„Wir basteln uns einen Kriminellen“ – (oder einen Geisteskranken)? Im Duktus altmodischer Anleitungen kann ich am Besten ausdrücken, was mir gerade im Kopf rumgeht. Was steht hier im Blog, worauf muss man sich einlassen weiterzulesen? Text ist eine Kunstform, und zu Malen bedeutet ebenfalls, farbige Geschichten zu erzählen. Jedenfalls ist das meine Auffassung von dieser Sache. Geschichten sind nur zum Teil Tatsachenberichte. Erzählungen, die mit Erfahrungen verknüpft sind, entwickeln im Wortbild ihre eigene Realität. Oft geschieht das sogar erst im Prozess, beim Versuch wirklich genau zu sein und diese Texte perfekt und individuell zu formen. Eine Bereicherung, die zum gelungenen Ergebnis führt, ist aber zunächst ein Lustgewinn für den Schreibenden selbst, weil man lernt – und ein guter Grund, es immer wieder neu zu probieren.

Wenn ich ein fertiges Bild nach vielen Wochen oder Monaten an die Wand hänge, beginnt anschließend eine mehrtägige Phase, morgens beim Wiedersehen aufzumerken, ob es mir noch gefällt. In der Regel kommt das Gemälde noch einige Male auf die Staffelei, um kleinere Korrekturen vorzunehmen. Manchmal arbeite ich daran direkt vor Ort an der Wand, wo es hängt. Wenn ich einen Text in den Blog stelle, ändere ich das Veröffentlichte noch oft. Tagelang gehe ich in die Sätze und formuliere sie um, kürze Absätze oder füge Überleitungen ein. Das mache ich, weil ich es liebe, exakt zu arbeiten.

Meine Malerei und die Arbeiten der anderen, großen und weniger großen Kollegen; dem normalen Zeitgenossen ist schon klar, dass die Kunst bei vermögenden Sammlern, in Staatsgalerie, Kunsthalle oder im Museum hängt und bestenfalls dort gehandelt wird, wo entsprechend gezahlt wird. Kunstkreise, Galerien, die aus Liebhaberei betrieben werden, zeigen in erster Linie Dekobildchen, Landschaft (vom Foto abgemalt) oder Quatsch. Um zu verkaufen, ist eine Strategie unumgänglich.

Ich hatte nie eine.

Ich habe Zeit benötigt zu begreifen, dass ich nicht ins Geschäft komme. Schließlich ist mir klar geworden, was besser zu mir passt, wichtig ist, und ich will nicht länger meine Zeit damit verschwenden, mich um’s Ausstellen zu bewerben. Es fällt mir nun leicht; habe ich aufgegeben? Wie man’s nimmt, aber: Man kann immer malen – auch für sich zuhause allein. Mir gefällt das Malen. Darauf kann ich nicht verzichten. Das Leben und die Umgebung zu studieren, daraus etwas Eigenes zu schaffen, ist eine individuelle Wissenschaft.

Verkaufen ist ein Geschäft. Das Prinzip ist dem Verkäufer bei Fleisch, Fisch oder Autos immer gleich: Günstig einkaufen, mit Gewinn veräußern, und die Ware muss seinen guten Ruf stützen. Wem am Verkauf gelegen ist, sollte zügig und kostensparend malen. Er sollte, da er sich als Person untrennbar mitverkauft, alles tun, einen Eindruck zu hinterlassen, der dem Œuvre zuträglich ist. Der Gangsta-Rapper hat bestenfalls Knasterfahrung, der Blümchenmaler muss lieb sein usw. – konsequent am Ruf arbeiten soll, wer’s braucht. Das macht bei uns die Bürgermeisterin, der gute Geschäftsmann und jeder erfolgreiche Galerist. Politiker wissen sich effektiv zu paaren und umgeben sich mit Menschen, die ihnen nützen. Die Königin hält sich einen Hofnarren. Wenn’s ihr nach einem neuen Lover verlangt, enthauptet sie den bisherigen. (Wenn sie’s denn schafft). Und der Wissenschaftler arbeitet einfach nur. Der Unterschied ist dieses Detail: Die einen laufen ihrem Krieg hinterher, die anderen suchen den Frieden des Schaffens und jagen dem nach. Dazu muss man die Schlachtfelder zunächst genau kennenlernen, um sie schließlich (vom Rande aus) zu verspotten, und das ist die Zeit in der wir noch Kundschafter sind. Danach können wir uns entspannt zurücklehnen und an die Arbeit machen. Beobachten und Erkenntnisse zu erlangen befriedigt.

