Wir erinnern uns an Zeiten, wo kriegerischer Widerstand eine lustige Sammlung von Zeichnungen auf richtigem Papier bedeutete: Die Meinungen über sein Talent, geteilt. Er selbst fände sich genial, alle anderen ihn unbeschreiblich. So heißt es über den Barden Troubadix im bekannten Comic. „Doch wenn er schweigt, ist er ein fröhlicher Geselle und hochbeliebt.“ Mich haben diese Hefte geprägt. Ich bin ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, heute, und früher wäre das zu sagen ein Witz gewesen, abwertend. Wer sei denn noch vor dem Ersten Weltkrieg geboren, meinte man. Der Humor von Großeltern macht doppelt alt.

Natürlich bin (auch) ich genial.

Unbeschreiblich? Ich kann schließlich zeichnen. Mir genügt es, an mich zu glauben! Geld allein macht nicht glücklich. Wir möchten Wertschätzung. Nicht nur Geld, sondern Empathie und gar Liebe mögen uns begegnen. Dafür rufen wir nett in den Wald unsere lockenden Rufe und hoffen auf ein freundliches Echo. Soweit so gut; besser als gegen die Bäume zu treten jedenfalls. Wer reichlich Fische möchte, setzt welche in den Teich, wo der eigene Verein Pächter ist, fischt im Herbst mit Freunden ab. Menschen finden ihren Wald als Glück bringendes Orakel mit seinem wohlwollenden Echo.

YouTube bietet genügend Bäume. Auch andere Provider stellen ihre Dienste für den sozialen Austausch bereit. Dabei müssen Regeln beachtet werden. Es gibt zu akzeptierende Bedingungen. Schon früher, vor dem Segen eines weltweiten Internet, kannten wir unausgesprochene Gebote, an die sich Menschen halten sollten. Sonst wirft uns die Gesellschaft raus.

Seitdem ich „Selfexecuties“ male, zeigt mir YouTube alle möglichen Vorschläge zum Thema Bahn. Das hat sich entwickelt, weil ich suchte, was für den Entwurf nötig wurde. Ich schaue inzwischen gern alte Dampflokomotiven an, Modellbahnvideos erscheinen in der Galerie. Die gefallen mir.

Natürlich sehe ich nicht nur im Fernsehen Berichte über den Krieg in der Ukraine. Ich nutze auch Videos, mich zu informieren. Sie kommen in der Vorauswahl.

Wenn ich Pinterest öffne, gibt es ebenfalls Vorschauen, die mein Suchverhalten reflektieren. Für Beine mit Kniedarstellungen im benötigten Winkel und Lichteinfall für das Mädchen links, schaute ich bereits etliche Bilder an. Hier gibt es keine Nacktheit aber viel Haut zu sehen, und auf unzähligen Pornoseiten bin ich unterwegs, nicht nur wegen dem Gemälde. Es ist ein Teil unserer Welt.

Da amüsiert es mich inzwischen, wie fein säuberlich getrennt alles nebeneinander geschieht.

Was dem Modellbahnfreund ein Schock an mangelnder Wertschätzung bedeutet, jemand hat für eine Sammlung alter Fleischmann-Lokomotiven wenig Geld bekommen, passiert synchron zum Krieg in Kiew. Dort hat man andere Probleme. Ich wage zu behaupten, dass „Long-Covid“ in der Ukraine kein Thema ist. Und Porno ist Alltag auf der ganzen Welt.

Ich sehe dieses: Zwei Mädels sitzen nackig auf einem Tisch, und eine pinkelt dem Betrunkenen auf den Kopf irgendwo. Das konsumiere ich bei einem Glas Rotwein, und eine Bombe fällt gerade nicht auf Schenefeld. Fein, mir geht es gut, und niemand liest, was ich hier schreibe, glaube ich.

# Kryptische Texte?

Ich bekomme reichlich Anerkennung von denen, die ich mag. Da benötige ich das soziale Medium nicht. Mich würde man nirgends dulden, es sei denn im Rotlichtbereich. Auf derartige Likes lege ich keinen Wert. Mir gefallen die Mädels in Schenefeld auf der Straße. Man kennt mich teilweise und spottet: „Oh! Er hat mich angesehen.“ Vor mir warnen Erwachsene und ältere Mitschüler – offensichtlich.

Schön herausgeputzt. Sie starren auf ihre Geräte, während ich die Bushaltestelle passiere. „Genial!“, schnappe ich auf. Bin tatsächlich ich gemeint, etwas auf der Seite? „Da bekommen wir bestimmt eine Belohnung“, tauschen sich die zwei vierzehnjährigen Schönheiten verstohlen aus, und ich gehe so normal wie möglich vorbei. Das bilde ich mir nicht ein, aber ich beziehe es auf mich, und das kann falsch sein.

Ich mache nichts mit Gruppen digital. Es wird nicht getwittert. Ich habe kein Insta, LinkedIn oder Facebook, WhatsApp und dergleichen. Es gibt keine Resonanz. Wir nutzen Festnetz. Ein Freund ruft an: „Kannst du mir sagen, wie ich Piet erreichen kann?“, fragt der. Ich suche die Nummer von Verena raus.

„Ich war auf deiner Webseite. Schöne Bilder.“

Meine Eltern besaßen ein Haus. Mein Vater ärgerte sich über Graffiti. Er hatte sich angewöhnt, Gekritzel sofort zu übermalen. „Die“ möchten sich sehen, warnten Freunde.

Kenne ich.

Ich google meinen Namen regelmäßig: Egosurfen nennt man das, ich kann es zugeben. Nach beinahe einem Jahr ist eine zarte Wolke (Flickr) verschwunden, und das konnte ich provozieren? Nicht mein Foto. Aber mein trotziger Kommentar damals. Taucht nicht mehr auf, in Zusammenhang mit meinem Namen. Vermutlich kein Zufall. Immerhin, ich bilde mir das ein, bin ein Teil der Welt hier in Schenefeld. Ich fühle mich wahrgenommen, es gibt auch Angenehmes. Besser, als im Rathaus auszustellen und in der Zeitung eine halbe Seite bekommen. Da wäre ich bloß der Fleischmannonkel mit seinen vierzigtausend Freunden. Solche kann man getrost vergessen. Ich denke: Probleme einfach löschen wie Putin, das ist so russisch.

🙂