Die Welt von Vorgestern ist die Welt, in der noch nicht gesprochen wurde. Erst kam der Mensch – und gleich mit ihm kam das Wort: Mensch. Damit beginnt unsere künstliche, moderne Gegenwart.

Mit der Begrifflichkeit schaffen wir eine zweite Welt mit eigener Realität. Auch die Tiere kommunizieren. Wir aber dokumentieren über Generationen hinweg. Die Veränderungen der Umgebung, die wir heute vornehmen, gründen auf älteren, die andere machten.

Schon früh begann der Mensch Aufzeichnungen anzufertigen. Mit der weltweiten Vernetzung und dem allgegenwärtigen Smartphone tritt die Gesellschaft in eine fortschrittliche Stufe ihrer Beziehungen und damit in eine grundsätzlich neue Ebene des Verhaltens ein. Alles wird festgehalten. Schon immer war es möglich „über“ jemanden und etwas zu reden, also zu berichten, ohne dass die Person oder Situation gegenwärtig sind. Aber nun reden wir nicht nur über andere, wir schreiben über sie. Unser Wort wird digital fixiert, als könnten wir gleich eine Akte der Wahrheit anlegen.

Die anderen: Wir filmen sie ab. Heimlich und anonym jagen wir unsere Mitmenschen. Wir stellen eine Falle und feixen noch vor Freude mit unsresgleichen über ihre Peinlichkeiten. Und wenn wir es nicht selbst machen, wir teilen gern, sind dabei.

Wir wissen Bescheid!

Die Höhlenmalerei, ein Comic der Frühzeit, macht deutlich, dass dieser Wunsch das Erlebte festzuhalten, eine Konserve davon weiterzugeben, früh entstanden ist und umgesetzt werden konnte. Der Mensch hatte, nachdem er zu gehen lernte, die Hände frei und nutzt das seitdem gekonnt aus: Der König der Tiere ist nicht der Löwe, es ist der Mensch. Er formt und ändert die Umgebung nachhaltig und verdrängt das Tier. Er fängt es ein, züchtet es massenhaft zum Gebrauch, verspeist und verbraucht es, wie ein Produkt. Die Bauernhof-Romantik ist ein Fake, das wir gern glauben.

Heute kann jeder smart fotografieren. Nie war es einfacher. „Als die Bilder laufen lernten“, so sagten wir früher über die Zeit der ersten Filme. Die gemalten Bilder haben ihr Alleinstellungsmerkmal aussagekräftiger Information an das Foto abgegeben. Das Foto hat dem Film anfangs Widerstand leisten können. Heute steht der kurze Film an erster Stelle typischer Unterhaltung und Information. Mit dem Video für jedermann aus der Hosentasche, bleibt dem gemalten Bild und der ironischen Skizze nach der Fotografie noch ein schlechter dritter Platz, wenn es darum geht, treffend festzuhalten, was uns angehen sollte.

Die guten Zeichnungen aus weltbewegenden Prozessen, die einige der hervorragenden Zeichner in den USA dort auch heute immer noch bringen, geben uns eine Ahnung davon, wozu kreative Menschen fähig sind. Dass diese Zeichnungen, auf denen wir wirklich etwas mitbekommen, immer in Amerika entstehen und unsere heimischen Künstler nicht annähernd an diese Qualität heran kommen, ist bedenklich.

Eine kleine Geschichte: Ich bin am Bahnhof in Altona unterwegs. Überall sind fest installierte Kameras. Die S-Bahn fährt durch einem großzügigen Tunnelkomplex mit einigen Bahnsteigen. Es gibt Rolltreppen, feste Treppen und einen Fahrstuhl um hinabzugelangen. An diesen Stellen bleibt dem Fahrgast nur ein schmaler Laufweg bis zur Kante am Gleis. Plakate sind an der gekachelten Wand, und eine weiße Linie zeigt, wo unmittelbar der Bahnsteig endet. Aufpassen sollen wir; besonders wenn der Zug einfährt. Es ist ganz sonntäglich einsam. Ich schlendere den Bahnsteig entlang, muss einige Minuten warten, bis meine S-Bahn kommt. Im Hintergrund sind zwei mit Warnwesten kenntlich gemachte Mitarbeiter der Bahn. Sie achten auf die Sicherheit: „Security“ steht auf ihrer Uniform.

