Weltbester von irgendetwas zu sein, ist nicht nötig. Weiter zu lernen, herauszufinden, was wichtig ist und vor allem dort zu suchen, wo es lohnt, schon. Im Jahr 2016 schien meine kleine Welt doch ganz in Ordnung zu sein. Das würde nicht so bleiben, so viel war uns schon klar. Nach seinem Schlaganfall war mein alter Vater Erich auf Hilfe angewiesen und wurde zu Hause von meiner Mutter gepflegt. Depressiv hoffte er auf gar nichts, sah keinerlei Zukunft für sich und lebte wie zur Strafe, nicht gehen zu können. Dass er dem traurigen Ende näher kam, konnten wir nicht ausblenden. Im Frühjahr wurde zudem eine ärztliche Untersuchung meiner Mutter notwendig; und scheinbar aus heiterem Himmel endete jede vertraute Vorstellung gemeinsamer Zukunft. Mit der feststehenden Diagnose ihres baldigen Todes konfrontiert, strukturierten wir die verbleibende Zeit, in der noch so viel geregelt werden musste. Es blieben wenige Monate dafür.

Kurze Pause: Im Sommer waren wir wie gewohnt für zwei Wochen auf Fehmarn, während meine Eltern zu Hause begannen, sich dem Unvermeidbaren zu stellen. Der Herbst bedeutete für alle eine nicht gekannte Extreme. Meine Mutter starb dann wie vorausgesagt noch innerhalb des Jahres im Dezember.

Auch in jenem Sommer, dem letzten mit Eltern, voll mit düsterer Vorahnung, zeichnete ich. Im Kaufhaus Stolz kaufte ich mir ein kleines Notizheft. Mit Bleistift machte ich meine Skizzen wie gewohnt. Einmal habe ich mir bei Rüders eine Pferdedecke geborgt, und dort am Boden sitzend, wo die Skulptur mit den Badenixen und ihren wehenden Handtüchern das Auge erfreut, die Leute gezeichnet.

Ich erinnere, eine Mutter mit Tochter kommt vorbei, meint: „Sieh mal, der Mann zeichnet auch.“ Schnell betont sie: „Aber nicht so schön wie du!“ Bekräftigend stellt sie’s nochmal fest. Ohne überhaupt stehenzubleiben, zieht sie ihre Tochter, die gern noch schauen möchte, mit der Hand weiter. Die Mama macht Tempo, ist die Wichtigste unbestritten.

Sie wiederholt es extra aufgesetzt: „Du malst viel schöner!“

„Nein“, widerspricht ihr das Mädchen ganz leise (und vermutlich ungehört).

Ich war schon als Kind herausragend im Zeichnen. Es tut weh, dummen Eltern zuzuhören. Ich war gut, wurde gelobt, aber ein Wunderkind bin ich nicht gewesen. Ich muss daran denken, weil ich durch Zufall auf „Cole Trumpet“ gestoßen bin, sie ist eines.

Wie soll ich’s erklären? Ich male einfach. Ich kann das, es beschäftigt mich. Ich bin kein Sammler von Kunst, ich stelle meine nicht aus. Ich fülle meine Wände mit Bildern. Wenn ich sparsam lebe, reicht was ich habe, wenn nicht, nehme ich einen Job an oder gehe betteln, verblöde freiwillig gern. Ich habe fertig. Ich suche nichts nur so. Seit dem Erlebten in den vergangenen Jahren (mit der Politik hier im Dorf), dem brutalen Ende, und damit meine ich nicht das Sterben meiner Eltern: nie wieder Kunst. Interessiert mich nicht. Kaum einmal begeistere ich mich für die kreativen Kollegen, folge nicht, häufe nichts an von anderen und bin nicht informiert; aber ich höre Musik. Was ich suchte, habe ich gefunden. Ich warte darauf, was eventuell kommt, rechne mit Ärger, Schmerzen. Ich hoffe auf gar nichts und suche nie blind, wo ich gerade bin und weil es möglicherweise leicht ist.

Ich empfinde mich als grundsätzlich frei.

Musik unterhält mich bloß. Youtube bietet Galerien nach dem Motto „könnte interessieren“ an.

Trompete.

Ich beschreibe. Es hilft mir zu denken, kann anderen nützen. Niccole Ramos ist mit elf Jahren beeindruckend, auch Alba Armengou kann spielen, etwa siebzehn, singt wunderbar. Cole in Venezuela, Alba in Spanien, Katalonien – Barcelona, und natürlich nicht allein, musizieren diese faszinierenden Trompeterinnen mit anderen jungen Menschen in verschiedenen Formationen. Skandinavien, Schweden: Idun, etwa siebzehn, an der Seite ihrer Mutter Gunhild Carling, eher kein Wunderkind der Posaune, aber bereits eine feste Größe im Dixieland, auch das gibt es. Joan Chamorro in Barcelona ist unermüdlich im Zusammenstellen hochklassigen Jugendorchester: Alba, Elsa Armengou und Andrea Motis sind Stars.

Zumindest online.

Alte Videos zeigen, wie Hans Cooling Carling seine Kinder zum Jazz brachte, wir sehen Gunhild und ihre Geschwister als Kinder (in den Achtzigern) mit dem Papa auf der Bühne. Kein Wunder, dass Idun singt, Posaune spielt. Auf Videos (von vor wenigen Jahren) wird klar, dass ihr Talent anfangs kein Feuerwerk der Jazzimprovisation gewesen ist.

Cole Trumpet Prodigy ist eine Rakete.

Das Wunderkind. Videos mit Cole, die einen eigenen Kanal hat, machen Spaß. Sie ist unglaublich, und sie genießt zu spielen. Man muss sich kaum Sorgen machen, weil sie so jung ist. Sie ist wirklich selbstbewusst, strahlt ihre Zuhörer an. Sie ist stolz, aber fröhlich wie ein Kind, im besten Sinne. Beruhigend. Wer hat einen Nutzen davon, wenn ein Kind besonders ist?

# Und was ist das überhaupt, ein Talent?

Mir sind Textstellen verschiedener Autoren in den Sinn gekommen, etwas zu beschreiben, das mit einem Begriff wie Talent kaum genügend definiert ist, gerade die Umrisse erkennbar macht vom Problem. Es ist nämlich eines. Das normale Kind wird beschrieben mit „kleine Kinder, kleine Probleme, große Kinder große“, und wer sich so austauscht findet andere, die ähnliche Geschichten parat haben.

Aber mit einem Wunderkind fallen auch die Eltern aus dem Rahmen.

Ein Kind kommt auf die Welt, hat Bedürfnisse, Hunger, schreit. Es lernt sich zurechtzufinden. Je nach Umgebung, in der ein Organismus startet zu leben, muss das kleine System lernen, Anforderungen an Sicherheit, Fortbestand der Existenz und Schwierigkeiten seiner Funktion im Detail zu befriedigen. Der Erwachsene hat Methoden gefunden, sein Verhalten zu rechtfertigen. Wir müssen nicht nur wegen unserer Motive agieren, werden bewertet, stehen unter dem Druck von Kritik. Verantwortung ist eine intellektuelle Rahmung unseres Seins und ergänzt die Tat. Die Handlung wird im Dialog mit anderen hinsichtlich ihrer logischen Qualität bewertet. Ein Mensch muss lernen, in dieser Welt seinen Platz zu finden. Was geschieht im Gehirn, mit dem ganzen Menschen?

