Nordkirche: Erstmals weniger als zwei Millionen Mitglieder, Schenefelder Tageblatt vom Sonnabend, 20. Juli 2019 – „Wofür der christliche Glaube steht, ist für viele Menschen nicht mehr verständlich“, sagte gestern die Landesbischöfin (…), Kristina Kühnbaum-Schmidt, heißt es dort.

Das liegt wohl daran, dass die Kirche sich als eine soziale Institution unter vielen anderen zeigt. Ist Religion grundsätzlich sozial, also an erster Stelle gemeinschaftlich zu begreifen, wir sind die Weltbessermacher? Oder sollte die Kirche nicht idealerweise auf den einzelnen Gläubigen (innerhalb der anderen) schauen, dem Menschen Orientierung sein, einen guten Weg als Möglichkeit aufzeigen? Wenn suggeriert wird, es sei bereits durch die Mitgliedschaft belegt, der Gemeinschaft der guten oder sogar besseren Menschen anzugehören, kann dieser hohe Anspruch leicht verfehlt werden. Wenn sich die Kirche mit sozialen Hilfsorganisationen gleichstellt, gerät sie in die bekannten Probleme solcher Institutionen. Besinnt sie sich stattdessen auf ihre eigenen Werte, nämlich Menschen in eine verbesserte Welt erst hinführen zu wollen, muss diese Gemeinschaft nicht fertig oder perfekt sein. Das hieße Schwäche innerhalb der Kirche zuzulassen. Eine quasi offene Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft. Wenn Pastoren und Priester annehmen, als Hirte nur den weißen Schafen vorzustehen, bilden die anderen außerhalb eben eine größer werdende eigene Herde aus, und die ist möglicherweise nicht einmal schwarz, sondern bunter und vielfältiger.

Viele Menschen (und nicht die schlechtesten) sind da, die sagen: Wir können gut und menschlich sein, auch ohne die Rituale einer Kirche, und die beweisen es uns Tag für Tag so nebenbei. Sie tragen die Gesellschaft ohne viel Aufhebens. Sie treten für sich ein, machen ihren Weg, helfen unspektakulär wenn es mal passt. Dafür benötigen sie kein Ehrenamt. Es ist ihr Selbstverständnis abzugeben, wenn es noch für andere langt. Sie geben dem Bettler, nehmen ihn aber nicht mit in ihr Haus. Sie öffnen sich, und setzen doch eine Grenze, sie sind gesund. Wir folgen ihnen gern, sie sind in der Kirche, sie sind nicht in der Kirche, das ist nicht wichtig. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die krank werden am Anspruch kirchlicher Gebote. Sie beten, sie missionieren uns, sie nerven – sie sind erkennbar nicht gesund. Es ist eine Wahrheit, dass manche besser dran sind, die überkommene Glaubensdogmen ablegen konnten. Vielleicht tut uns eine schlanke Kirche sogar gut? Gott selbst kann niemand abschaffen, wenn er um uns herum wahrhaftig da ist. Lassen wir es doch drauf ankommen!

Wir finden immer wieder neue, machtorientierte Bosse ohne Skrupel, die innerhalb der Gesellschaft wirtschaftlich kraftvoll aufsteigen. Es gibt wohl schon Menschen, die sich deutlich über das Gesetz stellen und dennoch mehr und mehr Macht um sich versammeln können. Jedenfalls ist das eine Annahme, die durch zahlreiche Skandale in Wirtschaft und Politik immer wieder neue Nahrung erhält. Wenn die christliche Predigt diese Leute nicht sozial mäßigen kann und eher durchsetzungsarme Mitglieder eine Glaubensgemeinschaft bilden, entsteht das Bild einer schwachen Kirche. Das wäre eine Gemeinschaft der Ohnmächtigen. Die Bibel zeichnet ein anderes Bild. Der Gläubige scheint dort auch unterlegen in schwierigen Lagen und gewinnt erst allmählich innere Stärke, kommt gerade durch Zweifel, Skrupel und eigene Fehler zu einem besseren Selbst.

Vielleicht muss der moderne Gott suchende Mensch akzeptieren, dass es Zeitgenossen gibt, die ihn scheinbar mühelos beiseite drücken und feist-zufrieden konsumieren? Das sieht nach frechem Glück aus! Wer ohne Glaube befriedigend leben kann, ist besser dran, als ein Mensch, der glaubt Ansprüchen genügen zu müssen, an denen schon einige zerbrochen sind. Wir wollen doch nicht feist und frech sein, wir wollen nicht gemobbt und verarscht werden. Das ist eine Herausforderung: Wer lernte anderen wehzutun, als das Ergebnis der Überlegung, ich kann jetzt auch tun wie die anderen, erlebt Befriedigung darin nur, wenn er den Hass grundsätzlich kultiviert. Muss zulassen, alle Sensibilität gegenüber der früher selbstverständlichen Empathie zu vergessen, als wäre eine Denkweise ausgestorben, wie eine Tiergattung auf unserem Planeten. Das faszinierende, sich selbst in diese Richtung gehen zu lassen, ist den Punkt innerer Umkehr zu bemerken – etwa, wie ein frustrierter Ehepartner in langjähriger Ehe nach einiger Zeit bemerkt, dass sein Maulen nun nicht mehr nützt. Wenn der Rat darin bestünde, nutze deine Ellbogen ohne Gewissen, und es dazu keine Alternative gibt, dann wäre die Welt ein Spielball der Asozialen. Das ist sie aber noch nie gewesen.

