Die Entdeckung der Angst
Ertappt! Wo Peinlichkeit keine Rolle mehr spielt, geht es um die Existenz, das nackte Überleben: Angst. Es bedeutet die besondere Erfahrung für jedes Lebewesen, angesichts einer Gefahr ohne sicheren Fluchtweg klarkommen zu müssen. Wenn es zurück nicht geht, muss einer kämpfen. So weit, so gut. So ist es eben. Was aber tun, wenn sich das Übel im eigenen Leib zeigt, beispielsweise erbringt der Besuch beim Arzt eine schwerwiegende Erkrankung? Schluss mit lustig und nicht: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert“. Es kann der Moment kommen, wo wir uns auf den Hosenboden setzen müssen, sogar auf den nackten Arsch.
Und der Boden ist eisig.
Schäbige Spottdrosseln fliegen da und schwarze, maskierte Gestalten stehen drumherum, und das Ganze ist kein Film oder nur ein Traum? Dann gilt es, unangenehme Entscheidungen zu treffen, so oder so – und die Alternativen sind allesamt schmerzlich. Es gibt Gegner, die sich kein Spiel aufzwingen lassen von uns.
# Krank!
Viele meinen ja, der allgemeine Sprachgebrauch führt uns dahin, sie müssten auch gegen das Böse im Körper einen Kampf führen, gegen die Schmerzen, den Infekt, Krebs usw. Man folgt der modernen Medizin aber mit einer alten Strategie und erkennt, wer oder was Schuld ist? Wir haben das so gelernt: Der Kluge beseitigt den Feind. Der Mensch straft gezielt. Er schießt, tasert, lasert und hält überhaupt die Gegner in Schach. Eine Putzkolonne reinigt die Firma, auch der Staat schaut hin, passt auf. Das beschäftigt Polizisten oder sonst wie Aufräumer.
Genauso hilft der Arzt, säubert unser System und eliminiert das Übel. Dergleichen wird schon mal kritisiert, bleibt aber ein schwieriges Thema, da es keine gute Alternative gibt. Ganzheitliche Medizin ist bloß ein Schlagwort. Das gibt es nicht, obwohl wir’s uns wünschen. Der Arzt kann gar nicht ganzheitlich arbeiten, weil er das ganze Bild nie kennenlernt. Ein guter Arzt probiert durchaus, möglichst viele Faktoren zu berücksichtigen und ein schlechter macht bloß Fünfminutenmedizin. Man dürfte aber ernüchtert feststellen, dass wir Betroffenen einer Erkrankung dem Ganzen noch am Besten nachspüren können. Wir sind ja immer dabei, wenn etwas geschieht und haben so gesehen den vollen Zugriff auf unser Ganzsein. Dafür mangelt es dem Patienten an komplexen Fachlichkeiten, die ihm nur ein Arzt bieten kann. Es braucht also mündige Menschen, die gegebenenfalls nachhaken. Psychisch Kranke, zaghafte Ja-Sager, senile Alte und bevormundete Kinder bleiben außen vor. Sie erdulden manche Fehlbehandlung und merken das nicht einmal. Schließlich unser Mitlaufen mit der aktuellen Mode; selbst kluge Erwachsene fallen auf das Übliche herein, weil es üblich ist.
Krebs gilt als behandelbar. Einige kommen gut klar damit. Manche entscheiden sich bewusst für eine Chemotherapie. Nicht wenige Patienten aber werden zu Getriebenen der Medizin. Der Kampf gegen ihre todbringende Krankheit kann den Menschen „geschenkte Zeit“ bedeuten. Sie trotzen dem hässlichen Schicksal. Das heißt für sie, noch Pläne umzusetzen. Sie möchten die Hochzeit der erwachsenen Kinder, die Geburt eines Enkelkindes erleben. Für andere bedeutet es leider, ihr Schicksal nicht wahrhaben zu wollen. Mit dem Rücken zur Wand schlagen sie ihre Schlachten. Diese Leute lassen sich operieren. Die Patienten machen alles, was geht. Sie erdulden das Gift, die Haare fallen aus, da tragen sie eben eine Perücke, und dann erholen sie sich sogar. Nur das Glück ist ein unzuverlässiger Gesell geworden. Hochglanzmenschen sind jetzt andere. Nachts merkt man’s doch. Viele werden die Angst nicht mehr los. Obwohl der Krebs besiegt scheint, beginnt ihre Psyche verrückt zu spielen? Die Leute tun wie geraten, aber das Wohlbefinden kommt nicht zurück. Genau zu unterscheiden, einen Kampf zu beginnen oder doch besser die Flucht nach vorn anzutreten, also den Ausweg zu suchen, wie man’s benennt, ist nötig. Wenigstens ein klein wenig Zufriedenheit in dieser ungerechten, scheinbar gottlosen Welt gibt es nur mit der Einsicht unsrer Endlichkeit. Glaube wird brüchig, wenn er uns (verschwenderisch) das Versprechen der Liebe gibt, wie im Kindergarten üblich. Man muss mit seinen Theorien mitwachsen, was das hier soll auf Erden, will man’s aushalten, das Leben wenigstens tageweise genießen.
Ein Beispiel fällt mir ein, das bewusste Akzeptieren einer furchtbaren Diagnose. Eine Beschreibung nach der Bescherung. Wir haben gerade erlebt, der Fernseher läuft, es ist Weihnachten, und da kommt Rieu. Das Übliche, Menschenmassen schunkeln zu Walzerklängen, verjazzte Weihnachtslieder gehören dazu. Während wir Ente verdauen und nur nebenbei hinschauen, spaziert ein kleiner Weihnachtsengel auf die Bühne. Rot-weiß angezogen und mit Mütze, weißer Bommel dran, Haare blond, ganz zart und zuckersüß anzuschauen: Die sieht aus wie ein kleines Mädchen, singt aber wie eine ausgebildete Diva. Wir googeln! Emma Kok ist siebzehn. Mir kommt sie einerseits erwachsen vor, wie fünfundzwanzig –, aber das ist auch ein Kind? Ein wenig verloren auf der riesigen Bühne singt sie da ihr Lied. Die Erklärung findet sich, als meine Frau uns wohlgenährten Sesselpupern, pappsatt vor der Glotze hingegossen, vorliest, dass diese großartige kleine Person unheilbar krank ist.
Eine Parese macht, dass sie seit ihrer Geburt keine Nahrung zu sich nehmen kann auf dem üblichen Weg.
Wir erfahren, Emma Kok ist dauerhaft auf eine Magenpumpe angewiesen, die sie im Rucksack trägt. Sie isst nicht, sie tankt andauernd, kennt kein Gefühl von Hunger oder Durst. Nur etwa zwei Stunden täglich kann sie die Pumpe für Auftritte oder Pausen ablegen. Die Alternative zu diesem Leben wäre Nichtleben. Da sind wohl einige, die diese Künstlerin als Kämpferin bezeichnen möchten?
Mein Thema scheint wieder durch, wenn ich so etwas sehe.
Ich beginne, Haare zu spalten.
# Nervenkrieg
Ein verrücktes Gehirn richtigstellen, den Menschen mit ihren Pillen einstellen, möchte auch die Psychiatrie. Ist das ein ebensolcher Kampf und ist das Gemetzel, dieses Abtöten der NGOs im eigenen Kopf mit chemischen Kampfstoffen zielführend? Die Schlacht gegen den Wahn wird ausgetragen wie gegen ansonsten bekannte Feinde im Leib. Ob solche Kriege überhaupt siegreich gewonnen werden können, fragen wir selten. Wir benennen den Gegner und weniger, dass wir’s begreifen, was wir erkannt haben, erschaffen wir die finstere Realität mit dem Etikett selbst. Das schreibt einer vom andren ab, studiert nicht lang, kopiert einfach.
Die mit Begriffen konkret gemachten Widersacher erscheinen stofflich. Wir nutzen Diagnosen gekonnt. Es mag noch angehen, man operiert den Tumor raus und sieht sich als Kämpfer gegen einen Feind. Wer die Influenza übersteht, spricht vom eigenen Immunsystem, das erfolgreich gegen ein Virus siegte, das von außen kam. Die Formulierung und wie alle anderen zu sagen, gegen den Schmerz „zu kämpfen“, ist typisch, aber hier wird deutlich, dass man es übertreiben kann. Der Kampf gegen den Schmerz findet auf eigenem Terrain statt, wird verbrannte Erde hinterlassen. Wer ständig Schmerzmittel einsetzt, dürfte sich insgesamt auf Dauer schaden. Schmerz gibt es nur im Körper vom Menschen, der diesen Schmerz hat, und insofern ist das kein Gegner hier und da. Wir kämpfen gegen den Schmerz; dann kämpfen wir gegen uns selbst.
Ähnlich verhält es sich mit der Angst, wir können nicht gegen eine Definition kämpfen, ein Gefühl, dass unser System Mensch hervorbringt als notwendige Funktion. Eine funktionale Reaktion beansprucht den ganzen Komplex aus Gehirn, Körper und Gliedmaßen, schließlich die zukünftige Ausrichtung des beabsichtigten Verhaltens. Ein bekanntes Sprichwort gibt das passende Bild: Im Sumpfgraben nützt nicht zu probieren, sich an den eigenen Haaren aus dem Morast zu ziehen. Man muss in so einer Lage die verfügbaren Haltegriffe, Gräser am Hang anpacken, und wenn das nicht genügt, benötigt einer fremde Hilfe, sollte laut rufen. Wer sich selbst helfen kann, kämpft nicht gegen sich, sondern nutzt jede Möglichkeit, die sich bietet. Alle verfügbaren Kräfte erkennen und diese ins Geschehen zu integrieren, ist Sammlung, Zusammenreißen, Konzentration, aber kein Kampf, etwas auszuschließen, das weg muss. Wir führen Angst nicht ab wie Durchfall bei einer Lebensmittelvergiftung. Angst ist kein Gift.
Es ist die überlebenswichtigste Reaktion überhaupt.
Umgekehrt, wenn Fremde in Not unser Herz berühren, Menschen helfen einander. So kämpfen wir tatsächlich für das Wohl unserer Zeitgenossen. Das ist mehr als nur spitzfindig verbalisiert. Ich kann die Angst von „Herrn Meyer“ bekämpfen, dem ich gut zurede. Bei genauerer Betrachtung stellt sich leider raus, dass mir die Ängste vom Nachbarn, Nächsten nur ungefähr klar sein dürften. Der Fürchtende kann sein Übel beschreiben, und wenn es ein Kind wäre, sagten wir liebevoll:
„Davor brauchst du keine Angst zu haben.“
Beschwichtigung nennt man das.
# Allgemeine Gefühle?
Es dürfte unzählige Ängste geben, vielfältige Probleme. Absolut individuell sind unsere menschlichen Befürchtungen, die Angst vor Spinnen oder die vor dem Fliegen mit einem Flugzeug, die Angst vor der Dunkelheit; man suche sich was aus. So gesehen gibt es kein normales Angstempfinden. Dennoch spricht der Arzt von einer „Angststörung“, wenn Menschen gewohnte Tätigkeiten aufgeben müssen. Es kommt den Leuten vor, als störe die Angst das normale Funktionieren. Könnte man die Diagnose auch auslegen, dass die Umgebung den Patienten so oft störte, dass der nichts mehr tun kann, ohne sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung ist? Das wäre ein Ansatz, von Traumen auszugehen, die sich summieren. Belastende Emotionen, die schließlich die Fantasie negativ beflügeln, dass sich’s potenziert, bis nichts mehr geht.
Manche haben Probleme damit, Fehler zu machen, mit der möglicherweise folgenden Kritik. Sie haben Angst, belangt zu werden und entwickeln entsprechende Strategien der Vermeidung. Alle Menschen erleben diesen Ärger des alltäglichen Missgeschicks, aber einige halten das besser aus. Man kann auch einfach zum Fehler stehen. Deswegen ist besser, die Angst nicht als ein „Ding“ zu denken, das einer dem anderen weitergeben könnte, sondern einzusehen, dass die Probleme im Verhalten des Menschen begründet sind, der seine Angst erlebt. Die Projektion negativer Gefühle, das heißt alles von sich weg, auf andere zu schieben, ist verbreitet, aber die weniger kluge Methode. Mit genügend Selbstvertrauen ausgestattet, mildern sich unsere Sorgen, und das zu lehren, bringt uns zum Betroffenen hin, der sich fürchtet. Angst für sich genommen behandeln zu wollen, führt vom Ängstlichen weg und bloß hin zum allgemeinen Begriff.
Die Zivilisation kennt zu jeder Zeit ihr Gewohntes. Wir erziehen gemäß der Realität, an die wir uns angepasst haben. Unsere Zeit kreiert nun auch selbstgemachte Ängste. Der Bürgersteig ist eben, wir haben keine wilden Tiere im Busch zu erwarten, aber es gibt intellektuelle Fallen. So etwas kann das berufliche Fortkommen empfindlich stören. Mit dem falschen Vokabular auf den Lippen, das noch vor einer Generation üblich war, gilt der gemeine Mensch heute als Rassist. So einer wird verbal abgestraft und aus der Gruppe getreten wie anderswo ein armseliger Köter tatsächlich mit dem Fuß. Menschen verletzen Menschen und werden es immer tun. Die Rechtfertigungen wandeln sich, die Methoden.
Ausgrenzung bleibt uns erhalten durch alle Zeiten.
Körperliche Gewaltanwendung gilt als verpönt. Trotzdem ist Gewalt gegenüber Schwächeren Alltag. Manche möchten so tun, als könnten sie zivilisiert leben? Die geben nur vor, immer beherrscht klarzukommen und pflegen ihre Fassade geschickt. Die moderne Aggression leben wir wortgewaltig aus, denken uns nichts dabei. Wir sind dran gewöhnt, alles zu kommentieren. Bevor wir überlegen, reden wir bereits. Mehr noch, wir schreiben einander sofort. Es tut schon weh, wenn nicht gleich eine Antwort kommt. Das weiß man und kann den anderen auch bewusst empfindlich treffen, dauerhaft ghohsten. Die Furcht, nicht gemocht zu werden, ist heute installierte Angst. Aus dem ursprünglichen Verständnis von Empathie, die für viele Lebewesen mehr oder weniger natürlich ist, hat der Mensch eine soziale Struktur entwickelt, die ihn vollkommen bestimmt. Damit kann Liebe absichtlich angewendet werden, und sie kann dem Gegenüber auch gezielt weggenommen werden. Das gilt als Machtdemonstration, ist nicht neu. Wir haben das aber zur Methode weiterentwickelt, die alle miteinander zum Brei verklebt. So wurde der Glaube an Gott erfunden, so haben sich gesellschaftliche Verbünde, Staaten gegründet. Technisierte Kommunikation perfektioniert alle Netze in ungeahnter Vielfalt. Das sind auch Fangnetze für Doofe. Die Dummheit kann nicht überwunden werden als prozentuales Vorkommen in allen Gruppen, aber sie kann genutzt werden, und sie kann besser genutzt werden, wenn die Zeiten, die Systeme, in denen wir leben, es hergeben.
Die Mehrheit jeder Zivilisation ist beschränkt, um ein anderes Wort (anstelle von „dumm“) zu verwenden, und das liegt an unserer Sesshaftigkeit. So gesehen könnte hier auch besondere Intelligenz gemeint sein, allerdings die weniger kluge Anpassung, wenn allgemeine Aufmerksamkeit nötig ist. Im Bombenhagel rennt der Studierte wie Ungebildete gleichermaßen in Richtung Bunker. Ich möchte sagen, wir haben spezielle Berufe: Einer fängt den Fisch, ein anderer verkauft ihn. Man geht nicht selbst los, und manche essen im Restaurant. Beschränkt, das heißt in diesem Sinne individuell und so gesehen im Ausschnitt der Vielfalt aller Möglichkeiten zu leben. Das könnte gelegentlich nachteilig sein.
„Störe mir meine Kreise nicht!“
So forderte es bekanntlich unwirsch der alte Archimedes. Eine heftige Reaktion gegenüber einem römischen Soldaten, der ihn während der Belagerung von Syrakus (im eigenen Garten) anrempelte. Der Gelehrte war beschäftigt. Er zeichnete gerade geometrische Figuren in den Sand. Diese Worte gelten als seine letzten, bevor er getötet wurde.
Archimedes war klug.
In diesem Moment aber war er sich der Lebensgefahr nicht bewusst.
Als stumpfen Gesellen denken wir uns den Soldaten, der den Universalgelehrten nebenbei erschlug. Er machte sich keine Mühe, den Sachverhalt zu prüfen. Der Römer fand den hoch angesehenen Mathematiker verschroben? Kein Grund für ihn, innezuhalten beim Töten. Einmal unterwegs, machen solche Menschen, die es immer geben wird, alles platt. Legionäre gehen freiwillig an jede Front bis in die Gegenwart. Die wollen Krieg hautnah erleben. Sie brauchen ihre existentielle Furcht, die andere zu vermeiden trachten. Das Motiv ist Nebensache, Befreiung der Ukraine, man kämpft für Palästina oder dagegen, was weiß ich? Ein kurzer Prozess ist typisch, wenn man tumbe Krieger einfach machen lässt ohne Gerichtsbarkeit.