Vor mir, im Bereich der Verengung durch eine mittlere Treppe, radelt ein alter Mann ganz langsam auf einem Klapprad direkt an der Kante, kommt mir entgegen. Er sieht gebrechlich aus, trägt einfache Kleidung und wirkt ein wenig verwahrlost. Ein Fuß berührt schleifend den Boden. Weil er so langsam fährt, verwendet er die Pedale nicht. Er schiebt sich so entlang der Kante und sitzt tief zusammengesunken auf dem kleinen Rad, stiert deprimiert ins Leere. Die Bahnpolizisten schließen auf, und direkt in meiner Gegenwart stoppen Sie den Radfahrer, er möge bitte absteigen, schieben. Es benötigt einige beschwörende Sätze, warum es nötig sei, und schließlich schiebt der Alte sein Klapprad mürrisch an mir vorbei. Er hat noch probiert, ein orthopädisches Leiden wortreich zu beschreiben, damit die beiden eine Ausnahme machen und ihm das (langsame) Fahren erlauben. Er habe Schmerzen beim Gehen, sagte er.

Es nützt nichts, er muss schieben.

Nun soll hier nicht diskutiert werden, wie es richtig ist. Ich finde den anschließenden Dialog der Wachleute bemerkenswert. Als der Mann sein Rad weiter bewegt hat (ohne aufzusitzen) und es einige Meter Abstand zwischen ihm und uns sind, hörte ich, wie sich der Wachmann dem anderen Kollegen erklärt: „Müssen wir machen.“ Er zeigt nach oben, unter die schwarze, durch allerlei Technik verbaute Decke des Tunnelsystems: „Überall Kameras“, meint er, „wenn wir ihn nicht ermahnen, sind wir selbst dran.“ Es ist ganz deutlich, dass er sich mehr davor ängstigt, Ärger mit seinem Vorgesetzten zu bekommen, als einfach die übernommene Arbeit selbstbewusst durchzuziehen.

Radfahren auf dem Bahnsteig ist verboten, und er ist ein Polizist, um genau das zu unterbinden. Dafür ist dieser Job eingerichtet worden. Die Kamera ist nur ein Kollege von ihm selbst. Sie passt auf, filmt, wenn der Wachmann gerade wo anders ist.

Verlieren wir unsere Fähigkeit menschlich selbst zu handeln und eigene Entscheidungen zu treffen, weil alles messerscharf exakt festgehalten wird?

Dass die Kamera auch dazu nützt, dem Security-Personal eigene Versäumnisse nachzuweisen, hat in den Gedanken des Bahnmitarbeiters einen festen Platz eingenommen. Er nimmt das wichtig, pflegt eine kultivierte Berufsneurose. Ich muss an die Beschreibungen meines Großvaters denken, wie man früher an Bord bei der Marine handelte. Er erzählte: Wenn es darum ging, dem Kapitän etwas zu verschweigen, was genauso gut unter den einfachen Dienstgraden unspektakulär erledigt werden konnte, sagte man: „Da hättest du den Kieker auch einfach an das blinde Auge setzen können.“

Was hatte das zu bedeuten?

Was du nicht siehst, musst du nicht sagen. Wegschauen als bequeme Methode, das geht nicht, wenn das digitale Auge überall genau hinsieht. Ursprünglich kommt das Ausschau halten noch aus der Segelschiffszeit: Der Mann im Topp schaut in Richtung der Kimm? Ein möglicherweise feindliches Schiff sollte nicht unbemerkt nah heran kommen.

Dieser gut gemeinte Hinweis fand aber Verwendung bei Unregelmässigkeiten und Ungehorsam. Die Seeleute, also die Offiziere, die mit der Navigation betraut waren, hatten zumeist ein schlechteres Auge, wenn sie ein Leben lang die Sonne mit dem Sextant für die Mittagsbreite beobachtet hatten. Trotz der verschiedenen Schutzgläser, wurde das Auge welches sie typischerweise am Instrument nutzten, schlechter.

Und der Kieker? Da dachte man wohl an das einglasige Fernrohr vergangener Seefahrer, die noch nach Piraten schauten, wenn mit dem bekannten Spruch im übertragenen Sinn gemeint war, nicht alles superkorrekt bis zum „Alten“ weiterzutragen.

Schon damals wurde intern gerufmordet, vor Kameraden gewarnt: „Er ist HWG“, sagte vielleicht der Erste über jemanden zum Zweiten Offizier, und das hieß (peinlich) und deswegen heimlich verklausuliert: „Häufig wechselnder Geschlechtsverkehr“, auch als Warnung vor eventuell ansteckenden Krankheiten des anderen, mit dem man womöglich die Kabine oder gar eine Hängematte auf engem Raum unter Deck zu teilen hatte.