Glaube kann frei machen, und dafür muss die Kirche offen bleiben, mutig gegenüber sinkenden Mitgliederzahlen, sich auf den Kern ihres Wesens besinnen. Jesus Christus, dieser langhaarige Spinner (so wie wir es von den Gemälden kennen), dieser Aufrührer damals in Jerusalem (nicht wenige werden ihn so gesehen haben), den der Mob angeklagt und schließlich angenagelt hat, unser Messias! – der war anders. Er stand vor dem Tempel, nicht auf der Kanzel drinnen, er mauerte sich keinen Dom; er hat solange geredet, gepredigt, bis einige genug hatten. Der hatte zum Schluss nicht nur sinkende Mitgliederzahlen, der hatte so viele „Daumen runter“, dass er gekreuzigt wurde und starb.

Das wirkt bis heute nach.

Da sind wohl einige, die nicht glauben wollen, dass der Heiland anschließend noch herumspazierte, schließlich locker und zufrieden angesichts seines Gesamtkunstwerks mit Vaters Gnade in den Himmel aufgefahren ist. Allein die Beschreibungen der letzten Tage und Stunden im Leben vom Mann aus Nazareth, regen bis heute immer wieder dazu an, dargestellt zu werden. Im Film oder durch die wiederholten Lesungen in den Kirchen. Es erschüttert noch immer. Das ist der Mensch!

Vielfältig motivierte Demonstranten, wie auch die zur Kirche gehörenden Bischöfe, zeigen sich solidarisch mit den Rettern der Flüchtlinge im Mittelmeer. Sie ziehen sich eine leuchtend rote Schwimmweste über. Hilft uns das? Das kann auch eine locker umgehängte Maske sein, denn wir selbst bleiben ja sicher an Land dabei. In Italien leben Menschen. Irritierend ist das dünne, leicht als fadenscheinig erkennbare Mäntelchen, mit dem sich selbst für gut und besser Erklärende gern behängen. In den verschiedenen Leitungsämtern der Politik und den Kirchen (manchmal) und natürlich überall in den Medien, wenn wegen „irgendwas“ ein Aufschrei durch die Nation geht. Wie an jedem Stammtisch. Eine gute Predigt muss kreativ stark sein, nicht nur im Chor harmonieren: Ich bin auch dafür, wo die dagegen sind, und aus sicherer Distanz leicht mal „dabei“ mitschwimmen- und schwingen.

Jesus Christus gab sich ganz und gar hin, er verkörperte seine Mahnung so sehr, dass er zum Opfer der Welt um ihn herum wurde. Er wich der persönlichen Gefahr nicht aus, sprang quasi selbst ins Meer, um die Menschen da heraus zu fischen. Und um bei diesem Bild zu bleiben, weil es zum Weiterdenken animiert und wir es in die heutige Zeit projizieren können: Jesus fischte Menschen, und da waren auch aggressive, wie gefährlich zuschnappende Haie dabei. Es stimmt, dass andere schuld sind. Aber wir sind selbst doch auch die anderen, bitte. Was auch immer ungerechtes weltweit medial uns erreicht, reflexartig reagiert eine breite Palette sozial sich engagierender Menschen. Das rote Kreuz, die Seawatch, Greenpeace, der weiße Ring, die Gewerkschaften und die großen Kirchen, sie unterscheiden sich marginal. Etwa wie die „guten“ Parteien in der Politik, bei denen derzeit die grüne Farbe im Trend vorn liegt. Konkurrieren evangelische und katholische Kirche, wie SPD und Linkspartei, ist Gott rot, schwarz oder grün?

Das Problem: Jede Organisation trägt das Risiko in sich, innerhalb des Systems auch Fehler zu machen, z.B. Korruption oder Missbrauch, Ausbeutung der Mitarbeiter, während man nach außen hin zu den sich für gut erklärenden Personen gehört. Sind Menschen die an Gott glauben nur eine Organisation, wie jede andere Firma und Verein oder verbindet sie der Glaube und deswegen eine innere Stärke, die durch die Kirche lediglich einen Rahmen findet, zum Gebet mit anderen? Die feste Burg, das ist doch nicht das gemauerte Gotteshaus. Die Kirche: Ein Vereinshaus, das soll das nur sein?

Im Spiegel der Welt: Gerade hier könnte die Kirche sich als von Gott beauftragt unterscheiden. Sie könnte sich profilieren, im für sie einzigartig möglichen Unterschied zu jeder beliebigen sozialen Institution, dadurch, dass sie sich nicht als eine weitere Polizei präsentiert. Anprangern kann jeder. Gott vergibt dir, aber seine Kirche nicht? Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche wird nie befriedigend geklärt werden und die Opfer werden nie gebührend gewürdigt und nichts davon wird je umfassend wieder gut gemacht werden. Das geht gar nicht. Und nach dem Missbrauch wird immer vor dem Missbrauch sein.

