Monster oder Mensch?
Das hat man wahrscheinlich auch von Sophie Scholl verlangt, sie solle (bitte, gefälligst) ihre Schuld einsehen, bevor man ihr (sowieso) den Kopf abgeschlagen hat.
Der Mensch verurteilt – und verlangt die Einsicht und Reue des Verurteilten.
Man bedrängt Täter deswegen, aber manche kneifen nur die Lippen zusammen, sagen nichts. Solche ringen sich kein sogenanntes Schuldeingeständnis ab. Gut so, denke ich. Es wäre ja noch schöner, sich von anderen aufzwingen zu lassen, wie man zu fühlen habe! Wenn es jemandem leid tut, was geschehen ist, werden die nötigen Worte ohnehin ihren Weg finden. Der Versuch einer Entschuldigung dürfte wenigstens einige bei Gericht überzeugen. Ein erzwungenes Bekunden von Reue ist Quatsch.
Oft verhilft eine demütige, reuige Einstellung den Angeklagten zu milderen Urteilen. Das zeitigt zum einen unsere Hoffnung, dass ein einsichtiger Mensch sich nicht wiederholen wird im Versagen an den Werten unserer Gesellschaft. Auf der anderen Seite spiegelt es leider auch die Überlegenheit derjenigen wieder, die richten, nicht selten das gerne tun, weil sie sich dazu im Recht fühlen und noch zusätzlich verlangen, dass der Angeklagte ihre Sicht goutiert. Immer wieder müssen wir, falls wir im Visier der Staatsanwälte stehen, als Beschuldigte erleben, dass sich leichthin eine Reihe von Klägern findet, wir dagegen einigermaßen allein dastehen. In beinahe allen romanhaften Erzählungen, Filmen oder Geschichten nimmt der Erzähler die Rolle des Wertschöpfenden ein, der uns führt, wie wir’s gewohnt sind: Die Bösen gelten als selbst verantwortlich, das Drumherum bleibt größtenteils passiv, sieht sich als Masse in keinem Punkt mitverantwortlich, nicht schuldig und verlangt entsprechend die Bestrafung des Separierten. Die Realität der Verurteilten dürfte anders sein. Ein Angeklagter sieht die Gründe seines Handelns und versucht nicht selten vergeblich, das Gericht und seine Ankläger davon zu überzeugen. So einer hat prinzipiell schlechte Karten, dass ihm an dieser Position unter den verstörten Augen der Opfer und ihrer Angehörigen geglaubt wird. Jeder neue Beschuldigte trägt die ganze Last der Menschheit, unsere Geschichte insgesamt mit. Es hat bereits so viel abgefeimte Grausamkeiten von irgendwelchen Tätern früher gegeben.
Das zieht alle auch nur kleinen Versager immer ein wenig mit und tiefer rein.
Aber: „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“, heißt es bereits in der Bibel. So alt ist eigentlich unser Wissen um die tatsächlichen Verhältnisse. Selbst bei unklarer Faktenlage: Menschen wollen strafen. Daran hat sich nichts geändert, außer dem Rahmen einer Rechtsstaatlichkeit, den wir heute gewohnt genießen. Dieses umfangreiche juristische System, das sich selbst manchen Umweg und Milde auferlegt, ist leider hoch anfällig, jederzeit zurückgebaut zu werden.