Das Ergebnis nennen wir Verstand.

Die Bewertung der Umgebung ist dahingehend falsch, dass andere nie objektiv sind. Kritiker bleiben subjektive Bewerter, nehmen die ihnen fremden Motive nur ausschnitthaft wahr; einen Anderen kennen, hieße sich selbst kennen. So genau will man’s in der Regel nicht wissen. Umgekehrt sind manche gezwungen, sich selbst genau kennenzulernen. Zum einen wegen der Faszination, eine persönliche Lust wie etwa zu zeichnen immer besser zu erlernen, und das heißt sich selbst und die Welt kennenlernen wollen. Zum anderen, um Probleme in den Griff zu bekommen, weil es nicht geht, zu leben wie die anderen und glücklich zu sein. Es soll einander nicht ausschließen.

Das Ergebnis nennen wir angekommen sein.

Wenn es schwierig wird, womit auch immer klarzukommen, gibt es Menschen, die souverän wirken möchten. Jemand gibt sich selbstbewusst: „Damit habe ich kein Problem.“ Konfrontiert mit einer unerquicklichen Situation wird Gelassenheit vorgetäuscht. Der verstorbene Philosoph und großartige Denker Karl Popper sah das anders? Sein Buchtitel lässt ahnen, dass einige nur Ausflüchte zum Besten geben. „Alles Leben ist Problemlösen“ – müssen wir vermuten, dass diejenigen, die kein Problem haben, schon gestorben sind? Typen, die meinen, so zu tun als ob, werden selbst zum Problem. Ich empfinde den Alltag als kompliziert. Meine emotionale Freiheit muss ich immer neu erkämpfen. Das lernte ich so spät. Es zu können, ist meine Kunst heute. Sie schafft mir die Luft zu atmen. Dem Gebot „Du sollst nicht fluchen“ trotze ich mit „Du kannst nicht fluchen“. Das lässt mir die Wahl, schlechte Tage zu ertragen. Morgen, da kann ich es vielleicht.

Die Welt ist voller Widersprüche, dass die grünen Parteien die Umwelt nicht retten, ist einer. Wunderkind Greta Thunberg rastet aus deswegen. Sie wird immer angelogen wie wir alle, aber sie stört sich daran.

Das macht den Unterschied.

Popper stellt die Theorie richtig, er räumt auf mit dem falschen Denken, wir sähen etwas und reagierten darauf. Der kluge Autor macht deutlich, dass der Normale den Wald vor lauter Bäumen gar nicht bemerkt. „Oh wie schön die Tanne“, sagt der Spaziergänger, aber der Förster sieht etwas anderes.

# Dass die Wissenschaften, wie schon die griechischen Philosophen sahen, vom Problem, von der Verwunderung über etwas ausgehen, das an sich etwas Alltägliches sein kann, aber für den wissenschaftlichen Denker eben zur Verwunderung, zum Problem wird, das habe ich schon am Anfang angedeutet. Meine These ist, dass jede wissenschaftliche Entwicklung nur so zu verstehen ist, dass ihr Ausgangspunkt ein Problem ist oder eine Problemsituation, das heißt, das Auftauchen eines Problems in einer bestimmten Situation unseres Gesamtwissens.

Dieser Punkt ist von größter Bedeutung. Die ältere Wissenschaftstheorie lehrte – und sie lehrt es noch immer –, dass der Ausgangspunkt der Wissenschaft unsere Sinneswahrnehmung oder die sinnliche Beobachtung ist. Das klingt zunächst durchaus vernünftig und überzeugend, ist aber grundfalsch. Man kann das leicht durch die folgende These zeigen: ohne Problem keine Beobachtung. Wenn ich Sie auffordere: „Bitte, beobachten Sie!“, so sollten Sie mich, dem Sprachgebrauch gemäß, fragen: „Ja, aber was? Was soll ich beobachten?“ Mit anderen Worten, Sie bitten mich, Ihnen ein Problem anzugeben, das durch Ihre Beobachtung gelöst werden kann; und wenn ich Ihnen kein Problem angebe, sondern nur ein Objekt, so ist das zwar schon etwas besser, aber keinesfalls befriedigend. Wenn ich Ihnen zum Beispiel sage: „Bitte, beobachten Sie Ihre Uhr“, so werden Sie noch immer nicht wissen, was ich eigentlich beobachtet haben will. Wenn ich Ihnen aber ein ganz triviales Problem stelle, dann wird die Sache anders. Sie werden sich vielleicht für das Problem nicht interessieren, aber Sie werden wenigstens wissen, was Sie durch Ihre Wahrnehmung oder Beobachtung feststellen sollen. Als Beispiel könnten Sie das Problem nehmen, ob der Mond im Zunehmen oder Abnehmen ist; oder in welcher Stadt das Buch, das sie gegenwärtig lesen, gedruckt wurde. (Karl R. Popper, Alles Leben ist Problemlösen, Piper 1996).

Die von Popper korrigierte Einordnung unseres Vorgehens, die Welt zu erforschen, ist für das Begreifen der talentierten, besonderen wie auffälligen Kinder von Bedeutung. Hier wird die individuelle Person deutlich, die ansetzen wird, wo andere sich nicht motivieren, Interessantes zu bemerken. Eine gute Beschreibung findet sich bei Feldenkrais, der als Assistent des Physikers Joliot-Curie zugegen war, als dieser die künstliche Radioaktivität entdeckte. Wenn man googelt, erscheint zuoberst dies:

# Am 15. Januar 1934 legten Irène und Frederic Joliot-Curie der Schwedischen Akademie der Wissenschaften ein sensationelles Forschungsergebnis vor: Es war ihnen gelungen, künstliche Radioaktivität herzustellen. Dafür gab es postwendend den Nobelpreis, womit Irène in die Fußstapfen ihrer berühmten Mutter Marie Curie trat.

Der Assistent seinerzeit, M. Feldenkrais, schreibt detailliert, wie das auf den Weg gekommen ist.

# Ich habe das Glück gehabt, Zeuge eines Beispiels von Bewusstheit des Gehörten zu sein. In unserem Laboratorium in Paris war eine Waage, die einige Jahrzehnte lang gedient hatte, demontiert und eine neu entworfene Curie-Waage installiert worden, und ich war im Begriff nach Hause zu gehen. Frédéric Joliot-Curie bat mich, das neue Instrument noch anzuschaun, auf das er sehr stolz war. Zwischen seiner zentralen Aufhängung und seinem Gehäuse, das geerdet war, hatte das Instrument eine Spannung von fünfzehnhundert Volt. Es war schon spät und niemand mehr im Labor außer uns. Joliot sah sich noch einmal um, dann zog er seinen Mantel aus und begann das Instrument auszuprobieren. Er nahm einen Metallstreifen, der in der Nähe des Instruments liegen geblieben war, legte ihn in die Kammer und schaltete den Zähler ein, woraufhin aus dem Lautsprecher ein Hagel von knackenden Geräuschen kam. Joliot machte seinem Ärger darüber Luft, dass der Anschlag, den er aufgehängt hatte und auf dem wer immer als letzter das Labor verließ, gebeten wurde, das Instrument abzustellen, nicht beachtet oder jedenfalls die Bitte nicht befolgt worden war. Er zog den Mantel wieder an, wir waren schon im Weggehen, als er, die Hand nach dem Schalter ausgestreckt, erstarrte als hätte ihn der Blitz getroffen. Er zog den Mantel wieder aus; für alles andere blind und taub, stand er bei der Waage und horchte auf das Knacken. Immer noch horchend, wandte er sich um und sagte: „Hörst du, wie das Knacken immer schwächer wird? Hier ist kein radioaktives Material, das eine solche halbe Lebensdauer hat.“ Nachdem er den Apparat seiner eigenen Vorschrift gemäß abgeschaltet hatte, gingen wir nach Hause. Anderntags erfuhren wir, dass die induzierte Radioaktivität entdeckt worden war. Wäre er jener Geräusche nicht bewusst gewahr geworden, so hätten sie wahrscheinlich nur zu einem Rüffel geführt für den, der es unterlassen hatte, die Maschine abzustellen. Fast eine Woche lang vergewisserte sich Joliot, bevor er sich und dann die Welt überzeugen konnte, dass die künstliche oder induzierte Radioaktivität eine experimentell erhärtete Tatsache ist. Er ist dann mit dem Nobelpreis belohnt worden. Ich glaube, nur wenige Physiker verfügen über einen solchen Grad von Bewusstheit wie Joliot-Curie; mancher hätte wahrscheinlich nur gemeint, es sei an dem neuen Apparat etwas nicht in Ordnung.

