Es gibt nur einen Papst auf dieser Welt, die anderen Religionen sprechen mit den vielen Stimmen ihrer jeweiligen Prediger. Hierhin und dorthin weisen sie die Gläubigen, die sich für einen Gott entschieden haben, der ihnen gerade passt. Die Kirchen bei uns klagen über Mitgliederschwund. Der Missbrauch ist weiter das Thema bei den Katholiken, und wenn Herr Bedford-Strohm spricht, klingt er wie der Frank-Walter aus dem Bellevue. Der Bindestrich verbindet beide irgendwie. Als ich jung war, wurden wir in der Schule vor Sekten gewarnt. Schon immer hatte der Glaube diese gefährliche Seite, dass Menschen bereit sind, sich religiöser Führung unterzuordnen und andere es ausnutzen. Kann der Mensch sich seinen individuellen Gott maßgeschneidert designen? Es scheint zu funktionieren. Das moderne Bild vom lieben Gott, der gut in eine smarte Welt passt, Frauenrechte und sexuelle Vielfalt bejaht, hat sich erst mit den Jahren entwickelt. Parallel zum differenzierten System unseres Rechtsstaates formulieren moderne Prediger angepasste Spiritualität, die jeden in der Gesellschaft mitnehmen kann. Andernfalls verlassen Ausgegrenzte diese Kirche wie einen Verein. Die Gruppe derjenigen, die nicht Mitglied einer Glaubensgemeinschaft sind, sich jedoch nicht zum beherzten Atheismus durchringen können und weiter „irgendwie“ suchen, ist groß geworden.

# Kein Stress mehr mit dem Herrn Jesus

Der moderne christliche Gott scheint sozial unterwegs zu sein, so beschreiben manche das Wirken und Wollen, entsprechend unser Sollen; prägend ist seine wohlmeinende Gesamtheit – wie die demokratische Regierung, die das Beste für uns alle will. In der Politik ist nicht angreifbar zu sein empfehlenswert, um gut voranzukommen. Dementsprechend groß ist die Sehnsucht nach Menschen, die noch klare Kanten aufweisen. Die Vereinigten Staaten haben gezeigt, welche Risiken das birgt. Ein Donald Trump kann nicht Präsident einer demokratischen und vielfältigen Gesellschaft sein. Die uns alle betreffenden Probleme werden dazu führen, dass der kollektive Druck auf einzelne zunimmt. Gerade die Anführer der großen Kirchen hätten die Möglichkeit, ihre Stimme für den Gläubigen an sich zu erheben und weniger die geschmeidige Gesamtheit als erstrebenswertes Ziel. In unserer Zeit, wo sich zunehmend Gruppen für manches profilieren, sollte dem Einzelnen ein Angebot gemacht werden, sich besser zu verstehen. Weil bekannt ist, wie diktatorische Züge an der Spitze vom Staat dazu führen, dass das System in Schieflage gerät und in der Folge das Unrecht, andere auszugrenzen Staatsräson ist, möchte die Kirche nicht ins Hintertreffen geraten und stößt ins soziale Horn: Was allen diene, sei auch Gerechtigkeit für jeden einzelnen.

