Könnte ich auch ganz anders malen, genauso gut normale Arbeit machen, im Büro oder so? Ich stelle mir die Frage, warum ich gerade so lebe, wie ich’s tue? Warum ich getan habe, was ich tat und solche Sachen. Dazu kommt, parallel zum Wunsch, es gut darzustellen, die bedrückende Frage, ob ich mein Leben verfehlte, grundsätzlich versagte und es besser wäre, ich könnte neu beginnen? Am Besten doch mit dem Wissen und der Erfahrung von heute! In der Summe dieser Überlegungen, in Anbetracht vieler Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbüchern und dem Unvermögen, daraus nenneswerte Anerkennung zu erlangen, steht die Hintergrundfrage nach dem freien Willen an sich.

Na ja, eines ist zum anderen gekommen. Erst habe ich studiert, Illustration – und bin als Infografiker so einigermaßen normal in das Berufsleben gestartet. Als ich meinen Hauptkunden verloren hatte, begann ich zu malen: attraktive maritime Landschaft, Seezeichen und Aquarelle, die sich ganz gut in Café und Kunstkreis-Umgebung anbieten ließen, und ich habe auch verkauft. Reichlich Publikum kam gern zur Vernissage.

Die Kunst unterliegt wirtschaftlichen Gesetzen von Produkt, Ort des Verkaufs und der zum Verkaufsgegenstand passenden Zielgruppe. Solange jemand nicht unangefochten an der Spitze der etablierten Künstler mitmischt, also ein Star ist welcher der breiten Gesellschaft und nicht nur einer bestimmten Kunst-Szene bekannt ist, wird unsereiner in einem speziellen Bereich tätig, der schaffbar ist. Wir sind unterwegs in Landschaft oder zeichnen Akt, malen abstrakt oder real, arbeiten in hauptsächlich einer Ausdrucksform: Druckgrafik, Aquarell oder Ölmalerei.

Wir machen moderne digitale Präsentation oder eben gerade nicht. Wir arbeiten stattdessen mit selbstangerührten Pigmenten, selbstgeschöpften Papieren als Malgrund auf diese oder (nicht: und) jene Weise. Künstler arbeiten in Serien. Der Wiedererkennungswert ist „Marke“ im Verkauf. Genau genommen ist’s oft nur Kunsthandwerk, das wir ausüben (wenn wir ehrlich sind). Die Kollegen illustrieren nur die Bedürfnisse bestimmter Gruppen. Künstler möchten frei sein, sind es oft nicht: Schauspieler in Serien träumten anfangs größer.

So wie ich nach dem Verlust meiner Hauptbeschäftigung als maritimer Info-Grafiker ähnlich hätte weiter machen können, nach entsprechender Akquise, in einem anderen Info-Bereich oder organisiert mit anderen, verabschiedete ich mich schnell wieder aus gefälliger Malerei für das Wohnzimmer. Ich machte mich als Person unmöglich. Ich entdeckte, dass meine reale Malweise alles Bild werden lassen konnte. War ich bislang darauf fixiert, gefallen zu wollen und redete anderen nach dem Mund, öffnete mir mein Talent nun den Weg in Sehnsucht und Gefühle. Hatte ich bislang weder sinnvoll eigennütziges Streben noch eigene Meinung, kam jetzt ein Ego hervor. Ich musste für die Gründe warum ich so und nicht anders arbeitete einstehen.

Ich begann eigene Ideen zu formulieren. Wenn ich weiter Teil eines Verlages geblieben wäre? Womöglich wäre ich brav den anderen gefolgt, die meinen etwas zu sein und vielleicht noch spät aus der gewohnten Bahn geworfen, zur Besinnung kommen, merken, wie eingebildet ihr Leben ist? Einbildung ist ein „dickes Fell“ – viele Menschen haben nicht Selbstbewusstsein, eher: „Gruppenbewusstsein“. Damit meine ich, dass ihr Ego nur funktioniert, solange sie im sozialen Verbund integriert weiter machen können. Ich frage nach mir selbst – die Mehrheit fragt unbestimmt nach dem Sinn vom Ganzen. Allen gleich ist der Wunsch nach Entschleunigung, Entspannung und Glück. Wer möchte nicht innehalten, ausruhen, genießen und wenn nicht glücklich, zufrieden sein?