Die moderne Polizei verwendet diese Kürzel „GKR“ (Geisteskrank) und einige mehr noch heute weiterhin, einfach weil es sie gibt. Das ist gelegentlich ein Thema für eine Boulevardzeitung gewesen. Gekritzel auf der Akte? Alte Kniffe haben Bestand: Das ist praktisch, kann Kollegen helfen – und ist die kleine, verbotene Freiheit der Beamten, die nicht vom Recht im Gesetzbuch erfasst wird. Die Grauzone ist ein notwendiger Bereich in den menschlichen Regeln, die unerlässlich ist, wenn wir unserer Natur gemäß leben wollen. „Ich bin kein Roboter“, lässt uns das Gegenüber im Internet gern bestätigen, macht vor der Datenfreigabe einen „Idiotentest“ mit uns.

Eine zweite Sprache ist in vielen Systemen nützlich. Die kann man leicht notieren und Insider kennen Hinweise, wie z.B. die Obdachlosen eigene Zeichen haben oder ihre Kennzinken. Ein gestischer Hinweis kann die Sprache (heimlich) ergänzen. Es gibt ein Handzeichen das empfohlen wird, wenn wir eine verdeckte Nachricht in die Webcam schicken wollen, wir (Frauen) würden bedroht und derjenige befindet sich im Raum: Die Finger der Hand werden um den Daumen geschlossen. Und der böse (Mann) hinter mir bekommt es nicht mit – soweit die Theorie. (Es sind immer die Männer gewalttätig).

Im besten Fall ist petzen Zivilcourage. Gruppen schließen sich im Netz zusammen, vor einigen wird gewarnt, und sie sollen es nicht mitbekommen. Was tun, wenn Rufmord seine Eigendynamik bekommt und die Basis ein Fake ist? In der neuen Welt müssen wir neu denken. Alles wird festgehalten. Was früher nebenbei, wie achtlos hingeworfen, getuschelt wurde: „Weißt du nicht, was das für einer ist?“, kann heute eine Textnachricht sein, die viele teilen. Wenn dann ein Film das böse Bild unterstützt, können wir mit diesem Wissen, was das für einer sei, richtig glänzen.

Noch einige Beispiele für unsere moderne Welt der gegenseitigen Kontrolle und fixierte Beweise von Unregelmäßigkeiten: Eben kaufe ich bei Staples ein, werde ermahnt die Corona-Maske zu tragen, weil ich tatsächlich nicht gleich vollaufgerüstet in das Geschäft komme. Oha! Ich bessere schnell nach: „Entschuldigung!“ (Das ist ein schmuddeliges Alibi, ich kümmerte mich drum, mich und andere zu schützen, nie gewaschen und achtlos weggeknüddelt in meiner Hosentasche untergebracht). Wenig später wird ein weiterer Kunde deswegen ermahnt, und mein Verkäufer erklärt: „Ab heute kostet es 150,- Euro, auch für uns, wenn wir die Maskenpflicht nicht anmahnen.“ Kameras überwachen das Geschäft. Ich denke wieder an die S-Bahn-Geschichte von damals.

Schaun wir mal, was noch kommt?

Selbst wenn wir’s nicht filmisch fixieren, immer finden sich welche, die falsches Verhalten anprangern, sich selbst aufwerten wollen. Sie ändern die Welt nicht und machen bald genauso ihre eigenen Fehler. Ein weiteres Beispiel: Menschen gehen über die Straße im Bereich einer Ampel, die gerade auf grün für die Fußgänger umgesprungen ist, und drei, vier Radfahrer begegnen sich auch dabei. Ein älteres Ehepaar empört sich, man müsse das Rad schieben! Einige Szenen fallen uns ein, wenn es um Alltagsregeln geht, bei denen wir nicht gleich nach der Polizei rufen.

Wir regeln das selbst, und sei es durch Schimpfen.

Der Rechtsstaat hat sich aus gutem Grund zu einem komplexen System entwickelt. Wir schützen die Opfer der Taten, und: Wir schützen die Täter vor der Rache der Angehörigen der Opfer. Das haben noch nicht alle begriffen. Fleißiges Krimi schauen lässt den einfachen Menschen glauben, das Ermitteln und Richten der anderen sei leicht. Das wird empfohlen, ein kleiner Film, schnell gemacht: „Die“ haben in der Rettungsgasse gewendet, und nun kann die Polizei die restliche Arbeit machen, dann kommen sie dran! Das war auch Titel einer Boulevardzeitung.

Das finden alle toll.