# Fühle, wie es sich für alle gleich gehört?

Wer bin ich denn, wenn die Schule aus ist und das Erwachsenenleben beginnt? Zu Moses Zeiten ein Familienvater, der seine Leute durchbringen muss: ein Mann. So formt sich die bekannte Großfamilie und hat zwei oder drei Probleme. Beim Pharao ist es scheiße, und der Weg durch die Wüste in das gelobte Land ist weit. Buchstäblich eine Durststrecke. Kein Wunder, dass der Anführer ein paar Gebote für seinen wandernden Wüstenstaat ganz gut gebrauchen kann. Sicher haben die Juden, die nach dem Ersten Weltkrieg das damalige Palästina (nach der Balfour-Erklärung) besiedelten und schließlich den modernen Staat Israel gründeten, ähnlich empfunden. Auch der gewöhnliche Amerikaner mag sich dran erinnern, wie das Gebiet, das heute die Vereinigten Staaten von Amerika darstellt, besiedelt wurde – und sich deswegen Israel verbundener sehen, als manch’ anderer mit weniger der Identität, irgendwo für einen Neuanfang weggegangen zu sein. Was dem einzelnen hilft, der im Land bleibt, aber von Menschen umzingelt ist, die anders empfinden, lehrte Jesus und wurde zum Begründer der christlichen Religion. Die Homosexuellen als Gruppe mit gemeinsamer Identität oder die Menschen mit Migrationshintergrund (in einem Ausland für sie) bei uns Lebenden und die Jugend, die vom Verhalten der umweltfeindlichen Erwachsenen in ihrer Zukunft bedroht ist; das sind Beispiele für moderne Großfamilien. Bleibt noch der einzelne Mensch, der Zugehörigkeit zum Ganzen sucht. Seine individuelle Perspektive muss er erst entwickeln, wie eine Aufgabe lösen. Sogar als Migrant unter anderen, die hier pauschal Ausländer genannt werden, ist jemand zunächst für sich selbst verantwortlich. Wenn ich nicht durch Herkunft oder Hautfarbe eine Schublade bekomme, in die mich die Umgebung steckt, bleibt die Herausforderung, die eigene Kiste, das persönliche Boot für eine gute Reise erst einmal selbst zu zimmern.

# Herr Rossi sucht das Glück

Beim Regattasegeln heißt es, wer die wenigsten Fehler mache, gewinnt. Der Bildhauer glänzt mit dem Spruch, er müsse nur alles Falsche vom Block weghauen, das Pferd (oder was es sei) wäre schon im Stein gewesen. Und vom Schwimmenlernen wissen wir, dass Anfänger zu viele Bewegungen machen, bis nur noch welche ausgeführt werden, die dem Vorgang tatsächlich nützen. Das Leben gelingt also leichter, wenn jemand weniger Fehler macht. Zu kommunizieren, ist wesentlicher geworden. Wir stehen mehr als früher im Austausch mit anderen. Es erfolgt ein ständiger Abgleich, wie in einer Partnerschaft oder zusammen mit Freunden, Kollegen richtigerweise etwas unternommen wird, das bereits methodisch erforscht wurde. Das bietet unendliche Vorteile, da eine unglaubliche Flut an Erfahrungen geteilt wird, aber auch einige Nachteile, zum Beispiel effizientes Mobbing.

Wir kannten, dass Feuerwehrleute und Polizisten sich auf eine gestelzte Art und Weise äußerten, wenn sie im Fernsehen zu einem Unfall oder Verbrechen Stellung beziehen mussten. „Der Verunfallte, die männliche Person, ist in seiner Eigenschaft als … unterwegs gewesen.“ So reden wir unter Freunden nicht. „Dieser Typ arbeitet bei der Firma dahinten, und da vorn hat es gekracht“, beschriebe uns ein Bekannter, was passierte. Beamte und Helfer sprechen eine Berufssprache. Die seit dem Aufkommen des Fernsehens in den Siebzigern bekannten Floskeln erreichen mit dem Genderstreit die Politik und haben die Sprache insgesamt erfasst. Nie jemanden auszugrenzen, vermeidet verbale Angreifbarkeit, wie früher nur Polizei oder Feuerwehr aufpassen mussten, Persönlichkeitsrechte zu wahren, Ermittlungsdetails geheimzuhalten und dennoch zu informieren, nicht für deplatzierte Äusserungen belangt zu werden. Die Flut von Wortmeldungen wird unsere Sprache noch mehr ändern. Da können Menschen, die im geschlechterneutralen Sprechen schlicht Blödsinn erkennen, keinesfalls gewinnen. Nächste Generationen finden nichts falsch daran, alle mitzunehmen und werden sich auch unter ihresgleichen äußern wie gegenwärtig die Offiziellen.

Ich käme wohl kaum auf die Idee, privat von den Mitseglern und Mitseglerinnen auf meinem Boot zu reden. Auf die Frage nach meinem „Vorschoter“ sage ich: „Sie (oder nenne ihren Namen) ist mein Mitsegler“ und empfinde das als normal. So war es üblich. Das wird sich ändern. Sprache ist selbst zu einem Instrument geworden, weil wir häufiger als je zuvor eine technische Apparatur dafür benutzen? Wir schreiben hin, was wir sagen, und es bleibt. „Fasse dich kurz“, war früher ein Hinweis, wie korrekt zu telefonieren sei. „Wir sehen uns morgen Nachmittag um drei“, sagte man, und bis zu diesem Moment fand keinerlei Abstimmung mehr statt. Den verabredeten Treffpunkt musste man finden, ohne den gesamten Weg bis zum letzten Meter auf das Smartphone zu schauen. Während zu kommunizieren nur einen Teil des Lebens ausmachte, ist das heute eine andauernde Beschäftigung geworden. Es ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unseres Daseins und existentiell.

