Es ist wieder August. Durchwachsen ist dieser Sommer. Am Anfang war das Wort, denke ich oft abschweifend bei diesem Text, wenn es auch mal um die Ostseeinsel Fehmarn geht. Ich zeichne hier, wie jedes Jahr. Ich möchte gern einige Fotos integrieren, habe bereits passendes Material parallel zur Schreibarbeit aufgenommen. Eine Arbeit ist es, die kaum je Geld einbringen wird, aber keine Spielerei rund um ein vorgedrucktes Feld darstellt, mit bunten Hütchen drauf, die nach Anleitung gezogen werden müssen, mit den anderen albernd am Tisch sitzend. Das zu mögen, ist für mich die Kunst! Die Natur des Kreativen besteht darin, nicht normal oder gewöhnlich zu handeln. Urlaub und Arbeit, geht das? Wer sich langweilt, dem ist nicht zu helfen. Eine lange Geschichte. Die ich nicht kurz mal so hinbekomme, aufzuschreiben. „Das muss man ja nicht lesen“, meint die beste Lektorin von allen in so einem Fall.

Das sei warnend vorangestellt.

Freak oder was? Ich bin ja nicht normal. Als Künstler gehöre ich zu den besonderen Menschen. Das ist nicht gerade was Großartiges. Ich möchte nicht überheblich wirken. Mir geht es, wie den anderen auch. Es kann aber schon sein, dass ich ungewöhnlich reagiere. Wem nützt Kunst? Darauf habe ich eine Antwort: Mir tut gut, zu malen. Ich schreibe gern. Es ist nicht etwa, weil fieser Überdruck dringend entweichen muss, ein Ventil, dass andere nicht haben, eine Art Schornstein? Meine Furze entweichen normal am Hintern. Ich mochte es von Anfang an, schon als Kind, Bilder zu machen, und die Wut über Unänderbares ist nur eines von vielen Gefühlen, die eine Rolle spielen.

Sich auf eine Weise ausdrücken können, ist schon mal was. Ich bin genauso hilflos wie andere manchmal, zum Beispiel kann ich mir keine Gesundheit kaufen. Möglicherweise würde jemand mit meiner Kunst Geld machen? Das kann ich nicht. Ich habe auch nicht aus einem therapeutischen Grund angefangen. Mein Leben begann ganz normal, ich war so gesund wie die anderen Kinder, nur dünn. Ich hatte einen kleinen Spielkameraden in der Nachbarschaft. Das waren die Jahre, bevor ich im Kindergarten auf gewöhnliche traf, viele auf einmal (Monster).

An meinen Freund musste ich mich nicht gewöhnen. Der war einfach so da, wie das Gras, der Kastanienbaum und unser Gemüse. Mit Kai spielte ich in unserem Garten, und zwar noch bevor meine Schwester geboren wurde. Wir waren so klein, dass meine Erinnerung an diese Zeit wohl nur bleibt, weil meine Mutter erzählt hat, wie besonders wir Kinder redeten:

„Willst du jetzt gern mal das Zementmischauto haben? Dann nehme ich den Kipper.“

„Ich könnte auch das Rollerdings fahren, was meinst du?“

„Oder wollen wir wieder rote Steine malen für Matschfarbe machen?“

Es habe nie Streit gegeben, erinnerte sie sich. Einmal hätten wir beide, der kleine Kai und ich, voller Eifer gemeinsam und fleißig aus eigenem Antrieb alle roten Wurzeln auf einmal im ganzen Beet ausgekriegt! Aber jahreszeitlich viel zu früh. Das wären noch ganz kleine Mohrrübchen gewesen, nicht bereit, geerntet zu werden.

„Wir haben dir heute geholfen Mama und sind schon fertig. Die ganzen Wurzeln aus dem Garten haben wir für dich ausgebuddelt. Sie sind alle in dieser Wanne, sieh mal.“

Dann zog diese Familie mit meinem allerersten Freund fort, keine Ahnung wohin. Ich war wohl erst vier Jahre alt, so lange ist es her. Manche Menschen fehlen irgendwann. Mein Großvater hatte so eine feine Ironie, die selten geworden ist. Das tut weh: Ganz allein Witze zu machen, die nicht mehr ziehen, schon Neunzehnhundertdreißig erkennbar lahmten. Meine Eltern fehlen. Sie sind tot. Eine liebe Freundin fehlt auch, und das ist furchtbar, weil es durch mich maßgeblich so wurde, wie es nun ist. Was andere ihr sagten, mag richtig sein. Was sie daraus machte, ist so falsch, wie alles, was ich tat. Jeder für sich ist auch scheiße. Ich hoffe, sie lebt. Es bleiben noch Erinnerungen und Geschichten.

Bilder oder Text, ich mag es, zu erzählen. „Das hier nicht Schenefeld, ist New York“, meinte Steve gelegentlich, wenn ich in seinem Shop die Post zustellte. Eine kleine Straße, etwas nördlich vom Schenefelder Platz. Es war eben doch nicht New York. Sein Gesicht schien auf seltsame Weise vom schummrigen Dämmerlicht im Kiosk verschluckt, wenn ich, geblendet von der Sonne draußen, in den Laden stolperte. Beinahe unerkennbar dunkel wie gar nicht vorhanden war da ein Loch über den Schultern? Gerade noch die hellere Fläche eines Shirts zeichnete sich vor dem Sammelsurium aus Zeitschriften, Zigaretten und allerlei Lebensmitteln im Hintergrund ab. Das Bild für den Moment, Rembrandt hätte Freude daran gehabt. Amerika ist eine farbige Person. Nur die Kontur einer anderen Kultur, wenn er hinten am Tresen zugange war. Vielleicht war das doch die Bronx? „Du musst einem ein Bild schenken“, meinte er, wenn Zeit zum Reden blieb, „Uwe Seeler oder irgendeinem Berühmten“, er habe Beziehungen – und so mache man das eben mit der Kunst.

Meine kleine Geschichte.

Als ich einmal Briefträger war und Alexandra noch ein Schulkind.

# Ein Psalm Davids, vorzusingen

„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ (Lutherbibel, Psalm 139).

Ferien auf Saltkrokan, ein Buch von Astrid Lindgren. Da habe ich den Psalm gelesen, als Kind. Manchmal glaube ich, nur eine Seite vom Roman zu sein. Fetzen der Erinnerung und Alltag gleiten ineinander, wie rote Marmelade in den Joghurt. Plötzlich gerät mir irgendwie Senf da rein? Falsche Farben in der Tube verschmieren meine Palette.

Eine kleine Welt, Europa. Und Italien zwinkert mir zu. Weiß wird der Zucker oben vom Tablett gereicht? Fremde Rätsel und eigene Puzzlestücke sind wie Fragmente unserer Geschichte. Eine Insel löst sich, fährt auf den Atlantik raus.

Brexit.

Kontinentale Verschiebungen reißen durch die Edinburgh und unsere Herzen. Das Leben geht weiter: Dies ist mein New York! Ich habe nur ein kleines Boot und kein Wohnmobil, aber Fehmarn ist auch schön im Sommer.

Diese Insel kann nicht davonschwimmen.

Eine Ferienwohnung am Rande der Welt. Und ein Flügel der Vogelfluglinie schwingt seinen schönen Bogen, geleitet uns durch luftige Baustellen mit nur dreißig Kilometern stündlich, langsam. Wir schauen entspannt auf den Sund, sehen noch die rot-weiße Tüte flattern, bis irgendwann der Pfad zum modernen Hades drüben fertig ausgebaggert ist und ein Charon uns in das lange Loch führt, das alle Blechdosen frisst?

Warten auf die Liebe lohnt nicht. Hoffnung ist nur was für Literaten, und die werden vom Leben selbst (am Ende) verraten.

Ein alter Mann muss schließlich gehen.

# Goethe kommt ja auch nicht mehr vorbei

Erzählt das Leben seine Geschichten, füttern sie kostenlos und unbeworben diesen Blog. Und einen echten „Bücherstall“, unauffällig. Leicht zu übersehen. Nicht einmal ein Geheimtipp ist diese Wörterkiste, abseits vom Stream. Steht nur so rum. Man nähre sich gern an neuen Worten. Der graue Schrank fällt kaum auf. Halber Weg zum Hafen und kurz mal links raus abgebogen. Hier wartet ein Regal und Selbstbedienungsladen, die eigene Bücherkiste, offen für jedermann. Gib ein Buch, nimm eines. Die Box hat ein Schild an der Seite: „Hier war Goethe“, steht dort. Geht man aber nah dran, zeigt sich (verschmitzt) noch ein ganz winziges „nie“ darunter.

Warum, warum nur geschieht alles – ich kann es nicht begreifen, kann mir nicht besser helfen.

Das sei mal so dahingestellt.

Verballhornen ist nötig. Poetrisch Schlamm schlagen, urban mit der Gruppe gesketcht! Das trendige Englisch erheitert doch. Ich mag das modische Zusammenhocken nicht, will auf Beifall verzichten. Ich kann mich im Ausland zurechtfinden, spreche ein wenig englisch. Das habe ich in der Schule gelernt. Es gibt auch Anlass zu erzählen, wortreich in die Ferne zu schweifen, in verschiedene Geschichten zu kommen. Mir fällt noch einiges (dazu) ein. Das kann ich erzählen: Nachdem mein Versuch auf dem „Rist“ in der Altstadt von Wedel ein Abitur zu schaffen, nach nur einem Schuljahr kläglich scheiterte, begann ich auf der Ernst-Barlach-Schule neu. Schräg versetzt, von Klasse fünf nach Klasse fünf. Ich habe schließlich unspektakulär im Sommer 1981 mein Zeugnis bekommen, Realschulabschluss. Befriedigend überall, Erdkunde zwei, Kunst eins. In die letzten Schuljahre mit der „e“, wir gehörten zu den geburtenstarken, fünfzügigen Jahrgängen (in meiner Klasse waren immer gut dreißig Schüler), fielen zwei bemerkenswerte Dinge. Unvergesslich bleibt ein etwa vierzehntägiges Praktikum im Beruf, das jeder machte und die ungefähr gleich lang dauernde Klassenreise (mit der „d“ zusammen, glaube ich war das) nach England.

Großbritannien für uns Wedeler Dorfbacken, wir wohnten paarweise in einer Gastfamilie. Das machte die Schule seit Jahren nach einem erprobten System. Die Stadt Ipswich, wo wir unterkamen, liegt nicht allzu weit von London entfernt. Und über die Zeit bei „Markenfilm“, das Praktikum in der Werbe- und Trickfilmbranche oder meinen Klassenlehrer Gerd Kröger, einen guten Aquarellisten und wunderbaren Menschen, mit dem wir während der Schulzeit viel unterwegs waren, habe ich bereits geschrieben. Nicht nur der alte Reklamezeichner und dieser Lehrer Kröger in der Realschule haben mich nachhaltig beeinflusst und mein Leben geprägt.

