Die Vögel auf dem Markt und nicht in England

Erdbeeren sind eigentlich Nüsse, wer hätte das gedacht? Auch Pinguine wären tatsächlich Vögel, könnten aber nicht fliegen. Das erklärt der Wissenschaftler.

Wenn es einfach ist, können wir die Schrauben von den Nägeln unterscheiden. Die Wissenschaft muss darum kämpfen, exakte Ergebnisse zu liefern, aber die Tiefe des Marianengrabens ist bekannt. Der Mount Everest ist offenbar noch ein wenig höher, als wir’s in der Schule lernten? Spezialisten visierten den Gipfel von den benachbarten Bergen aus an, kontrollierten ihre Messungen exakt, verglichen die Ergebnisse und korrigierten die bekannten Fachbücher.

Wie tief schläft ein Mensch, und was ist die Einheit mit der wir das messen? Wir können einen Leistenbruch operieren, den Darm in seiner ganzen Länge durchspiegeln, aber nicht sagen, wie hoch der Pegel beim Liebeskummer steigen kann. Die höchste Flut tiefster Gefühle ist so unfassbar, wie eine Ebbe der Empathie. Niemand weiß, in wie viele Teile das Herz bricht, wenn es passiert. (mehr …)

Die Wellen vor Edinburgh

Sie segelten im Sturm nach Edinburgh, duzten die Nordseewellen. Echte Männer wissen Bescheid. Eine alte Geschichte, die es wert ist, aufgeschrieben und erzählt zu werden. Die grünen Nordseewellen trecken an den Strand, und Guido Westerwelle, der ist schwul – igitt?

# Ich bin der digitale Patient und ein Spinner!

Erfahrungen brennen sich ein. Kein Ratgeber leistet so viel, wie eine eigene Situation im Leben, in der wir etwas begreifen. Wer nackt ist, dem kann niemand die Hose runterziehen. Nach dieser Logik outen sich Menschen. Die sexuelle Ausrichtung kann verborgen gelebt werden, und manche ziehen es vor, auch weil es möglich ist. Wer nicht der vermeintlichen Normalität entspricht, kann angefeindet werden. Wir haben zum einen Menschen, die alles dafür tun, eine perfekte Darstellung von sich in der Öffentlichkeit abzubilden und andere, denen das nicht gelingt und welche die es nicht möchten. Wem daran liegt ein Ego auszubilden, Ängste zu beherrschen, anstelle sich davon einengen zu lassen, wird den letztgenannten Weg bevorzugen. (mehr …)

Fassade für Alex

Es ist ein Baustil, Häuser mit schmucken Vorderseiten in die Straßen zu bauen und hintendran wird pragmatisch darauf verzichtet, mit Extras zu protzen, und so ist es ja auch im übertragenen Sinn gemeint, wenn jemand wie „hinter einer Fassade“ lebt.

Ich bin mit einem Freund verkracht, mit dem ich als Jugendlicher viel Zeit verbrachte. In einem längeren Streit wurde viel geschrieben, und einmal rief er an, von den beiden langen Mails die er mir geschickt habe, möge ich die erste bitte löschen. Er habe versehentlich zu früh auf „Senden“ geklickt. Unten drunter stünde das, was er sich notiert habe als Skizze, was an Argumenten hinein müsste, und das sei nicht für mich bestimmt gewesen. Deswegen solle ich es nicht lesen und stattdessen die zweite Mail lesen, die sei identisch bis auf seine Gedächtnisstützen. Ein befremdlicher Anruf, wenn diese Mail voll mit trickreichen Formulierungen das Ziel hat, mich zu etwas zu bewegen, was ich nicht möchte! Die erste Mail entsprach der zweiten und hatte keine skizzierten Ideen unterhalb vom regulären Text. Warum auch immer. (mehr …)

Der „Nackedei-Künstler“, das bin ich?

Zuhause bleiben ist einfach. Malen, Schreiben, Lesen: Es gibt immer etwas zu tun. Glücklich bin ich, in meiner Schmuddelecke, „Nackedei-Künstler“ ist vergleichsweise freundlich kommentiert. „Ist der doof?“, mag noch dahinter stehen, weiß ich ja nicht. „Die Bullen ermitteln gegen ihn, sieh dir doch seine Bilder an, und das krude Zeug, dass er schreibt; er ist bescheuert!“ Eine Blase wabert, Fantasie weitet die Cloud …

Viele sind ihrem Unglück wie ausgeliefert. An einen bestimmten Ort zu gehen, um etwas loszuwerden, ist nicht das Zimmer zu wechseln oder den Partner zu suchen. Kopfschmerzen sind ein Beispiel, wie etwas, das man mit sich herumträgt, bleibt. Manche gehen mit ihren Schwierigkeiten hierhin, dorthin, wie es geraten wird, und es geht ihnen wie denen, die mit ihrer Migräne erleben, dass die Küche nicht besser ist als das Wohnzimmer. (mehr …)

Frohe Weihnachten!