Jede Schule, Kindergarten, Sportverein und Kirche, werden immer der Ort sein, wo Menschen ausgenutzt, vergewaltigt werden. Jede Psychiatrie birgt das als eine reale Gefahr in sich. Alle sozialen Vereine für jungen Menschen, Pfadpfinder, Jugendtreffs. Die Orte, wo Jugendlichen ohne Orientierung oder die bereits Opfer von Gewalt geworden sind, geholfen werden soll, sind zugleich die Anlaufpunkte für Erwachsene mit dem zwanghaften Wunsch, sexuelle Macht auszuüben. Das nährt jede Institution bedrohlich in sich, wie Unkraut im Garten, ein Aspekt der menschlichen Natur (wie ja auch immer neue Kriege losbrechen). Das ist unabhängig von Glaube und Kirche zu verstehen; obwohl Missbrauch dort natürlich den Zorn der sich von Gott verlassen fühlenden Menschen noch anfeuert. Wir sind schwach und böse. Ob ein Mensch nun Teil der Gläubigen ist oder nicht, spielt keine Rolle. Es gibt keine „guten“ Menschen. Ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ein (noch) aktueller Bericht illustriert, wie leicht Missbrauch bagatellisiert wird, nicht nur wie z.B. gerade heute in den Nachrichten, bei den Regensburger Domspatzen in Kirchenumgebung.

Tagesschau Investigativ / Das Portal für die Recherchen der ARD
MONITOR: Missbrauch im Saarland, Nikolaus Steiner, WDR, 24.06.19

Universitätsklinikum des Saarlandes/Möglicher Kindesmissbrauch in etlichen Fällen

Über Jahre soll ein Assistenzarzt im Universitätsklinikum in Homburg etliche Kinder sexuell missbraucht haben. Laut Monitor-Recherchen wurden die betroffenen Eltern nicht informiert, obwohl das Klinikum schon Anzeige erstattet hatte. (…) hat ein Assistenzarzt, der zwischen 2010 und 2014 am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg tätig war, in einer Vielzahl von Fällen intime Behandlungen an Kindern vorgenommen, die medizinisch nicht erforderlich waren. Der Klinik lagen dabei schon früh Hinweise auf eine pädophile Neigung des Mediziners vor. Die möglichen Opfer und deren Eltern wurden jedoch selbst dann noch nicht in Kenntnis gesetzt, als die Uniklinik Ende 2014 Strafanzeige gegen den Arzt stellte und die Staatsanwaltschaft Saarbrücken wenig später ein Ermittlungsverfahren einleitete.

(…) hatte an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hunderte von Kindern behandelt. Die Behandlung intimer Körperzonen gehörte eigentlich nicht zu seinen Aufgaben. Nach Recherchen von Monitor ergab eine stichprobenartige Überprüfung der Behandlungsakten durch den Klinikdirektor, dass 95 Prozent der Behandlungen (…) medizinisch nicht indiziert waren. Wie viele Patienten betroffen sind, ist bis heute unklar. Außerhalb des Klinikums war der Tatverdächtige in der Jugendarbeit tätig. Auch hier gab es Hinweise auf sexuellen Missbrauch – die Dimension ist jedoch unklar. (…)

Der Assistenzarzt ist im Jahr 2016 plötzlich verstorben. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Saarbrücken wurden daraufhin eingestellt. Auch in der Folge wurden andere mögliche Opfer offenbar nicht informiert. (…) Eine Anwältin betroffener Eltern, die durch Zufall von den Vorkommnissen erfahren hatten, wandte sich im April 2019 an den Ministerpräsidenten des Saarlandes, dessen Staatskanzlei als Aufsichtsbehörde für das Universitätsklinikum fungiert. Dort kam man daraufhin zu der Entscheidung, nun doch einen Teil der betroffenen Eltern über die Missbrauchsvorwürfe in Kenntnis zu setzen. (…) MONITOR: Missbrauch im Saarland/Nikolaus Steiner, WDR 24.06.2019 07:36 Uhr/Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juni 2019 um 06:18 Uhr.

Mich hat erschüttert, als dieser Fall im Fernsehen lief, wie rational und überzeugend ein Mitarbeiter darstellen konnte, warum man das seinerzeit nicht öffentlich gemacht hatte: „Wir haben uns gedacht, wir schützen die psychisch schwachen Kinder auf diese Art. Die werden einfach angenommen haben, so etwas gehörte zu der ihnen helfenden Behandlung dazu, weil es ja ein Arzt war, der das machte.“ Psychisch Kranke sind so doof, die merken nix? Waren nur Kinder, und wir sind erwachsen, wir sind Arzt.

Missbrauch im Gotteshaus ist nur der zufällige Ort, an dem es geschieht. Der Kirche Heuchelei vorzuwerfen und deswegen auszutreten, bedeutet sich selbst außerhalb der Glaubensgemeinschaft als den besseren Christen darzustellen. Das ist intellektuelle Akrobatik, mehr nicht. Wer sich auf diese Art profiliert, beschneidet sich um das gemeinschaftliche Glaubenserlebnis in einem Kirchenraum bei einer Andacht. Nimmt sich die tiefe Geborgenheit durch das christliche Miteinander bei wesentlichen Lebensereignissen, Heirat, Taufe, Konfirmation, und Beerdigung von Angehörigen. Ganz schön kurzsichtig.