Damit hat die Sozialisierung Ausmaße erreicht, die Ältere erstaunt, wenn sie denn fähig sind, die Veränderung bewusst zu registrieren und ihr Verhalten anzupassen. Nur zu oft werden Unbewegliche mitgenommen, ohne zu begreifen, wie es ihnen geschieht. Wenn nun alle öffentlichen Äußerungen – und durch die Digitalisierung ist vieles öffentlich, das früher privat still vonstatten gegangen wäre – dem sozialen Abgleich der Korrektheit unterworfen sind, muss die gruppenweise Bindung individueller Standpunkte zwangsläufig über banale Einzelmeinungen siegen. Es sei denn, diese wären tatsächlich originell, wirklich neu und auf eine intelligente Weise zielführend. Mehr denn je sollte die verbale Klugheit den Sieg über dumpfes Mitlaufen erringen können, wenn zu kommunizieren ständigen Angriffen ausgesetzt ist. Jede wirklich selbstbewusst vertretene Ansage, die einem logischen Konzept folgt, muss zwingend Follower auf den Plan rufen. Eine Gruppe, die böswillig zum Ziel hat, Einzelne zu beschädigen, dürfte nach anfänglichen Erfolgen durch alltägliche Fehler Schwierigkeiten bekommen, weil Fakes mühsamer zu installieren sind, als den Weg eines Menschen zu gehen, der redlich seiner Motivation folgt. Der Unterschied zu früher besteht darin, dass es mehr Gruppen gibt, sie sich leichter bilden, wenn ungewöhnliche Formen des Verhaltens und neue Ansichten bekannt werden und diese nun gern torpedieren. Egal ob derjenige welcher polarisiert, es offen mitbekommt oder eine klebrige Melange der Gegner verdeckt unterwegs ist – entscheidend bleibt das Selbstbewusstsein des Individuums, in verbaler Welt zu überleben oder sogar zum meinungsbildenden Anführer zu werden.

Gerade deswegen sollten wir Stimmen begrüßen, denen es gelingt, dem kollektiven Druck, was dem Gesamten nütze, mit einer originellen Idee Widerstand zu leisten. Es ist üblich geworden, mit der sozialen Keule zu drohen. Die wohlmeinende Forderung, das große System zu stärken (und dass es uns gut ginge, beteiligten wir uns daran) ignoriert schon mal, dass der Einzelne selbst ein empfindsam fühlendes System ist, das mehr als abstrakte Worte bedeutet. Jeder Mensch ist eine kleine Ordnung. Was jemand sagt und denkt, entspricht bestenfalls Ideen, die derjenige untrennbar von den Gliedmaßen, seinem Rumpf, Schädel und typgemäßer Kleidung im Ganzen darstellt und lebt. Ein nicht unerheblicher Teil der Menschen verhält sich aber so, als würde (bildlich gesprochen) Deutschland tun, was Dänemark (resp. Frankreich, die Vereinigten Staaten) befiehlt; also sinnbildlich fremdmotiviert ist das Verhalten Einzelner, die doch über ihr eigenes System verfügen könnten.

Das Wort vom Querdenker war anfangs nicht negativ wie heute, wo Verschworene einen Block formen, der auf diffuse Weise gegen die breite Meinung einen unklaren Gegenpol bildet. Wir sollten darüber froh sein! Vergleichbar mit einem Biotop, werden hier die neuen Meinungen wachsen, die später wirklich belastbar sind. Quatsch kann sich nicht behaupten.