Wir tun gut daran, die Fahne der Demokratie hochzuhalten. Was hingegen falsch sein könnte, ist unser Herabschauen auf sogenannte Unrechtsstaaten. In Russland etwa gibt es durchaus ein Justizsystem. Es kann ja gar nicht sein, dass dort nur politisch motivierte Schauprozesse stattfinden und es keine gewöhnlichen Streitigkeiten gibt. Die vernetzte Welt ist immer insgesamt zu betrachten. „Was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden“, sagt Dürrenmatt in „Die Physiker“, und das gilt für uns alle und alles, was Menschen sich ausgedacht haben. Das Maß der Freiheit ist entscheidend, nicht, dass es Freiheiten überhaupt gibt und entsprechende Grenzen. Menschen verhalten sich zunächst fordernd. Ein Baby schreit, bis Mama begreift, ob etwas juckt am Strampler oder das Kleine hungrig ist. Den Fähigkeiten gegenüber, sich für einen Bedarf einzusetzen, blockiert die Umgebung mehr oder weniger alle Wünsche. Es stehen dem Lebewesen ja bald reichhaltigere Möglichkeiten zur Verfügung, sich auszudrücken (und Ideen zu entwickeln). Ein Mensch muss Strategien heranbilden, Widerstände erkennen und zunächst respektieren. Zum Einen ist jede Tätigkeit kompliziert, benötigt maßvolle Kräfte und Geschick, zum anderen ist Geduld gefragt, wenn es nicht ohne fremde Hilfe geht. Wir hören es ständig:
„Moment!“
Das gibt eine feine Großartigkeit für irgendeine Trutsche der Dienstleistung, schnippisch die Leute auszubremsen. Menschen stoppen andere auch aus sadistischen Motiven. Sie stehen mal neben dem Gesetz und dann doch wieder auch im Apparat selbst und leben sich aus. Wir sollten unser Rechtssystem pflegen. Wir sollen uns trauen, für unsere Rechte einzutreten, müssen umgekehrt zu unseren Fehlern stehen. Niemand kann langfristig gewinnen, anderen das Bein zu stellen, nur weil das gerade gut geht. Machtmissbrauch verbietet sich. Es ist scheinbar so einfach, ein System umzubiegen? Ich sage voraus, die Partei der Demokraten in den USA wird sich erneuern und dem aktuellen Gebaren von Donald Trump entgegentreten. Da wird viel Porzellan zerschlagen in sämtlichen Strukturen, aber darauf folgt irgendwann doch eine Erneuerung der Zivilgesellschaft. So wird auch Russland sich von innen heraus modernisieren, aber eben nicht in den Grenzen, die der Westen zwingend fordert. Mancher lässt sich hinreißen, selbst nicht in der Schusslinie, bequem vom Sessel aus, die höchsten Strafen zu fordern. Es kann zum Bumerang werden, weil der Heimtücke keine wirkliche Leistung ihre Basis ist. Neid ist ein schlechter Ratgeber.
Wie weit wir gewohnt sind, Verantwortung zu verlangen, macht der anstehende Prozess „White Tiger“ deutlich. Die Strafverteidigerin des mutmaßlichen Internet-Sadisten ist Frau Dr. Christiane C. Yüksel. So steht es in unserem Käseblatt, dem „Pinneberger Tageblatt“. In dieser Zeitung, der Ausgabe vom 9. Januar, wird ein Interview mit der „Hamburger Morgenpost“ wiedergegeben. Die Verteidigung spricht von Vorverurteilung durch die Staatsanwaltschaft und entsprechende Presseberichte zeigten, sagt Frau Yüksel, ein negatives Framing, einen Missbrauch des Grundsatzes der Unschuldsvermutung seitens der Behörde und vieler Medien. Sie sagt abschließend:
„Ich bin überzeugt, dass mein Mandant kein pädophiles, sadistisches Monster ist. Das Hauptproblem ist nicht er, nicht der einzelne Mensch (…), sondern eine virtuelle Welt, die allen Kindern und Jugendlichen offensteht, ohne jede Kontrolle, ohne Grenzen. Das ist das Thema, um das es in diesem Prozess gehen muss. (…). Eine Öffentlichkeit und eine Anklage, die sich einzig wild auf meinen Angeklagten stürzen, bringen uns beim Problem keinen Zentimeter weiter.“
Ich empfinde Dankbarkeit für diese Worte und das Erschrecken, wie viel Mut wir brauchen, eine offensichtliche Tatsache aussprechen zu dürfen.
Yüksel ist immerhin Rechtsanwältin und ich bin nur Zeichner, aber das treibt mich seit Jahren um: Wenn es dem Staat gefällt, sogenannte mittelbare Täterschaft zu formulieren für eine Anklage, muss es umgekehrt möglich sein, unser System insgesamt in die Pflicht zu nehmen. Verantwortung und Schuldfähigkeit sind handfeste Begriffe, auch Nicht-Juristen verstehen sie. Mittelbare Täterschaft geht weiter, man muss sich reindenken in diese notwendige Berufssprache. Nicht nur Kinder und Jugendliche haben ihre Probleme mit der Zeitenwende, die alle seit dem Ukraine/Russland-Krieg erleben. Eine grundsätzliche Veränderung unseres Verhaltens ist bereits durch die Omnipräsenz der digitalen Welt entstanden.