# Und: Ich kann mich individuell ausdrücken

Vorkommnisse zu beschreiben, als hätten wir selbst etwas begriffen (und andere verursachten die Fehler) ist typisch. Das machen einige. Viele sagen oft lieber gar nichts oder „so etwas gelingt mir nie“, wenn sie in Gesellschaft sind. Geschickt lanciert, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ist es nur umgekehrte Eitelkeit. Auf diese Weise entstehen Gewohnheiten. Daraus resultieren Reflexionen, alles sei wie immer – das stimmige Bild. Es fühlt sich richtig an, weil es sich nicht ändert: So bin ich eben; Stabilität beruhigt. Das hat parallel den Nachteil jeder Angewohnheit, dass wir uns nicht entwickeln können und die eigenen Fake-News glauben. Es kollidiert mit der Realität, wenn Zivilcourage gefordert ist. In der Regel nehmen wir uns nicht so wahr, wie es der größeren Realität entspricht und wie andere uns sehen. Wer sich traut, die gewohnte Rolle zu verlassen und eine Blöße gibt, hat die Chance zur Veränderung selbst in der Hand.

Einige könnten es ausnutzen, „bist du blöd!“, sagen sie, „wisst ihr, der spinnt.“ Wir stellen uns vor, wie unangenehm es ist, angreifbar zu sein und Bekanntgewordenes uns zum Nachteil geraten kann. Manche schönen den Lebenslauf, vermeiden zurückzusehen. Ich finde es wichtiger herauszufinden, wovor genau man sich ängstigt. Wer oder was holt mich ein? Die Vergangenheit jedenfalls nicht. Das ist nur ein abstrakter Begriff; obschon eine bekannte Redensart. Es kommt darauf an, wie wir heute handeln und wo. Zukünftige Erfahrungen mit alten Ängsten bieten eine Chance. Unablässig zu fürchten, versehentlich Unangenehmes von früher irgendwo anzutreffen, verewigt die Probleme. Einen Fehler zugeben können, macht menschlich. Bei unauffälligen Gelegenheiten fällt es leicht. „Mein Kuchen plumpst auch immer zusammen“; über Anteilnahme kommt man ins Gespräch.

Als ich Schwierigkeiten hatte, Kritik an meinen Illustrationen zu akzeptieren und es nicht durch besseres Arbeiten in den Griff bekam, glaubte ich mit freier Malerei ein Ventil gefunden zu haben. Die überraschende Antwort ist, dass nicht etwa guter Verkauf (das ist mir nie gelungen) meine Probleme gelöst hat, sondern spezielle Ausdrucksfähigkeit, die ich wie nebenbei erlangt habe, und die Einsicht in einige Befindlichkeiten bei mir und anderen. Ich muss vollkommen blind gegen alles gerannt sein; von der Trivialität einer Umgebung schockiert, der es nichts ausmacht, zur einen Seite hin dies zu meinen, zur anderen das Gegenteil zu tun. Ich habe es gar nicht nötig, beim jeweiligen Gutsein verschiedener Renommisten mitzulaufen – und so geht es viel besser und macht sogar Spaß. Ich bin grundsätzlich zufrieden, wenn auch nicht immer glücklich und manches bedauerlich ist.

Durch einen Zufall begriff ich, wie verletzlich man im Krankenhaus ist, wenn nicht die Patientengesundheit obenan steht. Angreifbar zu sein, ist auch nützlich. Auf diese Weise kommt der Mensch in die Position, Detektiv und Kern seines Falls in einem zu werden. Im Zentrum der Reuse, wo die Ungereimtheiten zusammenkommen, kann man prima Unwahrheiten fischen. Das trennt die Einbildung, es würde über uns geredet, von der Realität – weniger die Wahrheit an sich, als wie wir sie fühlen. Das ist dann unsere eigene Wirklichkeit, die schließlich, klar herausgeschält, sogar gemalt werden kann. Der Unterschied liegt darin, dass wir einen Rahmen aktiv gestalten und nicht Opfer zwanghafter Gewohnheiten sind. Besser als zu verkaufen, ist die Entdeckung individueller Bedürfnisse.

