Mein Freund Martin schlägt gelegentlich vor: „Du kannst unsere Wohnung auf Mallorca nutzen, mache Zeichnungen, besser noch farbige Aquarelle, die kannst du gut verkaufen und die Gegend inspiriert.“ Fehmarn ist nicht Mallorca, das Buch ist klein und Farbe ist nicht, nicht einmal Fehmarn kann man hier wirklich erkennen.

Ich habe den Monte-Carlo-Circus im Fernsehen gesehen. Der weltbeste Jongleur, die meisten Bälle überhaupt gleichzeitig in der Luft. Bewegt die Arme rhythmisch fehlerfrei, wie eine Windmühle ihre Flügel, arbeitet zuverlässig wie die Betonmischmaschine auf der Baustelle um die Ecke – und hat auf einem Auge nur 10 Prozent Sehkraft, was von der Ansagerin ausführlich als seine extrabesondere Leistung (das auch noch) herausgestellt wird. Nie fällt dem was runter. Der Beste.

Während seiner Nummer habe ich mir kurz ein Bier aus der Küche geholt. Davon, dass ich ihn bewundere oder nicht, weil ich eventuell ignorant wegzappe, hat der nix. Wenn er aber täglich 8 Stunden übt, um nicht schlechter zu werden, wird er ohne große Zusatz-Akquise engagiert, wo auch immer. Seine Arbeit muss er für sich ganz alleine lieben, denn, wenn er auf das Publikum schielt – und da er nur „ein“ gutes Auge hat, wäre das für ihn noch recht einfach und in diesem Fall seine Macke ein Vorteil – verliert er die Kontrolle über sein Kunststück.

Er muss sich konzentrieren und darf sich nicht dem Applaus hingeben. Und dass es nach dem Auftritt ordentlich im jubelnden Publikum braust und rauscht, ist nur so Trinkgeld, wie es vielleicht ein Mädel auf dem Oktoberfest kriegt, die ordentlich Holz vor der Hütte trägt. Dass der Jongleur selbst ein schnuckeliges Mädel abbekommt, weil er so gut ist, darf wirklich bezweifelt werden. Dass sich deswegen mal eine Beziehung aufgrund Bewunderung anbahnt, ja – aber niemand liebt jemanden dauerhaft wegen seiner Kunst, sondern viel wahrscheinlicher wegen seines Naturells, dem ihm eigenen Charakter, seinem Humor (oder wegen dem steifen Penis, den der jederzeit aus der Hose zieht), den Muckis eventuell … oder einfach, weil „sie“ an seiner Seite mitbewundert wird. Wegen der zwanzig Bälle in der Luft, wird „Mann“ kaum wirklich geliebt. Der hat aus seinem Traum, der Beste sein zu können, etwas gemacht – und muss nun arbeiten wie jedermann.

Diesen Grundzusammenhang von eigenen Träumen, den sich zeigenden Talenten, wenn jemand jung ist und dem sich daraus ergebenden: „Das kannst du aber gut!“, zu begreifen, ist für den reifen Künstler ganz wichtig. Nur wenn du das mit dem bewundert, gelobt und geliebt werden trennen kannst von deinem Tun, bist du frei. Du kannst so viel oder so wenig von deinem Traum umsetzen, wie du als gesund und gut für dich empfindest und „den Applaus“ auch genießen.

Für viele deiner Mitmenschen ist deine Kunst weniger wichtig, als das was du dir davon gekauft hast. Ein dickes Auto, tolle Klamotten und so was. Und wenn wir „Kollegen“ einmal ehrlich sind, jeder geht doch mal Bier holen, wenn der weltbeste Artist turnt. Wenn du aber gerade auf einem Arm einen Handstand machst (in der Manege), musst du voll und ganz bei der Sache sein.

Wenn du also jung bist und die Eltern, die Tante und der Kunstlehrer dir mal was Nettes sagen, darf dich das später nie davon abbringen zu begreifen, wann man sich irgendwo selbst gut festhalten muss.

Beim Zeichnen z.B. wenn man nicht tastend herumstrichelt, sondern „additiv“ zeichnet, ein großes Gebäude „links oben“ beginnt, eine Aktzeichnung am Kopf oder ein geparktes Auto an einem Scheinwerfer, und man nicht wirklich radieren und nachkorrigieren möchte, muss man irgendwann auch „ankommen“.

Sonst „passt“ es nicht.

Mit diesem kleinen Skizzenbuch auf Fehmarn 2017 habe ich mich in die Richtung der beiden aktuellen Skizzenbücher 2018, die nur wenig größeres Format haben und die beide ganz und gar mit dokumentenechten nicht korrigierbaren Kugelschreiber gezeichnet wurden, quasi vorbereitet.

Ich wollte das schaffen: ein ganzes Buch in dem Sinne fehlerfrei, dass es mir selbst gefällt. Dafür muss es nicht Mallorca sein. Ich muss nur in dem Sinne „ankommen“, dass ich die jeweilige Skizze nicht versaue.

Schenefeld, im Oktober 2018