Vorfälle wie dieser werden oft als „intuitiv“ wegerklärt. Meines Erachtens ist das eine Frage der Semantik. Intuition kommt vor auf einem Gebiet, von dem einer schon große Erfahrung hat und das für ihn von entscheidendem persönlichen Interesse ist. (Moshe Feldenkrais, Die Entdeckung des Selbstverständlichen, 1981).

# Als talentiert zu gelten, heißt nicht normal zu sein

Nicht normal sein und doch bei Verstand? Mit einer besonderen Bewusstheit wie Joliot gesegnet zu sein, einen Nobelpreis zu bekommen, weil man im Knacken einer elektronischen Waage mehr hört, als nur den Rhythmus einiger Geräusche, ist außergewöhnlich. Ein Musikinstrument zum Klingen bringen oder zeichnen zu können, sensibel die Umgebung wahrzunehmen, ist nicht normal. Der Besondere ist nicht normal, aber das bedeutet latent auch die Gefahr, deswegen psychisch labil zu sein, isoliert von den anderen ins Abseits zu geraten. Ein Grenzgänger ist derjenige, der seine spezielle Leidenschaft erkennt und sich auf den Weg macht, seine Hoffnung daran hängt, ein besonderes Leben meistern zu können.

Für ein talentiertes Kind stellt sich die Welt mit zwei Polen dar. Da fasziniert zu lernen als eine rasante Entwicklung, die deswegen befriedigt. Das Andere ist der Applaus durch die Umgebung. Das Leben des Wunderkindes ist also eine Medaille mit zwei Seiten. Vermutlich wird so ein Kind selbst zu einem Wesen mit zwei Innenwelten, wie jeder weiß, was es bedeutet gelobt zu werden und arbeiten zu müssen auf der anderen Seite, aber die Gefahr, emotional Probleme zu bekommen, ist bei extremen Lebenswegen eher gegeben.

Bei Siegfried Oelke finde ich einen guten Text zum Thema.

# Alle Menschen haben Empfindungen und Gefühle. Der künstlerische Mensch ist sicherlich ein besonders empfindsamer Mensch. Es kann sein, dass er einen so hohen Grad von Sensibilität hat, dass seine Verletzlichkeit den Druck, den das Leben für ihn verursacht, nur erträgt, wenn er eine Form findet, mit der er sich von dem Druck befreien kann. (…). Seine Empfindsamkeit wird bewirken, dass seine Augen immer und immer wieder wieder fasziniert sind von Dingen und Erscheinungen dieser Welt und eben so sehr davon, wie man sie darstellen könnte. (…). Die oft gestellte Frage: Kann man illustrieren lernen? Eine theoretische Frage hat bestenfalls Anspruch auf eine theoretische Antwort. Was kann die nützen? Die Lust dessen, der das lernen will, was bisher beschrieben ist, muss groß sein; sie muss so groß sein, dass sie die jeweiligen Schwächen (jeder hat irgendwelche Schwächen) überwinden hilft. Seitdem der Ausdruck „Motivation“ im Schwange ist, verleitet er zur Illusion, als ließe sich auch Lust lehren. Man kann nur infizieren. Wenn einer aber gegen diese Ansteckung immun ist, dann sollte er sich unbedingt woanders seine „Ansteckung“ holen. (Prof. Siegfried Oelke, Über Illustration, Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Gestaltung, März 1983).

Zum Begriff der Verletzlichkeit aus Sicht der Psychiatrie schreibt Bäuml:

# Was versteht man unter dem „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“? Die Theorie wurde 1973 erstmals formuliert. Ganz allgemein besagt sie, dass die Außenhaut der Seele, das sogenannte Nervenkostüm nicht bei allen Menschen gleich stabil ist, dass es wohl einige Menschen gibt, die eine besonders dünne Außenhaut haben. (Josef Bäuml, Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis, Springer-Verlag 1994).

Der Volksmund spricht vom zweigeteilten Menschen im Zusammenhang mit dem Begriff Schizophrenie, aber das ist genauso nur ein Begriff wie viele andere theoretische Ideen und genügt kaum, die unterschiedlichen Verläufe psychischer Erkrankungen und zahlreichen Diagnosen seriös fassbar zu machen. Tatsächlich kennen wir alle den Wunsch nach Bestätigung. Zu unterscheiden ist, ob ich zwanzig Jahre bei einem Autobauer tätig bin und deswegen sagen wir „Opel“ ein Stück von mir ist oder ich mein Leben damit zubrachte zu musizieren, zu zeichnen oder anderweitig aus mir selbst einen Künstler formte, der scheinbar untrennbar mit dem Werk verschmilzt.

Wenn ein Mensch Kritik erfährt, muss er es intellektuell hinbekommen, Geschaffenes und Person zu trennen. Das „Ich“ sei eine Leistung, heißt es. Genau das steht hier zur Debatte. Kann ein Kreativer auseinanderhalten, was mit ihm passiert, er fühlt? Bleibt der Schaffende, wenn etwas nicht gelingt, seine Tätigkeit misslang oder ein von ihm gemachtes Produkt fehlerhaft wurde, emotional unversehrt? Darin steckt der Spruch, die Kunst käme vom Können genauso wie in gekonnter Arbeit aus handwerklicher Sicht. Jemand schrieb, Kunst käme vom nicht mehr anders können. Das drückt den Zwang aus, der damit verbunden ist. Zum einen die Faszination in der Sache, eine angenehme Erfahrung, bestimmte Dinge zu bemerken in der Art wie Popper es beschreibt: Forschung. Auf der anderen Seite Reflexion, zusammen unsere individuelle Existenz.

An anderer Stelle wird bereits erwähnt, dass ich als Kind einige Wochen in Marktschellenberg in Verschickung war. Schon dieser 1976 übliche Begriff lässt ahnen, wie Kinder gesehen wurden. Man kann mit ihnen machen, was man will? Es sind Kinder, und wir Erwachsenen wissen, was gut für sie ist: Wie eine Sache verschickt. Es muss über Frühjahr und Sommer stattgefunden haben, kollidierte vermutlich mit dem Schuljahr. Ich kann mich nicht hinreichend erinnern.

