Im Keller war ein Buch mit jüdischen Witzen. Das müsste von meinem Opa gewesen sein. Bei der Entrümpelung kam es vermutlich mit anderen Sachen in den Müll und ist inzwischen verloren gegangen. Ich erinnere dies: Ein Sohn klagt seinem Vater, nur mit Fräulein S. könne er glücklich werden. Der aber antwortet: „Glück, was hast du schon davon?“ Vielleicht irre ich mich, und es war keine Zote aus Großvaters Sammlung. Gut möglich, dass dieser Witz in einem Buch von Watzlawick zitiert wird und ich die Geschichte daher kenne. Manches erinnert man ungefähr.

Genauso eine Anekdote von einem Lehrer, der Schülern zu Aufgabe macht, Texte auf das Wesentliche zusammenzukürzen. Da kann es sein, dass ich das bei Böll gelesen habe oder wiederum mein Opa es selbst erlebte. Dann wäre es eine wahre Geschichte und steht nicht irgendwo im Roman. Der Lehrer gab ihnen Hitler-Reden, die mussten sie straffen, um das Kürzen von Texten zu lernen. Wenig blieb nach, wenn der Gröfaz schrie. Inhaltlich dürr ist möglicherweise auch „Mein Kampf“; deswegen fand ich unten gleich zwei Exemplare? Meine Eltern hatten ausgemusterte Bücher in verschiedenen Regalen untergebracht. Neben den beiden Hitlerbüchern stand die dicke Bibel von Oma Lina (in altdeutscher Schrift). Die wirkte womöglich ausgleichend auf den Nazischeiß. Alles wurde weggeworfen. Unser Haus ist verkauft. Keine Ahnung, wie diese Räume heute genutzt werden.

Der Witz macht Sinn. Nicht, weil hier angedeutet würde, den Juden ginge es ums Geld. Es geht auch nichtjüdischen Eltern darum, Einfluss auszuüben, wenn die Kinder erwachsen werden. Wir dürften selbstkritisch bemerken, dass die Wahl, jemanden zu lieben, nur scheinbar eine freie Entscheidung ist. Dazu kommt, dass erst etwas daraus wird, wenn beide einander lieben und das Ganze kein Luftschloss ist; die nicht erwiderte Anbetung. Manche haben es leicht. Einige Menschen werden stärker begehrt als andere und können wählen. Viele wählen nicht. Sie nehmen, was übrig bleibt und reden die Verbindung schön. Nicht wenige Menschen bleiben schon deswegen zusammen, weil ihnen klar ist, nach einer Trennung allein bleiben zu müssen. Sie haben keinerlei Vertrauen in ihre Ausstrahlung, glauben nicht daran, sich neu verlieben zu können oder noch einmal ein Gegenüber zu treffen, das sie attraktiv findet und umgekehrt die glückliche gemeinsame Zukunft bedeuten könnte. Diese Menschen haben wenig Auswahl, ihr Glück zu gestalten und stehen sich womöglich selbst im Weg, ohne davon zu wissen. Anderen die Attraktivität zu neiden oder der Gedanke, jetzt sei es zu spät für einen Neuanfang, könnte verbreitetes Grübeln sein.

Das Verlieben beginnt zur Schulzeit. Im Alter der Pubertät denkt man weniger in Ewigkeiten. Wenn sich Dreißigjährige verlieben, schon. Eine Ewigkeit heißt die Dauer des Zusammenseins mit Hochzeit, Kind und Haus zu füllen und zu wissen, dass es Großeltern geben wird, schließlich deren Ableben geschieht und wir selbst alte Leute werden. Glücklich zusammen bis zum Tod irgendwann. Und die ganze Zeit passieren diese Dinge wie Familie, Karriere, das Zusammenhalten in guten und schlechten Zeiten. Das ist ein typischer Wunsch des zivilisierten Zeitgenossen und seiner Liebsten, die symmetrisch empfinden möge.