Es mag so sein, dass geborene Künstler auf die Welt kommen oder Manager, aber wahrscheinlich ist es nicht. Kommen Schwerstkriminelle mit einem Gen dafür und einer dementsprechend vorgezeichneten Laufbahn als talentierte Mörder zur Welt oder ist es von Beginn an klar, das Dasein als psychisch kranker Zeitgenosse fristen zu müssen; ich glaube nicht daran. Es heißt, Autismus sei erblich? Das zweifle ich an. Einige Beschreibungen mögen skizzieren, was ich denke.

Da ist die Mutter einer entsprechend diagnostizierten Tochter, inzwischen ein Teenager. Das Leben dieser Familie wird durch die Erkrankung des Kindes bestimmt. Die in einer Doku anstrengenderweise nervende, von sich mehr als nur überzeugt auftretende Frau beherrscht den Film. Das mag mein subjektiver Eindruck sein. Sie hätte „vom ersten Moment an, schon gleich nach der Geburt am Ausdruck der Augen ihres neugeborenen Mädchens erkannt“, dass dieses krank sei. Die Penetranz mit der sie, zur Dauerpflegerin mutiert, alles darstellt, was rund um dieses Sonderkind getan wird, weckt in mir die Lust, die Frau sofort aus dem Verkehr zu ziehen. Jedenfalls weg vom beinahe erwachsenen Kind, so angewidert bin ich. Für mich ist das eine Zuweisung des Fehlers, der Störung ausschließlich ans Kind, um keinesfalls selbst angegriffen zu werden. Dazu kommt spürbar der Wunsch, als barmherzige Pflegemutter geadelt und anerkannt zu sein.

Ein Erwachsener kann sich dem sozialen Druck der Umgebung entziehen. So jemand kann einschätzen, wofür er bestraft würde und sich entsprechend risikobereit oder defensiv in die Gesellschaft einfügen. Ein heranwachsendes Kind kann sich dem Drängen, täglichen Forderungen an das gewünschte Verhalten und der Strafe, falls es den Eltern nicht genügt, nur stellen, wenn es im nachvollziehbaren Verhältnis Freiheiten, Grenzen und Liebe erfährt. Viele meinen, es sei wie es ist und ein Charakter bestimme. Und wenn nicht dieser, dann lege ein Gen uns sowieso fest. Das ist gemein und dumm. Die aus dem Boden sprießenden Hundeschulen könnten uns lehren, dass die blödesten Köter stets an der Hand von frigiden und frustrierten Ziegen laufen. Ein Babyersatz beißt noch zu, eine Kinderseele schreit, bis ihr auch das verboten wird.

Ich kenne drei Frauen, die ein vergleichbares Schicksal teilen wie diese Mutter in der Dokumentation. Ihren Kindern wurde die Diagnose Asperger verschrieben, nachdem die Entwicklung einen schwierigen Verlauf genommen hat. Meiner Auffassung nach ähneln sich die Frauen im vergleichsweise plakativen Ausdruck. Eher arm an Mimik, präsentieren sie anderen ihr Gesicht schön, aber auf individuelle Weise immer gleich. Das wirkt erwachsen und beherrscht, ist aber möglicherweise schwierig für ein Kind zu verstehen, darin begriffen zu lernen welche Bedeutung dahinter steht. Ich könnte mir vorstellen, dass nun andere Prioritäten vorherrschen, das Gehirn selbst zu verwenden: Kinder also Dinge lernen, die sich gut anfühlen, intelligent sind und erst Schwierigkeiten machen, wenn sich die Bedingungen ändern, vermehrt andere Menschen auftauchen. Damit erfolgt eine Anpassung, die so lange effizient ist, wie die Familie unter sich ist und formt ein kleines Gehirn, das nachweislich untypisch geprägt ist. Ich mag hier als vollkommener Laie weit über das Ziel einer hilfreichen Einschätzung pauschal hinausschießen.

Außer dieser massiven psychischen Störung gibt es eine Reihe von anderen, welche die Entwicklung junger Menschen beeinträchtigen, und neben oft früh diagnostizierten Depressionen oder selbstverletztenden Erkrankungen wie das Ritzen, ist besonders die manische Phase einiger Depressionen bzw. die schizophrene Psychose in ihren unterschiedlichen Formen ein Schock für alle Betroffenen und Angehörige. Auch weil die jungen Menschen bereits am Anfang eines selbstständigen Lebens nach Abschluss der Schule davon erwischt und aus der Bahn ihres Lebens geworfen werden. Das geschieht für die engere Familie überraschend, während Außenstehende durchaus früh bemerken könnten, dass etwas nicht stimmt.