Wann immer es möglich war, probierte ich mit meiner Zeichnerei anzugeben. Das war bereits im Kindergarten methodisch, die Leitungskräfte wohlwollend zu stimmen. Nach diesem Grundsatz ging ich jede Gruppensituation mit übergeordnetem Lehrer oder einer Aufsicht an. Das hatte bei meinen Eltern gewirkt, Aufmerksamkeit zu bekommen, im Kindergarten und in den jeweiligen Schulklassen. Das habe ich im Studium gemacht. Es funktionierte nicht mehr nach dem Studium in der freien Wirtschaft, denn mit meiner Zielvorgabe „Illustrator“ war ich selbstständig. Nun gab es keinen Kursleiter, der mit mir als bestem Schüler punkten konnte, und die Auftraggeber, meine Kunden, waren nicht daran interessiert, mich zu loben.

Ich erinnere, dass ich in Marktschellenberg nur eine einzige Zeichnung anfertigte. Das ist ein wenig seltsam. Vielleicht liegt es daran, dass meine Art mich beliebt machen zu wollen, von den Frauen, die uns betreuten, in keiner Weise gestützt wurde. Das mag dazu beigetragen haben, dass ich dort unglücklich war. Im Prinzip wäre es als therapeutischer Ansatz denkbar, aber ich glaube, dass ich das Konzept überbewerte, würde ich das so interpretieren, und dann hätte diese Pädagogik zudem versagt. Eine unangenehme Zeit.

Meine Eltern? Es hat nie an Geld gefehlt, aber etwas zu leisten wurde bei uns zu wichtig genommen. Ich war überfordert ein ums andere Mal. Die Verschickung ist im Nachhinein (gutgemeinte) Trickserei gewesen, mir den Anblick der Zerstörung meiner gewohnten Umgebung zu ersparen. Abriss des (geerbten) Altbaus für ein großes Geschäftshaus. Unter dem Vorwand, eine Art Kur würde mir zum Start auf der Realschule gut tun, waren wir beim Kinderarzt Dr. Hofeld vorstellig, er schlug es vor. Der kleine Doktor war bereits konsultiert worden, als mir die Tischplatte mit den Heften der Hausaufgaben im Blick unterm geneigten Kopf davon zu gleiten schien. Nach vorn und in einem Bogen hoch sauste sie scheinbar, dass mir schwindelte, ich Stunden brauchte, aber nicht fertig wurde. Meine Mutter schlug mich mit ihrem Rechenschieber – warum?

Sie wollte jede Sache forcieren und hatte doch selbst keine Zeit, die Arbeit zwang sie; noch im Sterben war sie der Auffassung, neu zu bauen wäre ohne Alternative notwendig gewesen. Sie beschrieb mir, während wir im Wohnzimmer sitzend auf ihren Tod warteten, die Beerdigung planten und weinten, wie es früher in der Bahnhofstraße gewesen war. Ich erinnerte mich, stimmte schließlich zu. Das ist mein Vermögen, von dem ich heute lebe. Wir haben es auf Kosten der Gesundheit erkämpft. Alternativlos zur Dankbarkeit verpflichtet. Ich wurde nicht besser darin, alles richtig zu machen. Ich habe mir Mühe gegeben.

Meine Mutter wollte mir ein Abitur möglich machen.

Sie war selbst nach der Elften abgegangen. Mir wurde, als zu früh eingeschultem Kind mit schwachen Noten in den Hauptfächern, die Realschule empfohlen. Ein Abitur? Ich könnte schaffen, fand meine Mutter, was ihr misslungen war. Eine Ahnenreihe: Der „einfache“ Volksschullehrer „Uropa Bur“ hatte den Vater meiner Mutter, Heinz, zum Oberstudienrat zwingen wollen – der war als Matrose in die Seefahrt abgebogen. Erst als Kapitän (auf großer Fahrt) rehabilitiert vom Vater. Ich bin auf dem Gymnasium, dem elitären „Rist“ in Wedel, krachend gescheitert. Nach nur einem Jahr, ging ich mit gleich drei fünfen ab. Ich musste schräg versetzt diese Klassenstufe ein zweites Mal machen.

Und zu dieser Zeit ist die Verschickung mit der Barmer gewesen.

Wir sind in Altona mit dem Schlafwagen abgefahren, das war mit das Aufregendste. Ich erinnere, wie ich morgens aus dem rasenden Zug den Kopf aus dem heruntergeschobenen Fenster halte, um als Erster die Alpen zu sehen.

Die Berge fand ich toll. Ich probierte mich bei der Leitung beliebt zu machen. Wir nannten die ältere Dame beim Vornamen: Charlotte. Tatsächlich war sie in Hamburg gewesen. Sogar Wedel kannte sie: die Schiffsbegrüßungsanlage; das gefiel mir, und sie mochte mich. Die Mädchen, die uns für gewöhnlich betreuten waren nicht empfänglich für so etwas. Sie erkannten in den normaleren Kindern das Potential, diese in Spiele und Aufgaben zu integrieren. Immer wieder fand ich Zeit, ganz allein auf einer Wiese unweit der Gebäude zu sitzen und mich mit dieser einzigen Zeichnung zu beschäftigen, die ich dort machte. Das war so in Zeichenblockgröße eine Bleistiftskizze. Leider unauffindbar heute, kann ich mich ganz genau an das Problem erinnern, das ich damit hatte.

Eines Tages zu Beginn startete ich mit dem Bild. Das fand auch wie erwartet großes Interesse. Manche schauten gern, wie sich die Szene entwickelte. Obgleich ich immer schnell gezeichnet habe, ging es dieses Mal weniger gut voran, und es mag Regen aufgezogen sein – wir mussten zum Essen ins Haus, jedenfalls wurde ich nicht gleich fertig am Tag, als ich diese Skizze begann. Einige Male später habe ich diesen Zeichenblock wieder mit raus auf den Rasen genommen. Im April 1976 bin ich elf Jahre alt gewesen. In diesem Alter hatte sich meine Kreativität schon eindeutig als individuelle Ausdrucksform manifestiert. Im Unterschied zur Flexibilität als auch der Beliebigkeit der anderen, die sich gern mitnehmen ließen, eingeteilt in Gruppen, von Betreuern motiviert, ein Programm nach Plan zu bespielen, folgte ich meiner eigenen Idee. Ich wollte mein Bild vollenden. Das wurde auch einigermaßen gelungen fertig, das erinnere ich genau. Es gab hier ein ganz vertracktes Problem mit der Perspektive. Deswegen, und weil es eine ganz andere Umgebung für mich war, hat die Sache so lang gedauert? Das weiß ich nicht mehr. Es ist untypisch gewesen, dass ich nicht mehr machte oder wir angeleitet wurden gemeinsam zu malen, wie sonst in der Schule.

Ohne noch lang auf diese Verschickung einzugehen, möchte ich an dieser Stelle das Perspektivische der Situation anschaulich machen. Die Wiese vor dem Gebäude, das als ein Teil eines Komplexes typischer Häuser dieser Region, die Schlafräume, den Saal, in dem wir aßen und anderer Räume der Einrichtung zu denken ist, war abschüssig. Ich schaute also ein wenig aufwärts, und das Haus stand breit im Bereich der Kuppe darauf, ein Berg im Hintergrund mag noch aufgeragt haben. Es gab auch eine Stelle, von der man bis zum Watzmann schauen konnte. Soweit ich mich erinnere, war etwa links dieses Haus, in der Mitte die Richtung auf den Watzmann zu und rechts von allem war zunächst das Tal unter uns, darüber stand in großer Länge der Untersberg.