# Das Prinzip der Kunst

Zum Beispiel dieses Bild, das nicht gezeigt wird, mit den Nacktwanderern im Gebirge. Es ist ein weiteres Mal der Versuch, den Katalysator Kreativität anzuwerfen. Man bekommt eine Erfahrung aus der Vergangenheit, die so noch nutzbar ist, anstelle der gewöhnlichen Abgase, dem faden Nachgeschmack den eine üble Geschichte hinterlässt, wenn alles unwiederbringlich verloren ist. Eine gute Bekannte sagt zu diesem Thema: „Ich war auch auf Ihrer Webseite, Herr Bassiner. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen (Holm) und in ein anderes gezogen (Hetlingen).“ Über die Idioten sagt sie: „Haben diese Leute kein eigenes Leben?“ Ich finde: Menschen beobachten, sie beutegeil (und voyeuristisch) zu tracken und womöglich anzuzeigen, sollte den Fachleuten vorbehalten bleiben, die Ergebnisse müssen dem Recht standhalten.

„Gurken und Rosen“ ist ein Bild, das thematisiert, wie findige Ankläger den Täter selbst dort erschaffen können, wo (noch) keiner ist. Sie inszenieren sich und das Umfeld, bis die Sache passt. Eine Fernsehsendung vor einigen Jahren hat mich dazu angeregt, meine eigene Version vom flachgeistigen Dorf hoch in ein oberbayrisches Gestein zu transponieren. Splitternackt klettern diese Gestalten, ihre Gurke jeweils als Waffe in der Hand am nach vorn gestreckten Arm oder locker vorrätig im Bandolier, mit einer fixen Hypothese im Hirn am fiktiven Guttenberg rum. Sie spießen ihren süßen Lockvogel ans verbogene Gipfelkreuzchen wie der Fischer seinen Wurm und hoffen auf den bösen Mann. Eine Mannschaft (mit Frauen) unterwegs, als wär’s ein Schiff, gleiten sie mit wehender Flagge abwärts, im steinernen Meer. Wespen piesacken die Nackten, wir müssen da durch, denken sie, aua – au. Ein Stich ins Genital – was soll’s. Die Sonne verbrennt ihre Haut, die sie ihr großflächig anbieten. Für ihre Vision, bei den Guten zu sein, leiden sie gern. Diese skurrilen Nackten (mir ist noch detailreich allerhand Blödsinn eingefallen, um sie lächerlich zu machen), tragen wie zum Willkommen freundlich rote Rosen in ihren Händen und ein schleimiges Lächeln im Gesicht, aber den Hintergedanken, eine Falle zuschnappen zu lassen, im Herzen. Verbissen und blind für die Wirklichkeit, missbrauchen sie das Gute selbst, warten gleich dem Kommisär Matthäi auf den letzten Tag, der dann nie kommt. (Das Versprechen, Friedrich Dürrenmatt, 1958).

# Während der Fokus im Film auf dem Verbrechen lag, liegt er in der Erzählung nun auf dem Ermittler. Aus einem bestimmten Fall wurde der Fall des Detektivs, eine Kritik an einer der typischsten Gestalten des neunzehnten Jahrhunderts. „Kommissär Matthäi übernimmt eine Tankstelle an der Straße von Chur nach Zürich, bei ihm als Haushälterin sei die ,stadtbekannte Dame‘ Heller.“ (zitiert Wikipedia).

Und weiter: Erfolglos hatte Matthäi versucht, ein Mädchen aus einem Waisenhaus zu adoptieren; Matthäi sagt, er fische – kriminalistische Arbeit.

Schließlich: (…) realisiert, dass die Tochter der Heller, Annemarie, Matthäi als Köder dient, und dass die Tankstelle der richtige Ort ist: Damals gab es nur eine Straße, die von Graubünden nach Zürich führte – würde der Täter irgendwann wieder einmal nach Zürich fahren, dann musste er (…) vorbeifahren. (Wikipedia, F. Dürrenmatt; gekürzt).

