Früher habe ich gern gelesen. Ich bin oft im Kino gewesen. Das fing wohl mit „Homo Faber“ an, von Max Frisch. Wir lasen es gemeinsam in der Schule, mussten das Buch analysieren und Referate halten. Thorsten und ich bekamen die Aufgabe, den im Buch thematisierten Ödipus-Komplex ausfindig zu machen und darüber zu sprechen. Wir wussten gar nicht, was das ist. Es gab kein Internet damals, und es dauerte ein wenig, bis wir unser Thema skizzieren konnten. Die anderen in der Klasse erhielten paarweise zugeteilt andere Aufgaben, den Roman betreffend, und nach einiger Zeit ging es schließlich los mit den Referaten. Anschließend begann ich mich für Literatur zu interessieren und las bis in die Mitte meines Lebens hinein unzählige Romane und Sachbücher, gab es dann auf.

Mir genügt mein eigenes Leben und sein schon erkennbares Ende.

Es ist anders gewesen. Ich probierte zu verstehen und war fasziniert von allen Geschichten. Ich sah als Jugendlicher „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit Bronson im Kino, einige Male sogar, bis die Handlung verständlich wurde, die vielen Details. Eine ganz wunderbare musikalische Inszenierung ist Teil dieses großartigen Films. Es ergreift und berührt den Zuschauer unweigerlich, nimmt mit, wenn die Kamera über das Bahnhofsgebäude nach oben schwebt und das wunderbare Thema wie eine Welle anhebt, uns in die staubige Westernstadt geradezu hinein spült. Die düsteren Klagen der Mundharmonika und das wiederkehrende, einfache Motiv der klopfenden, wie Hufe eines Pferdes im Takt angeschlagenen Töne, kann ich noch heute jederzeit abrufen. Natürlich schaute ich mir Robert de Niro als „Noodles“ im bald folgenden Monumentaldrama an, probierte, alles zu begreifen. Ich sah viele Filme und gehe heute nie mehr ins Kino; Ausnahme: „Star Wars“ (mussten wir sehen, unbedingt).

Meine Bilder, die Malerei; ich glaube schon, dass Erzählungen und selbst zu erzählen mich fasziniert. Darum habe ich auch so vieles gelesen? Mit Karl May ging das los. Winnetou, der Anfang beim Büchsenmacher Henry, die ersten Seiten hatte mir meine Mutter noch vorgelesen. Dann meinte sie, wie es weiterginge sollte ich selbst herausfinden. Nach Max Frisch ab den Achtziger Jahren fand ich immer neue und anerkannte Autoren und besonders erinnere ich, wie es mit John Irving losging. Ein kleiner Buchladen irgendwo in Hamburg, ich weiß gar nicht mehr, wo das gewesen ist und warum ich dort so viel Zeit vertrödelte. Es war außer mir nur ein weiterer Mensch, ein fast zierlicher und muskelloser, dünner Mann in schwarzer Kleidung, der Besitzer womöglich, vor Ort, keine anderen Kunden, und dieser beschäftigte sich am Schreibtisch eines Hinterraumes oder im Bereich der Ladenkasse. Das Ambiente entsprach einer privaten Altbauwohnung im Erdgeschoss. Der Laden, schon von der Lage irgendwie versteckt, winkelte sich drinnen weiter; weiße Wände, hohe Räume und dicke, hölzerne Türfüllungen an den Durchbrüchen, in mehrere, mit Büchern geradezu gefüllte Räume. So, als wäre man bei einem Bibliophilen zu Hause. Ich fing an, in einem Roman zu lesen, während ich vor einem der Regale stand. Ein weißes Taschenbuch, nicht eben dünn, mit kleiner Schrift. „Lasst die Bären los!“, was konnte das bedeuten? Der Autor war mir unbekannt. Das Buch wurde auf der Rückseite als „Erstling“ vorgestellt. Ich ließ mich schon im Laden ein wenig drauf ein, begann den Anfang interessiert zu lesen. Das mit dem Salzstreuer, den der neue Freund vom Erzähler mitgehen lässt? So steht das dort gleich vornan, glaube ich.