Diese Geschichte kann nicht umweglos erzählt werden. Ich muss abschweifen: Andere Umstände und Menschen, denen ich begegnet bin, mögen dazu beigetragen haben, wie sich manches ergab. Ich sehe mit Mitte fünfzig anders aus als nach dem Schulabschluss oder zum Ende meines Studiums und beurteile die Umgebung in einer veränderten Weise. Zu altern hat mich insgesamt geändert. Die Kraft, zum Beispiel für sportliches Engagement, ist geringer, auch meine Interessen sind nicht mehr dieselben. Mit fortschreitender Zeit im Verlauf des Lebens sollte es gelingen, eigene Entscheidungen zu treffen. Das ist bei mir der Fall. Wenn diese Entwicklung günstiger verlaufen wäre, könnte ich darüber reden seit den beginnenden neunziger Jahren, und es hieße einfach Erwachsenwerden.

# Die eigene Entscheidung

Eine aktuelle Beschreibung vom Urlaub auf Fehmarn mag illustrieren, was ich absolut wichtig finde, selbst für mich zu tun. Banale Entschlüsse können ungemein befreiend sein. Das war gestern, am Tag vor Ulis Geburtstag, und den vergesse ich schon mal. Im Vorraum vom Supermarkt wollen einige den plötzlich hereinbrechenden Schauer abwarten. Sie haben sich mit ihrem vollgepackten Einkaufswagen neben die Pfandautomaten gestellt, scharren mit den Hufen. Es pladdert vor der Ladenöffnung, es dampft und nebelt drinnen, wo wir überlegen, ob das Ganze dauert und wie darauf zu reagieren sei. Niemand scherzt. Regen ist nicht Teil der Zivilisation. Wenige Meter zum Auto möchten die Leute nicht im Schietwetter gehen. Schüler huschen durch: „Das wird scheiße gleich im Bus, wenn wir nass sind!“ Ich bin mit dem Fahrrad gekommen. Unsere Ferienwohnung ist zwei Kilometer südlich vom Zentrum, etwa Grüner Weg, da muss ich hin. Ich kann das Rad sehen, allein die wenigen Meter bis dorthin genügten, komplett durchzunässen, so heftig hat sich der Sommer von eben verabschiedet. Als ich losgefahren bin, sah es prima aus in Luv, wer denkt denn so was?

In der Sardinendose.

Das hintere Maul von Edeka an der Osterstraße, die Abteilung für Pfandflaschen und abgestellte Einkaufskörbe anschließend der Kassen. Der Ausgang eigentlich nur. Rentner schieben nach. Die benötigen keine Maske im feuchtvernebelten Innenraum auf Tuchfühlung mit den anderen, weil sie ja geimpft sind und nicht jeden Blödsinn mitmachen? Wir wenigen, die den verordneten Mundschutz noch brav tragen wie im Laden – und weil hier weiter aerosole Enge herrscht, sind bereits in der Minderzahl.

Da kommt eine besonders penetrante Olsch, so eine Else, wie sie in jedem Kaff einen (ehrenamtlichen) Trulla-Bläla-Treff betreibt (vermutlich) heran. Die dumme Omi drängt ungebremst vorwärts. Sie hat einen Sabbelmund. Eine Maske würde sie schöner machen, aber sie hat die nicht mehr nötig? Ihr kleiner Mut und Anarchismus überzeugt mich nicht. Ich kann einen wirklichen Feind erschlagen, wenn das sein müsste, ohne Skrupel – aber eine banale Regel einhalten. Ich habe einen Führerschein dabei, wenn ich Auto fahre, ein Ticket im Bus, erneuere meinen Pass, zahle Steuern.

Ich blockiere anders: Ich gehe nicht zur Wahl, aus Verachtung einer mir mal nahestehenden Person in der Politik, meine Entscheidung. Ich enthalte mich. Das ist in unserer Demokratie Teil des Wahlrechts. Rechte und Pflichten sind die Freiheit innerhalb von Grenzen und als Ergebnis langjähriger Erfahrung der Menschheit, die sich erinnern kann, zu begreifen. Corona ist ein kollektives Problem, aber nur ein überschaubares Risiko für den Einzelnen. Die Pandemie bedroht die Systeme insgesamt in einem nie gekannten Ausmaß. Aber den einzelnen Menschen nur dann, wenn er davon direkt betroffen ist und sich ansteckt. Bei derzeit achttausend Neuinfektionen in einem Land mit achtzig Millionen, hieße das, einer von zehntausend wird mir gefährlich pro Tag. Dazu kommt die Unwahrscheinlichkeit, sich direkt in dessen Aerosole hineinzubegeben. Und dann kann es noch einen milden Verlauf bedeuten, symtomfrei sogar, wenn man diese Krankheit wie nebenbei bekommt. Da kann kein Drosten eine sichere Vorhersage machen. „Wer sich nicht impfen lässt, wird sich infizieren“, sagt dieser Virologe. Bei einer Impfquote von gut der Hälfte der Bevölkerung dauert es ein ganzes Jahr, bis jeder verbleibende Dussel Corona gehabt hat, wenn sich (…) pro Tag infizieren. Ich habe mich das gefragt, denn der Chefmahner spricht vom heißen Herbst, den wir bekämen. Ich mag falsch liegen. Zu rechnen ist nicht meine Stärke. Ich denke für uns so: Etwa zweiunddreißig Millionen Deutsche, die Ungeimpften, müssten sich mit circa einhunderttausend Infizierten an der Zahl (täglich) anstecken, um nach knapp einem Jahr deutschlandweit damit durch zu sein. Als Vergleich mag die Not im Iran, einem Land, der Zahl nach in vergleichbarer Größe dienen. Eine Meldung der Tagesschau vom Anfang des Monats macht deutlich, dass bereits bei knapp der Hälfte täglicher Infektionen davon, der Staat und seine Einwohner an ihre Belastungsgrenze kommen.

# Fast 40.000 Neuinfektionen im Iran. Noch nie seit Beginn der Pandemie war die Zahl der Neuinfektionen und der Corona-Toten im Iran so hoch. Die Delta-Variante bringt Krankenhäuser an Kapazitätsgrenzen. Die Impfkampagne kommt nur schleppend voran. (Tagesschau, 08.08.2021).

Über zwei Millionen Verkehrsunfälle nimmt die Polizei pro Jahr in Deutschland auf. In diesem Winter werden wir zwei Jahre mit der Pandemie gelebt haben. Dann sind etwa vier Millionen von uns damit als infiziert in der Statistik geführt. Eine gute Vergleichszahl, um für sich selbst das Risiko einzuschätzen. Man kann sich fragen, wann der letzte Unfall mit einem Fahrzeug irgendwo mit den eigenen Augen beobachtet wurde, ob man selbst daran beteiligt war und wie viele Personen im Bekanntenkreis mit Covid infiziert sind und wie schwer?

Die breite Bevölkerungsmehrheit in Deutschland ist durch Corona nicht in Angst und Schrecken zu versetzen, wohl aber dadurch, dass ihnen soziale Nachteile entstehen. Sie möchten das gewohnte Leben führen, deswegen gibt es die Bereitschaft, dem Staat zu folgen, der das Impfen anmahnt. Die lebensbedrohlichen Umstände auf den Intensivstationen beherrschen nun kein Medienportal mehr.

Ärzte werden noch immer gezeigt, und es wird weiter gewarnt. Patienten und Angehörige klagen aber nicht mehr, wie anfangs in der Pandemie. Weder aus Indien oder sonst wo im Ausland, noch bei uns. Betroffene tauchen selbst in den Nachrichten gar nicht auf. Eine Drohkulisse der Fachleute steht, denn der Herbst stünde vor der Tür: „Die Menschen im Krankenhaus und auf den Intensivstationen würden jünger und seien ungeimpft“, mahnt ein Arzt. Aber ein junger Patient oder Angehörige, Freunde, die uns glaubwürdig versichern könnten, wie furchtbar dieser Schock für ihre Familie wäre, erscheinen gerade nicht vor der Kamera.

Klammer auf: (Das Tal der Aussätzigen. „Ben Hur“, daran denke ich oder „die Schwulenseuche“, eine nicht mehr erlaubte Bezeichnung für die HIV-Erkrankung aus den Achtzigern. Schon immer fürchteten sich Menschen vor dem qualvollen Tod, und nicht weniger davor, mit der Schuld bezichtigt zu werden, andere mit der Übertragung ihrer Krankheitserreger zu gefährden.

Covid?

Natürlich haben sich die Bewohner der Altenheime gern durchgeimpft. Die Alten zu Hause haben sich geradezu überschlagen, schimpften ganzseitig in der Bild, auf die Unfähigen, die alles verkehrt organisiert hätten, die nicht funktionierende Hotline. Opa und Oma regten sich über diejenigen auf, die ihnen mittels digitaler Windhundsoftware zuvorgekommen waren, wollten als erste einen Termin im Impfzentrum bekommen. Inzwischen sind in unserem Land die allermeisten Senioren vollständig geimpft.

Das hat die Lage merklich entspannt.

Die Senioren werden aber weiter sterben, wenn nicht an dem neuartigen Virus, dann eben an anderem. Und die Gesellschaft hat damit ein Problem, dass überhaupt Alte in nie dagewesener Zahl versorgt werden – müssen. Es kommt ab meinem Alter, ich nähere mich bereits der Sechzig an, das Bewusstsein auf, selbst von der „Krankheit“ zu altern bedroht zu sein. Ich sehe mit Schrecken die vielen „Betroffenen“, die mit einem Rollator unterwegs sind. Nicht wenige kenne ich, die noch vor einigen Jahren agil herumspazierten und ihr Rentnerleben genossen haben. Ich war in den letzten Jahren oft im Altersheim, im Hospiz, als meine Eltern erkrankten, gepflegt werden mussten und schließlich starben. Das kam nicht in der Tagesschau. Obwohl ich nicht mehr vor Ort bin und einen Bogen um diese Einrichtungen mache wie früher, als ich jung war, wird dort weiter gelitten. Ich weiß das und erinnere mich jeden Tag mit ganz eigenen Bildern daran.