Der verbindende Aspekt meiner persönlichsten Erfahrung (mit einer Studentin hier im Dorf und ihren „Freunden“, die nur so getan haben, als wären sie auch meine, was schließlich zum Gemälde führte) und dem Roman von Dürrenmatt, findet sich in der Beschreibung des Polizisten und seiner fixen Idee. Anfangs war es ein brillanter Einfall, der die ganze Abteilung mitgerissen hat, um einen schier unlösbaren Fall voranzubringen.

Das unausweichliche Fiasko ist einem Zufall geschuldet, der lange unentdeckt bleibt. Dem Detektiv und Spürhund entgeht nichts, aber er kann nicht wissen, dass sein Mörder im entscheidenden Moment verhindert ist – und nie zurückkommen wird, in die perfekte Falle zu gehen. Daran zerbricht der Kommissär, er bleibt psychisch stehen; eine beschädigte Uhr, die ihre Funktion für immer eingebüßt hat und optisch noch eine ist, funktionell nicht mehr. An dem Tag, wo sein arrangiertes Date nicht zustande kommt, verlässt er unsere Welt. Während das Leben aller weitergeht, bleibt von ihm nur die menschliche Hülle. Er handelt nun Tag für Tag, als wär’s immer noch Matthäi am Letzten.

Er betreibt die Tankstelle, und ohne das Buch jetzt noch zur Hand zu nehmen; ich meine mich zu erinnern, dass „die Heller“ und ihre inzwischen erwachsene Tochter, ein Teenager oder schon über zwanzig Jahre alt, weiterhin mit ihm zusammen an diesem schäbigen Ort wohnen. Das Mädchen betankt die Autos an der öden Straße. Lang dahingezogen, beinahe schnurgerade, mit gelegentlich eingestreuten Fahrzeugen, teilen die Spuren zwischen Graubünden und Zürich eine ausgedehnten Ebene. Eine baumlose Platte. Die typische Berglandschaft der kleinen Demokratie ist in dieser Szene nur Kulisse, stellt die nötige Kante gegen den Himmel im Hintergrund, erinnert uns gerade noch daran, wo wir sind. Nicht weit entfernt, haben sich einige Bäume zum Wäldchen versammelt. Der dunkle Fleck in der Wiese, und ein finsterer Ort für den Krimi. Der Kantonspolizist ist zum verbitterten Pächter der windschiefen Anlage mutiert. Ein Schweizer Original. Der Mann „wirkt verblödet und rieche nach Schnaps“, zitiert Wikipedia das Buch. Er schlurft in schietigen Sachen rum, und die Heller – zapft und serviert Bier, mit verhärmten Gesicht huscht sie ins Interieur, im Halbdunkel vom Flur und Küche am zugehörigen Schankraum – sie runden das absurde Bild von Einsamkeit, Abhängigkeit und gewohnter Verzweiflung ab. Eine schlappe Wäscheleine mit einigen Kleidungsstücken an schiefen Stecken, eine schlecht verputzte Hütte oder Baracke hinter den Gerätschaften für das Tanken; so ungefähr könnte der Erzähler es notiert haben.

Ich erinnere eine vom Wahn des geistig abwesenden Alten geprägte Atmosphäre. Alkohol und Frust bestimmen das fixe Arrangement. Der frühere Polizist ist unfähig, die Gegenwart zu realisieren. Es hatte einen dramatischen Wendepunkt in seinem Leben gegeben. Von Gefühlen überrannt, war er aus der für ihn typischen Rolle als rationaler Taktiker gefallen und hatte einen an die Kollegen abgegebenen Fall erneut an sich gezogen. Der Kommissär quittierte daraufhin den Dienst, um das den Eltern spontan gegebene Versprechen einzulösen, den Mörder ihres kleinen Kindes zu fassen.