Festzustellen, wie viel misslingt, und dass die anderen auch einiges vermasseln, zu spüren, wie mir andauernd etwas in die Quere kommt, hassen und fluchen, zu lernen, andere zu beschuldigen, das hat mich einige Jahre gekostet. Ich habe das gelernt: Glücklich im Frust! „Sozialfalle“ bedeutet: Wie in einer Endlosschleife kreisend gefangen sind wir, wie alle anderen um uns herum, die nicht den Weg ins eigene Denken finden. Unangenehme Emotionen zu vermeiden, weil man weniger stört, ist normal. Ein Obdachloser kann auch mit größter Unterstützung nicht kurzfristig Chef oder Präsident werden: Der nächste Schritt kann nur so weit wie die individuellen Möglichkeiten sein. Was wir selbst können, ist nicht auf der Stelle trippeln. Wir könnten vital voran gehen, wenn wir wüssten, dass wir’s können. Der Wettbewerb mit anderen mithalten zu wollen, vermiest die Zufriedenheit mit dem individuellen Weg. Fehlt es an Anerkennung? Davon möchte ich mehr! Sehnsucht ist hartnäckig. Dazu Fatalismus. Was schert mich meine Zukunft, Existenz, solange ich im Moment erfüllt tue, was mir als befriedigend erscheint?

Ich denke, dass viele entwickelte Zeitgenossen nur Teil ihres Systems sind, ihr Ego ohne das Produkt ihrer Firma wegbrechen würde. Ich glaube, dass eigene Bilder mir selbst ein Baumstamm sind, der fester verwurzelt ist, als eine Karriere. Der fremdbestimmte Mensch, der selbstbestimmte Mensch oder das Wesen einer kanalisierenden Natur, was sind wir? Führungspersönlichkeiten denken freier, haben mehr Gestaltungsspielraum? Welterklärer behaupten, dass Millionäre unglücklich sind!

# Drei Beispiele: Jesus, das Gleichnis vom Säman, Tageshoroskop und Feldenkrais: Wo ist oben?

Das Gleichnis vom Sämann lehrt, dass auch Gott nachlässig ist. Nicht jeder startet gut platziert und genetisch perfekt ausgestattet ins Leben. Die Feindseligkeit der natürlichen Umgebung: Schon Jesus gibt zu, dass es mit der Gerechtigkeit so eine Sache ist.

Mein (gestriges) Tageshoroskop: „Nach einer stürmischen Zeit verziehen sich die Gewitterwolken nun langsam. Sie können aufatmen und wieder klar sehen. Das ist die Chance für einen Neuanfang.“ Eine andere Tageszeitung (von ebenfalls gestern) wenig positiv: „Sie fühlen sich heute mit ihren Wünschen immer wieder ein bisschen alleingelassen. Öffnen Sie sich mehr für andere, dann kommt man Ihnen, vor allem über Mittag, auch entgegen!“

Morgens habe ich darüber nachgedacht, was besonders die Voraussagung der erstgelesenen Zeitung bedeuten würde, und mir intensiv gewünscht, es würde genauso passieren. Tatsächlich erfüllte sich darin aber das zweite Horoskop: „Sie fühlen sich heute mit Ihren Wünschen alleingelassen“ – die Hoffnung, meine Nöte würden sich zum Besseren wenden, wurde enttäuscht. Meine Befürchtungen hielten dem ersten Horoskop beharrlich stand. Wenn Gewitterwolken abzogen, dann unbemerkt. Vielleicht konnte ich das nicht sehen, weil andere für mich taten, was ich mir wünsche, und später werde ich vom Glück beschenkt, im Sommer oder so? Niemand kam mir (besonders über Mittag) entgegen; vielleicht war ich nicht offen genug, die Chance für einen Neuanfang? Das hätte nur Sinn gemacht, wenn ich den Abzug der Gewitter bewusst erlebt hätte, er also sichtbar stattgefunden hätte. Dann hätte ich aktiv mein Segel wieder gesetzt, ausgerefft oder die Anker gelichtet, wäre in eine neue Richtung losgesegelt. Fehlanzeige.