Die Dächer der Häuser dort sind anders als unsere in Schleswig-Holstein, weniger spitz, die Dachflächen sind nicht so steil, das mag mit dem Schnee zu tun haben, der darauf satt liegen bleibt. So war es möglich, das Gebäude in seiner Längsausdehnung auf diese Weise zu sehen, dass ich nicht aufs Dach und nicht unter den Überstand blickte. Also befand sich der Platz im Gras, von dem aus ich das sah und zeichnete, ungefähr in der Verlängerung einer gedachten Linie unterhalb des Hauses, die dem Winkel entspricht, den das Dach zur Senkrechten hat. Wer die flachen Winkel dieser Dächer kennt, kann sich leicht vorstellen, dass ich nicht allzu viel tiefer als das Gebäude saß und doch nicht nah davor; eine Untersicht, die zunächst wenig als solche bewusst wird.

Nun entstand das Problem dort, wo die Stirnseite des Hauses begann. In einer normalen Perspektive hätte das Dach hier einen sichtbaren Knick gehabt. Es knickte, wie ein jedes Rechteck an der Kante, um neunzig Grad ab. Von dieser Ecke aus verlief die kürzere Seite bis zur Spitze im Giebel. Dort bog es, wie jedes Dach, wiederum um neunzig Grad rechtwinklig nach links um. Hier war der First. Das wusste ich, aber ich hatte keine optische Bestätigung; wie sollten das die Leute begreifen, die später meine Zeichnung anschauen würden? Eine Kante, parallel zur Regenrinne und genauso lang wie unten. Ich sah sie nicht, das war das Problem.

Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke, aber von meiner Position aus konnte ich nichts davon sehen. Für mich gab es die untere Kante mit der langen Regenrinne. Dann rechts die Stelle, wo die kürzere Dachseite aufwärts zum Giebel verlief. Vom Platz aus, an dem ich zufällig saß, nahe der Schaukel wo die anderen spielten, konnte ich nur eine fortlaufende Gerade erkennen. Ich sah nichts vom Dach. Aber ich schaute nicht drunter; dann hätte ich einen Knick leicht abwärts sehen müssen, obwohl das Dach aufsteigt?

Ich war nicht in der Lage, das zu begreifen.

Machte ich einen Rundrücken, sackte ich tatsächlich mit den Augen in diese Position. Aber das Dach konnte, ja durfte doch nicht runter, nach unten gezeichnet werden! Das ging genau an dieser Ecke hoch, nach oben zum First. Ich glaube, dass viele spätberufene Erwachsene, die in einem Kurs das Zeichnen lernen, an solchen Problemen scheitern: Etwas geht baulich gesehen aufwärts, sie haben es technisch verinnerlicht, schauen quasi nicht mit den Augen darauf, sondern mit ihrem Wissen. Die besondere Perspektive macht daraus eine Linie, die relativ zur Waagerechten, nach unten hin abknickt; das darf nicht sein. Als Lehrer dieser bedauernswert untalentierten, aber hoffnungsfrohen Dussel, verzweifelt man als Künstler (wie jeder Berufsmusiker, der auch lieber ein schnell lernendes Wunderkind unterrichtet).

# Blockiert

Es schien immer wieder anders auszusehen, warum? Machte ich mich kerzengerade, richtete mich auf, wurde einige Zentimeter größer, genügte es nicht wirklich, um auf die Fläche der Schindeln zu schauen. Ich habe sogar probiert, es mit einer der Frauen zu diskutieren. Sie verstand mich nicht. Es war wie bei Popper, der in seinem Buch dazu auffordert: „Beobachten Sie!“ Die junge Erzieherin antwortete mir hilflos: „Ich verstehe nicht, was du meinst.“ Sie hatte nicht den Zugang wie ich zum Malen und Zeichnen. „Du schaffst das schon, das sieht doch schon toll aus, ich wünschte, ich könnte das“, so tröstete sie mich wohl. Möglicherweise stand diese Frau und konnte aus ihrer Sicht ganz gut auf das Dach schauen? Ein Haus auf dem Hügel sehen, ein Bild davon machen; das waren offenbar zweierlei Dinge, lernte ich damals im Kinderheim.

Ich habe es schließlich begriffen, zeichnete mein Bild dort irgendwann zu Ende. Das erinnere ich noch ganz genau. Sehr schade, dass ich dieses Blatt nicht wiederfinden kann.

Ich bin immer gut darin gewesen, Perspektive zu begreifen, war vielleicht kein Wunderkind und habe trotzdem einige Nachteile davon gehabt, bewundert zu werden. Das ist seltsam, man sollte meinen, wer tolle Sachen kann, dem ginge es gut deswegen, das ist aber nur teilweise richtig. Wie in der Forschung, der Wissenschaft befriedigt es sehr, etwas zu lernen. Sozial im Abseits bleiben dabei diejenigen, denen es nicht gelingt, mit dem Bewundertwerden die zu erreichen, von denen man es sich wünscht, dass sie einen mögen. Ich bin vermutlich nicht allein mit dieser Erfahrung. Malen kann einsam machen.

Musik ist viel mehr, die Kreativität tatsächlich mit anderen zu teilen, sie mit etwas Gelungenem im Inneren zu erreichen. Natürlich bewegt ästhetische Grafik tief, große Malerei ist zum Weinen schön; aber bei hässlichen Tönen gehe ich fort, bei Gekritzel stehe ich davon unberührt in der Vernissage und trinke gern Prosecco: „Wie mutig Sie das umsetzten“, sage ich lächelnd, „Sie sind ein Künstler.“

Das Instrument in der Musik musst du spielen können, das ist dasselbe in der Kunst auf einer Leinwand, beim Zeichnen auf Papier oder wenn man schreibt. Es scheint jedoch einfacher zu sein, Konsumenten mit ungekonnter Grafik zu blenden. „Musik wird als störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden“, Wilhelm Busch war Maler, Humorist – und kannte die Musiker. Die sind erst an zweiter Stelle mit dem Zuhörer konfrontiert, müssen zunächst selbst aufeinander hören. Sie befinden sich in zeitlicher Bindung durch den Rhythmus, sind durch die Tonart vereint. Ihre Harmonien gefallen nur, wenn ihr Spiel gekonnt gemeinsam intoniert wird. Wie im guten Sport, kontrolliert sich ihr kreatives Team darauf, ob die Sache läuft.

Während ein Maler mit breitem Ego sonst was behaupten kann oder noch dreister die Installationen einiger Kollegen für was weiß ich herhalten müssen, und es Menschen gibt, die bereit sind, das zu glauben, ertragen deine Bandmitglieder keine schiefen Töne, schmeißen dich aus dem Ensemble. Das unweigerliche Fremdschämen untereinander, während eines misslungenen Auftritts, zwingt die Musiker, ihre Kunst zu können. Die Spinner, die sich selbst und die Leute mit baladischem Gedödel betrügen, können niemals in derselben Breite auftreten, wie bei uns, die wir leise die Augen bedienen. Lärm stört wirklich, Schmierkram kann neu definiert werden. Die Bewertung wird gern wichtiger, als beim Essen, bei der Musik. Dort zählt die Realität, dass die Speisekarte zu vertilgen und einer Baumaschine zu lauschen nicht zum Sternemenü mit Violinenkonzert umdeklariert werden kann.

