Bevor ein großes Bild gemalt werden kann, müssen Kreative wissen, wo genau auf der Leinwand die Inhalte des Motivs dargestellt werden könnten. Dem geht eine Entwurfsphase voraus, und dann erarbeitet sich ein Maler für gewöhnlich diese Basis mit einer „Untermalung“. Das ist eine Konkretisierung der ersten Bleistiftlinien auf der Leinwand mit dünner Farbe, so etwa in der Form, wie es einmal werden soll. Ein Motiv zeichnet sich durch unterschiedliche Qualitäten aus, das Thema und die Mittel, dieses zu kommunizieren. Exakte Abbildungen unserer Umgebung sind keine Kunst mehr. Man muss nicht Maler sein. Die natürliche Wiedergabe der Realität, Farbe und Helldunkel, die Perspektive, das wird mit der überall verfügbaren Technik ganz leicht. Sogar zu filmen ist einfach.

# Alle sind Künstler

Der im Ganzen künstliche Mensch ist noch weitgehend Utopie, künstliche Intelligenz entwickelt sich bereits, künstliche Details bemerken wir überall. Sie bilden einen Großteil alltäglicher Gegenstände, animieren unser Tun und verändern das Denken, weil ihre Verfügbarkeit unsere Erwartungen beeinflusst. Wir tun ganz einfach Dinge, die einmal sehr mühselig gewesen sind. Aber was ein Künstler ist, und ob dafür eine besondere Fähigkeit nötig sei oder Talent, darüber streiten manche. „Alle sind Künstler“, meinen welche. Sich selbst und damit die eigene Natur genau zu erforschen, wäre nötig, finden die anderen. Natur und Künstliches sind miteinander verwoben wie nie zuvor.

Das Privileg, die Natur und das Drumherum festhalten zu können, ist längst keines mehr. Heute machen alle Bilder. Sie nutzen ihr Handy oder fotografieren mit einer guten Ausrüstung. Als ich Schüler war, bin ich durch manches Fotoprojekt unterrichtet worden, konnte Negative, Fotos in eigener Dunkelkammer entwickeln. Anfangs ausschließlich in schwarzweiß, erweiterte ich später die Ausrüstung noch und traute mich auch an farbige Abzüge ran. Dafür war es nötig, in völliger Dunkelheit zu arbeiten, und die Chemikalien mussten exakt temperiert sein. Wenn die Aufnahme belichtet war, steckte man das Fotopapier in eine spezielle Dose. Nachdem man den Deckel verschraubt und Entwickler hinein gegossen hatte, musste sie eine Zeit lang bewegt werden. Das kennt man ja auch beim Verarbeiten schwarzweißer Bilder. Die dort genutzten flachen Wannen hebt man (bei Rotlicht) immer ein wenig am Ende an und setzt sie wieder ab. Die Flüssigkeit soll gleichmäßig über das Fotopapier laufen, drüber gleiten und nicht nur darauf stehen. Ich kaufte mir eher zufällig einen gebrauchten Vergrößerer, der auch für farbiges Belichten konstruiert war. Anfangs dachte ich gar nicht daran, diese Funktion zu nutzen. Später kam das andere, für Farbabzüge noch benötigte Material dazu, es war dann gar nicht so schwierig. Die besondere Trommel für die Farbfotos, extra lichtdicht konstruiert, drehte sich in einer Halterung angekuppelt und angetrieben durch den kleinen Motor hin und her. Dabei durfte das Licht wieder eingeschaltet sein. Als Dunkelkammer war ein kleiner Raum im Keller meiner Eltern von uns ein wenig umgebaut worden.

Die benötigten Chemikalien mussten eine ganz bestimmte Temperatur haben und warteten vorgewärmt in kleinen Zylindern auf den Moment ihrer Anwendung. Dafür gab es eine größere Box aus rotem Plastik, so eine Wanne mit Wasserbad, die hatte einen Rand mit kreisförmigen Löchern. Dort fanden die Röhren ihren Platz und bekamen ihr handwarmes Fußbad. Ich hatte alles auf dem Flohmarkt gekauft. Das war am Yachthafen im Herbst gewesen, normal ist dort gebrauchtes Bootszubehör im Angebot. „Ob das Equipment auch funktioniere?“, fragte ich skeptisch den Verkäufer, weil ich mich ja mit der Farbe nicht auskannte. „Ich verkaufe doch keinen Schrott“, sagte der Mann. Das habe ich geglaubt. Ich nutzte ein Buch als Ratgeber, mir die Sache selbst beizubringen.

