Das Maß unserer Freiheit
Ein paar Linien mit Kugelschreiber genügen schon mal, einige Worte verstören und lösen farbige Bilder aus in den Köpfen der Leute. Die Kunst ist gefährlich und selbst gefährdet, wo auch immer man damit in Kontakt kommt. Eine aktuelle Nachricht aus dieser Szene weltweiter Kollegen – unerschrockene Kämpfer sind wir, verdient Beachtung.
Die Deutsche Welle berichtet, und ich zitiere gekürzt.
# Moskau: Achteinhalb Jahre Haft für Künstler Jacques Tilly. Das Gericht in Russland erklärte, der Karnevalswagenbauer habe religiöse Gefühle verletzt und Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte verbreitet. Hintergrund ist Tillys satirische Kritik an Kremlchef Putin. Der Bildhauer Jacques Tilly ist in Abwesenheit von einem russischen Gericht zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, erklärte Richter Konstantin Otschirow in Moskau. (…). Der deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, sagte der Nachrichtenagentur dpa, das Urteil zeige, „dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen – aber jetzt auch verstärkt im Ausland“. (…). Tilly selbst reagierte mit Spott. „Es ist jetzt für jeden zu sehen, dass das russische Regime Angst vor Pappfiguren hat“, sagte der Bildhauer ebenfalls dpa. Er habe „kein Staatsverbrechen begangen“. Dass er Kritik an Machthabern übe, sei in freien Gesellschaften „eine Selbstverständlichkeit“. (…). Vor allem aber ging es in dem Moskauer Prozess um Tillys Karnevalswagen von 2024, der Figuren von Putin und dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, in satirischer Absicht beim Oralverkehr zeigte. (02.04.2026, DW).
Der Fall erinnert an das „Schmähgedicht“ von Jan Böhmermann, das sich gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan richtete, und das ebenfalls zu einer Klage führte. Aber auch in Deutschland ist nicht alles erlaubt. Annalena Baerbock stellte persönlich Strafantrag wegen einiger Plakate, die ein Taxiunternehmer in seinem Garten platzierte, die unsere damalige Außenministerin unter anderem als Kind darstellten. Es kam zu einem Verfahren wegen des Vorwurfs der Beleidigung. Der Unternehmer wurde jedoch freigesprochen. Die Ermittlungen gegen einen Rentner aus Heilbronn wegen eines Facebook-Kommentars, der Friedrich Merz als „Pinocchio“ mit langer Nase bezeichnete, lösten 2026 eine Debatte über Meinungsfreiheit aus. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren als zulässige Kritik ein, nachdem zuvor die Kriminalpolizei ermittelt hatte.
Die Darstellung des Propheten Mohammed in Karikaturen löste wiederholt Terror aus.
Man stelle sich einen Karnevalswagen vor, der unseren Bundeskanzler beim Oralverkehr mit irgendwem zeige, und da wird klar, dass das problematisch wäre auch bei uns.
Ärger zu bekommen als Künstler, ist ganz normal. Wir müssen kritische Werke schaffen. Kreative spüren unangenehme Sachverhalte nicht bloß. Sie können dem Zeitgeschehen auch ihre besondere Form geben und katalysieren Inhalte für andere. Künstler sind gegebenenfalls wie Brandbeschleuniger und können auch selbst mitgerissen werden im Feuersturm ihrer Ideen. Das wurde mir spät klar, dass es mich selbst betreffen könnte, auch mein Plappern und Kritzeln andere provoziert.
Der Kunstunterricht in den Schulen begeistert noch viele, kann aber bedeuten, sich später naiverweise in ein Terrain zu begeben, das sich schließlich als vermint zeigt.
Missbrauch der Malerei als Reaktion? Wer seine ehemalige Vertraute und Freundin nackt in eine Gewaltszene hineinmalt, will verletzen. Wer, statt einen Denkanstoß zu geben, einen anderen zu Boden stößt und tritt, der stupst nicht kreativ, sondern will nur noch wehtun. Das ist keine Kunst, bedeutet Terror. Das beides habe ich gemacht – und schäme mich nicht. Ich habe reagiert, nicht einmal überreagiert, sondern angemessen angegriffen.
Auch das ist meine Meinung.
Ich verteidige die Freiheit, mich zu rechtfertigen, beanspruche Deutungshoheit. Die Masse ist „harmlos gemein“. Jeder piesackt andere nur ein wenig. Konzentriert sich aber alles auf einen, wird so jemand eskalieren. Gesellschaften nehmen sich viel raus. Ihre Präsidenten töten und rekrutieren einfache Menschen zum Töten. Die Politik auch bei uns über die Dörfer ist sich nicht zu schade zum Verrat an allen Idealen, wofür diese Leute eigentlich stehen. Da muss man sich nicht wundern, wenn eine Situation schließlich aus dem Ruder läuft.
Ich zahle den Preis.
Der Konsens bei uns, mit den heimischen Künstlern mitzugehen, bleibt gegeben, solange sie ausländische Staatenlenker als Despoten karikieren, Religionen lächerlich machen, die bei uns mehrheitlich eher mit Skepsis gesehen werden. Die Unterstützung bröckelt aber schnell bei Nestbeschmutzern, die im eigenen Land dunkle Ecken auszuleuchten probieren.
Die Stärke einer demokratisch lebendigen Struktur ist unsere bunte Meinungsvielfalt.
Das Leben braucht Farbe!
🙂