Wir heute können smart googeln, bleiben zivil, schlagen uns nach Möglichkeit nicht, schlagen auch nichts mehr auf oder nach. Das ist ein Wort, das bald niemand noch versteht. Menschen sind digital. Man erfährt alles im Netz. Der Ausspruch, auf Latein etwa: „Noli turbare circulos meos“, ist heute sprichwörtlich für die Störung von jemandem bei einer wichtigen oder konzentrierten Tätigkeit geworden. Das Internet weiß Bescheid. Ein Buch im Regal rauszunehmen, die Stelle, die man erinnerte, lang zu suchen für ein korrektes Zitat, ist nicht nötig.
Alles ist abrufbar: Um beispielsweise Musik zu lernen, kann ich jeden Standard und unendliche Aufnahmen davon auf YouTube entdecken, den je einer wo dahinjazzte. Wenn ich meine Kunst erfrischen will durch Anregungen, gehe ich auf Pinterest und entdecke ungeahnte Möglichkeiten der Abbildung. Die Künstliche Intelligenz schafft ihr eigenes Genre, und das ist so toll. Man kann eine Mona Lisa in jede nur denkbare Befindlichkeit jagen. Das dauert nur kurze Zeit. Dann ist so ein Bild fertig. Ich finde das genial. Mir bleibt doch unbelassen, mir die Finger wund zu malen, alles allein herauszufinden, wie etwas geformt sein, im Licht aussehen könnte und mehr. Das mache ich auch weiterhin. Ich bin nicht künstlich aber intelligent. Hat ein Computer Spaß, wenn er arbeitet? Ich glaube, das neue Zeugs ist ein überbewertetes Wort. Weniger intelligent zu nennen, ist so eine Software letztlich nur eine weitere Technik. Der Mensch wendet das an. Blödes Schimpfen hat noch keine neue Zeit aufgehalten. Und überhaupt, ein alter Witz kommt mir in den Sinn.
Lobt der Gast den Hotelpianisten: „Wunderbar, wie Sie spielen –, ich selbst könnte es nie!“
„Das macht alles das Klavier.“
Vor und Nachteile des Fortschritts kennzeichnen unser Dasein. Archimedes musste das erfahren, und diese Moderne dauert an: Soldaten leben wie Polizisten auf der Basis niederen Geistes ihr Kötersein lustvoll aus. Die denken nicht. Die beißen blindweg zu. Das ist auch heutzutage die Regel. Der isolierte Blick bedeutet schon mal gefährliche Blindheit. Wissenschaftler (und Künstler) sind damit eine immer gefährdete Spezies. Freie Nomaden in der Wildnis früher überlebten nicht, falls es ihnen an Intelligenz mangelte. Wir wohnen nicht in der Wildnis. Eine Binsenweisheit scheinbar, aber eine mit Folgen. Uns fehlt das Bewusstsein für unvorhersehbare Gefahren, weil wir glauben, dass etwa Freund und Helfer auf uns aufpassen? Das kann sich fatal umkehren. Dem Zivilisten und gebrechlichen Professor sollte geholfen werden, Schutz geboten, und wir strengen uns an für Sicherheit, wo immer es geht. Moderne Systeme geben sich sozial. Man nimmt Schwächere mit, probiert es jedenfalls. Je mehr Hilfen das System bereitstellt, desto mehr Hilfsbedürftige haben wir. Eine gebildete Gesellschaft fordert das Problem heraus, denn es können sich nicht alle gleich gut schulen. Fitness, wenn diese Klugheit bedeutet und Leistungsfähigkeit draufzuhaben, kann man nicht von allen gleichermaßen erzwingen. Großkotze gibt es immer reichlich mit ihrem: „Platz da!“ Die behaupten, andere müssten sich nur anstrengen, verhalten, wie sich’s gehört. Wie mit solchen umgehen? Eine gesellschaftsspezifische Frage, wie man der Gegenwart entsprechend handelt. Wir können besser den je alle mitarbeiten und Lösungen einbringen. Das ist Fortschritt, das bedeutet Freiheit.
Im Buch „Das weiße Schweigen“ beschreibt Jack London in einer Kurzgeschichte, wie ein Alter zurückgelassen wird von seiner Gruppe. Der allein zu gehen Unfähige kann nicht mitgenommen werden, als die Familie weiter muss. Ihre Versorgung mit lebenserhaltenden Wild oder Fisch im hereinbrechenden Winter ist nicht mehr gegeben. Ein Dasein, hart und erbarmungslos. Man macht dem klapprigen Senior ein Feuer an und bricht kollektiv auf. Der Blinde zählt mit den Fingern die verbleibenden Holzstücke, die er nach und nach in die Glut schiebt, während leichter Schneefall einsetzt. Er betäubt die mit der Kälte hochkriechende Angst durch Erinnerungen. Alte Bilder möchten ihn emotional wärmen bei der nachlassenden, letzten Flamme. Er spürt die verlassene Öde, ahnt kommende Dunkelheit. Die Stimmen seiner Leute sind nicht mehr hörbar. Die anderen sind stark genug, jung, um zu kämpfen. Sie müssen weiter. Allen ist das bewusst. Niemand kennt überhaupt Sentimentalität. Es war die Normalität in Alaska, das Leben eben.
# Kunst ist legitim
Wir dagegen leisten uns gut gefüllte Seniorenheime mit Menschen, die nicht mehr erinnern, wer sie sind. Das kostet und verursacht unendliches Leid, und wir können nicht zurück, es zu ändern, ohne als Unmensch zu gelten. Dabei schaffen wir freiheitliche Werte jeden Tag selbst ab und nennen uns trotzdem gern Rechtsstaat. Wir zeigen mit dem Finger auf Länder, die böser sind. Wer aber wie ich gerade oben im Text den Polizisten pauschal als „Köter“ abwertet, riskiert die Hausdurchsuchung.
Das kommt aktuell in den Medien, in Göppingen wurde laut einem Nachrichtensender mit dem anrückenden Staatsschutz das schärfste Geschütz aufgefahren unter dem Hinweis auf eine erfolgte Delegitimierung des Staates. Das Wort „Parasiten“ war von einem Mann im Zusammenhang mit Bediensteten der Ordnungskräfte gepostet worden. Da ziehe ich mich besser warm an und laufe nicht irre nackt draußen rum.
Man könnte mich für verrückt halten.
Mir ist eines klar geworden, furchtbare Angst packt mich immer wieder. Das wurde zum Problem, fordert mich weiter, flexible, brauchbare Lösungen zu suchen, aber ich habe eine Erklärung gefunden: Andere sind schuld. Die Gesellschaft, wir belügen einander täglich. Ich kann das nicht ab. Es tut mir weh. Manche bemerken, dass Fassaden herumstehen mit wenig dahinter. Es könnte eine russische Erfindung sein, die Dörfer des Potemkin? Die Zarenzeit ist vorbei, der Kommunismus gilt als besiegt, aber die Russen sind zäh und behaupten sich auf ihre Weise. Der Westen sanktioniert sie, aber Russland findet weiter Freunde, die das große Land nicht aufgeben, den brutalen Krieg in der Ukraine akzeptieren – und letztlich gutheißen. Wir im Westen wollen die Guten sein.
Stimmt das?
Der Präsident in Moskau spottet über unser Getue: „Der verlogene Liberalismus des Westens.“ Nun ist Russland nicht das Land der ehrlichen Politik, aber was Wladimir Putin meint, begegnet uns auf Schritt und Tritt. Wir erheben uns medial über sogenannte Unrechtstaaten, wo immer es gefällt, gelten aber anderswo als arrogant. Gerade hat unser Bundeskanzler, Friedrich Merz, scheinbar nebenbei ganz Brasilien gegen sich aufgebracht. Er sorgte mit abfälligen Bemerkungen über die Stadt Belém während des Klimagipfels in Brasilien für Ärger, wo er seine Enttäuschung über den Ort ausdrückte und meinte, seine Delegation sei froh gewesen, abzureisen. Der hingeworfene Satz führte zu Kritik in Brasilien und Deutschland. Den diplomatischen Affront kennzeichnet der Eindruck von Überheblichkeit, den der Kanzler da vermittelt. Das zeigt mangelnde Empathie und eine als kolonial empfundenen Haltung, wobei auch der brasilianische Präsident Lula reagierte, und die brasilianische Seite mehr Respekt forderte.
Wir sind so toll gar nicht. Es bedeutet meine Aufgabe, aktiv zu werden. Wer spürt, dass man ihm was vorspielt, wird unruhig. Eine Vorstufe von Angst schleicht sich ins Gemüt. Das will ich erreichen, möchte stören. Der Mensch verlässt sich auf unendlich viele Informationen, die ein einzelner für sich gar nicht alle nachprüfen kann. Nur wem das klar ist, „kann“ Kommunikation und in der künstlichen Welt bestehen, die wir aus dem Planeten machten. Wir haben anstelle der freien Natur weitgehend soziale Strukturen etabliert und überbrücken große Distanzen mit dem digitalen Wort. Unsere Sprache ist zur eigenen Wirklichkeit geworden. Das allgemein abrufbare Wissen bietet dem nach Orientierung Suchenden ein scheinbar zuverlässiges Geländer. Tatsächlich ist dieser Halt aber weit weniger gut, als sich seine Solidität präsentiert. Wir wählen schöne Politiker, glauben gefälschte Zertifikate und müssen erst lernen wie der Urmensch, welche Pflanzen die essbaren sind und anderes, ob es verlässlich ist. Die Kunst muss Brüche in der scheinbar allgemein gültigen Wahrheit sichtbar machen. Unzählige Irritationen prägen den Alltag. Kollegen in der Firma oder Freunde lassen uns im Stich. Manche glauben an die große Verschwörung, aber es ist doch viel interessanter, die kleinen Lügen nebenbei exakt zu benennen. Dann muss man nicht schwurbeln, kann am Boden bleiben und trotzdem recht haben! Mein Beispiel findet sich in dieser kleinen Abschweife, die folgt. Das beim Lesen entstehende Wortbild mag Modell stehen und soll unseren Alltag sichtbarer machen. Es kann zeigen, woran wir gewöhnt sind, es geflissentlich zu übersehen.
Im Internet kommt ein Bericht über Venezuela. Der amtierende Präsident Maduro gilt weltweit als geächteter Diktator. Da betont man sogar das Wirken von Donald Trump als positiv, der andauernd Druck auf Venezuelas Regierung ausübt.
# Tagesschau
„Hoffen auf den Wandel, Angst vor Invasion; in Oslo wird heute Venezuelas Oppositionspolitikerin Machado der Friedensnobelpreis verliehen. In Venezuela wünschen sich viele den Wandel. Aber um welchen Preis?“
Mein Blick stutzt beim Anblick des Aufmachers. Die Tagesschau hat dem Artikel ein Foto vorangestellt. Menschen gehen auf dem Fußweg einer Straße. Das muss Venezuela sein, denke ich.
Es sieht nicht nach Oslo aus.
Ganz rechts am Bildrand ist ein Schild „Drogueria“.
Links sind Verkaufsstände wie auf einem Markt, dahinter erkennt man Autos. Sie folgen einander offenbar im Verkehr. Farbenfrohe Schirme wölben sich über jedem Tisch mit Angeboten. Die kleinen Regendächer sind nützliche Halter für manche Ware. Ein schiefes Durcheinander, voll behängt mit Taschen und allerlei Kram. Berge von knallbunten Shirts liegen aufgetürmt in einer Drahtbox. Die Händlerin drapiert ihre Auslage. Sie beugt sich über die Sachen und ordnet scheinbar einige Kleidung. Es ist feucht, die Pflasterung glänzt nass. Es ist warm, sie trägt eine kurze Hose. Man sieht ihre bloßen Füße in Flip-Flops zwischen den Beinen der Vorbeigehenden. Die Verkäuferin ist eine Farbige. Das schwarze Haar trägt sie zum dicken Messy hochgesteckt. Ein umgedrehter Eimer dient ihr als Sitzgelegenheit, falls sie müde ist vom Stehen. Auf der Häuserseite rechts ist auch alles voll mit Geschäften, die Schuhe und Zeugs in den Weg recken. Nasenschilder stoßen vor: „… bancalzada“. Viele Menschen sind unterwegs. Wir sehen eine lebhafte Szene aus dem Ausland.
Bunte Farben!
Knackige Herrenunterhosen baumeln an Klammern und werden poppig feilgeboten.
Im Zentrum des Bildes kommen gerade zufällig drei Frauen auf uns zu. Dahinter folgt ein älterer Mann im grünen T-Shirt. Er trägt eine helle Hose und so eine Gürteltasche vor dem Rumpf. Er geht entspannt und schaut uns als Betrachter direkt an. In seiner Hand könnte eine Zigarette sein. Rechts sind dann noch weitere Personen. Sie gehen weg von dem, der das Bild machte, in die Tiefe der Abbildung und die Straße entlang. Ein breiter Rücken von einem großen Mann füllt den Vordergrund. Wir sehen seinen Hinterkopf, der einen Haarkranz schwarzer, kurzer Locken aufweist und ansonsten den farbigen Teint des Mannes zeigt. Die Glatze eines Herrn noch im besten Alter ist das. Seine Identität erfahren wir nicht, weil er ja von hinten abgebildet ist, quasi aus dem Bild läuft.
# Fleisch
Das Augenmerk fällt auf die drei jungen Frauen in der Bildmitte.
Sie schauen entspannt, schöne Gesichter. Die mittlere, die uns ein wenig spöttisch ansieht, ist allerdings sehr dick. Ihre Freundin links daneben ist fett. Diese beiden Mädels sind nicht alt, tragen legere Shirts. Sie haben riesige Brüste, die ungehalten vorquellen. Auch diese Frauen haben einen schönen farbigen Teint, ein wenig gelblich und eben etwas dunkler als bei uns Nordeuropäern. Das darf man so gar nicht schreiben in Gutmenschdeutschland? Die Tagesschau zeigt es unverschwommen und vor allem: unverpixelt. Venezuela ist weit. Eine schöne, ein wenig nuttige, weiße Tasche mit Goldnieten (und massiv ist der Verschluss, ebenfals goldig), baumelt dem dicken Fräulein in der Mitte vor dem dicken Bäuchlein. In ihrer linken Hand erkennt man ein Smartphone. Die Nägel sind extra: Press-On.
Direkt dahinter läuft schließlich die dritte, von mir oben erwähnte, weibliche Person im Bild, die aber wohl allein unterwegs ist, eine wirklich attraktive junge Frau, so etwa zwanzig Jahre alt, in einer dunkelblauen Bluse.
Die ist nur schön.
Sie gibt der Komposition den eigentlichen Sinn. Darum wurde das Foto aufgenommen, genommen für den Artikel. Die coole Fußgängerin läuft beinahe in der Bildmitte auf uns zu. Man schaut sofort in dieses Gesicht. Mit Unschärfe oder Verpixeln könnte man solche Wirkung nicht erreichen. Ich schaue deswegen hin. Langes, schwarzes Haar. Volle rote Lippen, dunkle Augenbrauen. Auch diese smarte Dame scheint uns, den Betrachter, zu bemerken. Sie trägt eine Literflasche Mineralwasser in der rechten Hand. Links hat sie einen kleinen Anhänger zwischen den Fingern, wie vom Schlüssel baumeln, und an diesem Arm ist ein schmales Zierband über dem Handgelenk. Die Fingernägel sind normale, aber sauber, hellrosa lackiert. Ihre Hüften sind fraulich, und ihre Jeans ist eng. Das quillt kaum. Mir gefällt, was ich sehe, und ich bin ein Mann. Die Unterarme sind hellhäutig. Die Frau trägt weiße Turnschuhe.
Mir geht es beileibe nicht um Rassismus, Sexismus beim Beschreiben. Ich bin Maler, ich sehe genau hin, sonst geht es nicht.
Diese Personen könnten von Menschen, die sie persönlich kennen, erkannt werden. Öffentliche Zufallsbilder werden immer wieder diskutiert, ob das geht zu zeigen, ohne die abgebildeten Menschen zu fragen. Sicher wurde gefragt von der Tagesschau? Diese Journalisten sind schließlich öffentlich rechtlich, das Recht also selbst. Zweifel bleiben aber erlaubt, Kritik ist erwünscht bei uns, und das ist auch gut so. Noch eine Geschichte, ganz kurz bitte. Die Firma „Schminke“, das muss ich erzählen in diesem Zusammenhang, verkaufte eine cremige Farbe seit ich denken kann unter der Bezeichnung „Hautton“, und schon der Magic-Marker im Sortiment unserer Filzstifte bei Markenfilm in Wedel, wo ich in den Achtzigern Praktikant war, hieß lapidar: „flesh“.
Das ist heute heller Ocker.
So albern.
Gewalt kommt nicht in die Tüte und Farbe nicht in die Tube? Ich schreibe detailiert, weil ich eine Gegendarstellung möchte. Gleich im Anschluss, wir haben Anfang Dezember, es war gerade der Nikolaustag, googelte ich versuchsweise:
„Köln, Weihnachtseinkauf“.
