Als freier, künstlerischer Maler kommt man nicht umhin zu denken. Alle denken, auch die, die keine Künstler sind, tun es. Manche bilden sich was drauf ein; niemand stellt es ihnen ab, wenn Denken nervt, krank macht oder lästig wird. Es geschieht uns. Nicht alle denken darüber nach, wie sie es tun und ob es anders geht. Alle Aktivitäten werden von Gedanken begleitet. Manche reden von Bauchentscheidungen, und das soll wohl heißen, dass dabei gerade nicht gedacht würde. Dann kommen Gefühle ins Spiel. Einige sagen, Emotionen lösen Gedanken aus, und andere finden die Gedanken ursächlich für die Entwicklung einer Gefühlslage. Tatsächlich gibt es die Möglichkeit, einen Kurs zu besuchen oder Literatur zu konsumieren, die einen befähigen soll, auf das eigene Denken manipulativ einzuwirken. Dadurch würde derjenige selbstbestimmter, und das hätte sowohl Einfluss darauf, gesteckte Ziele zu erreichen wie das Gemüt zu beruhigen. Die Logik dahinter ist klar: Lasse ich mich von der Umgebung steuern oder nehme das Ruder selbst in die Hand?

Ich habe schon Segelanfänger in meinem Boot an die Pinne gelassen. Es ist erstaunlich, dass es ihnen, wenn sie besonders unbedarft sind, nicht gelingt mit dem Boot eine zielgerichtete Fahrt zu machen. Nichtsegler, die gar nichts von der Bedienung einer Jolle wissen, können nicht segeln. Das bedeutet, ihr Schiff dreht Kreise, treibt irgendwie, die Segel flattern oder stehen back. Die Unfähigen können den Sinn vom aufgeholten oder tief herabgelassenen Schwert nicht verstehen, die Platte unter dem Boot, die sie Kiel nennen und die eine planbare Fahrt erst möglich macht. Sie wissen nicht, mit der Pinne umzugehen. Sie drücken diese nach Lee von sich weg, wundern sich erst, dass das Boot nun genau in die andere Richzung segelt, als sie meinen, und im nächsten Moment flattern die Segel usw. – da sind wahrscheinlich wenige, die dann schnell ganz von allein lernen. Mit einigen helfenden Worten bessert sich die Lage jedoch bald.

Angenommen, wir Menschen sind so ein Boot selbst; das soll heißen, unser Körper wäre die bedienbare Struktur, der Kopf mit dem Gehirn und seinen Richtorganen der Kapitän. Das habe ja nicht ich mir ausgedacht, als ein Bild, und das kann man auch mit einem anderen Fahrzeug darstellen. Eine Kutsche mit Fahrgästen, und die sollen dann zu einer Einigung kommen, dem Kutscher Anweisungen geben, und der wiederum kennt sich mit den Pferden aus, ist mit der Straße vertraut und kann notfalls bremsen.

Normal Arbeitende mutmaßen, dass Künstler nicht wissen, was sie tun und das Talent ihnen hilft, Sachen zu machen, für die sie selbst zu hart arbeiten müssten. Viele glauben, dem Künstler falle alles zu. Andere meinen, Maler würden erst nach dem Tod berühmt und seien deswegen dumm, weil sie am Hungertuch nagten. Noch wieder welche verweisen auf Van Gogh und erkennen das Kranksein in der Kunst, bei Musikern bemerken sie vordergründig nur das ungezügelte Leben mit Alkohol und Drogen. Verdient jemand außergewöhnlich, steht der Neid im Raum; das ist ja auch beim Fußball ein Thema. Keiner bewegt sich annähernd wie ein Ronaldo, aber alle schauen begeistert zu, und schon geht wieder die Debatte los über’s Geld. Ich gehe dann aus dem Raum, und das ist einer der Gründe, warum Kreativität einsam macht. Ganz wenige nicht künstlerisch schaffende Normale erkennen die Leistung der Kreativen deutlich und reflektiert an. Das sind die wenigen, die nicht neiden, spotten oder plappern, was schon gesagt worden ist.

Wir kommen auf die Welt an einem Ort, den wir dann zum Ausgangspunkt unseres Lebens machen müssen (und diese Unfreiheit am Beginn akzeptieren). Im günstigen Fall werden Eltern, Großeltern und Geschwister sowie bald auch Freunde den Rahmen so garnieren, dass wir schnell lernen, uns zurechtzufinden. Damit wächst der Anteil an Eigenverantwortung, aber das Gefühl und die Erfahrung, alles durch einfaches Schreien erreichen zu können, weil Mama dann kommt, genügt nicht mehr. Wenn wir beim Boot als Sinnbild weiterdenken, stellt sich die Frage, welcher Typ der unsrige ist und in welchem Revier wir starten? Wer sind wir, was werden wir sein: Eine kleine Jolle, die man sowohl dafür nutzen kann, am Wochenende wie zum Camping eine Tour zu segeln, bei der man in einem nahen Hafen am Flusslauf übernachtet, am Sonntag zurückkehrt und auch mit Gleichgesinnten Regatten segelt – oder ein auf der Werft im Bau befindliches Containerschiff, das, wenn es fertig ist, zu den größten der Welt zählen wird und von dem andere erwarten, dass es seinen Dienst wie geplant auf den Ozeanen der Welt tut – das sind geerbte Erwartungen unserer Umgebung und eventuell genetische Anlagen dazu.