Gewalt ist Realität und besser ist doch, daraus eine Kraft für eine menschlichere Gesellschaft zu formen, als so zu tun, als ob man etwas verstünde, was in Wirklichkeit keiner kann. Niemand ist einfach so mal gut. Das hängt sehr davon ab wo und an welchem Ort der Welt und mit welcher Geschichte im eigenen Gepäck der Mensch seinen Lebensplatz hat. Und von der jeweiligen Situation. Es ist leicht, mangelnde Zivilcourage anzuprangern, wenn wir einen Vorfall in den Medien kommentieren, aber schwerer ist es, mutig zu sein, wenn der Moment es erfordert. Schon immer haben Männer Frauen vergewaltigt und werden es weiter tun. Es ist ein natürlicher Unterschied, dass ein Mann einen Penis hat, hart wie eine Waffe, wenn er es so versteht, und die Frau eine natürliche Öffnung an dieser Stelle ihres Körpers. Es ist ein natürlicher Fakt, dass Männer in der Regel kräftiger sind, und seit je haben Soldaten, nachdem sie eine Stadt eroberten, die Frauen im Ort vergewaltigt. Schon immer haben Menschen, denen Macht über andere, auch über Kinder zugefallen ist, das ausgenutzt. Zu allen Zeiten haben inselhafte Gruppen der Gesellschaft Raum für Missbrauch gelassen und werden das weiter tun. Warum so tun, als ob das alles eines schönen Tages nicht mehr ist, so tun als ob du als Verkünder dieser neuen Welt die Macht hast, das Unheil an sich abzuschaffen oder es bei dir selbst nicht existiert? Das können nur ganz naive Menschen glauben. Die Kirche wird nur ernst genommen, wenn Sie nicht wie ein Feuer schwenkende Schamane oder als betakelter Ordensonkel daherkommt. Glaube darf gern real sein und handfest.

Ist die Kirche vielleicht ein zahnloser Tiger? Gibt es eine spürbare Macht des Glaubens, wo ist die Stärke zu finden bei denen, die glauben? Kann ein gläubiger Mensch kraftvoll für etwas stehen und ist deswegen in der heutigen Zeit (noch) echter Bedarf dafür? Manche tun alle Wunder der Bibel als Märchen ab. Andere versuchen sich noch zu retten, wenn wieder ein Forscher die geschichtliche Wahrheit, anders als im biblischen Geschichtenbuch, widerlegt, indem sie uns die Kraft der Bilder dieser Texte beschwören. Ist da nun eine praktisch nutzbare Fähigkeit, eine wirkliche Macht, so wie eine Art Energiestrom im Film „Krieg der Sterne“, eine anwendbare Manipulation des Geschehens für einen irdischen Skywalker auf dem Boden der Realität unserer Moderne? (Manche suchen noch).

Die moderne Demokratie, der erkämpfte Rechtsstaat heute: Raum für Kirche, Platz für Glaube? Mahnt der Gläubige, greift er ein, leistet er passiven Widerstand und auf der anderen Seite, wo geht ein gläubiger Mensch gern mit, sagt: „Ja!“ – mal davon abgesehen, dass Religionen verschieden sind? Wie geht der moderne Mensch mit seinen Raum greifenden Kräften, nachdem wir nun Jahrtausende lang Zeit hatten, uns kennen zu lernen, um? Ich habe gegoogelt: Die Legislative ist in der Staatstheorie neben der Exekutive und Judikative eine der drei – bei Gewaltenteilung voneinander unabhängigen – Gewalten. (Wikipedia). Hier ist das Wort Gewalt als anerkannte Kraft legitim. Wir haben sie aufgeteilt.

Üben auch Gläubige Gewalt aus? Ist es erlaubt, und wenn, auf welche Weise legitimiert? Islam, Christentum – es scheint nicht einmal klar, was die jeweilige Religion ihren Anhängern genau auferlegt oder freistellt. Wir diskutieren das immer wieder neu. Ganz unabhängig davon, bleibt ja eine übergeordnete Sinnfrage, ob Gott selbst in das Geschehen auf Erden und im Weltall eingreift, frei nach Einstein: „Gott würfelt nicht.“ (Albert Einstein war Physiker). Ein großer Sinn scheint nicht für alle gleich gut als eine Art Zweck des Lebens erkennbar, wir hätten das inzwischen bemerkt. Ein brutaler Serienmörder, getrieben in perverser Lust, ein verheiratet und vergleichsweise brav im System mitlaufender Automechaniker, mit durchschnittlichem Anspruch an seine Umgebung – wir können nicht erkennen, dass sie gleich sind. Der Mensch bleibt blind gegenüber seinem Sein. Und muss doch handeln.

Gewaltverzicht ist eine grundsätzliche Forderung des Christen an sich selbst, und heißt das, es gelingt nach Ansage? Es ist wohl schon gruselig, was ein Polizist heute tun muss, sich zu tarnen, um das Schlimmste zu beenden. Genauso gruselig finde ich, wie sehr der Staat in unser aller privatestes Heim schaun kann. Denn der Staat (handelt er so auf richterlichen Verdacht) – das sind Menschen wie du und ich, deine Nachbarn im Dorf (unter Umständen). Die Kirche könnte im Verständnis einer ganzen Welt deutlich machen, dass Fehler vergeben werden können. Die Kirche könnte zeigen, dass auf Gewalt zu verzichten schwierig ist, weil die Welt voller Gewalt ist. Es könnte uns eine Herausforderung sein, unsere eigenen Fehler zu bemerken und vor uns selbst zuzugeben. Es kann bereichern zu spüren, wie sehr unser Ärger, unsere Wut und Zorn auf die, die uns verletzen, uns nun wiederum zum gleichen Hass führt.

Etwas zu merken ist eine Chance, die innersten Regungen zu vermeiden dagegen riskant. Es wäre eine einmalige Chance für die Kirche, die Menschen zu lehren, auf ihre Bösartigkeit zu verzichten. Als eine Herausforderung, eine Aufgabe. Nicht, indem mit dem Finger auf andere gezeigt wird, wie jeder es kann, sondern durch eine Schau ins eigene Selbst. Ein gläubiger Mensch bist du in der Erkenntnis deiner Fehler und deinem Zorn auf andere, aber eben nicht in der Idee, du wärest ja bei den Guten (im Register eingetragen) und kämpfst allein deswegen (bekanntermaßen) gegen das Schlechte. Dann wäre durch das Glaubensbekenntnis allein alles böse Tun in dir nicht länger vorhanden und dir somit unmöglich? Erfolgreiche Gehirnwäsche zum saubersten und grundgütigsten Menschen? Ein riskanter Irrtum bis zu dem Moment, wo du, gesellschaftlich gesehen, komplett versagst. Das ist schon vorgekommen. Viele können sich gar nicht vorstellen, was ihnen mit ihrer aggressiven Hände und Füße Kraft möglich ist wie jedermann, und das bedeutet, wie mit einer Tüte über dem Kopf, Vogel Strauß zu spielen. Die Leute gehen in ein Kino, schauen James Bond mit der Lizenz zum Töten an, der weiß was er tut, der darf das? Dann ist der Film aus, und die „Tagesschau“ ist ihnen der gleiche Film? Man schaut nicht länger fern, wir sind stattdessen modern im Netz unterwegs? Wir wissen Bescheid? Das Leben ist kein Film. Nicht im Kino, nicht in der Zeitung, nicht im Fernsehen und nicht im modernen Internet sind wir.

Wir sind noch selbst die Natur.

Nicht zuzuschlagen und trotzdem frei zu sein, ist schwierig. In einer Gesellschaft von gruppenweise verkleisterten Opportunisten, bedeutet Gewaltlosigkeit nur zu oft eine Art „kalten“ Krieg gegen jedermann zu führen. Wer nicht politisch korrekt durchhält und ausrastet, verliert. Kein Wunder, dass Empathie und Hilfsbereitschaft zum Marktwert verkommen. Alle sind nur Prostituierte, wenn gut zu sein wie ein Wappen ist, mit dem wir uns maskieren.

Warum treten Menschen aus der Kirche aus? Wohl kaum, weil sie eingesehen haben, dass sie selbst jeden Tag ungerecht sind, zu ihrem Nächsten und nun aufgeben, nach dem Motto, diese Kirche, sie ist zu anspruchsvoll für mich. Denken die: Das sind hier alles Gut-Profis neben mir in der Bankreihe, ich habe unter der Woche einfach nicht die Zeit dafür, weiter zu üben, um dieses Level noch neben den Profi-Gläubigen am Sonntag halten zu können, die werden bald merken, wie verdorben schwach und schlecht ich in Wirklichkeit bin, besser, ich trete schnell aus? Die Menschen wissen gar nicht was und wie sie etwas tun, sie machen das, was andere machen.

Möglicherweise ist es eine Anspruchshaltung: die Kirche, die Vereinsleitung, die Politik, mein Chef, der Arzt, sie geben mir nicht genug? Das Ergebnis unserer Konsum gesteuerten Welt? Ich bezahle euch, also gebt mir die Befriedigung die der Herr Jesus uns einst versprochen hat? Das ist nirgends verkehrt außer in der Kirche. Du gibst dich hin und bekommst dafür, Glaube ist (wir erinnern uns) andersherum. Was geben Menschen an, gefragt warum sie ausgetreten sind? Meinen Eltern war unter anderem die Kirchensteuer ein Grund. Sie hatten ein Geschäftshaus gebaut, waren Kinder des Wirtschaftswunders, dieser Erfolg zeigte sich so in den achtziger Jahren, als meine Schwester und ich erwachsen wurden. Bei kraftvoll anwachsenden Verdiensten, gleichzeitig den an jeder Ecke flott steigenden Abgaben zündete ihr Argument: „Das auch noch zahlen?“ durchaus im Bekanntenkreis. Wir traten alle vier in kurzem Abstand aus. Wir fanden das zeitgemäß.

Die verschiedenen Konfirmationen hatten noch traditionell die Qualität unserer Familie als gut integriert illustriert. Sie lagen aber einige Jahre zurück, die Oster- und Weihnachtsfeste waren bereits kirchenbesuchsfreie Konsumtage geworden, da gingen wir leichthin fort. Hat sich das ausgezahlt? Mein Vater begann zu schimpfen, das machen ja viele, wenn sie älter werden und es kommt nicht so sehr darauf an, worauf. Heuchelei warf er „den Pfaffen“ vor, parallel vermutete er, die Katholische Kirche wüsste etwas vom Sinn und Zweck der Welt, ein großes Geheimnis etwa, wäre im Vatikan gespeichert. So wie der seinerzeit populäre Erich von Däniken sich einigermaßen sicher ist, dass wir von Ausserirdischen besucht wurden.

„Wi lev nich op de erste Welt“, habe „der Alte“ (der bereits verstorbene Vater von meinem Vater) immer gesagt, und das sollte wohl noch unterstreichen, dass Papa Willy Bassiner (genauso wie die Pfaffen in Rom) Dinge gewusst hatte, die man „uns“ nicht sagte. Bassi’s Vater war im Krieg nach Spanien strafweise abkommandiert, nach Internierung. Sein Vergehen: er hatte lautstark öffentlich gegen Hitler gewettert: „Dat gift Kriech, de Mann hat n’ Schaden. In der Mittelmeerfahrt hatte er (angeblich) einige Heldentaten vollbracht, als Kapitän des (großen) „Fortiedtje“, einem (behauptete mein Vater) landesweit bekannten Hochseeschleppers. Inzwischen überlege ich, war es vielleicht: „Four Tides“ oder etwas in der Art?

Maritime Meisterleistungen und Zivilcourage.

Denken wir an Käpt’n Blaubär, der Döntjes erzählt. Nachts: Im Feuersturm der englischen Flugzeuge, steht La Spezia in Flammen! „Kaptein“ Bassiner, „de veerantwortliche Schipper“ im Geleitzug, löppt mit de ihm anne Siet gestellten Tankschiffen nich’ ein! Befehlsverweigerung: Kriechsgericht! Dor kümmt noch bi, he hätt’ de Flak eigenmächtich wedder afbaut, de se em an denn Vorsteeven geschruuft harn. Willy har’ dütt finstre Kriechsgerät e-nfach över Boord ’kippt! He wullt partut nix to doon hebben, mit denn unmenschlichen Kriech. (Er verhinderte die sichere Zerstörung vom Geleitzug, da er erkannte, dass es im Dunkel der Nacht leicht war, den Angriff auf See unbemerkt abzuwarten, ging mit ihm anvertrauten Tankern erst im Morgengrauen in das völlig zerstörte La Spezia).

Held der zivilen Fahrensleute im Hitler-Krieg! Er konnte den auf Schiet gelaufenen Frachter von der Sandbank holen, nachdem drei spanische Marineschlepper es nicht schafften. So wurde er im ganzen Land berühmt (behauptete mein Vater). Der Alte, auch an Land unerschütterlich, damals: Er hatte, unten in Spanien, einmal einen Riesenberg mit goldigem Bargeld, angehäuft auf einem Tisch, ausgeschlagen. Vorschuss für ein dubioses, mafiöses und mit der ortsansässigen Kirche verstricktes Geschäft. In einer Macht- und Wutdemonstration seiner Ehrbarkeit und Nichtkäuflichkeit, gleich einem betrunken tobenden Kapitän Haddock, wenn er den Säbel gegen einen imaginären, roten Rackham schlägt, hatte er den gesamten Tisch umgestoßen. Das ganze viele Gold: es kullerte durch den Raum über den Fußboden. Mit einem Krachen stürzte der schwere Tisch den erschrockenen Mafia- und Kirchenpaten vor die Füße! Das erzählte uns mein Vater gern. Er war ja nicht dabei. Es blieb dieser Eindruck, manche wissen mehr, und man sagt es uns nicht. Vertrauensverlust, vielleicht war das ein Grund auszutreten? Glaube ist wohl über das Selbstvertrauen hinaus auch das grundsätzliche Vertrauen in das Dasein überhaupt. Die Welt muss einen festen Boden bieten, damit ich meinem Selbst Dinge zutrauen kann.

Sollte ich vorab sagen, dass ich John Steinbeck, Conrad, Irving, Böll, Frisch, Watzlawick, Popper – wirklich alles, was Rang und Namen hat, rauf und runter gelesen habe, wenn ich behaupte: Erich von Däniken ist nie blöd gewesen, der kann schon in der Tradition von Thor Heyerdahl verstanden werden, das sind Forscher mit dem Mut, eigene Wege zu gehen? Sie konnten sich auch selbst damit finanzieren, weil ihre Ideen plakativ sind. Was ist schlecht daran? Die Wissenschaft tut gern wichtig, wenn angestammte langjährige Fakten hinterfragt werden. (Däniken hat das Niveau eines Boulevard-Journalisten). Raumfahrt, wo ist Gott – Verschwörungen? Als zum Jubiläum der Mondlandung noch einmal der Start einer Saturn V im Fernsehen lief, habe ich geweint und mitgefiebert wie damals. Es wurde auch klar, dass man das nicht faken kann. Thor Heyerdahl hat sich ernsthaft forschend und mutig auf seine Fahrten begeben. Däniken hat mich zumindest mit der Grabplatte vom Kukumatz nachdenklich machen können.

Was auch immer war – aus der Kirche trat ich nicht aus, weil ich nicht glaubte. Mein Grund war der persönliche Zorn, alleingelassen zu sein. Weniger von Gott als von meinem Pastor: Knuth ging nach Afrika, fand die Not dort größer als in Wedel und kam zurück, um Jutetaschen auf unserem Marktplatz feilzubieten. „Jute statt Plastik“, war sein Motto. Wenn man bedenkt, wie lange das her ist, modern. Es gab also keinen geregelten Konfirmandenunterricht. Am Ende einer vollkommen unstrukturierten Zeit, wurden wir konfirmiert. Der Pastor hatte sich anfangs der Konfirmandenzeit einmal vorgestellt, skizziert, was das Evangelium eigentlich wäre und jedem von uns eine „Gute Nachricht“, das ist eine halbe Bibel, in die Hand gedrückt. Er trat erst wieder an uns heran, als der Tag der Feierlichkeiten kam: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Das wurde mein Konfirmationsspruch. Heute würde ich sagen, der Herr war weit hinter dem Pluto in anderen Welten ernsthaft verhindert, und Pastor Knuth tat wichtige Dinge in Afrika. Kaum betreut vom jungen Diakon Werner, las ich einmal in der Woche irgendein Buch der kircheneigenen Bibliothek weiter, während der Vertretungspastor in einem Nebenraum auch irgendwas machte. Es gab dort jede Menge primitive Sexual-Anleitungs-Bücher! Wenn ich wieder in der Schule war, musste ich meinen Freunden Jens und Lenzus neue Wörter, die ich nun kannte und ihre Bedeutung (petting), erklären.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, das war damals neu. Es ist ziemlich dick. Ich habe es ganz gelesen, das war mein Konfirmanden-Unterricht. Vielleicht habe ich deswegen nie Drogen genommen, war nie für Geld bei einem Mädchen; als ich im vergangenen Jahr nun gelegentlich geschäftlich in St. Georg unterwegs war, ständig angesprochen, ist mir das wieder richtig bewusst geworden: „Na, hast du Lust …?“

Mein lieber alter Vater wurde später stark depressiv. Sein Traum durch „ranklotzen“ recht bald arbeitsfrei Rentner zu sein, renommierend herumzulaufen damit, in der Bahnhofstraße oder am Yachthafen, ganz frühzeitig die Arbeit generell aufgeben zu können und nun nur noch segeln zu gehen, kam nicht leicht in Gang. Erst allmählich wurde das besser. Mit dem Auto, mit Bus und Freunden unterwegs, lange Reisen mit der Segelyacht; nach und nach fanden meine Eltern noch zu einigen guten Jahren. Wir Kinder wechselten nicht stilsicher in das Erwachsenenleben, meine wiederkehrenden psychischen Erkrankungen waren doch kaum zu verbergen und niemand war stolz drauf. Das verdiente Geld aus unserem Haus und Geschäft finanzierte und unterstützte mich in wechselnden Lebenslagen und meine Schwester in wechselnden Berufen. Wenn meine Hilfe in dieser Zeit vom Herrn kam, dem, der Himmel und Erde gemacht hat, dann habe ich sie nicht wahrgenommen.

Warum trat meine Mutter aus? Weil mein Vater nicht mehr in der Kirche sein wollte, ihm zuliebe? Das hat sie gesagt, als sie schon krank war. Als Kind hat meine Mutter Karl May rauf und runter gelesen, so begeistert, dass sie eines schönen Tages zur allgemeinen Belustigung in der Schule von den anderen Mädchen mit einem „Großen-Karl-May-Orden“ aus Pappe behängt wurde. Gerade in dem Moment, als die Deutsch- und Klassenlehrerin den Raum betrat. Peinlich. An einer Schule, die das Abitur zum Ziel hatte, galt der reißerische und streckenweise doch sehr schlichte Stil von May nichts, da konnte „der“ deutsche Volksschriftsteller schlechthin, trotz seines großen Erfolges, nicht punkten. Karl May hatte es sehr mit dem Glaube, das zieht sich durch alle Bücher. Ich habe die auch vollständig gelesen. Heute würde ich sagen, dass das durchaus bedenklich ist. Es hat mich in einer Weise geprägt: Ich wollte nie wahrhaben, dass Old Shatterhand eine Erfindung ist! Ich glaubte alles. Möglicherweise später ein Problem in anderen Lebensbereichen? Warum meine Schwester austrat, kann ich nicht sagen. Unsere Wege sind schon verschieden! Wie wäre eine Familie gewesen, die ich gemocht hätte?

Meine Mutter führte penibel und fleißig Buch im familiären Betrieb, sie blieb hart, stark und für sich allein auch ganz bestimmt glücklich, bis sie schließlich krank wurde und schnell verstorben ist. Mein Vater folgte bald darauf. Ihm fehlte jeder Sinn, er sah gar keine Zukunft, er blieb einfach im Bett liegen, bis er wund und verhungert und voll mit Wasser in der Lunge hustend endlich tot war. Ich saß am Bett, das war ja gar nicht auszuhalten. Er hatte nicht die Kraft, ein letztes Eisen in einen weißen Wal Moby Dick zu schleudern und mit einem Fluch auf den Lippen, angetakelt und verheddert, verstrickt und gefesselt, an seinen ganz eigenen Riesenfisch zu versaufen, wie Ahab. Eine gottlose Familie?

Ich bin wieder in die Kirche eingetreten, habe meinen Frieden mit mir und dem lieben Gott gemacht, gefunden. Wir haben die Eltern beerdigt. Das konnte ich nicht tun, ohne Gott um Verzeihung zu bitten, und meine Mutter ging gern, begleitet vom afrikanischen Pastor und Freund Siaquiyah Davis. Er war unersetzlich an unserer Seite in schwerer Zeit. Meinen Vater haben wir still in kleinstem Kreis beerdigt. Er wollte nicht zurück: Kein klares Bekenntnis für unseren Herrn konnte ich ihm entlocken. Und so habe ich seine Urne selbst über den Friedhofsweg getragen, nachdem ich auch einige Worte an die wenigen Trauergäste gerichtet hatte. Ich folgte dem ernsthaften und professionellen Bestatter. Ich habe die Urne behutsam in das kleine Erdloch gesenkt, wie ich es bei Siaquiyah, als meine Mutter gegangen war, gesehen hatte. Da ist eine Schlaufe aus dünnem Band dran befestigt, und du musst aufpassen alles langsam und geschickt und würdevoll zu tun, damit nicht noch ein Malheur am Grab passiert.

Wenn so viele Menschen gar nicht spüren, was genau ihnen gut tut und wie sehr sie manches kränkt, dann könnte die Kirche die möglicherweise noch schwarzen Schafe doch wie mit einem Spiegel blenden und beleuchten, so dass das Licht Gottes sie weiß erstrahlen ließe und sie sich nun hier zum ersten Mal wohlfühlen? Eine blonde wunderschöne Carola Rackete funkelt mit ihrem zupackenden Mut wie eine Fackel der ungebrochenen Hoffnung auf Rettung und Menschlichkeit, an Bord im Mittelmeer als Seawatch-Kapitänin. Sie ist eine amazonenhafte Heldin, hell am Himmel der Sterne unserer Ideale, wie das (beinahe) namensgleiche Feuerwerk, dass wir abfeuern, wenn wir stolz auf uns sind. Das möchten wir! sein. Wir ziehen eine Schwimmweste über und demonstrieren. Wir ziehen einen Zaun zum Reihenhausnachbarn und prozessieren.

Gut sein und mit Lob belohnt? Wenn du das willst, kannst du zu unzähligen anderen Vereinen gehen, nicht zuletzt auch zur Polizei. Die Kirche ist doch kein Verein! Wo ist die Kraft des Glaubens, wenn die Pastoren sich fragen müssen, warum ihnen weniger zuhören? Ein Prediger sollte wie ein Bettler sein. Jesus wurde doch verurteilt und öffentlich gekreuzigt, Seite an Seite mit angeklagten Verbrechern. Einige Dislikes dürfte der barmherzige Messias da seinerzeit bekommen haben. In dieser Tradition stehen wir Christen. Wer richtet denn? Das steht uns nicht zu, das ist die Aufgabe von denen, die sich das zutrauen, bitte. Nehmt es an, ihr Pastoren, Bischöfe und Bischöfinnen. Ertragt, dass sich welche abwenden und bleibt an Bord vom Kirchenschiff. Und wenn das irgendwann nur noch ein kleines Boot ist. Es ist nicht zu erwarten, mit Geld überschüttet zu werden und mit dem Geschenk, unterhalb der Kanzel von einer großen Menge bewundert zu sein, wie ein Superstar, wenn man Glaube predigt, was denkt ihr denn?

Einen Weg innerhalb der Gesellschaft finden, das eigene Selbst zu formen und mit mehr als einer gekauften Individualität aus dem Baukasten dastehen: wie das geht? Das sollte Kirche aufzeigen. Und das kann sie auch. Menschen wenden sich ab, zum goldenen Kalb, und? Das ist kein neues Problem. Die Schöpfung an sich als verfehlt ansehen? Sich erst zufrieden zu geben, wenn gar nichts Böses oder Falsches mehr getan wird? Das hieße, gegen Fehlverhalten so gründlich siegen zu wollen, dass der Friede auf Erden eventuell erdrückend und unmenschlich widernatürlich würde, wie sich’s niemand vorstellen kann. Eine so vollkommen künstlich geregelte Welt, das wir uns darin kaum zurecht finden. Wir hätten wohl gar nichts zu tun? Könnten nichts lernen in einer Welt, die keine Fehler, keine Unterdrückung und keine Schmerzen kennt. Die in der Bibel an mancher Stelle vorausgesagte neue Weltordnung ist als wohltuend endlich beschrieben. Das ist außerhalb unseres Begreifens.

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat sich gegen Kritik gewehrt, sie sei ein „Guru der Apokalypse“ und verbreite Angst und Schrecken. Ein Zusammenbruch des Bekannten in Überbevölkerung, Klimahitze und Chaos ist beschreibbar! Eine göttliche Endzeitwelt, in der alles ewiglich gut ist, nicht. Warten wir einfach ab? Der Eintritt in eine neue Welt kann doch nur wie das Aufwachen aus einem Traum geschehen, da warten wir auch nicht. Wir taumeln durch, bis wir klar begreifen, es ist morgens. Dann wissen wir für gewöhnlich, was nun zu tun ist. Wir stehen auf, gehen ins Bad usw.

Worin besteht das höhere Gericht? Kirche kann lehren, wie Glaube neue Wege aufzeigt, nachdem der bisherige Kurs des Lebens abgesegelt ist. Eine See- und Landkarte. Die Vorstellung einer draußen und oben von uns übergeordneten Macht, wird sich vernünftigerweise innen Wege bahnen, uns lehren und führen auch dort, wo jeder Weg zu ende scheint. Wenn die alles stabilisierende Weltordnung nicht kommt, bleibt nach wie vor die Suche nach dem inneren Frieden inmitten des umgebenden Chaos möglich. Natürlich ist ein funktionierender Staat, wie wir ihn haben, kein Chaos. Aber in den Köpfen einzelner richtet das alltägliche Gewusel zumindest zeitweilig soviel Unordnung an, dass der Ausweg doch einfach darin besteht, das Vertraute im Normalen wieder zu erkennen und zur Ruhe zu kommen. Wahrscheinlich ist doch, dass wir im Zuge der Klimaveränderung vor Problemen stehen, die insgesamt so komplex werden, dass die Not des Einzelnen, sich zu orientieren ohnehin in den Focus rückt. Da bleibt genug Raum für Glaube und Religion. Wie sieht denn ein ewiges friedliches und eventuell jenseitiges Leben aus, wo wird das sein? Ich glaube, das ist genau hier: Da wo wir sind.

Gott zum Gruße! Bleiben wir fröhlich und finden zu neuer Gelassenheit, nach Enttäuschung und Zorn, dem Begreifen eigenen Versagens.

Schenefeld, 24. Juli 2019