Die Stadt hätte auch jede andere sein können in Deutschland. Da kommen viele Bilder, wenn man bei Google die entsprechende Einstellung wählt. Nachrichtenportale thematisieren die Klagen der Händler. Wie jedes Jahr, bleibt der Verkauf hinter den Erwartungen der Unternehmer zurück? Da gibt es Straßenbilder voller Menschen. Die Geschäfte der Fußgängerzonen zeigen den glitzernden Schmuck des Dezembers. Die Leute dieser Massen gehen immer vom Betrachter weg. Man sieht sie nur von hinten. Oft ist die frontale Reihe von mehreren Personen noch extra unscharf gemacht worden, und besonders ist das der Fall, wenn Passanten doch mal auf uns zu kommen.
Wir schreiben vom bösen Mann Maduro. Wir zeigen die Mädels auf der Straße in Caracas klar erkennbar. Wir fürchten den Datenschutz in Deutschland und präsentieren die eigenen Bürgerinnen und Bürger auf dem Bürgersteig von rückwärts. Und wir gendern? Toll. Wir sind so verlogen, wie nur was: Wir haben nichts in der Hand gegen den russischen Präsidenten und werden auch von Donald Trump und allen anderen links und rechts bloß ausgelacht.
Haha.
# Wir Doofen
Die smarte Welt lügt sich an? Ich glaube schon. Bislang geschichtliche Fakten waren sicher im festgehaltenen Archiv, glaubten wir, aber die modernen Techniken sind nur ein Beispiel dafür, wie leicht die Vergangenheit gefälscht übermittelt werden kann. Jede Kommunikation beinhaltet die Möglichkeit fehlerhafter Weitergabe. Das greift uns mehr und mehr an wie ein Virus. Das seinerzeit erste entdeckte Computervirus schien ein neues Problem bloß dieser Technik zu sein? Heute müssen wir rekapitulieren, dass sich eine digitale Krankheit etablierte, die uns als Menschheit selbst direkt betrifft wie eine Pandemie. Wir sind so verschmolzen mit unseren Maschinen, dass keine Grenzziehung möglich ist ohne Amputation ganzer Lebensbereiche. Wer digitalen Detox probiert, merkt das schnell.
Unsere Intelligenz ist zum vergleichsweise kleinen Intellekt verkümmert, der sich direkt am Zeitgeist orientiert. Der Mensch kann nur überleben, wenn ihm die aktuellen Verpflichtungen klar sind. Natürliche Regeln kann man als Naturgesetze erklären, die uns einiges abverlangen. Gesetze tun dies nicht weniger. Insgesamt muss jeder sich mit allem rumschlagen, was Bedürfnisse und Pflichten der Existenz bedeutet. Vor- und Nachteile ergeben sich selbstverständlich, wenn jedes gelöste Problem der Gesellschaft dieser gegenüber eine Reihe neuer Notwendigkeiten kreiert. Der steinzeitliche Mensch sah sich in erster Linie und zunächst hauptsächlich den Naturgesetzen ausgeliefert. Jede Rudelbildung und Stammeszugehörigkeiten aber formten den Fortschritt, die Inbesitznahme eines Terrains. Das erforderte Gesetze und Grenzen. Sprache und Schrift entstanden. Aus den frühen Beschreibungen und Bildern machten unsere Vorfahren Überlieferungen.
Die erste Höhlenmalerei bedeutete den Anfang der Moderne.
Die Kunst des Menschen, seine bildgewaltige Produktivität und Verbalisierung aller Befindlichkeiten ist bis heute der kreative Motor unserer künstlichen Welt. Ohne neue Ideen und ihre Kommunikation erfolgte keine Anpassung an die modernen Probleme. Wir haben die Erde sozialisiert. Anstelle der Natur umgibt uns Begrifflichkeit. Der Wald ist ein Schilderwald, nicht nur im Straßenverkehr, auch sonst gilt stets ein Wort, wie man sich zu verhalten habe an einer Position innerhalb der künstlich geschaffenen Struktur. Der heutige Erwachsene ist ein besonderes, soziales Lebewesen, und man kann schon sagen, er ist selbst zum „Produkt“ unserer Zeit geworden. So einer muss lange von seinen Erziehern trainiert werden, geformt, angepasst wie eine Marke, die gut zum Verkauf geeignet ist.
Wir sind Firma. Der moderne Mensch muss die Absprachen studieren, seine Tätigkeit beruflich spezialisieren und seine Intelligenz den Verabredungen unterwerfen, auf die er sich einlässt, oft einlassen muss. Kollektive Verabredungen verhindern natürliche Notwendigkeiten: Wir erleben vermutlich die längste Adoleszens unter allen Lebewesen, die der Planet jemals hervorgebracht hat. Heutige feste Partnerschaften bekommen ihre Kinder oft erst im vierten Jahrzehnt. Mit dreißig traut man sich zu heiraten, aber mit schon elf Jahren könnten die Mädchen inzwischen selbst Kinder bekommen. Damit hat sich die Pubertät, geschichtlich betrachtet, immer weiter nach vorn verlagert. Dem gegenüber hat sich unser Wunsch nach Perfektion (und größtmöglicher Leistung) derart breitgemacht, das alles eigentlich Selbstverständliche verzerrt abgebildet wird. Der soziale Zwang, die natürliche Sexualität vom Erlebensalter, wo ein junger Mensch spürt, dass ihm etwas geschieht, in die Zukunft verschieben zu müssen, ist enorm.
Wir können nicht zurück, aber unser Fortschritt hat nicht massenweise kluge Menschen hervorgebracht, obschon alle heutigen Leistungen insgesamt die früherer Generationen bei weitem übertreffen. Eine Spitzengruppe in jedem Gebiet ist besser als alle vergleichbaren Menschen damals. Im Durchschnitt sind leider weiter so viele nur angepasste Zeitgenossen unterwegs, dass man sich wundern kann und ärgern darüber.
Menschen entwickeln sich oft nicht weiter, wenn sie nur irgendwie integriert sind. Schlimmer trifft es noch welche, die nicht einmal schaffen mitzumachen im System. Das natürliche Abschätzen von Angst, Zorn und andererseits Lust zu verspüren auf etwas, um dann das nötige Risiko einzugehen, seine Ziele dahingehend individuell zu erreichen, ist bei immer mehr Menschen gestört. Daraus erwächst ein gefährlicher Trend, dass wenige Anführer die Massen von Menschen, die sich selbst nicht wahrnehmen, benutzen könnten, um das Konzept, nach dem wir existieren, in den Kollaps zu steuern – für ihren Profit.
Konservative Politiker fördern Unternehmen. Große Firmen schaffen allerdings mitnichten Arbeitsplätze, wie die soziale Politik uns weismachen möchte. Unternehmer probieren, Gewinne zu maximieren mit so wenig wie nötig Personal. Wenn eine Firma expandiert, „schafft“ sie deswegen keine Arbeitsplätze. Sie kann sich nicht erweitern ohne Menschen, und das ist etwas ganz anderes. Wir haben einerseits rechte Politik, die das menschenunwürdige Ausbeuten forciert, nationale Tendenzen schürt und dem gegenüber soziale Forderer. Das sind die Roten, die uns verblöden möchten, als Angestellte halten, trillerpfeifend, gewerkschaftlich verkleistert, verdooft abhängig machen. Diese Lager sind nicht neu. Neu ist die Qualität der hochglänzenden Eigenwerbung der Populisten für ihr jeweiliges goldenes Kalb, das sie uns weismachen wollen, wir bräuchten es. Dazu kommt eine gefährliche Unfähigkeit der etablierten Verwalter, die alles können, sagen sie. Tatsächlich schaffen sie nichts außer Streit.
Debatten sind immer populistisch. Nicht nur die Probleme mit dem Generationenvertrag der Rente, auch die neue Einsicht notwendiger Verteidigungsfähigkeit oder die Schwierigkeiten mit der Arbeitslosenhilfe rufen hitzige Debatten hervor. Es kann aber gar keine vollständige Lösung der Kernthemen geben. Schaut man sich die gennanten Mega-Aufgaben der aktuellen Politik an, ist die Lücke beim Geld für unsere Rente vorprogrammiert durch die veränderten Geburten. Da kommt es in jedem Fall zu Einschnitten. Es fragt sich, wo diese am meisten Sinn machen? Zur Zeit gibt es Proteste von Studenten gegen die Erhöhung ihrer Studiengebühren und Demonstrationen der Schüler gegen eine mögliche Wehrpflicht. „Wer sich nicht wehrt kommt (statt an den Herd) an die Front“ oder „Rechte hat, wer sich traut, für sie einzutreten“, wären passende Slogans. Das sogenannte Bürgergeld zu reformieren, ist ein mit Schmähungen gegen Arbeitslose besetztes Thema. Da überrascht die repräsentative Befragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung: 43 Prozent aller arbeitsfähigen Empfänger von Bürgergeld haben noch nie ein Stellenangebot vom Jobcenter erhalten. Ein weiterer dicker Brocken gemeinschaftlicher Aufgaben ergibt sich aus den Gefahren für Kinder durch das Internet und ihre damit zusammenhängenden Entwicklungsschwierigkeiten. Emotional aufgeladene Diskussionen prägen unsere Medien.
Wir benötigen Menschen, die zeitgemäße Ängste entdecken, Lösungen erarbeiten, die andere motivieren könnten, ebenfalls Schwächen an sich zu bemerken und auf ihre Weise probierten, kreativ zu handeln. Ohne Hoffnung auf neue Einfälle kann der Mensch nicht bestehen. Ein Plädoyer muss her für mehr Individualität in einer Welt, die danach trachtet, jede Einzelmeinung als Blödsinn zu brandmarken und sich in vollkommener Inzucht verfehlen könnte! Es ist nie zu spät, bei sich selbst anzufangen mit dem Denken.
Die Gefahr weltweiter Dominanz weniger Pole mit nicht durchschaubarer Macht ist gegeben. Kreative Vordenker, Schriftsteller haben früh erkannt, wohin die Reise gehen könnte. Der böse Ring von Tolkien, ein Ring „sie alle zu knechten“, heißt es. Diesen Ring kann sein Träger nicht leicht abnehmen, vom Finger ziehen, wenn er ihn eine Zeit lang besitzt. Den Televisor im Roman „1984“, der auch zur Zeit des Nationalsozialismus geschrieben wurde, von George Orwell, können die Menschen dort selbst nicht abschalten. Er ist fest installiert: „Der große Bruder sieht dich an.“ Beide weltweit erfolgreichen Bücher zeigen eine Art Fetisch, der die Leute zwingt. Im dritten Buch dieser Art, der „schönen neuen Welt“ von Huxley, sind viele sogar scheinbar glücklich, allerdings in kollektiver Dummheit.
Da sind wir heute real angekommen.
Weh tun uns die Brüche, die unweigerlich passieren, der Ukraine Krieg ist so eine Wunde und die vielen psychisch Kranken, die plötzlich hinter ihre Fassade schauen, was nicht erlaubt ist, zeigen die Mängel der Moderne. Man hat den Klimakollaps vor Augen, aber dann geben alle extra Gas, verpulvern die Ressoucen, nachdem sie noch schnell einen genialen Helm aufgesetzt haben, der ihnen eine rosige Umgebung vorgaukelt. Die Leute glauben, noch zum Mond fliegen zu können, zum Mars und machen nebenbei alles kaputt zu Hause. Das ist keine schöne neue Welt. Und wer das bemerkt, kann krank werden vor Angst. Da helfen keine Pillen wirklich.
Digitale Kommunikation ist die Regel. Jede Äußerung wird technisch unterstützt. Unsere Empfindungen sind im Abgleich mit der sozialen Struktur. Entsprechende Wortmeldungen und die dazugehörigen Gedanken folgen dem automatischen Reflex, was stimmt und was nicht? Damit ist das Individuum viel mehr dem Übereinstimmen mit seiner Umgebung verpflichtet als je zuvor. Die Motivation und Kraft, sich für etwas zu begeistern, empfindet der moderne Mensch intellektuell, nicht ganzheitlich, natürlich, seinem tatsächlichen Selbstbewusstsein entsprechend. Menschen ignorieren ihren Körper. Sie merken nicht, sie folgen. Es ist das Bewusstsein der Gruppe anstelle dessen getreten, was gesundes Fühlen sein könnte. Das Problem wurde schon in den ersten Zivilisationen erkannt. Platon verfluchte das neue Medium Schrift wie wir heute die Künstliche Intelligenz. Schreiben mache faul, sich das Nötige zu merken, wusste der antike Grieche, Texte erreichten die falschen Leute. Seitdem Menschen massenhaft in Städten leben, dürfte diese Entwicklung, die das Soziale immer gewichtiger über dem Individuum begreift, an Fahrt gewonnen haben. Fast jeder trägt sein Smartphone mit sich. Viele schauen alle Augenblick drauf. Manche haben es immer in der Hand, stecken das Ding nicht einmal kurz weg in die Tasche. Das gilt als suchtkrank, aber fast alle genießen diese Krankheit. Das hieße, eine psychische Störung wäre unser normales Drumherum, und die besonders pathologisch Auffälligen mit entsprechender Diagnose sollten sich darauf berufen, dass auch alle anderen spinnen.
Mit dem nicht mehr abschaltbaren Internet, das wir zwanghaft andauernd kontaktieren, haben die altmodische Vorstellungen vom Selberdenken weitgehend ausgedient. Die großen Vorteile liegen auf der Hand. Wir nutzen alles Dagewesene sofort als Bereicherung unserer Entscheidungen. Der Nachteil zeigt sich in zunehmender Unfähigkeit zur Abgrenzung. Das Übel beginnt, wo der Einzelne seine Gefühle nicht wahrnimmt und etwa die wichtigste Emotion Angst dem allgemeinen Leistungsgedanken nachstellt. Menschen denken nicht oder weniger als frühere Generationen. Man kauft keine Lexika, sondern googelt das Nötige, schreibt viel ab oder lässt sich ganze Arbeiten ghostwriten. Für jedes Problem findet sich der Lifehack. Kommunikation ist Fortschritt. Da ist alles schon vorgefertigt da, auch die aktuelle Sprache. Sie wird beständig upgedatet. Die Leute nutzen formelhafte Sätze, die sich global verbreiten: „Me too!“, dabei sein, das „will ich auch“ – usw.
„Weg da!“
Das heißt es eigentlich. Das Ergebnis ist keine Ohrfeige, die man im Vorübergehen hinklatscht. Ein smarter Spruch kränkt aber gleichwohl. Das soll wehtun. Ihre paradoxe Denke macht den Leuten wenig aus, denn als Täter gelten ja ihre Opfer. Das sind Trottel, die noch arglos falsch reden. Diese Idioten sieht man Seite an Seite mit der Gestapo, und was weiß ich, den Monstern von früher. Die politischen Populisten sind rechts wie links gleichermaßen aggressiv. Ich lese, Kinder zu haben, bedeutet einigen bereits, das falsche Rollenbild zu leben. (Frauen, die mit Freude Mutter werden oder einen Mann fürs Leben wählen, gelten heute schnell als rechts. Während Konservative Elternschaft und Ehe propagieren, wird das Thema von den Linken fast nur noch negativ besetzt, heißt es in der Neuen Zürcher Zeitung. „Kulturkampf in den USA: Schwangere als Nazi bezeichnet“, Pinneberger Tageblatt, 27.11.2025). Der smarte Mensch erhebt sich selbst in den eigenen Himmel der Klügeren. Man fühlt sich besser, will aber nicht Gutmensch genannt werden. Die Extreme ist normal.
Politische Lager werfen sich gegenseitig vor, die „richtige“ Seite zu verraten, und sie tun das in einer Weise, die einem Krieg mit Waffen in nichts nachsteht. Man möchte die exponierten Köpfe der Gegenseite psychisch stellen, unterhalb der Gürtellinie verletzen, dass diese ihre Arbeit aufgeben unter den grundsätzlich feigen Attacken ihrer Widersacher. Während im Gebäude etwa die Journalistin Sophie von der Tann einen Preis bekommt für ihre großartige Arbeit in Gaza, in Israel, wo sie erkennbar alles tut, objektiv zu bleiben, unter Lebensgefahr die Kriegsgebiete aufsucht, stehen draußen Spinner mit ihren Schildchen in der Hand, die es immer gibt, wo sich jemand profiliert. Es geht ihnen tatsächlich nicht um Israel. Das behaupten diese Leute bloß. Es sind dieselben, die anderntags am anderen Platz auftauchen.
Das Thema ist egal.
Sie geben ein ehrenhaftes Motiv vor, halten eine Pappe in der Hand. „Antisemit!“ steht darauf, oder man versammelt sich vor einer Beratungsstelle für Schwangere, hat die Moral gepachtet: „Mahnwache!“ Dann heißt es: „Abtreibung ist Mord!“ Millionen gehen auf die Straße, „setzen ein Zeichen gegen rechts“, sagen sie, laufen organisiert los. Dann kommt es im Fernsehen. Das ist pure Eitelkeit. In der Wahlkabine sehen wir nicht, wo diese Leute ihr Kreuz machen. Fast ein Drittel wählt rechts. Das ist nicht zu ignorieren. Es wird durch das Gerede von der nötigen Brandmauer nicht besser. Linke Demonstranten sind keine guten Menschen. Leute, die billige Proteste begleiten, müssen selbst nichts leisten, außer mitzulaufen. Es sind keine Kritiker. Das sind Klebefische, Mücken, die nerven, Schmeißfliegen, die selbst lieben zu stinken. Man kennt pissige Kommentare zu jedem Beitrag irgendwo. Wer definitiv angreifbar ist, weil jemand nachprüfbare Fakten verdreht, kann gut demontiert werden. Wir haben eine lebhafte Medienwelt. Niemand muss eine Botschaft in den Regen halten, mit Deutschlandfahne auf der Brücke über der Autobahn stehen. Gute journalistische Arbeit und nachhaltige Politik setzen sich wie jede Wissenschaft gern der Kritik aus.
