Thema

Helfen

Das Fahrzeug parkte am Straßenrand linksseitig eines Gehwegs, den ich täglich entlang laufe. Es ist eine ruhige Straße mit Reihenhäusern auf der einen Seite und einer kompakten Anlage mit Eigentumswohnungen gegenüber, viel Grün dazwischen. Dieser kleine Bus fiel schon deswegen auf, weil er als älteres Modell einige Beulen hatte und durch seine Schäbigkeit zwischen den anderen Autos herausstach. Eine weitgehend dunkelrote Kiste, dran geflickt ein Kotflügel und ausgebesserte Stellen in Signalrot gestrichen. Der Innenraum schien unordentlich. Die breite Fläche oberhalb von Armaturen und Lenkrad war vom Fahrzeughalter zugemüllt. Papier, Kartons, eine Getränkedose und reichlich bunter Kram quetschte sich erkennbar hinter der Frontscheibe. Außerdem bemerkte ich auf der Beifahrerseite ein schmales Stofftier im Diddlstil. Daneben schien die Scheibe auf halber Armeslänge gerissen und war von innen breit mit Tesa geklebt. Damit das Packband dem Riss und seiner gekrümmten Spur im Glas folgen konnte, hatte man es mehrfach einschneiden müssen wie Speck am Kotelett. Ein unerklärlicher Rüssel hing von der Decke zwischen die vorderen Sitze. Weiße Felle machten daraus kuschlige Sessel und bestärkten meinen Eindruck, weniger ein Fahrzeug vor mir zu haben, als eine kleine Welt zu betrachten. Wer mochte damit über die Bühne seines Lebens touren? Der Bulli (mit Dachgepäckträger über die volle Länge) wartete scheinbar Backstage – das kurz mal unbewohnte Biotop. Es gab spiralig aufgemaltes Grün, vielleicht für mehr Frieden in der Welt. Das ließ sich nicht wirklich definieren. Das Maling schien teilweise abgebröckelt zu sein und trug keinen Slogan. Stattdessen mochten uns zahlreiche Aufkleber informieren, wovon der Fahrzeughalter überzeugt wäre. Rot verrostet stand hier die Weisheit auf Rädern, abgestellt am Kantstein im Nirgendwo.

„Labil bleiben!“

Ein kleiner Bäbber am Heck dieser weinroten Beule erregte mein Interesse. Vielleicht auf das Auto bezogen? Ein neues Motto, besser eine Bewegung, Aufforderung. Ein Schrotthaufen belehrt mich nicht, macht aber nachdenklich. Christus, als König der Juden verspottet, wurde angenagelt. Keine göttlichen Heerscharen fanden sich, das zu verhindern. Jesus starb verletzlich wie ein Mensch. Der Beginn einer Weltreligion, weil man glauben mochte, dass der Heiland ein Beispiel gegeben hat und beschwingt zum Vater in den Himmel sauste. „Lasst Raum für den Zorn Gottes“, empfiehlt auch Paulus, „rächt euch nicht selbst“, meinte der Bekehrte. Da ist wieder dieser Gedanke, nachgiebig zu sein. Mehr braucht es nicht zum Seelenheil, ein wenig herumrollern und labil meint eigentlich agil? Das könnte stimmen, wenn man daran glaubt. Wir alle werden einmal schwach sein und das spätestens im Alter. Ich denke, einen Senior umstoßen, wer macht denn so was!

# Beweglich

Wie frei denkt der Mensch, handelt selbstbestimmt? Das kann nicht gut beantwortet werden. Es kommt auch auf den Einzelnen an. Und überhaupt, weder diejenigen, die unser Dasein schicksalhaft begreifen noch andere, die lieber vom Zufall sprechen, wenn wir mit etwas konfrontiert sind, kommen zu einer schlüssigen Antwort. Wir sind bemüht zu erklären, wie wir sind und warum wir leben. Deswegen die Forschung aufzugeben, weil das ohnehin nichts bringt bei dieser unklaren Ausgangslage, fällt der Menschheit nicht ein. Wir haben ja auch Probleme, die lohnen, in Angriff genommen zu werden. Es gibt Menschen, die Hilfe benötigen aus den verschiedensten Gründen. Man verfolgt vernünftigerweise das Ziel, diese selbstständig zu machen. Wer eine Perspektive hat, wird sich einbringen. Damit gewinnt die Gesellschaft insgesamt. Wie die Freiheit möglichst groß werden kann im Land, möchte das Ziel der Demokratie sein. Dazu benötigt ein System wie unseres vor allem das Wissen, wie abseits stehende Menschen fit gemacht werden könnten und voll integriert, die bislang nur beschränkte Möglichkeiten haben, allein, auf sich gestellt und ohne Unterstützung am Leben teilzunehmen und deswegen mehr oder weniger betreut mitlaufen. Die Debatte um Arbeitslosenhilfe, wie auch immer diese genannt wird, fokussiert die Dauer und Höhe von Zahlungen, die Würde der Menschen und fragt nach Druckmitteln, wie das Ziel von mehr Beschäftigung erreicht werden könnte. Manche haben kaum Probleme, andere finden scheinbar nie Arbeit, und man sollte realisieren, wie verschieden die Ausgangslage sich für die anfühlt, die außen vor bleiben.