Wenn ich die Horoskope nicht gelesen hätte, weil das unlogischer Blödsinn ist? Dann wäre mir die tiefempfundene Begegnung mit meinen Wünschen und Befürchtungen hier nicht gelungen. Aus dem Allgemeinen fantasierte ich, was es mir bedeutete, wenn eine stürmische Schlechtwetterzeit ihr Ende fände!

Jeremey Krauss ist Feldenkrais-Lehrer. Das ist so eine Art Turnen und Nachspüren, was es mit uns macht. Wie im Yoga oder autogenes Training. Krauss schlägt ein Gedanken-Experiment vor: Man solle die Hände und Arme „nach oben“ ausstrecken. Dann lege man sich auf den Boden, und zwar auf den Rücken. Nun strecke man erneut die Arme nach oben. Da gibt es zwei Möglichkeiten, das zu tun. Die einen strecken die Hände zur Zimmerdecke, andere werden die Arme über den Kopf in der Verlängerung ihres Körpers auf dem Teppich ablegen. Immerhin um neunzig Grad verschieden, kann die Anweisung „nach oben“, die doch zunächst recht eindeutig scheint, korrekt interpretiert werden. Da gibt es welche, die streiten, es gäbe nur eine richtige Lösung. Krauss sagt dazu: „Der Hintern ist immer hinten.“ Sämann, Horoskope und wo oben ist – wir denken nach, ob wir uns an der Welt ausrichten oder an uns selbst.

Medikamente für psychisch Kranke: Das ist etwa so, wie wenn wir uns eine Art Sack überziehen, um nicht zu merken. Wir stecken den Kopf in den Sand, bis die Gewitterwolken unserer Ängste fort sind. Wir lesen quasi das Horoskop gar nicht erst. Oder durch eine unscharfe Brille. Selbstbestimmung wird in diesem Fall notfallmäßig zurückgewonnen, indem der Arzt uns unsere Umgebung einnebelt und wir mit Volldampf weiterschippern können, weil dieser Nebel ein Gewitter verbirgt (das es eventuell gar nicht gibt).

Jesus: man bete drum, dass die schlechte Ausgangslage in Dürre oder Matsch uns benachteiligtem Samenkorn nichts anhabe, uns gottbefohlene Wege die Richtung zum fruchtbaren Boden und die Gegend mit den anderen Körnern, finden lässt. In diesem Fall heißt es nicht, dass wir uns ein Gewitter einbilden, sondern dass die Lage wirklich beschissen ist. Aber in beiden Fällen geht die Hilfe auf diese Art vor sich: „Vertraue darauf, dass du den Weg zur Besserung findest.“ Ein schwieriger Weg. Auch: Kein Leben ohne Weg. Es ist da ein Boden, auf dem wir gehen. Es heißt auch, dass andere um uns herum sind. Wir sind nicht im Nichts.

Jesus entwirft den grundsätzlichen Rahmen. Weiter als im alten Testament, das mit zehn Geboten, Marsch ins gelobte Land, dem harten „wie du mir, so ich dir“, Grundregeln funktionierender Systeme und das Begreifen einer großen (nicht vollends zu verstehenden) Natur beschreibt, wird der Mensch vom Messias aufgefordert, nach einer Kränkung nicht zurückzuschlagen. Das ist nicht ganz einfach umzusetzen.

Der Mensch ist sein eigenes Problem. Jesus schlägt vor, nicht zu verzagen und einzusehen, dass nicht alle gleich gut ausgestattet und bestplatziert in die Welt kommen. Wir mögen Gott drum bitten, gute Wege aufzuzeigen, innere Stärke für schwieriges Gelände zu entwickeln. Die beiden Pole: Individuelle Kraft zu Selbsthilfe und Persönlichkeit auf einer Seite und Bemühungen, die Umgebung geschmeidig zu gestalten, auf der anderen.

Das dritte Beispiel: Wir sind in einem Raum. Worauf beziehen wir uns? Auf uns, unseren Körper – oder beziehen wir uns auf den Raum, die Umgebung. Wo ist oben? Ist „oben“ über meinem Kopf? Oder ist oben dort, wo die Zimmerdecke ist? Und was ist, wenn ich mich hinlege und die Zimmerdecke dort zu sehen ist, wo ich sonst den Horizont sehe?

