… verarscht für immer. Etwas ging kaputt. Meine Geschichte vermischt sich mit der Gegenwart: Meine Freundin für die Pause im Leben, die Künstlerin – verplantes Theater – kramt hektisch, kann den Studentenausweis, der zur Ermäßigung an der Kasse geführt hätte, nicht finden. „Sie studiert in Schottland!“, sage ich eifrig, unterstützend. Ich erinnere mich, als wäre es Gestern; sie ist der liebenswerte Chaot! „Ich muss lernen, mich besser zu organisieren“, sagt sie in so einem Fall. Die Überzeugung mit der ich’s vorbringe: „Edinburgh“, genügt an der Kasse. Man glaubt uns: Wahrscheinlich Vater mit Tochter (beide rothaarig). Ich bezahle für uns zwei. Vorbei – so ein schöner Tag war das – vor einigen Jahren besuchten wir die Kunsthalle in Hamburg.

Dann, daran anschließend und kaum geplant, herumlaufen. Wir nutzen den Rest, der vom Tag noch übrig bleibt – für eine Verlängerung der Zeit. Hauptsache reden und gehen, ein orientierungsloses Kreuzen in der City rund um den Bahnhof: „Wo ist wohl ein Café, warst du hier schon mal, wo ist das Klo?“ Grüner Tee, Kaffee – und ein paar Skizzen machen, schauen: Haare hoch, dann wieder offen … wir fahren mit dem Bus. Die Erinnerung bleibt, und nie mehr gehe ich in so eine Halle, die voll ist mit guten Bildern. Die sind alle in meinem Kopf.

Früher habe ich gute Bilder geliebt. Als Student lernte ich die qualitativen Unterschiede gelungener Komposition, die Schönheit gekonnter Malerei der verschiedenen Stile verstehen. Ich war häufig in der Kunsthalle am Hauptbahnhof. Heute mache ich einen Bogen um faszinierende Kunst. Die armseligen Bildchen der HobbymalerInnen kann ich anschauen. In hochkarätige Ausstellungen gehe ich nie mehr, aber nicht wegen der Pandemie.

Posthum gewürdigt, der geniale Fotograf und seine wunderbaren Porträts: Die Lindbergh-Ausstellung wird im Fernsehen beworben? Das zappe ich sofort weg. Ich ertrage gute Kunst nicht, aus Ärger über verlorene Werte. Ich kann das nicht rückgängig machen. Es ist die grundsätzliche Abrechnung mit der Vergangenheit, Schluss machen. Nie ins Kino! Begeisterungsfähigkeit wird meiner Gesundheit gefährlich, eine Grundsatzentscheidung: Empathie und dergleichen ist ein Unkraut, das tunlichst beseitigt wird.

Etwas zu glauben, hat mit Vertrauen zu tun. Partnerschaften wären ohne ein Mindestmaß an Vertrauen in das Gegenüber undenkbar. Ausgeklügelte Verträge werden erdacht, um Beziehungen zu gestalten, bei denen es um viel Geld geht. Aber in meinem Fall hat Geld keine Rolle gespielt. Da sind grundsätzliche Werte verloren gegangen. Liebe, das wäre ja noch mehr, als sich nur zu mögen. Darüber müssen wir nicht reden. Meine Grenze ziehe ich früher, schmeiße jede pauschale Unterstützung für andere (weil es sich gehört) weg. Ich kann freundlich sein. Ich bin fröhlich. Aber nicht immer.

Mein Vater wurde 1932 geboren. Er hat sich immer über den typischen Unterricht der Schulen geärgert, uns Kindern würde die Geschichte verdreht. Adolf Hitler wäre in jedem Fall an die Regierung gekommen, und wenn nicht er, dann jemand anderes mit ähnlicher Strategie. Die diabolische Sogwirkung des Demagogen relativierte er gern mit seiner Ansicht, die zerstrittene Demokratie der Weimarer Republik hätte den Nährboden für eine radikale Politik gelegt. (Mein Vater gefiel sich darin, Zeitzeuge zu sein, und er war politisch ungebildet).

Erich vertrat die Auffassung, dass die Nationalsozialisten zwingend an die Macht kamen, wegen dem allgegenwärtigen Chaos vorher, ob nun mit Hitler oder einem anderen Führer. Straßenschlachten verschiedener Gruppierungen, Schlägereien in der Kneipe, eine instabile innenpolitische Lage ging dem Nazi-Übel voraus. Der einfache, unbeteiligte Passant auf dem Bürgersteig war nicht sicher. Er erzählte, dass seine Mutter – meine Oma Lina, die wir ständig um uns hatten und die die ganze Familie bekochte, da meine Eltern in ihrem Geschäft arbeiten mussten – mit ihm als Baby im Kinderwagen in einen Hauseingang geflüchtet war.