Das andere ist Neid.
Bittere Erfahrungen (weil ich schon immer kreativ gewesen bin) erlebe ich, seit ich denken kann. Man bekommt nichts Schwieriges hin, ohne sofort armselige wie aus dem Nichts auftauchende Trampler fürchten zu müssen, die alles torpedieren. Ich weiß noch, als ich klein war und im Urlaub an der Wasserkante beschäftigt spielte: Immer gab es dumme Bälger, die den Strand entlang liefen, um die kleinen Sandburgen, Priele und Hafenanlagen, die wir Gleichgesinnte gebaut hatten, zu zertrampeln.
Wir fingen von vorne an, eine kleine Welt zu formen.
Notorische Kaputtmacher sind nicht zu beneiden.
Viele mobben hemmungslos und besonders die tun das, die für sich beanspruchen, letztlich Polizist zu sein. Neue Ängste nehmen Gestalt an und konkretisieren sich kollektiv. Die Gesellschaft wandelt sich. Medien zeigen die Welt in Aufruhr, das macht Angst. Wir wehren uns intuitiv. Banale Schläge teilt jeder Nächste gegen den Nachbarn und Kollegen wie nebenbei aus. Die Indianer fürchteten das „Feuerross“, bis sie begriffen, dass das eigentliche Übel die Menschen waren, die mit der Eisenbahn ins Land kamen. Wir fürchten, das Wort „Indianer“ zu verwenden, das früher alltäglich gewesen ist. Immer schwingt sich jemand auf, neue Namen zu fordern. Die Indianer sind jetzt Indigene? Das wird ihnen guttun zu hören! Wichtiger ist das für die Fordernden. Es bedeutet für sie einen Karriereschritt, den eigenen Erfolg hinzubekommen, wenn alle Nicht-Indigenen nach ihrer Pfeife tanzen. Das zieht mit: Wir adeln uns selbst wie nebenbei als empathisch. Die auf den Zug aufgesprungenen Tramps halten sich sofort für besser. Die Mitläufer eines Trends werden zu korrekten, wertschätzenden Mitmenschen, weil sie dran glauben, es zu sein. Ist doch ganz einfach. Wo einer sich nicht dran hält, die neuen Worte anzuwenden, wird derjenige als unflexibler Blockierer abgemahnt. Den Ignoranten drängen die anderen schließlich aus der Redaktion, falls seine Arbeit Journalist ist. Wer’s weiter nicht kapiert, kriegt den Tritt, fliegt: „Raus!“
Vor die Tür, und auch das hat seinen neuen Namen.
„Aus der Zeit gefallen.“
# Die Welt von Gestern
„Die Welt von Gestern“ ist ein Roman von Stefan Zweig. Der Titel sagt es schon, Zweig schaut zurück. Ich habe das Buch gelesen. Als Jugendlicher und noch junger Mann anschließend habe ich Bücher geradezu verschlungen. Mit zwei Kapitänen in der Familie, beide Großväter waren Seefahrer, wurden meinem Vetter in Blankenese und mir die Hornblower-Romane von C.S. Forester empfohlen. Die habe ich auch alle gelesen. Ich begeisterte mich für den humorvollen Essay: „Meine Bücher und ich“, wo Forester sein Schreiben erläutert. Es lag zudem in der Familie bei uns, es mit eigenen Werken zu versuchen. Meinem Vater gelang, ein paar Erinnerungen von der Küste festzuhalten. Mein Opa, Heinz Burmester, verfasste mehrere maritime Bücher. So kann man sagen, dass selbst zu texten, mich bereits früh interessierte. Sehr wichtig wird für jeden, der schreibt (das lernte ich), wieder drüberzulesen (am nächsten Tag) und Verbesserungen anzubringen. Das ist sicher das Interessanteste bei der Sache, klarer zu werden mit jeder Korrektur, die man sich noch einfallen lässt. Es kann auch die Plage bedeuten, am Wunsch nach Perfektion so zu leiden, dass man’s schließlich nicht mehr genießen kann, alles noch einmal ganz zu lesen.
Da muss man sich ertragen.
Im „Zapfenstreich“, einer Sammlung mehrerer kurzer Geschichten, befindet sich auch Autobiografisches von Forester. So erzählt der bekannte Autor, wie es mit Hornblower losgegangen war. Ein Satz besonders ist hängengeblieben bei mir. Die grundsätzliche Intuition, mit dem fiktiven Seehelden anzufangen, war für den Schriftsteller die Idee vom „auf sich gestellten Mann“, der sich stets allein entscheiden muss, niemanden um Rat fragen kann, allenfalls die Offiziere mit ihm an Bord. Der Kapitän trägt aber letztlich die volle Verantwortung gegenüber der Mannschaft seines Schiffes und dazu dem Dreimaster mit all seinem Kram allein. Da sei die Takelage genannt, die Munition, sämtliche Kanonen, und schließlich kommt sogar die Lady Barbara an Bord. Sie ist eine Erfindung des Schriftstellers aber im Buch die Schwester vom Herzog von Wellington, also eine höchst verletzliche Persönlichkeit. Das ist Hornblowers Risiko gegenüber der Admiralität in London und dem König von England. Der Kommandant der „Lydia“ muss sein Schiff in Schlachten führen mit einem Gegner, von dem der Kapitän nicht einmal wissen kann, ob das gerade Verbündete sind oder Feinde, die Spanier.
Eine kurze Beschreibung des Erstlings seiner Reihe findet sich im Internet:
„Die von Kapitän Hornblower befehligte ,Lydia‘ wird an die mittelamerikanische Westküste entsandt. Sie soll Aufständische gegen die spanische Monarchie unterstützen. Die mit fünfzig Kanonen bestückte ,Natividad‘ soll versenkt oder erobert werden. Kapitän Hornblower ahnt nicht, dass die Spanier sich mittlerweile mit den Engländern verbündet haben, als er den Golf von Fonseca erreicht. Er nimmt den gefährlichen Kampf gegen die ,Natividad‘ auf, doch als sein wahrer Feind entpuppt sich Don Julian de Avarado, der sich El-Supremo, der Allmächtige, nennt …“
Für uns heute unvorstellbar wären derartige militärischen Aktionen im vollständigen Funkloch gegenüber der Admiralität und Regierung.
Diese Idee zum Thema seines kreativen Lebens überhaupt zu machen, ist also viel mehr, als historische Romane schreiben zu wollen. Forester spiegelt uns seine eigenen Befürchtungen der Existenz wieder und wählt den Krieg als Stoff dafür. Hornblower erlebt „würgende“ Angst, so wird es beschrieben, er muss sich seekrank übergeben am Anfang jeder Reise, trachtet danach, sich seine Schwächen nie anmerken zu lassen und ist doch fähig, die kühnsten Attacken zu planen. Ich lerne noch immer aus dieser Motivation, die ich verinnerlicht habe wie nichts sonst.
Lesen.
Die Welt von Gestern –, das ist immer eine gute Idee, drüber nachzusinnen besonders in einer Zeit, die nur das Nach-vorn-Schauen gelten lassen möchte. In diesem Sinne weiter!
# Bleibt alles anders
Ich bin viele, und das soll heißen, meine Generation, wir gelten aktuell als „Boomer“ und sind das Rentenproblem, könnte man auch sagen. Wir haben noch Erinnerungen. Der Boom fand statt ohne dieses Etikett. Englisch sprachen die Leute im Ausland. Wir übten es mühsam im Sprachlabor (wenn die Technik das zuließ). In meiner Schulzeit war die frisch etablierte Demokratie die wichtigste Errungenschaft in Deutschland, das noch neue Grundgesetz und die Realität der Teilung des Landes nach dem überstandenen Krieg oft Thema. Baulücken prägten vielerorts die alten Straßenzüge. Der Krieg war noch sichtbar an mancher Brandmauer. Das Wort bezeichnete zu meiner Jugend hohe, fensterlose Außenwände, teilweise noch mit erkennbaren Spuren von Etagendecken des durch Bombenschlag getroffenen Hauses, das hier fehlte.
In den Köpfen der Alten – Zeitzeugen lebten noch reichlich – spukten die traumatischen Erlebnisse weiter. Diese Generation kannte die Angst wirklich. Viele verdrängten. Andere wurden nicht müde, uns zu warnen, aufzuklären. Sie erzählten davon, wie es war. Der Bunker unter der Michaeliskirche, die schlechte Zeit, als es nichts zu essen gab, Steckrübengerichte, und im Unterschied zu Mangelprodukten etwa redete meine Oma von „guter Butter“. Das war ein Vokabular, wie es heute weitgehend unbekannt ist. Es kamen auch neue Bewertungen auf. Hitler musste erst aktiv zum Verbrecher umerklärt werden. Nicht wenige wollten die Gräuel nicht wahrhaben. Viele hätten nichts gewusst vom Judenmord, behaupteten sie. Man suchte also den Sündenbock, wollte nichts wissen von kollektiver Verantwortung, die einige doch zu etablieren probierten. Es bedeutete hartnäckige Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft. Nur allmählich korrigierte sich Nazideutschland. Damals „wären wir schuld gewesen“, hieß es, aber „das sei vorbei“, sagten uns die Lehrer in der Schule und überhaupt: Nun galten wir als gut. Der Osten machte Angst mit seinem kalten Krieg? Der böse Kommunismus und auf der anderen Seite wir, die Befreiten, so konnte man es sehen.
Vom Tellerwäscher zum Millionär, das schien nun auch bei uns möglich.
Erste Risse bekam das brandneue Wirtschaftswunderbild mit der Stationierung amerikanischer Waffen auf unserem Boden usw. Man erinnert sich. Was einer Gesellschaft kollektiv Angst machen „darf“ im allgemeinen Kontext und nötigenfalls Kampf bedeutet, entspricht dem Drumherum der Zeit. Heute stellen nicht wenige (17 Prozent) die Demokratie grundsätzlich in Frage und befürworten (wieder) einen „starken Führer“. Wir sind auf Kampf aus, auch innen im Land wird mehr draufgehauen. Das macht schon Angst.
Ein aktuelles Zitat:
Volker Wissing über das Aus der Amelregierung: Der ehemalige Verkehrsminister ist fest davon überzeugt, dass mit der Ampel eine Koalition gewählt wurde, die unterschiedliche Lager verbindet und Brücken baut. „Dazu hat die Ampel eine sehr große Chance geboten. Und diese Chance wurde fahrlässig nicht genutzt.“ Denn viele seien heute der Überzeugung, „Politik bestehe darin, dass ein Teil der Bevölkerung den anderen Teil besiegt“. (Tagesschau, Gabor Halasz, 6. November 2025).
Demnach wäre das Bild, das die Menschen von ihrer Demokratie haben, heute ein anderes, man müsse die andere Meinung besiegen, mindestens mundtot machen. Vielleicht kommt es vielen nur so vor, aber es stimmt, die Gegenwart sieht immer anders aus als die alten Bilder. So wie jede Zeit ihre Gewohnheiten kennt, glauben entsprechend viele, sie müssten nur normal sein und bleiben? Sie zeigen mit dem Finger auf andere, die sich ihrer Meinung nach falsch verhalten. Was richtig ist, was falsch, bedeutet in erster Linie soziale Abmachung. Die natürlichen Gesetze, dass jemand, der sich im Gebirge oder auf See, auf sich allein gestellt, nicht vorsieht, scheinen manchmal dahin zu zeigen, dass tatsächlich eine höhere Macht uns abstraft bei Fehlverhalten: Da wird eine grundsätzliche Idee sichtbar, eine Daseinsfrage, wie richtiges Leben geht. Manches ist einfach falsch, soziale Regel her oder hin. Wer nackt im Schnee spaziert, erfriert irgendwann, und das hat nichts damit zu tun, dass nacktes Herumlaufen in der Öffentlichkeit unerwünscht ist.
Probleme, auch kleinere Schwierigkeiten, die aber unumgänglich sind, bestimmen den Alltag. Verzwickte Dinge, die nicht ignoriert werden dürfen, die zu meistern sind, dürften, erfolgreich bewältigt, Sinn machen. Das wird bei den meisten von uns ein kleines Hochgefühl auslösen. „Alles Leben ist Problemlösen“, meinte Philosoph Karl Popper und gab uns diesen Titel an die Hand, schrieb sein letztes Buch. Dinge vor sich her zu schieben, ist bekanntermaßen blöd oder auch feige und eher nicht das vitale Leben. Nun reden wir nicht von Angst, wenn es gilt, den mit Kaffee gefüllten Filter vor dem Absturz auf den sauberen Küchenfußboden zu bewahren, weil uns das Ding aus der Hand zu rutschen droht, aber Angst ist zunächst nur ein Wort. Wir können einen Begriff so oder so besetzen mit dem, was er uns bedeuten möge.
Für Schmerzen, um diese beim Patienten einschätzen zu können, nutzt der Arzt eine Skala, die er abfragen kann, eins bis zehn: „Wie stark tut es Ihnen weh?“ So gesehen bedeutet jede Problemlösung auch Gefahrenabwehr. Nächstens sollten wir überlegen, ob im besonderen Augenblick die allgemeine Richtschnur gilt (fälschlicherweise von uns angelegt wird) oder die wirklich relevante Einschätzung der Lage bedeutsam ist? Mit bewusster Haltung befreit einer sich vom Ballast, immer alles richtig machen zu wollen und setzt sich selbst an die erste Stelle. Man ist ja auch selbst derjenige, der den Schaden zuerst fühlt, wenn was in die Hose geht. Verantwortung beginnt, wo man seine Entscheidung trifft.
Wovor nun eine Gesellschaft sich insgesamt fürchtet und was sich die Politik zur Aufgabe macht, dafür einzustehen, wandelt sich, nicht aber die Verpflichtung des Einzelnen, auf die eigene Gesundheit acht zu geben. So traf Wissing seine Entscheidung, einen zerstörerischen Streit nicht mitzutragen. Den Bruch der Ampel hat das nicht aufgehalten. Die Karriereposition als Minister ist er los. Möglicherweise hat er seiner Psyche den Gefallen getan, als Berater die Welt zu belehren, und das tut ihm gut? Die Politiker, die der Ampelregierung angehörten, dieser Koalition aus drei recht unterschiedlichen Parteien, sind außer dem erfolgreich übergewechselten und in seinem Amt verbliebenen Verteidigungsminister Pistorius nicht mehr Teil der aktiven Regierung. Unter dem neuen Bundeskanzler Friedrich Merz überstand nur das Ressort Militär, Verteidigung die Zeitenwende. Das spricht doppelt für diese ungewöhnliche Persönlichkeit Pistorius. Er ist beliebt, ein Politiker, der so bescheiden wie selbstbewusst auftritt. Die Welt zu erklären, ist das eine, sie zu gestalten, das andere. Vom Politiker erwarten wir, dass er handelt.
Am Biertisch erklären kann jeder.
Die Amerikaner machen nicht nur verbal deutlich, dass sie nicht nötig haben, sich zu verteidigen. Donald Trump benannte das US-Verteidigungsministerium um. Es heißt jetzt Kriegsministerium. Resilienz nicht zuletzt gegenüber Russland soll das wohl heißen oder: „Was ihr könnt, verschiebt Grenzen? Können wir ohnehin als stärkste Macht der Welt.“ Drohgebärden prägen das Bild von Trump, von seiner autodidaktischen Weise, sich in der Politik zu probieren. Trump, das heißt einen Stil zu etablieren, der keiner ist. Ein Narzisst, der mucksch reagiert wie ein Kind bei Kritik und doch massig daherkommt, brutal poltert. Donald Trump ist ein Politiker, dem man jede irre Reaktion zutraut. So einer als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Das verunsichert und verändert alle Beziehungen. Wir, die unbekannten, kleinen Leute ändern sich deswegen ebenfalls. Die Menschen kommen auf ein neues Level kollektiver Ängste und reagieren entsprechend. Direkt wie dieser Präsident hat noch nie jemand an solcher Position seine Unbeherrschtheit, den Wunsch nach Anerkennung ausgelebt. Er macht auf scheinbar naive Weise seine Gefühle öffentlich. Emotionen, die jeden, aber auch besonders unreife Menschen kennzeichnen. So gesehen ist das einer von uns allen, kein geübter Profi der Verwaltung und darin liegt reichlich Gefahr. Die Hälfte der Amerikaner blendet diese bloß vermeintliche Ausstrahlung direkter Natürlichkeit. Sie sehen sich selbst, wollen sein wie er. Das ist der Spiegel des reichsten und mächtigsten Landes der Welt; was für eine Veränderung. Man reibt sich die Augen und erlebt eine nie gekannte Irritation als gemäßigter Europäer und kleiner Mensch auf diesem Planeten.