Der Verkäufer schaute mich prüfend an, während ich meinte, es gefalle mir, darin zu lesen und deswegen möchte ich das Buch. Ich bezahlte also und war dann noch mit der Hochbahn unterwegs. Ich las gleich weiter, weil es so glaubwürdig daherkam, wie alles beschrieben wurde. Später kam ich ins Stocken mit dem dicken Ding. Es wurde ein Roman, den ich nicht in wenigen Tagen schaffen konnte. Es nervte, wenn es dem Erzähler wieder einmal eingefallen war abzuschweifen. Viele Male stellte ich diesen ersten Irving weg, nahm „Lasst die Bären los!“ aber bald immer wieder neu auf, zur Hand, las weiter – weil ich doch magisch eingefangen davon war.

Wie das wohl zu Ende gehen würde?

Dieser „John“, ein Namensvetter, wurde eine Zeitlang zum Lieblingsautoren von mir. Dabei habe ich gar nicht alles gelesen. „Zirkuskind“ fing ich mehrfach an und brachte es nie zu Ende. „Die vierte Hand“ gab es mal zu Weihnachten. Dieses Buch ist direkt in unser kleines Eckregal im Wohnzimmer eingezogen und steht dort ungelesen. Auch schwierig: Den „Wassertrinker“ brach ich einige Male ab. Für diesen vergleichsweise schmalen Band benötigte ich, das blöde Buch ganz zu lesen, vermutlich mehr als ein ganzes Jahr (oder mehrere), weil ich immer wieder von vorn anfing damit, wenn ich entnervt aufgegeben hatte. „Piggy Sneed“, da konnte man herausfinden, dass eine alte Ausgabe 1984 den Namen mit „Schweini“ eingedeutscht hatte, während es später (1995) original belassen war. Wir können englisch. Schnelle Bücher von Irving? „Das Hotel New Hampshire“ legt man nicht weg. „Garp“ konnte ich sofort durchlesen. Das mit Homer und Larch genauso: Mache dich nützlich. „Owen Meany“ las ich an zwei Tagen komplett oder sogar an nur einem Tag? Es ist dick dafür.

Das Konsequente an diesem Buch ist der für Owen feststehende Schluss.

Demgegenüber stehen die Zweifel des Erzählers, nicht nur an seinem Glauben, auch insgesamt staunt der uns diese Geschichte präsentierende die ganze Zeit. Er grübelt und hinterfragt das eigene Leben und gibt seine Unsicherheiten preis.

853 Seiten, die letzte davon unbeziffert.

Vor kurzem telefonierte ich mit einem Freund. Ein gelegentlicher Mitsegler auf meinem Boot und langjähriger Begleiter – seit der Jugend sind wir befreundet, seine Eltern hatten wie meine ein Geschäft in Wedel – hat sich ein Motorrad gekauft. Den Führerschein machte Henning erst kürzlich, und mein Freund dürfte etwa so alt sein, wie ich selbst. Ganz schön spät, sich noch aufs Rad zu trauen und nicht unbedingt klug, finde ich. Er läuft schon mal untrainiert einen Marathon mit, um dann anschließend Blessuren zu beklagen, die das am Körper anrichtet. Ich habe ihm (am Telefon) einige kurze Passagen aus „Lasst die Bären los!“ zum Besten gegeben, aus der Erinnerung. Das konnte ich, obschon ich diesen Roman mit zwanzig Jahren las und dann nie wieder anfasste. Motorrad zu fahren ist für mich ausschließlich Theorie. Nur ein einziges Mal, als Schulfreund Jens sein „Kleinkraftrad“ ganz neu hatte, nahm dieser mich hinten drauf mit.

Ich kam nie auf die Idee, selbst eins besitzen zu wollen, den entsprechenden Führerschein zu machen. Prägend war auch, einmal einen Unfall als Augenzeuge miterlebt zu haben. Ein Paar auf starker Maschine donnert vorbei, ein junger Mann mit Freundin, zum Überfluss noch in Jeans unterwegs; das soll man ja nicht. Dieser erschreckend nicht blinde Fleck in meiner Erinnerung: Es ist schon vierzig Jahre her. Sie fliegen durch die Luft, das Motorrad hat sich in ein Auto verbissen, dann liegen die beiden auf dem Asphalt. Alles vermischt sich. In meinem Kopf, das ist alles nur in meinem Kopf, und bei den anderen ist anderes drin. Auch diese Geschichten. Irgendwie geistert der Irving noch rum im Hirn. Mal scharf, dann wieder verschwommen, aber final endgelagert bleibt die Erinnerung an lange Passagen aus der Familiengeschichte vom Freund, der Salzstreuer klaut und Tiere befreien will. Und dann Owen Meany; das Leben auf’s unweigerliche Ende hin zu leben und keine Zweifel zu kennen, wie fühlt sich das an?