Jeder ist ein Polizist? Die echten Kollegen sind es auch, die immer alles machen, was geht. Wir beschriften kleine Zettel im Restaurant, damit eine Corona-Kette nachvollzogen werden kann? Die Kripo wertet die Notizen aus, um ein Alibi im Falle eigener Ermittlungen zu kontrollieren. Das gefällt vielen, dass hier mal eben ein Grundrecht verbogen wird. Wer nichts Böses tut, hat nichts zu befürchten, so einfach ist es? Das ist nur dann nicht naiv gedacht, wenn wir den Rechtsstaat aktiv pflegen, wie wir im Garten Unkraut jäten.

Kaum glauben wir normalen Bürger, dass Whatsapp und verschlüsselte E-Mail sicher sind, wird bekannt, dass der Staatsschutz alles dransetzt, diese Systeme endlich zügig zu hacken, und sei es, indem die amerikanischen oder britischen Kollegen Daten liefern müssen, die den BND-Mitarbeitern rechtlich nicht zur Verfügung stehen. Findige Ermittler sind skrupellos genug, anderen zu folgen, die keine Skrupel kennen und bemängeln, dass es einen Umweg bedeutet (unsere eigenen Gesetze zu brechen), um effektiv Straftaten zu bekämpfen? Aktuelle Bilder von brutal und eigenmächtig agierenden Sicherheitskräften in den verschiedenen Regionen der Welt sind eine Mahnung. Im demokratischen System müssen die Ausübenden des staatlichen Gewaltmonopols (gegen Verdächtige) dem Recht unterworfen sein wie alle Bürger im Staat.

Ist die digitale Sprache ein fixer Beweis? Wir sollten uns nicht täuschen: offensichtlich festgehalten ist die Tat, aber das Tückische liegt genau darin. Was früher ein gesprochenes Wort war, blieb solange ein schwebendes Beschreiben, bis daraus eine fixierte Aussage in einer Anzeige wurde. Wer schreibt, der bleibt, haben wir gewusst, und es ist ja bekannt, dass es meistens besser ist, „die Klappe“ zu halten.

Alles auf Video – Regieanweisung, Klappe: „Straftat beobachtet, die Erste“, könnte ein Film der Gegenwart heißen – aber der gute (und zu eifrige) Jäger kann schlussendlich vor Gericht scheitern, weil das Gesetz dem wachsamen Nachbarn und Polizisten selbst enge Grenzen setzt. Eine Straftat ist juristisch exakt definiert. Der Laie empfindet das Unrecht eher nach seinem Gefühl, aber beweiskräftige Fakten werden nicht wie im Sonntags-Krimi mal eben großartig, schnodderig dahin ermittelt.

Das ist großes Kino: Chaotisch rumbrüllen und rauchende, trinkende Kommissare, Schimanski oder ein saufender Maigret? Sean-Connery-Bond mit der Lizenz zum Trinken: geschüttelt, nicht gerührt? Die alten Helden haben heute keine Zukunft. Es laufen auch keine Western mit John Wayne mehr im Fernsehen. Die gute alte Zeit ist vorbei.

Smart, kalt und immer festgehalten müssen wir uns bewegen, geht’s noch?

Das denke ich: Wie eingefroren seien Bilder von Edward Hopper, schreiben manche. Da denkt man an ein kleines Boot, wie er es malte. Es segelt vor einem Strand in blauem Wasser. Der Künstler hat die Bugwelle weggelassen! Hopper, der mehr als nur amerikanische Szene malte, er malte sie amerikanisch. Eine neue Kunst: Noch heute bewundern wir seine melancholischen Szenen, die er für uns fixierte. Das ist ein Wunsch: Alles möge bleiben, und wir kontrollieren das Bild der Gegenwart.

Es bleibt der Kunst vorbehalten, gekonnt festzuhalten, und die Affen rasen weiter.

Das Leben kann einsam und lang daher kommen. Im Gefängnis zieht sich die Zeit in die Länge wie Kaugummi, sagt man. Ist es erstrebenswert, die Zeit anhalten zu wollen? Den eigenen, festen Standpunkt haben oder von anderen gebrandmarkt, festgelegt werden: „The long leg“ heißt das erwähnte Bild von Hopper. Segler wissen, was ein langes Bein ist. Das bedeutet, beinahe anliegen zu können, nicht kreuzen müssen. Ein langes Bein ist ein Geschenk. Statt den Wind genau von vorn zu haben und Schlag um Schlag aufkreuzen zu müssen, haben wir einen langen Schlag, mit dem wir beinahe das Ziel erreichen können und gelegentlich kurze Holeschläge, wenn wir nach Luv nachbessern müssen. Eine feine Sache, aber: Das kann sich auch hinziehen.