Schießereien zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten auf offener Straße waren nicht ungewöhnlich. Eine Kugel hatte das Verdeck durchschlagen! Wenige Zentimeter tiefer, und es hätte unseren Vater Erich (und damit auch die Familie) nicht gegeben. So wurde das in der Küche erzählt, wenn wir alle Mittags zusammen kamen. (Wir hörten diese Geschichte oft. Es gab noch Steckrübeneintopf, wie in der schlechten Zeit, und meine Oma wusste, wie man das kocht).

„Adolf Hitler konnte im offenen Wagen durch die Massen fahren, und die Leute jubelten“, erzählte mein Vater. Ich glaube, dass ihn vor allem schockierte, wie begeistert die Gesellschaft von ihrem Führer gewesen war und uns Kindern in der Schule beigebracht wurde, das Böse selbst an dieser einen Person Hitler festzumachen. Der Beliebtheitsgrad eines Anführers als grundsätzliche Täuschungskraft: Der konnte offen fahren – und Kennedy hatte jemand erschossen. Man muss nicht Politik studieren, um diese Relativität erstaunlich zu finden.

Mein Vater begeisterte sich für Adenauer und Erhard und wurde überzeugter Demokrat. Je älter er war, desto mehr kollidierten seine einstigen idealisierten (und durch das selbst erlebte Wirtschaftswunder angefachten) Leitbilder mit der Realität. Individuelle Enttäuschungen nahm er zum Anlass, anderen dafür die Schuld zu geben. Das hatte genau genommen wenig mit der Politik zu tun – aber: Die Bundesrepublik hatte immer offensichtlichere Fehler. Mein Vater war kein Baby mehr im Kinderwagen, hilflos. Er wollte und durfte mitbestimmen. Seine Erwartungen an die Gesellschaft waren hoch, denn es war Krieg gewesen, dann immer besser geworden und nun gab es Widerstand. Das passte ihm nicht. Er begann zu maulen, lehnte pauschal viel ab. Persönliches mischte sich mit objektiven Beurteilungen auf bedenkliche Weise. Ich bekomme heute eine Ahnung, wie es sich angefühlt haben muss. Wir sind anfällig dafür, die anderen zu beschuldigen. Die Gesellschaft straft ab. Selbstgerechtigkeit ist ein gefährliches Unkraut und durch Bestrafung wächst es noch hoch.

Menschen sind in der jeweiligen Gegenwart so gut nicht. Die sich daran begeistern, die Vergangenheit neu zu bewerten und Straßen oder eine Kaserne umbenennen, werden kaum verhindern, dass Massen zornig aufbegehren, wenn der Lebensstandard in Gefahr ist.

Die schöne Neue Welt hat das Virus. Meine Kunst ist die Beobachtung. Ich schaue hin, heute ist immer: Die Spitze fährt offen. Politik zum Anfassen hier im Dorf, eingefrorene Strahlkraft, schön wie fotografiert. Beliebt. Fährt mal grün, mal rot, mal offensiv – die Bürgerin für ihre Bürger laviert gekonnt. Das großartige Plakat radelt vorbei. Sie muss lächeln.

Ich kann.

Die Freiheit bleibt der Kunst: Ich werfe mein Leben weg, jeden Tag. Es geht ohne leitende Ideen, den moralischen Anspruch, alte Vorbilder. Ich opfere meine Ideale, kann die Vergangenheit zurück lassen und fahre auf Sicht. Es gibt keine Zukunft, das denke ich und arbeite nicht für Geld, nicht für Anerkennung, nicht für die Liebe in einer Beziehung. Ich male, weil der Alltag erträglich wird, wenn man tut, was man kann. Je weniger lang meine Zukunft sein wird, desto besser. Warum Menschen gerne leben? Das sagen ja viele – ich glaube, sie sind einfach unbewusst ihrer Gefühle und schlicht dumm. Ich lebe nicht, ich überlebe; und kann das sogar genießen. Wie lange noch, ist nicht wichtig.

Da wir uns das schwerlich aussuchen können, wir schalten uns nicht einfach ab und können genauso wenig die alten Ideale und Träume wieder lebendig werden lassen, bleibt die Arbeit an einer Fähigkeit als verbleibende Befriedigung. Der Wunsch gemocht zu werden, ist eine Schwäche, die ausgenutzt wird und schließlich der Grund für pauschalen Hass. Zurückgewiesen oder vorgeführt zu werden, zeigt die Undurchschaubarkeit menschlicher Gefühle, da immer viele verschiedene Menschen und deren persönliche Vorteilsnahme unsere Wünsche zu Fall bringen. Wir scheitern an der Spitze des blonden oder rothaarigen Eisbergs. Wir kennen die Motive dahinter nie.

