Die Geschichte der Psychiatrie findet sich wie vieles als Beitrag auf Wikipedia. Psychische Krankheiten werden als eigenständiges Problem erkannt und das ist so neu nicht. Eine umfangreiche Behandlungsstruktur mit entsprechenden Ärzten, Medikamenten und Einrichtungen, die zunächst den Gefängnissen ähnliche Versuchs- und Verwahranstalten sind, hat sich mit der weltweiten Bevölkerungszunahme entwickelt. Man begriff, dass im Gehirn der Auffälligen der Unterschied zur gesunden Bevölkerung wäre, denn ein Mensch steuert seine Wege offenbar nicht von den Füßen her, sondern vom Kopf aus. Also nimmt diese Fakultät an, dass es eine normale und auf der anderen Seite die kranke Funktion gäbe, welche vom Gehirn gelenkt, dort behandelt werden müsse. So weit so richtig, sieht sich der Behandler einer Vielzahl von Problemen gegenüber, die weiter wenig befriedigende Lösungen gefunden haben für eine Not, mit der die Menschheit um so mehr zu tun bekommt, je voller der Planet ist. Warum ist das so? Die Antwort kann nur darin liegen, dass der Angst als einer notwendigen Eigenschaft des Menschen die entscheidende Bedeutung zukommt, will man sich an einer Erklärung der verschiedenen psychischen Erkrankungen versuchen. Die Angst des nur vereinzelt aufkommenden Lebewesen richtet sich an den natürlichen Gefahren der Umgebung aus. Die Angst unserer Moderne ist sozial. Es gibt gute Gründe, die anderen zu fürchten, wenn sie überall sind.

Trotzdem kommt die normale Breite der Bevölkerung klar mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Das sind wohl diejenigen, die von Beginn ihres Lebens an den Lernprozess der Anpassung gut hinbekommen haben. Sie hatten entweder das Glück eines stabilen Elternhauses oder die individuelle Einstellung zum instabilen Rahmen, die ihnen geholfen hat. Wenn eine liebevolle Familie nicht der Ursprung ihrer Entwicklung gewesen ist, gelang es diesen Kindern früher als den behüteten, einen ganz eigenen Weg einzuschlagen, trotz widriger Bedingungen, emotionale Freiräume zu finden für ihre Bedürfnisse unter Umständen, die andere zerbrochen hätten. Da es eine Vielzahl von Anpassungen gibt, sollten wir zunächst anerkennen, dass die Normalität so individuell ist, wie es Menschen gibt.

Würde die Wissenschaft der Psychiatrie auf einer belastbaren Theorie menschlicher Gesundheit versus Krankheit agieren, könnten diese Ärzte Erfolge messen und schlecht helfende Kollegen müssten sich dem Kodex anpassen, der in der Qualität der Behandlung definiert wäre. Nach wie vor verzetteln sich Ärzte in Diagnosen und der Schwierigkeit, Unselbständige an sich zu binden und damit Ewigkeiten zu schaffen, die gerade nicht das Ziel sein dürften, wenn wir Gesunde und Selbstständige möchten. Nehmen wir also an, dass die Erziehung der Kranken nicht gelang, dürfte der Therapeut nicht zum lebenslangen Begleiter werden und schlechte Eltern durch eine Bindung an eine Art Lebenskrücke, den Arzt und seine Medizin, ersetzen. In vielen Fällen ist das Realität. Die Aufgabe einer kritischen Einstellung zur modernen Behandlung sehe ich darin, den Anteil der ein Leben lang geführten Patienten kleiner zu machen. Wir könnten bei besseren Methoden mehr Menschen auf einen guten Weg bringen, den gestörten Prozess ihrer Entwicklung zu einem Abschluss bringen, dass diese allein zurechtkommen und für eine individuelle Lebensgestaltung Wege finden, die weniger normal, sondern als gesund zu bezeichnen wären.

Das hieße zunächst mit dem Begriff der Normalität anzufangen. Wir benötigen ein Ziel und kein Wort, wo wir hin möchten. Der kranke Kopf ist ein Fakt. Wäre das nicht so, könnte man keine Psychose medikamentös beenden. Das können die Ärzte aber sehr wohl in vielen Fällen. Genauso die Depression. Moderne Antidepressiva sind nachweislich wirksam. Allein durch gutes Zureden beendet man schwere Verläufe kaum. Warum wird dennoch Verhaltenstherapie angeboten? Wir erkennen, dass Menschen nicht nur, wenn sie sich in einem extremen Lebensabschnitt befinden, Hilfe nötig haben, sondern auch dann, wenn sie latent gefährdet auf dem Grat wandeln, der zwischen dem stabilen und weniger gesunden Dasein verläuft. Wir möchten Labile stärker machen. Deswegen reden wir mit ihnen und hören zu, als Helfende, besonders wenn wir nicht aus Liebe oder Freundschaft dazu angetreten sind, sondern beruflich „vom Fach“ sind. Dann müssten wir uns aber auch untereinander daran messen können, wie die Qualität dieser Unterstützung definiert ist. Das bedeutet, der Krankheit als Fakt, die Gesundheit als ebensolchen gegenüberzustellen. Da hapert es erkennbar.

Daran ist nicht zuletzt die Gesellschaft schuld. Wir können nicht einen Kranken gesund machen, der selbst kein Bild davon hat, was das sei. Da fragen Sie mal in einer Einkaufsstraße die Leute, was einen Geisteskranken ausmacht, und was dagegen die anderen kennzeichnet, die nicht krank im Kopf sind? Normalgesunde wissen in der Regel nicht, weshalb sie nicht psychisch krank sind. Einen Bekloppten meinen alle erkennen zu können. Würde das stimmen, hätten wir keine Amokläufer, denn man würde es ja vorher merken, was jemand ausbrütet. Die Normalität darf deswegen nicht unser Ziel sein, weil sie einen viel zu ungenauen Rahmen gegen die kranken Formen menschlichen Seins aufbaut. Das ist eine Mauer aus anderen, die nur zufällig fest steht. Nicht wenige Zeitgenossen fallen überraschend raus und werden psychisch krank, obwohl ihre Umgebung sie bislang als verlässliche Bausteine unserer normalen Umgebung eingeschätzt hatte.

Könnte die Psychiatrie anstelle dem nicht krank sein die gesunde Funktion des Menschen nicht nur erkennen, sondern herbeiführen, wäre es gut. Tatsächlich ist der Facharzt dazu bereits ganz gut in der Lage. In vielen Fällen gelingt es, Krisen abzukürzen. Menschen können reintegriert in den Alltag zurück. Was nicht gut funktioniert, ist die Therapie, die doch Rückfälle verhindern soll und eine gute Entwicklung ermöglichen. Wenn wir auch hier wohlwollend bewerten, könnten wir noch bemerken, dass es sehr wohl gute und erfolgreiche Behandlungen auch dort gibt, wo bislang schwere Lebenskrisen vorherrschten, mit Hilfe von Kliniken, Ärzten und Tageskliniken gute Ergebnisse erzielt wurden. Der Zufall spielt aber weiter in großer Breite eine Rolle, ob jemand gesund wird. Wir helfen nur denen, die am richtigen Ort landen und die gut auf eine Behandlung ansprechen. Wenn eine theoretische Qualität, was eigentlich die Gesundheit uns Menschen bedeutet, klarer formuliert würde, wäre allen geholfen.

🙂