Das Sterben der durch das Rauchen am Lungenkrebs erkrankten Menschen wird nicht gefilmt. Die letzten Tage eines Aidskranken zeigen die Nachrichten nicht. Nicht wenige beschuldigen Homosexuelle bis heute dafür, welche zu sein, weil sie sich selbst vor gleichgeschlechtlichem Sex ekeln würden, und weil es ihnen gefällt, sich über andere zu erheben. Raucher werden, besonders wenn sie an Krebs erkranken, angefeindet. Menschen, die aufgrund von Fettleibigkeit oder übermäßigem Alkoholgenuss krank werden, schließlich auf einer Intensivstation sterben, sehen wir kaum einmal in einem Bericht.) Klammer zu.

Leicht finden sich dagegen authentische Flutopfer.

Die reden erschüttert über ihr Unglück, und müssen nicht herbeigeredet werden. Wir sehen im Fernsehen die Not von Menschen, die bei der Flutkatastrophe im Ahrtal alles verloren haben. Da wird ein Zahnarzt in seiner zerstörten Praxis gezeigt. Der Behandlungsstuhl und sämtliches Inventar erinnern gerade noch an medizinisches Gerät, während die Helferin und der alte Doktor resigniert aufräumen, so weit das geht. Alles ist mit braunem Schlamm überzogen. Er hätte vorgehabt, sagt der Geschockte, die Rente noch zu verschieben und einige Jahre Arbeit als der vertraute Arzt seiner Patienten zu leisten, daraus würde nun nichts.

Eine Frau steht auf einer wie gepflügt wirkenden Freifläche. Hier habe bis vor ein paar Tagen ihre Bäckerei gestanden. Das wäre eines der Häuser gewesen, die komplett abgerissen werden mussten, berichtet die frustrierte Chefin einiger Mitarbeiter. Sie zeigt uns ein Foto und hofft mit finanziellen Hilfen auf den Neubeginn.

Die Flut kam so plötzlich! Alles verloren: Ein Mann klopft Dachbalken vom ersten Stock weg, soweit das aus dem Erdgeschoss seiner ehemaligen Werkshalle eines kleinen Handwerksbetriebes Sinn macht. Es geht darum, herauszufinden, ob dieses Haus bleiben kann. Unten erkennt man die eingeschlammten Konturen zerstörter Maschinen. Menschen entsorgen ehemals wichtiges Arbeitsgerät in einen Container. Zerstörte Existenzen ganz normaler Zeitgenossen wie du und ich.

Auch die abgedeckten Häuser von Großheide, ein umgestürztes Fahrzeug und eine Trümmerlandschaft wohin das Auge blickt, nach dem Tornado vor wenigen Tagen, machen deutlich, dass es ganz normale Menschen in furchtbarer Not gibt. Nicht zu reden von den dramatischen Bildern und den Berichten von jungen Frauen, Familien, die es gerade noch zum Flughafen in Kabul geschafft haben. Das ist echtes Weh, wenn eine Betroffene von ihren Todesängsten spricht. Und unser armseliger Außenminister stammelt rum im feinsten Zwirn.

Drei Beschreibungen von Angst machender, aktueller Not einfacher Mitmenschen. Die gezeigten Afghanen sprechen deutsch wie wir.

Wo sind Bilder von aufgebrachten Nachbarn, Familienangehörigen oder Freunden, denen Nahestehende fehlen, weil sie gerade an Covid gestorben sind oder schwerkrank auf einer Intensivstation liegen? Zu diesem Thema hören wir Politiker, Virologen und Ärzte, aber es gibt keine Schilderungen persönlich Betroffener, wie wir das schon hatten. Solange die echte Not für Leib und Leben derart ist, wie etwa ein Bericht hier und da von einer schweren Karambolage auf der Autobahn, ein beklagenswerter Todesfall auf der Baustelle – ein Arbeiter geriet unter eine umfallende Betonplatte – steht die Argumentation im Vordergrund, Schüler zu impfen und ob das Druck ausübe. Man fragt, was Luftfilter in der Klasse nützen könnten und mehr dieser Art.

Das mag deutlich machen, wie sehr wir ein systemisches Problem ausleben. Wir sind nicht krank und flächendeckend in Gefahr, infiziert dahinzusiechen. Wir haben ein Problem, uns so zu organisieren, dass wir als Staat und Gesellschaft insgesamt funktionieren. Natürlich sind vier Millionen Betroffene mit einer bislang nicht bekannten Erkrankung furchtbar viele einzelne Schicksale. Deswegen kann man aber durchaus realisieren, dass ohnehin Menschen sterben oder mit etwas Schlimmen krank sind. Das bemerken wir solange nicht, bis diese im Begriff „Corona“ vereint genannt werden. Gemessen an der Gesamtzahl der Einwohner unseres Landes, reicht es nicht aus, alle in Panik zu versetzen, weil die persönlichen Berührungspunkte mit diesen Covid-Schicksalen kaum anders sind, als würden wir in der Zeitung von einem schlimmen Geschehen sonst wo lesen. „Drei Menschen starben“, steht in irgendeinem Zusammenhang in einer Nachricht.

# Und wir lesen darüber hinweg

Die vier Millionen, die bereits in Deutschland erkrankten, fallen in dieser primitiv gerundeten Statistik nicht auf. Das ist die Zahl Einwohner, um die ich unser Land auf achtzig Millionen verkleinerte. Sicher sind so viele Kranke bemitleidenswerte Schicksale. Menschen sterben, und das ist schlimm. Schlimmer wäre, niemand würde sterben. Wie voll wäre Planet A dann? Greta Thunberg hätte vielfache Not der Sorte Umweltprobleme, die sie nicht müde wird, uns zu erklären. Natürlich wird man sich mit dem Gedanken beschäftigen müssen, der jeweils Betroffene zu sein. Das muss jeder selbst für sich entscheiden, das Haus noch zu verlassen, weil ja vielfach Gefahr droht von irgendeiner Bedrohung und derjenige welcher zu sein, diese abzubekommen. Damit dieser Herbst die angedrohte Not einer furchtbaren Infektionszeit bekäme, in der sich sämtlich die nicht Geimpften infizierten, müssten die täglichen Neuinfektionen ein Vielfaches der oben genannten Zahl von einhunderttausend am Tag erreichen. Das wird nicht passieren.

Es kann nur bedeuten, dass Corona noch jahrelang bleiben wird, möglicherweise für immer. Eine kalte Ewigkeit lang. Ein heißer Herbst wird es in jedem Fall im Krankenhaus. Gefahr besteht sehr wohl. Es droht ein Lockdown, weil die Intensivstationen kollabieren, Ärger für die Verantwortlichen. Den schwarzen Peter wird man der Regierung zuschieben, die Politiker hätten nicht dazugelernt. Die Virologen sind fein raus, wenn sie jetzt bereits mahnen, dass wir uns impfen lassen müssten. Und schließlich wird, mehr noch als neuerdings, der Zorn über Menschen wie mich hereinbrechen, die (verstockte) Impfverweigerer sind. Deswegen ist der Versuch, die Pflicht zur Impfung politisch zu erzwingen nachvollziehbar. Das ist aber solange äußerst problematisch, wie die reale Gefahr für den Einzelnen unscharf bleibt. Der Marktplatz in Burg auf Fehmarn sieht aus, wie immer, wenn wir hier Urlaub gewesen sind. Das ist ein friedliches Treiben bunter Massen.

Wir haben Pflegenotstand, und das nicht erst, seitdem wir in der Pandemie leben. Niemals kann es gelingen, dass eine ganze Nation geschlossen solidarisch an einem Strang ziehen wird. Ein nicht unerheblicher Teil bockt. Ich selbst blockiere gern, aus Wut über diese Frau in der sozialen Partei, die mich verarschte. Kein rational überzeugender Grund, natürlich, und auch kein guter. Ich setze mich dem persönlichen Risiko aus, aber mit mir werden gut zwanzig Prozent der Bevölkerung (wir Idioten) stumpf dagegen halten, wenn der Staat mahnt. Wenn mich, weil es der blöde Zufall will, ein fremdes Auto abrammt, kann ich sterben. Wenn ich der eine bin, der sich (von den Zehntausend, denen ich kaum am Tag begegne) heute auf Fehmarn infiziert, kann ich sterben. Wenn ich von einem Alien entführt werde, weiß ich nicht, was das bedeutet. Das sind so Wahrscheinlichkeiten.

Fehmarn ist wahrscheinlich so normal wie alles andere auch. Das gefährliche Leben kann hier ganz real nachempfunden werden. Die Aliens sind selten, aber es kracht schon mal. Ich habe so Unwahrscheinliches nicht auf der Insel erlebt. In Burg auf Fehmarn ist es reizvoll für mich, in der Hauptstraße zu hocken und etwa das Rathaus zu zeichnen. Nicht isoliert, was auch schön wäre, weil es hübsch dasteht und architektonisch interessant ist. Ich möchte das Treiben der Touristen vor den Geschäften und die geparkten Fahrzeuge mit in meiner Skizze haben. In der Nähe von Edeka, Café Junge und dem griechischen Restaurant hocke ich auf einer kleinen Treppe, die mit drei Stufen den Eingang zu einem privaten Haus darstellt. Ein Zierbaum mit überschaubarer Krone von nur knapp drei Metern Höhe und schmalen Stamm steht zu meinen Füßen. Er gibt ein wenig Schutz, falls der leichte Niesel wieder einsetzt. Das ist nur eines der Probleme, wenn man draußen skizziert.

Zweimal, während ich zeichne, kommt die Post. Einmal ist es ein Paketbote. Er klingelt, niemand öffnet, und vermutlich hat er irgendwo eine Benachrichtigung hinterlassen. Der normale Postbote kommt einige Zeit später. Er stellt einfach zu und wir reden nicht. Ich zeichne, und der junge Mann nimmt mich kaum wahr. Seine Professionalität gleicht dem Kollegen von Hermes oder was es vorhin war. Ich habe nicht darauf geachtet. Ich konzentriere mich auf die Autos, Menschen und das Rathaus, ob ich abbrechen muss wegen Feuchtigkeit. Für einige Minuten pausiere ich tatsächlich zu zeichnen, weil ich nicht möchte, dass das Buch mit den Skizzen (von jetzt drei Jahren auf Fehmarn im Sommer) durchfeuchtet. Dann mache ich weiter, und nach einiger Zeit, so etwa einer knappen Stunde herumhocken, bin ich fertig. Während dieser Episoe in meinem Leben, sind massenhaft Menschen vorbei gegangen. Wenig davon habe ich in die kleine Skizze mit hineingenommen.

