Weil Hoffnung ändert

Weltbester von irgendetwas zu sein, ist nicht nötig. Weiter zu lernen, herauszufinden, was wichtig ist und vor allem dort zu suchen, wo es lohnt, schon. Im Jahr 2016 schien meine kleine Welt doch ganz in Ordnung zu sein. Das würde nicht so bleiben, so viel war uns schon klar. Nach seinem Schlaganfall war mein alter Vater Erich auf Hilfe angewiesen und wurde zu Hause von meiner Mutter gepflegt. Depressiv hoffte er auf gar nichts, sah keinerlei Zukunft für sich noch zu formen und lebte wie zur Strafe, nicht gehen zu können. Dass er dem traurigen Ende näher kam, konnten wir nicht ausblenden. Im Frühjahr wurde zudem eine ärztliche Untersuchung meiner Mutter notwendig; und scheinbar aus heiterem Himmel endete jede vertraute Vorstellung gemeinsamer Zukunft. Mit der feststehenden Diagnose ihres baldigen Todes konfrontiert, strukturierten wir die verbleibende Zeit, in der noch so viel geregelt werden musste. Es blieben wenige Monate dafür. (mehr …)

Einfach aufgehört

„Ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert“, wer das in meiner Kindheit über jemanden sagte, wertete ihn ab. Eine gängige Floskel, andere als altmodisch abzustrafen. „Mercedesfahrer mit Hut“ oder „lebt hinter dem Mond“ ging in dieselbe Richtung. Kurz nach der Jahrtausendwende trumpfte ein Bekannter mit dieser Neuinterpretation auf: „Ich bin ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert“, meinte er, verzweifelt über seine digitale Unfähigkeit. Ich konnte darüber lachen. Ein Humor, der nur bei denen verfängt, die als Kind mit Menschen konfrontiert waren, die vor 1900 geboren sind und erschrecken, dass sie inzwischen selbst abgestraft werden können. (mehr …)

Für immer geimpft

Frau Lot schaute zurück und wurde zur Salzsäule. „Ein Tod wie gewünscht“, beginnt Max Frisch ein Buch. Wer will denn leben? Mein Dasein ist zu einer Abrechnung mit früher verkommen. Eine Existenz ohne Zukunft. Mich interessiert nicht, etwas daraus zu machen. Ich schlachte (lustlos) die Vergangenheit aus. Ich beschäftige mich. Das kann man nicht gerade als Antrieb bezeichnen. Der Motor läuft, aber im Stand, und ich rolle zum Ende einer Startbahn. Dort geht es nicht in den Himmel. Kein Abgrund droht, in den ich stürzen werde.

Irgendwann bleibt meine Kiste einfach stehen.

Eine Karton mit Spielzeug, das ist meine Erinnerung. Die Zukunft werfe ich täglich weg. Es gibt keine Liebe, hat niemals eine gegeben und es wird auch keine geben: Weil ich nicht weiß, was das sein soll und keine Möglichkeit habe, es noch herauszufinden. Das ist vom großen Versuchsleiter der du bist im Himmel ausgeschlossen worden. Jedenfalls was mich betrifft. Ihr anderen, da mag es funktionieren, aber das ist mir inzwischen egal. Mein Professor im Studium und schließlich Freund (Jahrgang 1923), passionierter Pfeifenraucher, hatte im Alter seinen Geruchssinn verloren. Ich habe die Empathie verloren. Nur noch Spott befriedigt mich. Ein kurzes Glück, wenn man glaubt, den Doofen überlegen zu sein. (mehr …)

Die neue Freiheit

Ein bisschen Frieden, etwas Adolf und einige im Clan, etwas Bullenscheiße in und ohne Uniform, andere querdagegen, ein paar Putins und immer wieder Virus im Maskenland. Die neue Freiheit ist ego und egal.

Menschen klumpen sich, stehen zusammen, halten Abstand und schweigen eine Minute am Weltfrauentag, Weltgebetstag, Weltfukuschimatag, Weltklimatag, dem Weltleifmettertag und dem Ich-Auch-Tag. Weiße Weste durch die freie Wahl der Moral: Weltwaschtag oder Hashtag-MeToo, was willst du?

Für alle was dabei.

Die Bundestagswahl bringt jeder Partei etwa zwölf, dreizehn Prozent (Nichtwähler und Sonstige inclusive), und dann dauert es ein Jahr, bis Christian Lamentierer aus den Koalitionsverhandlungen aussteigt, irgendetwas Kanzlers wird. Gelenkte Anarchie, das ist die Zukunft. Ein wenig Malle, etwas mehr Föderalismus wagen und wieder ein neuer Impfstoff auf dem Markt. Gute Geschäfte, Kriegsgewinnler hier und da: zerstörte Träume der Studenten, Gastwirte im Konkurs. (mehr …)

Der harte Knochen

Ein Baby hat Hunger, schreit: Mama kommt. Weißt du es noch? Etwas juckt, du brüllst, und Mama ist da. Sie bietet dir die Brust, Nahrung und Liebe, singt versuchsweise ein Lied, was weiß ich. Bis sie begreift, was los ist. Dann bekommst du einen neuen Strampler angezogen und wirst weich gebettet. Das ist gefühlte Allmacht. Der Wichtigste kommandiert, und es geschieht sofort.

Die Gute Nachricht, Matthäus schrieb auf, wie ein Soldat spricht. „Sag ich einem Mann: „Komm!“, dann kommt er. Sag ich: „Geh!“, geht er. So redet ein Hauptmann, der zu befehlen gewohnt ist. Und der Rekrut rennt los. Wenn ein Baby älter und zum Kind wird, tritt das „Nein!“ der Mutter mehr in den Vordergrund. Die größere Wirklichkeit setzt die Grenzen enger. Wir müssen einsehen, dass es nichts ist mit unserer Allmächtigkeit auf Erden. (mehr …)