Der Mensch benötigt seine Hände, um die Ohren zu verschließen, das ist nicht zu übersehen. In eine andere Richtung zu schauen, die Augen zu verdrehen oder gähnend die Lieder zu senken, eine coole Sonnenbrille; es gibt viele Möglichkeiten, Kunst zu übersehen, die schlecht ist, und dabei so zu tun, als ob es was sei. Musik machen zu können, ist in der gegenseitigen Anforderung der Kollegen auf dem Bandstand ungleich härter für den, der’s probiert und zugleich ein fließendes Spiel. Künstler zeigen „Arbeiten“, wollen ernst genommen werden wie die Manager in der Wirtschaft und die Macker, die im Tiefbau eine Straße aufreißen? Sie konzentrieren sich. Verschrobene Tanten besuchen deine Vernissage und geschwollene Reden verwursten den Intellekt.

# Kunst!

Maler können verkrampft drauflos schrammen. Musiker müssen ihren Körper beherrschen. Wie Tänzer ist es ihnen nötig, gekonnt und fließend zu atmen. Ganz sicher ist es das auch in der bildenden Kunst. Aber hier fällt es leichter, sich und dem Betrachter blauen Dunst vorzumachen. Das bewundere ich an Joseph Beuys. Er hat die Leute wirklich vorführen können, auf einen Blick hinter die Fassade zurückgeworfen und tatsächlich zum Denken angeregt: Seine Kunst war neu. Eine echte Alternative zur gekonnten Abbildung in der Malerei und erfrischender als die Bildhauer anderswo. Das kann man nicht immer wiederholen wie einen alten Witz oder den bekannten Zaubertrick, dessen Geheimnis keines mehr ist.

Wie faszinierend es sein kann, Dinge zu begreifen, die man nur versteht, nachdem man bereits einige Kenntnisse in seiner Beschäftigung hat, und wie unbegreiflich verschieden die Kollegen dasselbe tun, macht eine Textstelle deutlich. Dizzy Gillespie spricht hier über Monk. Das sind Giganten des Jazz, das muss ich nicht erklären.

# Ich habe Monk schon 1937 oder 38 kennengelernt. Damals spielte er mit Cootie Williams im Savoy, und dann, 1939, bekam er den Gig im Minton’s. Ich habe eine Menge von Monk gelernt. Es ist sehr eigenartig mit ihm. Unser gegenseitiger Einfluss auf einander war musikalisch so stark, dass er gar nicht mehr weiß, was ich ihm gezeigt habe. Aber ich weiß noch einiges, was er mir gezeigt hat, zum Beispiel den Moll-Sext-Akkord mit einer Sexte im Bass. Das habe ich zuerst von ihm gehört. (…).

Ich sagte einmal zu Monk: „Zeig’ mir irgendetwas, das du von mir gelernt hast, und das du oft verwendest.“ (…). Dann zeigte ich ihm, was ich von ihm gelernt hatte, damals, diese eine besondere Sache, die mir neue Möglichkeiten eröffnet hatte. Aber ihm fiel nichts ein, was er von mir gelernt hatte. Dabei weiß ich genau, dass es hunderte von Sachen gibt, denn wir waren oft zusammen und ich spielte auf dem Klavier herum und wenn ich etwas entdeckt hatte, zeigte ich es den anderen, auch ihm. Aber Monk ist ein Unikum, mehr als alle anderen aus unserer damaligen Clique. (Dizzy Gillespie, to Be, or not … to BOP, Minton’s Playhouse, Doubleday New York 1979).

Zum anderen Thema, der psychischen Gesundheit von Wunderkindern finde ich dies bei Chaplin.

# Während „The Kid“ geschnitten wurde, besuchte der siebenjährige Samuel Reschewsky, der Kinderschachweltmeister, das Atelier. Er sollte im Athletic Club seine Künste zeigen und eine Simultanpartie gegen zwanzig Erwachsene spielen, darunter Dr. Griffiths, den Schachmeister von Kalifornien. Er hatte ein dünnes, blasses, eindringliches kleines Gesicht und starrte die Menschen, denen er begegnete, aus großen Augen streitsüchtig an. (…).

„Können Sie Schach spielen?“ fragte er. Ich musste zugeben, dass ich es nicht konnte. „Ich zeige es Ihnen, kommen Sie doch heute Abend und sehen Sie mir zu. Ich werde gleichzeitig mit zwanzig Männern spielen“, sagte er prahlerisch. (…). Man muss nicht unbedingt Schachspieler sein, um das Drama dieses Abends wahrzunehmen: Zwanzig Männer mittleren Alters über ihrem Schachbrett brüten zu sehen, in Ratlosigkeit gestürzt von einem Siebenjährigen, der noch dazu jünger aussah als er war, und ihn zu beobachten, wie er an dem U-förmig angeordneten Tisch von einem Brett zum anderen ging, war allein schon dramatisch genug.

Die dreihundert oder mehr Zuschauer, die schweigend auf den Bankreihen an den Längswänden der Halle saßen und ein Kind beobachteten, das seine Geisteskraft mit der erfahrener Männer maß, wirkten surrealistisch. Einige von ihnen schauten herablassend lächelnd zu. Der Junge war verblüffend, doch beunruhigte er mich, denn als ich das konzentrierte kleine Gesicht betrachtete, einmal stark gerötet und dann wieder kreidebleich, wusste ich, dass der Junge mit seiner Gesundheit bezahlte.

„Hier!“ pflegte einer der Spieler zu rufen, und das Kind ging hin, betrachtete das Brett einige Sekunden lang, machte dann einen Zug oder rief „Matt!“ Dann lachten die Zuschauer gedämpft. Ich sah, wie er schnell hintereinander acht Spieler matt setzte, was Gelächter und Applaus hervorrief. (Charles Chaplin, Die Geschichte meines Lebens, Fischer 1977).

Chaplin ist selbst ein Wunder der Kreativität und zugleich kommerziell unglaublich erfolgreich gewesen. Ein sicherer Beobachter und einer der großartigsten Künstler überhaupt. Dazu kommt, dass er in der McCarthy-Ära in unglaublicher Weise erfahren hat, angefeindet zu werden. Psychiater wie der oben zitierte Josef Bäuml zeigen sich von einer naiven wie gleichermaßen doofen, ja bösartigen Seite, wenn sie nivellieren wollen, wie fies Menschen anderen gegenüber sein können. Das als Ursache psychischer Erkrankungen in seiner traumatisierenden Weise ausblenden zu wollen zeigt zweierlei. Zum Einen ist der Arzt nicht der Freund des Patienten. Er ist der Fachmann. Als solcher ist er nicht ehrlich (wie ja auch ein Polizist beruflich bedingt nicht offen auf die Bürger zu geht, deren Freund und Helfer er vorgibt zu sein. Er ermittelt unter falscher Identität). Ein Freund wiederum kann dem psychisch Kranken kaum helfen, denn er wiederum ist kein Fachmann.