Das Leben zu genießen, ist einzig möglich in der Perspektive, die alten Werte jeden Tag wegzuwerfen. Beinahe die Bereitschaft, die Existenz täglich aufs Spiel zu setzen, um Enttäuschungen wider besseren Wissens vorzubeugen. Dem einzelnen Gegenüber misstrauisch bleiben, oberflächlich zu plaudern, bedeutet dem großen Ganzen mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Der Glaube daran, dass letztendlich das Gute siegt, gelingt eher mit Selbstvertrauen und pauschaler Distanz zum einzelnen Partner.

Eine bittere Erfahrung.

Aus Erfahrung klug werden, bedeutet innehalten zu können und die Bereitschaft dafür auszubilden, einen anderen Weg einzuschlagen als gewohnt. Wählen zu können oder eine Wahl die nicht nützt zu verweigern, heißt selbst zu entscheiden. Können bedeutet, etwas nicht zu müssen, und diese Freiheit macht spontane Fröhlichkeit erst möglich. Soziale bleiben gefangen in Ansprüchen. Sie dürfen nicht egoistisch handeln und müssen doch um die Macht kämpfen. Das Vermeiden von Angst und Hass wird ihr Dauerlächeln: Ehrenamtliche, Politiker, Polizisten und Kirchenleute müssen von Beruf her das moralisch Gute vertreten und scheitern nicht selten an der Größe dieser Aufgabe.

Vertrauen in die Politik, die Ordnungskräfte und die selbstverständlichen Freundschaften, das hat Schaden genommen. Der Verlust meiner natürlichen Fähigkeit, erst einmal pauschal empathisch auf andere zu reagieren, scheint mir endgültig. Ein Vergleich mit der bedrohten Natur drängt sich auf: Als wären die vertrauten Haustiere Hund, Katze und Pferd unwiederbringlich ausgestorben wie der Brontosaurus.

Dinosaurier brauchen wir ja nicht.

Es geht zu leben ohne alles. Ein Krieg, und die Einschläge sind näher gekommen. Alte Freunde wurden getroffen. Bleibt nur, zu arbeiten. In meinem Fall bedeutet es zu malen, die Kollegen ignorieren. Meiner früheren Begeisterungsfähigkeit keinen Raum zu geben, ist nicht etwa Ignoranz. Das ist Selbstschutz. Die Gesellschaft ist das notwendige Übel. Die Demokratie – schön, dass es sie gibt. Früher war ich begeistert davon, aber ich empfinde nichts mehr. Ihr bringt meine Visionen zu Fall und ich eure.

„Dagegen“ geht immer.

In Stuttgart gibt es auch eine Kunsthalle wie in Hamburg, aber es heißt nicht „Halle“ – die haben was Besseres: die Staatsgalerie! Ich war schon drinnen; früher bin ich gern gegangen. Bei uns auch häufiger, man kann mal eben mit der S-Bahn hinfahren. In Hamburg bin ich zu Hause, und hier kenne ich mich aus. Die aktuellen, aggressiven Bilder aus Baden-Württemberg ähneln denen vom G-20-Gipfel bei uns, und mich wundert es nicht. Jeder hat in den letzten Jahren seine Erfahrungen mit Enttäuschungen gemacht, viele beklagen den Werteverlust. Einige haben die persönliche Form für ihren Zorn finden müssen. Da ist entsprechend der jeweiligen Existenz eine ganze Bandbreite von mehr oder weniger extremen Ausbrüchen in unsere Welt gekommen.

Der Bundespräsident wirkt wie ein Zauberkünstler, dem nicht klar ist, dass wir seine Tricks bereits kennen. Ein Komiker, der Witze von Gestern erzählt, und wenn er Werte beschwört, lachen die Leute. Einige lachen nicht, sie treten zu. Der hilflose Staat bemüht die längst verpufften Ideale der Alten, die noch wussten wofür sie kämpften, was sie motivierte, etwa zu malen oder schlicht Brötchen zu verkaufen, und andere rufen heute nach harten Strafen. Bedenklich. Wertschätzung ist zu einer Worthülse geworden. Werte sterben aus, wie der Glaube an den Weihnachtsmann.

Die neue Gesellschaft wird erwachsen sein – oder in naiver Herde untergehen.

Schaun wir mal – (zu).

: