Nicht zittern: „Alles Leben ist Problemlösen“, Karl Popper. In großer Klammer vereint der Philosoph das menschliche mit jeder anderen Form des Lebens. Wir müssen nur einen Tierfilm ansehen, um zu verstehen. Irgend ein strubbeliges Wesen steckt die Nase aus dem Loch, baut am Nest rum, wuselt geschäftig um die Höhle, man kennt das. Vielleicht wird Nachwuchs versorgt. Eventuell kommt eine böse andere Gattung daher und schafft echte Probleme, Kampf und Tod.

Lösen wir Probleme oder schaffen wir Probleme, die wir lösen müssen?

Das Tier löst natürliche Probleme, die ihm eigene Bedürfnisse und eine vorgegebene Umgebung auftragen. Da der Mensch Natur durch soziale Struktur ersetzt, entsteht eine neue Situation. Das ist in vielen Bereichen Realität. Anstelle den Schwierigkeiten durch Wetter, Jagd und anderen äußeren Problemen großer Natur, die ein Urmensch in geringer Stammesgröße lebend, vordringlich meistern musste, haben wir die Umgebung selbst geformt. Je nachdem, zivilisiert im Bereich integrierter Gesellschaft oder verdreckt im Drogensumpf eines Slums, von allgegenwärtiger aber machtloser Polizei wie im Krieg gefangen. Ein sozialisiertes Dasein, eine Sozialnatur, eine künstliche Umgebung. Wir leben nicht vereinzelt hier und da einer im Wald. Unsere Natur ist enges aufeinander hocken mit anderen, die Natur ist vielen nur ein Park. Landmarken, Berührungspunkte, natürliche Widerstände? Die Bäume links und rechts, das sind wir nun selbst. Dennoch scheint es ja gerade die altmodisch echte Natur zu sein, die uns im Klimawandel entgleitet. Wir beginnen, das zu bemerken.

Die Natur kommt zurück.

Im heftigen Wetter und in der Person des afrikanischen Flüchtlings gleichermaßen. „Wir schaffen das?“, dieser Satz der Kanzlerin hat polarisiert – warum? Es sind die, die unsere Realität verdrängen, sie regen sich auf. Aber: Wir ziehen die Grenzen wieder deutlicher. Haben wir eine Wahl – wir vermehren unsere Spezies jeden Tag, läuft deswegen unsere Zeit ab? Der Urmensch hatte keine Uhr.

Ist der Mensch von Natur aus gesund, im Sinne von kollektiv psychisch auf der Höhe? Wenn ja, wird das wie selbstverständlich immer so sein? Kann die Gesellschaft in künstlichen Rahmenbedingungen ihre natürliche Gesundheit verspielen, eine Umgebung, die wenig gemein hat mit dem ursprünglichen Planeten? Oder findet das menschliche Verhalten Lösungen für jede denkbare Umgebung? Was ist gesundes und zielführendes Problemlösen? Wir mussten schon immer neu denken. Haben wir kaum steuerbare Überbevölkerung, und bedeutet das Unvergleichbarkeit mit früher? Ein neues Problem. Eines, das alle vereint und deswegen so bisher nicht vorgekommen ist. Das Miteinander, unsere gute Seite, wird gern beschworen: „Frieden schaffen ohne Waffen!“ Wir nutzen die freundliche Natur, sie ernährt uns. Auf der anderen Seite, der Mensch verteidigt sich gegen Naturkatastrophen und seine menschlichen Feinde. Menschen sind selbst Natur. Kämpfen wir gegen uns, als eigenen grundsätzlichen Feind, weil das, was die Natur war, nur noch ein vermüllter Restplanet ist? Sind wir schon bald resistent gegen die natürliche Zersetzung, wie unsere technischen Schöpfungen? Im günstigsten Fall wächst die Plastikblume, bewässert durch versauerten Regen, plötzlich von selbst! Und ist essbar geworden, weil auch wir zur Kunstfigur mutierten – in einem evolutionären Sprung, den niemand vorausgesehen hat: So könnten wir (mit der Natur) wieder Freunde werden!

Der Mensch hat bewiesen, wie anpassungsfähig er ist. Er hat sich die Welt bequem umgestaltet. Wer nicht mag, muss nicht zu Fuß gehen. Dem Wetter trotzen wir mit einem Haus. Wir tragen Schuhe und warme Klamotten gegen jeden Wintersturm. Mehr noch, wir machen besser Eindruck mit Kleidung, als jeder Papagei, dem die Natur ordentlich Farbe in die Federn gegeben hat. Wir machten uns die Erde untertan! Wir gestalten diese Welt. Wir drückten ihr den menschlichen Stempel auf, und einige meinen, wir erdrücken die Erde dabei. Wir versauen das Klima, versauern das Meer, alles voll mit Plastik – schließlich erstickt die Menschheit im eigenen apokalyptischen Dreck, bevor sie fremde Planeten nach Bedarf kultivieren kann.

Ein gemeinsames Problem erfordert Klugheit, aber: Ist dazu der gesunde Menschenverstand ein Auslaufmodell in einer dekadenten ihrer Natur entfremdeten Gesellschaft? Erkennen wir, wie wir sind? Hinschauen! heißt es doch. Heute sind überall Kameras, jeder kann sich’s vorstellen: Vor vielen Jahren überlegte ich, ein Kinderbuch zu machen. Seite für Seite wollte ich den Bahnsteig einer S-Bahn-Station zu bestimmten Uhrzeiten abbilden. Da sind vermutlich um 8 Uhr herum die selben wartenden Fahrgäste an jedem Tag der Woche versammelt. Um 9 Uhr wären es andere. Die wiederkehrenden 9-Uhr-Leute an jedem Tag. Soziologie für jedermann, wer sind wir? Eine Freundin hat in einem Geschäft gearbeitet, im Einkaufszentrum. Der Laden war in der oberen Ebene, im ersten Stock. Am Weg vor den Geschäften ist ein Geländer, wie die Schiffsreling auf dem Kreuzfahrtschiff. Dort stand meine Bekannte, wenn wenig zu tun war. Sie schaute runter auf die Menschen, die im Erdgeschoss shoppen gehen. Wenn ich da unten vorbei kam, sah hinauf – ich stellte mir gern vor, im Abfahrtsbereich eines Hafens am Kai zu sein und sie (zieht gleich ein Taschentuch hervor, winkt mir noch, fährt ab) steht oben an Deck. Wir verbrachten Zeit zusammen. „Es gibt Oben-Leute und es gibt Unten-Leute“, sie lachte, weil der Spruch mehrdeutig ist. Sie meinte, wer unten jeden Tag vorbeikommt, wird kaum mein Kunde. Sie kannte sich aus. Da gibt es jeden Tag dieselben Menschen hier – „Manche gehen nie oben.“

Wenn wir eine gesunde Gesellschaft beobachten, werden wir dasselbe sehen, wie in diesen Tierfilmen. Die Menschen, die wir beobachten, lösen Probleme. Sie erfüllen bekannte Pflichten. Sie gehen der Befriedigung eines Hobbys nach, und das ist gleichfalls das Lösen eines Problems: Wie kann ich mich am Besten erholen? Wenn wir die Beobachtung ausweiten, nicht nur den Flur im Einkaufszentrum einen Tag lang anschauen, sondern das Verhalten von Stadt und Bewohnern insgesamt erfassen, könnte die Studie genutzt werden, um Menschen zu verstehen wie Alien. Was tut der Mensch? Mobbing zum Beispiel ist Natur. Auch Tiere mobben. Jede Gesellschaft grenzt aus. Wer dem System suspekt ist, bekommt Gegenwind. Das Gesunde der Gesellschaft liegt auch darin, abnormes Verhalten als krank und eventuell gefährlich abzusondern, in ein Gefängnis oder die Psychiatrie.

Wir führen eine Gefährderkartei, wir stöhnen auf, wenn wieder einmal ein bislang unauffälliger Mensch durchgeknallt ist. Wir hielten den für so, wie wir uns selbst empfinden, normal eben. Er hat nicht gestört. Dass der Attentäter sich durch uns gestört fühlte? Wir haben das nicht bemerkt. Das steht dem ja auch nicht zu. So konnten wir übersehen, was dieser stille unauffällige Typ ausgebrütet hat. Wer hingegen auffällt, das begreifen wir schnell: Der hat ’nen Schaden. Können wir überhaupt einschätzen, wer hier grundsätzlich krank ist, der gestörte Täter – oder wir alle, die Gesellschaft insgesamt? Eine verboten kranke Frage! Aber, wenn umgekehrt wir kollektiv auf dem falschen Dampfer sind und wissen das eventuell gar nicht, weil wir uns aus einem noch zu beschreibenden Grund nicht mehr als Gesellschaft wirklichkeitsgetreu sehen können, sollten wir aufmerken wenn einer auffällt. Dann nämlich wäre gestörtes Anderssein eine Qualität.

Wie wäre das Bild, das eine kranke Gesellschaft abgibt? Wir stellen uns das vor: Gewusel, eine Stadt lebt, arbeitet und tut Dinge, die Bewohner so tun. Aber das Verhalten ist grundsätzlich krank, in dem Sinne es nicht die Probleme der Menschen effizient löst. Der Einzelne wuselt irrational herum. So eine Art Ameisenhaufen, der sich dabei dumm anstellt und allmählich selbst zerstört. Schildbürger, die Unfug machen. Wie würde eine in sich kranke Gesellschaft überleben? Und wie würde eine kranke Gesellschaft über nicht dazu passende Menschen urteilen? Wenn eine unmündige Gesellschaft existenzfähig wäre, dann doch nur als Anteil eines gesamten Systems, in dem einige übergedeckelt das Sagen haben und ausserhalb Menschen ums echte Überleben kämpfen. Wir müssen nur in die schmutzigsten Slums der Metropolen schauen: Ein moderner Dschungel, der dem steinzeitlichen Urwald an Gefährlichkeit in nichts nachsteht. Wenn die gesamte Erde zum Irrenhaus mutierte, wer fütterte diese Menschheit? Im Überlebenskampf erprobte, einfache Menschen vom Rand, würden die Oberhand über die gewinnen, denen man ihre Realität nur dargestellt hat und die daran glaubten? Es gibt noch Hoffnung.

Die Schildbürger bauten ein Rathaus, sie vergaßen die Fenster in den Mauern und versuchten Licht mit Säcken hineinzutragen. Heutige Patzer städtischer Verwaltungen reichen nicht an diese Satire heran. Licht in Säcken tragen, wie massenhaft gerufene Soldaten, die in einer Notlage Sandsäcke schleppen damit der Deich nicht bricht? Moderne Arbeit ist klug: wenige Menschen produzieren spezialisiert. Wir würden bemerken, dass Licht nicht die ganze Zeit von einzelnen Menschen mit Säcken transportiert werden kann. Wir würden eine Maschine bauen, die säckeweise Licht ranschafft! Diese Maschine würden wir umweltfreundlich mit Strom aus Sonnenlicht antreiben. Wir sind die besten Schildbürger von heute, bis es noch wieder bessere gibt. Leistungssteigerung hat die Klugheit besiegt.

Unsere Wirtschaft ist so, dass das Nachbardorf einen Apparat baut, der noch mehr Licht in noch mehr Säcken schneller anschleppt und deswegen in Konkurrenz zu unseren Leuten alles plausibel und nötig macht. Einige sind sauer auf ein Kind Greta, das uns ermahnt. Man muss sich das vorstellen: Landwirte hier bei uns sollen ihren Viehbestand verkleinern, damit die Menschen weniger Fleisch essen! Wir sagen: Sie hat Asperger. Der psychisch gestörte Mensch erkrankt am wechselseitigen Wirklichkeitsbeschiss der Umgebung. Unter dem Druck der Erziehung schlecht aufgestellter Erwachsener, gewöhnt sich der abhängige junge Mensch daran, einer nicht nachvollziehbaren Realität (sich in die Tasche lügender Menschen), sein spezielles Wirklichkeitsbild entgegenzuhalten. Das zerbricht, wenn ein Kind selbst erwachsen wird. Manche Eltern wollen „das besondere Kind“; nicht selten kommt ein kleiner Idiot dabei heraus. Wenige Stars konnten der irrationalen Umgebung ihrer Kindheit etwas entgegensetzen das sie später wirklich besonders gemacht hat. Mehr Studierte gibt es, die noch Glück haben wenn sie eine Taxe fahren können oder Briefe austragen. Viele Menschen sitzen dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung, das ist statt „ganz besonders“ ganz besonders traurig.

Einigen ist Denken, wie anderen zuhören und ihnen nachsprechen. Den meisten Erwachsenen ist fortwährendes verbales Verdrehen der Realität nicht bewusst. Unzählige Fettleibige reden sich ihr Leben schön, magere Essgestörte gleichwohl. Nicht nur im Bereich der Ernährung, es ist mehr als eine Angewohnheit, alles besser darzustellen. Das ist wie ein Schmerzmittel, als kurzfristige Lösung nachvollziehbar. Die Lüge steckt, neben dem was wir anderen nebenbei erzählen, wer wir sind oder vorgeben sein zu wollen, auch in der Werbung. Wir imitieren das, betreiben intellektuelle Inzucht, verkaufen uns gut. Eine Schmerzsalbe macht keine Seniorin mit Kniebeschwerden gesund. Es gibt kein Pflaster für einen gereizten Darm, obwohl das als gutes Produkt beworben wird. Niemand braucht vitale Sprint-Dragees, um mehr Leistung zu bringen. Sich gegen andere aufzuwerten, sich selbst wie ein Produkt anzupreisen, eigentlich als Ergebnis der Konsumgesellschaft, bricht uns insgesamt das Genick. Natur und Erde können wir auf Dauer nicht belügen. Der Kapitalismus besiegte den Kommunismus, nun besiegt uns die Natur.

Unsere Krankheit ist Effizienz, auch politisch. Durch vielfältige Demokratie im Vergleich zu kommunistischer Diktatur, wurden wir im einzelnen Menschen so leistungsfähig, dass der Raubbau am Ganzen ein bedrohliches Tempo angenommen hat. Es wird schwierig, wenn das, was uns voranbringt weil es so gut ist, uns schneller ans Ende bringt. Wir sind Gefangene unserer selbst, weil wir überall sind und einer dem anderen sagt, was wir zu tun haben. Wir lassen uns nicht von der Natur belehren. Wir bemerken die Natur erst bei Katastrophen. Kein naturverbundener Mensch in direkter Konfrontation zum Wetter, wo es etwa gegolten hätte auf einem Schiff das Segel zu reffen oder Schutz irgendwo im Gelände zu suchen, hätte solange gewartet wie wir heute als Gesellschaft insgesamt.

Wir deuten die Geschichte zu unseren Gunsten. Wenn wir von der Zeit des Nationalsozialismus hören, wähnen wir uns wie selbstverständlich bei den Guten. Wir wären Anne Frank. Wenn ein hundertjähriger Täter schließlich noch dingfest gemacht werden kann, das gefällt. Gottes Mühlen scheinen zu malen. In der Schule wurde mir gesagt, zeitgenössische Wissenschaftler hätten vor dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 nach Christus, der Pompeji-Katastrophe gewarnt, heute finde ich dafür keine Belege. Im Gegenteil, es heißt, dass der Ausbruch des nahen Vulkans die Bewohner der Umgebung überrascht habe. Die Lehrerin meiner Grundschule hingegen schilderte plastisch, wie unbelehrbar die Menschen gegenüber den fundierten Warnungen gewesen seien und wie fatal alles endete, wie eine Strafe eben. So sind Lehrer. Auch die Titanic, sie ging unter, weil man den Dampfer als unsinkbar bezeichnet hatte, ein schicksalhaftes Ende. Natürlich wären wir, damals an Bord gewesen, doch bestimmt diejenigen, die clever ein Floß aus den schweren Mahagoni-Türen des Salons gezimmert hätten oder edelmütig Menschen aus dem Wasser zu uns ins Boot gezogen hätten, das wir noch erwischten.

Wir empören uns leicht, sprechen vom menschlichen Versagen? Überlebende erzählen von Schiffbrüchigen im Rettungsboot und anderen im Wasser draußen, die sich ans Dollbord geklammert hatten. Wer es ins Boot schaffte, schlug den Verzweifelten außen am Rumpf mit einem der hölzernen Riemen, mit denen diese Boote gerudert werden, auf die klammen Finger, bis sie aufgaben, ins Eiswasser wegsackten: „Sonst kentern wir!“ Der kurzsichtig Stärkere gewinnt ein Match. Wir sollen den Viehbestand in Deutschland reduzieren? Um den Ausstoß klimagefährlicher Furze aus den Ärschen der Rinder in den Griff zu bekommen? Da denke ich an die Ärsche, die mich auf der Landstraße mit ihrem protzigen SUV nötigen, noch ein wenig schneller zu fahren. Die mir bis auf wenige Meter hinten drauf drängen und sich mutmaßlich gerade einen zweiten Luxus-Grill und exquisites Zubehör gekauft haben, für ein zünftiges Steak zu jeder Zeit. (Ich esse übrigens sehr gern Rindfleisch vom Grill und fahre auch sehr gern Auto).

Selbst wenn alle modernen Zivilisationen zu gelenkten Demokratien verdooften, blieben noch die Bewohner der restlichen, möglicherweise eher vom Klimawandel und harten Kriegen, Hungersnöten betroffenen Naturbereiche, voll mit unserem Müll und ums tägliche Überleben kämpfende Menschen. Die, deren Hosen nicht der Mode wegen zerrissen sind, weil es dort keine neuen heilen Hosen gibt. Wir abgehobenen, gesunden Auskenner der Luxusrechtsstaaten, eingebildet auf unser freiheitliches, angeblich menschlicheres besser sein, wir suchen Gefährder durch Beobachtung. Wo sind sie, was könnten sie planen? Wir sind uns ganz sicher: unsere gesunde Welt wird von gestörten kranken Menschen bedroht. Wer hat sie gestört und wobei, egal. Wissen wir Bescheid, wenn wir anderen zuschauen oder meinen wir nur zu wissen? Auf einem geparkten Auto habe ich gelesen: „In meiner Welt macht das Chaos das ich verursache durchaus Sinn.“

Physik spiegelt sich im Alltag wieder, Wikipedia: Die heisenbergsche Unschärferelation (…) ist die Aussage der Quantenphysik, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar sind. Heißt wohl, wenn ich weiß wohin du gehst, kann ich nicht erkennen, wie schnell du gerade bist. Weiß ich, wie schnell du bist, bleibt mir verborgen, wo du hingehst und wo du aktuell exakt bist. Je genauer ich auch hinschaue, mit dem Beweis des einen, mache ich mir die Kenntnis des anderen unmöglich. Meine Beobachtung, ungefähr. Wo sind die Bösen, was planen sie? Nach jeder spektakulären Aktion, wenn eine länger observierte Zelle ausgehoben wurde, schleicht sich das fatale Gefühl ein: dieser Fahndungserfolg bedeutet wohl nicht, dass hier die Wahrheit an sich gefangen wurde.

Unschärferelation ist …? Man kann annehmen, dass Wahlen durch Vorabfragen beeinflusst werden. Wir nehmen weiter an, dass auch bewusste Manipulation stattfindet. Im positiven Sinne hilft Berichterstattung dem Wähler, das für ihn Beste herauszufinden. Die Gesellschaft diskutiert gründlich aus. So wird deutlich, was uns wichtig ist. Wir können die Richtung einschlagen, die dem Nutzen aller dient. So ist der merkelige Politikstil entstanden. Am längsten vorn an der Leitungsspitze bleibt kein Mensch mit einer festen geraden Linie und eigener Überzeugung. Eine Wackelpudding-Spitze leitet uns in die Zukunft von Deutschland und der Welt. Tanz auf dem kippeligen Boden der politischen Bühne, gebildet von einer gärenden Masse unzufriedener Wut- und anderer Bürgerinnen und Bürger. Wir wählen die beste Tänzerin, machen ihr die heißeste Musik. Nicht zittern! Wer abstürzt verliert.

Was ist wahrscheinlich? Entweder kommen wir durch, bis zum Mars, und zuhause auf der Erde wird es ganz anders als je zuvor. So eine Science-Fiction-Welt vielleicht. Wir passen uns an, das bedeutet, dass wir selbst mehr wie die Umgebung werden, die wir schon sind. Wenn es keine Luft mehr gibt, atmen wir das, was es dann gibt, und ein Implantat in unserer Brust formt einen Luftersatzstoff daraus, mit dem unser Organismus handlungsfähig ist. Apokalyptische Zustände, in denen wir scheitern, sind auch nicht unwahrscheinlich. Vorher: Große Gefängnisanlagen und für politisch Unkorrekte die Psychiatrien, modernes Lagern. Luxusbereiche, Machtzentren. Lemminge in Arbeit, Seite an Seite des Roboters. Angreifer aus dem wilden Dschungel wahrscheinlich. Das ist ja eigentlich schon heute so. Sich selbst in den eigenen Ansprüchen zu erkennen, die eigene Angst und Aggressivität zu verstehen und daraus klug zu werden, Maßlosigkeit bei sich zurückfahren, langsamer zu sein, wenn zu rasen nicht nützt – das bleibt gut bis ans Ende.

Die Richtung, wir kennen sie nicht, die Menge drückt hierhin, dorthin. „50 Jahre Kanzlerschaft Willy Brandt“, hängt es schief auf einem Plakat im Dorf. Filmabend, die alten Zeiten. Einige Alte, die sich noch erinnern, werden hingehen. Wir kennen schon aus der Bibel, dass es fatal in die verkehrte Richtung geht: Kaum, dass Moses ein paar Tage oben auf dem Berg am Gesetzestafeln beschaffen ist, werden die anderen vom zum neuen Leader berufenen Populisten animiert, all ihr Gold in eine Form zu gießen. Sie tanzen blöde um’s goldene Kalb, und Moses ist außer sich, als er zurück kommt. Führen wir von innen oder eiern wir ab? Ein Stimmungsbarometer misst kollektives Fieber. Von Arzt zu Arzt, von Doppelspritze zur Doppelspitze. Das sind wir.

Zwei Seiten des Problems: Von außen geht die Beobachtung am Innersten vorbei. Im Inneren der Gesellschaft ist es fehlende Distanz, die unmöglich macht, das Ganze zu sehen. Wir können annehmen, dass der Einzelne nicht grundlos etwas tut. Wir nehmen es aber nicht an. Wenn wir unseren Nachbarn beobachten, werden wir uns an irgendeiner Stelle über sein Tun erheben: Warum macht der das? Wir würden niemals uns so anziehen und so einem Hobby nachgehen oder dergleichen. Hier liegt der Anfang einer unter Umständen dynamischen Absturzbewegung innerhalb eines Systems. Die gegenseitige Beobachtung dient zu Recht auch der Kontrolle des Ganzen. Es ist zunächst nur die Abstimmung, inwieweit sich benachbarte Menschen wohlfühlen. Alle haben ein ähnliches Häuschen oder gleiche Vorlieben. Darüber hinaus beobachtet sich die Gesellschaft auf Regelverstöße hin, und das trägt ebenfalls zur Stabilität bei. Diese Stabilität kann gerade deswegen problematisch werden, wenn sie einen theoretischen Rahmen hat, der dem Einzelnen nicht entspricht. Wenn das Gesetz verlangt, um 5 Uhr stehen wir alle auf und beginnen zu arbeiten, wird jemand der gern länger schläft, übergangen. Banale Vereinfachung, aber jede Form von Mobbing, Ausgrenzung und in der Folge psychische Erkrankung und Aggression beginnt einmal.

Probleme einzelner, Bedürfnisse, wovon träumen, Ziele: Welche Regeln sind unerlässlich, damit die Gesellschaft vielen gerecht ist? Je komplexer das System, umso machtvoller kann sich Zwang ausbilden welcher einigen abverlangt, sich mehr anzupassen als gut ist. Schlimmstenfalls wird der Mensch unter widernatürlichen Bedingungen krank. Wenn normal sein bedeutet, ziemlich bescheuert sein zu müssen, ist es nicht das richtige für dich. Krankheiten durch Umweltzerstörung: Der Mensch kann als einzelner zunächst wenig dagegen tun, dass Umweltgifte in seinen Körper gelangen. Trotzdem hilft er mit, die Bedingungen zu verschlechtern, allein weil er lebt. Wir können erkennen, dass Menschen zuviel und widernatürlich essen, weil die anderen es tun, weil die Läden diese Sachen verkaufen. Wir stellen intellektuellen Druck fest, der Menschen dazu bringt ihre Identität nicht an ihren eigenen Bedürfnissen auszurichten sondern an pseudo-individueller Mode. Wir bemerken, dass Menschen durch das Anschwärzen ihrer Nächsten, wenn diese vermeintlich regelwidrig leben, eine kleine Aufwertung ihres Selbstwertes erfahren, und dass dieselben Menschen darunter leiden, wenn sie selbst ausgespäht, ausgegrenzt und kritisiert werden. Wir können annehmen, dass raumgewinnende Aktivitäten eines jeden andere bedrängen, manche mobben, einzelne krank machen.

Ein Staat, der uns ausspäht und gängelt, wie wir das wieder erleben. Macht das krank? Passiert das nur in „bösen“ Ländern, China oder Russland oder machen das alle Staaten? Die große Glocke um uns herum. Drückt auf die individuelle Entfaltung, die Perspektive des Einzelnen. Hier kommt wieder die grundsätzliche Frage auf: Bedeuten intellektuell und perspektivisch in ihrer Kreativität amputierte Einzelpersonen ein letztlich krankes Ganzes oder ist es möglich, zufriedene desinformierte Menschen heranzubilden? Leben wir bereits in einer Lüge, wie Winston, der Protagonist in George Orwells Roman „1984“ oder der Wilde im symmetrischen Buch von Aldous Huxley „Schöne Neue Welt“, den Klassikern pessimistischer Fiktion? Treten wir gut informiert auf der Basis von Fake-News fleißig Hamsterräder, bis wir am Ende erkennen, das Leben ist vorbei und was war das nun?

Ein Staat, in dem Kunst Deko ist. Die Politik eine Farce. Die Leistungsträger sind nicht berufen, sie sind im Job. Sie sind nicht verliebt, sie sind in Partnerschaft (mit Vertrag). Nüchterne Rationalität im verbalen Duktus politisch korrekter Ausdrucksfähigkeit unterstreicht die Ernsthaftigkeit fit moderner Akteure. „Das passt schon, alles gut“ – wir sprechen neu. „Das ist nicht so meins, MeToo“ – wir können Kommunikator. Eine Beziehung, deren Bindung der gegenseitige Nutzen ist, welcher nicht zuletzt gegenseitige Wertsteigerung bedeutet und deswegen nur auf Zeit gilt. Wir opfern die Träume der Funktionalität. Erwachsensein in so einer Welt: Menschen spielen im Sandkasten der Illusion, sie seien mündige Bürger und Leistung bestimmt den Selbstwert. Nicht krank werden! Dabei ist die Bedingung: Was du dir kaufen kannst von deiner Arbeit, steht über dem, was du machst. Eine Gesellschaft, in der die Bürger glauben, Rechte und Perspektiven zu haben und unter Umständen erleben, wie das System alle Werte karikiert. Verzerrte Menschen, eingepfercht in die Baukästen vorgefertigter Schein-Selbstständigkeit. Zum Glück verpflichtet, wenn schließlich alles passt: Haus, Frau und Kind. Boot oder Pferd und Hund dazu und ein Garten, der Job stimmt. Randfiguren werden belächelt. Dicht an dicht stehen ihre kleinen Mickey-Maus-Villen im Neubaugebiet.

Stehen wir am Anfang des Problems einer größer werdenden Gesellschaft, die Probleme inflationär erschafft statt zu lösen und möglicherweise im Bemühen um Fortbestand die eigene Instabilität forciert? Je mehr wir einander auf die Finger schauen, um Unrecht frühzeitig einzudämmen, desto fieser wird der Druck. Extreme Belastung einzelner Punkte eines gesellschaftlichen Bogens, dem gemeinsamen Nenner des Wohlbefindens, wird diese Punkte krachend brechen lassen. So erschaffen wir den aggressiv gestörten Mitbürger selbst. Weil fortwährende Spitzen vom Provokateur unbemerkt bleiben, der sich im Gegenteil als mahnender gutmenschlicher Polizist versteht.

Je spezialisierter wir schaffen, desto effizienter sind wir. So haben wir den Beruf des Controllers erfunden. Die moderne Gesellschaft sucht den Fehler. Um noch besser zu werden. Die These ist: je spezialisierter, desto leistungsfähiger. Je besser kontrolliert, desto effizienter. „Nach fest kommt ab“, der sich daraus ergebende Umkehrschluss ist bedenklich. Spezialisten sind keine Allrounder. Was wäre ein halber Mensch, der den Körper eines ganzen hat? Wir stellen uns das vor: Ein Leib, ein Hirn, zwei Arme, zwei Beine – aber nur spezialisierte Handlungsfähigkeit. Der kann nur Rechtskurven laufen. Er kann nur auf eine Art denken. Ungefähr halb so viel, wie ein der vollen Natur ausgesetzter Affe. Er weiß nichts mit sich anzufangen, wenn Neues aufkommt, weil er so zentriert auf seine ganz spezielle Umgebung trainiert, nur rote Türen mit Klinke links nach außen öffnen kann. Andere schließen für ihn diese Türen. Vielleicht hat sie jemand auf der Rückseite blau angestrichen? Kenntlich gemacht und deswegen sicher. Person-A (rot, Klinke links: nur öffnen!) weiß nicht, was Person-B überhaupt als blau und Aufgabe für sich erkennt. Was ist blau?

Ein weiteres Beispiel. Musikunterricht, eine kleine Geschichte. Was bringt Menschen zu höchster Leistung? Zur Nachahmung empfohlen: Als ich ein wenig Fuß gefasst hatte, im Leben, und mit Info-Illustrationen gut verdiente, noch nicht malte, wollte ich einen Kindertraum auf den Weg bringen. Ich nahm Trompetenunterricht als Erwachsener! Vor der Stunde hörte ich gern, wie mein Lehrer anderen noch Tipps gab. Er schraubte die kleinen Tablets von den aus den Ventilen ragenden Stößeln ab, um dem Schüler das Leben schwer zu machen. Ganz genau musste dieser nun drei dünne, senkrecht bewegliche Rohre treffen, und Bob scheuchte ihn durch einige schnelle chromatische Läufe. Ohne die runden Tasten (groß, wie in etwa unsere kleinen Geldstücke), hatte der Schüler mit Auflagen in Trinkhalmstärke zu kämpfen die in die Fingerspitze drücken und schwierig exakt zu treffen sind. Es gibt Amateurjazzer, deren schlechte Angewohnheit es ist, die Ventile grundsätzlich aus der Mitte ihrer Finger zu drücken, anstelle die Präzision ihrer flinkeren Fingerspitzen zu trainieren. Die lassen, weil es bewusste Aufmerksamkeit, das zu erlernen bedeutet hätte (welcher sie als Autodidakt nicht fähig waren), die halben Finger links überstehen, weil es auch so geht. Was geht denn? Natürlich kann ein Musiker ausdrucksstark mit einfachen Mitteln bewegende Musikmomente schaffen. Ein Virtuose hingegen muss Techniken trainieren.

Training, Fitness, Routine – wie im Sport. Anschließend drehte Bob die Tasten oben wieder fest und lockerte nun boshaft ihre natürlichen Stopper unten. Geschraubte Auflagen, wenn die Pumpen niedergedrückt sind, direkt oberhalb der Rohre, in denen der Schieber auf und ab gleitet. Anstelle filzgepolsterter Auflagen des Ventilzylinders, trafen die Finger nun metallisch klöternde Scheiben. (Eine Trompete kann in ihre Bauteile zerlegt werden). Jetzt musste der Schüler wieder schnelle Tonleitern spielen: „I wanna hear a clack in each tone.“ Wie zusätzliche Percussion, sollten klackernde satt gedrückte Anschläge die chromatischen Läufe begleiten und alle Töne gleichmäßig fließen. Als der Geplagte das Ende seiner Stunde herbeisehnte, bewertete Bob: „Ich habe rr-R-ächt, es sind die Finger.“ Sein rollendes „r“ und die unverwechselbar amerikanischen Einschübe, wenn ihm (wieder einmal) das deutsche Wort fehlte, sind unvergesslich.

Kann jemand Trompete spielen, andere nicht? Natürlich muss man üben. Aber es gibt Menschen, die mit der Trompete oder rhythmischer Musik grundsätzlich nicht klar kommen. Bob hat auch sehr gute Schüler, und die wollen besser werden. Im Beispiel geht es nicht um Talent, können oder nicht können. Ein talentierter junger Trompeter, und der sollte schnell und exakt werden. Musste er anders atmen? Sollte er höher ansetzen? Hätte er mehr chromatisch üben oder besser Stücke spielen sollen? Bob war offenbar der Ansicht, die erhöhte Bewusstheit auf das, was der Bläser mit seinen Fingern machte, wäre gezielt zu üben und hatte auch gleich Tricks für zuhause dabei. „Es sind die Finger“ – wie Berater, die Abläufe im Prozess einer Firma betrachten und anschließend dem Chef Gutachten erstellen, an welcher Stelle effizienter gearbeitet werden kann. Bewusstheit kann man lernen.