# Gutgläubigkeit ist oft …

… der Anfang, sich auf etwas Neues einzulassen. Es dauerte, bis ich die Methode herausfand, einen immer wiederkehrenden Fehler zu eliminieren. Das war ein kleiner, bläulicher Strich auf fast allen Abzügen etwa in der Mitte. Durch Zufall las ich irgendwo in einer Zeitschrift in einem Beitrag über Fotografie, dass einige die Dose mit der Hand auf dem Tisch hin und her rollerten. Das probierte ich, und dann trat das Problem nicht mehr auf. Ich nahm an, dass meine Maschine immer etwa drei Umdrehungen machte, dann die selbe Anzahl zurück – und weiter. Immer im selben Moment wechselte das Ding die Richtung. Meine Vermutung: Mit der Hand gedreht, schwappt der Entwickler genauso über das Papier wie gewünscht. Es bildet sich aber kein konzentrierter Sud in der Pfütze unten. Die Dose rollt dabei nie exakt an derselben Stelle zurück. Da fließt das Zeug, wie milde Brandung eines windstillen Tages den Strand leckt. Das hat gedauert, bis ich diese Lösung fand. Man muss Nerd sein dafür.

Ich kannte mich aus mit vielem und besitze bis heute eine OM-2. Sie war zu meiner Zeit damit zu fotografieren eine professionelle Spiegelreflexkamera und hochmodern. Gut wie eine Nikon, ist sie ein wenig kleiner und nicht schwer. Viele Ältere waren es gewohnt, einen Belichtungsmesser dabeizuhaben. Wenn meine Mutter ein Bild mit ihrer hochwertigen Sucherkamera machte, maß sie vorher das Licht mit diesem Ding in der Hand, steckte es wieder in die Tasche und stellte anschließend Schärfe und Verschlusszeit am Objektiv der Kamera ein.

Eine Spiegelreflexkamera war dagegen etwas ganz besonderes. Nachdem inflationär wenig geübte Menschen (als professionelle Fotografen) in Scharen damit zu knipsen begannen, wurden die handelsüblichen mit Mittelpunktmessung angeboten. Dazu kamen Ideen der Hersteller, die Schärfe schnell und direkt nach dem Geschauten im Sucher der Kamera fixieren zu können, anstelle der manuellen Vorauswahl im Ring vorn. „Drei Meter bis unendlich“, was heißt das? Wir lernten: Fotografieren bedeutet, Schärfe, Verschlusszeit und Blende – in Relation zur Entfernung des Motivs – und die Filmempfindlichkeit zu berücksichtigen. Bei meiner Kamera stellte ich diesen Wert ein, nachdem der Film eingelegt war. Damit verstand die moderne Automatik zu denken.

Die OM-1 war noch rein manuell, ohne Belichtungsautomatik gewesen, zu meiner Zeit bereits ein Klassiker. Olympus eroberte sich einen Markt dort, wo auf bestem Niveau innovativ gedacht wurde. Viele Profis nutzen diese Technik, und das war, bevor das Zoomobjektiv zum Standard wurde. Man rümpfte die Nase über nicht vergleichbare Qualität und steckte lieber um! Der Bajonettverschluss von Olympus ist perfekt. Hat man einmal die Bewegung, wie es vom Hersteller gelehrt wird, das alte Objektiv zu greifen und gegen ein neues zu tauschen erlernt, geht es schnell und sicher. Meine einst neuartige, hochgelobte und besonders raffinierte Kamera hat nun eine Belichtungsautomatik, die wahlweise im entsprechenden Modus, anstelle der manuell definierten Kombination aus Blende und Zeit, einen Scan maximal denkbarer Motive vor der Aufnahme durchlaufen lässt. Das ist ein blitzschnelles Rollo, bedruckt wie unsre aktuell bekannten Quadrate aus schwarzweißen Feldern, die nur das digitale Handy lesen kann, ein QR-Code. Das war damals das Beste an Automatik, was du kaufen konntest – und kostete nicht einmal so viel.