Die Zerstörung der freiheitlichen Demokratie ist die Folge, wenn ein führender Kopf wie ein durchgegangener Gaul losstürmt und auch im Innern Reinschiff machen befiehlt, allerdings auf eine Weise, die sämtliche gewachsene Struktur angreift, beiläufig zerstört. Donald Trump ist wie eine Krankheit, Bluthochdruck (oder so etwas) für sein Land. Er verschwendet ein Übermaß an Energie. Er steuert in Richtung Kollaps, und seine Anhänger rasen begeistert mit. Jetzt wird sich zeigen, wo die andere Partei bleibt, Menschen, die für Beruhigung der Lage, Vielfalt und Vernunft stehen? Das sind dieselben emotionalen Wellen quer durchs System, die auch ein einzelnes Wesen in bedrohlicher Lage spürt, das existentielle Angst erlebt. Mal sind wir gekränkt, resigniert. Dann geben wir wieder heftig Gas, an sich ganz normales Erleben, aber eben nicht Gelassenheit und Geschick.
Wo Angst herrscht, ist jede Eitelkeit gekränkt und Überreaktionen einerseits wie Lethargie auf der anderen Seite kennzeichnen das. Donald Trump, der Mann hat Angst. Warum nur? Er fürchtet, nicht gemocht zu werden, möchte den Friedensnobelpreis und steckt sich doch korrupt was vom Staatsvermögen in die eigene Tasche, heißt es. Er greift sein eigenes Terrrain an, provoziert ohne Not jeden Kritiker. Der Präsident von Amerika regiert nicht, er reagiert über, jeden Tag aufs Neue. Wir anderen sollten dagegenhalten können mit mehr Geschick: Wenn das nicht gelingt, heißt das nur, das der neue amerikanische Weg leider funktioniert. Es wäre bloß ein Spiegel unserer Zeit, eine Reflexion der überhitzten Lage, das überdrehte Gemüt von uns allen, welches nun die Richtung bestimmt.
Wie sich unsere Normalität zeigt, ist so wechselnd wie die ständigen Veränderungen der Gegenwart, nicht nur die Minister- und Regierungswechsel. Es bleibt bedeutsam zu erkennen als eine Tatsache über alle Zeiten und Generationen hinweg. Demgegenüber ist immer eine breite Masse jeweils überzeugt, ihr augenblickliches Normalsein zur obersten Position einer Messlatte zu erheben, um andere dran anzupassen. Das kann bittere Folgen haben. Eine Gefahr für die Demokratie ist genauso ihr wichtigstes Gut, die Mehrheitsentscheidung. Die funktionierende Gesellschaft setzt voraus, dass ihre Mitglieder gesund sind. Degenerierte Wesen treffen schlechte Entscheidungen. Sollten wir Teil eines bedenklichen Prozesses sein, in einer Gegenwart der allgemeinen Verblödung leben, steht es nicht gut um unsere Zukunft. Wir würden mitgerissen, wenn die Dummen mehr sind als die Gemäßigten, Klügeren von uns allen.
Das ist in Teilen bereits Realität, öffentlich bekannte Personen werden immer öfter infam kritisiert, nicht selten beleidigt oder sogar körperlich angegriffen. Die Menschen, die danach trachten, sich selbst zu erhöhen, indem sie gut sichtbare Leute vom Podium stoßen, den Berühmten ihren Tritt verpassen, bleiben oft anonym. Mutigere meinen, dass ihre Behauptungen, die sie verbreiten, qualitativ genügen, dass sie damit sogar offen als Influencer glänzen können, wie das gerade im Fall der beleidigten Brigitte Macron der Fall ist.
Ein Beispiel dafür, wie weit unsere Normalität reicht, sich vorzuwagen, wenn einer bereits als früherer Täter bekannt ist, gibt es zur Zeit in Norddeutschland. Der aus dem Gefängnis entlassene Sexualstraftäter, dem ein Staatsanwalt vorwirft, im Fall der verschwundenen Maddie McCann hauptverdächtig zu sein, findet keine Wohnung. Der Mann, der seine Strafe abgesessen hat, zeltet in einem Park, heißt es. Britische Presse durchsucht ungefragt sein Zelt nach Hinweisen. Frauen, Familien, besorgte Menschen der Umgebung nutzen eine WhatsApp. Da kann jeder posten, wo der Unerwünschte derzeit herumspaziert, einkauft. Ganz gewöhnliche Menschen erlauben sich, etwas zu tun, das nichts als Hetze bedeutet.
Die neue Qualität der Anwürfe ist der Digitalisierung geschuldet, meinen viele. Das sollte uns nicht dazu verleiten, der Technik, die wir alle nutzen, die Schuld zu geben. Wir Menschen verschulden Kriege, seitdem wir existieren. Es kommt nur darauf an, dass neue Anpassungen den Entwicklungsstand unseres Fortschritts berücksichtigen. Wir benötigen ständig angepasste Regeln. Die Gefühle und Gelüste, sein Versagen und die Dummheit des Menschen selbst können wir nicht abschaffen. Jeder Einzelne kann dazulernen. Nicht zuletzt die Aufgabe der Kunst ist, Wege sichtbar zu machen, die andere gehen können wie ihr Entdecker, der Kreative, der das Gefundene gemalt oder aufgeschrieben hat, im Video zeigt, im Theater etc.
Künstler müssen Ängste aushalten.
Zitat:
Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, wirft den Machern der umstrittenen Ausstellung „Comune – Das Paradox der Ähnlichkeit im Nahostkonflikt“ im Potsdamer Museum „Fluxus+“ Holocaust-Verharmlosung vor und hat Strafanzeige erstattet.
Grund dafür ist ein Anne-Frank-Bild des italienischen Künstlers Costantino Ciervo. Es zeigt die deutsche Jüdin mit einem Palästinenser-Tuch (Kufiya) um die Schultern und schreibend auf einem Tablet. Die Botschaft Israels in Deutschland bezeichnete das Bild als „Delegitimierung Israels und Relativierung des Holocausts“.
Das Bild löst seit der Eröffnung der Ausstellung im November Kritik aus – es wurden auch Forderungen laut, es abzuhängen. Nun schaltete sich Beck ein. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur, das Kunstwerk ignoriere die Verfolgungsbedingungen im Holocaust, verhöhne durch Banalisierung das Leiden der Opfer und greife so ihre Würde und ihr Angedenken an. Er habe daher Strafanzeige gegen die Ausstellungsmacher gestellt. (…).
Im Gespräch mit dem rbb erläuterte der in Berlin lebende Künstler, dass die Diskussion hohe Wellen schlage. Auch die US-Zeitung „New York Times“ und Blätter aus seiner Heimat hätten sich bereits bei ihm gemeldet. „Ich bin geschockt“, führte Ciervo weiter aus: „Mein ganzes Leben habe ich mich engagiert für Gerechtigkeit. Diese Anschuldigungen schmerzen sehr. Es ist wirklich eine große Last.“ Sein Gemälde sei ein Appell für Frieden und Menschlichkeit, so der Künstler weiter: „Das Bild steht für die Leiden der Palästinenser. Aber auch für das Leiden der Juden.“
(…).
(rbb24, 18.12.2025).
Zitat Ende.
Das muss man nicht bewerten, aber verbreiten wenigstens, denke ich. Vonseiten der Kunst stellt sich immer die Frage, wer uns kritisiert und was solche Leute selbst davon haben –, Aufmerksamkeit?
Zu malen dauert, zu schimpfen geht sofort.
Ein Mangel an Wertschätzung dessen, was einer leistet und überhaupt die menschenwürdige Beachtung, wie sie jedem von uns eigentlich zusteht, zustehen sollte, ist normal. Das ist die Folge unserer Zivilisation, man stumpft ab, und zwar im Unterschied zum natürlichen Leben in der Wildnis: Begegneten sich zwei Unbekannte zufällig in der Öde einer weitläufigen Natur, ist anzunehmen, dass diese (wie typischerweise natürliche, gesunde Lebewesen) nicht versäumten, einander auf Freund oder Feind hin zu prüfen, anschließend bestenfalls ein Schwätzchen halten. Das haben wir verlernt? Im öffentlichen Nahverkehr sehen sich die Fremden, dem Bus zusteigende Reisende und die bereits auf ihrem Platz befindlichen Menschen kaum an. Die Leute auf dem Weg zur Arbeit reden nicht miteinander. Sie starren auf ihre Phones, haben ihre Buds im Ohr, schauen nach unten, wollen nichts merken. Genauso die Kollegen einer Abteilung ihrer Firma. Die sind bei weitem nicht die freundlichen Partner, wie man’s annehmen könnte, haben möchte. Besonders wenn es um Vorteile geht, wie etwa freie Tage zu bekommen vom Chef oder die Möglichkeit besteht, geforderte Mehrarbeit wegzudelegieren, zeigt sich die alltägliche Härte und nur vermeintliche Mitmenschlichkeit, die ansonsten immer lautstark gefordert wird.
Eine smarte Haltung zum Sozialen ist nicht angeboren. Jede Zeit und dazugehörige Gesellschaftsnorm ist anders. Ältere beklagen Dinge, die Jüngere ganz normal finden. Es kann uns ängstigen und sollte auch verstören, dass die anderen so sind, wie sie (heute) sind. Daraus mag einer den Schluss ziehen, besser auf sich selbst zu achten, dürfte auch feststellen bei ehrlicher Selbstreflexion, dass er wie andere seine Fehler hat diesbezüglich. Eine sportliche Haltung zum Drumherum muss der Mensch sich erst erarbeiten, wenn die Zeit seiner selbstständigen Existenz beginnt, das Leben unter Aufsicht von Eltern, sonstigen Erziehern oder Lehrern zu Ende geht, „der Ernst des Lebens“ anfängt. Dann ist man aber nicht fertig: Die Zeiten wenden sich, und wir müssen den neuen Wind nutzen, wenn unser Schifflein – und das oft gezwungenermaßen – nun auf dem anderen Bug segelt. Sonst vertreiben wir gnadenlos, backen sogar ab auf Legerwall, wie der Seemann sagt.
# Nackt ist jeder von uns letztlich und verletzlich
Wem passiert zu begreifen, dass er nun Ängste spürt, die ihm bislang verborgen geblieben sind, dürfte zweierlei bemerken. Zum Einen ist hier eine große Verunsicherung. Das Entdecken von Angst gebiert weitere, hypothetische Kinder der furchteinflößenden Stimmung. Man benötigt neues Geschick, damit klarzukommen. Das meine ich mit dem Begreifen, nicht zurück zu können. Das Gute ist andererseits, wer seine dunkelsten Kammern öffnen konnte, gewinnt ein nötiges Stück Selbsterkenntnis. Man muss allerdings nachziehen mit der Selbstbeherrschung, um dem neuen, so gesehen größeren System, das jetzt freigeschaltet ist, gerecht zu werden. Wie für den Blinden, der plötzlich sehen lernt und schon immer in der Welt lebte, die er jetzt erst erkennt, gibt es das Zurück, sich die Hand vor Augen zu halten, nicht wirklich. So ist der Schreck, die bislang unerkannte Angst neu und riesengroß zu bemerken, keine medizinische Störung, die tunlichst behandelt werden sollte, damit sie wieder verschwindet.
Es ist ein Gewinn, Angst zu spüren und zu lernen, dieses Erleben als Erfahrung wahrhaben zu wollen.
Ein Mensch kann Angst haben, er muss es aushalten können, dass ihm negative Gefühle geschehen. Damit gewinnt jedes Lebewesen die Freiheit, sich nicht länger vor sich selbst zu ängstigen und vorwärts zu gehen, wenn es zurück nicht geht. Angst ist nicht nur das Erleben der Krieger im Kampf damals. Wir konnten uns zivilisieren. Wir erfanden Anzüge und Schreibtische mit Computern darauf. Menschen bleiben aber drunter immer nur ein Stück nackte Natur, auch wenn sie wohlbekleidet zu Hause schaffen. Die Moderne ist geneigt, nur edle Gefühle zuzulassen, möchte korrekt sein, moralbewusst, und was weiß ich, ökologisch sparsam, klimabewusst, vegan? Wir canceln die Kultur, wenn sie im Zeitgeist stört.
Das ist falsch.
Was die Kunst betrifft: Etwas zu können, heißt auch, es nicht zu tun – nach Belieben. Wir benötigen aber keine beliebige Dekoration, müssen vorankommen und die Zukunft immer wieder neu denken.
# Angst ist keine Krankheit
Angst ist keine Krankheit. Erst die Zivilisation macht eine daraus. Das Denken in Worten dürfte sich etabliert haben mit dem Sprechen des Menschen, eine neue Errungenschaft der Evolution, die mit dem dazugewonnenen Schreiben zur Basis unserer Gegenwart wurde. Die Jesusgeschichte ist ein gutes Beispiel, vielleicht das Beste überhaupt, aufzuzeigen, wie psychische Krankheit als Entwicklung der Moderne begriffen werden kann. Zu dieser Zeit gab es bereits das Leben in der Stadt, das unserer Gegenwart ähnlich gewesen ist. Wir schauen zurück auf den sozialen Menschen der Geschichte und stellen bereits einige Symmetrie zum heutigen Verhalten fest. Das Zusammenhocken auf engen Raum in Gebäuden, die von Straßen durchkreuzte Architektur, das System „Staat“, das übergeordnet alles regelt, bedeutete damals einen klaren Bruch zum steinzeitlichen, umherziehenden Menschen.
Warum ersetzten das Christentum und der Islam mit ihrem monotheistischen Ansatz die vorherrschenden Glaubensrichtungen mit ihren vielen Gottheiten? Das sollten wir uns insgesamt fragen als Gläubige oder genauso solche, die Kirche für aus der Zeit gefallen halten. Wir können uns immer selbst erkennen, den Einzelnen, wenn wieder jemand die „Zeitenwende“ ausruft. Religiöse Vorstellungen beschreiben Gottheiten, die da wären, und umgekehrt könnten wir überlegen, ob unsere kollektiven Gedanken diese Mächte nicht nur hinzeichnen, sondern tatsächlich erst wirksam kreieren? Wo eine Masse geschlossen die Richtung bestimmt, denken ihre Mitglieder symmetrisch, und das bedeutet für sie de facto, einen einzigen Kopf zu haben. Ob das ein kluger Kopf ist oder ein wirrer, hält die dran glaubende Meute ja nicht ab loszustürmen. „Ich weiß zwar nicht, wohin ich fahr, dafür bin ich schneller da“, bringt ein Sprichwort das sinnlose Streben nach irgendwas auf den Punkt. Schaut man sich solche Massen an, die heute etwa zwanghaft den Mount Everest hinauf klettern, wird sogar das an sich herausfordernde Bergsteigen zur allgemeinen Idiotie des Menschen an sich. Eine Höchstleistung erbringen wollen, etwas Besonderes sein, kann dazu motivieren, es zu schaffen. Genauso können kollektive Leitbilder Menschen auch dazu verleiten, es am nötigen Geschick mangeln zu lassen, erst ausreichend zu üben, zu trainieren und schon früh über sich selbst hinaus zu gehen, was dann leider hieße, den Verstand zurückzulassen für so ein Ziel.
Eine Psychose an sich zu erleben, ist jedem von uns möglich, dass ihm das passiert. Ein gutes Beispiel dafür habe ich durch eine Quizsendung mitbekommen. Gerade das nach oben, in die Höhe gehen zu wollen, um ihrer selbst willen die Gipfel zu suchen, zeigt uns, wie schwach wir unter Umständen werden angesichts enormer Leistungsziele. Gut ausgebildete Bergsteiger sind ab einer gewissen Kletterhöhe in extremer Einsamkeit und bei starker Lebensgefahr unterwegs. Man spricht vom „Dritten-Mann-Syndrom“, wenn diese an sich psychisch starken Menschen das Gefühl beschleicht, nicht allein zu sein. Nicht Gott begleitet die Bergsteiger, spricht zu ihnen, wenn sie Stimmen hören. Es ist die aufgepeitschte Fantasie, die ihren Denkapparat an eine Grenze bringt, und möglicherweise wachsen die Kletterer in so einer Situation über ihre normalen Fähigkeiten und Kräfte auch hinaus. Sie vollbringen in Begleitung einer Fata Morgana, dem „dritten Mann“ in ihrer Seilschaft, den es gar nicht gibt, erst die Höchstleistung und überleben letztlich. Am Boden kehrt ihre Normalität zu ihnen zurück. Sie sind krank geworden und auf natürliche Weise gesundet nach der Beendigung ihrer haarsträubenden Wegstrecke allein in der weißen Wildnis der Achttausender.
Psychotisch zu denken, geht von allein wieder weg. Zu unserer Zeit, im normalen Alltag und bei einem herumirrenden Kranken bemerkt, wird man diesen aber einfangen, behandeln. Ein Trauma ist die Folge für die ganze Familie. Die für unsere Gesellschaft notwendige Prozedur besiegelt manches Schicksal. Erzieher haben aus dem jungen Menschen ein Wesen geformt, das unmöglich für sich selbst sorgen kann, wenn die Schul- und Ausbildungszeit vorüber ist. Eine lebenslange Krankheitskarriere ist nicht selten die Folge, wenn ein Mensch (wie ich) nach seiner ersten schizophrenen Psychose (nicht allzu lange danach, so ein oder zwei Jahre später sind typisch) den zweiten Schub dieser Krankheit erleidet. Gelingt ihm allmählich, doch Fuß zu fassen in der Welt der Erwachsenen, bleiben erhebliche Probleme bestehen. Nicht zuletzt sind Sorgen berechtigt, dass der Nachwuchs (denn wir wollen ja auch Familie, Kinder) ebenfalls erkrankt. Eltern, wie wir es sind (und ein Vater, wie ich einer bin), sind schlechte Vorbilder, wenn es darum geht, das Leben in dieser schlechten Gesellschaft, die uns alle trägt, vorzumachen.