Es kam tatsächlich zu einem Verkehrsunfall. Das habe ich nicht richtig sehen können, aber hören. Es war aus meiner Perspektive links von mir, von Fahrzeugen verdeckt, zu einem leichten Crash beim Parken auf der steilen Schräge gekommen. „Oh Gott!“ oder dergleichen hatte eine Frau gerufen, als ein Geräusch zu hören war, das an das Zerknüllen von Pappkartons erinnerte, nur etwas kraftvoller, lauter. Ich beobachtete einen VW-Transporter, der schon älterer Bauart, mich an das Fischauto erinnerte, wie meine Eltern es für ihr Geschäft nutzten. Von meiner Position aus war nur der obere Teil des Fahrzeugs erkennbar. Ich sah eine kastenförmige Plane hinten und den Teil vorn, wo man sitzt und lenkt. Das ragte über die Buckel davor geparkter Pkw. Ich glaube, es war ein roter Transporter. Dieser Bulli sackte nun, nach dem Blechschaden, einige Zentimeter rückwärts den Hang runter, um dann unvermittelt erneut vorzuhupfen! Da krachte es wieder, als das Ding sich an der selben Stelle in einen anderen verbissen hatte. „Oh Gott. Noch mal!“, rief die Passantin. Die Leute standen inzwischen in einer kleinen Gruppe und gestikulierten. Es war aber außerhalb der Gegend, die Teil meiner Skizze sein konnte. Deswegen habe ich alles wie eine Störung meiner Konzentration empfunden. Das hat mich kaum interessiert. Später kam die Polizei. Ich sah nie etwas, aber ein Beamter schien zu fragen: „Wie geht es Ihnen jetzt?“

Einmal angenommen, zeitgleich hätte es einen Zwischenfall vor dem italienischen Restaurant gegeben. „Aaahrg!“, hätte ein Passant geschrien und wäre wie getroffen zu Boden gesackt. Mit letzter Kraft, wie von einem Projektil abgeschossen, hätte der Arme ausgestoßen: „Jetzt habe ich mich mit Corona infiziert.“ Eine Frau könnte gestöhnt haben, während sie die Hände vor das Gesicht schlug: „Oh Gott! Wieder einer, nochmal.“ Das hätte ich kaum mitbekommen. Unwahrscheinlich, dass zur gleichen Zeit, während ich zeichnete, beides geschah – jemand crasht seinen Bulli, und ein Fehmaraner infiziert sich mit Covid – ist es nicht.

Viele werden weder den Verkehrsunfall, noch die arme Sau, die sich ansteckte bemerkt haben. Unspektakulär und unsichtbar ist dieses Virus. Selten macht es schwer krank, aber einige sterben, und manche leiden noch lange. Das kann nicht ernsthaft bestritten werden. Da ist kein Grund, an eine Verschwörung zu glauben. Wir bemerken einiges nicht, und doch geschieht es. Auch dass ich zeichnete, wurde von niemandem registriert, und diesen Text, versteckt im weltweiten Netz, liest gar niemand auf der Welt.

# Das ist meine Realität, und ich lebe ganz gut damit

Ich lasse mich nicht impfen, aus purem Trotz gegen diese Gesellschaft, die mir herzlich zuwider ist – aber wenn ein Test zu bezahlen ist, habe ich damit kein Problem oder lasse es eben, die entsprechende Veranstaltung zu besuchen. Ich kann die Abläufe, die unser System modern verändern, prima nachvollziehen. Ich ändere mich nun auch. Meine Anpassung an die unaufhaltsame Sozialisierung ist kreativ und individuell. Ich verschwöre mich nicht, schon gar nicht kollektiv. Ich bleibe für mich zu Hause. Friseur? Ich kann mein Haar lang wachsen lassen. Restaurant? Ich koche selbst sehr gern. Geselligkeit? Ich kann mich gut allein beschäftigen.

Weiter mit Edeka. Dieses vertrocknete Schrapnell mit Rentnerschnauze ist anders: Ohne Not, mir in diesem Kabuff auf die Pelle rücken zu müssen, das durchaus noch einige Plätze bietet, steuert sie bis auf Zentimeter (ohne mich überhaupt anzusehen) gegen mich an, dabei ununterbrochen mit einer anderen Trutsche im Fahrwasser quasselnd. Sie watschelt, wie es gewöhnlich für ihresgleichen ist, wölbt unnötigerweise ihren Busen gegen meine Brust, tritt mir beinahe auf die Füße, obschon auf der anderen Seite genügend Platz für drei ihrer Sorte wäre. Die dumme alte Tante, die doch zu jung ist, den Krieg noch erlebt zu haben, knallt eine Tasche auf die Ablage neben mir. Das ist der Grund, warum sie gerade hier in die hinterste Ecke stapft? Jetzt verstehe ich ihre Zielstrebigkeit, gerade mich anzurempeln. Wie konnte ich missverstehen, es ist die bessere Seite vom Raum. Klug sein kann sie! Ich denke nun selbst rüberzugehen, mir ist es gleich; doch sie verstopft den Fluchtweg, blubbert Bildzeitungsweißheiten.

Ich spüre (angewidert) den Atem im Gesicht.

Ihre Brille ist vom Sprühnebel beschlagen. Unentwegt erklärt sie der kompakten Freundin im selben Alter längsseits, wie irgendwas sich gehöre. Sie hat mich übersehen wie die abgestellten Bierflaschen, die auch noch stapelweise stinken. Draußen regnet es jetzt Blasen, Regen ist nun immer Unwetter.

Es muss sein. Ich stoße die Blöde beinahe grob weg, bahne mir den Weg mit meinem Beutel und den Bratwürsten; ich muss hier raus! Blasen in den Pfützen, so klatscht es runter.

Es schüttet?

Regen ist kein Wort dafür, was ich gern eintausche gegen die.

Natürlich habe ich auch damals, als ich mit der Schule fertig wurde, selbst Verantwortung übernommen. Illustration studieren, eine Jolle kaufen und Regatten segeln, das wollte ich und habe es gemacht. Ich begann mit dem Rauchen, gab es nach Jahren wieder auf. Ich suchte Partner, fand Auftraggeber und illustrierte jahrelang Zeitschriften, Bücher, zahlreiche Guides, nicht nur für Radfahrer. Ich heiratete, und dazu gehören zwei; aber das ist eine Entscheidung, ja zu sagen.

Jeder trifft Entscheidungen. Heute aber würde ich sagen, sind Emotionen und Ratio bei mir viel näher beieinander. Äußeres beeinflusst das, aber ohne mich fremdzusteuern.

Was ich meine ist, dass es in meinem Leben zu lange dauerte, als Erwachsener bewusst zu handeln. Ich stolperte nicht in meine Ehe, ich rauchte nicht, ohne das damals doch wirklich zu mögen, und ich habe mit viel Interesse studiert und illustriert. Ich möchte aber etwas anderes sagen. Schwierig ist es, sich genau auszudrücken. Selbstbewusstsein, so wie ich es inzwischen verstehe, bedeutet gesundes Verhalten. Damit beginnt die Überlegung, dem Wort „gesund“ noch eine Definition voranzustellen. Die bekannten Ernährungstipps oder Hinweise, Sport zu treiben, möchte ich gerade nicht aufzählen. Ich meine beinahe das Gegenteil der guten Ratschläge zur Gesundheit, schreibe über Gefühle und möchte doch nicht die Psyche vom Rumpf abtrennen. Das ist nicht typisch, so zu argumentieren.

Viele verhalten sich gewöhnlich, normal. Sie arbeiten, leben in Beziehungen, sind erkennbar wenig selbstbewusst, laufen nur mit. Die Gesellschaft nutzt sie, und diese Menschen existieren, weil die Zivilisation, die modernen Techniken und soziale Sicherungssysteme den Rahmen dafür schaffen. Integrierte ohne Profil nutzen die Umgebung auch, durchaus, aber wenig individualisiert sind sie anfällig für eine unbewusste Sehnsucht, es würde ihnen etwas fehlen. Die Perspektive wäre, sich noch loszulösen, etwas aus dem Leben zu machen, was ganz Persönliches. Das kann schiefgehen.

Auch die andere, bereits eingeschlagene Richtung beinhaltet die Gefahr, existentiell zu scheitern, ohne sich je zu Besonderem aufzuraffen. Das kann genauso heißen, gesundheitlich zu kollabieren, weil gerade das Mitlaufen bedeuten kann, ungesund abzubiegen. Käme es schlimmer, würden diese Menschen als Bausteine unserer Gemeinschaft nun eher zum Ballast. Nur Ärzte, Arbeitsvermittler und soziale Einrichtungen, mit Reintegration beauftragte Helfer könnten einen Rest von gesellschaftlichem Nutzen aus ihnen ziehen. Es würde noch Geld an ihnen verdient, weil sie hilfsbedürftig existieren, und das, inklusive der Perspektive von Besserung, gibt den Individuen einen Sinn und der Gesellschaft ein Motiv für die bekannten Strukturen.

Das muss nicht abwertend sein, eine defekte Uhr ist noch eine. Wer nichts leistet, kann lernen, sich zunächst als Mensch ohne sonst was zu akzeptieren. Die anderen bewerten uns danach, worin wir ihnen nützlich sind, ihnen etwas geben können, sie erheitern. Es wird erwartet, wir möchten etwas bieten, verkaufen, helfen? Es ist möglich, dass Fremde aus manch andrem Grund gerne in unserer Gesellschaft bleiben, aber was bedeutet das uns? Was haben wir individuell der Welt draußen anzubieten, womit auch wir zufrieden sind?

# People who need people, are the luckiest people

Barbra Streisand hat das gesungen. Unser Fortschritt bedeutet, keiner möge aus dem fahrenden Boot stürzen, und verglichen mit früheren Zeiten, ist es besser geworden. Deswegen erlischt aber nicht das Bedürfnis einzelner, mehr aus dem eigenen Leben zu machen als normal oder (sogar) nur unter Zuhilfenahme von Beratern und Therapeuten mitzulaufen. Das gelingt nicht allen Begabten, und manche erreichen mit Findigkeit und hartnäckigem Lernen, Fleiß schließlich besser, was Talentierte könnten. Da sind nicht wenige, die ihnen das von der Natur wie geschenkt überantwortete Kapital dem Lob nachlaufend verpulvern. Zu scheitern droht denen, die blindlings Großes wollen. Ich habe das selbst erfahren und möchte mich nicht exponieren, besser zu sein. Nur ein selbstbewusster Mensch ist in der Lage, im chaotischen Drumherum die Ordnung für seine gesunde Existenz zu erkennen. Das war schon so, als wir in der grauen Vorzeit der Wildnis für uns sorgen mussten. Die Gesundheit, eine gewöhnliche Krankheit zu überstehen, ist nicht gemeint, wenn von Selbstbewusstsein die Rede ist, sondern die gesunde Fähigkeit, sich zurechtzufinden. Eine solide Haltung den unausweichlichen Problemen gegenüber zu haben, ist weniger normal als es sein könnte. Wir nehmen einige mit, die besser für sich sorgen könnten – und so war mein Leben.