Alle psychischen Krankheiten haben gemein, dass sie soziale Störungen sind. Mal davon abgesehen, dass wir uns über die Erblichkeit streiten oder frühzeitige Erkenntnisse theoretisch nützen würden, sollte im Vordergrund stehen, was getan werden kann, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen“ ist. Dabei ist kritisch zu sehen, dass die Spezialisten insgesamt helfen mit Medizin und Therapie selbst- und fremdgefährdendes Verhalten zu minimieren, aber Menschen dauerhaft zu Patienten umerklären. Diagnostizierte, die in der Folge nicht selten ein Leben lang vom Arzt begleitet werden.

Eine leistungsorientierte Therapie, die den Anteil der Behandlung des Arztes zur vollständigen Gesundung des psychisch Kranken, dass er keinerlei Medikamente benötigt und die Ziele seiner Existenz durch diese anfängliche Unterstützung bis in eine Unnötigkeit, weitere Hilfe zu brauchen, begreift und erreicht, ist selten erkennbar. Dazu kommt, dass der überforderte Hausarzt aufgesucht wird oder der nächstbeste Psychiater. Im glücklichen Einzelfall gelingt es von psychischer Krankheit Betroffenen, die Ausrichtung an der Umgebung dahingehend anzupassen, dass ihnen ihr Selbst schließlich klar erkennbar wird. Dann kann noch vieles gut werden.

Wir haben jetzt die Möglichkeit selbst zu wählen, was wir lernen möchten. Können Wege gehen, ohne dass es uns gesagt wird, was gut sei, auf eigenes Risiko hin leben wie die Gesunden. Unsere Fehler: Möglicherweise vorausgegangene emotionale Wechselbäder, von den Eltern (oder einem Elternteil) mal gemocht zu werden und dann wieder nicht, überfordert von den aufgezwängten Aufgaben, mögen eine Reihe von Anläufen nach sich gezogen haben, kurioserweise nach ebensolchen Partnerschaften zu suchen. Anderen nachzulaufen, welche zu begehren, die wechselnd liebend oder manipulierend Menschen für uns werden, unzuverlässige Rahmen bilden (wie früher zu Hause) bedeutet, in diesen Konstellationen zu kollabieren, in toxischen Verbindungen zu scheitern.

Selbstbewusstsein meint nicht, damit vertraut zu sein, was die anderen sagen und es entschiedener als diese auszusprechen. Das hieße Follower zu werden und ist meistens dumm. Sich bewusst sein, bedeutet allgemeine Thesen daraufhin zu prüfen, inwieweit sie individuell verträglich sind. Dazu ist Empfindsamkeit nötig. Sport, Kraft und Ausdauer werden empfohlen, psychologisches Training auf der anderen Seite, aber Kraft oder Belesenheit führen kaum zum Ziel, wenn wir uns nicht als individuelle Einheit bemerken und ob uns etwas gut tut. Was wir alles vermeiden sollen: die verkehrte Ernährung, den zu großen biologischen Fußabdruck, andere zu verletzen, die Liste ist lang. Warum sollten wir uns an alle diese Sachen halten? Individuelle Freiheit und entsprechende Vitalität, natürliche Leistungsfähigkeit, freiwillige Disziplin auf ein selbstgestecktes Ziel hin, können nur unter persönlicher Auswahl der vielen Möglichkeiten und Regeln zu unserem eigenen Erleben werden. Was ich möchte, unterscheidet sich durchaus von dem, was ich tun sollte. Wenn beispielsweise klar ist, dass eine Impfung dem System Deutschland, Europa oder der Menschheit insgesamt nützt, lohnt es kaum das zu ignorieren. Da sollte ich dem Aufruf folgen und das wird nutzen, die Pandemie schnell zu beenden.