Darf man noch angestellt in einer Firma arbeiten oder geht Leben nur als Chef? Ich kam nicht klar damit, anderen zu malen oder zu illustrieren, wie sie es wollten, warum nur? Was können Haarspaltereien wo oben ist nützen? Ich habe darüber nachgedacht: Wer nicht fühlt, ob es hinten juckt oder unten, weiß vielleicht auch nichts mit sich anzufangen, wenn seine Gesundheit von was betroffen ist. Wo tut es weh? Das könnte aus der Sicht vom Doktor ganz woanders sein!

Im Zimmer auf dem Rücken liegen, nachspüren, wie sich’s anfühlt, wo sich was bewegt: oben oder hinten, was bringt denn das? Was hat das mit Kreativität zu tun? Ich schweife gar nicht ab, von meiner Malerei! Hintergründig im Sinne des Wortes wird das Experiment, wenn wir weiter denken: linke oder rechte Seite, vorn und hinten, wo ist das? An Bord: Backbord bleibt die linke Schiffsseite auch dann, wenn wir achteraus gehen.

Wo ist hinten, wenn ich auf dem Rücken liege und meine Arme zur Zimmerdecke strecke, im Bewusstsein, das sei oben? Schließlich doch logisch, jeder Baum reckt sich nach oben, weg vom Boden, gegen die Schwerkraft, hoch in den Himmel. Ich liege rum, und wo ist hinten? Hinten in der Nische, wo der Raum nicht gut ausgeleuchtet ist, wo das Sofa steht, ganz da hinten (ein großes Zimmer), jedenfalls nicht dort, wo die Tür ist und ich den Raum vorn betreten habe?

Ein Denkspiel, noch besser mit einem Freund: Er steht bei meinen Füßen, ragt hoch auf, sagt: „Hinter dir ist das Sofa.“ „Nein – ja“, sage ich, weil ich an meinen Rücken denke, auf dem ich liege (unter mir ist ja der Teppich – und doch denken möchte, dass mein Hintern, wie der Name ja schon sagt, hinten ist und hinten bleibt). Das Sofa wäre wohl über meinem Kopf?

Was kann man lernen: Jeder hat seine eigenen Ansichten. Habe ich einen Chef, und der sagt: „Da hinten, Bassiner … da“, so ist das zunächst einmal die Perspektive meines Arbeitgebers. Wenn ich das gut realisieren kann, fällt es mir nicht schwer, innerhalb eines Teams ein starkes Mitglied zu sein – und das konnte ich nicht. Bis heute ist der Motor meiner Kunst soziale Unfähigkeit! Im dünnhäutigen über den narzistischen bis hin zum autistischen Menschen, sind „Künstler“ in der Gesellschaft beschrieben. Normales Mitlaufen gelingt uns nicht. Wir kommen noch dahin zu begreifen, dass Kunst Selbsthilfe ist.

Ob ich zwanghaft auch schlechte Wege wählte, weil ich aktiv zu gestaltender Zukunft scheute oder ob ich gar nicht anders konnte (determiniert durch meine Vergangenheit), und demzufolge passierte, was mein Weg wurde? Ich bin Skeptiker was mein Verdienst und auf der anderen Seite meine Schuld ist. Ich schaue anders auf umjubelte Stars, Obdachlose und Straftäter. Ich lernte mich zu wehren. Als ich jung war, betäubte der Wunsch, anderen zu gefallen, um sie im vorausschauenden Gehorsam gütig zu stimmen, das peinliche Gefühl von Kränkung, wenn mir jemand klarmachen konnte, stärker zu sein.

Wenn ich nett in den Wald hineinrufe und es wie versprochen freundlich zurück schallt, werden dort immer noch Leute sein, die mir aus meiner Vergangenheit einen Strick drehen. Auch wenn ich in Frieden mit allen meinen Fehlern lebe: Den ganzen Wald kann ich nicht ändern.

Gut zu malen, ist nicht leicht. Es kann harte widerspenstige Arbeit mit allerlei Tücken sein. Ich bin durchaus nicht immer entspannt, froh allein im Atelier zu wüten, wenn ich nicht klar komme, mit Farbe und Form und meiner Motivation. Aber: Eine eigene Welt schaffen, wie das Paradies verlorener Kinderzeit, Stunden, in denen wir träumten: Das kann ein Bild sein!