Das Buch beginnt mit dem Ende: Der vollkommen verwandelte Mann, bei dem schneidiges Auftreten als gnadenlos korrekter Jäger und steile Karrierepläne bei der Kripo inzwischen unmöglich vorstellbar sind, lebt ausschließlich für seine Idee. „Er wird kommen“, nuschelt dieser Tankwart, während er stumpf Öl kontrolliert oder die Windschutzscheibe eines Fahrzeugs putzt. Leicht kann man es überlesen; nur für eine Momentaufnahme blitzt das andere Verbrechen durch: Annemarie ist im Roman gleichermaßen aufreizend wie verwahrlost vom Schriftsteller gezeichnet. Kaum ein paar hingeworfene Worte skizzieren ihr armseliges Dasein.

Für mich der berührendste Aspekt am ganzen Buch.

Das Mädchen ist (meine) Hauptfigur in dieser Geschichte, und wesentlich ist eine Szene die, glaube ich, wie nebenbei eingestreut wird, wo die Mitbewohnerin vom Kommissär das Spiel begreift – und im hilflosen Zorn die ganze Schäbigkeit der Konstruktion realisiert. Die Mutter erkennt, als es nicht klappt den Täter zu schnappen, wie ihre kleine Tochter von der Polizei als Lockvogel missbraucht wird – nicht etwa vom bösen Mann (von Gert Fröbe im Film dargestellt). Davon weiß sie gar nicht. Matthäi sagt ihr nur ungefähr, was er tut, und vielleicht hat sie sich Hoffnung auf eine bürgerliche Existenz mit dem Kommissär an ihrer Seite gemacht. Möglicherweise entwickelte sie Zuneigung zu dem Mann. Frau Heller konnte ja nicht wissen, dass Polizisten immer lügen (wenn sie eine verdeckte Rolle übernehmen).

Sie bemerkt die Kripoleute im Wald, die ohne Wissen der Mutter den Ort beobachten, wo unbedarft die kleine Anne spielt. Trickreich wird sie vom findigen Team auf eine von Bäumen (die Deckung bieten) gerahmte Lichtung gelockt, wo nun ununterbrochen ihr unschuldiges Lied „Maria saß auf einem Stein“ erklingt. Dort im Gebüsch versteckt, hoffen die verborgenen Fahnder, dass die kindliche Weise noch nützen wird, den Täter zu ködern, gerade an diese Stelle zu gehen. Nach dem Eklat nehmen sie anschließend eine Strohpuppe und machen noch eine Zeitlang weiter. Die schockierte Mutter bleibt wie erstarrt an der Seite des unbelehrbaren Kriminalpolizisten Matthäi und betankt die Fahrzeuge, brät Mahlzeiten zusammen, putzt. Der kantonale Kunstgriff wird zur absurden Farce. Die drei sind in den Grenzen von Wald, Tankstelle und der schnurgeraden Landstraße wie isoliert im eigenen Kosmos gefangen. Eisig und irrational ist ihre Beziehung, vollkommen kalt und manisch unauflöslich. Schließlich bleibt der Kommissär allein dabei, die Puppe zu drapieren, weil die Kollegen realisieren, dass es nichts mehr wird.

Dass die drei nun weiter jahrelang zusammen an diesem gruseligen Ort wohnen, bringt mir mein wichtigstes Motiv in allen Bildern, Texten in den Vordergrund, weil es genauso mein Leben geprägt hat: Abhängigkeit. Der subtile Missbrauch von Macht und meine (und oft unser aller Unfähigkeit), den Zwängen zu entkommen, beschäftigt mich immer wieder neu.

Meine Kunst ist eine verzwickte Angelegenheit, auf dem Misthaufen persönlicher Erfahrung gewachsen. Gutmenschen sind Gurken, finde ich. So kommt es mir vor: Auf dem Niveau des Boulevards sind sie unterwegs, immer auf derselben Straße. Einfallslos provozieren die ehrenamtlichen Dorftrottel arrangierte Szenen. Da ist das immer gleiche abgehalfterte Stammpersonal einer müden Amateurbühne, verstärkt durch wechselnde Statisten, die bestens informiert nach dem Motto „wir schauen hin, passen auf“ den Bühnenrand garnieren.