Das andere, was ich probiere zu sagen ist, der Psychiater möchte den Kranken nicht damit belasten, etwa die Schuld der Probleme bei den Eltern oder den Kollegen in der Firma zu suchen. Der gute Grund ist die latente Angst und damit die verborgene Aggression, die in jeder Form psychischer Krankheit unterschwellig darauf wartet, erkannt zu werden. Wenn mir mein Leben nicht gelingt, ist nichts naheliegender, als die böse Welt um mich herum dafür zu beschuldigen. Das kann und will kein Arzt forcieren. Lieber kreiert man eine Theorie der Verletzlichkeit, kann aber keine genetische Komponente dafür finden.

Keine einzunehmende Medizin wird je eine Lösung für die wortreich erfundene „Dünnhäutigkeit“ sein. Was ist eine Seele, ein Nervenkostüm? Mauern im Gehirn, wie sie vom Haldol und den eleganteren Nachfolgern erdacht wurden, die Rezeptoren zu schützen, sind so einfallsreich und primitiv wie die Grenze zwischen Nord- und Südkorea, die Mauer in Berlin, die Zonengrenze zwischen den deutschen Bundesländern nach dem Krieg. Die Chemie des Gehirns, die Funken der Nerven, die unsere Gliedmaßen mit den Muskeln steuern, sie sind in einem Geflecht aus Wahrnehmungen und Erfahrungen, wie in einer Situation zu reagieren sei, derartig kompliziert verwoben, dass „das Dopamin zu binden“, wie es mir ein Arzt schmackhaft als eine gute Idee zu erläutern probierte, allenfalls moderne Quacksalberei ist. Das kann im Notfall der Eskalation auf einer geschlossenen Station die Lage beruhigen. Eine Verbesserung des Lebens in schwierigen Zeiten ist gut. Aber deswegen anzunehmen, mit ein paar Pillen und Therapie wird das schon, ist vermessen und unfair gegenüber den Kranken und ihren Familien. Ungebildete Menschen stehen vor Problemen, und die bitter notwendigen Fachleute sind verschrobene Medizinmänner, kaum fachlicher als ein pink bekappter Pfarrer, der die Seele mit dem Räucheröfchen ausschaukelt.

Niemand staut seine Aggression auf, bis es knallt. Diese Begriffe verleiten dazu, sich körperhafte Dinge vorzustellen, wo in Wirklichkeit Abläufe des Verhaltens, Prozesse in Beziehungen geschehen. Da ist keine Mauer im Kopf, die das Böse zurückhält, ein Fach dafür oder ein Tank mit hundert Milligramm Aggression gespeichert, der schließlich zu klein wird, wenn der entscheidende letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Wenn es das gäbe, könnte man operieren! Wie die Mägen der Fettleibigen verkleinert werden, könnten wir umgekehrt moderne Zombies schaffen, die ihren Aggressionstank im Hirn ausgeweitet bekommen; entsprechend des künstlichen Darmausgangs, wird ein extra Beutel angetüddelt, weil sie als Gefährder eingestuft das Potential dafür haben.

Wenn es so einfach wäre.

Statt von Gefühlen wie Dunstwolken zu reden oder zu sagen etwas sei „Kopfsache“, und den Intellekt zu beschwören, wäre es ganz konkret möglich, den Körper effizient miteinzubeziehen. Ein handfester Trainer könnte Menschen helfen, ihre Gefühle besser wahrzunehmen. Ein verkastelter Doktor ist nichts weniger. Warum wird die Rolle des Psychiaters im Plot mit einem Spinner besetzt, der seine Pillen selbst schluckt? Ich glaube: Die Verantwortung für die Aktionen eines Patienten draußen im Alltag möchte kein Außenstehender übernehmen. Das wäre aber unweigerlich der Fall, dass psychisch kranke Menschen, denen wir zutrauten ihre Erfahrungen mit der Durchsetzungsfähigkeit nachzuholen, die dem Normalen mit den Jahren gewachsen ist, im Alltag ausrasten. Sie scheitern beim Versuch, sich zu nehmen, was andere scheinbar leicht bekommen. Darum versteckt sich der Arzt hinter Kittel und Medizin. Zu scheitern muss aber gespürt und ausgehalten werden, wenn wir etwas Besonderes erreichen wollen. Ein auf traurige Weise psychisch erkrankter Freund hatte dieses Ziel: „Ein Wahnsinnstyp von einem genialgeilen Saxophonisten“, wolle er werden, meinte er.

Andernfalls ein sauguter Tischler.

Angst manifestiert sich in der Muskulatur auf eine persönliche Weise in einem individuellen Muster, das doch bei allen ähnlich in der Verklemmung der Beugemuskulatur relativ zu den Streckern geschieht. Diese längst bekannten Veränderungen des Gangbildes und der Haltung, die im Groben sogar dem fachlichen Laien ins Auge springen, werden vom Dorfpsychiater um die Ecke keinesfalls effizient zum Bessren korrigiert, wenn ein neuer Patient die Praxis betritt: Weil der Arzt das nicht kann. Stattdessen unterstützt der Psychiater den erkennbaren Haltungsschaden des Gestörten, der mitnichten so vergnüglich herumspaziert wie sagen wir Barack Obama, noch, indem er eine Dosis seiner betäubenden Pharmazieprodukte verabreicht. Im entscheidenden Fall aber versagt diese Fessel, die den Armen lahmen lässt, dann aber doch, und das Fass mit dem Wahnsinnsbotenstoff läuft über, obwohl alle Rezeptoren ihre Pelzmäntel angezogen haben. Bildlich gesprochen: Im Blizzard benötigen wir einen guten Iglu, einen Bunker, um zu überleben. Solange wir das Wetter im Kopf nicht beherrschen, gibt es kein Gebäude, das für jede Lage das richtige ist. Eine Erhaltungsdosis des Medikaments, auf das der Arzt vertraut, kann mit ihrer statisch festgelegten Menge kaum flexibel das Gehirn schützen, das nicht im Reagenzglas liegt. Kein Mensch ist ohne seine Probleme und die wechselnden Umstände zu denken. Und die finden nun mal nicht im Sprechzimmer des Arztes statt, sondern im Alltag.

Die Kombination aus Therapie und Medikament ist angesichts der Vielzahl von Diagnosen bei unterschiedlichste Lebensläufen und Lebenssituationen ungefähr so fachlich, als wolle man mit einem vom Pferd gezogenen Karren den Mond erreichen. Wenn schon der Patient und seine arme Familie das nicht übersehen, so müsste der Arzt sich eingestehen, wie rudimentär seine Hilfeversuche sind.

Es sind nicht unbedingt die Wunderkinder, die pauschal gefährdet sind, denn einige dieser kleinen Genies schaffen es tatsächlich, die Sterne zu erreichen – auf dem Hals einer Gans fliegen sie, wie Nils Holgerson. Aber schon Ikarus stürzte ab, und insofern ist das Problem beim besonderen Menschen ausgeprägter. Dem, der zu viel will, droht die Ohrfeige des Allmächtigen.

# Der böse liebe Gott

Große Erwartungen, irrationale Hoffnung auf ein Wunder, ersetzen nicht die pragmatische Herangehensweise an die Realität.