Die Menschen lassen sich nicht beirren, an diesem Traum festzuhalten, obwohl derartige Dinge nur selten wahr werden. Viele gehen die Hochzeit im mittleren Alter beherzt mit einer großen Feier an. Recht junge Leute heiraten nicht so oft. Wir probieren das Leben erst einmal aus. Eine gute Sache, ganz bestimmt ein gesellschaftlicher Fortschritt. Grundsätzliche Probleme sind aber geblieben. Ich meine die Fehleinschätzung, worauf wir uns einlassen – nicht nur die Schwierigkeit, eine kleine Ewigkeit wie im Märchen hinzubekommen – sondern den falschen Partner zu lieben. Nach einiger Zeit werden ziemliche Macken deutlich, die so nicht absehbar gewesen sind. Das wurmt auch diejenigen, die oft genug verschmäht wurden, wenn diese Mädels, die sie damals abgewiesen haben, einen Idioten heiraten. Sieht man doch gleich. Liebe macht blind, na klar. Aber warum wurde ich nicht gesehen als der entwicklungsfähige, kreative Supermann, der ich heute bin? Ich schließe mich da mit ein: Klageruf eines verschmähten Künstlers. Das meine ich so ernst nicht und habe eine Antwort darauf. Es hat lang gedauert einzusehen, dass ich mich selbst, wäre ich eines dieser Mädchen gewesen, auch nicht genommen bzw. geliebt hätte. Selbstreflexion bleibt ein Lernfeld.

Es ist ganz einfach. Nur wer sich selbst mag, strahlt auch Attraktivität aus. Ich habe mich tagtäglich fertig gemacht. Das merken alle, nur man selbst spürt es gar nicht. Daran sind eindeutig die Eltern schuld. Unreife und dabei leistungsorientierte Menschen zerstören unwissentlich ihre Kinder. Dafür, dass Eltern so dämlich sind, können sie nichts. Ihre eigenen Eltern oder der Zweite Weltkrieg sind der Grund. Schuld ist eine Ahnenkette. Sich mit der Lösung, den anderen alles in die Schuhe zu schieben, herumzuschlagen ist gut; aber das korrekte Ergebnis, dass es so ist, hilft wenig. Das wird einem nicht gedankt. Ein aktuelles Beispiel? Gerade musste „dieser Zahnarzt“ ins Gefängnis. In einer beispiellosen Attacke hatte er die Ex und weitere Menschen getötet. Die wären schuld an seinen Problemen, argumentierte der Mann im Prozess. Der Zahnarzt aus Schleswig-Holstein stellte es jedenfalls so dar. Er war unzufrieden mit der Ehe gewesen und fremdgegangen. Die Ehefrau hatte es gemerkt und ihn verlassen. Da kam es zum Gewaltexzess, denn nun war der Gehörnte der Auffassung, einer Kränkung die entsprechende Bestrafung folgen lassen zu müssen. Schuld am neuen Problem wäre der neue Lover. So ähnlich erinnere ich einen Bericht. Ich habe das nur überflogen. Brutal und bescheuert (der Eindruck bleibt) war diese isolierte Borniertheit. Er geht fremd, die Frau verlässt ihn deswegen. Und damit ist sie selbst schuld, getötet zu werden; das wird niemand verstehen.

Warum ging der Mann fremd? Ganz offensichtlich wurde er nicht genügend geliebt oder nicht auf die Weise, die er erwartet hatte. Bis zu diesem Moment ist die Sache noch einigermaßen normal. In vielen Ehen gehen Partner irgendwann fremd. Natürlich hat ein psychiatrischer Gutachter feststellen müssen, inwieweit der Mann schuldfähig wäre. Dabei kam meines Wissens heraus, dass die Tat als überlegt eingestuft wurde. Er war mit Waffen ausgerüstet losgefahren. Seine Behauptung eines spontanen Geschehens vor Ort konnte der Täter nicht glaubwürdig darstellen, und insgesamt ging das Gericht von einer Wahnsinnstat aus, aber nicht von einem Kranken, der im Wahn agierte. Demzufolge verpasste man dem Doktor Lebenslänglich.

Das ist unter den Umständen die unumgängliche Antwort eines Staates, dessen Verantwortung bei einer so eindeutigen Gewalttat darin liegt, die Gesetze anzuwenden. Besser schafft es keine Gesellschaft der Welt, als mit Gefängnis oder sogar dem Tod zu strafen, wenn einzelne die Regeln massiv verletzen. Schon mit den zehn Geboten lernen wir bis heute die Grundregeln sozialer Gemeinschaft kennen. Ob nun Gott das schrieb oder Moses selbst die Zeilen eigenhändig in den Stein hämmerte, was macht das schon? Es ist Ostern; genauso Jesus. Ob der Allmächtige tatsächlich den Tod überwand oder Helfer ihn rechtzeitig abgeborgen haben vom Kreuz, ist für einen stabilen Glauben vollkommen unwichtig.