Kalter Wind von vorn, dabei nur langsame Bootsgeschwindigkeit mit einem alten Kahn? Ein langes Bein bedeutet also, dass sich recht lang kaum etwas ändert. Da passt es doch, dass dieses Boot auf dem Gemälde so festgenagelt wirkt. Nehmen wir an, das kleine Segelschiffchen mit der kantigen Kajüte ist nicht besonders schnell dabei – vielleicht steht noch Strom gegenan – dann zieht sich dieses lange, lange Bein wohl hin. Schräg ist das Deck, und der Wind drückt ja kräftig in das Rigg – warum nur dauert es eine Ewigkeit voranzukommen? Die Sonne steht schon tief. Sehnsüchtig peilen wir immer wieder neu den Leuchtturm, bis das Schiff allmählich etwas Luv gutgemacht hat und das Ende der Landzunge querab ist.

Sich dessen bewusst zu sein, dass ein Bild und auch ein kurzer Film nur eine Szene festhalten, bedeutet auch begreifen zu können, dass unser Leben eine „Neverending Story“ ist. Es ist dynamisch. Das Leben festhalten zu wollen, kommt einem Ende der Bewegung und einem Versuch, die Zukunft verhindern zu wollen gleich. Genauso, wie ein kurzer Film eine Tat belegt, beweist sie die Absicht des Filmenden, sich als beteiligter Polizist und besserer Mensch darstellen zu wollen. Festgehalten ist auch die Aussage derer, die eine Schuld beweisen wollen, und nicht selten festgenagelt ist der Ankläger auf seine Beschuldigungen. Ein böses, aber absichtlich aufgebauschtes Wort über andere, kann schließlich zum Bumerang werden.

„Klappe halten“, woher kommt dieser Rat – aus Hollywood? Dann ist es eine Anweisung an den Lehrling, erst einmal zu lernen, statt selbst zu filmen – und geradezu eine Aufforderung an den Schauspieler, den aktiven Täter, alles zu geben: „Gib’ dem Affen Zucker!“ ist ein Film mit Adriano Celentano. Das Internet bietet auch die bessere, ältere Erklärung:

„Die Redewendung ,dem Affen Zucker‘ geben stammt noch aus Zeiten, in denen ein Leierkastenmann durch die Stadt zog, um die Menschen mit seiner Musik zu unterhalten. Oft hatte er auch ein kleines Äffchen bei sich, das Kunststücke zu seiner Musik machte. Um das Äffchen jedoch bei Laune zu halten, musste er ihm hin und wieder ein Stückchen Zucker geben. Genau so tut man es im übertragenen Sinne mit seinen Schwächen oder komischen Angewohnheiten, indem man sie nicht unterdrückt, sondern einfach auslebt.“

Das ist ein guter Rat: „Lass’ die Leute reden“, und ihnen etwas zu geben. Cäsar, das alte Rom, Brot und Spiele, Theater des Lebens, Cabaret – „Gib den Leuten vier Takte, in die sie ihre Zähne beißen können, und du hast einen Hit“, wusste schon Fats Waller. Es braucht nicht viel, um Leben in ein Dorf zu bringen. Macht doch nix!

Morgen gibt es wieder neue Geschichten.

Das finde ich noch: „Die Herkunft der Redewendung „die Klappe halten“ geht auf die liturgischen Rituale katholischer Klostergottesdienste zurück, wo im Chorgestühl ein jeder Mönch sein eigenes Plätzchen hatte. Und weil diese Plätzchen sowohl zum Stehen als auch zum Sitzen auf relativ engem Raum geeignet sein mussten, waren die Sitzflächen mit einer Klappvorrichtung versehen. Da die Regeln eines solchen Gottesdienstes ein mehrmaliges Aufstehen und Wiederhinsitzen vorsahen und diese Klappmechanismen von eher einfacher Art waren, wären die Holzsitze, hätte man sie denn nicht festgehalten, mit einem laut durch Kirche und Andacht hallenden Laut in die Sitzposition gefallen.“

Nicht stören. Grundsätzlich, immer: Geht das?

Anonym wollen viele sein, besonders, wenn’s um die Privatsphäre geht. Da müssten wir ziemlich grundsätzlich die „Klappe halten“, damit es klappt. Eine Illusion, wir könnten insgesamt darüber bestimmen, was die anderen über uns verwenden. Und den Affen Zucker geben? Das bedeutet denen, die wie Affen gaffen, das Futter zu geben das ihnen schmeckt!

Malen, leben, spielen – solange noch was geht …

🙂