Es gibt keinen Zeitverlust, wenn wir im Stau stehen. Das ist unser Leben, auch wenn wir warten. Da ist keine Seele wie der Kern im Obst, den wir aus der Frucht pulen und anfassen können. Unser Gehirn ist so ein Ding, aber es hat keine Staudämme, deren Deich uns gegen das Hochwasser überschwappender Gefühle zurückhalten könnte. Das ist keine Wortklauberei. Statische Denkbilder nützen wenig, im Fluss progressiven Handelns. Hart wie eine Mauer, können wir unsere Muskulatur anspannen. Daran wird weniger gedacht, wenn die bekannten Worthülsen bildhaft festhalten sollen, was eigentlich ein Film ist, der nie stoppt. Aber es ist möglich, Blockaden im Rumpf zu lösen, die Atmung fließender zu gestalten, den Unterleib zu lockern. Das wäre die körperlich spürbare Umsetzung, wie Gefühle fleischlich sind. Wut, die uns angespannt und hart werden lässt im Leib, wird eben nicht freigelassen, mit der Entspannung. Sie verfliegt, und wir kommen auf andere Gedanken. Ein das Dopamin im Gehirn bindendes Medikament verändert unsere Leitzentrale ähnlich den Menschen, die an Parkinson erkranken. Eine bedenkliche Versteifung. Gefühle werden, damit sie bloß nicht unkontrolliert überborden, wie in Beton gegossen.

Was ist Zeit ohne ein Ding, dass sich bewegt? Die Seele, das ist ein Begriff; und dem ziehe ich ein Kostüm drüber, woraus denn: aus Sternenstaub verwobene Seidenfäden häkelten mir den feinen Stoff? Glaube, Liebe, Hoffnung – das sind zunächst Imaginationen. Wer stellt sich denn was vor, hofft, liebt usw. betet, bittet den Fachmann um Hilfe, ist das ein Mann, eine Frau, ein Kind, und was hat dieser Mensch schon erlebt? Es gibt ein individuelles Gehirn, und das könnte ich, wenn ich ein Chirurg wäre, als Organ operieren. Der Schneider, der ein Nervenkostüm nähen kann, um die Seele von Frau Meyer darin zu kleiden, müsste die Dame wirklich gut vermessen können. Das wäre der Anfang. Und nicht einmal das kann der Arzt.

Das dicke Fell: Im Gehirn ändern zu können, was sich dort im Verhalten vieler Jahre eingeprägt hat, scheint operativ oder medikamentös nicht wirklich erreichbar. Solange diese Vision von echter Heilung durch Reparatur nur finsterste Ideen der perfekten Gehirnwäsche hervorbringen, sollte der Psychiater sich zumindest selbst eingestehen, wie wenig er nachweisbar an einer verbesserten Lebenssituation seines Patienten ursächlich ist, wenn das denn gelingt.

Dass Menschen durch Überforderung oder traumatisierende Ereignisse übermäßig sensibel dafür werden können, was um sie herum los ist, und es auch gute Gründe dafür gibt, sagt der Psychiater nicht gern. Wenn es darum geht, ein psychisch auffälliges Kind besser zu integrieren, ist der Fachmann darauf angewiesen, dass alle zusammen arbeiten, Lehrer, Verwandte, die Eltern und er, der Arzt. So zusammen mit dem Kranken in einem gemeinsamen Boot unterwegs fährt man besser, als dem Kind zu sagen: „Deine Eltern sind blöd und schuld an deinem Problem.“ Das wäre kaum zielführend. Ein psychisch krankes, ein hyperaktives, ein hochintelligentes Kind und ein kreatives Wunderkind stellen für die Normalen ein Problem da. Das heißt aber nicht, dass normal zu sein gut und etwa bewundernswert ist (und leicht nachzuahmen wäre). Es ist vielmehr so, dass in den meisten Fällen die Normalen einfältig mitlaufen, nicht hinterfragen, beobachten und prüfen wollen, wie die oben zitierten besonderen Kinder.

Sport: Wir lernten zu segeln von unseren Eltern. Ein persönliches Beispiel. Mein Vater war recht gut im Regattasegeln. Sogar auf dem schwierigen Revier der Hamburger Alster konnte er gewinnen, besonders mit einem guten Mitsegler war er dort stark. Der Vater von meinem Freund Piet ist auf diesem Binnenrevier vergleichsweise unschlagbar berühmt und gut gesegelt. Interessanterweise ist es ihm auch möglich gewesen, Peter exakt in die unzähligen Besonderheiten der Alster bei den verschiedenen Windrichtungen und alle Kniffe, die er kannte, zu unterweisen. Ungefähr wie der oben zitierte Jazztrompeter Gillespie exakt sagen kann, was er wo im Akkord tut. Unterstützung (im Schachspiel des Segelns) auf dem vertrackten Binnenrevier? Meinen Vater erinnere ich, wie man etwa „Holzdamm“ erfolgreich anzukreuzen habe, als wenig konkret.

Es läge in der Familie, sagt man.

Die Ahnenreihe des Talents, etwas Besonderes zu können; sie kann auch ins Stocken geraten. Segeln, malen, Musik machen, das findet statt zwischen dem Spannungsbogen aus gewinnen und verlieren, bewundert zu werden und der Freude daran, etwas zu lernen. Manche tun es einfach, und andere wissen, wie sie es tun.

# Hoffen, suchen, ankommen!

Gerade habe ich die beiden Zeichnungen gefunden, die ich an der Este machte. Das war während eines Ausfluges mit der Schulklasse. Gerd Kröger zeichnete auch, und die anderen lagen im Gras vom Fluss und machten was andere immer machen. Mein Klassenlehrer hat mich fotografiert. Fast schon als ein Wunder empfinde ich, dass ich schließlich einen Einfall hatte, wo dieses Bild zu finden sei, wenn es überhaupt noch dort wäre, wo es möglicherweise sein könnte. Einmal mehr zeigt sich, dass es nichts bringt zu suchen, wenn man keine gute Idee davon hat, wo etwas ist. Das ist eine Binsenweisheit? Nicht jedem ist das klar. Natürlich lachen alle, wenn Paul Watzlawick (Die Anleitung zum Unglücklichsein, Piper) seinen Witz erzählt: Der Betrunkene, der seinen Schlüssel im Licht der Straßenlampe sucht, obwohl er ihn woanders verloren hat. Dort sei es aber zum Suchen zu finster.

Ha ha.

Die Leute behaupten immer, sie seien frei zu tun was ihnen gefällt, könnten erreichen, was sie nur wollten. Jeder Ratgeber sagt ihnen das. Viele plappern es nach. In der Realität zeigt sich’s anders. Da sind diejenigen, die kein Gefühl für den Rhythmus haben, Töne nicht treffen, sich schwer tun mit jeder Musik. Es gibt die, die zum x-ten Mal die Perspektive nicht verstehen. Beobachten Sie! ruft der neckische Philosoph – ja, aber was denn? fragen sie, während andere begreifen.

Natürlich ist es möglich, eine Fahrkarte nach Mailand zu kaufen und hinzufahren. Aber warum? Es braucht wohl einen Grund, etwas zu tun.

Ich fahre nur dann hin, wenn ich dort zu finden glaube, was ganz genau ich suche.

„Weil Hoffnung alles verändert“, steht an vielen Kirchen auf einem weißem Banner. Hoffnung, worauf denn? Das ist nur ein Wort. Ein Begriff wie Veränderung. Wer ändert etwas (was ist das genau), und wie viel gibt es her, worauf hofft derjenige, schließlich anzukommen?

Wer es so genau wissen will, ist nicht mehr normal!

🙂