Für die Mitnahme auf meiner Jolle, ein kleines Boot, das schlimmstenfalls während einer Reise auf der Ostsee auch kentern könnte, baute ich mir eine wasserdichte Box. Ich nahm eine große Majonäsedose, so mit wulstigem Deckel in der Größe von einem Schuhkarton, aber quadratisch. Die war aus dem Großhandel für Lebensmittel, wie meine Eltern sie im Geschäft hatten. Vielleicht waren auch Gurken darin gewesen oder eingelegte Heringe, so genau weiß ich es nicht mehr. Dahinein kam die Kamera mit den Objektiven, die durch eine Anordnung von kleinen Sperrholzwänden ihren Platz fanden. Heute gäbe es diese Dinge fertig zu kaufen, damals möglicherweise genauso, aber früher gab es auch mehr Leute, die eigene Lösungen für manches fanden.

Ich fand es spannend, für mein astronomisches Fernrohr diverse Adapter und Stativkonstruktionen selbst zu erdenken. Ich konnte den Mond oder die Sonne bei kurzer Verschlusszeit direkt hindurch fotografieren oder die seitlich befestigte Kamera mit langer Belichtung nachführen, wenn mein kleiner Refraktor von Quelle (etwa einen Meter lang) parallaktisch ausgerichtet stand. Mit ruhiger Hand musste man das Rädchen am Ende der biegsamen Welle ganz langsam drehen, um die Bewegung der Erde auszugleichen. Damit sah ich die Monde des Jupiter, die Ringe des Saturn und die kleine Sichel des Abendsterns, der Venus. Ich zeichnete Mondkrater auf Papier nach dem, was ich im Okular erblickte. Ich fotografierte den Nordamerikanebel im Schwan. Ich suchte die Venus im Süden mittags am hellen Tag und fand sie. Ich probierte, den Merkur zu sehen, aber es gelang nicht. Ich fotografiere den Halleyschen Kometen. Meine Oma hatte ihn als Kind gesehen, behauptete, er wäre damals quer über den ganzen Himmel gegangen; sie machte eine ausholende Bewegung mit der Hand. Wir fanden es schwierig, das Ding im Dunst überhaupt zu lokalisieren. Erst auf dem Foto war ein Schweif wirklich zu erkennen, weil es etwas länger belichtet immer mehr zu sehen gibt als mit bloßem Auge. Lina ist einer der wenigen Menschen, die den bekannten Kometen zwei Mal im Leben sehen konnten und ist im selben Jahr verstorben.

Ich war nur ein fasziniertes Kind, begriff gar nichts vom Tod, obwohl ich schon das Studium an der Armgartstraße angefangen hatte. Zu fotografieren oder malen, mich zu interessieren, bedeutete, von Onkel und Tante, den Eltern und vom Lehrer gelobt zu werden. Meine Bilder waren kaum besonders, meine Versuche laienhaft, nur im Zeichnen bin ich wirklich gut gewesen. Sich Dinge selbst anzueignen, gefiel mir. Ich war darin neugieriger als manche, die lieber erwachsen wurden und endlich selbstständig sein wollten, frei von ihren Eltern. Im Unterschied zu den anderen, die sich in ihrer Altersgruppe sozialisierten, blieb ich im vertrauten Kosmos der Familie und einigen, mir ähnlichen Freunden. Wir begannen die Boote zu segeln, die unsere Eltern sich hatten neu bauen lassen, als diese Klasse modern gewesen ist.

# Meine Fotos?

Wir kannten kein Internet. Heute, wo es unendliches Zubehör gibt und Lifehack-Videos noch obendrein, interessiert es (vermutlich) wenige, wie ich meine Zeit verbrachte. Man löste seine Probleme allein, das war nicht ungewöhnlich. Ich jedenfalls teilte meine Erfahrungen nicht. Es war eine private Sache zu fotografieren, sich am Sternhimmel auszukennen, eigene Bilder zu entwickeln, sogar in Farbe – das hatte keine soziale Komponente. Da lockte mich nichts, es gab kein Netz; in keiner Weise kam ich auf die Idee, mich deswegen mit anderen auszutauschen. Dafür waren keine zwingenden Anreize gegeben, jedenfalls nicht wie jetzt mit Youtube und all dem. Ich verhielt mich ganz normal? Obwohl es natürlich schon immer Menschen gegeben hat, die ihre Hobbys in reger Gemeinschaft pflegten, na klar. Das ist für mich zu segeln. Das ganze andere habe ich nur so getan.

