Wer ist das, dieser Kandidat, der die Wahl verloren hat? Die Zeit wäre knapp gewesen, den Bewerber bekannt zu machen. So habe er gegen den beliebtesten Ministerpräsidenten Deutschlands keine Chance gehabt, probiert sich die Partei an einer Erklärung.

Ja, Daniel Günther haben die Wähler in Schleswig-Holstein drauf. Wir wissen, wie der aussieht, kennen den Klang seiner Stimme. Unverwechselbar, dieses Rauschen, wenn irgendwo im Satz ein Wort mit „sch“ vorkommt. „Die Men-sch-en im Land wün-sch-en sich …“, und dazu, wie zum Trichter vorgeschoben, der Mund des Ministerpräsidenten, das wirkt wie ein integriertes Megaphon. Ein kleines Sprachrohr hat der Mann unter seiner Nase. Da spülen die Worte heraus. Zwei Schneidezähne stehen oben deutlich sichtbar. Er kommuniziert be-sch-wörend und doch selbstverständlich, unaufdringlich. Eine individuelle Artikulation und norddeutsch. Das ist Daniel Günther. Er hat einen schmalen Kopf, eine jungenhafte Frisur und doch recht eng stehende Augen. Wir konnten uns ein Bild machen, wie der Mann wirkt. Der Ministerpräsident hat einen klaren Stil entwickelt, scheint besonders teamfähig und eindeutig führend zu sein in der Regierung.

Monika Heinold kennen die Schleswig-Holsteiner nicht weniger, man muss sich nicht sonderlich für Politik interessieren. Es scheint undenkbar, mit dieser Frau eine Vertuschungsaffäre zu erleben, eine ermogelte Doktorarbeit oder Korruption sind unwahrscheinlich. Die grüne Frontfrau ist fleißig und anständig, so kommt mir das vor. Einzig, wenn sie von modern und grün redet, fragt man sich, ob es nicht ein wenig drollig klingt, bei einer schon nicht mehr ganz jungen Buchhalterin, die das spontane Lachen nicht allzeit bereit im Gesicht trägt, ohne einen leichten Krampf der Mundwinkel. Soll ich … oder lieber doch nicht so lachen? Es gibt bessere Plakate.

# Wahlkampf war gestern

Auf dem Schenefelder Wochenmarkt, nicht lange vor der Wahl, haben die Grünen einen Stand: Offensiv schaut mich dieses Pippi-Langstrumpf-Mädel an, aber blond ist sie. Ann-Kathrin Tranziska möchte mir einen Flyer in die Hand drücken, unverkennbar. Das ist die Grüne wie fotografiert. „Sie sehen aus wie auf dem Plakat“, sage ich und winke ab. Ich alter Lustmolch lasse mich nicht einfangen von diesem lustigen Teenie – so kommt sie daher – obschon sie nur zehn Jahre jünger ist. Ich nehme keine Wahlwerbung und möchte nur Mathias Schmitz „Guten Morgen!“ sagen und dann dahinten noch Käse kaufen. Das mache ich deutlich.

Unnötig sie anzublaffen, dass ich nicht mehr wählen gehe, wegen der da oben über uns im Turmzimmer. Ich verkneife es mir.

Die SPD besonders, die wähle ich schon gar nicht. „Nie wieder!“, denke ich, wenn ich eine Sendung sehe, Artikel lese oder ein Wahlplakat wirbt. Nie wieder Politik. Meine Erfahrungen verbieten jede Unterstützung. Macht ja nix? Das fällt kaum ins Gewicht. Unmöglich, die Blöden abzustrafen: Politikern, die ich kannte, ist es egal, wer ich bin, was ich möchte oder wichtig nehme. Ich sei selbst schuld, dumm zu sein, ist ihre Auffassung. Mir bleibt gar nichts übrig, es einzusehen.

Ich kann mich nicht für meine Fehler entschuldigen, müsste mich demütig zeigen, wo es unmöglich ist, Reue zuzugeben. Wir reden nicht, niemand mit mir, und ich selbst halte verbissen die Klappe, außer dem Spott hier. Das geht noch. Bis ich begreife, mein Œuvre in die Tonne zu treten, zu krepieren, den Laden zu verlassen. Wenn ich endlich tot bin, ist es besser. Dieses festgefahrene Schachmatt geht auf das Konto der besten Darsteller in einem absurden Theater: Politik ist Lüge. Das lernte ich und verstehe, dass der Wähler sich ausschließlich selbst schadet durch das Nichtwählen.

Ich bin nicht blöd: Ich bin frustriert.