Aber es gibt Menschen, die glauben nicht oder können dem Gesetz nicht folgen, das alle kennen. Zehn einfache Fakten bis heute, nicht töten, ehebrechen, klauen; allein drei Gesetze fallen jedem sofort ein, und die machen wohl überall Sinn. Diese Idee, ob jemand krank wäre und deswegen eine Regel bricht, ist modern. Da schwingt gleich das Problem mit, warum überhaupt jemand Mist baut? Die Antwort ist scheinbar einfach. Wir fragen uns, ob eine Tat nützlich sein könnte, wenn sie nicht aufgeklärt würde, der Täter also zum eigenen Vorteil handelte? Die Gesellschaft nimmt eine Krankheit an, wenn das nicht der Fall ist, und so entstehen die Grenzfälle, wo ein Gutachter die Entscheidung erleichtert. Eine wirkliche Antwort ist es nicht, egal wie das Urteil ausfällt. Bei häufig vorbestraften Gelegenheitstätern scheint es so, dass diese ihr Leben nicht im Griff haben. Da darf man schon fragen, worin denn der Vorteil besteht, wenn diese Menschen so weitermachen und immer wieder in kleineren Delikten schuldig gesprochen werden, ob das nicht doch eine krankhafte Störung ihres normalen Funktionierens in einer gesunden Gesellschaft ist? Handelt es sich um kapitale Räuber, die buchstäblich auch bereit sind, über Leichen zu gehen, findet man es leichter, von Schuld zu sprechen. Ganz offensichtlich gibt es Kriminelle, die ihr Leben bewusst auf diese Weise gestalten können. Der Vorteil besteht für sie darin, die Regeln zu brechen und die Tat geschickt zu verbergen. Die Grenze zum erfolgreichen Geschäftsmann verwischt schon. Damit wird deutlich, wie schwierig ein Leben sein dürfte, das vollkommen redlich ist. Ein Mensch, der überhaupt keine Regel bricht und dennoch eine individuelle Persönlichkeit ist, dürfte recht selten sein.

Unser Augenmerk müsste also darauf liegen, warum Menschen bescheuert werden und gegen sich selbst handeln. Da könnten wir leicht bemerken, dass der Rahmen unserer Regeln viele fertig macht, die unreif sind. Kindern gewähren wir das Recht auf Unselbständigkeit. Das Problem ist bei denen, die quasi nicht erwachsen werden, obschon man keine Krankheit erkennt. Das sind viele. Einige von diesen Menschen erkranken später tatsächlich. Ihre unrealistische Einschätzung vom Drumherum bringt sie dazu, zu viel zu essen, zu viel zu leisten oder auf eine verstörende Weise psychisch zu kollabieren. Man muss nicht alles aufzählen. Aus dieser Not, das moderne Problem in den Griff zu bekommen, wurde die psychosomatische Sparte der Medizin definiert. Würden wir den Anteil der Attraktiven in der Pubertät erhöhen, bräuchten wir weniger Medizin und könnten unsere Gefängnisse kleiner halten. Wir probieren weiter, höhere Leistung und bessere Schulnoten bei mehr Kindern zu erzielen. Das ist der falsche Weg, solange dabei übersehen wird, wie viele Menschen naturgemäß nicht mithalten können und es immer Bessere geben wird. Attraktivität zu erhöhen, bedeutet nicht, die Leistung zu verbessern, sondern Menschen zu helfen, sich selbst anzunehmen. Einige werden immer höher springen, schneller laufen, besser rechnen oder geistreicher denken.

Bei uns in Deutschland und anderen Zivilgesellschaften voller Wohlstand, im Vergleich zu den armen Ländern des Planeten, ist das Problem nicht, allen Zugang zu angemessener Ausbildung zu gewähren wie es immer heißt, sondern Menschen heranzubilden, die überhaupt lernen können. Eine emotional gefestigte Basis ist die Voraussetzung einer guten Entwicklung. Wir haben zu viele Erwachsene, die glauben, dass alles, was ihnen zur Verfügung steht, aufgrund ihrer persönlichen Leistung in ihrem Einflussbereich liegt. Viele leben in der irrigen Annahme, sie hätten die Karriere selbst allein geschafft. Das stimmt schon deswegen nicht, weil sie zu einer bestimmten Zeit an einem individuellen Ort zur Welt gekommen sind. Die zahlenmäßig eher kleinere Gruppe von Menschen, die erst nach einer Flucht aus dem Heimatland sesshaft wurden, kann schon eher für sich in Anspruch nehmen, Dinge für sich getan zu haben als welche, die in einer guten Umgebung gestartet sind.