Ich bin aber nicht die Menschheit insgesamt, empfinde zunächst einmal für mich ganz allein; und dann möchte ich bocken: weil ich mich als einzelner Mensch weit weniger gefährdet sehe, als die Gesamtheit und Funktionalität des Ganzen. Besonders, wenn ich für mich bleibe und Kontakte gering halte. Das Ganze wird durch die Leitung desselben vertreten, und die sagt mir, was ich tun sollte. Das macht durchaus Sinn. Wenn Helge Braun, so habe ich den Sprecher der Regierung vor wenigen Tagen verstanden, mahnt, in diesem Herbst würden sich samt und sonders die Ungeimpften infizieren – dann müssten etwa dreißig Millionen Menschen in wenigen Monaten an Covid erkranken um alle miteinzubeziehen. Drei Monate dauert der Herbst, das hieße etwa zehn Millionen neu Erkrankte pro Monat. Das wären dreihundertdreißigtausend neue Infizierte am Tag. Und der Chef der kassenärztlichen Vereinigung prognostiziert das Ende der Pandemie zum Frühjahr, das passt zusammen. Mit dieser Mathematik gehen erwachsene Menschen in anerkannten Positionen an die Öffentlichkeit. Tatsächlich droht der Kanzleramtsminister nur damit, dass die Geimpften nicht erkranken und deswegen die Ungeimpften den Lockdown, falls das nötig würde, verschulden. Da kann er auf Nachfrage sagen, er hätte gemeint, nur Ungeimpfte erkranken, und nicht, dass die allesamt im Herbst die Krankheit erleiden.

Im Frühjahr werden wir keinesfalls mit der Pandemie durch sein, wie viele Menschen müssten erkranken, damit jeder es gehabt hat oder wie massiv müsste der Anteil der Impfungen zunehmen? Wir zählen nach knapp zwei Jahren mit der Pandemie etwa vier Millionen nachweislich Erkrankte. Dabei sind zudem viele alte Menschen mit eingerechnet aus der Zeit ohne Impfung. Etliche dieser Senioren wären ohnehin aus Altersgründen inzwischen verstorben. Wenn es weiter pro Jahr (nur) zwei Millionen Erkrankte mit Covid gibt, wird es noch dauern, bis die rund dreißig Millionen Deutschen, die derzeit (noch) nicht geimpft wurden, betroffen sind.

# In fünfzehn Millionen Jahren …

… ist es hier vorbei, wenn sich jährlich zwei Menschen in Deutschland damit infizieren, in fünfzehn, wenn es zwei Millionen von uns pro Jahr erwischt wie aktuell. Wahrscheinlich ist doch, dass wir diese Zahl senken können. Gerade dann wird es eine Krankheit für immer bleiben, weiter ausgedünnt, was das Risiko betrifft, sie tatsächlich zu bekommen, und natürlich schützt die Impfung den einzelnen Menschen. Bleibt die Frage, ob nicht auch ein Ungeimpfter viele Jahre lang frei von einer Ansteckung bleibt, wenn die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken geringer wird? Die andauernde Mahnung, die Ungeimpften würden sich alle infizieren, wird bösartig in Kombination der daran gekoppelten Behauptung, dass es kurzfristig passiert. Dazu kommt, dass „Infektion“ nicht gleichzusetzen ist mit einer schweren Erkrankung. In der Summe dieser Überlegungen, bedeutet die asoziale Haltung, sich einer Impfung zu verweigern, nicht dumm zu sein, sondern ausschließlich egoistisch. Das könnte ein forscher Gott gezielt bestrafen, und wir sollten uns deswegen fürchten? Jedem die seine Auslegung.

# So steht es geschrieben

Seis drum. Sich impfen zu lassen, bedeutet zunächst, ein vergleichsweise soziales Leben mit den anderen wie früher führen zu können und dem Ende der Pandemie insgesamt näher zu kommen. Die eigene Gefährdung einer schlimmen Erkrankung kann als sekundär begriffen werden, wenn man Statistik als Maßstab nimmt. Das heißt nicht, die furchtbare Realität dieser Krankheit zu verleugnen, sondern sie in Kauf zu nehmen, wie etwa versehentlich erschossen zu werden am falschen Ort zur falschen Zeit oder zufällig Opfer eines Verkehrsunfalls zu sein.