Schließlich begünstigt das allgemeine Stigma jegliches Canceln auch der gewöhnlichsten Beziehungen. Die anderen haben einfach Schiss, sich drauf einzulassen, mit so einem mitzugehen.
# Schluss mit Jesus!
Das muss man begreifen, ich glaube nicht an einen guten Herrn Jesus und leibhaftigen Gottessohn, wohl aber an die verschworene Story, die daraus geworden ist und bis heute ihre Macht entfaltet. Das Mobbing als eine menschliche Errungenschaft zu bezeichnen, wird kaum Zuspruch erfahren, aber wir sollten anerkennen, das die Evangelien genau so etwas beschreiben, die Entdeckung der Angst.
Eine komische Figur, ein Guru mit Gefolge, Laberer, der auf dem Esel reitet, wird anderswo zum Spinner erklärt. Gut möglich, dass unser Herr Jesus in Wirklichkeit eine latent irre Persönlichkeit war (vielleicht mit einigen Mädels dabei und auch sexueller Übergriffigkeit verdächtigt wurde), bis man ihn erfolgreich stellen konnte und festnageln? Er wird nicht aufgefahren sein in den Himmel. Entweder ist das eine wirksame Behauptung, oder nicht erwähnte Helfer haben tatsächlich noch rechtzeitig die Initiative ergriffen, sein Leben gerettet. Danach dürfte der woanders Umherziehende weniger Aufhebens gemacht haben um seine Ansichten. Aus Erfahrung klug, könnte unser vermeintlicher Gottessohn ernüchtert bemerkt haben, wie eine gute Portion Angst einen auch kuriert mit ein wenig Glück.
Die daraus erfundene und weiter ausgebaute Bibelgeschichte überzeugt immer neue Generationen, ihren sozialen Ängsten eine Art Gegenpsychose ins eigene Hirn zu schreiben, die kollektiv in der Gemeinde ausgelebt wird und nicht als Krankheit erkannt. Mit Hoffnung und Einbildung kommt einer mal weit. Inzwischen konkurrieren glücklicherweise andere Erklärungsprinzipien um die Findung der Wahrheit unseres Seins als bloß religiöse.
# Eine steile These?
Unsere Zivilisation macht krank, und nicht nur Diabetes ist die Folge. Einige rechnen ab mit ihrem System, dem sie, einmal hineingeboren, kaum entfliehen können. Man schimpft. Leute beklagen ihre Zeit, das bequeme Leben im Wohlstand mit seinen versteckten Problemen. Die negativen Gefühle kommen getarnt daher, weil jeder mit seinen Erfolgen punkten möchte in einer Welt, in der man sich selbst verkaufen muss wie eine Ware, die keinen Makel haben darf. Die anderen sind schuld? Falls es stimmt, tatsächlich der Fall ist, hilft es dem, der entsprechend dieser Erkenntnis leben möchte, noch weniger, als den heiligen Geist anzubeten. Der Mensch muss sich auf sich selbst besinnen, seine Gefühle, seine Ängste, seine Bedürfnisse und die anderen draußen vor lassen. Jede Form von Beziehung, auch die zum Glaube, darf niemals dahin abgleiten, dass eine unbedingte Anpassung ans Gegenüber erfolgt. Die oberste Instanz ist man immer selbst für gesunde Entscheidungen, die spätere Übernahme von Verantwortung:
„Ich war das!“
Das tatsächlich psychotische Weltbild ist ausgemacht böse. Da gibt es keinen lieben Gott, der uns geleitet, wohl aber wechselnde Stimmen, die von außen zu kommen scheinen und uns hierhin und dorthin schicken. Es kommt verwässert auch im Alltag vieler, sogenannter normalen Menschen vor. Man meint, die Ampeln beim Autofahren seien grundsätzlich rot und überhaupt Idioten bremsten den Fahrenden ständig aus? Das ist eine kranke Sichtweise. Die Objektivität des wechselnden Zufalls, wer gerade voranmachen darf, können viele nicht annnehmen. Vom neurotischen, ständig gereizten Typen ist der Schritt in eine psychische Erkrankung klein. Wie das dann heißt, der Psychiater es nennt, ist kaum bedeutsam und nur das Blendwerk einer Fakultät, die nicht wirklich helfen kann.
Eine steile These womöglich, aber ich lebe gut damit – heute.
# Das Geschäft mit der Angst
„Entspannt durch den Tag und in der Nacht gut schlafen“, lautet der Werbespruch eines handelsüblichen Produktes. Medikament (oder Präparat) sollte man so etwas eher nicht nennen. Diesen Spot und ähnliche Werbung sehe ich regelmäßig im Fernsehen laufen. Eine Frau spaziert einen Strand entlang, eine Möwe gleitet, und dann nimmt sie dieses Zeug alle Tage ein? Wer daran glaubt, dass es hilft, könnte stattdessen beten für eine ruhige Nacht. Das wirkte entsprechend genauso. Tatsächlich, die ersten Händler, die Geschäfte machen konnten mit labilen Menschen, waren Prediger. „Fürchte dich nicht“, beschwört bereits die Bibel das gütige Sein des Allmächtigen, der über uns wacht (angeblich auch in der Nacht). Das hat Methode, sich regelmäßig bequatschen zu lassen für diesen Trost, den man ansonsten nicht spürte. Der Herr spricht nicht zu uns, wenn da nicht einer ist, der uns erklärt, dass der Herr zu uns spricht. Es ist und bleibt Gehirnwäsche.
Schlaflosigkeit kann dem medizinischen Notfall vorausgehen. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wer tagelang nicht schläft, wird krank, und wer wochen- oder gar monatelang schlecht schläft, ist ebenfalls gefährdet. Hochpotente Medikamente in passender Dosierung sind geeignet, kurzfristig eine deutliche Besserung herbeizuführen. So kann eine folgenschwere psychische Krise unter Umständen noch vermieden werden. Solche Wirkstoffe sind aus gutem Grund verschreibungspflichtig. Da kommt es zur Gewöhnung bei längerer Anwendung, und deswegen nehmen Patienten ihr Mittel nur in Absprache mit ihrem Arzt und höchstens über einen überschaubaren Zeitraum ein. Den pathologisch schwer Betroffenen bietet die Pharma stattdessen Antidepressiva oder wirksame Mittel gegen psychotisches Verhalten. Die Hersteller strukturieren die modernen, chemischen Bausteine so, dass eine immer gleiche Dosis möglich wird, die dann jahrelang gegeben wird. Damit gewöhnt sich der Patient zwar nicht ans Medikament, aber an seinen Arzt. Er ist abhängig von Therapie. Das ist fatal. Die Gesellschaft akzeptiert es dennoch. Alles bekommt seinen Namen, Diagnosen prägen diese Denkweise und sind doch nur Sammlungen, Kataloge von Symptomen. Wo bleibt der Mensch? Überhaupt, es wird manchmal so getan, als sei bereits nicht gut schlafen zu können eine eigenständige Erkrankung. Da müsse man nur etwas einwerfen, und dann würde es wieder besser mit diesem Übel. Ich halte auch das für falsch.
Ein Hersteller möchte den Fernsehzuschauer vor acht überzeugen, dass kreisende Gedanken, die das Einschlafen verhinderten, mit einem natürlichen Wirkstoff zum Stillstand kämen. Ein kleines Kinderkarussell ist eingeblendet. Es kreist transparent als böser Geist wie ein Helikopter über dem Bett der Schlaflosen. Beim Unvermögen, passend zur Zeit wie gewünscht schlafen zu können, wird die eigentliche Angststörung übersehen und dürfte ihre individuelle Komponente haben. Wir sind ja nicht im Urlaub am Strand unter gleitenden Möwen unterwegs und werden es auch nicht sein durch die Einnahme einer Pseudomedizin. Menschen haben kein Karussell im Kopf, das durch einen „natürlichen“ Wirkstoff seine Kreisbewegung einstellt. Es ist mehr, was da passiert und passieren muss für eine Besserung der Beschwerden. Zunächst einmal ist das Problem, nicht schlafen zu können, ein ernstzunehmender Hinweis unseres Systems an uns selbst (die leitende Instanz), die Lebensweise insgesamt zu ändern. So gesehen eine gute Sache, eine nötige Warnung und keinesfalls schlecht. Wer beim Bedienen einer Maschine die Warnlampen ausschaltet, um gewohnt weiterzumachen, dürfte alsbald erleben, wie ihm alles Zeugs um die Ohren fliegt.
Angst ist eine gute Sache und sollte uns froh machen, dass wir sie erleiden. Wer definitiv und erkennbar in Gefahr ist, logischerweise rennt, im Bombenhagel ins Schutzgebäude flüchtet, bittet keinen Psychiater um Hilfe. So jemand sucht nur Deckung und begreift den Grund seiner Furcht genau. Wem hingegen nicht klar wird, was ihn umtreibt Angst (oder als Symptom: Schlaflosigkeit) aushalten zu müssen, sollte nicht von Fachleuten dahin gebracht werden, diese Zustände zu betäuben. Das mag für den Moment gut sein, aber nie auf Dauer. Hier sind mit den Pharmazeuten keine seriösen Ratgeber am Platz, sondern welche, die uns ermuntern, weiter eine Leistung zu erbringen, der wir momentan konstitutionell nicht gewachsen sind. Alltag ist nicht Strandspaziergang. Man kann gar nicht „entspannt“ arbeiten. Ein wenig Konzentration aufs Geschehen mindestens ist bei jeder existentieller Tätigkeit vonnöten und damit auch eine gewisse Spannung in der Muskulatur. Die Frage ist also mehr eine der Geschicklichkeit. Der Ausdruck „Gelassenheit“ wäre angebracht und womöglich klüger, jemanden zu beschreiben, der sein Handwerk über den Tag versteht. So einer findet zum Feierabend besser in die sogenannte Entspannung, als jemand, der annimmt, man müsse immer drucklos leben.
Das gibt es nicht.
# Der Krieg ist heute
Die Menschen in Pokrowsk, eine umkämpfte Stadt im derzeitigen Ukrainekrieg, empfinden nicht nur diffuse Gefahr. In dieser bereits weitgehend zerstörten Infrastruktur und unter dem dauernden Beschuss der russischen Kräfte ist jedem der dort verbliebenen Bewohner das Risiko zu sterben oder schwer verletzt zu werden vollkommen klar. Die gewohnte Existenz, wie sie es dort kannten, ist den Menschen bereits genommen. Sie harren aus gegen die Vernunft, könnte man sagen, wissen aber nicht, wohin sie vernünftigerweise gehen könnten; das ist ihre Realität. Die Menschen in anderen Städten des angegriffenen Landes haben noch ihre Wohnungen. Sie arbeiten. Man probiert, das Nötige zu tun und geht bei Alarm Schutz suchen mit den anderen. Angst ist auch bei ihnen das tägliche Erleben. Anders als die vor Angst psychisch Kranken innerhalb der funktionalen Gesellschaft bei uns erleben im Krieg angegriffene Menschen die Gefahr solidarisch.
Beim immer wieder aufflackernden Feuer des Gegners nicht schlafen zu können, mag verständlich und anerkannt sein? Ein Mitglied unserer zivilen Moderne, das trotz funktionaler Umgebung nicht zur Ruhe kommt, legt sich womöglich selbst auf, durchzuhalten? Man fragt nicht, bittet nirgends um Hilfe, um sich nicht lächerlich zu machen. Viele meinen, es müsste doch gehen und gehöre sich sogar, ganz „normal“ zu schlafen. Man klammert sich an manchen Rat, nicht zuletzt das in der Kindheit gehörte:
„Musst keine Angst haben!“
Da kommt der anonyme Einkauf eines Pseudopräparats in einer entlegenen Apotheke gerade recht? Ähnlich geht es Mobbingopfern. Auch sie erleiden Schamgefühle. Wenn Schulkinder oder Kollegen einer Bürogemeinschaft Betroffene sind, bleibt diesen der Weg in manche anerkannte Hilfsstruktur noch halbwegs offen. Wer zum Opfer der geilen Polizei vom Dorf wurde, die hier den ausländischen Gefährder erkennen möchte, gern schmutzige Obdachlose aus dem Einkaufszentrum vertreibt oder eben den psychisch auffälligen Künstler rufmordet, das ist ganz dasselbe, so jemand muss allein kämpfen. Das ist bitter.
# Fischers Fritze?
Einer plappert immer: „Fischers Fritze“, damit könnte ich selbst gemeint sein, der Künstler, der spinnt. Ein Dorf passt auf! Gute Menschen wollen sie hier sein? Ihr Terrain ist meins, ein reales Feld für kreative Scharmützel mit den sogenannten Ordnungshütern. Es heißt, nicht länger die Unklarheit auszuhalten, sich zu fragen, warum man überhaupt kollabierte. „Guter Bulle, böser Bulle“, wer kennt sie nicht, diese Phrase? Es scheint etwas Wahres dran zu sein. Der Korpsgeist verhindert womöglich, dass Beamte, die man vorsichtig noch als schwarze Schafe bezeichnen könnte, den Dienst quittieren müssen. Ein Detektiv, Polizist kann sich als Jäger gegen das Verbrechen verstehen. Kein Polizist ist unser Freund, Helfer. Das soll nur freundlich klingen und ist die Eingangslüge. Man nimmt Kontakt auf, verdeckt, gibt sich kumpelhaft. So sind diese Leute. Die biegen das Gesetz, wo immer man sie lässt. Ich habe es erlebt: Sie ködern dich, schauen dir auf den Schwanz, legen dir ein fieses Päckchen ins Haus, das dich in den Knast bringen soll. Die rekrutieren deine Nachbarn zum Verrat. Polizisten machen dich überall unmöglich. Rufmord ist Strategie. Du bist „Psycho“, wirst ihr „Gefährder“ – usw. Ruhelose Jäger sind Triebtäter für ihren Apparat, den Staat. Das sind nützliche Beißer, eindimensionale Menschen kennt schließlich jeder, Rechtswähler, und das befriedigt ja auch die, die es immer geben wird, die schon als Kinder neben uns in der Schule saßen, die Petzen.
So einer geht schon mal zu weit:
„Der Fall Daschner hat in der deutschen Öffentlichkeit zu Diskussionen über die Zulässigkeit von Gewaltandrohung (…) zur Aussageerzwingung (…) geführt.“ (Wikipedia).
Nur eines von unzähligen Beispielen, wie der Rechtsstaat täglich verteidigt werden muss. Es braucht eine mutige Auseinandersetzung mit den Ordnungskräften, wenn wir nicht zurück in die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte fallen wollen. Dafür stehe ich. Ich möchte anmahnen, dass Suizide in der Wohlstandsgesellschaft alltäglich sind, während kaum oder sogar nie davon berichtet wird, dass in den Kriegsgebieten angegriffene Menschen, die dort alles verlieren, sich selbst töten. Bei uns unter Druck geratene Leute sind mit ihrer Angst allein. Sogar die notwendigen Helfer setzen alles dran, dass „Psychos“ bleiben, was Fachleute erkannt haben wollen, krank, gefährlich usw.
Es mag gute Polizisten geben. Es könnte gute Politik gemacht werden. Menschen, die nicht bestehen in einer korrupten Welt, werden gehen.
Das ist immer noch ein Weg, der letzte.
Angst macht mit uns, darüber nachzudenken. Das sagt die Werbung für eine Pille im Fernsehen vor acht nicht. Jeder Nachrichtenbeitrag tabuisiert die Berichterstattung über Suizid. Dieser bekannte, stets dranhängende Absatz, man möge sich bitte unbedingt Hilfe holen bei entsprechenden, suizidalen, so gesehen „falschen“ Gedanken, klingt hohl. Das entspricht der Phrase anschließend der Werbung für ein Produkt mit medizinischen Inhaltsstoffen.
„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke“
Seit dem 27. Dezember 2023 wird die gendergerechte Formulierung verwendet.
Satire ist nichts dagegen.
Das ist so toll.
# Im eigenen Körper anzufangen, ist besser
Angst ist wie alle Gefühle genauso körperlich existent wie geistig. Das kann nicht getrennt als psychisch wegdelegiert werden, und das übliche Wort psychosomatisch ist tatsächlich unnötig, weil sowieso Körper und Geist einheitlich unterwegs sind und stets Abhängigkeit voneinander bedeuten. Hörten wir auf, den Kranken psychische Probleme zuzuschreiben, weil sie im Gehirn abnorme Abläufe generieren und schauten auf den ganzen Menschen, könnten wir nicht nur durch Miteinbeziehung von Bewegung (und mancher Verhaltensrichtung) Besserung bewirken. Wir könnten die Verunsicherten auch anleiten, selbst zu schauen, wie sie in ihre Probleme quasi hineinlaufen. Merkt man’s erst, sieht einer auch Alternativen.