Weihnachten, eine Standortbestimmung. Ich bin Maler, ich war Grafiker: Ein langjähriger beruflicher Partner ist in Rente gegangen. Eine Mitarbeiterin im dazugehörigen Büro fand, ich müsse doch ein Gruppenbild malen, zur Verabschiedung. Ich erklärte ihr meine Bedenken. Menschen mit denen ich zwanzig und mehr Jahre herzlich verbunden bin, mit einigen nur per Telefon! Wenn ich male, möchte ich die Ähnlichkeit der Porträtierten erreichen. Tatsächlich helfen mir Fotos dabei nur, wenn ich die Leute kenne.

Eine kleine Geschichte: Ich habe einmal ein Doppelbild für ein Paar zur Hochzeit gemalt, und das Bild gefällt mir auch. Es wurde freudig angenommen und gelobt. Freunde des Paares haben das vereinbarte Honorar gern gezahlt. Ich hatte an die zwanzig Fotos, die beiden waren anlässlich der bevorstehenden Hochzeit am Hafen fotografiert worden, und die Freunde, die mich mit dem Bild beauftragten, konnten an diese Bilder gelangen, haben sie mir heimlich gemailt. Damit schien ich perfekte Vorlagen zu haben. Das junge Paar sah ich erst, als das Bild, auf das ich sehr stolz bin, bereits an ihre Freunde übergeben war. Dann konnte ich die Verlobten das erste Mal betrachten, und das geschah, ohne dass man mich bemerkte. (mehr …)

Weihnachten ist eine alte Mail

Hallo G,

noch einmal vielen Dank für alles. Auslage beglichen, danke auch dafür. Heiligabend haben wir im Altersheim bei meinem Vater Knackwurst und Kartoffelsalat gegessen. Wir machten das Beste draus. Anschließend war ich mit meiner lieben Frau bei Mattern zur Andacht, um neun in der Stephanskirche. Diese Organistin! Du weißt schon: die gute aus dem Nachbardorf. Halstenbek oder Rellingen, keine Ahnung. Wie immer, kam sie erst in den letzten Minuten vor der Predigt.

Du kennst die Frau.

Das ist die mit der A-Klassifikation.

Auftritt. Fünf kleine Minuten vor Beginn, eine schlanke Diva mit langen Beinen. Zerzaust. Raus aus dem Auto! Im schief auf einer Schulter hängenden, nachlässig übergeworfenen Wintermantel, rast sie herein. Ihr pechschwarzes Haar weht flatternd wie eine Fahne im Crescendo. Sie macht große Schritte, stürmt aufgekratzt und bester Laune gerade noch pünktlich, mit einem Herrn im Schlepptau (wahrscheinlich Ehemann und Notenwender), als wäre der nur ein extra Köchelverzeichnis, mit den wichtigsten, schwer zu spielenden Passagen (wie unter den Arm geklemmt), in den bereits gut mit Besuchern gefüllten Kirchenraum … und sucht ihre Orgel:

„Wo ist die denn? Sie stand doch immer da vorne rechts.“

Ich kann es nicht lassen (denn ich finde sie einfach toll) und stehe auf, zwänge mich also (zum Unmut meiner Frau) aus der Mitte unserer Bankreihe an den anderen vorbei … und biete mich als Kenner der Stephanskirche an.

Wir gehen vergnügt alle drei die Treppe im Turm hoch. Ich zeige ihr mit reichlich wechselseitigem Erklären zwischen uns (der Mann sagt nichts, und Mattern schnauft vorbei, erleichtert, dass sie noch rechtzeitig kommt) den neuen Platz der Orgel auf der Empore – und verabschiede mich dann schnell wieder nach unten. (Sie hat beste Laune und wirft sich gleich an den Spieltisch). Kein Ton, sie probiert nicht. Gar nicht. Eine Orgel ist eine Orgel.

Stille.

Wir sitzen nun unten, und Mattern kommt.

Still erwarten wir den Heiligen Abend.

Man sieht, dass es gleich losgeht, alle sind gespannt. Ohne auch nur einen einzigen Ton des Übens oder Probierens beginnt das allerschönste und schwungvollste Orgelvorspiel. Fehlerfrei in gutem Tempo und mit Feeling geht eine Musik nach der anderen durch den Gottesdienst, und natürlich gibt es zum Ende hin wieder einen wunderbaren musikalischen Ausklang.

Virtuos.

Dass man weinen muss – so schön.

Was ich eigentlich sagen wollte: Bitte melde dich mal bei (…).

Guten Rutsch in das Neue Jahr!

John