Ich habe schon oft Hilfe angenommen und bin dankbar für vieles.

Ich habe spät gelernt, andererseits Unterstützung dennoch abzulehnen, weil ich erkennen musste, dass man mich für den eigenen Lustgewinn vereinnahmen will – und kann heute Menschen ganz entschieden zurückweisen.

Je nachdem.

# Fehmarn

Es war vor fünf Jahren. Ich verbrachte den Sommer auf der Insel, und wir wussten, meine Mutter würde in wenigen Monaten sterben. Dann, vor vier Jahren machten wir Urlaub hier im August. Und das war direkt anschließend der furchtbaren Monate bis zum Tod (der Streit um das Erbe begann, noch bevor wir uns zum Leichenschmaus setzten), nachdem mein Vater beerdigt wurde. Ja, wir waren schon vor den schwierigen Jahren hier.

Anfangs genossen wir den „Urlaub auf dem Bauernhof“ in Gammendorf.

Wir wurden vertraut mit der Insel, einigen Dörfern, Landkirchen, Nord- und Südstrand, schließlich Burgstaaken mit dem Hafen im Süden, dem Adventure-Golf drinnen in der Halle hinter der Werft, draußen in Meeschendorf und natürlich Burg, dem bunten Städtchen, das Zentrum, das doch nicht in der Mitte ist. Puttgarden, die Fähre nach Dänemark war anfangs das Einzige, was wir mitbekamen, als diese schöne Insel von uns achtlos überfahren wurde. Das ist heute anders. Ich kenne einige Leute ein wenig. Ich fahre mit dem geliehenen Rad, kaufe die Brötchen beim Bäcker, lese montags das Fehmarnsche Tageblatt, weil an diesem Wochentag die „Lübecker“ pausiert. Die Bildzeitung täglich. Kabul ist gefallen, welche Zeitung könnte drastischer sagen, was unsere Regierung vertorfte?

Schmerzen und Tod.

Weiter mit Fehmarn, ich bin einen ganzen Sommer lang gehumpelt, weil mein Knöchel schmerzte. Ich ging damit nicht zum Arzt. Nach gut einem Jahr geduldigem Zuwartens, hat es doch aufgehört wehzutun. In einem folgenden Sommer machte ich Urlaub hier, mit der besten Ehefrau von allen und wusste, dass rechts mein Meniskus großflächig degeneriert ist. Anfangs hatte es kurz sehr weh getan. Dann wurde es von selbst ganz allmählich besser. Das war vor zwei Jahren. Ich war vorsichtig. Ich habe nichts unternommen, obwohl mir zur Operation geraten wird. Es tut nicht mehr weh. Bestimmte Dinge lasse ich, laufe nicht mehr Schlittschuh und jogge nie. Fahrradfahren ist gelegentlich unklug. Beim Segeln trage ich eine Bandage.

Das Alter verändert einiges. Seit einem Jahr sind das Trinken von Alkohol und reichliche Mahlzeiten, besonders abends vor dem Schlafengehen, unangenehm. Das ist auch ein Fehmarnproblem; im Urlaub möchte ich gern ins Restaurant. Der Arzt, zu dem ich im Frühjahr ging (weil meiner Rentner ist), überwies mich zur Spiegelung und deutete die Möglichkeit an, es könne (sogar) Magenkrebs sein.

„Er wolle das abklären“, meinte der Fachmann, und benötige dazu ein Blutbild die kommende Woche. Ich sagte den Termin ab und ließ auch die Magenspiegelung nicht machen. Die Überweisung für das Quartal ist verfallen. Sodbrennen und Völlegefühl haben sich langsam, aber kontinuierlich gebessert. Vermutlich, weil es mir schwer fällt, mein Essverhalten zu ändern. Ich habe sehr lange wenig oder keinen Alkohol getrunken, und das finde ich schwierig.

Jetzt sind wir auf der Insel. Wir stehen wieder bei Barnacle in der Schlange und essen fett Eis. Ich trank schon Jever und aß Rumpsteak in der Stadt. Ich habe mich gern nach „der Pilotin“ erkundigt. Alles wie immer. Nicole ginge es gut, das Kind beschäftige sie, meinte der sympathische Ober mit Hosenträgern, der immer dort ist. Ich habe üppig Schlagsahnestreusel bei Pilar am U-Boot vertilgt. Ich trinke Kaffee wie sonst. Genauso fein, Georgia hat mir einen Grappa angeboten, den ich gern getrunken habe. Der erste Schnaps seit Oktober, und ich habe gut geschlafen. Wir essen und trinken abends am Hafen. Ich hatte anderntags mittags zwei Becks in der „Haifischbar“, während ich (heimlich wie immer, ohne zu fragen) die Leute zeichnete.

Die Sonne schien, und die „Jeanny“ wurde erwartet.

Und abends hat das Kornmehl die Gäste im „Zum goldenen Anker“ gülden eingestaubt, dass es eine Freude war, lieber in Billies Bistro hinüber zu radeln und sich über die unkundigen Touristen zu amüsieren. Ein Kümo kriegt das Korn. Magischer Glitter staubt rund um die zaubrische, blaue Jeanny? Hustensymtome muss ich ja nicht haben.

Es geht uns gut, und ich gehe doch nicht zum Arzt.

# Der Sohn von Tom Hanks sei wegen Corona ausgerastet, und der nehme ja auch Drogen lese ich im Netz. Einen Shitstorm habe er bekommen. „Wenn es nicht kaputt ist, dann repariere es auch nicht!“, hätte er in die Kamera geschrien. (t-online, 11.08.2021).

Das Recht und die Möglichkeit, eine vermeintlich asoziale Entscheidung zu treffen, gegen die der eigenen Person geratene Gesundheitsempfehlung zu konsumieren, gibt manchen Menschen das Gefühl von Freiheit. Trotz der empörten Haltung vieler, gibt es noch immer Menschen, die rauchen, Alkohol trinken oder ein Motorrad ohne Seitenairbag fahren. Es gibt Bergsteiger, und Rettungseinsätze kosten unser aller Geld, wenn diese in Not geraten. Menschen machen keinen Sport, sind fett, und das kostet! Es gibt Sexismus. Menschen weigern sich, zu gendern. Zu viele Idioten (Billie sagt das) lassen sich nicht gegen das Coronavirus impfen. Die Umweltziele werden weiter von bösen Konzernen missachtet. Die Politik versagt. Wir sind noch nicht klimaneutral u. v. m. stört.

Die Gastronomen klagen, aber finanziell läuft es ganz gut an der Ostsee. Die Touristen seien so pervertiert. Sie wollten alles sofort. „Penetrant fordernd, seien die Gäste geworden“, das höre ich an verschiedenen Stellen. Stimmt: Ich erlebe bei Börke dasselbe, wie zu Hause bei Allwörden. Beim Bäcker ist man ungeduldig, drängelt – auch zur Urlaubszeit. Es wird blöde vor dem Laden sich behindernd ein- und ausgeparkt. Einmal hat ein Kunde die alternativ für Rollstuhlfahrer gebaute Rampe genutzt, mich auf der Treppe noch zu überholen, war so im Laden zuerst am Tresen.

Frechheit siegt und formt die neue Welt.

Das ist kurioserweise mein Grund, den Arzt zu meiden. Das ist kein Fehmarnthema; es ist grundsätzliche Kritik: Der Konsumkranke verlangt die Reparatur, geht zum Arzt, wie wenn er gerade seine Brötchen fordert. Er „kauft“ sich Gesundheit, und so ist diese dann auch strukturiert. Mich schreckt das ab. Auch deswegen scheue ich den Doktor und die Impfangebote, die mir aktuell gemacht werden. Ich fürchte den Apparat, unseren Staat, die unkritische, aber vorwärts drängende Masse, das Baukastenbezahlsystem. Ich riskiere meine Gesundheit, hoffe (naiv) auf das kürzere Ende, missachte die Perspektive, länger, aber geflickt lebend zu leiden, abhängig vom begleitenden Arzt. Ich will so nicht geholfen werden.

Die Schräge vor der Inselbäckerei zeigt, dass es den Fortschritt im Positiven wirklich gibt. Im Geschäft drinnen an der Wand hängt eine alte Fotografie. Das Bild in schwarz-weiß ist vermutlich aus den Sechzigern. Ein alter Kombi parkt auf der linken Seite vor dem „Café Börke“, und auf dieser Abbildung gibt es zwar die Treppe wie heute an der selben Stelle, aber die Rollstuhlrampe noch nicht. Die Gesellschaft ist vielseitiger, schafft neue Räume und Rechte für viele, die Benachteiligte sich jeweils erkämpfen konnten. Dienstleister und Geschäfte sind heute kunden- und menschenfreundlicher. Die einzelnen Menschen für sich genommen, sind aber insgesamt durchaus nicht freundlicher zueinander geworden.

# Die Regengeschichte geht noch weiter!

Diese blöden Rentnertanten sitzen beim Arzt. Senioren verstopfen die Wartezimmer gern. Es gibt nur wenige, die weise sind, wie es sich für Alte gehört. Das ist kein Märchen, das ist auch Fehmarn. Wenn sie mir nicht auf die Füße treten, mich in den Schüttregen treiben, nicht gestorben sind, leben sie noch heute – morgen dement im Heim.

Ich bin raus aus Edeka.

Ich gehe durch das Megapladdern zum Fahrrad, als wäre das gar nichts. Ich lege die Einkäufe im Stoffbeutel in den Drahtkorb über dem Hinterrad auf den Gepäckträger. Ich bücke mich zum Vorderrad auf den Fußboden, wo in kleinen Strandkieseln das Schloss von Frau Grimm mein Rad im Bügel vor dem Laden hält und schließe auf.

Das Wasser knallt spürbar auf meinen gewölbten Rücken, und die Jeansjacke gibt schon jetzt nach.

Während ich im kleinsten Gang gelassen treppelnd vom Parkplatz rolle, grinsen die ersten Schlauen, die an der Ecke unter einem großen Reklameschirm Zuflucht gefunden haben. Sie tragen Sportjacken, klammern sich an ihre Bikes und haben den (sicheren) Helm mit gelber Regenplane aufgesetzt. Ich bin schon jetzt nass wie nackt, nach nur dreißig Metern Strecke.

