Hallo G,

noch einmal vielen Dank für alles. Auslage beglichen, danke auch dafür. Heiligabend haben wir im Altersheim bei meinem Vater Knackwurst und Kartoffelsalat gegessen. Wir machten das Beste draus. Anschließend war ich mit meiner lieben Frau bei Mattern zur Andacht, um neun in der Stephanskirche. Diese Organistin! Du weißt schon: die gute aus dem Nachbardorf. Halstenbek oder Rellingen, keine Ahnung. Wie immer, kam sie erst in den letzten Minuten vor der Predigt.

Du kennst die Frau.

Das ist die mit der A-Klassifikation.

Auftritt. Fünf kleine Minuten vor Beginn, eine schlanke Diva mit langen Beinen. Zerzaust. Raus aus dem Auto! Im schief auf einer Schulter hängenden, nachlässig übergeworfenen Wintermantel, rast sie herein. Ihr pechschwarzes Haar weht flatternd wie eine Fahne im Crescendo. Sie macht große Schritte, stürmt aufgekratzt und bester Laune gerade noch pünktlich, mit einem Herrn im Schlepptau (wahrscheinlich Ehemann und Notenwender), als wäre der nur ein extra Köchelverzeichnis, mit den wichtigsten, schwer zu spielenden Passagen (wie unter den Arm geklemmt), in den bereits gut mit Besuchern gefüllten Kirchenraum … und sucht ihre Orgel:

„Wo ist die denn? Sie stand doch immer da vorne rechts.“

Ich kann es nicht lassen (denn ich finde sie einfach toll) und stehe auf, zwänge mich also (zum Unmut meiner Frau) aus der Mitte unserer Bankreihe an den anderen vorbei … und biete mich als Kenner der Stephanskirche an.

Wir gehen vergnügt alle drei die Treppe im Turm hoch. Ich zeige ihr mit reichlich wechselseitigem Erklären zwischen uns (der Mann sagt nichts, und Mattern schnauft vorbei, erleichtert, dass sie noch rechtzeitig kommt) den neuen Platz der Orgel auf der Empore – und verabschiede mich dann schnell wieder nach unten. (Sie hat beste Laune und wirft sich gleich an den Spieltisch). Kein Ton, sie probiert nicht. Gar nicht. Eine Orgel ist eine Orgel.

Stille.

Wir sitzen nun unten, und Mattern kommt.

Still erwarten wir den Heiligen Abend.

Man sieht, dass es gleich losgeht, alle sind gespannt. Ohne auch nur einen einzigen Ton des Übens oder Probierens beginnt das allerschönste und schwungvollste Orgelvorspiel. Fehlerfrei in gutem Tempo und mit Feeling geht eine Musik nach der anderen durch den Gottesdienst, und natürlich gibt es zum Ende hin wieder einen wunderbaren musikalischen Ausklang.

Virtuos.

Dass man weinen muss – so schön.

Was ich eigentlich sagen wollte: Bitte melde dich mal bei (…).

Guten Rutsch in das Neue Jahr!

John