Wenn ein Flugzeug abstürzt, wir suchen den Grund. Wenn andere besser sind, wir fragen den Unternehmensberater. Wenn wir junge Leute ausbilden, wir spezialisieren sie, qualifizieren exakt. Sie verdrängen alte Mitarbeiter, die die Firma gern abfindet. Früher galt, wir sind in die Arbeit reingewachsen, haben uns nach und nach verbessert, einige Male gewechselt. Studenten von der Schule sind heute speziell trainiert. Fast jeder von uns ist Rechtshänder, und kaum jemand kann alles mit beiden Händen gleich gut tun. Das ist nicht neu. Früh erfand der Mensch spezialisiertes Handeln, um besser zu werden. Wir begreifen, dass den Grund eines Problems zu kennen, der Schlüssel zur Lösung ist. Ich frage Dörte am Yachthafen: „Was machen die Kinder?“ „Üben Rollwenden an der Alster, mit Trainer im Begleitboot. Die können schnell wenden, aber nicht, wenn ein Gegner sie zwingt. Dann parken sie nur ab. Das wollen sie optimieren.“ Im Sport, im Beruf: Bist du dein eigener Detektiv, wirst du besser. Leistung befriedigt unbestritten.

Die Kehrseite verdient Beachtung: Die neuen Beispiele sind dem Straßenverkehr entnommen. Einige sind der Meinung, wir hätten zu viele Verkehrszeichen aufgestellt. Sie sind der Ansicht, zu viele Ampeln bremsen nur und beruhigte Zonen mit verbreitet installierten Buckel-Schikanen, davon gäbe es zuviel. Kritiker finden sich, die der Meinung sind, Blitzanlagen dienten nur der beutegeilen Polizei. Das darf man ja fast nicht schreiben, denn mehr Menschen werden hier und da ein weiteres Verbotsschild verlangen, dort eine Spielstraße und ein Tempolimit sowieso.

Die „grüne“ Welle ist uns nicht immer wohlgesonnen. Ampelstopp, Stau – wer Auto fährt, muss sich in Geduld fassen. Unzählige Sicherungen (nicht nur im Verkehr). Sie brennen oft durch. Gurtpflicht, Handy-Am-Steuer-Verbot, keinen Alkohol dürfen wir trinken, exakt vom TÜV geprüft ist unser Fahrzeug. Airbag wo es geht; das sicherste Fahren aller Zeiten – und dennoch fahren Menschen verkehrt herum in die Autobahn ein. Dement, verwirrt, einfach blind – und einige in suizidaler Absicht. Viele Menschen können nicht mehr auf ein Fahrrad steigen, ohne sich einen Helm anzutüdeln, eine gelbe Warnweste umzuhängen, und einige von diesen Menschen sind sogar klug. Man darf annehmen, dass Verkehrsteilnehmer ganz bewusst moderne Sicherungen nutzen. Sie fahren bewusst viel Fahrrad, sind schnell, bei Regen und in schummrigem Licht unterwegs, die brauchen das.

Wir erinnern uns noch? Damals, Old Shatterhand ist wieder mit Hatatitla unterwegs. Am Horizont der Prairie taucht ein anderer Westmann auf, kommt näher, eine Begegnung im Wilden Westen! Kommt ja nicht so oft vor. Weites Land. Wir sind im amerikanischen Indianergebiet, so wie es uns Herr Karl May anschaulich fabuliert hat, und da verwundert es den geneigten kundigen Leser nicht, oh Wunder, der andere hat kein schäbiges Yankeegesicht, nein oh Zufall (schon wieder) ein Sachse trifft auf einen anderen, mitten in der Rolling-Prairie, ganz weit weg von Dresden und Radebeul: „Guten Tag, habt Ihr vielleicht einen Indianer gesehen, der ein schwarzes Pferd reitet?“

Heute, der Bus schrammt in die Haltestelle. Menschen drängen raus, andere rein, alles gleichzeitig, und ein Rollstuhlfahrer oder ein Rollator-Senior halten noch zusätzlich auf. Jemand muss die metallne Klappe von innen aus dem mittleren Türbereich als Rampe für den Senior einrichten, lässt sie unsanft auf den Gehweg krachen! Du suchst einen Sitzplatz. An guten Tagen ist es leicht. Alle sind gerade hilfsbereit, man lacht, schafft Platz für den Rolli, lagert einen Kinderwagen mit um und findet noch einen Sitzplatz, vielleicht neben einem schlanken freundlichen Zeitgenossen, der zurück lächelt und ein unverbindliches aber höchst sympathisches „Moin!“ oder so zum Besten gibt. (Es gibt aber auch andere Tage).

Wie können Menschen gleichgültig aneinander vorbei und gegeneinander Platz beanspruchen! Die Vogel-Strauß-Tüte über dem Kopf, den Blick mobile gesenkt. Klar, wenn nicht der freundliche Sachse von weit her angeritten kommt, stattdessen aus dem Hinterhalt mordlustige Rothäute feuern, mit Karabinern welche sie skalpierten Bleichgesichtern abgenommen haben, dann war es schon immer böse. An anderen Tagen jedenfalls. Wir sind nicht kollektiv krank, wir sehen uns nicht. Wir sind eingebildet und wissen es nicht. Das neue Problem: Wir sind zu gut geworden! Wir müssen über Hasskommentare reden? Im Netz müsse gelten, wie überall: Wer anderen drohe, müsse strafrechtlich verfolgt werden. Fernsehen: die von einer sympathischen Frau der grünen Partei nachdrücklich vorgetragene Forderung. Niemand kann widersprechen, zu eindeutig die Situation. Es hat in Folge solcher Drohungen realen Mord gegeben. Wir wehren nicht Anfängen. Wir sind mitten drin in der neuen Welt. Ein Sender zeigt typische Kommentare auf der Plattform, wir kennen das. „Nimm deinen scheiß Satelliten und verpiss dich!“, musste Lena Meyer-Landrut in Oslo über sich und ihren Song im Netz lesen. Harmlos, verglichen mit aktuellen Beiträgen. Menschen des öffentlichen Lebens müssen viel aushalten.