Niemand kommt umhin, bald über den Tod nachzudenken, schon als kleines Kind. Kinder fragen ständig. Es dauert nicht lange, das Leben grundsätzlich zu beschreiben. Wir werden geboren, wachsen einige Zeit lang auf und lernen, erreichen unsere Körpergröße, begreifen Geschlecht, Sexualität. Im mittleren Teil des typischen Menschenleben steht, so sollte es sein, eigenverantwortliches Dasein, Existenzsicherung, individuelle Entfaltung persönlicher Vorlieben, Sexualität und Familie, bis dann Rente und Tod unausweichlich näher kommen. Den Sinn von Fehlern, Feindseligkeit und Krankheit lernen wir kennen. Wir stellen die Befriedigung von Trieben, intellektuelle oder anderweitige Vorlieben den erstgenannten Schwierigkeiten gegenüber, wenn wir verstehen lernen, dass an einem selbst gesteckten Ziel anzukommen befriedigt. Ob das bedeutet, aus einer kleinen Segeljolle einen Großsegler oder Öltanker machen zu müssen – sich zeigen wird, dass derartige, grundsätzlich operative Änderungen nicht gelingen können oder ob wir das Revier wechseln müssen, uns letztlich genügt, die Segel anzupassen, je nach Wind und Wetter – das wird unser spezielles Leben sein.

Irgendwann müssen wir beginnen, darüber nachzudenken.

Erstaunlicherweise scheinen einige das nicht nötig zu haben und andere mehr. Und wieder welche müssten nachdenken, tun es aber nicht. Ich habe mit Herrn B. gesprochen. Dieser Mann betreut sterbende Menschen im Hospiz. Meine Mutter ist in dieser Einrichtung verstorben. Sie war exakt vier Wochen dort. Meine Mutter hatte, schon im Bewusstsein ihres Todes in den Tagen vor dem Umzug in ihr Sterbezimmer, noch in der eigenen Wohnung allein, den Verstand verloren. Sie wurde möglicherweise aufgrund von Angst nicht mehr wirklich klar, während wir ihr Sterben begleiteten. Noch wenige Wochen vor dem endgültigen Abschied in Wedel hatte sie vehement postuliert: „Ich verlasse meine Wohnung nicht mehr!“ Damit konterkarierte sie den ursprünglichen Plan, den durch eine Krebserkrankung unausweichlich vorhergesagten Tod im Hospiz zu erleiden, wofür wir Angehörigen mit ihr zusammen mehrere Häuser kontaktiert hatten.

Die Angst vor dem Tod muss jeder erleben, keiner im Hospiz komme drum herum, ich habe den klugen Sterbebegleiter danach gefragt.

Meine Eltern beneideten ihren Segelfreund Hannes. Er „habe es gut gemacht“, fanden sie. Kann man das machen? Hannes war mit Ehefrau nachts auf dem Nachhauseweg von einem Opernbesuch am Kantstein direkt vor dem eigenen Wohnhaus unvermittelt tot zusammengebrochen. Auch Olaf, ein Freund vom Onkel meines langjährigen Segelfreundes Bernd, stürzte, sagt man, (vor dem kleinen Kino in Blankenese) im noch nicht so fortgeschrittenen Alter auf dem Gehweg – und überlebte das nicht; wir waren aber überrascht und entsetzt. Der war gerade am Beginn einer möglichen Rente und hatte noch viel vor. Ebenso der im Ort bekannte Kassierer einer Bank in Wedel. Dieser Pechvogel segelte am ersten Tag seiner Verrentung bei Freunden auf der Ostsee mit. In einer plötzlichen Bö vor Schleimünde kenterte der zum Segelboot ungenügend umkonstruierte Kutter, und der Mann ertrank. Das waren Beispiele für einen gelungenen Tod, fanden meine Eltern. Wie man das „mache“, haben sie tatsächlich darüber nachgedacht? Sie hatten beim Anwalt eine Verfügung formuliert, was sie im Falle eines unvermittelt nötigen Krankenhausaufenthalt ohne Bewusstsein wollten und was nicht.