Bestens platziert wären Erkenntnisse am Ziel selbst, beim Einzelnen, der unsere Hilfe benötigt. Zu Helfen ist eine Königsdisziplin unter den Tätigkeitsbereichen, das wissen die Pflegekräfte und Ärzte mit Lebenserfahrung ganz genau. Hilfe ist ein Feld für Betrug, Pfusch und Manipulation, plakatierte Gutmenschlichkeit. Das erfahren diejenigen, die schon einmal in ihrer Not dafür bezahlt haben und gezwungen waren, Menschen zu vertrauen, die alles schlimmer machten. Manche sind zudem anfälliger. Ein Mensch, der leicht äusseren Einflüssen erliegt, gilt als labil. Das meint weniger beweglich, flexibel, Eigenschaften, die jedem Lebewesen in einem schwierigen Terrain nützlich sind. Einen labilen Menschen nimmt vieles mit, und so jemand kann auch mitgeschnackt werden. Die Aufgabe eines Systems wäre, solche Mitbürger fester zu machen, aber nicht starr im Denken, weil wir alle davon profitierten. Gerade im Bereich der hoffnungsvollsten Gruppe, den psychisch Kranken im besten Alter, die sich noch einbringen würden, wenn sie könnten, und bei Geflüchteten aus Krisenregionen könnte Selbstständigkeit voranbringen. Wir sollten den Lernprozess von Menschen mit Schwierigkeiten der Integration – dem Grund nach im weitesten Sinne gefasst – kurz halten und effektiv unterstützen. Bürokratie abbauen, qualifiziert und zielgenau Wissen vermitteln, einige haben begriffen, dass Schule besser sein kann, und so ist es auch überall dort, wo Integration nützt. Junge Menschen sollen erwachsen werden, selbstständig. Zugewanderte könnten lernen, sich bei uns zurechtzufinden und werden Schwierigkeiten meistern müssen, die viel Neues bedeuten. Senioren kämpfen mit dem Problem, nicht mehr zunutze zu sein, Krankheit, Perspektivlosigkeit und drohender Demenz. Das ist unser aller Weg, am Ende alt zu sein. Die Aufgabe Verantwortlicher liegt darin, die Möglichkeit schwach zu werden für sich selbst nicht auszuschließen – wie das jeden treffen kann – und mit dieser Einsicht Perspektiven zu erdenken für Betroffene. In erster Linie kann unser Land menschenfreundlicher werden, wo Effektivität an die Stelle von Absichtserklärungen tritt und bloße Plakate verantwortlich ersetzt werden.

Seit der Pandemie kennen wir den Begriff vulnerable Gruppen. Das sind in diesem Zusammenhang zunächst alte Menschen, dann die mit bestehenden Erkrankungen; in jedem Fall haben wir unsere Verantwortung begriffen für das Ganze durch das Virus. Die Gesellschaft ist verletzlich, weil sie so umfangreich Menschen mitnimmt, die früher keine Chance gehabt hätten. Neben den durch Krankheit bedrohten, gibt es Menschen ohne Arbeit, Kinder und Jugendliche und nicht zuletzt Migranten mit unklarem Aufenthaltsrecht, Obdachlose, also einen Anteil von Mitbürgern im weitesten Sinne, dem wir uns verpflichtet fühlen könnten und letztlich müssen, weil ihre Not uns zwingt, alle an Bord mitzunehmen. Verständlicherweise wird über Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt durch Migration diskutiert und Obergrenzen, um die Sozialsysteme nicht zu überlasten, man verweist auf das Rentenproblem.

Die vielen Aspekte pauschal zusammen ergeben einen Teil, der Steuern zahlt und einen kleineren, der Hilfe benötigt. Alte Menschen werden zunehmend die Arbeitswelt verlassen, und es gibt Pflegeeinrichtungen. Das Renteneintrittsalter muss individuell begriffen werden, statt um eine Altersgrenze für alle zu streiten. Einfallsreiche mögen nichts dabei finden, immer weiter zu schaffen wie viele Musiker, Künstler oder rüstige Manager es bereits tun. Die Vorstellung, nur gezwungenermaßen die Woche über zu arbeiten bei einem Chef, den man nicht leiden kann in einem Job der nervt, ist nicht zeitgemäß.