Ich male so wie ich es eben tue, aus dem für mich so wesentlichen Grund: Auf einem Bild bestimme ich ganz allein, was passiert. Alles, was auf spätere Anerkennung durch Fremde zielt, ob das Bild ausgestellt und zu einem guten Preis angeboten und tatsächlich verkauft wird, soll zunächst zurückstehen. An erster Stelle steht die eigene Qualitätsprüfung: Ist dieses Bild ganz genau so gemalt, wie ich den thematischen Rahmen und die gemalte Form möchte, um es für mich selbst als gelungen anzusehen? Nachdem ich geschickt geworden bin, genieße ich es, ein Arbeitsfeld gefunden zu haben das meiner Kontrolle untersteht. Keine Kollegen, kein Kunde, keine imaginäre Stimmen fremder Kritiker, wie früher zu Beginn meiner Arbeit, als ich wenig frei bei allem was ich tat, die Lehrer aus Schule und Studium im Geist hinterfragte. Gespenster der Fantasie oder reale Auftraggeber, die mir dreinredeten oder Termindruck machten! Ich bin kritisch, ich bin selbstkritisch, ich bin Perfektionist, und das ist hart genug.

Und wenn ich etwas geschafft habe, kommt meine Frau ins Atelier, bringt mir einen Kaffee, stellt ihn boshaft nah an das Wasserglas, wo ich meine Pinsel eintauche, schaut auf das Bild und sagt vielleicht: „Die Hand da ist zu groß oder ich kann das da nicht erkennen.“ Eine letzte Instanz ausserhalb gibt es immer. Aber im Atelier auf der Staffelei ist das Bild ja noch nicht fertig. Ich konnte mir eine Arbeitsumgebung schaffen, bei der Arbeit und Broterwerb aufgeteilt sind. Meine Kunst ist weniger zu malen, als das wirtschaftliche und soziale Überleben grundsätzlich (und dabei noch malen zu können). Gut möglich, dass es ein Hobby ist. Nennt es so. Ich lade mir kein Spiel runter. Ich kaufe mir keinen Modellbausatz, den ich nach Plan zusammen klebe. Mein Kopf selbst ist mein Spielzeug, ich erfinde das Spiel.

Meine Farben, in welchem Format – wie schräg, wie hell, wie dunkel, und was für eine Geschichte ich malend erzähle, bestimme ich allein. Ich muss die Motivation für das Thema und das Durchhalten fertigzumalen allein schaffen. Mein Ansatz ist anders, entspringt meiner Erfahrung: Ich möchte persönliche Bilder. Ich thematisiere nicht allgemein. Ich schöpfe Motive aus eigenem Erleben, meinen Gefühlen und nicht aus dem, was kollektiv Medien beherrscht.

Was kann ich geben? Ich war sozial ausgerichtet, bin erst heute schockiert, nach persönlicher Erfahrung. Lüge und plakativer Beschiss der Bürgermeisterin haben mich verändert. Eine Insel frei von Beziehungen und ihren Verletzungen habe ich mit meiner Kunst gesucht und gefunden – und möchte doch andere mit meinen Bildern erreichen. Bin ich verkehrt aufgestellt in dieser Welt schöner Brandungs- und Blumenszenen und Hafenbildern einerseits und inhaltsschweren Rostplatten, metergroßem Farbgeschredder andererseits, dass hier kein Platz bleibt für meine Malerei?

Ich habe kein Smartphone. Wenn ich mit dem Bus fahre, schaue ich aus dem Fenster, schaue mir die Sozialen an, mit ihrer digitalen Suchtstörung. Schade: Die jungen Menschen sind schöner denn je. Aber sie sind nicht bei dem, was sie grade tun. Sie fahren nicht mit mir Bus, sie sind im Netz ihrer Freunde unterwegs: „Ich bin in Iserbrook“, schreiben sie gerade. Stimmt das eigentlich?

Ich fühle mich nicht isoliert. Ich kann freundlich und hilfsbereit sein. Ich genieße das Zusammensein mit anderen, aber: Ich konnte eine Grenze um mein innerstes Fühlen herum aufbauen. Ich sehe die Welt mit meinen Augen heute besser, schaue genau hin, merke mehr. Das habe ich gelernt.

Das kann ich wiedergeben.

Schenefeld, im Februar 2019