Hier müssen wir den Schnitt machen, wollen wir eine neue Zeit definieren.
Erwachsene müssen ebenfalls begreifen lernen, wie sie mit der Pornografie und mancher Gewaltdarstellung im Internet umgehen. Seit einiger Zeit schon greifen Veränderungen. Wir Männer (als hauptsächliche Konsumenten des Geschehens) werden mit dem Verlangen einer Verifizierung unseres Alters auf immer mehr Plattformen konfrontiert. „Nude Live“ oder das Original „Chaturbate“, wo Menschen sich vor einer Kamera entkleiden (um es so sperrig zu sagen), fordern seit diesem Jahr eine Altersbestätigung. Das kann man nur auf zweierlei Weise korrekt machen, man meidet diese Anbieter oder meldet sich eben an. Für mich kommt nicht infrage, ein Ausweisdokument zu scannen. Bei Google aber bin ich mit Namen, Adresse und Alter bereits registriert, und so nutze ich auch Reddit, könnte mich auf einer etablierten Porno-Plattform „Hamster“ sogar über Google dort anmelden. Das ist legal. Gut möglich, dass dergleichen auch bei Chaturbate funktioniert oder bald ermöglicht wird? Das wäre zu wünschen. Damit habe ich kein Problem als Mann.
Kompliziert ist die Erklärung gegenüber der Familie privat.
# Lizenz zum Lügen
Ein guter Mensch zu sein, ist für viele wichtig, das von sich denken zu können. Ehrlichkeit gehört für die meisten dazu, aber vielleicht sollten wir besser das Wort „aufrichtig“ nutzen, wenn es um Grundsätze geht? Ehrlich zu handeln, geht vielleicht nicht immer, weil man auch mal gegenüber anderen schweigen muss und in sofern nicht alles komplett (und wahrhaftig) sagt. Wir haben ein umfangreiches Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Das andere wäre, aufrichtig zu sein, also wenn es sein muss, sich selbst nicht zu schonen für eine größere Gerechtigkeit. Dann muss man geradestehen mit seinem Wissen und darf nicht lügen. Andernfalls wird es schwer, aus einer Sache rauszukommen bei handfester Schuldzuweisung durch Dritte. Menschen werden die aktuellen Werte der Gesellschaft ins Feld führen, und wenn uns nichts Plausibles einfällt, müssen wir bezahlen für unser Versagen. Gut und Böse werden ausgehandelt. Das bedeutet zu allen Zeiten und Umgebungen unterschiedliche Vorstellungen bezüglich Strafmaß oder Gnade bei Verletzungen der gültigen Regeln. Ich habe bereits die Formulierung gehört, jemand habe „wissentlich“ gelogen und finde das doppelt besetzt, so zu reden. Warum treibt unsere Sprache hier eine Blüte nach der Art „weißer“ Schimmel? Ein Schimmel ist ohnehin ein Pferd mit hellem Fell, meint man. Oft sind die Dinge bloß in einer Nuance anders. Wenn ich etwas nicht wissen kann und einen Sachverhalt deswegen falsch darstelle, lüge ich ja nicht. Wenn ich aber etwas Wesentliches verschweige, um mich selbst zu decken (und probiere, meine Fehler absichtlich zu verschleiern) oder sogar komplett falsche Angaben mache, ist es lügen. Wo aber jemand etwas nicht sagt, um einen Freund oder überhaupt etwas zu schützen durch sein Schweigen, kommt schon eher die Frage nach der Aufrichtigkeit ins Spiel. Der größere Rahmen, in dem ich agiere, spielt eine Rolle bei der Bewertung von wahr oder falsch.