Umgekehrt muss der Pflegenotstand beendet werden und denen, die definitiv nicht mehr können, effizient geholfen werden. Das beste Mittel, Schwächere zu integrieren, ist diese grundsätzlich selbständig zu machen. Das erreicht man mit Perspektiven, Einfühlungsvermögen, Kreativität und kaum durch Druck. Die Idee vom Schnorrer, der uns alle Geld kostet, ist auf den ersten Blick gerechtfertigt. Lösungsansätze, mit Strafen Besserung zu erzielen, greifen zu kurz. Wenn Strafen je etwas gebracht hätten, wären Gefängnisse die reinsten Ideenschmieden und produzierten aus Inhaftierten wie einem wunderbaren Menschenmaterial die fleißigsten und nützlichsten Mitbürger anschließend ihrer Entlassung. Wenn Strafen abschrecken würden wie behauptet, müsste ein Trend erkennbar sein, dass weniger straffällig werden. Unsere Gesellschaft kapituliert vor dem Problem, dass nicht nur motivierte, regelkonforme Arbeitstiere hier sind, wie jede Gesellschaft vorher in der guten alten Zeit auch.

Jeder kennt das überhebliche Gefühl, es besser zu wissen, weil es gut läuft im eigenen Leben. Wir schauen herab, wenn wir meinen, oben zu sein. Auf eher amüsante Weise zu lernen, dass oberhalb von uns andere schauen, mag helfen. Verschiedenes bietet sich an zu begreifen, wie klein man ist und schwach, aber gerade glaubt, es sei andersherum. Ich erinnere einen überheblichen Elon Musk, wie er den Bewerber um das Kanzleramt, Armin Laschet, geradezu auslacht und stehen lässt beim Besuch in Deutschland. Das habe ich im Fernsehen aufgeschnappt, und kurz darauf scheiterte Laschet, diese Wahl zu gewinnen. Man hört nichts mehr von ihm. Aktuell geht das Leben weiter, kaufte Musk Twitter und macht selbst keine gute Figur. Man wird sehen, wie das ausgeht. Viele junge Menschen, die ihn bewundern und so sein möchten wie der Überflieger, dürften irritiert sein bei der Vorstellung, dieser wäre über Nacht ihr Chef geworden und sie würden ohne Erklärung wenige Tage später per Mail gekündigt. Das Leben ist ein Haifischbecken.

# Zu sich finden und los kommen

Sind Egomanen stark? Wir hatten diesen Witz aus der Zeit meiner Großeltern. Meint die Diva: „Oh, wie peinlich, jetzt haben wir die ganze Zeit nur von mir geredet. Was sagst denn du – hat dir mein neuer Film gefallen?“

Über Manager zu lesen, mag anregen. Ein starkes Selbst zu entwickeln, ist besser als mitlaufen. Jemand sein oder bloß drüber reden, was tatsächlich Stärke sei; man kann sich jetzt leicht prüfen. Wer häufig „ich“ sagt, sei labiler, erläutert ein Autor Retzbach. Das habe ich eher zufällig gefunden auf der Suche nach dem Begriff und seiner Definiton. Ein labiles Gleichgewicht ist nichts Schlechtes, aber ein labiler Mensch erliegt leicht Einflüssen, und das bedeutet eher den Verlust der Balance. Daran muss ich denken, weil zunächst das Wort „ich“ vom Intellekt her eine Leistung des Begreifens bedeutet. Eine Leistung ist gut, beweglich sein, heißt flexibel reagieren können. Hier wirkt „ich“ eher als ein Erkennungsmerkmal: Das Brandzeichen der Aussortierten. Der Psychologe schreibt, viel von sich selbst zu sprechen, sei ein Indiz für Depressionen und emotionale Instabilität (…).

Zitat:

„Personen, die vermehrt über sich selbst reden, neigen eher zu Depression und emotionaler Labilität.“ Und gekürzt weiter, (…) „immer aber sollten die Probanden entweder mündlich oder schriftlich ein bestimmtes Thema erörtern. Dabei ging es in den meisten Fällen um sie selbst, und die Aufgabe war oft auch emotional herausfordernd. So sollten manche etwa eine gescheiterte Beziehung beschreiben, andere die Höhepunkte und Tiefpunkte ihres Lebens skizzieren.