Tiefe Atmung gilt als empfehlenswert, aber wer lehrt die, die das nicht kennen, dass heftiges Atmen zum Stress dazugehört? Es ist unüblich, den Menschen gut zuzureden, das schwere Ringen um Ruhe im Brustkorb zuzulassen, bis einer lernt, damit umzugehen. Es ist die Nacht, wenn wir still auf dem Rücken liegen, wo uns die Angst erwischt. Wir liegen plötzlich wach, beginnen nachzudenken. Da kommt Bewegung auf im Rumpf, Luft geht rein, wieder raus, und es hakt das Zwerchfell ein ums andre Mal an den Rippen, oft nur auf einer Seite scheinbar. Das ist nicht angenehm.
Die notwendige Frage, die sich jeder stellen sollte, ist die nach der eigenen Empfindsamkeit. Wie groß darf der Schock sein, den wir noch abfangen könnten? Die Erfahrungen, die jemand anfangs seines Lebens macht, sind recht verschieden. Manche sind gleich stark unterwegs, andere scheinbar nie, und wenige holen ihre Defizite auf. Es könnten mehr sein. Man schaue auf Kampfpiloten, Astronauten. Solche Menschen können von Berufs wegen in extremen Situationen stressige Dinge tun, die viele nicht schaffen würden. Nicht heißt hier bewusst nicht nie.
Es ist nichts Schlimmes, wenn wir weniger belastbar sind, aber das Vertrauen in uns selbst könnte wachsen, wenn man uns lehrte, stärker zu werden. Das ginge auch, weil Menschen Strategien kennen, um etwa posttraumatische Erkrankungen zu behandeln. So etwas kann Soldaten passieren. Sie erleben bisweilen Dinge, die auch sie, die normalerweise resilient bleiben in heftigen Einsätzen, umhauen. Die Rettungssanitäter kommen ebenfalls an Grenzen bei Notfällen, und so ist es bei der Polizei. Wir geben die Menschen nicht auf, die nachvollziehbar kollabieren im Helferberuf. Warum entsorgt dagegen die Gesellschaft die gewöhnlichen psychisch Kranken? Sie werden nicht integriert. Man kanalisiert. Eine Art Leben im Abfluss ist das. Ein Fahrwasser am Rand bedeutet es normalerweise, als psychisch krank wie abgestempelt dazustehen. Abseits dürfen wir langsam unter Medikamenten entlangschippern? Da verwundert nicht, wenn immer wieder einige zornig den Weg in den Gegenverkehr suchen.
Wer psychisch erkrankt und da muss nicht auf die besondere Form, Diagnose geschaut werden, um diese Aussage zu treffen, wird selbst davon überrascht, dass ihm das geschieht. Ein solcher Mensch müsste vorher gemerkt haben, wie seine Lebensumstände und die von ihm gewählte Methode, sich dran anzupassen, was nächstens aufkommt, ihm Schwierigkeiten bereiten. Wer nichts merkt, hat hinbekommen, nichts zu merken. So jemand hat das seit längerem geübt, könnte man sagen. Daraus folgt der Schluss, dass es eigentlich ganz gut funktioniert, sich der Gesellschaft anzupassen, wenn manches, private Gefühl maskiert bleibt. Nur wenige kennen sich gut genug, dass ihnen Haltung und Authentizität gelingen. Die schaffen, gleichermaßen ehrlich zu sich selbst zu sein, integrieren angepasstes Verhalten. Man kauft es ihnen ab, akzeptiert ihre individuellen Wege. Unumgängliche Fehler lässt man da sozial durchgehen. Die meisten von uns nutzen erhebliche Besonderheiten, individuelle Anpassungsformen (die sie selbst auch als Typ erst ausmachen), um mit ihren Emotionen klar zu kommen und trotzdem der gesellschaftlichen Norm zu genügen.
Man kann das Leben und unsere Existenz auch heute in der Zivilisation als Überlebenskampf begreifen, und man kann so tun, als bemerke man selbst nicht, dass es ein Kampf ist. Es könnte welche von uns geben, die eine vergleichbar sportlichere Einstellung quasi mit der Muttermilch intus haben und deswegen die Wohlstandsgesellschaft für diese Talente nicht Kampf bedeutet und ihnen alles zufliegt? Drittens dürften da Menschen sein, die sehr wohl wissen, dass sie hart arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen und durchaus mitbekommen, wie der Alltag sie schlaucht. Das wäre die breite Normalität, die – psychisch so weit stabil, aber nicht auf der Sonnenseite des Lebens – individuell klarkommt, wie es eben ist. Diese Leute wissen gar nicht so genau, wie sie das machen, und dieses Nichtwissen gereicht ihnen zum Vorteil. Es ist eben ihr Weg.
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer und der Denkfehler der psychiatrischen Behandlung, die danach trachtet, ihre Patienten dieser Normalität anzupassen. Das kann nicht funktionieren, weil die Normalität beim Einzelnen doch sehr individuell ausgelebt wird. Um jemanden, der seine Gefühle gar nicht mitbekommt und deswegen wie überrannt von Emotionen erkrankt, zu lehren, wie sich das Leben anfühlt und so gesehen auch anfühlen darf, müsste der Hilfsapparat viel leisten. Nur wenige von uns, die schwer aus der Bahn geworfen, mit dem Schicksal „Patient“ geschlagen sind, gelangen leicht und etwa zügig an die besten Behandlungsplätze. (Englisch: „to be patient“, sei geduldig). Es kann gar nicht der Hausarzt sein oder der Psychologe vom Dorf, der zufällig nebenan alles kann, wo man dem Kranken adäquat hilft. Es ist aber diese Anlaufstelle, wo mancher hängenbleibt. Nächstens hat der Psychiater wenig Interesse daran, dass sein Patient ungebremst Gefühle auslebt. Das kann kein psychisch Kranker, „vernünftig fühlen“, könnte man sagen, und einfach alles rauszulassen, ist ebenso falsch. Man macht vonseiten der Gesellschaft den Helfer mitverantwortlich für jedes unangepasste Gebaren seines Schützlings, und der hat selbstverständlich einen Anspruch auf Schutz, damit alle smart zurechtkommen.
Alle passen sich auch an durch ihr individuelles Haltungsbild. Man hat so seinen Gang. Wo meistens orthopädische Beschwerden erkannt werden, bleibt diese Fakultät doch unter sich und gibt sich höchstens wichtig, da „könne auch Stress eine Rolle spielen“. Der Psychiater wiederum nutzt eine Art Betäubung des Gehirns seines Patienten als Hilfsmittel, und der Orthopäde ähnlich, man schützt durch eine gehaltene Stütze des nicht funktionalen Bereichs. Der Unterschied ist, nachdem die Zerrung korrigiert wurde, kann der sportliche Mensch wieder trainieren. Wenn der Psychiater seinen Patienten dazu ermuntert, die Pillen versuchsweise niedriger zu dosieren, ist meistens viel weniger erreicht worden durch die zeitweise Therapie. Dann geht es wieder schief.
Ein neuer Schub kippt den Armen aus der Bahn.
Menschen, die allmählich doch mitbekommen, wie fühlen geht, dürften einen harten Weg eingeschlagen haben. Wer beginnt, den Zorn überhaupt zu spüren, der uns alltäglich zusteht, wenn wir irgendwo warten müssen, könnte von seiner psychischen Erkrankung direkt in die nächste, nur leicht variierte Form abrutschen. Es bedeutet einen Prozess, der nicht einfach abgekürzt werden kann, seine Emotionen allmählich besser zu integrieren in den eigenen Verhaltenskodex, den man sich auferlegte. Uns kränkt ja nicht bloß der andere Mensch gegenüber. Wir machen uns selbst fertig, wenn wieder einmal ein kleinerer Umweg zu gehen ist, etwas dazwischen gerät. Und dafür nutzen wir Muskeln, spannen sie, und unser Gehirn beauftragt den Leib, die Gliedmaßen nach Gewohnheit. Wir mischen uns ein in notwendige, eigentlich autonome Prozesse wie Atmung und Verdauung. Damit zu Ende kommen, jedes Mal die Angst (und sei sie auch nur eine dünne Angstsuppe) zu bemerken, heißt entsprechende Strategien draufzuhaben. Hier geht es viel mehr ums Lernen, einen intelligenten Vorgang, als um das „Therapieren von Kranken“, die nicht blicken zu leben; Menschen, die der Volksmund als bescheuert ansieht, „psycho“. Da sollte man sich schon erlauben, selbst nicht als krank verordnet dazustehen, weil man etwas lernen muss, was andere als Geschenk des Lebens einfach anwenden.
Mit der Angst Geschäfte zu machen, ist die Regel. Macht funktioniert auf diese Weise. Selbst gute Helfer, die besten Ärzte haben zu tun. Wir sind nur einer ihrer Fälle, kommen irgendwann kurz dran. Man muss schon selbst begreifen, etwas Eigenes anschieben, ein kluges Projekt beginnen. Der Kranke, der erkennt, dass auch ihn das Risiko zu leben persönlich betrifft wie jemanden im Roman, wird nun (und vielleicht zum ersten Mal) reale Gegner ausmachen. Das schafft Klarheit, wo bislang die übliche Paranoia das Leben bestimmte. Psychische Krankheit bedeutet nur dann und so lange irre zu sein, wie man noch blind herumirrt. Sich zu irren, ist nicht krank. Im Unklaren bleiben zu müssen, verewigt das Kranksein. Hinterhältiges Treiben ist leider üblich, die Regel. Fremden gelingt leicht, freundlich zu tun, uns dennoch regelmäßig das Bein zu stellen, aus der Vergangenheit Kapital zu schlagen.
„Wisst ihr, der war schon in der Klappse!“
Es gibt diese Leute. Das ist nötig, das Versteck der feigen Menschen zu durchschauen, die vom Spott über unser Schicksal besoffen sind und täglich Provokationen ausprobieren. Polizisten möchten sie sein, eine Bürgerwehr leiten oder einfach unbequeme Nachbarn, die uns mit ihrem vermeintlichen Wissen piesacken?
Trolle sind solche.
# Arbeit oder Kunst
„Hast du Geld, hast du Autos, hast du Frauen“, lautet bekanntlich die Lebenserklärung von Dieter Bohlen, dem Pop-Titan. Schön, wenn man’s einfach hinbekommt, das süße Leben. Bohlen hat, so weit ich das mitbekommen habe, hart dafür gearbeitet, immer wieder obenauf zu schwimmen. Da hilft also kein Neid. Überhaupt voranzumachen gelingt nicht allen gleich gut. Eine kausale Kette möchte aber auch ich aufmachen (wie die genannte: Geld, Auto, Frauen). Wer nichts merkt, bewegt sich linkisch, sieht ergo scheiße aus und kriegt keinen Job, fährt sein billiges Auto, und kann jedenfalls nie mithalten, sich nichts aussuchen vom Lebenskuchen. Schließlich zornig zu werden, wenn man’s erst merkt, führt noch weiter runter und bleibt doch der einzig richtige Weg. Dann gerät so einer wie ich, dem als Kind gesagt wurde, kreativ besonders zu sein, besonders begabt, ins Gemenge der trabenden Masse, wie diese Leute eben sind.
Dazu noch einmal Dieter Bohlen. Er findet, man solle den Kindern nicht immer sagen, sie wären „etwas ganz Besonderes“. Kein Kind sei besonders, meint der Musiker, Produzent und Lebenskünstler. Besonders würde man erst allmählich, mit der Zeit, und zwar durch das, was man aus sich machen konnte, findet er –, dieser durchaus besondere Mensch. Bleibt nur der harte Weg. Kreativität kann schon helfen. Meinen Erfolg sehe ich heute keinesfalls darin, irgendwo noch der Beste sein zu müssen. Ich erkenne inzwischen beschämend deutlich, wie viel gelungener manche andere Kunst ist als meine.
Das macht mir wenig aus.
Mir geht es drum, hier im Dorf vor die Tür treten zu können, herumzuspazieren, ohne gefährdet zu sein, von meiner eigenen Gemütslage überrollt zu werden.
# Statistik der Angst
Niemand kann sich sicher sein, zu Hause geschützt zu leben, friedlich unter Zivilisierten. Menschen mit einem Handicap sind regelmäßig in Gefahr. Man könnte glauben, dass Sadisten woanders, irgendwo sind? Das ist ein Denkfehler. Manche nehmen an, dass Verbrechen von Kriminellen begangen würden, und das seien eben sogenannte Täter, Menschen halt, über die berichtet wird? Das ist aber genau dort, wo wir alle leben.
Zu vielen Themen werden prozentual Einschätzungen erhoben, wie viele was machen oder sind. Es heißt, etwa ein Prozent der Menschen erleidet mindestens einmal im Leben eine schizophrene Psychose. Die Fachleute wissen, dass psychisch Kranke typischerweise nicht gewalttätig sind. Viele glauben dennoch an eine diffuse Gefährlichkeit solcher Menschen. Ich vermute, dass es Zeitgenossen unter uns gibt, die bekanntermaßen Erkrankte absichtlich kränken, provozieren, vertreiben möchten. Rufmord ist nicht selten. Digitales Mobbing ist üblich. Nehmen wir an, da es eine Dunkelziffer nie aufgeklärter Verbrechen geben dürfte, ebenso ein Prozent der Bevölkerung handelte regelmäßig sadistisch, unerkannt und bewusst anonym. Das hieße, etwa zweihundert Menschen in meinem Heimatstädtchen wären mehr als boshaft und nie käme etwas davon raus. Diese Zahl bleibt spekulativ. Viele dürfte aber überraschen, dass, durch die Statistik belegt, etwa zweihundert Schizophrene hier im Ort leben? Das könnte irritieren. Man könnte sich fürchten vor ihnen, den Verrückten, wo es doch so viele sind.
Das hier aber ist aktuell:
Eine Nachricht verunsichert gerade dermaßen, was Menschen anderen antun. Deswegen glaube ich einfach, dass Schikane und sogar Mordlust verbreitet sind, typisch menschlich und an der Tagesordnung überall. Es ist nicht verrückt.
„Es besteht der Verdacht, dass wohlhabende Italiener und Bürger anderer Länder in den Jahren 1993 bis 1995 den damaligen bosnisch-serbischen Streitkräften Geld bezahlt haben, um einige Tage auf Zivilisten schießen zu können. Ein mehrtägiger Aufenthalt am Rande der belagerten Stadt Sarajevo soll nach italienischen Medienberichten etwa 80.000 Euro gekostet haben. Das Schießen auf Kinder soll besonders teuer gewesen sein.“
(Deutschlandfunk,13.11.2025).
# Echte Gegner
Jeder kann etwas gegen Feinde tun, die sichtbar sind. Den Ausgang aus dem Labyrinth findet, wer dem Problem nicht ausweicht. Böswillige Widersacher erkennen, heißt sie direkt anzuschauen und ihnen die Tarnung wegziehen. Wir müssen sehen lernen. Ein verstörter Mensch muss den Mut aufbringen, der individuellen Angst ins Gesicht zu lachen, sich selbst erkennen, schwach und nackt, wie man nun einmal ist. Mensch ist Mensch und bleibt wie seinesgleichen. Das bedeutet die Chance, den schwarzen Peter einfach weiterzureichen.
Andere sind mindestens teilweise schuld am Problem, das man hat. Das darf man nicht nur denken. Das muss gesagt werden. Solche Menschen dürfen gezielt bezichtigt werden, wenn man sich’s erst traut und erkennt, wer einen im Stich lässt oder sein Wort verdreht.
Angst wird als Eindringling und Störung des Normalbefindens wahrgenommen. Dieses Unangenehme im eigenen Körper bekämpfen zu wollen, hieße eine bereits erfolgte Grenzüberschreitung letztlich hinzunehmen. Wir sind in der Defensive, haben bereits kapituliert, kämpfen möglicherweise am falschen Ort? Andere Wege könnten bessere sein, wenn sie uns dahin führten, das Problem außerhalb von uns zu entdecken, den tatsächlichen Gegner. Eine unangenehme Hypothese kann jeden ins Bockshorn jagen. Mehr Mut wagen, eigene Fähigkeiten zulassen, individuelle Ressourcen freischalten: Unser Selbstvertrauen dürfte die Oberhand gewinnen mit ein wenig Übung, die eigentlichen Störenfriede auszumachen.
Wir dürfen uns nicht zum Spielball paranoider Projektion machen. Dann spielt das Leben mit uns, mal so mal so. Wir benötigen Fantasie, könnten aber auch ihr Opfer sein? Wenn wir Vorstellungen nicht pragmatisch vom Tatsächlichen trennen (das unter Umständen nachzuprüfen wäre), laufen wir Gefahr, eine schräge Hypothese als Grundlage unserer Aktivität überzubewerten. Durch die haltlose Basis motiviert, richten wir nun erst recht Unheil an. Innehalten und erst nachdenken, sind geratene Klassiker der Klugheit.
# Fasse dich in Geduld!
Nichtstun ist schwierig aber eine Beschäftigung, die zu üben lohnt. Ein altmodisch klingender Rat bleibt aktuell. „Fasse dich in Geduld!“ So wurden wir Kinder belehrt, wenn etwas dauerte. Geduldig sein, ist nicht einfach. Angst und Zorn aushalten, sich beobachten, eigene Schwächen kennenlernen, hilft, manchen Drang loszuwerden.