Recht und Gesetz können faszinieren. Vorsicht ist aber geboten. Die Schnittmenge von Polizei und Kunst ist an vielen Berührungspunkten gegeben, das wissen nicht alle? Kunst sollte viel mehr sein als bunte Bildchen für das Wohnzimmer. Wenn wir uns als Kreative selbst tief ausloten, entdecken wir die Abgründe des menschlichen Systems überhaupt. Ein empfindsamer Mensch begreift seine Gelüste, Bedrohungen entgegen der eigenen Existenz viel genauer als die typischen Mitläufer. Damit bedeutet eine Schau ins Innere gleichzeitig den vielfältigen Blick auf andere draufzuhaben, und schon sind wir beim Kommissar, der nebenbei Fragen stellt und sämtliches Geschehen ausforscht. Der Künstler ist auch Polizist. Ich will wissen. Das ist mein Motor und Motiv. Mit Esoterik komme ich nicht weiter. Pragmatismus und gutes Handwerk haben mir schon immer gefallen, auch bei anderen.
Wahrheit und Lüge sind Kernthemen menschlichen Lebens wie Angst und Gewalt, überhaupt Emotionen und Vernunft. Menschen lügen, weil es möglich ist. Eine Welt könnte zu lügen per Gesetz verbieten; was soll das bringen? Schweigen ist ebenfalls eine Möglichkeit, die Lebewesen für sich nutzen können.
„Alles, was Sie sagen, kann auch gegen Sie verwendet werden.“
Im Bekanntenkreis sind die Kinder meiner Freunde an der Schwelle zum Beruf oder schon im Berufsleben wie bei uns selbst. Eine Tochter der früheren Nachbarn ist Polizistin geworden und sagt, so wurde mir erzählt, ernüchtert:
„Mama, ich sehe jede Woche Tote.“
Nicht einfach.
Eine andere junge Frau, Tochter von einem Freund, hat ihren Berufswunsch „Berittene Polizei“ nach einem Unfall aufgegeben. Ich hatte schon vorher manche Bedenken formuliert in dieser Sache. Wesentlich für mich ist gar nicht einmal die körperliche Präsenz, die ein guter Polizist bringen muss oder sein Einfühlungsvermögen für eine effektive Beurteilung der Lage, die ja schnell eskalieren kann. Frauen können sehr wohl Polizistin oder Soldatin sein. Das müssen sie pauschal nicht mehr beweisen. Unsere Gesellschaft erfährt ungeheure Bereicherung durch den kleiner werdenden Gap überall. Ein anderer Punkt wird übersehen.
Polizisten müssen professionell lügen.
Sie müssen es können. Das ist nicht einfach. Die Bond-Reihe prägte den Begriff „Lizenz zum Töten“, und in diesem Jargon müssen wir jeden Ermittler denken. Er darf und muss sogar gegebenenfalls lügen. Ein verdeckter Ermittler verbirgt seine Ziele, seinen richtigen Namen. Das ist eine Lüge. Anders kann keine Polizei, kein Nachrichtendienst arbeiten als heimlich. Das ist nicht romantisch.
Das ist die höchste Verantwortung, die wir Menschen abverlangen, für den Staat aufrichtig zu lügen und eventuell auch final zu schießen, zu töten. Damit nicht leichtfertig zu protzen oder sich diese Tatsache überhaupt klarzumachen, war schon immer ein Kernthema der Ausbildung in diesen Berufen. Hier steckt auch die allergrößte Versuchung. Ich kann meinen, Polizist zu werden, um ein guter Mensch zu sein, letztlich selbst zu richten, mindestens Vorverurteilung gestehe ich mir zu, auf diesem Abwege. Dem gefährlichen Gedanken ist vonseiten der Gesellschaft immer wieder entschieden entgegenzutreten. Menschen sind nicht per se gut oder schlecht. Manches ist edel, was sie tun, anderes böse, und dann können wir eine Summe abrechnen jede Woche – oder am Lebensende.
Dafür steht auch die Kunst, Verantwortung zu fordern und selbst abzuwägen, letztlich Schwächen zuzugeben.
# Unsere Wahrheit
Als die Zeichner des französischen Satire Magazins Charlie Hebdo ermordet wurden nach der Veröffentlichung ihrer Mohammed Karikaturen, war die Solidarität weltweit groß. Wo aktuell dasselbe Magazin die Brandkatastrophe Crans-Montana in der Schweiz als Karikatur zeigt, gehen viele nicht mehr mit, solche Darstellungen mitzutragen. Die Polizei arbeitet an der Grenze, auch an der Grenze persönlicher, emotionaler Belastung der Beamten – und so ist es genauso in der Kunst.
🙂