Je häufiger die Versuchspersonen dabei Pronomen der ersten Person nutzten, im Deutschen zum Beispiel „ich“, „mein“, „mich“ oder „mir“, desto depressiver und labiler waren sie im Schnitt. Das Persönlichkeitsmerkmal „emotionale Stabilität/Labilität“, auch Neurotizismus genannt, äußert sich etwa darin, dass man häufiger negative Gefühle erlebt und weniger gut mit Stress umgehen kann. Häufiges Ich-Sagen könnte demnach generell auf eine Neigung zu Ängsten, Unzufriedenheit und Unsicherheit hinweisen, so die Forscher.“

(Spektrum, 20. Juni 2018, Joachim Retzbach ist promovierter Psychologe und Wissenschaftsjournalist in Wiesbaden).

Zitat Ende.

Das hätte man auch ohne Versuch merken können, dass Menschen uns auf die Nerven gehen, die ständig von sich reden und isoliert sind, oft, ohne es selbst zu bemerken. Wer eine Reihe spannender Romane auf den Markt bringt, ist ein Autor. Wer sich sein Leben von der Seele schreibt, den sogenannten autobiographischen Roman zu Papier bringt, ist viel weniger Schriftsteller. Sich darüber zu erheben, scheint nicht zielführend. Immer stabil und obenauf lebt niemand.

Wie labil unser ich bleibt, kann jeder im Alltag testen. Selbstbewusst sein, bedeutet flexibel zu denken und die Dinge sowohl geschehen lassen wie lenken. Wer ist tatsächlich frei zu denken, was er möchte und kann sich dementsprechend darauf berufen, was ihm zusteht als eigene Leistung – ins Thema kommt der Leser irgendwo im „Anhalter“ von Douglas Adams. Das ist, als Arthur Dent beim morgendlichen Zähneputzen und dem, was man beim Aufstehen im Bad noch so tut, bemerkt, dass er (wieder) alles in der falschen Reihenfolge gemacht hat. Alleinverantwortlich und doch fremdbestimmt ertappt man sich, dass Dinge auf eine Weise laufen, die so gar nicht dem freien Willen entspricht.

Elternschaft gibt Kindern, welche ohne Mitbestimmung am zufälligen Ort ihrer Geburt ins Leben kommen, die nötige Starthilfe. Lehrer erweitern das Programm und möchten Jugendliche fit machen. Ihre Stimmen leiten uns an. Bestenfalls tritt dieser Rat allmählich zurück, wenn wir selbstständiger werden. Das Erbe dieser Anleitung ist eine erworbene Fähigkeit, mit der sich ein Mensch selbst zu leiten lernt. Auf diese Weise gewöhnen wir uns daran, in Worten zu denken. Man gibt sich selbst Rat. Mancher denkt mit der Stimme eines früheren Lehrers, bis das leiser wird. Vieles geschieht selbstverständlich nach Art und Weise, mit der jemand gewohnt ist, etwas zu tun. Es ist typisch, nicht mehr mitzubekommen, wie. Ratschläge können wie Schläge sein, wissen die, bei denen die Gedanken laut bleiben und sogar schimpfen! Es gibt Menschen, die strafen sich selbst für jeden Fehler ab. Anderen Hilfe zu geben, impliziert ein Gefälle. Starke können Schwachen helfen, aber die Definition der Rolle bedeutet, das Einsicht ins eigene Schicksal vonnöten ist. Abschließend dieser Sammlung von Beispielen noch eine Textstelle.

Zitiert ist das aus einem Interview mit Silke van Dyk, Soziologin, im Hinz und Kunzt Straßenmagazin, Hamburg, Ausgabe 357, November 2022, Fragen von Simone Deckner.

„Helfen ist immer hierarchisch“

„Sie sagen, dass auch Freiwillige enttäuscht sind, wenn ihnen nicht gedankt wird. Ist das so?“

„Ja, das ist auf jeden Fall ein Problem. Egal wie reflektiert die Leute sind: Helfen ist immer eine hierarchische Beziehung. Wir haben in unserer Forschung gesehen, dass viele, die Geflüchteten geholfen haben, bitter enttäuscht waren, wenn die nicht mit Ihnen befreundet sein wollten. Es gibt auch eine Tendenz, die Leute in ihrer Rolle zu halten, weil Helfer:innen ganz viel Bestätigung aus ihrem Engagement ziehen. Menschen kompensieren damit auch Anerkennungsdefizite aus ihrer Erwerbsarbeit. Das ist verständlich, aber für die Leute, die Hilfe bekommen, total schwierig.“

Zweites Zitat Ende.

🙂