Ich sammelte Bilder in Kartons, andere klebte ich in Alben. Es kam vor, dass wir im Winter mit einigen Freunden irgendwo zusammen hockten, Fotos anschauten vom Segeln, wenn wir etwa mit mehreren Jollen in Dänemark Urlaub gemacht hatten. Auch meine Eltern sahen sich die Bilder an, aber insgesamt dürften es nur eine Handvoll Menschen gewesen sein, die meine Alben kannten. Als das digitale Zeitalter begann, verlor ich das Interesse an der Fotografie, aber nicht deswegen. Ich besitze kein Smartphone. Ich habe noch ein Seniorenhandy meiner verstorbenen Mutter, das ich gelegentlich nutze und eine kleine Pocketkamera mit einem Chip, den mein Rechner lesen kann. Das genügt mir heute. Wenn ich ein großes Acrylbild in Angriff nehme, ist der Arbeit mit Farbe auf der Leinwand eine längere Zeit des Entwerfens voraus gegangen. Dazu nutze ich eigene Fotos dieser kleinen Kamera und welche, die ich mit dem Pad mache; zahlreiche ergoogelte Ausschnitte aus dem Internet verwende ich zum komponieren meiner ungewöhnlichen Ideen.

Ich liebe Porno, bin fasziniert von den Mädchen, die ja irgendwo real existieren und Nachbarn haben. So alte Esel wie mich zum Beispiel. Wie mag es sein, von anderen erkannt zu werden, sich’s bloß vorzustellen, es könnte passieren? Im günstigen Fall könnten wir alle davon lernen, es nicht so wichtig zu nehmen mit der Scham. Unsere Welt ist transparent, aber manche glauben, wenn sie sich bildlich gesprochen eine Hand vor das Gesicht halten, könnten wir anderen sie nicht sehen? Wie Kinder sind die.

# So tun als ob, überzeugt doch heute niemanden mehr

Um eine Figur anatomisch korrekt, entsprechend meiner Idee hinzubekommen, benötige ich oft einzelne Gliedmaßen als Vorlage. Ich probiere auch vorab im Entwurf, den Gesichtsausdruck selbst zu manipulieren. Ich nutze verschiedene Details, verwende Nasen, Augen oder den Mund aus einem anderen Foto, kopiere Menschen, die ich mir suche. Das treibe ich, bis mir ein individuelles Bild gelingt, das es so nicht gibt. Die Elemente montiere ich in Photoshop. Je nachdem, ob es wichtig ist, jemanden Bestimmtes nachzumalen oder gerade nicht, weil ein Internetbild mir nicht gehört, passe ich meine Fotovorlage an.

# Persönlichkeitsrechte?

Heute wird der verhasste Nachbar gern polizeilich verfolgt und wegen Bagatellen angezeigt, genauso andere Autofahrer oder ein Fremder, der andere beleidigte. Auch in der Musik, wenn einige Takte beim Hit des anderen geklaut wurden, muss sich ein unliebsamer Konkurrent schon mal vor Gericht verantworten. Beim Illustrieren von Info-grafik, wenn es nötig war, nach anderswo abgebildeten Vorlagen zu arbeiten wie alle Zeichner es tun, sagten wir unter Kollegen und in der Herstellung im Verlag, der „Eigenanteil (unserer Arbeit) muss hoch sein“, damit niemand dem Grafiker ein Plagiat unterstellt. Erfolgreich unterstellen könnte, würde ich heute ergänzend sagen, und bei der Malerei werden keine Fotos montiert. Mein Eigenanteil der Herstellung auf der Leinwand ist vollumfänglich und komplett selbstgemacht. Neid und missgünstige Mitmenschen werden nicht erst seit Mozart und Salieri thematisiert als ein Problem in der Kunst. Auch im Alltag hat die Verklagbarkeit ihre Blüten in die Wiedergabe anderer gemalt. Die unscharf gemachten Gesichter der Menschen bei Aufnahmen aus einem Prozess sind nachvollziehbar, aber dass jemand online mit Bild gesucht wird und dasselbe vom Tag seiner Festnahme an nur noch verpixelt gezeigt wird, ist typisch für eine Gesellschaft, die sich immer selbst belügt.