Das Hospiz liegt räumlich direkt angeschlossen nah einem Hamburger Krankenhaus. Es ist ein Zaun, der beide Anlagen trennt, und typischerweise gelangt man von einer Nebenstraße zum Gebäude. Dabei gerät man gar nicht in den Betrieb der Klinik. Es ist ein kleiner Parkplatz dort und eine Tür, an der man sich als Angehöriger legitimieren muss. Ich erinnere Sylvie. Sie war vorher im Kindergarten beschäftigt gewesen. Die junge Frau hatte sich bewusst entschlossen, eine Zeit lang hier zu arbeiten. Eine Herausforderung, eine Pflicht für sie. Das war ihr bewusst geworden. Es tat Not, weil sie begreifen wollte. Ich denke noch oft daran, wie gut es getan hat, wenn sie mit ihren Putzkram in der Nähe still die nötige Arbeit machte. Ich habe ihre Telefonnummer auf einem Zettel. Ich solle anrufen, sie koche gern für Freunde und habe dann original afrikanische Spezialitäten aus ihrer Heimat bereit, die sie unmöglich alle allein essen könne. Das habe ich nie getan, mit dem Tod meiner Mutter war Schluss. Es ging nicht, nur deswegen. Ich sehe die Zeit wie im Nebel, wenn ich daran denke: Die Leitung, Frau E., die ich über eine Freundin in einer ähnlichen Einrichtung als Ansprechpartnerin empfohlen bekam. Sie machte es möglich, dass meine Mutter noch am selben Tag das angemeldete Zimmer bekam, als ich anrief, beschrieb, wie sich die Lage zugespitzt habe.

Das war unglaublich.

Der direkt am Sterbenden verantwortlich begleitende Herr B. sagte mir, jeder im Hospiz wäre irgendwann damit konfrontiert, den nahen Tod als unausweichlich zu bemerken mit der entsprechenden Angst. Er erzählte von einem Bewohner, der nach einigen Wochen wie erwartet starb. Dieser Mann war ganz dünn und ausgemergelt geradezu, unübersehbar von seiner schweren Krankheit gezeichnet. Der scherzte aber nur und war immer auf eine aufgesetzte Art fröhlich, hatte Geschichten drauf, als unterhalte er das Personal in einem Hotel. Dem Herrn B. sagte er gelegentlich: „Man sagt ja, ich hätte diese schlimme Krankheit, aber Sie wissen doch, dass das nicht wahr ist.“ Daraufhin probierte der Pfleger regelmäßig, behutsam die Realität in das Empfinden seines „Gastes“ einzubauen: „Doch. Es stimmt. Sie sind todkrank und werden in wenige Wochen oder sogar schon in einigen Tagen hier bei uns sterben. Das wissen Sie auch.“ Der Mann bestritt es ein jedes Mal und machte Scherze. „Darum sind Sie hier. Weil Sie sterben.“, meinte der professionelle Sterbebegleiter trotzdem, nicht um den Mann zu quälen. Dann kam, was kommen musste, erzählte B. mir, es wäre heftig und unausweichlich über den knochendünnen Todgeweihten gekommen. Jeden Tag habe er sich’s einreden können, er wäre zum Spaß an diesem Ort. Erfolgreich scheinbar, habe der Mann seine unübersehbare Endlichkeit im Spiegel und beim Blick auf seine Gliedmaßen verleugnet.

Aber dann wäre es schließlich passiert. Da hätte sich der Sterbenskranke eines Nachts für viele Minuten, ja Stunden weinend an B. geklammert, gekrampft geradezu. Er griff zu, ein Kind, das um Hilfe ruft. Hatte rotzend, schluchzend und zuckend den Pfleger rundum mit den Armen wie ein Krake unlösbar eingefangen, bemüht mitgeschleppt auf diesem unvermeidlichen Weg, wenigstens solange es geht, noch Kraft in den abgemagerten Ärmchen ist, Eisenkrallen daraus zu machen.

Es ist immer präsent. Ich erlebe es: Als wäre auch ich noch dabei gewesen, hätte den Sterbenden selbst gekannt.

Der Pfleger erinnerte sich, erzählte. Die Flure hatten gebohnerte Fußböden, und hinter jeder Tür befand sich ein Sterbezimmer, und keines der Betten dort ist leer geblieben. Mit jedem Gestorbenen bekam ein weiterer Mensch von einer Meldeliste die Gelegenheit, hier behütet zu sterben. Vor meinem inneren Auge lebt jetzt gleich alles auf, während ich diese Zeilen in das Pad tippe: Die Kerze im Erdgeschoss. Sie wird dort angezündet, wenn ein vertrauter Gast die letzte Reise antritt und das Haus verlässt. Als B. erzählte, glaubte ich dabei zu sein. Ich sah den Mann scheinbar, während wir im schummrigen Flur leise redeten und meine Mutter Greta oben im ersten Stock schlief. Ihr blieb noch Zeit.

Wie viel davon, und was dann?

Der Pfleger, ich selbst und der Mann: Wir drei schienen nun unentrinnbar unterwegs, magisch gefangen vom Tod selbst. So plastisch beschrieb B. mir, wie es war, mit in das nicht länger auszublendende Schicksal des Kranken gebunden zu sein. Umklammert. Der konnte nicht mehr – und hatte die Angst zugelassen.

Er war am Morgen anschließend der Nacht ganz friedlich gestorben.

🙂