Pappkameraden dekorieren eine Welt für ihren Truman vom Dorf und das Mädchen. Mal ist sie chaotisch als rote Diva unterwegs, dann wieder huschig auf der Flucht. Mir fällt der Himmel auf den Kopf und eine Drohne vor die Füße. Sie setzt die Karaoke-Mütze auf und spricht das soufflierte Wort fließend. Unglaublich: Diese Menschenretter konstruieren Person(en)-Schutz in paranoiden Begegnungen (eine Schmierenkomödie, die durch neu angeheuerte Helfer kaum abwechslungsreicher wird) für ihr vermeintliches Opfer, nachdem sie’s extra (wie eine Marionette, gehirngewaschen) platziert hatten. Als Rufmörder wollen sie nicht gesehen werden. Sie haben den üblichen Tratsch erst kultiviert, schließlich überhöht, bis in die finstere Einbildung, sie seien eigentlich Weltretter.

Ich musste es malen: Das Bild zeigt den kleinen Trupp dummer Dörfler, vertraute Tröpfe, wie in jedem Kaff bekannt, am abschüssigen Hang. Die verbohrte Königin einer Provinzverwaltung führt die Armseligen über den Schotter schlitternd abwärts. Ich sehe sie nackt wie in „des Kaisers neue Kleider“ – unterwegs nach Absurdistan.

Gurken scheitern vor Gericht, und das ist auch gut so. Im Glauben zu handeln, unser Leben verliefe konstruiert wie im Krimi, ist mehr als naiv. Polizist sein (oder Politiker) kann man nur im Amt. Wer abgewählt wird, kann allenfalls noch am Stammtisch polemisieren. Wenn Polizisten im Ruhestand „den Kaufhausdetektiv geben“, bleibt der Eindruck hängen, solche Menschen wissen mit sich selbst nichts anzufangen.

Texte: „Die Leute lesen die Bücher gar nicht“, meinte kaum resigniert ein lieber Autor zu mir, als ich noch fleißig Info-Grafik machte. „Sie kaufen ein Buch, weil es (deine) schöne(n) Illustrationen hat und verschenken es (ungelesen) zu Weihnachten. Danach steht es dort nur im Regal.“ Er hätte sich darüber mal mit M. (dem Bergsteiger) unterhalten. Ein Rat, sich den Leser zwar vorzustellen, aber nicht auf sein vollumfängliches Verständnis zu hoffen und weiter zu tun, was man liebt.

Danke!

Der wirkliche Schatz, den wir durch Beobachtung, Schreiben und das Malen von Bildern erlangen – es bedeutet nicht zuletzt, eine eigene Ansicht zu entwickeln, sich eine Meinung bilden können, die polarisiert und überrascht; ist Erfahrung. Man lernt eine Grenze zu ziehen. Nicht nur was Nachbarn, das Dorf und die Politik betrifft – auch: Geschwister, Verwandte – nie wieder! Nie wieder abhängig mitgerissen werden, wenn es möglich ist, eine eigene, harte Entscheidung zu treffen. Über unliebsame Familienstreitigkeiten sagte derselbe Verfasser (zahlreicher Fachliteratur und Segler), pensionierter Jurist: „Das BGB. Es kommt immer zur Zwangsversteigerung, John, immer.“ (Noch einmal danke). Du bist weise Bobby (und ein Freund).

# Wer vorher weiß, was man gar nicht glauben kann, hat noch Zeit klug zu werden

Mich interessiert die Themen, passend zu meinen Empfindungen und in Relation zu den bisherigen Fähigkeiten, als Entwicklung zu begreifen, mit der ich mich reflektorisch formen kann. Diese Texte dienen nun wieder dazu, mir selbst klar zu machen, inwieweit das auch passiert, und die Webseite ist das entsprechende Schaufenster. Ohne sich einen Leser vorzustellen, kann man nicht schreiben. Das passiert beim Malen auch. Es bedeutet aber nicht, dass es nötig ist, einen Betrachter wirklich zu erreichen; es genügt, die Möglichkeit dafür zu schaffen.

Also die Bilder, gleich nachdem sie gemalt wurden, wieder wegzuwerfen oder diese Blogtexte nach dem Schreiben zu löschen, wäre wohl extrem. Der Buchladen als eine verwunschene Holzkiste am Feldrand ist mein Ideal. Auf Fehmarn habe ich so einen Schrank schon gesehen, und auch in Backnang gibt es ein offenes Regal mit Büchern. Einigermaßen gegen die Feuchtigkeit geschützt, tauscht man dort ausgemusterte Werke.