Man muss es nicht detailreich beschreiben, um diesem Gedanken eine Basis zu verleihen, dass wir immer Abhängige sind und bleiben werden. Wir können nur lernen, die Beziehungen zu wechseln, zu anderen, die besser zu uns passen. Wir tun nichts allein, sondern stets aus dem Umfeld heraus, in dem wir uns befinden und getragen von unserer eigenen Geschichte, die uns dorthin führte, wo wir heute agieren. Da verwundert es, dass viele aus einer gerade mal stabilen Höhe auf andere Menschen hinabsehen, sie wären eben ganz allein schuld am eigenen Problem und sich das auch noch zu Nutze machen, diese zu gängeln. Niemand tut sich einen Gefallen damit. Der Ärger kommt dann, wenn sich die Dinge anders entwickeln als gedacht und der vermeintliche Idiot sich wandelt wie das Chamäleon, fälschlich als farblos oder feige übersehen, schließlich doch obenauf brilliert oder geschickt unsichtbar wird in der Natur und uns verarscht. Genauso der hässliche Frosch, der als verzauberter Königssohn aus sich zu uns herausspringt. Daran sollte man immer denken, wenn es leicht scheint, eine lästige Kröte zu beseitigen, einen unnötigen Krieg zu beginnen. Chancen werden zerstört, von denen alle profitieren könnten. Ich gebe es zu, diese Kröte gewesen sein zu wollen und sehe auf den Staat als eine böse Macht, Mitglieder der Gesellschaft abzustempeln, statt diesen zu einer guten Entwicklung zu verhelfen.

Soziale Institutionen und Ordnungskräfte nutzen die intellektuellen Schubladen, die der Mensch sich als Struktur geschaffen hat, ohne aus diesen Kisten eine Treppe mit Geländer zu zimmern. So werden nicht wenige zu Gefangenen. Das sind die Denkweisen einer Gesellschaft insgesamt. Wer sich diese zu eigen macht, muss erst lernen, Mauern zu überwinden, die für andere mit langen Beinen der Weg nach oben sind. Für unsereinen bedeuten sie nicht abgesenkte Kantsteine, die unseren Rollstuhl stoppen. Die Beine wurden uns früh so nebenbei abgeschlagen. Ohne Gehhilfe im Gehirn kommt der Mensch, dem es schwer fällt, sich im Wohlstand zurechtzufinden, nicht weit. Das jemanden erklären wollen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. „Was hast du denn? Dir geht es doch gut“, wird unser Gegenüber sagen. Menschen sind Blinde. Sie sehen Beine voller Muskeln wie ihre eigenen, wo tatsächlich nur eine Hose mit Fantasie gefüllt wurde, damit zu gehen. Zeigen wir anderen, dass es nur ein Trick ist, verstehen welche, die einfach so herumspazieren, es nie. Einem Marsmenschen zu erklären, wie wir atmen und warum es nötig sei, dürfte ähnlich sein.

Darum bleiben (wir) Künstler immer allein, selbst in der Gesellschaft der anderen. Läuft es nicht so gut mit dem Erklären unserer Darstellungen, stoßen wir dermaßen an die Grenzen der Masse, dass wir von ihnen eine Zelle bekommen, deren Mauern unüberwindbar sind. „Red Bull verleiht Flügel“, ruft der Knacki im Film und startet in die Freiheit? Nähme ich die Flügel der Morgenröte und baute mir eine Wohnung am äußersten Meer! Einsam ist der freie Mensch, weil die anderen so borniert sind und sich den Käfig suchen und verstärken, wenn sie bereits darin sind, viele überreden mitzumachen und alles mit Brettern vernageln. So kommt es mir vor.

# Meine kleine Welt

Um im Bild zu bleiben: Für einen (erwachsenen) Künstler ist es nötig, einen Käfig dabeizuhaben, den die anderen nicht sehen können. „Wenn die anderen zuschauen, kann ich es nicht“, mag ein Kind sagen, das gerade ein Kunststück erlernt. Auf die Einleitung zum „West End Blues“ angesprochen, sagt Trompeter Norbert: „Im Keller zuhause geht es.“ Ich erinnere mich an frühere Zustände, die leider bis heute Teil meiner Gegenwart sind und mit dem Wort Störung nur unzureichend beschrieben sind; es ist, wenn mich Dinge ärgern. Gegenstände scheinen ein Eigenleben zu entwickeln an manchen Tagen oder stundenweise. „Das war nicht ich!“, sage ich dann wie ein Kind, und manchmal schreie ich das vor Wut. Die Kunst besteht darin, diese Zeiten irriger Realitätsumkehr zu akzeptieren, ihre Dauer aber zu beherrschen und normales Verhalten darauf folgen zu lassen und entspannt zu schaffen.

🙂