Ich biege auf den gegenläufig doppelten Einbahnweg verkehrt herum nach Süden und nehme den heute menschenleeren Bürgersteig für meine Radtour, ohne jeden Schutz vor diesem Unwetter. Sturzbäche, Kaskaden von Himmelsgewalt klatschen runter. Der Himmel weint nicht, er kotzt mich an. Das ist ein Schwimmbad. Die Ostsee selbst ist über mir und nach unten offen.

Wo bin ich, in Hamburg? Ich sehe linksseitig von mir auf der Fahrbahn eine still stehende Blechlawine. In Zweierreihe nebeneinander, ein Stau mit Komplettblockade schaut mich an. Wie glotzende Goldfische im Aquarium sitzen die Leute in ihren verglasten Kisten. Nur das dieses Wasser draußen ist, und ich bin der Fisch auf dem Fahrrad. Der Stau ist genauso am Parkplatz der Inselschule. Dort stehen überall Wohnmobile auf der breiten Fläche, größer als das gewöhnliche Fußballfeld. Rundherum führt die Zubringerstraße, und da steht auch alles. Blech in jede Richtung verkeilt und klatschendes Wasser aus der Luft. Ich radele gemächlich durch. Links rein kurve ich, rechts biege ich durch die Verkeilten, und dann schräg zwischen ihnen hindurch auf den schwimmenden Radweg. Ich sehe in ihren Augen und vom Zorn verformten Mündern, dass es nicht weitergeht.

Sie leiden.

Ich kann, ohne zu stoppen, die Kreuzung nach Süden passieren. Da ist keine Vorfahrt zu beachten, gar das Stoppschild zu befolgen oder die kleine Ampel zu betätigen. Sie stehen auch hier. Längs in meine Richtung und rechtwinklig dazu von Meeschendorf kommend und raus aus Burg nach Meeschendorf stehen auch alle. Kreuzweise in sämtliche Richtungen ist alles festgefahren. Ich gleite, schwimme, grinsend inzwischen, flott zwischen ihnen durch. Glupschige Karpfen, im Glas gefangen, schauen unverständlich blöde, offenmäulig zurück.

Ihre Wischer wischen.

Ich bin nun durch und durch klatschnass. Die Haare kleben auf der Stirn, Wasser rinnt in meine Augen und wieder raus. Ich weine nicht. Ich lache wie irre vor Vergnügen. Auf der Mathildenstraße sehe ich sie rechts von mir. Autos, Autos und noch mehr Autos. Die stehen zu Blocks, seitdem sie den Südstrand panisch verlassen haben? Das ist keine Blechlawine, es ist eine Schlange, eine Blechperlenkette ist festgeteert. Ich federe leicht vorbei, als wärs die schönste Sonne und die Fische blubbern in ihren randvoll abgefüllten Aquarien mich unverständig an. Wer hat denn den Schaden?

Es ist nur nass.

Inzwischen kann ich mich nicht mehr halten vor Lachen. Ich stürze vor Freude beinahe vom Rad, während ich die innendrin doppelt gefangenen Autofahrer demonstrativ angrinse. Meine Frechheit wird nun immer öfter belohnt! Es sind eher die Einheimischen, vielleicht mit einem Handwerkerfahrzeug unterwegs, die auch gern lachen, mit Daumen hoch salutieren. Sie stehen trocken, ich fahre nass, aber es sieht nicht so aus.

Ich nehme die Parade ab.

Ich quere den Stiftsweg, passiere dann ungebremst den Kappellenweg, und es staut. Quertreiber, ein roter Opel probiert es gerade von links durchzukommen, können mich nicht stoppen, nicht einbiegen, weil die Längsverbohrten eisern blockieren. Das geht bis dort, wo sich Mathilden- und Strandstraße vereinen. Als die Schotterspur vor dem Grünen Weg beginnt, kann ich leicht hinüberkreuzen. Hier ist Stauende.

Es ist nicht alles schlecht. Gesundheit ist die Freiheit, wählen zu können. Ich schweife noch mehr ab, um den Bogen zum Trafalgar Square eleganter hinzubekommen. Tatsächlich, ich sehe ein, es könnte zu weit führen (ich bin quasi mit einer Großbäckerei großgeworden), das hier ausführlich zu erzählen. Es würde probiert, Wasser zu Brot zu machen, hörte ich einmal. Aber eine Entwicklung überschneidet sich mit der Urlaubsreise nach Fehmarn.

# Backen heute

Bei mir zu Hause in Schenefeld sind Geschäfte vor Ort, die frische Brötchen, Brot und Kuchen (auch Sonntags) anbieten. Es gibt Zeitungen. Die wie alltäglich gekauften Brötchen haben wir als Vesperpaket mit zur Fahrt auf die schöne Ostseeinsel ins Auto genommen. Das Sortiment der vormals regionalen Bäckerei ist neu, wurde nach dem Verkauf der Geschäfte auf deutschlandweiten Industriestandard umgestellt. Während Lunchpakete vom „Mildenberger“ in Backnang, wo wir auch hinreisen (das ist bei Stuttgart), eine Bahnfahrt lang frisch bleiben, altbackene Brötchen von „Börke“ auf Fehmarn prima sind – hier breche ich ab.

Ganz gewöhnliche Brötchen möchte ich essen.

Auf der Megaraststätte „Ostseeblick“, die gerade vom Verkehrsminister Andreas Scheuer als bester „Rastplatz der Zukunft“ eingeweiht wurde, kamen wir nach kurzen zwei Stunden an. Wir probierten die mitgenommenen Baguette, Dreikornkrustis und Dinkelknacker mit Käse und Wurst belegt zu essen. Das waren ungenießbare Schwämme. Wir haben alles weggeworfen. Die hatten nicht ansatzweise vertrauten Brötchengeschmack. Die Dinger schmeckten nach gar nichts. Zäh zu beißende Gummifasern mit Käse. Ich begriff: Lebensmittelersatzprodukte erzeugen warm aus dem Ofen kommend den Eindruck wohlduftender Brötchen. Ein „Dreikornkrusti“ kostet fünfundneunzig Cent! Billie hat recht: Ich gehöre zu den Idioten. Aber nicht wegen der Impfverweigerung. Weil ich noch Morgen für Morgen dieses Zeug fresse.

# Feldenkrais

Seit den Neunzigern beschäftigt mich ein auf den Körper und die Motive unseres Verhalten bezogenes Training, das ich aus Büchern, in Gruppen- und Einzelstunden entsprechender Angebote kennengelernt habe. Es ist sinnvoll, diese intelligenten Ideen publik zu machen, kreativ weiterzudenken. Ich möchte Gelerntes individuell kommunizieren: Künstler, anderweitig Aktive wie wir, die auf eine mehrjährige Ausbildung in der Methode, sie qualifiziert zu lehren verzichtet haben, interpretieren diese Erfahrungen aus ihrem eigenen Blickwinkel. Geschult im Weitergeben durch Berührung und mit gesprochenen Anweisungen, sich koordiniert in entsprechenden Lektionen zu bewegen, helfen weltweit vernetzt Lehrer, die ungewöhnlichen Anleitungen zu verstehen und einen eigenen Weg zu gehen. Eine gute Sache.

„Lebe lieber ungewöhnlich“, heißt eine bekannte Filmkomödie, die ich tatsächlich nie gesehen habe. Die Story hat vermutlich nichts mit dem hier zu tun, aber das ist dabei herausgekommen; mein Leben ist nicht gewöhnlich. Der Titel gefällt mir! Auf dem Boden liegen und sich einfach bewegen, hilft. Ein gewöhnliches Leben ist geschenkt. Zu scheitern, ohne zu begreifen wieso, wird zu einer lohnenden Aufgabe, wenn Erkenntnisgewinn die Bedingungen verbessert.

Krankheiten mögen unser Leben bestimmen; bei mir und über mich herrschte die Angst? Das wusste ich nicht. Eigentlich ist das keine Krankheit. Erst der Arzt, den die Überforderten hinzuziehen, verewigt die Probleme und macht sie zu seiner Berufung. Ein Patient ist kein selbstständiger Mensch mehr. Und eine Diagnose ist eine Schublade. Von Angst wird nicht gern geredet, und ich habe gelernt, dass auch der Fachmann die Dinge nicht versteht. Viele Namen ein und derselben Sache machen es nicht einfach. Medikamente möchten die Qual vermeiden machen (und die böse Schwester Aggression). Der Arzt fürchtet die Angst des Patienten und der Arme wird nun doppelt gebunden. Das hat man mit mir gemacht.

Alptraum. Ein böser Geist ergriff von mir Besitz. Die finsterste Macht verzauberte mich auf die Abmessungen von Gulliver, aber nicht in das Kapitel mit den Liliputanern. Der Kleine sollte ich sein? Überriesen hatten gegen die Liebe gewonnen. Eine Fata Morgana der glücklichen Zukunft hatte sich als solche entpuppt. Dem war nichts entgegenzuhalten: Ich wurde in eine Kommode gedrückt, hinterste Schublade unten. Mein Leben schien zu Ende. Es wurde dunkel, als der Mann mit dem weißen Kittel kam, und die Lade mit mir darin zugeschoben wurde. Dann knallte (frech) noch kurz ein Buch hinein, und das war es. „Das starke Selbst“, Moshe Feldenkrais.

Schwierig, im Dunkel einer Kiste zu lesen, in der du gefangen bist. Das schwache Selbst: Sich zu fürchten, ist gelegentlich normal. Das war bei uns nicht gern gesehen. Tempo und Fröhlichkeit mussten sein. Das „reiß dich zusammen“ prägte die Zeit nach dem Krieg, wo es aufwärts ging und alle sich zu verkaufen lernten. Wir begriffen nicht wie man es macht, nur was zu tun sei. Heute ist es nicht besser. Zwischen modern geschiedenen Eltern, Geschwistern und manchen Matzen, ziehen wir fröhlich mutige Fratzen. Autodidakten wissen oft nicht, „wie“ sie etwas tun. Manche üben lange, bis sie bemerken, sich nur zu wiederholen, ohne dass eine Sache voran geht.

Das Training, das ich meine? Wir nennen die Übungen lieber Lektionen, um zu betonen, dass nicht die Geläufigkeit an sich das Ziel ist, sondern die Erweiterung von eingeschlagenen Wegen. Die Beobachtung „wie“ etwas geht, möge wichtiger genommen werden, als was es sei.

Das ist nicht Gymnastik à la Qi. Frauen auf einer Lichtung im Wald! (Ein Mann ist immer dabei). Sie schauen angestrengt auf die (konzentrierte) Leiterin, während sie mühsam ein Bein heben, lauschen krampfgewohnt, alles ganz richtig wie gesagt zu machen und möchten doch loslassen? Es geht anders. Wir folgen keinesfalls dem Tempo eines Chingdong nach dem Motto: „Einatmen jetzt eins, zwei, u-und drei!“ Man benötigt den Guru nicht und keine Räucherstäbchen, kann es zu Hause allein auf dem Fußboden anwenden oder im Alltag draußen unterwegs. Das soziale Miteinander Gleichgesinnter ist dabei nicht vonnöten. Mich würde es inzwischen auch definitiv stören.