Viele bemerken beim Autofahren, dass eine Tugend verlorengeht, jeden Tag ein bißchen mehr.
Geduldig sein, heißt die Angst zu kennen, es könnte gerade was schieflaufen. Wer drängt, will Stärke zeigen und ist doch selbst unter Druck, kommt in der Regel nicht klar mit dem eigenen Anspruch. So einer kann die Welt nicht akzeptieren, wie sie ist. Er begreift nicht den Unterschied zwischen dem, was in seiner Macht liegt zu ändern und was nicht. Zwanghaftes Gasgeben wird als psychisch krank eingeordnet, aber es ist der Fuß, der auf das Pedal tritt, von Muskeln angetrieben. Eine gute Möglichkeit (sich zu bemerken), ist die Art und Weise, wie man sich bewegt, im Alltag bewusst selbst zu beobachten. Nicht nur im Fahrzeug, sondern allgemein könnten Hektiker, Verzagte und anderweitig nicht optimal funktionale Menschen sich allein verbessern in ihrer Beweglichkeit. Hilfe zur Selbsthilfe sollten viele bekommen. Die Leute gehen aber zum Psychologen. Dort sitzen sie isoliert von ihrem tatsächlichen Dasein im Behandlungszimmer warm und trocken. Sie sagen treuherzig in ermunternder Wechselrede mit dem Fachmann: „Das verstehe ich“, spüren den Trost der Beichte. Anschließend gehen sie nach Hause, machen weiter ihren speziellen Unfug, der sie um den Verstand bringt.
Menschen gehen zum Yoga-Kurs, turnen auf der Matte, suchen ein Fitness-Center auf. Dann rennen sie draußen schief wie immer rum. Viele können nicht schlafen, aber statt ihr Leben zu ändern, nehmen sie ein Mittelchen. Die Migränekranken ebenfalls kommen nicht los von ihren Kopfschmerzen, weil sie nicht begreifen, dass es nicht ihr Kopf ist, der für sich allein krank reagiert. Die Gestörten haben sich huschig machen lassen von ihrer Umgebung und rennen zur Gänze ins Unglück. Kein Kopf spaziert allein. Man müsste lehren, die Augen und überhaupt alle Sinne zu schärfen, die eigene Dummheit zu bemerken. Stattdessen wird zugedröhnt was geht mit Pharmazie. So modern, und so doof sind wir.
Auf die Toilette zu gehen, könnte nichts mehr sein als das, aber wir führen dort innere Dialoge, planen die nächsten Schritte, was wir müssten, wo wir doch hier am Platz zuallererst müssen.
Ein Bischof und damit im modernen Deutschland optisch wichtig daherkommender Würdenträger, der aber keinesfalls aussieht, wie man sich den Herrn Jesus vorstellt (darf ich das sagen?), hat einmal zugegeben, er könne die Geduld nicht verlieren –, weil er diese nie besessen habe.
Das sollte witzig sein.
Es bedeutet für mich das Eingeständnis vollkommenen Unvermögens an dieser Position des Geistlichen. Das ist ein Weltversteher, der uns zu leben anleiten möchte? Brimborium mit Rauchschälchen, wabernde Gewänder, labernde Gestalten: Der Glaube an Gott ist gewöhnlich nichts als Menschenwerk. Das ist ein Instrument, andere und sich selbst gehörig zu verblenden – und keinesfalls gesund. So denke ich auch über Ärzte, die verkopft „Psychologischer Psychotherapeut“ an die Praxistür schreiben. Der klempnernde Kanzler lässt grüßen. Armes Deutschland! Wie soll dir geholfen werden?
Jeder muss lernen, sich auf die eigenen Befindlichkeiten zurückgeworfen auszuhalten. Langeweile als dünnste Form der Angst hat die Qualität nützlichen Erlebens, wenn man sie zulassen kann. Ausruhen folgt auf Stress. Darum ist dieser zunächst einmal nötig. Manche brauchen solchen Input vom allgegenwärtigen Chaos, um in die Gänge zu kommen, sagen sie. Andere schaden sich und halsen sich zu viel auf, ohne es mitzubekommen.
Man hat so Gewohnheiten, aber oft sind diese jeweils zwanghafte Sucht. Übliche Methoden klarzukommen, sind schon mal fragwürdig: Die Entspannung des Rauchers beginnt, wenn der sich eine Zigarette angezündet hat. Das Rauchen beruhigt ihn gewohnt. Es ist das Wesen jeder Sucht, und zu realisieren wäre, dass der Stress durch die Droge erst ausgelöst wird. Das Genießen verhält sich symbiotisch zur Panik, die größer wird, solange das Suchtmittel nicht verfügbar ist, die Zeitspanne seit dem letzten Konsum länger dauert.
Der alles an sich selbst erleidende, fühlende Mensch ist ein System, dessen Erleben seiner Obacht anheimfällt, soweit er darauf Einfluss nehmen kann. Jeder sollte darauf zu achten lernen, wie ihm Dinge geschehen. Intelligenz hat mit Spüren zu tun, mit dem eigenen Körper, der eigenen Geschichte. Klugheit ist untrennbar verbunden mit gerade diesem Leib, den wir kennen, der uns durch alles trägt und dem aktuellen Erleben. Auf unsrem Weg durch den Tag passiert genug, das lohnt zu bemerken.
Fühlen ist nicht bloß „irgendwie“ Psyche, Geist, Bewusstsein. Wir werden nicht wiedergeboren, erfahren keine Erlösung nach dem Tod, oder lebten womöglich im „falschen“ Körper. Durch Wunschdenken ändert sich nichts, von Operationen profitiert nur der Arzt, der solchen Quatsch anbietet, Geschlechtsumwandlung, Schönheitschirurgie. „Aus Erde bist du gemacht, zu Erde sollst du werden“, hier stimmt die Bibel. Wir sind als Einheit mit Vergangenheit einmal unterwegs bis zu unserem Tod und dann weg.
Es gibt keine stichhaltige Erklärung des Daseins. Viele Angebote, die Welt zu erklären, möchten uns ködern, aber das ist ein Wettbewerb der Ideologien. Der christliche Glaube konkurriert bloß mit anderen Religionen und steht auf derselben Stufe von Wahrheit wie jede Verschwörungslehre. Wer nicht erträgt, dass er nicht wissen kann, warum er hier auf der Erde lebt, wird krank werden. Gläubige lullen sich kollektiv ein, verstanden zu haben, was der Mensch nicht begreifen kann. Wir sind Teil des Ganzen. Das bietet uns nur beschränkte Beobachtungsmöglichkeit von innen heraus auf etwas, das niemand verlassen kann für einen Perspektivwechsel. Menschen müssten sich leiten lassen vom Unangenehmen, von ihren Schmerzen, aber die meisten verdrängen die Probleme nur zu gern. Angst ist eingefleischtes Empfinden. Emotion kann nur integriert verstanden und sinnvoll beruhigt werden, nicht erfolgreich abgespalten, „behandelt“, „therapiert“, auf andere projiziert oder mit Medikamenten narkotisiert – bekämpft.
Wenn normal intelligente Menschen klüger wären, käme unsere Welt voran.
Je mehr von Außen auf den Einzelnen zukommt, desto umfangreicher wird die emotionale Arbeit, alles zu managen. Musik anzumachen bei den Hausaufgaben, hilft dem Schüler bedingt. Es könnte auch ablenkende Wirkung haben, sich zusätzlich einer komplexen Aufgabenstellung zu bedödeln. So ist es mit dem Rauchen. Der Nichtraucher kennt die Not zur „Raucherpause“ nicht. Bemerkenswert finde ich, diesen Bogen zu spannen, von Sucht zum religiösen Denken, Glaube an sich: Der Atheist gibt sich nicht mit dem Schicksal ab, dass ihn bestimmen könnte? So einer verschwendet keine Zeit, Gott zu suchen oder irgendeiner Ausgeburt der Fantasie zu folgen, wie es Verschwörungstheoretiker und Esoteriker tun. Glaube macht nur Sinn, wenn dafür kein alter Weißbart auf der Wolke sitzen muss, ein „Herr“ im Himmel. Der Allmacht unseres Seins entzieht sich niemand sowieso.
„Befiehl dem Herrn deiner Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen“, heißt es. Viele folgen blind dem, was ihnen ins Hirn gewaschen wurde? An anderer Stelle mahnt das Buch der Bücher: „Der Kluge sieht das Unglück und verbirgt sich, die Einfältigen aber gehen weiter und erleiden Strafe“, eine bunte Welt voller Ratschläge kann die Bibel für den sein, der weiß, sich selbst einzubringen. Die Widersprüchlichkeit mancher Tipps und willkürlich angewendete Mittel dürften ihre gut gemeinte Qualität gefährlich verzerren. Einen Weg entlang zu gehen mit dem Smartphone in der Hand, Blick gesenkt, Kopfhörer auf den Ohren; das sieht man heute oft Menschen tun. Mir kommt das einfältig vor. „Befiehl dem Navi deiner Wege, das wird schon“, könnte man meinen?
Wir züchten Idioten.
Immer auf der Suche nach Anerkennung zu sein, bedeutet die gefährlich schiefe Ebene abwärts zu betreten. Das provoziert den dynamisch exponentiellen Verlauf, schließlich pathologisch auffällig, letztlich krank zu werden. Eine sogenannte Störung wird diagnostiziert. Dahinter steht die Angst, nicht (genug) gemocht zu werden. So gesehen ist es eine Angststörung. Die Störer sind auch wirklich vorhanden, die anderen, die Freunde, die gerade schweigen oder das Falsche betonen. Es gibt sie. Wir machen aber mehr draus: Der Realitätsverlust beginnt, wo aus den tatsächlichen Menschen drumherum die Geister werden, die wir parallel im eigenen Kopf gestalten, etikettiert mit den Namen unserer Bekannten, Kollegen oder anderen im Team: Sportsfreunde, Bandkollegen, Familienmitglieder etc. Die Grenze zwischen dem Echten und unseren Annahmen verwischt.
Die Mehrheit befürwortet ein Social-Media-Verbot für Kinder, heißt es. Diese Mehrheit ist selbst erwachsen? Die haben es nötig! Wenn Menschen zusammen sitzen, sitzen diese Menschen zusammen (und sollten miteinander reden, statt auf ihre Geräte zu schauen). Wer Auto fährt, fährt gerade ein Auto. Wer segelt, der segelt. Wer arbeitet … usw. Wer sein Kind im Kinderwagen schiebt, schiebt das Kind im Kinderwagen. Wer isst, isst. Wer zu Fuß geht, geht. Wer mit dem Bus fährt, fährt. Wer auf die Toilette muss, usw. –.
Das hat die moderne Gesellschaft nötig zu lernen?
# Gott ist nicht Polizist
Das Böse wohnt nebenan. Heimtücke ist normal. Auf der Hut sein, Ängste zulassen, Ruhe bewahren tut not. Präzise den klugen Spielzug machen, sich immer zuerst um sich selbst kümmern, ist besser. Das dreht das zweite Gebot um, ohne den Heiland zu verraten. Ein Herr, der über uns wacht, dürfte so sein, das niemand, der intensiver betet, deswegen zuerst drankommt, mehr Liebe erfährt. Wäre Gott selbst die Polizei, hätte es Adolf Hitler nie gegeben. Wir werden nicht mehr geliebt, weil wir Gutes tun. Gäbe es nur einen Gott, machte dieser keinen Unterschied der Konfession und forderte nicht von seinen Gläubigen, was die jeweilige Kirche von ihren Mitgliedern verlangt. Eines dürfte sich aber immer zeigen: Der Zornige läuft Gefahr, sich mit seiner Aggression selbst zu zerstören. Hass kann nicht verboten werden, ohne Schaden anzurichten, auch nicht von dem, der sich Wut selbst verbietet. Lernen ist notwendig. Einzusehen ist, dass die Natur keine Engel losschickt, niemanden bevorzugt. So ist ehrlich zu handeln noch empfehlenswerter. Damit kann man immer besser werden. Eine Arbeit finden, die gefällt, ist klüger, als mit anderen zu hetzen, Polizei zu spielen. Die Welt kann niemand retten. Man mache einen Bogen um die im Staat, diese Anführer, die nichts besser können, als Leute an der Nase herumführen. „Mit einer aus der Politik kannst du nie befreundet sein“, sage ich mir jeden Tag. Die persönliche Erfahrung macht schließlich klug. Man findet seine Gegner nebenan und grenzt sich ab. Das ist mein Rat hinzuschauen, aufzuwachen, den eigenen Platz zu bestimmen.
Gute Nachbarschaft wird die Folge sein.
# Fatalismus
Für einen Mann kommt früher oder später der Punkt, die Sinnlosigkeit seines bisherigen Strebens einsehen zu müssen. Wir können nicht einfach weg vom Planet Erde. Wir finden keine bessere Frau als die, mit der wir verheiratet sind. Wir müssen zu unseren Kindern halten, auch wenn diese Dummheiten machen. Der alte Wunsch nach tiefer Erfüllung wird nie wahr, weil wir, geblendet vom sexuellen Drang, das Wesen der Welt vollkommen missverstehen. Die Frauen, die wir irgendwann als das begreifen, was sie sind, schwach, verlogen, hintertrieben, vertrocknete Schrapnelle im Alter eben, können uns nicht befriedigen, und wir selbst können, frustriert, alt, fett und mit nachlassender Potenz gleichwohl das ihrerseits geforderte Glück nicht bringen.
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, soll so ungefähr Michel Gorbatschow gesagt haben. Dann hat er das Nötige getan. Wenn also bewundernswert ist, was Menschen hinbekommen, dann ist es wohl dieses „Trotzdem“, das ihr jeweiliges Handeln kennzeichnet. Sie leben nicht ihren Traum. Sie machen das Gegebene so gut, wie es letztlich geht, nachdem alle vormaligen Träume sinnlos wurden. Depression, Suizid und Amoklauf wären logische Alternativen zum Durchhalten, sich wieder einkriegen. Durchaus nachvollziehbar, wenn man erst merkt, wie massiv man verarscht wurde? Von Frauen oder Mitstreitern der Szene, in der man sich versuchte, oder von Gott, der so ganz anders ist, erfahren wir Gegnerschaft. Kommt der Wind von vorn, müssen wir kreuzen. In die andere Richtung segeln, hieße das Ziel aufgeben. Anderntags ist es windstill, da geht es gar nicht. Dann weht ein Kuhsturm, und wir müssen im Hafen bleiben. Selten sind die guten Momente, wo alles passt! Die Moderne leidet unter ihrem Anspruch nach Vollkommenheit. Wir können noch so viele Sicherheiten gegen Gewalt erdenken, Poller am Festplatz, Fußfessel am Mann usw. – es wird weiter Krieg geben.
Bis wir tot sind.
Wovor da noch Angst haben?
Die dritte Variante zum „Trotzdem“ (und der schlechten Alternative Selbstmord) ist Machtmissbrauch. Nicht wenige entscheiden sich dafür. Solche Menschen sind nicht zu beneiden. Es ist der gedrosselte Amoklauf quasi. Zeitgenossen, die ihren Frust mit Sadismus kanalisieren können, kommen leider weit.
Das provoziert mich, zugegeben.
Mir ist manches eingefallen, und das steht hier auch aufgeschrieben. Es sind Angebote, Lösungsansätze, die leider ihre Mängel haben. Deswegen schreibe ich keine Ratgeber und mag solche Hilfen auch nicht, weil ich selbst nur eben klarkomme. Ich bin resigniert, gehöre zur Fraktion „Trotzdem“.
Bockig und unbelehrbar sein, heißt Einsamkeit mit Ansage: Mein Platz.
# Sich trauen
Die eigene Spielwiese, das kleine Feld, mein Dorf usw. Angekommen sein, heißt akzeptieren, Knast, Krankheit, Alter, Tod. Sich nicht einlullen mit Wunschdenken, das Gute geschehe demnächst und lieber den persönlichen Feind ausfindig machen, diesen klar zu benennen, führt dahin, das Tatsächliche zu entdecken. Eine solche, echte Möglichkeit motiviert, heißt zu verstehen, nicht die ganze Welt ist verschworen, böse. Es bedeutet leider ebenfalls, nicht die ganze Welt wird so gut behütet, dass wir, wenn’s nicht läuft, den Heiland bloß noch suchen müssten. Angst als notwendig erkennen, dieses Gefühl nicht zu verdrängen, wenn es sich breitmacht, befreit vom Zwang, nach einer Liebe zu suchen, die es so nicht gibt – und nie geben kann. Stattdessen das Böse im trivalen Zeitgenossen um die Ecke zu bemerken, belebt die Intelligenz und ist viel mehr als jede Vision, ein klar erkennbares Ziel. Da kann einer zielen lernen. Gegen eingebildete Windmühlenflügel zu schlagen, ist bei weitem dümmer, als einen Arsch zu erkennen, schließlich umzuhauen, der einen tatsächlich schädigte. Ich gehe immer bewaffnet raus, habe stets Papier und Stift bei mir!
🙂
Schenefeld, Weihnachten 2025