Politikerin, attraktive Frau, vor nicht langer Zeit ein Mädchen in der Schule, wie müssen wir uns das vorstellen? War sie eines der klugen, ein wenig braven Kinder aus guter Familie, die schon mal gesagt hat: „Der da, Herr Lehrer, der war’s“, wenn ein Mitschüler eine Banane falsch weggeworfen hat? Wir gehen nach der Schule weit auseinander. Auf einen grünen Hügel oder in strafbaren Sumpf. Eine grüne Spitzenfrau ist, wo Zerstörung der Natur und Lösungsansätze, es besser zu machen, hohen Aufmerksamkeitsfaktor garantieren, unantastbar. Demokratie in Gefahr! Frauen werden noch benachteiligt – die Natur wird angegriffen! Ein blattgewordenes feminines Menschengewächs: Wie kann man(n) die beleidigen?

Achtung Satire! (Neue Bilder sind so nötig. Bitte nicht nachmachen). Findet ein Mädchen die Treppe mit Geländer auf den Gipfel eines parteigrünen Mount Everest. Sie kauft sich einen Öko-Kletteranzug. Sie setzt einen Anti-Aggressionshelm auf, schaut die himmlische Friedensleiter – und beschreitet die Stufen aufwärts. Ist es ihr leicht, gut grün zu sein! Sie bemerkt die bekannten Müllberge am Rande der Route. Am Gipfel staut es sich, Nachdrücker schieben sie in eine doppelte Spitze oder knapp daran vorbei. Hier der Berg und daneben bist du! Sie blickt idealisiert in die bessere Ferne: The green flash! Sie gibt die erwachsene Greta am Berg.

Wind weht und wird Sturm. Grüne Wellenberge werden grau, schließlich weiß in Gischt – ich bin auf See! – in schlechtes Wetter geraten. Ich habe probiert, anders als gewohnt, der „schiefen Bahn“ ein Bild zu malen, wie das Deck eines im Wind steil und schräg überliegenden Rahseglers. Aber genau so alt wie ein Segelschiff ist dieser Ausdruck. (Wer kennt schon die guten Strecktaue, die Seeleute benötigten, um keinen der Mannschaft zu verlieren)? Wo ich auch versuchte, eine Lanze für Straftäter an sich zu brechen, um auf die abgehoben feste Position hinzuweisen aus welcher wir urteilen – auf dem Boden hier, musst du doch geradezu abrutschen, kommt immer wieder nur: Selbst schuld.

Eine Freundin im motorgetriebenen Rollstuhl, sie würde keinen Menschen schlagen, nie. Jemanden angreifen? „Stell dir doch nur vor, wie das für dich wäre, wenn dich eine Faust im Gesicht trifft“, sagt sie. „Du kannst gar nicht auf einen erwachsenen Mann einstürmen und ihn kraftvoll niederstrecken. Du kannst nicht gehen, hast keine Kraft im Arm. Du bist eine alte Frau im Rollstuhl. Dein Mann benötigt eine volle Stunde, dich anzuziehen und hineinzusetzen. Jedenfalls im Winter, wenn du warme Sachen anziehen musst“, habe ich entgegnet. Kannst es dir nicht vorstellen, weil du es nicht tun kannst. Du bist raus aus diesem Spiel, habe ich gedacht.

Ich bin ein Mann, ich kann es tun.

„Ich bin schon wütend gewesen“, sagt meine Freundin rechtfertigend, als müsste sie mir beweisen, dass auch sie immer noch ein Mensch sei. Die schlimmste Befürchtung? „Wenn mein Mann nicht mehr da wäre“, sagt sie – was soll ich dann machen? – (ich vervollständige). Und an meine Frau denke ich – dann auch an Susanne … und an früher denke ich auch oft. Das soll man ja nicht.

Ein als Flüchtling eingereister Mann vergewaltigt, ermordet eine Studentin – und sagt im Gericht: „Das ist doch nur ’ne Frau, was habt ihr denn?“ Es gibt keine guten Menschen, hier nicht und dort nicht. Gut zu sein ist Zufall oder eine Erfahrung – vielleicht – die uns hilft, den Weg zu finden. Ein Geschenk, nicht selbstverständlich. Erst wenn wir, die guten zivilisierten Menschen, auf unseren dann immergrünen Bergen stehen, deren Schnee einer von gestern ist, werden wir verstehen. Vorher bleibt uns nur, mehr und noch größere Gefängnisse zu bauen. Eine randvolle Welt ist ein nicht zu ignorierender Faktor bei allen Vergleichen. Wir leben in der Besten aller möglichen Welten! Ist unsere Zeit begrenzt? Es hat sich was geändert. Wir können nicht gut sagen, früher wäre es besser gewesen. Wir können nicht sagen, es war immer schon schlimm. Wir sind die Erde A.

Da ist keine Reserve, keine Erde B.

Danke, Greta Thunberg, du merkst noch. (Meine Mutter hieß auch so). Wenn Kinder wieder Susanne, Katrin oder Thorsten, Klaus, Thomas oder Ulrike heißen, werde ich alt sein. Wie sieht dann Schenefeld aus, und was macht weit weg Person A. an der roten Tür? Ein Problem ist das eigene. Fällst du auf, wenn du gleich dem Kind im Märchen: „Der Kaiser ist ja nackt!“ rufst? So etwa entstehen meine Bilder „Zeitgeister“ und aktuell „Gurken und Rosen“– nicht der Anfang meiner Probleme …

🙂

Schenefeld, Anfang August 2019