Als ich noch mit Alexandra befreundet war, schrieb ich Rundmails an „Kunstfreunde“, wenn es galt, zu einer Ausstellung einzuladen. Manchem schickte ich gelegentlich ausufernde Gedanken. Das passiert mir heute kaum noch, eine lange Mail zu versenden. Andere Menschen sind mir komplett egal, wie meine eigene Existenz, die ohnehin bedeutungslos ist. Ich vertreibe mir die Zeit, bis ich endlich gehen kann. Alex’ Freunde haben mich andere Wege gelehrt zu erzählen. Das hier drängt sich nicht auf, muss niemand lesen, wird nie kommentiert, von anderen reflektiert. Niemand dürfte dabeisein. Mein eigener Kosmos, mit einer Tür in den Äther der anderen. Dagegen Ungeimpfte: Vorsicht, kreative Aerosole!

# Vor kurzem war Volkstrauertag

Ich habe von oben aus dem Atelier zugesehen wie etwa Gerd, Kalle, Christiane und Rinja ins „Lindos“ gingen. Da bin ich froh, nicht mehr dazuzugehören. Mit dem Staat, gleich welcher Art, kann ich „der Künstler“ wie sie’s mir spottend nachrufen, nicht befreundet sein. Das lernte ich. Erinnerung beflügelt: Opa bekam Schwierigkeiten, weil er nicht in „die Partei“ eintrat. Es gab ja nur eine, und bald gehörte es dazu. Jeder wurde automatisch damit konfrontiert: „Du büst nich’ inpedd, Heinz?“ So kam man beruflich nicht voran. Der andere Großvater saß im Lager ein, weil er ein loses Mundwerk hatte und das einigen nicht gefiel. Für mich nicht mehr als Anekdoten der Kindheit. Konsequenzen: Ich ignoriere jede Kunst anderer, gehe in keine Ausstellungen, lese kein Buch, schaue keinen Film. Es tut weh, dran zu denken, dass ich mich für manches begeistern konnte. Ich darf nicht daran denken. Es macht zornig auf die Politik, die Polizei, die Ärzte und die von ihnen Instrumentalisierten – samt und sonders Arschlöcher. Das ist meine Meinung, und sie ist als solche noch erlaubt.

# Der Rechtsstaat, daran glaube ich (und seine Grenzen)

Jetzt kommt Totensonntag. Bald ist Weihnachten. Nicht nur dann denke ich zurück, wie’s war mit meiner Kunstfreundin, die immer nur Liebes sagte, bis sie ermahnt, angewiesen und kontrolliert abgezogen wurde, vom mutmaßlich gefährlichen Mann? Ich bin kein Heiliger, es gibt keinen Johnstag. Der Rumms, ein Schlusspunkt im Leben, das Ende einer Geschichte; was bedeutet das? Ein Meteor sei, zunächst unbemerkt, in die Arktis, in das eisige Wasser gestürzt und hätte die Kraft einiger Atombomben entwickelt, damals genau an diesem finsteren Dezembertag. So steht es im Netz. Da ist wohl Energie übergesprungen: „Den hätte ich auch verkloppt“, meint eine alte Schenefelderin dazu, zu mir, und das tut gut. Diese Grenze habe ich gezogen und Gnade erfahren. Das Ende sollte uns bewusst sein. Beamte und Politiker sind ersetzbar, reine Automaten. Nicht selten missbrauchen sie ihre Macht.

Die Zeit zum Feiern und Buße tun. Vor kurzem hatten wir den Martinstag. Ein Freund heißt wie der. Er ist geduldig und freundlich zu meinen Texten, schreibt selbst. Er durfte diese Mail unten lesen, das passt ganz gut zum erwähnten Irving.

# Martin Luther, der vorne ja heißt wie du, wollte selbst gar keine neue Kirche. Wir hören: „Du magst keine anderen Götter haben neben mir“, und insofern bedeutet jede weitere Religion, dass sich Gott mit neuer Auslegung verändert. Die Kritik daran ist, ob sich der Mensch einen ihm gemäßen Gott selbst schaffen kann oder der eine sich entwickle, wir die Dinge anders verstehen, weil wir eine längere menschliche Geschichte kennen?

Warum gibt es keine Bibel zwei, der Klassiker hat keine Fortsetzung, warum?

