenswerk stützte ihre Existenz und Autorität. Der hoch angesehene Schreiber, etabliert im Geschäft der Lehrbücher für den Unterricht, war mir extra empfohlen worden – und ich ihm. Eine Auszeichnung, mit so einem zusammenzuarbeiten an einem Herzensprojekt.

Wir trafen uns in seiner schön möblierten Wohnung privat für Besprechungen. Das war nett gewesen. Ich hatte ihn sympathisch gefunden. Einige Anekdoten vom Segeln wurden ausgetauscht. Meine Zugetanheit verpuffte aber mit den pissigen Kommentaren später. Für die Umsetzung der Illustrationen hatte ich mir Fachkenntnisse angeeignet und aus Spaß an der Arbeit hier und da Details eingefügt, um den trockenen Darstellungen Leben einzuhauchen. Meine Spezialität war der moderne Stil, alles mit dem noch neuen Computer zu digitalisieren, was früher Zeichnungen mit der Hand gewesen waren. Aus Federzeichnungen oder linearen Abbildungen mit Rapidograph konnte ich atmosphärische Farbillustrationen gestalten, die perfekt in die neue Drucktechnik passten für vielfältige Verwendung.

Die Freude über das Geleistete ging schlagartig kaputt mit dieser roten Post. Der Senior benutzte mich wie eine Maschine, alles ein wenig nachzubessern, ohne auch nur den geringsten Respekt für mein Schaffen aufzubringen. Einen Satz erinnere ich. Das kann ich schreiben, der bereits erwähnte, himmlische Begleiter, von dem ich aber keine Ahnung habe?

Jeder sieht alles anders.

„Der Mond, wenn er es denn sein soll, ist als solcher nicht zu erkennen.“

# Eine letzte Geschichte

Ich komme zum Schluss. Dann können Lesende fazitieren! Mir gefällt True-Crime im Fernsehen, gebe ich zu, weil die dort gezeigten Kommissare anders sind als die im Fernsehfilm. So ein Fahnder schlägt sich rum mit gewesenen Verbrechen. Das kann sehr belastend sein. Entscheidend für eine erfolgreiche Beweisführung ist die weitgehend vollständige Sammlung von Details für eine längere Erzählkette, wo Elemente auf Tatsachen beruhen, die vom Angeklagten kaum abgestritten werden können. Der Kommissar steht (wie ich selbst) ganz früh morgens (wenn es noch sehr still ist überall) auf, macht sich einen Kaffee und puzzelt, bis die Idee Sinn macht, mit der er aufwachte? So einer setzt was zusammen. Wir, sage ich an dieser Stelle, sind diese Kinder gewesen, die eine Sandburg bauten (gegen alle Widrigkeiten, die das Sandburgenbauen mit sich bringt). Gute kriminalistische Arbeit weiß ich als Maler zu schätzen.

Ich muss das hier anmerken, weil ich schon spottend, abfällig über Ordnungskräfte schrieb und etwas geradezurücken habe.

# Das Bild vom Strand ist eine Burg

Das muss gesagt werden: Fleischberge! Sodom, Gomorra? Am Ende des Tages bleibt mir das Bewusstsein, ein Stück weit etwas geschaffen, ja gefunden zu haben, das mehr ist, keine Auftragserfüllung jedenfalls. Der gute Physiker genauso findet etwas zusammen. Der erfolgreiche Polizist löst einen Fall. Die Miesen sind Kaputtmacher. Solche liefen wohl schon als Kinder den Strand entlang, oft in einer Mehrzahl gleichgesinnter Bälger, um reihenweise kleine Kunstwerke umzutreten. Ich muss mir solche Absätze von der Seele schreiben, so nennt man es wohl, um Erinnerungen zu löschen, wo ich mich dominiert fühlte, um gewappnet zu sein gegen zukünftige Treter. „Unfertige“ habe ich dieses Menü genannt, aber fertig bin ich jeden Tag mit dem, was ich mache. Ich bekomme was zusammen, habe meine Kunst gelernt.

🙂