Aus unserem Küchenfenster: Rosa ist der Rauch nur an wenigen Tagen im Jahr. Das passiert im Winter, die Sonne muss morgens eine bestimmte Position rechts vom Hochhaus haben. Ein wenig später steht sie zu hoch, scheint zu hell, und der Rauch aus dem Schornstein leuchtet beinahe weiß.

Viele Menschen haben eine Lieblingsfarbe. Aber noch nie habe ich einen getroffen, der meint das „g“ (innerhalb der Notenlinien) sei ihm der schönste Ton, allemal besser, als das schnöde „f“ eben drunter. Einige streiten sich gern: „Das ist orange, nicht rosa“, sie kennen sich aus? Meine Mutter verwendete den Ausdruck „petrol“ für ein dunkles Türkis. Damit können manche nichts anfangen, und sie diskutieren gern, ob etwas grün oder blau sei, wenn der Farbton dazwischen liegt. Dasselbe machen sie bei violett. Sie können nicht sagen, es sei gerade ein rötliches Blau. Verbalisten wissen eventuell nicht, wie man ein Blau mit ein wenig rot, das man hineinmischt, zum Lila machen kann? Damit ich einen Ton anpassen kann, muss ich ein Gefühl dafür bekommen, wie viel gelb einem Rot noch fehlt, und dann kann ich sagen: „Das ist ein rotes Gelb oder es ist ein grünes“, so steht es auch auf der Tube. „Titangelb grünlich“ oder „Phthalogrün gelblich“ im Unterschied zu „Phthalogrün bläulich“, und das ist nicht wie beim Autohändler (oder dem Sofa) in „Rio Verde“.

Auf dem Auto, am Vorhang, der Kleidung und im Bild haben die Farbtöne eine Funktion und lösen Gefühle aus. Farbe ist emotional, streitbar. Im Künstlerbedarf ist sie ein Material und so bezeichnet. Weshalb wir Maler „Elfenbeinschwarz“ im Laden vorfinden, wo die Stoßzähne der Elefanten doch weiß sind, das verwundert? Der Farbname „Elfenbeinschwarz“ bezeichnet ein schwarzes Pigment, das ursprünglich aus unter Luftabschluss geglühtem Elfenbein gewonnen wurde. (Wikipedia).

# Einige wollen immer das Gegenteil sagen

Sie täuschen Selbstbewusstsein vor durch’s grundsätzliche Widersprechen. Reizvoll, wenn es gelingt, so eine penetrante Diskutante zu manipulieren, dass die Person schließlich für das Gegenteil plädiert, das ihr anfangs wichtig war. Es gibt immer ein paar Gründe für die eine wie die andere Position. Man kann für besseren Schutz der Mieter eintreten und die typischerweise gewinnorientierten Vermieter anprangern oder darauf hinweisen, dass es Mieter gibt, die kein Hauswirt leiden kann mit den entsprechenden Details, und die Position des Vermieters stärken. Argumente lassen sich für viele Ansichten finden. Eine eigene Meinung zu haben, ist mehr, als aus dem Vorrat gängiger Thesen aufzutischen. Die Meinung zu etwas wechseln zu können, und nicht Ansichten wie Unterhosen aus dem Schrank zu nehmen, macht einen starken Charakter aus.

# Deswegen bedeutet eigene Gedanken denken zu können Freiheit

Es ist die Freiheit von den Fesseln der Angst, nicht viel mehr, als eine individuelle Angewohnheit loszuwerden. Am Schlimmsten dran ist der Mensch, der nicht einmal weiß, dass er sich grad fürchtet, in unangenehmen Situationen grundsätzlich streitet oder einfach flüchtet.

Es passiert: Wie ein Geschenk kann der zwanghafte Schub, eine deftige Aktion aggressiven Verhaltens, die uns wie unabänderlich geschieht, deutlich machen, wie sehr wir gekränkt wurden. Wer nicht wählt, obwohl Alternativen zur Verfügung standen, kann sich dessen im Nachhinein bewusst werden. Typischerweise angepasst wäre es gewesen, wenn wir wie sonst alles hingenommen hätten? Aber wie fremdmotiviert starten wir einen „Befreiungsschlag“.

Danach wird ein Mensch sich erst bewusst, wozu er in der Lage ist.

Als ich zu malen begann, fand ich leicht ein Thema. Rosa leuchtet der Rauch, wie schön. Ganz sicher gäbe es die genialsten Bilder mit diesem Motiv, aber ich fand es genug, den Blick von dort zu malen, wo ich’s gerade gesehen habe. Ich war auf der Suche und wusste es nicht. Hätte ich besser gezielt gearbeitet, von Beginn an ein Stilmittel perfektioniert? Sonnenuntergänge gehen immer. Einige malen die Brandung immer wieder. Ich habe von einem Bild zum nächsten gemalt, bis ich wusste, was mir fehlt. Ein längerer Weg, nicht nur in der Malerei. Seitdem fühle ich mich frei zu wählen, was ich male. Wie lange das dauert, bis ein Bild fertig ist, und ob es anderen gefällt, interessiert mich heute überhaupt nicht mehr. Und zwar, weil es immer so wichtig gewesen ist und mich Zurückweisung oder ausgebliebene Anerkennung geschmerzt hat.

Niemand ist davon frei, gern gelobt zu werden. Wenn dies ein übermächtiges Problem darstellt, sich stets in den Vordergrund drängt, und bei mir ist das der Fall, ist es wohl am Besten, entsprechende Situationen zu provozieren, in denen man trotz aller Mühe leer ausgeht. Es bedeutet, sich einen Spiegel vorzuhalten mit Ansage. Das heißt, viel zu leisten aber das Ergebnis so zu gestalten, dass die Anerkennung ausbleiben muss.

Ich möchte keine Beziehungen, keine sozialen Bindungen! Keine Freunde, keine Liebe erleben und keine Träume haben, die sich erfüllen mögen. Die bekannten Worthülsen haben mich enttäuscht. Ein derber Spott liegt mir auf der Zunge bei so vielem, was immer wieder gesagt wird: Wir sind so gut. Wir trennen Müll. Wir sind „Me-too und Black Lives Matter“. Wir müssen Vegan sein und setzen einen Helm auf beim Fahrradfahren, weil es sicherer ist und sich „richtig“ anfühlt? Wir gendern. Wir cremen die Haut. Wir kaufen „Bio“ und fahren elektrisch, sind smart. Wir sind auf „Insta“ oder sonst wo sozial „unterwegs“ im Netz. Der Mensch übertrumpft sich im Teilen, spendet Knochenmark und noch im Tode seine Organe, kämpft gegen den Krebs, als wäre das kein individuelles Teil seiner selbst, sondern die Geißel für Jedermann. Informiert aus dem Baukasten. Das Leben: Die Challenge. Corona, Jerusalema. Wir stehen zusammen! Halten Abstand. Nur gemeinsam kommen wir da durch. Und der Präsident stellt eine Kerze in das Fenster. Endlich aus der Kirche austreten und: Los geht’s Peloton!

# Wir sind soo modern

Nichts für mich. Ich möchte nicht moralisch richtig leben, ich möchte mich ausleben und entwickeln, nicht einen Menschen geben, der in seiner Rolle gemocht wird.

Niemand ist frei davon, in Beziehungen zu leben.

Aber ich möchte frei sein innerhalb der Bindungen. Das macht es nicht leicht, nicht für mich, meine Angehörigen, die Freunde, aber es hält mich fit – und möglicherweise ist es nun einfacher, freundlich zu sein.

🙂