Ich weiß nicht, was die SPD falsch gemacht hat mit Losse-Müller. Ich durfte einmal mit Ralf Stegner und Kai Vogel eine kleine Kaffeerunde erleben. Der erweiterte Wintergarten einer Seniorenresidenz im Dorf, Frank Grünberg erzählte Döntjes, bis der im Stau steckende Stegner kam. Vogel und Stegner erwiesen sich aus der Nähe als humorvoll und kämpferisch für ihre Partei. Sie konnten gut zuhören und fachkundig antworten. Gerd Manthei, unser Schenefelder Urgestein der roten Partei, hatte mich eingeladen: „Willst du mal Stegner kennenlernen?“

Das war vor der letzten Landtagswahl, die Albig schließlich komplett versemmelt hat. Tatsächlich habe auch ich Günther gewählt. Damals ging ich noch hin zur Wahl. Ich hatte den wie es hieß beliebten Torsten Albig in mehreren Fernsehauftritten zum Wahlkampf gesehen. Ich fand den Mann einfach nur arrogant. Für mich spielten fachliche Themenschwerpunkte gar keine Rolle mehr.

Vom noch unbekannten Daniel Günther kam einiges im Fernsehen. In einer Dokumentation wurde der von seiner Partei aufzubauende Kandidat über den Alltag bei der Arbeit begleitet. Die Kamera fokussierte ihn im Dienstwagen sitzend, wo der Politiker probierte, auf der Rückbank zu arbeiten und dazu den Kopf auf Dokumente senken musste oder den aufgeklappten Laptop im Schoß nutzte. Dabei kann einem schlecht werden, wenn man ungeübt ist, während der Fahrt konzentriert in den Monitor zu blicken oder juristische Feinheiten zu begreifen, derweil der Chauffeur durch nordische Dörfer saust. Solche Sachen kamen zur Sprache, ganz gewöhnliche Dinge, die jeder versteht.

Jetzt bin ich, bereits vom Zorn geprägt, wie auch bei der Bundestagswahl, keinesfalls meine Stimme noch abzugeben, durch Schenefeld spaziert und habe aktuelle Wahlplakate registriert. Für einige Spottbildchen auf der Webseite sollten sie wohl nützen? Ich hatte wirklich ein Problem damit, den Kandidaten der SPD zu skizzieren. Der kam mir vor wie ein Marktleiter von Edeka. Hellblaues Oberhemd, das freundliche Lächeln eines Käsehändlers im Gesicht, kaum rote soziale Farbe im Hintergrund auf dem einzigen Foto, das mehrere Plakate im Dorf zeigten. Eine schlappe, blassblaue Anmutung mit einem Sonnyboy am Strand, dabei recht bieder.

Der Kaufmann einer Milchtheke, wo es immer ein wenig käsig riecht.

Meine Skizze von ihm geriet wie eine von Thomas Hermanns, dem Moderator vom Eurovision-Song-Contest. Das gewollte Grinsen. Mein Sohn erkannte den Politiker nicht. Ich begriff, dass dieses eine Foto vom Plakat nicht genügt, sich ein Bild zu machen. Nicht schwer, den Mann zu googeln.

Der sieht ja ganz anders aus, dachte ich.

Jetzt, wo die Wahl für die SPD so krachend verloren ist, wird man das Dilemma analysieren. Das möchte ich nicht probieren. Aber wenigstens kreativ wollte ich mich der Frage annähern: „Wer ist Thomas Losse-Müller? Darum habe ich einen weiteren Versuch gemacht, den Politiker zu zeichnen. Ich finde das ausgesprochen schwierig und kann nur hoffen, dass es diesmal ähnlich erscheint (wenn man den Kandidaten kennt). Mir gefällt, einen ganz anderen Typ, wie mir scheint, hinbekommen zu haben. Mein Eindruck ist nicht, einen spontan breit lächelnden Mann zu entdecken. Das mag ihm im Urlaub am Strand oder auf Anweisung des Fotografen gelingen. Im Wahlkampf erscheint Losse-Müller, rein auf der Basis der Fotos, denn ich weiß ja nicht, wie er in Wirklichkeit rüberkommt, ernsthaft bemüht.

# Kurs halten!

Plakate zeigen den Ministerpräsidenten Daniel Günther in den verschiedensten, emotional differenzierten Ausdrücken. Er hat viele Gesichter. Variationen sieht man, zu denen der professionelle Politiker offensichtlich leicht fähig ist, wenn eine Kamera auf ihn zielt. Das ist ein wesentlicher Teil der Arbeit, sich gut zu präsentieren. Er hat es schnell gelernt.

Gut möglich, dass der Herausforderer Losse-Müller spontan sein Gesicht zeigt, im Alltag bei der Arbeit – er ist ja, wie Google deutlich macht, kein unreflektierter oder farbloser Mensch, sondern schon eine individuelle Persönlichkeit. Aber eben nicht der Grinsekuchen von der Käsetheke. Kann ja auch sein, dass anderswo noch Plakate herumstanden oder Sendungen anzuschauen mir möglich gewesen wäre, wenn ich’s gewollt hätte, die ihn vielseitiger rüberbrachten …

Ich will ja nicht.

🙂