Der Briefträger und Hausmeister (das könnte er sein, weiß ich ja nicht) vom Rathaus glaubt, er habe Krebs bekommen, als Strafe, weil er zwei weitere Beziehungen zu anderen Frauen aus Chorfreundschaften einging, während er doch verheiratet gewesen ist, behauptet er wenigstens mir gegenüber. Vielleicht ist er gar nicht in einer Kirche, das wäre möglich – und verfolgt anderes, mich zu bequatschen; aber als nächstes schimpft der Mann regelmäßig auf den Islam. Das finde ich nun wieder nicht nachvollziehbar, weil ich so glaube, dass da ein Rahmen für uns alle ist, inklusive Pflanzen, dem Getier und natürlich sämtlichen Menschen, auch denen aus anderen Religionen, weil es eben so ist, wir nicht weg können, an Grenzen stoßen – und nicht weil wir beschließen wie sich’s gehöre.

Wenn ich das bekannte Foto von Mohammed Atta anschaue, der ein Flugzeug in das WTC lenkte, weiß ich, dass ich diesen Blick nicht reproduzieren kann, obschon ich genauso Mensch bin. Und würde ein Film gedreht, fände sich schwerlich ein Schauspieler, der mal so eben auf diese Weise schauen könnte. Dem Mann war bewusst, wohin seine Reise gehen würde, das drückt dieser Blick aus, finde ich; wie etwa Sophie Scholl mehr als nur ahnt, dass sie in aller Kürze hingerichtet wird, unschwer zu spüren, auf dem bedrückenden Dreifachbildnis, das man leicht googeln kann. Für den Henker galt Sophie als tapfer, und der Mann mit dem Fallbeil machte seine Arbeit für das aktuelle Regime. Für Atta war das WTC und damit Amerika, unzählige Zivilisten anzugreifen eine Pflicht, nichts anderes ist es für Sophie gewesen, diese Flugblätter zu verteilen, welche die Gesellschaft aufrütteln sollten, Adolf Hitler zu stürzen. Wenn auch heute niemand bereit sein wird, diese beiden als auf dieselbe Weise motiviert zu sehen, so lässt sich kaum bestreiten, dass sie eine starke Motivation für ihr Handeln fanden und konsequent zu Ende, buchstäblich, ihren Weg gegangen sind. Als Maler und auf den Blick, Gesichtsausdruck anderer Spezialisierter, denke ich viel weniger darüber nach, Atta zu verachten und Sophie auf den Sockel der Geschichte zu stellen, damit selbst ein wenig besser wirken zu wollen als die Bösen, sondern weine mit denen, die bereit waren, selbst zu sterben für ihre Überzeugung. Ganz egal, wie das allgemein bewertet wird. Das bringt mir Unverständnis ein; und doch sind wir alle nur Menschen.

Dazu bin ich ganz fest davon überzeugt, dass negative und als „nieder“ besetzte Gefühle zu haben, wie Neid und schlimmere, zum Menschsein dazugehören. Gott kann mitnichten den Hass verbieten. Das musste er bereits mit der Sintflut und bei der Geschichte mit Sodom und Gomorrha einsehen, dass seine Schöpfung genügend Eigenleben entwickelt, welches er nicht dauerhaft bestrafen kann. Er gibt uns – selbst einsichtig, dauerhaft eine Beziehung mit dem sich ändernden Menschen zu haben – vielmehr die Möglichkeit, daran zu wachsen und schenkt Gnade.

Nicht selten ist es der einfache Mensch, dein Nachbar und Nächster, der dich dafür abstraft, wenn du auffällig bist, zornig, neidisch oder sonst wie negative Gefühle zeigst, und der schließlich doch selbst an eine Grenze stößt, die ihn überrascht.

Weil dein anonymer Widersacher annimmt, ein besserer Mensch als du selbst zu sein, heißt das ja noch nicht, dass es ihm leicht gelingt, dir eine Strafe aufzubrummen.

🙂

Der Martinstag, auch Sankt-Martins-Tag oder Martini genannt, ist ein christlicher Feiertag am 11. November. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche feiern diesen Tag.

Von meinem iPad gesendet

Re: Heute ist dein Tag

Am 11.11.2021 um 15:25 schrieb Martin (E-Mail).

So was niederes wie Neid hätte ich Dir nie zugetraut …

Habe ich das vor einem Jahr schon so geantwortet?

Vergesse das immer, bin ja Spalter und kein Kathole!

Füati,

Martin