„Goethe war hier …“ steht auf einer grauen Kiste.

Das macht neugierig! Man tritt näher heran … dann steht noch ganz winzig klein darunter:

„Nie!“

Früher habe ich viel gelesen. Heute konsumiere ich noch die Zeitung, ich lese keinen Roman mehr. Ich kaufe mir keine Ratgeber. Damals habe ich sie geradezu verschlungen: „Anleitung zum Unglücklichsein“ hat Paul Watzlawick sein schmales Büchlein genannt. Das wörtlich zu nehmen, ist bislang kaum jemandem eingefallen, mir schon. Ich habe diese intelligente Erörterung gelesen, nachdem ich studierte, Anfang der Neunziger.

Nur durch Fehler lerne man, heißt es. Watzlawick mag von der Hoffnung angetrieben worden sein, es genüge, seine kluge Zusammenstellung menschlicher Blödheiten einfach zu lesen. Dachte er, es reiche aus, Dummheiten bei sich wiederzufinden und einfach wegzulassen? Schon beim Niederlegen des Textes befreit durchzuatmen, ohne das Glück noch studieren zu müssen; mir ist das nicht gelungen. Ich erkannte: Da stehen ein paar gute Sachen – aber das Glück habe ich seinerzeit nicht gefunden. Ich begriff schon, dass der Mensch seine Übel selbst erschafft.

# Was kann man nun von einem Menschen … erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über beide Ohren, bis über den Kopf, so dass an die Oberfläche des Glücks wie zum Wasserspiegel nur noch Bläschen aufsteigen, geben Sie ihm ein pekuniäres Auskommen, dass ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Lebkuchen zu vertilgen und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen – so wird er doch, dieser selbe Mensch, Ihnen auf der Stelle aus purer Undankbarkeit, einzig aus Schmähsucht einen Streich spielen. Er wird sogar die Lebkuchen aufs Spiel setzen und sich vielleicht den verderblichsten Unsinn wünschen, den allerunökonomischsten Blödsinn, einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit sein eigenes unheilbringendes phantastisches Element beizumischen. Gerade seine phantastischen Einfälle, seine banale Dummheit wird er behalten wollen. (Fjodor Michailowitsch Dostojewski, 1821-1881 – so finde ich es im Internet, und bei Paul Watzlawick steht das als einleitendes Zitat im erwähnten Buch).

Tatsächlich male ich weiter, habe die dumme Angewohnheit, andere zu-zu-texten – obwohl ich damit keinen Erfolg habe.

Wenn Bekannte zusammenkommen und „wie geht’s“ fragen, gehört es sich: „Gut, Danke!“ zu antworten. In dem Moment, wo unser Gegenüber ausweicht, haken wir nach: „Stimmt was nicht?“ Mein Großvater hatte sich darauf trainiert, die Frage ausnahmslos mit: „Zufriedenstellend!“ zu beantworten, um dieses Problem wie ein guter Schauspieler grundsätzlich zu vermeiden – daran denke ich manchmal.

„Bist du glücklich?“, werde ich selten gefragt.

Ja, es kommt vor. Schönes Wetter hebt meine Stimmung. Ich kann den Sommer nicht ziehen lassen, bin weiter in Flip-Flops unterwegs. Vor kurzem verweile ich als einziger Gast bei „Nur Hier“ auf der Terrasse, bade noch in herbstlicher Abendsonne und trinke einen Tee (im Glas). Da sitzt man direkt am Geländer (wie an einer Schiffsreling), und auf der anderen Seite ist ein Weg ohne Stufen für Radfahrer (eine sanfte Rampe), die hier das Plateau vor dem Einkaufszentrum verlassen können. Es gehen dort auch viele zu Fuß, ohne ein Rad dabeizuhaben. Da kommt Anastasia vorbei! Ich freue mich. Und sie nimmt ihre (regenbogenfarben schillernde) Sonnenbrille ab: „Ist das Whisky, genießt du dein Leben?“, fragt sie – wir lachen. Zufriedenstellend sehe ich wohl mindestens! aus … offenbar bin ich gerade glücklich – und man sieht es mir an.

Das gefällt mir.

Hey!

🙂