# Orthopäden kennen keinen Kopf

Mitbewerber zocken ab. Was braucht es das Hirn, wenn der Körper zickt: „Mein Rückenbuch“, Medizinprofessor Grönemeyer. Der Rest vom Doktor tut ihm nicht weh, und wenn es doch passiert, wir lassen morgens den Arsch einfach im Bett! Sprüche wie: „Ein starker Rücken kennt keine Schmerzen“ (Kieser Training) oder plakative Videos, versehen mit einem roten Pfeil in Richtung eines bestimmten Muskels der Protagonistin in Sportkleidung: „Hier musst du dehnen!“ (Liebscher und Bracht), erscheinen billig, wenn man gelernt hat Unterschiede wahrzunehmen. Lieber drüber gähnen, als dehnen …

Der Initiator der nach ihm benannten Methode, die ich erlernte, selbst anzuwenden, Moshe Feldenkrais, vertrat die Auffassung, Erziehung und Selbsterziehung wären der Schlüssel dazu, wie sich ein Mensch entwickelt. Das Verhalten als dynamische Spur durch die Zeit zu betrachten, machte der (eigentlich: Physiker) Trainer seiner Methode zum Ansatz, Schüler und sich selbst Beweglichkeit zu lehren. Körperliche Blockaden aufzulösen, war ihm vor allem ein Mittel, die Möglichkeit zu schaffen, beweglicher zu denken.

Es geht bei diesem Training nicht ums Turnen in einer Gruppe, dabei verklärten Ideen anzuhängen oder artistisches Ballett für jedermann zu ermöglichen. Wir folgen nicht der Lehre, richtig zu atmen. Wem es typisch ist, in den Bauch zu atmen, kann begreifen, alternativ den Brustkorb zu weiten, und die daran gewöhnt sind, ihren Unterleib flach zu halten, lernen Zwerchfellatmung. Die mit dem geraden Rücken verstehen sich zu biegen, andere, sich besser aufzurichten. Es geht uns nicht darum, hübsch zu gehen. Wir glauben daran, dass Flexibilität sich gut anfühlt. Die Erfahrung, leichter voranzukommen und durch Schmerzen geleitet, bald den Weg in weniger davon zu gehen, überzeugt diejenigen, die es gewohnt sind, sich anzustrengen, weil es uns immer gesagt wird. Wir möchten nicht andere Gedanken, streben besser an, das Gehirn an sich umzuschreiben, wie etwa die vom Schlag Getroffenen es müssen, wenn sie wieder gehen lernen. Die Höchstleistung menschlichen Vermögens selbst nachbiegen und Gliedmaßen über Gebühr dehnen zu können, ist kaum das Ziel, aber sich keine Grenze für mögliche Verbesserungen aufzuerlegen.

Ein „starkes Selbst“, das der Erfinder dieser Ideen anstrebte, sollte nicht mit der Herde zu laufen sein. Ich habe davon unendlich viel gelernt und scheue mich nicht, fremdes Gedankengut auf meine Weise selbst hinzuschreiben. Das ist mehr als zitiert: Ich habe so viel verinnerlicht. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen und besser als jede Religion. Der Autodidakt Feldenkrais: „Ich fasse an, fasse mit meinen Händen an“, ist nicht drumherum gekommen, große Gruppen zu unterrichten (mit auch drolligen Ergebnissen, die nebenbei unausweichlich sind, wenn eine ganze Turnhalle voll Menschen auf dem Boden herum rollen). Was für ein Spaß, das anzusehen: YouTube ist das Beste, einen Eindruck zu bekommen.

# Religion

Warum hängen Menschen dem Glaube an oder folgen einer Lehre, die ihnen das Leben besser, angenehmer machen soll? Meiner Auffassung nach kann es nicht gelingen, Krankheit oder gar den Tod selbst außen vor zu lassen, bei den Überlegungen, bewusster zu existieren. Es ist allenfalls möglich, die Gegebenheiten wie sie nun mal sind anzuerkennen und den bestmöglichen Weg zu nehmen, der von hier aus zu sehen ist. Gerade das aber scheint nicht zu sein, was die in einer Gruppe trabende Mehrheit erwartet. Die Meisten scheinen dem goldensten Kalb zu folgen, zum grünsten Gras aufbrechende Kälber sind sie.

Statt mit dem Leib, der ihnen wie lästig am Denkapparat baumelt, Frieden zu schließen, reden viele sich die Gegenwart schön. Sie rechtfertigen alles und möchten ihren Schmerz betäuben. Anfällig für jede neue Idee, sind manche Zeitgenossen bereit, aber auch jeden Blödsinn zum eigenen zu erklären und dabei zu sein, nur aus diesem Grund. Die eine glaubt, wiedergeboren zu werden oder ein Himmelreich schenke (mal später dann) den ewigen Frieden. Wie soll das dort sein, wer will es wissen? Absurd erscheint doch, den jeweiligen Zustand des Körpers auszublenden. Der individuelle Rumpf und seine Glieder sind Teil jeder Erfahrung und Erinnerung. Als könne mein Selbst unabhängig davon in eine andere Körperlichkeit switchen? Eine originelle Idee, genauer darüber nachzudenken ist: „Beeing John Malkovich“, ein wunderbarer Film! Ich erinnere mich auch an eine Kurzgeschichte von Guareschi. Es gelingt dem Priester Don Camillo, das Denken eines Dorfbewohners (quasi ein Schaf seiner Herde), mittels eines Zettels und dem darauf notierten Wort „Seele“, zu binden. Der Listige kann den Bauern in seinem Sinne positiv manipulieren, weg von den armseligen Kommunisten um den Bürgermeister Peppone.

Es kommt dicke. Die moderne Welt schlingert. Mach mit! Lippen aufspritzen bis zum Entengesicht, denn wir schauen ja gern vorwärts in das Selfie und bemerken unser Profil nicht? Im falschen Körper gefangen, bitter. Am falschen Ort gelesen, von der Links- zur Rechtshändlerin. Goethe war gestern für die Buchhändlerin. Der zeitgemäße Intellekt ergreift Besitz von unseren Gehirnen. In der Welt der Worte, sei besser keine Torte.

Das eine ist, die ganz besondere Problematik zu kreieren und nun den Ausweg zu suchen. Auf der anderen Seite spült unvermittelt der Sturzbach ganze Häuserzeilen und Existenzen fort. Luxus- und Echtkrankheiten unterscheiden sich noch. In der vernetzten Welt gefangen oder mit der Planetin gemeinsam den Hitzetod sterben? Es wird sich zeigen, was stärker ist, der eingebildete Mensch oder die Natur.

Schon immer hat sich unsereiner mit manchem herumschlagen müssen. Was es damit auf sich hat, individuell zu denken, zu empfinden, und ob sich’s getrennt ereignen könne? Mal davon abgesehen, dass ich getauft, konfirmiert, aus- und wieder eingetreten bin in die evangelische Kirche, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, wie ein ewiges Dasein gestaltet sein könnte. Das verlangt auch kein Gott. Nur die Eingebildeten beharren drauf. Ich bin Maler, und meine Werke sind abgebildet vom äußeren Eindruck und eine Reflexion. Dass ich mir kein fixes Bildnis ins Hirn mache, wie angeraten, sondern meine Hand zum Werkzeug, hilft. Das ist der schwache Trost, der mir bleibt, die anderen könnten’s genauso wenig begreifen wie ich selbst. Jeder schaffe nach seiner Art und Talent. Ein Glaube, der mich insgesamt von der Geißel jedweder schweren Krankheit befreit, wenn ich der Lehre nur fest genug anhänge, erscheint mir dicht am Wahnhaften zu sein und letztlich Quatsch, aber viele verfolgen ihre Wege (auch von sich überzeugte Atheisten) mit der starren Idee, gerade ihnen könne nichts geschehen. Sie reden sich eventuell Übles, wenn’s passiert, schön: Dann „solle es wohl so sein.“

Die Angst, als ein starkes Gefühl wahrzunehmen und zu beherrschen lernen, ist aber mehr. Die statische Idee, Gene oder Schicksal bestimmten uns, hindert so viele daran, einen besseren Weg zu nehmen. Autor Moshe Feldenkrais macht gern klar, dass ein Mensch nur für den gegenwärtigen Augenblick so ist, wie er sich gibt und schon im nächsten Moment um die aktuellen Erlebnisse der nahen Vergangenheit bereichert sein wird, sie zu dem hinzuzählen muss, das nun unänderbar zu seiner Geschichte gehört. Die Frage ist nicht, ob wir uns verändern, sondern ob wir bereit sind, das zu beobachten wie es genau geschieht und die daraus gezogenen Schlüsse einer Selbstkontrolle unterwerfen, zu unserem Besseren verwenden.

# In seiner Autobiografie schreibt Ralph Giordano: „Die Befreiung von der Angst vor dem jederzeit möglichen Gewalttod, weil ich eine jüdische Mutter hatte, war, ist und wird das Schlüsselerlebnis meines Daseins bleiben.“ (Wikipedia).

Ich bin mit meiner Schwester, Eltern, Großeltern und von Freunden begleitet in das Leben gestartet. Vorbilder sind darüber hinaus Lehrer gewesen, denen ich probierte nachzueifern, weil ich mich für ihre Motive begeistern konnte. Die Reise mit dem „Prinz Hamlet“, der damals noch regelmäßig verkehrenden England-Fähre, die Unterelbe abwärts, an Cuxhaven und Helgoland abends vorbei, bleibt unvergessen. Es ging über die raue Nordsee nach Harwich (unten an der Ostküste der britischen Insel), anschließend folgte der Aufenthalt bei einer Gastfamilie am Stadtrand von Ipswich, zusammen mit Steffen, meinem Mitschüler. Wir verbrachten Zeit mit diesen Engländern, passten auf Little Justin auf und besichtigten die Werkhalle, wo ein wahrhaft riesiger Bagger von unvorstellbarer Größe eines Hauses auf seine Reparatur wartete, die Arbeit unseres Gastgebers. Das kleine Auto, mit dem die humorvolle Familie uns oft herumfuhr, machte bei jedem Kuppeln ein quietschendes Geräusch. Wir mutmaßten, eine verborgene Maus würde gequält und schmissen uns weg vor Lachen.