# Mein Bild!

Dann wird gemalt. Den selbst Schaffenden befriedigt der Aufwand, eine Eisenbahnszene wie die aktuelle, korrekt mit Güterwagen, Puffer, Kupplung und dergleichen zu kreieren – richtig zumindest im Sinne einer überzeugenden, technischen Anmutung – und dass die Betrachter des Bildes dies für gewöhnlich nicht mitbekommen. Da man es heutzutage gewohnt ist, mal eben zu knipsen, schaut der Mensch nur noch auf das gemalte Thema und ekelt sich womöglich, weil sich nicht gehört, was ich male? Die kreative Leistung geht dabei unter, denn ich muss ja lang dran schaffen.

# Selfexecuties

Peng! Das ist einer der Gründe, hier ein überspringendes Blitzlicht in das Selfie der Mädchen knallen zu lassen und eine Art festgefrorenes Foto zu malen. Eine kurze Ewigkeit lang dauert die Szene auf meiner Bühne. Es hat seinen Reiz, absurde Realität zu gestalten. Porno? Die auf diese Weise nicht zu erzielende Anerkennung entlarvt meinen inneren Wunsch, sie zu bekommen und führt mir sofort ihre nichts bedeutende Leere vor Augen. Mir gefällt gerade, wie oberflächlich die Leute sind. Nun verordne ich mir, dass, würde ich ansprechende Sachen malen und ausstellen, das Lob der Menschen unehrlich wäre? Obwohl ich dann reichlich davon bekäme (und Geld).

# Christo packt’s noch …

Nach dem Tod berühmter. Kunst ist nur selten welche, darin besteht ja gerade das, was ich gar nicht mehr versuche, aber so genial ist. Die Masse der Kollegen ist doch wenig aufregend und manche blenden nur. Wir könnten zeigen, was hinter den Masken ist, der Fassade, das ist unsere Aufgabe. Auch selbst Theater zu spielen und erst recht die Maske aufsetzen, kann der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Einer drehte den Spieß noch ein weiteres Mal um. Die große Plane wird noch vor unsere gehängt, die wir bislang gar nicht als solche bemerkten. Der umgekehrte Einfall, geschichtsbeladenen Prunk von Staatsfassaden wegzupacken: Eine unglaubliche Kunstaktion passiert ja gerade in Paris! Posthum werden der Künstler und seine Liebste Jeanne Claude damit beglückt, das Lebenswerk mit dem verhüllten Arc de Triomphe abzurunden. Ich habe irgendwann gelernt, Christo zu mögen, ohne mich all zu sehr damit zu beschäftigen. Ich freue mich sehr über seinen späten Triumph. Wie viele Menschen konnte und musste der Großartige (wortwörtlich) davon überzeugen, diese Sachen täten not gemacht zu werden?

Ich sehe es schließlich ein: Jede diesbezügliche Einbildung, ich selbst sei von Natur aus irgendwie bedeutsam, ist verpufft. Mein intellektueller Horizont ist viel zu eng für Großes. Ist doch egal. Man ist nicht besonders, niemand ist besser; man muss sich den entsprechenden Platz auf einem Sockel hart erarbeiten. Mir fehlt aber auch alles, um in der Gesellschaft voranzukommen. Kein Geschick ist mir gegeben, den Zeitgeist wirklich zu treffen. Es mangelt mir am Fleiß, schnell und produktiv zu malen. Der Wille, Beziehungen zu nutzen und die Bereitschaft mich anzupassen, fehlt mir. Ich könnte nicht einmal einen kleinen Laden oder handwerklichen Betrieb mit Gewinn betreiben. Insofern habe ich mich gern entschieden, einzusehen, dass ich früher ein Eigenbrötler war, was Kunst betrifft und die späteren Jahre mit brotlosen Versuchen, meine Bilder in einer Szene zu etablieren, nachvollziehbare bis unausweichliche Fehlschläge gewesen sind, bezüglich echter Anerkennung und entsprechender Existenz. Das interessiert mich nicht mehr. Mein Erfolg ist nur das jeweilige Bild selbst, das mir gelingt. Farbe dort wo ich es will. Geld zu bekommen für ein Bild, bedeutet mir heute gar nichts. Die damit verbundene Anerkennung erscheint mir inzwischen eine zweifelhafte zu sein, für die es sich nicht unbedingt lohnt, mehr zu tun. Nun bleibt noch Spott, wenn es mich mal bekümmert – aber viele sind einfach so doof und ich finde, sie bescheißen sich die meiste Zeit selbst. Es geht ja auch anders. Ich bin zufrieden.

🙂