# Hier wäre unser Glaube gefragt …

… stärker als die Furcht vor dem Zufall zu sein. So darf kein Prediger öffentlich reden. Wir laufen Gefahr, dass diese Spürbarkeit des eigenen Organismus’ im Zusammenwirken von Denken, Fühlen, Gefühlen und Handlungen, die wir ausführen, verloren geht, wenn es scheinbar befriedigt zu tun, was gesagt wird. In einer Welt, die zunehmend auf den Schultern früherer Generationen steht oder in der Stärke der gesellschaftlichen Kollektivität definiert ist, haben wir die Möglichkeit zu überleben, ohne die Notwendigkeit zu erleiden, unserer selbst bewusst zu sein. Dafür zahlt der Einzelne einen hohen Preis. Viele merken das erst, wenn eine potentiell tödliche Erkrankung oder hohes Alter ihnen die Endlichkeit ihres Daseins vor Augen führt. Dann kann es zum Aufwachen und sich von der Fremdbestimmung der Mehrheitsmeinung zu befreien reichlich spät sein. Für einiges, was man gern getan hätte – wozu nötig gewesen wäre, damals zu wissen, sich genau das zu wünschen, als die Zeit dafür war – ist es nun zu spät.

Zu vermitteln, einen Platz für individuelles Entdecken persönlicher Vorlieben zu finden, der dem Druck der anderen gewachsen ist, und zwar früh, wenn die eigene Persönlichkeit noch Perspektiven entwickeln kann, sollte wichtiger genommen werden, als uns zu bedrängen, was gut für alle und deswegen richtig sei. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, zu wissen, dass Kreativität oder geniale Sportlichkeit befriedigen. Das Problem ist ein individuelles Wunschbild, wer man sein möchte zu entwickeln – und den existentiellen Platz dafür zu finden. Finden ist das Ergebnis von suchen und der Verzicht auf einen unnötigen Kampf. Somit wäre der Respekt anderer Meinungen erst die darauf folgende Erkenntnis. Die modernen Kirchen scheinen diese Reihenfolge, erst merke ich, was ich möchte und schaue, wo ich es finde, dahingehend umzukehren (wie es vernünftigerweise jeder Staatsmann von seinen Bürgern fordert), dass auch sie das Allgemeinwohl über das Selbst stellen. Im „Römer“ heißt es noch: „Stellt euch nicht der Welt gleich“; aber das ist ja auch lang her.

Das kollektive, sozial bindende Anprangern (und denunzieren) böser Nachbarn, unredlicher Firmen usw. erklingt aus jeder öffentlichen Stimme. Dabei wird ein ums andere Mal vergessen, dass die Toleranz anderer vernünftigerweise dem Selbstschutz dienend anzuwenden ist. So herum wird jemand als Egoist verschrien, aber wen das nicht stört, der kann bemerken, dass jede Existenz zunächst für sich selbst zu sorgen hat und sich nur deswegen sozial verhält, weil es dann eleganter läuft. Um gekonnt durchs Leben zu schwimmen, wird man nicht umhin kommen, anfangs auf das Wasser einzuschlagen, bis man merkt, wie es leichter geht. Sozialer Verhaltensdruck kann Menschen (zunächst unbemerkt) zu emotionalen Krüppeln machen. Sie probieren, Auseinandersetzungen und jegliche Gewalt zu vermeiden, so zu empfinden wie es richtig gehöre. Man kann gut voran kommen, funktionieren als ein Teil vom Ganzen, dabei die eigene Funktionalität erst schmerzhaft bemerken, wenn unverständlicherweise die eigene Leistung einbricht.

# Burnout ist ein neues Wort für den späten Kollaps

Der moderne Staat hat sehr gut gelernt, was gut für die Menschen im Land ist. Unsere Politik, die Kirchen und alle Gruppierungen passen sich zur gemeinsamen Mitte hin an. Gebote des Sollens werden lauter als die des Wollens, Möchtens oder Könnens propagiert. Die Kanten der Härtesten werden scheinbar gebrochen. So darf der Einzelne nicht vergessen, es den Größeren von uns gleich zu tun und muss seinen individuell gepflegten, autistisch und narzisstisch verbrämten Egoismus lernen, ihm einen salonfähigen Namen verpassen.

Der gesunde Mensch spaziert vernünftigerweise bruchsicher kantig oder smart auf Teflonbasis, dickfellig oder alternativ glibschig, wendig wie unfassbar aalglatt nach Talent und Naturell herum.

Sonst gibt’s immer Stress.

🙂