Im Treppenhaus unserer Gasteltern hing ein farbiger Druck oder Ölgemälde, ein Aktbild. Das war eine nackte Dschungelfrau oder jedenfalls eine gebräunte Schönheit am Fluss. Steffen und ich bekamen, pubertierend und doof wie wir waren, auch dort bei jedem Vorbeigehen unerklärliche Lachanfälle. Das Haus hatte in der Art des Reihenhauses einen kleinen Garten. Einmal war unsere Aufgabe, das kleine Kind zu hüten, und ich meine mich daran zu erinnern, dass es auf den Weg zwischen das selbstgezogene Gemüse schiss. Die Decken der Engländer bestanden (natürlich genauso für uns, die Gäste) aus mehreren einzelnen Lagen anstelle der gewohnten, einteiligen Sommer- oder Herbstdecke, wie das in Norddeutschland üblich ist. Drei oder vier dünne Lappen übereinander hatten die lästige Angewohnheit, des Nachts eine nach der anderen davon zu gleiten.

Wenn wir nicht mit diesen lustigen Gasteltern zusammen waren (das Essen wurde tatsächlich erst auf dem Teller gewürzt, und am Bus standen alle brav in einer Schlange an), unternahmen wir in Gruppen einiges mit Kröger und Frau S. Die Englischlehrerin der Parallelklasse „d“ war natürlich mitgefahren. Vor allem eine Sache, die ich damals nur am Rande registrierte, kommt mir heute wieder in den Sinn. Nicht nur die englische Lebensweise in der Gastfamilie war ganz anders als zu Hause. Es gab auch etliche Ausflüge, etwa nach London. Dort machten wir an verschiedenen Stationen Halt und lernten die Briten und ihre Besonderheiten kennen.

Ich kann mich an einen kurzen Aufenthalt am Speakers’ Corner erinnern. Was damals daran faszinierte, kann von jungen Menschen heute nicht ansatzweise nachempfunden werden. Es gab kein Internet, nur so viel zur Erklärung.

# (…). Von diesem Glanz sei heute nur noch wenig übrig. Zwar trete hin und wieder mal ein Mitglied der Sozialisten auf, so Lewis. Die großen Parteien und Politiker jedoch scheuen Speakers’ Corner seit Jahren. „Die Ecke hat nicht mehr die Relevanz wie früher. Seitdem die Religiösen das Zepter in die Hand genommen haben, ist sie zu einem Ort für Fanatiker und krude Verschwörungstheorien geworden“, so Lewis. (Welt – „Genau genommen ist das ein absoluter Freak-Zirkus“, Veröffentlicht am 22.07.2015, Florian Schmidt, London).

Als Kreativer habe ich mit den Jahren lernen müssen, dass Grafik zu schaffen, Bilder zu malen oder Illustrationen anzufertigen Kommunikation bedeutet. In gewisser Weise ist mein Lebensweg durch ein früh zutage getretenes Talent vorgezeichnet gewesen. Meine individuelle Sprache, das eigene Bild? Schon als ganz kleines Kind fiel ich auf, anders zu sein: Begabt. Ich bin in der Folge gar nicht umhin gekommen, Entscheidungen zu treffen, wie ich diese Fähigkeit in meine Existenz integrieren kann. Meine Auffassung auf welche Art und Weise ich damit umgehen möchte, kreativ zu produzieren, hat sich insgesamt gewandelt.

Nach den Anfängen, aus dem Talent mithilfe fundierter Ausbildung einen Beruf zu machen, musste es weitergehen. Es zeigte sich bald, dass die Frage: „Wem nutzt es?“ zu stellen ist. Schon in der weiterführenden Schule am Steinhauerdamm in Hamburg, die uns mit einem Fachabitur die beschränkte Hochschulreife ermöglichen sollte, lehrte uns meine liebe Klassenlehrerin Angelika das theoretische Grundmodell. (Die könnte ich, glaube ich, noch wo mit dem normalen Apparat anrufen, und deswegen fehlt sie ein wenig weniger).

Kommunikation bedeutet, jemand sendet, andere nehmen Inhalte auf, und dann kommen noch weitere Parameter dazu. Die psychologisch relevanten Bausteine können je nach Sektor der tatsächlichen Anwendung dargestellt werden. Der Werbung, beim wissenschaftlichen Vortrag, Radiosendung oder Theatervorstellung, dem Konzert mit Publikum und bei vielem mehr gereicht das bekannte Modell seine Struktur. Diskussionen auf der Arbeit und Themen in der Familie werden so wissenschaftlich beleuchtet, mit der vielseitigen Infografik erklärt. Die ästhetisch motivierte Botschaft einer Abbildung beinhaltet darüber hinaus den Eigenwert künstlerischer Ausgestaltung eines Themas. Die ungewöhnliche Sprache des Gestalters: mehr als tausend Worte und dergleichen.

# Zwitschern

Was heißt das, kommunizieren? Moshe Feldenkrais, der oben skizzierte Lehrer eines speziellen Bewegungstrainings, geht an einer Stelle im Buch „The Potent Self“ davon aus, dass die Kontrolle des Menschen, der beginnt laut mit sich selbst zu reden, ungenügend ist und hier möglicherweise eine krankhafte Änderung im Selbst ihren Anfang nimmt. Wehret den Anfängen! Kommunikation, die erkennbar nicht bei einem Rezipienten ankommt, sei krank, nimmt der bekannte Verhaltenstrainer an. Stimmt das?

Der Drang zur Kunst. Feldenkrais publizierte seit den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zu der Zeit, und als ich jung gewesen bin, in den Achtzigern, wäre uns eine entgegenkommende, mit sich selbst redende Person auf dem Gehweg unterwegs, unstrittig als krank erschienen. Heute ist das ganz normal, nur dass diese Menschen per Headset oft kaum erkennbar anderen wichtige Nachrichten senden: „Bin jetzt am Bus und gleich bei dir.“ Das ist nicht krank, das ist nun nur normal. Es muss immer irgendwo ein zuhörendes Gegenüber sein, dann ist zu reden legal. Glaube dran, dass das, was du zu sagen hast, irgendwo ankommt: Bete deine Gebete, iss rote Bete und pflanze Blumenbeete.

Inzwischen ist es leicht, mithilfe eines aufgeschnappten Namens und Bildersuche im Netz die unglaublichsten Künstler kennenzulernen. Da sind ganz bestimmt einigermaßen unbekannte Könner unterwegs. Sie werden nie Millionen am Markt machen. Auch nicht, wenn sie einmal gestorben sind. (Wenn ich tot bin, wirft meine Familie alles weg. Davon bin ich überzeugt).

Das bringt mich gelegentlich dazu, die Frage nach dem Wert eines Bildes anders zu stellen. In meinem Wohnzimmer hängt kein Druck, sondern die jeweiligen neueren, von meiner Frau akzeptierten Bilder, die ich gemalt habe. Die anderen sind im Dachgeschoss, das meine liebe Gattin vermeidet, allzuoft aufzusuchen. Die selbstgestellte Frage muss sein, inwieweit ein Bild gerade mir, dem Schaffenden nützt? Das sei auch anderen geraten, die staunen, wie viel ein echter „Picasso“ oder „Van Gogh“ einbringt – wem denn? Es mutet mir, dem quasi Kollegen, seltsam an, den zu bedauern, der es in seinem doofen Unglück richtig fand, sich das Ohr abzusäbeln. Vielleicht war das nötig für ihn, wie sich welche heute ritzen? Etwas merken: Er lebte ungewöhnlich.

Noch heute bewundern manche den Trompeter Chet Baker, der nicht wenigen Zeitgenossen als verschmutzter Junkie galt (der auch Musik machte). Das starke Motiv, ein Leben lang zu malen oder der Trompete intelligente Töne zu entlocken an sich, bleibt ein Geheimnis, das der Konsument mit Geld nicht kaufen kann. Wie will ein solcher wissen, wer hier der Unglückliche sei?

# Gewöhnlich doof

Nun gibt es Menschen, die ein Tagebuch führen, das sie nur selbst gelegentlich lesen. Dies mag dem Modell einseitiger Kommunikation ohne schnelle Rückkopplung die gesunde Variante bieten, den Weg (und das Verständnis, wie Kunst zu begreifen ist) weisen. Das könnte den leicht zu begreifenden Eingang in das Selbst zeigen, erklären, wie wir eigentlich schaffen. Einfach gegen die Wand zu reden oder im Club Leute zu bequatschen, die nicht wirklich zuhören und auf einer Straße ins Nirgendwo unterwegs, im Wahn zu rezitieren, mag krank sein.

Vielleicht hilft Schreiben auch zu denken und zu malen nützt dem, der es tut, allein wegen der Aufgabe, zwingend den eigenen Stil zu kreieren? Wir sollten ehrlicherweise zugeben, dass anderen zuhören nicht eben leicht gelingt, und mit Reden glänzen zu wollen die Regel ist. Genie und Wahnsinn lägen dich nebeneinander, glauben wir zu wissen. Die moderne Welt, vernetzt wie nie zuvor, muss sich fragen, ob Schwarmintelligenz der Antrieb unseres digitalen und in der Folge nicht selten politisch wirksamen Tuns ist? Oder ob genauso oft Schildbürger das Licht ihrer Weisheit ins Dunkle unserer Denkfabriken bringen, die behaupten, es mit Säcken eingefangen zu haben.

Moderne Kulturfreunde kämen wohl nie auf die Idee, in den Bildern von Vincent van Gogh armseligen Quatsch zu sehen? Eine Einschätzung, die Zeitgenossen des Malers angetrieben haben mag, seine möglicherweise wenig zielgerichteten Versuche auszustellen und Anerkennung zu erlangen, nicht nur zu torpedieren, sondern den später Berühmten als kranken Spinner zu ignorieren.

Damit wären wir erneut bei der Theorie, dass jemand, der einen Monolog im Wohnzimmer hält, einen Roman für die Schublade schreibt und inzwischen sogar jemand, der sich am Speakers’ Corner auf einen mitgebrachten Tritt stellt und lamentiert, krank ist.

# Freak

Heute muss es Instagram oder Twitter, Youtube oder eine andere, anerkannte Plattform sein, wie ja auch Kunst nur dort etwas zählt, wo entsprechendes Publikum auftaucht. Wer auf die Idee verfällt, seinen Stuhl am Feldrand einer Weide mit einigen Kühen aufzustellen, den Tieren einen Vortrag hält, gilt nur dann als normal, wenn derjenige sich dabei filmt, noch besser, streamt und eine nennenswerte Zahl von Followern kommentiert. Wir können demzufolge beruhigt sein, alles ist ganz normal geblieben. Es sieht nur anders aus.

🙂